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Belletristik
Buch Leseprobe Milena crazy in Love, Christine Thomas
Christine Thomas

Milena crazy in Love



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1

1 September irgendwas 2013 – habe das Datum gerade nicht im Kopf Heute war der beschissenste Tag meines beschissenen Lebens! Aber ich greife vor, immerhin habe ich seit Wochen nichts geschrieben. Wie auch, ich komme zu nichts, seit meine Mutter diesen Penner geheiratet hat. Im Juli sind wir nach Köln gezogen, was bedeutet, dass ich in einer neuen Stadt noch einmal von vorn anfangen durfte: neue Schule, neue Leute, neues Haus. Danke, Ma! Ich bin ja immer noch der Meinung, dass meine Mutter den Verstand verloren hat. Ich meine, wie lange hat sie diesen Typen gekannt, bevor sie ihn vor den Altar gezerrt hat, fünf Minuten oder was? Verglichen mit Berlin ist Köln ein Dorf. Aber das Schlimmste ist, dass Papa in der Hauptstadt geblieben ist und ich ihn seit einer Ewigkeit nicht gesehen habe. Wenn ich heulen könnte, stünde mein Zimmer mittlerweile unter Wasser. Stattdessen bekomme ich keinen Bissen runter. Aber es gibt auch gute Nachrichten. Mein Stiefdingsbums ist am Montag nach Edinburgh geflogen (jippijaijey!), kommt aber heute zurück (shit!). Das Beste an ihm ist, dass er mich in Ruhe lässt. Trotzdem ist er irgendwie unheimlich. Was meine Mutter in ihm sieht, ist mir schleierhaft. Ich meine, er ist nicht mal ihr Typ. Wenn es je zwei Menschen gegeben hat, die nicht zusammenpassen, dann diese beiden. Er ist Engländer, Schotte, um genau zu sein. Wenn mal ein Schottenwitz passt, dann die Sache mit dem Geiz. Nicht, dass er knauserig ist oder so. Aber er spricht so wenig, als müsste er jedes Wort bezahlen. Und dann ist er auch noch superkorrekt und ordentlich. Würde mich nicht wundern, wenn er seine Boxershorts bügelt. Jetzt erklär mir mal einer, wie das zusammenpasst: er und meine Mutter – Hallo? Sie ist, nun, eben Helen. Schusselig und voll vergesslich. Ich gebe ihnen ein halbes Jahr, dann ist diese Beziehung Geschichte. Tja, und gerade als ich dachte, dass meine Woche nicht schlimmer werden kann, bekomme ich eine Mail von Emma. Sie geht in meine Klasse und ist supernett. Wir hängen oft zusammen ab, und so wie ich das sehe, ist sie Anwärterin als meine neue beste Freundin. Eigentlich wollte ich nach dem letzten Desaster keine beste Freundin mehr, aber bei Emma liegt die Wahrscheinlichkeit bei siebzig, fünfundsiebzig Prozent. Jedenfalls schreibt sie, dass Nick in zwei Wochen eine Riesenparty schmeißt, und sie auf eine Einladung hofft. Nick alias Niklas ist der mit Abstand heißeste Typ meiner Schule, aber leider schon vergeben. Zugegeben, in seinem Universum existiere ich praktisch nicht, aber man wird ja wohl noch träumen dürfen, oder? Der einzige Lichtblick ist mein Flug morgen Nachmittag: AB6502, 16:55 Uhr ab Köln. Um 18:00 Uhr bin ich bei Papa und verbringe das ganze Wochenende mit ihm. Gepackt habe ich schon, fehlt nur noch … Ups, ich muss Schluss machen, eben kommt eine E-Mail. Wahrscheinlich von Emma. Vielleicht hat Nick mich ja doch bemerkt und lässt über sie anfragen, ob der Hauch einer Chance besteht, dass ich eventuell zu seiner Feier komme …
Aber klar doch!

