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Belletristik
Buch Leseprobe Mond aus Glas, Christine Spindler
Christine Spindler

Mond aus Glas



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Ach säßest du noch hier


auf deinem Stein


auf unsrem Stein


auf dem gedankenschweren Fels


und tränkte uns die Flut


mit Salz


und über uns läg' sanft


der Duft von hellen Dünen



Luna Jannik hockte in Mantel und Stiefeln auf der Holztreppe im Windfang


und schaute ohne Eile zu, wie Tante Evi den Reißverschluss ihres taubenblauen


Anoraks einfädelte und dabei Amazing Grace summte, ihr Anziehlied.


Häschen, der grau getigerte Kater, kam durch die Katzenklappe in der


Haustür herein und brachte den Wetterbericht mit: nasse Fellspitzen und


dreckige Pfoten. Er rieb seinen Kopf an Lunas Hosenbeinen und schnurrte


sich warm.


Evi unterbrach ihr Summen. „Dein Futter steht schon bereit", sagte sie zu


Häschen, der daraufhin in die Küche lief. Sie fuhr fort, sich anzuziehen. Jetzt


waren die Druckknöpfe dran, einer nach dem anderen, bedächtig und konzentriert.


Mit ähnlicher Geduld, wie Luna sie jetzt zeigte, hatte Evi früher Morgen für


Morgen gewartet, während die Zwillinge Luna und Stella sich für den Kindergarten


fertigmachten. Sie hatte ihnen die Taschen mit den Pausenbroten umgehängt


und ihnen viel Spaß gewünscht. Dann hatte sie ihnen nachgewinkt,


bis sie um die Straßenecke verschwunden waren.


Luna, die stille Momente gern zum Nachdenken nutzte, überlegte, dass Geduld


keine große Anstrengung erforderte, da man ja genau wusste, was vor


einem lag. Man musste bloß darauf warten. Ganz anders verhielt es sich,


wenn man nicht wusste, was die Zukunft brachte; wenn man bangte, während


die Zeit immer langsamer zu vergehen schien, so wie an dem entsetzlichen


Tag, als Stella operiert worden war.


„Kennst du den Unterschied zwischen Geduld und Hoffnung?", fragte


Luna, als Evi den letzten Knopf geschlossen hatte und wieder aufnahmefähig


war.


Evi schüttelte langsam den Kopf. „Nein, ich glaube nicht."


„Geduld beruht auf Gewissheit", sagte Luna. „Hoffnung auf Ungewissheit."


Evi sagte „Aha" und ließ die Worte auf sich wirken. Luna liebte es, dabei


zuzusehen, wie Evi in ihren Gedanken aufging. Sie fand Evi wunderschön mit


ihrem Gesicht, das an eine Sonnenblume erinnerte: offen und warm. Ihr langer,


blonder Zopf, den sie jeden Morgen so oft neu flocht, bis er symmetrisch


war, hing bis zur Rückenmitte, von einer ordentlichen Samtschleife gehalten.


Viele Menschen fanden, dass man Evi ihre geistige Behinderung ansah,


aber Luna konnte keinerlei Anzeichen dafür entdecken. Nur wenn sie redete,


mit einer Stimme, die jedes Wort durch nassen Sand zu schleifen schien,


wurde ihr Problem offenbar. Doch selbst diese Eigenart war Luna so vertraut,


dass sie sie nur noch selten bewusst registrierte. Sie kannte Evi schließlich,


seit sie denken konnte. Dass sie anders tickte als die meisten Menschen, war


Luna erst recht spät bewusst geworden, als sie sich einmal darüber gewundert


hatte, dass Evi immer nur in Begleitung eines Erwachsenen das Haus


verließ.


Vor knapp zwei Jahren, nach ihrem vierzehnten Geburtstag, war Luna von


ihrer Mutter Vera für verantwortungsbewusst genug befunden worden, diese


Aufgabe zu übernehmen. Wohl auch aus schierer Not, denn seit Stellas Tod


war Vera dem Alltag kaum noch gewachsen und vollauf damit beschäftigt,


nicht vor Trauer ganz in sich selbst zu verschwinden.


