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Belletristik
Buch Leseprobe Muttertier im Sahnetorium, Astrid Hess
Astrid Hess

Muttertier im Sahnetorium


Der Kurschatten (2009)

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Ich möchte gerne noch eine Stunde nach draußen in den Schnee und habe schon meine Schuhe an, als das Telefon klingelt.
»Frau Jäger, wären sie bitte so nett, zur Information zu kommen? Ihr Mann ist hier!«
Was? Jetzt? Das passt mir aber überhaupt nicht! So früh schon? Typisch Franz. Kann denn der nicht einmal im Leben einen Plan einhalten? Na, wenn´s sein muss!
Ich hole Franz vom Empfangsschalter ab. Seine Begrüßung ist überschwänglich, was ich normalerweise nicht von ihm kenne. Und was ich von mir nicht kenne, ist, dass ich mich gar nicht so richtig freue. Dementsprechend ist auch mein Ton. Geschäftsmäßig-freundlich und kühl.
»Hallo Franz, hattest Du eine gute Fahrt? Du bist früh dran!« Franz steigt sofort drauf ein.
»Das war eine Fahrt, sag ich Dir. Eine scheiß Strecke ist das, so eine miese Autobahn! Und erst die Landstraße! Und dieses Kaff hier ist ja sowieso das Allerletzte! Ich wäre fast dran vorbei gefahren!« Klar, wenn der was zu meckern hat ist er glücklich. Warum hab ich das nicht schon früher bemerkt? Kurz vor der Hochzeit vielleicht? So ungefähr zwei Minuten vor meinem »JA« im Standesamt?
»Wo sind denn meine Kinder?« Er schaut sich suchend um und erwartet allen Ernstes ein für ihn abgestelltes Empfangskomitee. Womöglich noch mit Musik, oder was?
»Franz, wir haben dich erst später erwartet. Du sagtest etwas von zwei Uhr nachmittags.«
»Ich habe kurzfristig umdisponiert und bin gleich nach der letzten Besprechung losgefahren.«
Aha. Aber die Sehnsucht kann´s nicht gewesen sein. Sonst würde er mich vielleicht mal in den Arm nehmen. Aber er steht bloß da, die Hände in Hüften, grinst doof und fragt noch einmal, jetzt langsam und auch für Idioten verständlich:
»Wo sind denn nun meine Kinder?«
»Wo DEINE Kinder sind, weiß ich nicht. UNSERE Kinder sind beim Spielen.« Ich bin total pampig. Franz kennt das noch nicht von mir, er ist ziemlich erstaunt.
»Ist irgendwas mit dir?«
»Danke der Nachfrage, mein Lieber. Uns geht es gut.«
Manchen Menschen muss man auf die Sprünge helfen.
Mein Franz ist von jeher begriffsstutzig. Mir war immer schon schleierhaft, wie er wohl sein Abitur hingekriegt hat, bis sich Schwiegermutter Lore mal verplappert hat. Da kam dann raus, dass Franz nicht nur eine, sondern gleich zwei Ehrenrunden drehte und den Abschluss nur mit viel Investition in Nachhilfestunden und einem fast neunzigjährigen, freiberuflich tätigen Ex-Lehrer in der Prüfungskommission verdankt.
Jetzt schaut er mich ein bisschen blöd an.
»Ich weiß doch, dass es euch gut geht.« Und dann etwas ungeduldig: »Wo finde ich jetzt die Kinder?«
Unmöglich der Kerl, ehrlich. Hier ist Hopfen und Malz verloren. Ich denke es ist besser, wir beenden das Thema hier. Vorerst zumindest.
Michael freut sich, begrüßt seinen Papa überdreht fröhlich, hat aber leider nicht lange Zeit.
»Hallo Papa, bist du schon hier?«
»Klar, Sohnemann, ich wollte doch ...«
»Du Papa ich muss wieder rein. Sonst verpasse ich alles! Die warten auf mich. Bis später, Tschüühüüs.«
