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Belletristik
Buch Leseprobe Montagsmeeting, Kai Preißler
Kai Preißler

Montagsmeeting



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Pappkameraden


„Ja, ist die denn bescheuert?“, denke ich und starre auf einen kleinen handgeschriebenen Zettel, den ich gerade eben in meinem Briefkasten gefunden habe. Um zu begreifen, lese ich die Zeilen noch einmal:


Herr Krallmann,


da ihr Fahrrad trotz mehrfacher Ermahnung erneut im Hausflur neben den Briefkästen stand, habe ich mir erlaubt, selbiges den Entsorgungsbetrieben zu übergeben.


Gruß


E. Rieke


Mein Blick wandert nach rechts und tatsächlich steht dort nichts, das auch nur annähernd an mein altes Hollandrad erinnert.


„Rieke, du blöde Kuh“, murmele ich und stapfe entschlossen hinaus auf die Straße, doch auch dort findet sich nicht der Hauch einer Spur meines Rades.


Passanten auf dem Weg zur Arbeit trotten an mir vorbei. Einige mustern mich geringschätzig, andere schmunzeln und zwei Jugendliche mit Rucksäcken lachen sich schlapp. Schadenfreude kann offenbar so schön sein! Aber woher wissen die denn bitte, was passiert ist? Hat Frau Rieke ihren Brief etwa auch als Anzeige im Lokalteil der Zeitung geschaltet? Auf Facebook gepostet? Getwittert?


Ich zeige den beiden Jugendlichen einen Vogel und will die andere Hand möglichst lässig in meiner Hosentasche vergraben, nestle aber etwas unbeholfen dort herum, wo die Finger in der Öffentlichkeit nichts zu suchen haben und in diesem Fall auch gar keine Tasche ist. Ich blicke an mir herab, richte meinen Blick dann wieder auf und atme tief durch. Es sind nicht allein meine für einen Mann recht untypischen Hausschuhe im Bärentatzen-Look, die die Leute amüsieren, auch nicht meine vom Kopfkissen zerknautschte Frisur im Stil eines Rosettenmeerschweinchens. Es ist schlichtweg vor allem mein alter Pyjama, der für Erheiterung und Unverständnis sorgt – das Oberteil nach ungezählten Maschinenwäschen schlabberig und die Hose so aus der Form geraten und eingelaufen, dass sie den UFA-Filmschauspielerinnen der Zwanzigerjahre schon fast wieder stehen würde. Ich sehe aus wie eine vermännlichte Marlene Dietrich, die der Nervenheilanstalt entflohen ist.


Damit die hübsche Verkäuferin aus der Kamps Bäckerei schräg gegenüber nicht auch noch herüberschaut, drehe ich mich langsam um und gehe auf den Eingang des Mehrfamilienhauses zu, in dem ich seit einigen Wochen eine winzige Wohnung mit Blick auf einen Parkplatz gemietet habe. Ich habe die Tür fast erreicht, da öffnet sich diese einen Spalt und ein grauer Pudel an einer Leine tritt hinaus. Am Ende der Leine folgt ihm eine erschreckend rüstige Frau von gut und gerne achtzig Jahren. Ihre graue Krause, wie man die Dauerwelle hier im Ruhrgebiet nennt, ist Ton in Ton mit ihrer Garderobe und harmoniert prächtig mit der des Pudels. Elvira Rieke, meine Nachbarin, tritt hinaus und wirft einen fachkundigen Blick zum fast wolkenlosen Himmel. Sie entscheidet, ihren mitgeführten Knirps nicht aufzuspannen, womit in diesem Fall nicht der Pudel gemeint ist, und marschiert energisch los, nicht ohne mir einen ‚guten Start in den Tag‘ zu wünschen. Mein Gesicht bekommt einen wächsernen Ausdruck, so wie bei Auftragskillern im Film, unmittelbar bevor sie ihren Job erledigen.


Mit einem kurzen Nicken zieht sie an mir vorbei und ich blicke ihr fassungslos hinterher. Die Art, wie sich diese ehemalige Oberstudienrätin mit Altersstarrsinn im Endstadium triumphierend entfernt, macht mir Angst und vor meinem geistigen Auge entwickelt sich der Plan zum Gegenschlag. Im Hausflur ist nämlich heute ein Parkplatz freigeworden und ich sollte mal schauen, ob das nichts für meinen alten Polo wäre.