Evi holte den rechten Fingerhandschuh aus der rechten Anoraktasche und


streifte ihn über. Nun war der linke Handschuh aus der linken Tasche dran. Bei


Evi hatte alles seinen festen Platz und seine feste Zeit. Jeden Freitagnachmittag


um drei Uhr gingen sie gemeinsam zum Friedhof, weil Evi Stellas Grab mit


derselben Hingabe in Ordnung hielt wie das Haus.


Vera und Urban waren nie dabei, wenn Evi und Luna das Grab besuchten.


Sie kamen immer alleine her, jeder für sich.


Nur ein einziges Mal, bei der Beerdigung, war die ganze Familie dort versammelt


gewesen. Es hatte geschneit und die aufgeworfene Erde war eine


klaffende Wunde in der Schneedecke gewesen.


Trotz dieser bitteren Erinnerung liebte Luna den Schnee nach wie vor. Übermorgen


war bereits der erste Advent und immer noch war keine einzige


Schneeflocke gefallen. Luna sehnte sich nach Schnee. Dann verschwand die


Welt unter einer behutsamen Decke und die Zeit verging langsamer, sodass


• 8 •


die kurzen Wintertage sich in aller Ruhe auf die Nächte vorbereiten konnten.


„Ich bin fertig", sagte Evi, nachdem sie ihre Mütze aufgesetzt und gerade


gerückt hatte.


Luna stand von der Treppe auf, nahm den größten Schirm aus dem Ständer


und ging mit Evi in den Regen hinaus. Es war ein wütender Regen, von eiligen


Wolken auf der Flucht vor dem Wind abgeworfen wie Ballast.


Am Ende der Sackgasse, in der die Janniks wohnten, stand in einem parkähnlichen


Garten mit Laubengängen und Hochbeeten die architektonische


Sensation des Dorfes - ein Haus mit rundem Grundriss, einem Kuppeldach


und zwei Türmchen. Die Besitzer waren vor einem halben Jahr in ein Seniorenstift


gezogen. Seitdem stand das Rundhaus zum Verkauf. Luna, die es zu


gern besichtigt hätte, hatte mehrfach vergeblich versucht, den Makler zu


überreden, sie einmal bei einer Hausführung teilnehmen zu lassen.


Obwohl der Wind ihr fast den Schirm aus den Händen riss, blieb Luna auch


heute stehen und ließ den Blick einen Moment lang auf dem Haus verweilen.


Es war so rund wie der Mond ihrer Träume. Wie sah dieser Mond von innen


aus?


Sie wollte sich gerade abwenden, als die Haustür geöffnet wurde und eine


untersetzte Gestalt den langen Weg zum Gartentor hinuntereilte. Es war Trudi,


die ehemalige Haushälterin der Besitzer.


Evi, die vor Fremden immer etwas Angst hatte, wippte unruhig von einem


Fuß auf den anderen.


„Hallo", rief Luna gegen das Wetter an, als Trudi die Gartenpforte hinter


sich geschlossen hatte. „Ist wieder jemand eingezogen?"


„Die Drostenhagens kommen morgen an", gab Trudi bereitwillig Auskunft.


„Ich habe alles vorbereitet. Zum Glück brauchen sie eine Haushaltshilfe, so


kann ich wieder hier arbeiten."


„Es muss für Sie so sein, als würde jemand in Ihr Haus einziehen."


„Ja, es ist seltsam, wie man sein Herz an einen Ort hängen kann. Ich muss


weiter." Trudi winkte, stieg in ihren alten Polo und wendete.


Luna und Evi gingen den Fußweg hinunter, der zur Parallelstraße führte, und


dann weiter zur großen Dorfstraße, von der man zum Friedhof abbog. Als sie


zwischen den Grabreihen hindurchliefen, ließ der Regen endlich nach.


Stellas Grab lag am hinteren Ende, wo der Friedhof an den Wald grenzte.


Luna legte eine Hand auf den weißen Marmor. Wenn es nach Vera gegangen


wäre, stünde darauf: „Unser Stern hat für immer aufgehört zu leuchten."


Doch Urban, Lunas Vater, hatte den Spruch zu endgültig gefunden, denn er


drückte nur das düstere Gefühl des Verlustes aus. Wo blieb die Dankbarkeit,


• 9 •


dass es Stella überhaupt jemals gegeben hatte? Wo die Erinnerungen an dieses


sonnige Geschöpf?