Milla ließ das Tagebuch zuschnappen und warf es auf das Bett hinter sich. Sie hatte sich noch nicht an ihre neue Umgebung gewöhnt, obwohl sie nun viel ausgedehnter wohnten als in ihrer Altbauwohnung in Berlin-Spandau. Ihr Zimmer war dreimal größer als das alte, hell und freundlich mit drei riesigen Balkonfenstern und einem weißen Himmelbett. Die Protz-Schlafstätte war Macs Idee gewesen, ihrem Stiefdingsbums. Er glaubte wohl, dass ihr so etwas gefallen würde. Um ihm eins auszuwischen, hatte sie bis auf die gerahmten Fotos und den Schuluniformen nichts ausgepackt. Überall standen Umzugskisten im Weg, die ihrem Zimmer einen gewollt ungemütlichen Touch verliehen. Die Aussage war klar. Wozu auspacken, hier bleibe ich ohnehin nicht lange. Alles roch neu. Ein Mix aus frischer Farbe, Holz und Bohnerwachs. Mac hatte keine Kosten und Mühen ge-scheut, sich bei ihr einzuschleimen. Den komischen Spitznamen haben ihm seine James Bond-Kollegen ver-passt, aus der Zeit, als er Mini-Kameras und Abhörgeräte für den englischen Nachrichtendienst entwickelt hat. Vermutlich wegen seiner schottischen Vorfahren, was wusste sie schon. Eigentlich hieß er Sam, aber außer ihrer Mutter nannte ihn niemand so. Und das auch nur, wenn er unangemeldet in ihr Atelier platzte, also, wenn sie sauer auf ihn war – was leider viel zu selten vorkam. Eigentlich so gut wie nie. An diesem Punkt würde Milla noch arbeiten müssen, aber zuerst die E-Mail. Sie war von ihrem Vater. Vermutlich brauchte er die Flugnummer oder so was. Schnell überflog sie den kurzen Text. Ihre Finger krampften sich um die Maus, bis die Knöchel weiß hervortraten. Ungläubig las sie die Nachricht ein zweites Mal: Sorry Kleines, wir müssen unser gemeinsames Wochenende verschieben. Bin auf dem Weg nach Shanghai, wir bauen dort einen Hotel-komplex. Melde mich wieder, wenn ich zurück bin. xxx Paul
Genau das war der Grund, warum sich ihre Mutter hatte scheiden lassen. Er war nie da. Ausgerechnet jetzt, wo sie ihn dringender brauchte als je zuvor, ließ er sie auflaufen. Als Architekt jettete er regelmäßig über den Globus und tauchte nur selten zu Hause auf. Für sie hatte er allerdings immer Zeit gehabt, auch wenn sie einen Großteil der Kommunikation über den elektronischen Weg führen mussten. Doch seit sie fortgezogen waren, wurden die Abstände zwischen den Mails länger, und er meldete sich auch nicht mehr sofort, wenn sie ihm eine Nachricht hinterließ. Millas Herz raste, während sie seinen Dreizeiler ein weiteres Mal las. Was sollte das werden, hatte er sich am Ende auch von ihr getrennt? Eine Mischung aus Schmerz und Wut zog sich in ihrer Mitte zu einem festen Klumpen zusammen. Diese zu-sammengeklempnerte Familiennummer wurde ihr lang-sam zu viel, zumal das Ganze offensichtlich nicht funktionierte. Wie konnte Paul absagen, sie hatten sich mehr als sie-ben Wochen nicht gesehen! Womit hatte sie die Rück-sichtslosigkeit ihrer Eltern verdient? Wie konnte sich ihre Mutter verlieben, wenn das bedeutete, dass sie damit die Familie auseinanderriss? Eine Kombination aus Gedankenlosigkeit und fehlen-der Informationsübermittlung hatte dazu geführt, dass Milla erst von der Scheidung erfuhr, als diese praktisch rechtskräftig war. Durch Pauls lange Auslandsabwesen-heiten verzichtete die Richterin auf das Trennungsjahr, dabei hätte Milla alles dafür gegeben, mehr Zeit mit den beiden zu verbringen. Zeit