Im Moment freue ich mich jedoch auf ein wohlduftendes Wannenbad, um mich einzustimmen auf eine feucht-fröhliche Schicht im ,Wash & Go‘, wo ich diese Woche Dienst am Hochdruckreiniger habe und die in knapp zwei Stunden beginnt. Nein, ich arbeite nicht als Friseur, sondern ich jobbe in einer Waschstraße. Das ist zwar keine Tätigkeit, die man sich in den Lebenslauf schreiben würde, aber solange ich noch nicht Programmdirektor beim ZDF oder Werbetexter bei Mercedes-Benz bin, kommen so einige Hundert Euro im Monat zusammen, mit denen ich mir wenigstens die Miete für meine Wohnung unter Elvira Rieke und den Sprit für meinen Polo leisten kann. Grundsätzlich sind zwei Stunden natürlich eine Menge Zeit, um zur Arbeit zu gelangen, nicht jedoch, wenn man den
,Wash & Go‘-Overall am Vortag mit Himbeersirup versaut, über Nacht in der Waschmaschine vergessen hat und mit einem handelsüblichen Reiseföhn wird trockenblasen müssen. Da der Morgen bisher nicht besonders glücklich begann und gewiss noch das ein oder andere Pech dazukommen wird, habe ich gute Chancen, den Tag in klammen Klamotten verbringen zu müssen. Halbnasse Overalls kleben gerne am Körper und tragen in der Regel auch unschön auf. Das mag bei Brad Pitt ganz sexy sein, bei mir weckt es eher Mitleid.


Als ich meine kleine Wohnung betrete, höre ich meine eigene Stimme. Nein, ich bin nicht reif für die Klapse, obwohl ich für die schon das passende Outfit trage, sondern stolzer Besitzer eines automatischen Anrufbeantworters, auf dem ich soeben einen Anrufer begrüße.


„Hallo, hier ist der Anschluss von Thomas Krallmann. Ich bin gerade nicht da, aber hinterlasst mir doch einfach eine Nachricht.“


Dann erfolgt ein kurzes Piepsen und eine Frauenstimme, der es gelingt, durchgängig in einer Tonhöhe zu sprechen, räuspert sich.


„Guten Morgen Herr Krallmann, Pinella Dahlke von LIVE COMMUNICATION. Sie waren vor einigen Wochen zum Gespräch bei uns und wir würden uns über einen Rückruf freuen …“


Ein weiterer Piepston und mein Anrufbeantworter lässt mich mit ähnlich gleichgültiger Stimme wissen, dass der Speicher voll ist und die Restspeicherzeit noch null Minuten beträgt. Bingo!


Für einen Moment bin ich geneigt, meine durch Frau Rieke angestaute Wut an diesem verdammten Gerät auszulassen, besinne mich jedoch eines Besseren. Im heillosen Durcheinander meines Schreibtisches finde ich die Telefonnummer von Frau Dahlke. Auf ihrer Visitenkarte wird sie als ,Assistance Hospitality and Promotions‘ ausgewiesen, was beeindruckend klingt und auf eine bedeutende Tätigkeit in einer der kreativsten Eventagenturen des Landes hinweist. Bei LIVE COMMUNICATION hatte ich vor Wochen ein Vorstellungsgespräch und den Laden ehrlich gesagt schon fast vergessen. Nervös und etwas zu hastig wähle ich die Nummer. An irgendeiner Stelle muss ich gepatzt haben, denn statt der Dortmunder Agentur meldet sich die Duisburger Fettschmelze. Da ich mir gar nicht vorstellen mag, was das ist, lege ich kommentarlos auf und wähle erneut. Nach mehrmaligem Tuten habe ich auch tatsächlich die Frau am Apparat, deren Stimme so aufregend klingt wie eine Homöopathiebehandlung gegen Nagelpilz.


„Pinella Dahlke von LIVE COMMUNICATION?“, meldet sich Frau Dahlke beeindruckend emotionslos, jedoch mit fragendem Singsang in der letzten Silbe. Ich will spontan mit ‚ja‘ antworten, beschließe dann jedoch, mich einfach nur vorzustellen, da Frau Dahlke den Mördergag sicher nicht verstehen würde.


„Guten Tag Frau Dahlke, Thomas Krallmann hier – Sie baten um einen Rückruf.“


„Ach, das ging ja schnell. Ich hatte schon befürchtet, Sie seien bereits unterwegs.“ Den Satz hatte sie ohne die geringste Satzmelodie geschafft – stark!


„War ich im Prinzip auch schon. Bin aber noch mal kurz reingekommen“, lüge ich und mache mich so wichtig wie möglich.


„Wir wollten fragen, ob Sie noch Interesse an der Stelle haben. Bei uns haben sich kurzfristig ein paar neue Projekte ergeben und wir wollen das Team erweitern. Müsste aber schnell gehen.“


„Wow“, sage ich. „Dann habe ich Sie also tatsächlich überzeugt?“


„Ich habe hier eine Liste mit zwanzig Personen. Durch Zufall sind Sie der Erste. Wenn Sie sagen, Sie kommen, kann ich mir die weiteren Telefonate sparen, ansonsten wird’s halt der Nächste.“


Frau Dahlke ist ein richtiger Schatz mit ihrer wunderbaren Art, dass man sich gleich willkommen fühlt.