Luna hatte ihm zugestimmt. In ihrem Herzen lebte Stella weiter. Und Evi


hatte etwas gesagt, das Luna bis heute verwirrte, aber auch mit Hoffnung


erfüllte: „Sie ist nicht fort. Sie ist immer noch da, nur heller als vorher, darum


können wir sie nicht sehen."


Evi trat unter dem Schirm hervor und sah zu den grauen Wolken hoch, um


ihr Friedhofslied anzustimmen. Es war das einzige Lied, dessen Text sie auswendig


konnte, zumindest den Refrain. Stella hatte ihn ihr beigebracht.


„Über den Wolken", sang sie mit leiser, klarer Stimme, aber undeutlicher


Aussprache, „muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen,


sagt man, blieben darunter verborgen, und dann, würde, was uns groß


und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein."


Als sie geendet hatte, wischte Evi sich den Regen aus dem Gesicht, bückte


sich, summte ihr Gartenlied und sammelte Laub auf.


Da sie sich dabei nicht helfen ließ, war Luna wieder mit ihren Gedanken


allein. Auf ihrem eigenen Grabstein würde einmal dasselbe Geburtsdatum


stehen, überlegte sie, aber ein anderer Todestag. Jede Stunde, die sie länger


lebte als ihre Schwester, war eine Stunde, die sie gern mit ihr geteilt hätte.


Während ihre Hand über den kalten, nassen Marmor strich, erinnerte sie


sich an eine Winternacht vor sieben oder acht Jahren, in der Urban mit ihr und


Stella auf die große Wiese gegangen war, die sich an das Wohngebiet


anschloss. Juchzend waren sie durch den frisch gefallenen Schnee gerannt


und hatten sich schließlich erschöpft fallen lassen. Über sich den Himmel,


unter sich den Schnee, hatte Luna sich völlig geborgen gefühlt. „Schau mal,


wie viele Spuren wir gemacht haben", hatte Stella sich auf dem Heimweg


gefreut.


Einen Gedankensprung weiter fand Luna sich am Meer wieder. Über Dünen


waren sie gelaufen, wo man keine Spuren hinterlässt, sondern nur den Sand


neu mischt.


Dann waren sie im Herbstwald und fegten mit den Stiefelspitzen die Blätter


hin und her.


Zuletzt liefen sie barfuß durch Frühlingspfützen und hinterließen nasse


Abdrücke auf der Straße, die mit jedem klatschenden Schritt kleiner wurden.


Luna wartete, bis Eva die eingesammelten Blätter zum Komposthaufen


brachte, dann schloss sie den Schirm und sah zwischen den kahlen Ästen


einer Eiche zum Himmel hinauf.


„Meine Spuren", sagte sie, „werden immer auch deine Spuren sein."


• 10 •


* * *


Der Wochenendeinkauf stellte für Vera Jannik eine besondere Herausforderung


dar.


Früher hatte sie sich über so alltägliche Dinge aufregen können wie die


Anzahl der Gänge, die in diesem Laden ungerade war. Darum musste man,


um am Ende zur Kasse zu kommen, einen Gang zurückgehen, den man


schon abgearbeitet hatte.


Auch ihre Einkaufszettel hatten sie genervt. Warum schrieb sie immer alles


so auf, wie es ihr einfiel? Wäre es nicht sinnvoller, es in der Reihenfolge zu


notieren, in der sie daran vorbeikommen würde? Oder wenigstens einen Stift


mitzunehmen, um die Sachen durchzustreichen, die sie schon in den Einkaufswagen


gepackt hatte?


Heute waren die Gänge für sie endlose Schluchten, in denen sie sich zu


verlieren drohte. Den Einkaufszettel zerknüllte und glättete sie immer wieder,


um ihre Anspannung abzubauen.


Sie schaffte den ersten Gang ohne Zwischenfall. Sie meisterte die Käsetheke


und dachte sogar an Zucker, obwohl sie vergessen hatte, ihn zu notieren.


Doch dann kam sie bei den Getränkepulvern ins Stocken. Wieso druckte


jemand Wolken auf eine Kakaopackung? Wolken ließen sie sofort an Stella


denken.