zum Reden, aber auch, um sich an die neue Situation zu gewöhnen. Ihr Vater war ausgezogen, und die Scheidung in Rekordzeit durch. Die Tinte auf dem Dokument war noch nicht trocken, da schleppte ihre Mutter diesen Mac an, mit dem sie sich anscheinend schon eine ganze Weile getroffen hatte. Milla hatte ihr Bestes getan, ihn zu ignorieren, doch das wurde unmöglich, als sie nach Köln in sein Haus zogen. Während der Sommerferien hatte sie sich entweder in ihrem Zimmer oder im Stall verkrochen und war für keinen seiner Annäherungsversuche zugänglich. Nicht einmal, als er ihr ein MacBook kaufte, nachdem ihr altes den Geist aufgegeben hat. Glaubte er wirklich, dass er sie bestechen konnte? Eine Woche lag das Teil originalverpackt in ihrem Zimmer, bis sie einen PC zum Chat mit ihrem Vater brauchte. Also schön. Warum sollte der Typ nicht dafür blechen, dass sie mit Paul reden konnte? Über ihren neuen Rech-ner bestellte sie dann auch die Flugtickets nach Berlin und bezahlte sie mit Macs Kreditkarte, die er unvorsichtigerweise auf dem Esstisch hatte liegen lassen. Pech für ihn. Ihre Mutter war deswegen fuchsteufelswild gewesen und hatte sie zu einer Woche Fernsehverbot verdonnert. Fernsehverbot! Wo lebte diese Frau, das hier war das digitale Zeitalter. Mit einem Klick konnte man sich jeden Film aufs Handy laden, also ehrlich. Doch Mac wollte es so, behauptete sogar, dass er die Amex deswegen rausgelegt hatte. Aber klar doch. Wie auch immer. Milla war der Ansicht, dass er noch lange nicht genug bezahlt hatte. Immerhin musste sie seinetwegen hier leben, er hatte ihre Eltern auseinander-gebracht. Dieser Mistkerl musste gewusst haben, dass Helen verheiratet war, immerhin trug sie einen Ehering. Aber das war ihm schnurzegal gewesen. Er hatte sich in ihr Leben gedrängt, obschon glasklar war, was auf dem Spiel stand – ihre Familie. Mac hatte ihr nicht nur die Mutter gestohlen, sondern auch den Vater. Und der sagte nun das erste gemeinsame Wochenende ab, seit sie weggezogen waren. Dass nun selbst der Anschein von Ordnung wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrach, schlug dem Fass den Boden aus. Nichts war in Ordnung! Ihr Vater lebte in Berlin, während sie sechs Autostunden entfernt in diesem elenden Kaff festhing, unter dem Dach eines Mannes, dem sie diesen ganzen Mist zu verdanken hatte. Und Helen tat so, als wäre das die tollste Sache der Welt. Leises Geschirrgeklapper und der Duft frisch aufge-brühten Kaffees riss sie aus ihren Gedanken. Anschei-nend werkelte ihre Mutter in der Küche. Plötzlich wusste sie, wohin sie ihren angestauten Zorn richten konnte. Zähneknirschend stieß sie die Tür zu ihrem Zimmer auf und flog förmlich die Treppe nach unten. In der Küche drehte Helen ihr den Rücken zu und bewegte sich sachte im Takt einer Melodie, die nur sie hören konnte. Wie so oft befand sie sich in ihrem eigenen Paralleluniversum: Die Stöpsel des iPods in den Ohren, den Blick in die Ferne gerichtet. Abgekapselt. Unerreichbar. Darf ich vorstellen, meine Mutter. Sie trug eines von Macs Flanellhemden, das ihr mindestens drei Nummern zu groß war, eine ausgewaschene Jeans und Flip-Flops. Ihre nackten Füße waren mit blauen Sprenkeln übersät. Anscheinend kam sie gerade aus dem Atelier um sich einen Kaffee aufzubrühen. Eine ganze Kanne sogar, wie merkwürdig. Normalerweise bereitete sie jede Tasse einzeln zu, ein Ritual, dessen Sinn sich Milla bisher nicht erschlossen hatte. Mit einem Mal wurde ihr Brustkorb eng. Helens gute Laune fühlte sich wie ein Verrat an. Wie konnte sie glücklich sein, während ihre Tochter Höllenqualen litt? Wie zur Bestätigung summte sie in diesem Moment eine Passage aus Cry Me A River von Dinah Washington. Ja, dachte Milla bitter. Das hier ist auch zum Heulen! Helens Welt hatte sich zum Besseren gewandelt, wäh-rend ihre von Tag zu Tag schlimmer wurde. Sie ballte die Hände zu Fäusten. „Hey!