Ich überlege einen Moment, der für Frau Dahlke offenbar zu lang ist, denn sie bellt in den Hörer: „Hallo, hör’n Sie? Sind Sie noch da?“


„Ja, sicher. Ab wann brauchen Sie mich denn?“


„Na, sofort!“, antwortet sie, was aber eher wie eine empörte Frage klingt.


„Heute schon?“, frage ich offenbar einen Tick zu ungläubig.


„Dann müssen wir uns jetzt nach einer Alternative umschauen. Wir haben hier wirklich ’ne Menge zu tun.“


Das ist zwar keine Antwort auf meine Frage, sagt aber dennoch alles über Pinella Dahlke aus. Ihr Tonfall, den in dieser Form fast nur Frauen drauf haben, klingt unangenehm genervt.


„Sagen Sie mir einfach, wann ich da sein soll“, beruhige ich sie.


Die Antwort, die ich erhalte, könnte blöder nicht sein: „Vor ’ner halben Stunde.“


Wie ätzend ist DAS denn? Auf die Art von Terror stehe ich ja nun gar nicht. Wahrscheinlich wird man bei denen auch mit ‚Mahlzeit‘ begrüßt, wenn man fünf Minuten zu spät im Büro erscheint. Wochenlang melden die sich gar nicht und dann machen die den totalen Alarm.


Ich atme tief durch und sage: „Lassen Sie mich schnell ein paar Dinge erledigen und ich komme so bald ich kann. Wäre neun Uhr denn noch okay?“


„Prima, dann bereiten wir schon mal alles vor für den Arbeitsvertrag. Um zehn ist dann unser Montagsmeeting. Da lernen Sie alle kennen.“


,Geht doch‘, denke ich, ,das klingt doch schon viel netter.‘


Nach dem Telefonat sinke ich in meinen professionellen Regieklappstuhl aus dem Video-Planet, meiner ehemaligen Lieblingsvideothek. Als die vor fünf Jahren Insolvenz anmelden musste, war ich als Erster zur Stelle, um mir die Deko unter den Nagel zu reißen. So finden sich seither in meiner Wohnung nicht nur der Stuhl, sondern als riesige Pappkameraden auch Spiderman, Rocky Balboa und Mike Glotzkowski, das laufende Auge aus der Monster AG.


Ich versuche meine Gedanken zu sortieren und erinnere dabei ein wenig an Woody Allen, dem man gerade offenbart hat, dass sein Lebenswerk für die Goldene Himbeere nominiert wurde.


Um neun Uhr! Aber um zehn muss ich doch zur Waschstraße!


„Scheiß auf die Waschstraße“, sagt mir eine innere Stimme, „wenn ich bei LIVE COMMUNICATION erst mal durchgestartet bin, brauche ich den Job ohnehin nicht mehr.“


Oh Gott, was ziehe ich bloß an? Ich hätte nie geglaubt, dass es Situationen gibt, in denen sich auch Männer diese Frage stellen. Ich ermahne mich aber sogleich zur Ruhe und entwerfe einen Schlachtplan für die nächsten achtundfünfzig Minuten. Ich stehe unschlüssig vor meinem überschaubaren Kleiderschrank und entscheide mich für eine legere Kombination aus T-Shirt und Anzug. Von meinen vier Anzügen entschließe ich mich für den einzigen, der nicht zur Gattung der Schlafanzüge gehört, und kombiniere diesen mutig mit einem T-Shirt von P&C. In Ermangelung passender Schuhe wähle ich die sportliche Variante und schlüpfe in meine Sneaker, Modell ,Beckenbauer Allround‘. Die neigen zwar dazu, nach einem halben Tag Tragezeit ein wenig unangenehm zu riechen, jedoch gehe ich nicht davon aus, meine Schuhe ausziehen zu müssen, schließlich gehe ich zur Arbeit und nicht zu einem Rückbildungskurs für junge Mütter. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass für einen Kaffee die Zeit fehlt. Auf meinem Weg zum angehenden Kreativchef werde ich zukünftig allerdings mehr Kaffee konsumieren, als meinen Herzklappen langfristig guttun wird. Mit etwas Glück wird man mir sogar meinen eigenen Vollautomaten ins Büro stellen – da kommt es auf diese letzte Tasse wohl nicht mehr an.


Ich bin fertig und liege alles in allem verdammt gut in der Zeit. Mit einem tiefen Atemzug trete ich hinaus auf die Straße in die klare Luft dieses Morgens, wo ich heute schon einmal war. Ich bin bereit für meinen Weg in eine erfolgreichere Zukunft.


 


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