Vera hatte ihre Töchter in ihrem Atelier immer gern um sich gehabt. Während


sie selbst ausschließlich mit Acrylfarben malte, bekamen Luna und Stella


alles, was das Kinderherz begehrte, um sich kreativ auszutoben. Aber ob mit


Wasserfarben oder Buntstiften - Stella malte am liebsten Wolken. Einmal hatte


sie Vera zum Muttertag ein Blumenbild geschenkt, mit Tulpen, die auf Wolken


wuchsen. Nach einem Strandurlaub hatte sie aus den gesammelten Muscheln


Wolkencollagen geklebt. Stellas Werke schmückten heute noch das


Zimmer, das Luna jetzt allein bewohnte.


Vera zwang sich weiterzugehen, auch wenn sie sich immer wieder umdrehte


und sich vorstellte, wie Stella sich gefreut hätte, wenn sie ihr den Kakao mit


der Wolkenverpackung gekauft hätte.


Am Kühlregal griff sie nach einem Becher mit Sahne-Joghurt Pfirsich-Maracuja,


Stellas Lieblingssorte. Vera begann zu zittern und stellte den Joghurt


tapfer zurück. Sie gestattete sich immerhin noch einen Blick aufs Verfallsdatum.


So eine banale Handlung, so ein simples, alltägliches Ritual, etwas,


das sie tausendfach achtlos getan hatte, und nun ließ es sie fast zusammen-


• 11 •


brechen. Wäre das nicht überhaupt die beste Lösung? Hier, vor den sauber


aufgereihten und gestapelten Fruchtjoghurts und Molkedrinks zusammenzuklappen?


Den Muskeln zu sagen: „Danke, dass ihr so lange durchgehalten


habt, aber jetzt ist Feierabend. Lasst einfach los."


Besser noch: den Verstand verlieren. Alle Erinnerungen ausklinken und sie


aus dem fahrenden Ballon werfen. Woran merkte man überhaupt, dass man


den Verstand verloren hatte? Und wo bekam man ihn wieder? Auf dem Fundbüro?


„Guten Tag, ich habe gestern im Supermarkt meinen Verstand verloren.


Wurde er vielleicht gefunden und abgegeben?"


„Können Sie ihn beschreiben?"


„Ach du je, wie beschreibt man seinen Verstand? Er ist vierzig Jahre alt,


wurde aber wenig benutzt. Ich habe mich immer mehr auf meine Intuition und


meine Kreativität verlassen. Bauchmensch, wissen Sie."


„Das ist mir noch zu unpräzise. Hat Ihr Verstand denn keine hervorstechenden


Merkmale?"


„Er machte in letzter Zeit unangenehme Geräusche, bis zu dem Moment,


wo er ungebremst auf dem Boden aufschlug."


„Sind Sie sicher, dass Sie diesen Totalschaden überhaupt wiederhaben


wollen?"


Eine Hand griff nach ihrer. „Vera! Hallo, komm zu dir! Was machst du denn


da, meine Süße?"


Ein Ruck ging durch Veras Gedanken, vor ihren Augen flimmerte es kurz,


dann warf sie sich in die Arme ihrer Freundin.


„Jackie!"


Jacqueline Klier war das Beste, was Vera aus fünf stressigen Berufsjahren


geblieben war. Ihren Eltern zuliebe hatte Vera etwas Anständiges gelernt,


doch als Sekretärin war sie kreuzunglücklich gewesen und hatte auch noch


laufend alles falsch gemacht. Jackie hatte die Sachen, die Vera damals verbockte,


klammheimlich ausgebügelt, bevor der Chef davon Wind bekam. Sie


war eine absolut loyale Kollegin gewesen.


Darum blieben sie auch befreundet, als Vera mit den Zwillingen schwanger


wurde und ihrem Beruf für immer den Rücken kehrte. Dabei waren sie in jeder


Hinsicht grundverschieden. Vera war eine Künstlerin mit unregelmäßigen


Lebensgewohnheiten, die planlos Karriere gemacht hatte. Jackie war eine


zielstrebige Erfolgsfrau, die nichts dem Zufall überließ. Vera war sicher, dass


Jackies Chef sich täglich fragte, wie er jemals ohne dieses Organisationsgenie


im Vorzimmer ausgekommen war. Sollte Jackie ihren Verstand verlie-


• 12 •


ren, würde niemand in der Lage sein, das sperrige, tonnenschwere Teil bis


zum Fundbüro zu schleppen.