“ Ihre Mutter zuckte zusammen, nahm die Kopfhörer ab und schenkte ihr ein Lächeln. Als sie die Miene ihrer Tochter sah, hob sie fragend die Brauen. „Wusstest du, dass Papa in Shanghai ist?“ „Er hat so etwas erwähnt.“ Sie füllte ihre Tasse mit Kaffee. „Du wusstest es?“ Sie konnte es nicht glauben. „Und hast mir nichts gesagt, obwohl klar ist, dass ich morgen zu ihm fliegen wollte?“ „Spätzchen, ich hatte keine Ahnung, wann er fort ist.“ Na toll, jetzt war es auch noch ihre Schuld. Millas Brust wurde noch enger, und als sie weitersprach, zitterte ihre Stimme. „Du und Paul, ihr denkt immer nur an euch. Hauptsache ihr bekommt, was ihr wollt, der Rest ist euch schnuppe.“ „Milla.“ Helens Ton war sanft. „Dein Vater und ich haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Auch für uns ist diese Zeit nicht einfach …“ „Das soll wohl ein Witz sein! Du hast Papa für einen anderen sitzen lassen. Hast du dich jemals gefragt, wie ich mich dabei fühle?“ Milla schrie jetzt beinahe. Und dann passierte das, was immer geschah, wenn sie sich mit ihrer Mutter stritt. Helen zog die Mitleids-Karte. Ihre Augen wurden feucht und sie schluckte hart. Die Tränen waren echt, das wusste sie. Dennoch verfluchte sie ihre Mutter im Geiste, denn wenn sie sie so ansah, wie in diesem Augenblick, fühlte sie sich schuldig, und das machte sie noch viel wütender. Trotz der Tränen hatte sie das Bedürfnis sie anzuschreien, bis sie ihr zuhörte. Doch ihre Heulattacken waren jedes Mal die ultimative Notbremse, dagegen war sie machtlos. Wenn sie jetzt weitermachte, wäre sie das Biest und ihre Mutter das Unschuldslamm. Dabei war es genau umgekehrt! Nicht sie hatte alles kaputt gemacht, sondern Helen. Mit einem genervten Schnauben drehte sie sich um und wäre fast in Mac gerannt, der unbemerkt die Küche betreten hatte. Erschrocken schnappte sie nach Luft, dann sah sie, dass er nicht allein war. Ein Junge, den sie auf Anfang zwanzig schätzte, stand neben ihm. Er war mindestens einen Kopf größer als sie mit dunklen Augen, die sie neugierig betrachteten. Sein Kinn war genauso kantig wie das von Mac, doch da endete die Ähnlichkeit auch schon. Er hatte zerzaustes braunes Haar und dunkle Augen. Seine linke Braue zierte eine feine weiße Narbe, die sie in der Mitte teilte. Er trug dunkelblaue Jeans und ein enges schwarzes T-Shirt, das nichts der Fantasie überließ. Offensichtlich trainierte er regelmäßig, denn solche Muskeln bekam man nicht vom Schachspielen. Apropos spielen. Er trug eine Gitarre auf dem Rücken, deren Tragegurt sich über breite Schultern und einem ansehnlichen Waschbrettbauch spannte. Passend dazu hatte er einen Bizeps, der aussah, als würde er jeden Moment die Ärmel seines Shirts sprengen. Also ehrlich, brachte Mac seine Mitarbeiter jetzt schon mit nach Hause? Milla starrte erst ihn, dann Mac an. Letzterer räusperte sich. „Helen, Milla, das ist Colin, mein Sohn. Ich habe ihn aus Schottland mitgebracht, er wird eine Zeit lang bei uns leben.