Michael war singe - er liebt Musik. Da kann es schon sein, dass der Papa erst in zweiter Reihe drankommt. Ich habe dafür vollstes Verständnis, der Papa hat damit aber ein Riesenproblem. Wenn ich ehrlich bin, habe ich auch gar nichts anderes erwartet.
»Was war das jetzt? Ich komme hierher, und mein Sohn will mich nicht sehen. Das ist ja wirklich die Höhe!« Fassungslos steht Franz da und sieht unserem Sohn nach, wie er im Zimmer verschwindet und die Türe zuknallt.
»Er ist eben beschäftigt. Komm Franz, ihr seht Euch doch nachher noch lange genug. Wie lange bleibst Du überhaupt?« Ablenken, immer schön ablenken!
»Was heißt hier, wir sehen uns noch lange genug? Ich bleibe nur zwei Tage, da hat man nicht viel Zeit um etwas zu unternehmen!« ZWEI TAGE? Was will Franz zwei Tage hier machen? In unserem kleinen Zimmer sitzen, die Kinder zum Stillsein erziehen und mich mit seinen Kümmerlein vollquatschen? Zu Hause zieht er sich wenigstens noch vor den Fernseher oder in sein Büro zurück. Wo will er sich hier verkriechen wenn ihm alles zuviel wird? Vielleicht in den Aufenthaltsraum. Ja, das wäre eine Möglichkeit. Da sitzen dann die gestressten Burn-Out-Patienten und schütten sich gegenseitig das Herz aus. Und Franz mittendrin. Womöglich wird er noch in ein Gespräch einbezogen oder gar um Rat gefragt:
»Seit ich hier bin habe ich eine Pilzinfektion in der Scheide. Das ist mordsunangenehm! Geht es deiner Frau auch so? Das ist doch bestimmt die Seife oder die machen das Klo nicht richtig sauber! Mein Mann kommt am Wochenende, der wird sich schön bedanken, wenn er mich nicht anfassen darf! Was macht denn deine Frau, damit das schnell wieder verheilt?«
Oder Variante zwei:
»Mann, ey, det is ja det letzte, nu is mein Zehennagel schon wieda eingewachsen. Ick muss mia det mal von ´nem richtigen Profi machen lassen. Die Männa haben det ja öfters. Kennst du ´nen guten Manikür-Futzi?« Gar nicht so weit hergeholt.
Bei der Vorstellung, Franz sitzt, in Anzug und Krawatte, inmitten einem Haufen übersteuerter Hartz-IV-Hausfrauen und wird in solche Gespräche verwickelt, überkommt mich ein Lachanfall. Ich will ihn unterdrücken, wirklich, aber es gelingt mir nicht. Ich schlucke das Lachen mühsam runter, ich schlucke und schlucke - mit dem Ergebnis dass mir das Wasser in die Augen steigt und gleich drauf in Bächen an meinen Wangen hinab läuft. Mich schüttelt es vor Lachen, aber Franz scheint da etwas falsch zu verstehen. Ganz leise, damit niemand auf uns aufmerksam wird – auf den Gängen dieser Klinik ist ja immer etwas los und irgendwer rennt da immer rum – faucht er mich mühsam beherrscht an:
»Jetzt hör doch auf zu heulen, was ist denn in dich gefahren? Was meinst Du, was die Leute denken? Die glauben doch, ich habe dir was getan!« Panisch schaut er in die Gegend, vielleicht ist ja noch etwas zu retten. In Wirklichkeit nimmt kein Mensch von uns Notiz. Hier laufen viel schlimmere Gestalten herum, da falle ich heulendes Muttchen echt nicht auf. Aber das kann Franz ja nicht wissen. Der Ärmste! Kaum hier und schon wird er mit dem furchtbaren Verhalten seiner schwer angeschlagenen Frau konfrontiert. Damit kann er nicht umgehen. Na gut, dann beherrsche ich mich mal...


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