Vera fühlte sich schwach vor Dankbarkeit, Jackie zu treffen. Selbst an einem


Freitagabend, nach einer langen, anstrengenden Woche, sah Jackie so frisch


aus, als käme sie gerade von einem Wellness-Urlaub zurück. Sie roch nach


fernen Inseln und nach Kaffee mit Karamellaroma.


Jackie löste sich behutsam aus Veras Umklammerung. „Gib mir deinen Einkaufszettel.


So, jetzt schaffen wir erst mal Platz."


Betreten sah Vera zu, wie Jackie die Sahne-Joghurts, die sie geistesabwesend


in den Wagen gestapelt hatte, wieder ins Regal zurückstellte. Zwei Einkaufswagen


schiebend und mit zwei Einkaufszetteln hantierend, ging Jackie


weiter. Vera folgte ihr wie ein Streuner, der endlich ein wohlwollendes Herrchen


gefunden hat.


Bei den Gemüsekonserven angelangt, meinte Vera: „Ich weiß, was du jetzt


wieder sagen wirst." Jackie hatte Vera immer wieder geraten, eine Selbsthilfegruppe


aufzusuchen, weil sie in ihrer Trauerarbeit nicht vorankam.


„Heute sage ich es nicht."


„Du hast ja im Grunde vollkommen recht." Vera nahm eine Dose Mais aus


dem Regal, weil sie knallgelb war. Farben wirkten auf sie magnetisch. Sie


konnte darin eintauchen und vergessen, dass es auch eine Welt aus Gedanken


und Gefühlen gab. „Es ist nur, weil der Name mich abschreckt. Verwaiste, das klingt so endgültig. Ich halte mich lieber an dich."


Eltern


Jackie nahm ihr die Maisdose ab und überprüfte, ob sie auf Veras verkrumpelter


Einkaufsliste stand. „Ich bin aber keine Therapeutin. Bei dir muss etwas


in Bewegung kommen und dich aus der Lethargie reißen."


„Schocktherapie?"


„Doch kein Schock! Eher etwas Überraschendes. Eine neue Aufgabe."


„Nein, nein", wehrte Vera ab. „Bloß keine Veränderung. Du wirst sehen,


wenn Stellas Todestag vorbei ist und wir Weihnachten hinter uns haben, wird


es besser."


„Das hast du letztes Jahr auch schon gesagt."


Sie waren an der Kasse angelangt. Jackie schob Veras Wagen vor ihren


und bedeutete ihr, sich anzustellen. „Das Schicksal hat die Tendenz, einem


genau das zu geben, was man gerade braucht."


Obwohl Jackie es in einem aufmunternden Tonfall gesagt hatte, ängstigte


die Bemerkung Vera. Vielleicht sollte sie doch zu den Verwaisten Eltern gehen,


um das Schicksal davon abzuhalten, sie zu überraschen.


• 13 •


• 14 •


2 Im Fortgehen

Seltsame Gedanken gingen Marianne Drostenhagen durch den Kopf, als sie


mit ihrer Familie beim letzten gemeinsamen Abendbrot zu viert um den kleinen,


quadratischen Küchentisch saß, weil der große Tisch aus dem Esszimmer


bereits mit Schutzfolie umhüllt zum Abtransport bereit stand.


Sie haderte mit dem Muttersein. In grauer Vorzeit, überlegte sie, musste die


Natur beschlossen haben, ein Wesen zu erschaffen, das nur aus Widersprüchen


bestand. Das alles richtig machen wollte und nicht die geringste Chance


dazu hatte. Das andere nur respektieren konnte, indem es sich selbst verleugnete.


Das für seine Opfer Vorwürfe erntete, während man von ihm Dankbarkeit


dafür erwartete, dass es sie bringen durfte. Dessen Strenge getadelt, dessen


Sanftmut belächelt wurde. Ein unverstandenes, gedemütigtes Wesen, das


doch nicht anders konnte, als genau so zu sein und so zu handeln, und das


sich von den wenigen stillen Glücksmomenten nährte, die es allen Widrigkeiten


zum Trotze hin und wieder erlebte.