“ Millas Kinnlade fiel hinunter. „Du hast einen Sohn?“ Als sie sich an ihre Mutter wandte, um zu sehen, wie sie diese Mitteilung aufnahm, war diese bereits bei ihm und umarmte ihn fest. „Will-kommen, Colin, ich freue mich so!“ Für einen Augenblick verschlug es ihr die Sprache. „Du hast das gewusst?“ Ihre Mutter löste sich, sie wirkte verwirrt. „Natürlich.“ „Und hast mir nichts davon gesagt?“ Macs Blick wanderte von Helen zu ihr und wieder zu-rück. Offensichtlich war es Helens Job gewesen, Milla über den neuen Bruder in Kenntnis zu setzen. Ihre Wangen röteten sich pflichtschuldigst und sie biss sich auf die Lippe. „Tut mir leid, Spätzchen. Ich wollte es dir sagen, aber meine Ausstellung ist in vier Wochen und ich hatte so viel um die Ohren. Und du gehst mir seit Wochen aus dem Weg …“ Warum wohl. „Dann hast du wohl auch vergessen mir zu sagen, dass Papa dieses Wochenende in Shanghai ist.“ Ihre Mutter rieb sich die Stirn und hinterließ dabei ei-nen schmalen Streifen blauer Farbe. Es hätte niedlich ausgesehen, wäre Milla nicht so zornig gewesen. „Ich glaub’s nicht!“ Als Tränen ihre Augen füllten, machte sie auf dem Absatz kehrt und drängte sich an Mac und Colin vorbei aus der Küche. Im Flur schnappte sie sich ihren Strickmantel und lief aus dem Haus. Draußen schlug sie den Weg zum Rhein ein. Der einzige Vorteil ihres Umzugs bestand darin, dass sie nun einen Katzensprung vom Stall in Köln-Weiß wohnte. Zitternd vor Wut zog sie den dünnen Mantel fester um sich und stampfte zum Gut von Bauer Aldenhoven, bei dem sie eine Box für Snow, ihren Wallach, gemietet hatte. Eigentlich gehörte er ihr nur halb. Snows andere Hälfte besaß eine Frau im Alter ihrer Mutter, die nicht mehr die Zeit hatte, ihn so regelmäßig zu bewegen, wie er es brauchte. Als sie noch in Spandau gelebt hatten, konnte Milla nicht so oft ausreiten wie jetzt, da ihr Pferd in Falkenha-gen stand, einem Gut, das zu Brandenburg gehörte. Mit dem Auto ging es relativ schnell, aber zu Fuß war es eindeutig zu weit. Was bedeutete, dass ihre Mutter sie jedes Mal fahren musste, dabei war sie mindestens so beschäftigt, wie Paul. Also war es darauf hinausgelaufen, dass Millas Ausritte aufs Wochenende begrenzt waren. Dafür hatte ihr ein riesiges Ausreitgebiet zur Verfügung gestanden, im Gegensatz zu den mickrigen Möglichkeiten, die sich ihr in Köln-Weiß boten. Nichtsdestotrotz hatte sie sich gleich nach dem Umzug auf die Suche nach einer neuen Reitbeteiligung gemacht. Zunächst hatte sie keinen Erfolg, allerdings nicht aus Mangel an Angeboten. Aber entweder verstand sie sich nicht mit dem Besitzer oder das Pferd war derart verrit-ten, dass es sich Unarten angewöhnt hatte, denen sie sich nicht aussetzen wollte. Am Ende fand sie Snow oder besser, er hatte sie gefunden. Mit einem Sprung über den lästigen Zaun war er seiner Koppel entkommen, um auf der benachbarten Weide zu grasen. Während Milla im saftigen Klee lag, beobachtete sie, wie er die Halme um sie herum herausrupfte. Schließlich schnaubte er ihr empört ins Gesicht, weil sie in seinem Essen lag. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Snow war ein bildschöner Andalusier mit langer Mähne und gutmütigem Charakter. Seine Nähe beruhigte sie, so sehr, dass er schnell zu einer Konstante wurde, ihrem Halt. Das Leben in Berlin war auch vor der Trennung ihrer Eltern nicht geordnet gewesen. Warmes Essen gab es nur, wenn sie es im Supermarkt kaufte und selbst zu-bereitete. Sie hatte sich um den Haushalt gekümmert, selbst um die Wäsche. Doch die vergangenen Monate waren das reinste Chaos gewesen, ein schwarzes Loch, das sie allmählich zu verschlingen drohte. Als sie in den Sandpfad einbog, scannte sie die Koppel nach einem grauen Riesen auf vier Hufen ab und stieß einen lauten Pfiff aus. Snows Ohren zuckten, dann stampfte er mit dem rechten Vorderhuf auf und sah ihr erwartungsvoll entgegen. Ein weiterer Pfiff folgte, und er setzte sich in Bewegung. Zunächst langsam, dann schneller, bis er schließlich zum Eingang der Weide galoppierte. Sie gab ihm einen Schmatzer auf den Nasenrücken – mhmm, er roch nach Minze und Gras – ergriff das Halfter, das am Tor an einem Holzpflock hing, und führte ihn auf das kleine Gut. Dort angekommen band sie ihn in der Stallgasse an, danach suchte sie seine Siebensachen zusammen. Ein paar Minuten später kratzte sie die Hufe aus und striegelte ihn, bis das hellgraue Fell glänzte. Die Tätigkeit half ihr, sich abzureagieren und ruhiger zu werden. Nachdem Mähne und Schweif ausgekämmt waren, gab sie Snow einen Apfel aus der Vorratskammer und sah zu, wie er ihn samt Gehäuse verspeiste. Anschließend legte sie das Zaumzeug an, führte ihn zu einem Baumstumpf, den sie als Stufe benutzte, und glitt auf seinen Rücken. Da Snows Sattel nicht mehr richtig auflag und ihm wehtat, verzichtete sie darauf. Er brauchte dringend einen neuen. September irgendwas 2013 – habe das Datum gerade nicht im Kopf Heute war der beschissenste Tag meines beschissenen Lebens! Aber ich greife vor, immerhin habe ich seit Wochen nichts geschrieben. Wie auch, ich komme zu nichts, seit meine Mutter diesen Penner geheiratet hat. Im Juli sind wir nach Köln gezogen, was bedeutet, dass ich in einer neuen Stadt noch einmal von vorn anfangen durfte: neue Schule, neue Leute, neues Haus. Danke, Ma! Ich bin ja immer noch der Meinung, dass meine Mutter den Verstand verloren hat. Ich meine, wie lange hat sie diesen Typen gekannt, bevor sie ihn vor den Altar gezerrt hat, fünf Minuten oder was? Verglichen mit Berlin ist Köln ein Dorf. Aber das Schlimmste ist, dass Papa in der Hauptstadt geblieben ist und ich ihn seit einer Ewigkeit nicht gesehen habe. Wenn ich heulen könnte, stünde mein Zimmer mittlerweile unter Wasser. Stattdessen bekomme ich keinen Bissen runter. Aber es gibt auch gute Nachrichten. Mein Stiefdingsbums ist am Montag nach Edinburgh geflogen (jippijaijey!), kommt aber heute zurück (shit!). Das Beste an ihm ist, dass er mich in Ruhe lässt. Trotzdem ist er irgendwie unheimlich. Was meine Mutter in ihm sieht, ist mir schleierhaft. Ich meine, er ist nicht mal ihr Typ. Wenn es je zwei Menschen gegeben hat, die nicht zusammenpassen, dann diese beiden. Er ist Engländer, Schotte, um genau zu sein. Wenn mal ein Schottenwitz passt, dann die Sache mit dem Geiz. Nicht, dass er knauserig ist oder so. Aber er spricht so wenig, als müsste er jedes Wort bezahlen. Und dann ist er auch noch superkorrekt und ordentlich. Würde mich nicht wundern, wenn er seine Boxershorts bügelt. Jetzt erklär mir mal einer, wie das zusammenpasst: er und meine Mutter – Hallo? Sie ist, nun, eben Helen. Schusselig und voll vergesslich. Ich gebe ihnen ein halbes Jahr, dann ist diese Beziehung