Rechts von ihr saß ihr achtzehnjähriger Sohn Finn, schweigend und in sich


gekehrt, so verletzlich, so sehr darauf angewiesen, in Watte gepackt zu werden,


und doch so unglücklich darüber, eine Mutter zu haben, die ihm genau


den Schutz gab, den er brauchte.


Links saß die zehnjährige Charlotte, das krasse Gegenteil, ein Ausbund an


Energie und Eigenwilligkeit, und wegen ihrer Flatterigkeit von allen Motte genannt.


Motte hatte immer noch nicht die Hoffnung aufgegeben, weiterhin bei


ihrem Vater wohnen zu können, was Marianne mehr schmerzte, als sie jemals


zugeben würde.


Rainer, Mariannes Noch-Ehemann, saß ihr gegenüber und ließ Mottes Beteuerungen,


wie brav sie sein würde und wie unkompliziert und pflegeleicht,


wenn sie bei ihm bleiben durfte, lächelnd im Raum stehen. Warum tat er so,


als wäre es allein Mariannes Entscheidung gewesen, ihre Kinder „in die Fremde


zu verschleppen", wie Motte den Umzug in einen gerade mal 70 km entfernten


Ort theatralisch bezeichnete?


„Es geht ja nicht nur um mich", argumentierte Motte mit ungebrochenem


Eifer. „Meine Stofftiere leiden genauso." Sie hielt ihren Lieblingsteddy Klaus


hoch. „Hier, schau mal, wie stumpf sein Fell geworden ist. Das ist alles psychosomatisch,


weil er nicht mehr mit Kuggelmuggel spielen kann." Kuggelmuggel


war der Plüschhase einer Freundin, den Klaus Teddy angeblich abgöttisch


liebte.


Marianne fühlte sich mit einem Mal fremd, als käme sie von einem anderen


Planeten und hätte nichts gemein mit den seltsamen Zweibeinern, die hier als


intelligente Spezies galten. Mehr noch: Sie wünschte sich sogar, eine Außerirdische


zu sein. So könnte sie, wenn sie genug von allem hatte, einfach in ihr


Raumschiff steigen und abheben.


Sie nahm einen Schluck Rotwein und schob ihren Teller, auf dem der Käse


und die Kräcker noch unberührt lagen, ein Stück weg. Rainer verstand ihre


Geste als Aufforderung zum Gehen. Er würde bei einem Freund übernachten


und erst morgen wieder ins Haus kommen, wenn Marianne und die Kinder


weg waren.


„Tja, ich muss dann los."


Natürlich musste Motte eine Abschiedsszene hinlegen. Marianne war dankbar,


dass wenigstens Finn kein Drama machte.


„Bis dann", sagte er schlicht.


„Halt die Ohren steif, Junge." Rainer legte ihm kurz die Hand auf die


Schulter.


Und dann war er endlich weg. Doch er hinterließ ein Stück leeren Raum,


das Marianne schnell mit positivem Denken zu füllen versuchte. Sie würde nie


wieder dieses scheußliche Hip-Hop-Zeugs hören müssen, das Rainer ständig


laufen ließ. Dazu sein cooles Getue und die rhythmischen Bewegungen!


Wenn ein Endvierziger auf halbstark machte, war das einfach nur peinlich.


„Ich streike", sagte Motte. „Klaus Teddy und ich, wir werden heute Nacht


kein Auge zumachen, das sage ich dir." Sie schob die Unterlippe vor,


schnaubte und ging die Treppe hoch.


„Schlafstreik. Mal was Neues." Finn grinste. „Ich gehe ein bisschen raus."


• 15 •


Er stand auf und stellte seinen Teller in die Spüle.


„Bei dem Wetter?"


„Ich muss mich verabschieden."


„Von wem denn?" Soweit Marianne wusste, hatte Finn keine Freunde.


Er wurde rot. „Von meinem alten Leben."


Was in aller Welt ging nur in ihm vor? Wieder einmal merkte Marianne, dass


sie als Mutter etwas Grundlegendes falsch zu machen schien. Irgendwann


würde jemand sie dezent zur Seite nehmen und ihr etwas zuflüstern, das ihr


die Augen öffnete. So wie vor drei Wochen auf der Party nach der Vorstellung


ihrer neuen Kollektion in München, als sie glaubte, sie hätte einen jugendlichen


Verehrer, weil ein hinreißender Kerl nicht von ihrer Seite wich, sie mit


Komplimenten überhäufte und sich brennend für ihre Lebensgeschichte interessierte.


Doch dann raunte jemand ihr zu: „Passen Sie auf, was Sie ihm erzählen,


Frau Drostenhagen. Das steht morgen alles in der Klatschpresse."


Marianne brachte Finn zur Tür. „Zieh dich warm an, denk an einen Schirm


und geh langsam, es könnte glatt werden."


Wenn Rainer noch da gewesen wäre, hätte er ihr sofort diesen Blick zugeworfen,


der sagte: „Hör auf, Finn wie ein Kleinkind zu behandeln."


Sie hasste es, sich von Rainer beobachtet und bewertet zu fühlen. Nun, das


war vorbei. Keine Manöverkritik, kein Herumkauen auf alten Streitthemen. Sie


sollte sich erlöst fühlen, nicht verlassen.


Marianne setzte sich an den Tisch zurück, schenkte den Rest Rotwein aus


der Flasche in ihr Glas und ließ endlich zu, sich so ausgepowert zu fühlen, wie


es die Umstände erforderten.


Die ganze Logistik der Trennung und des Umzugs mit zwei schulpflichtigen


Kindern war schier überwältigend gewesen. Sieben Tage Kistenpacken. Tausend


Ab- und Anmeldungen. Briefe an ihre Kunden, Zulieferer und Models. An


Versicherungen und Banken. Die Familie. Bekannte und Freunde. Der


Mensch, sinnierte sie, ist gefangen in einem feinfädigen, völlig verknoteten


Netz aus Beziehungen zu Menschen und Institutionen, das er erst wahrnimmt,


wenn er sich daraus befreien muss, um an einem anderen Ort ein neues Netz


übergeworfen zu bekommen.


Und immer wieder Gefühle, die sich ungebeten einstellten und sie zweifeln


ließen, ob sie den richtigen Schritt gemacht hatte. Wie schafften es manche


Menschen, zu handeln, ohne zu hadern?


Aber es schleppten ja auch nicht alle Menschen ein so belastendes Geheimnis


mit sich herum wie sie. Wenn Marianne nur daran dachte, brach ihr


der kalte Schweiß aus. Manchmal war sie nahe daran, es preiszugeben, nur


• 16 •


um nicht mehr ständig mit der Angst leben zu müssen, Rainer könnte dahinterkommen.


Seine Affären allein wären für sie kein Grund gewesen, ihn zu verlassen.


Auch die anderen Zerwürfnisse hatten die Ehe nicht zerrüttet. Es war


einzig ihr Geheimnis, das es ihr immer unmöglicher gemacht hatte, ihm in die


Augen zu sehen. In den letzten Jahren hatte sie nur noch im Dunkeln mit ihm


Sex haben können. Ihre Ausrede, es wäre, weil sie zugenommen hatte und


sich schämte, hatte er zwar akzeptiert, aber sicher nicht geglaubt. Schließlich


stand er auf pummelige Frauen, sonst hätte er sie überhaupt nicht geheiratet.


Marianne hätte gern eine weitere Weinflasche geöffnet, doch dann würde


sie den Umzug mit einem Kater bewältigen müssen. So beruhigte sie ihre


Nerven damit, sich vorzustellen, wie schön es sein würde, wenn sie und die


Kinder sich in der neuen Umgebung eingelebt hatten. Bestimmt wären Motte


und Finn entzückt, wenn sie das neue Haus sahen. Eine abgeschiedene


Gegend, eine ruhige Sackgasse - und dann die Überraschung: ein Haus wie


aus einem Hollywood-Film, mit zwei Türmchen und einem Pool. Und dazu


vollkommen rund!


* *



ungewiss


vom Gegenwind berührt


der sich auswachsen mag


zum Sturm


Noch einmal


aufzubrechen


dazu fehlt mir die Kraft


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