Geschichte. Tja, und gerade als ich dachte, dass meine Woche nicht schlimmer werden kann, bekomme ich eine Mail von Emma. Sie geht in meine Klasse und ist supernett. Wir hängen oft zusammen ab, und so wie ich das sehe, ist sie Anwärterin als meine neue beste Freundin. Eigentlich wollte ich nach dem letzten Desaster keine beste Freundin mehr, aber bei Emma liegt die Wahrscheinlichkeit bei siebzig, fünfundsiebzig Prozent. Jedenfalls schreibt sie, dass Nick in zwei Wochen eine Riesenparty schmeißt, und sie auf eine Einladung hofft. Nick alias Niklas ist der mit Abstand heißeste Typ meiner Schule, aber leider schon vergeben. Zugegeben, in seinem Universum existiere ich praktisch nicht, aber man wird ja wohl noch träumen dürfen, oder? Der einzige Lichtblick ist mein Flug morgen Nachmittag: AB6502, 16:55 Uhr ab Köln. Um 18:00 Uhr bin ich bei Papa und verbringe das ganze Wochenende mit ihm. Gepackt habe ich schon, fehlt nur noch … Ups, ich muss Schluss machen, eben kommt eine E-Mail. Wahrscheinlich von Emma. Vielleicht hat Nick mich ja doch bemerkt und lässt über sie anfragen, ob der Hauch einer Chance besteht, dass ich eventuell zu seiner Feier komme … Aber klar doch! Milla ließ das Tagebuch zuschnappen und warf es auf das Bett hinter sich. Sie hatte sich noch nicht an ihre neue Umgebung gewöhnt, obwohl sie nun viel ausgedehnter wohnten als in ihrer Altbauwohnung in Berlin-Spandau. Ihr Zimmer war dreimal größer als das alte, hell und freundlich mit drei riesigen Balkonfenstern und einem weißen Himmelbett. Die Protz-Schlafstätte war Macs Idee gewesen, ihrem Stiefdingsbums. Er glaubte wohl, dass ihr so etwas gefallen würde. Um ihm eins auszuwischen, hatte sie bis auf die gerahmten Fotos und den Schuluniformen nichts ausgepackt. Überall standen Umzugskisten im Weg, die ihrem Zimmer einen gewollt ungemütlichen Touch verliehen. Die Aussage war klar. Wozu auspacken, hier bleibe ich ohnehin nicht lange. Alles roch neu. Ein Mix aus frischer Farbe, Holz und Bohnerwachs. Mac hatte keine Kosten und Mühen ge-scheut, sich bei ihr einzuschleimen. Den komischen Spitznamen haben ihm seine James Bond-Kollegen ver-passt, aus der Zeit, als er Mini-Kameras und Abhörgeräte für den englischen Nachrichtendienst entwickelt hat. Vermutlich wegen seiner schottischen Vorfahren, was wusste sie schon. Eigentlich hieß er Sam, aber außer ihrer Mutter nannte ihn niemand so. Und das auch nur, wenn er unangemeldet in ihr Atelier platzte, also, wenn sie sauer auf ihn war – was leider viel zu selten vorkam. Eigentlich so gut wie nie. An diesem Punkt würde Milla noch arbeiten müssen, aber zuerst die E-Mail. Sie war von ihrem Vater. Vermutlich brauchte er die Flugnummer oder so was. Schnell überflog sie den kurzen Text. Ihre Finger krampften sich um die Maus, bis die Knöchel weiß hervortraten. Ungläubig las sie die Nachricht ein zweites Mal: Sorry Kleines, wir müssen unser gemeinsames Wochenende verschieben. Bin auf dem Weg nach Shanghai, wir bauen dort einen Hotel-komplex. Melde mich wieder, wenn ich zurück bin. xxx Paul Genau das war der Grund, warum sich ihre Mutter hatte scheiden lassen. Er war nie da. Ausgerechnet jetzt, wo sie ihn dringender brauchte als je zuvor, ließ er sie auflaufen. Als Architekt jettete er regelmäßig über den Globus und tauchte nur selten zu Hause auf. Für sie hatte er allerdings immer Zeit gehabt, auch wenn sie einen Großteil der Kommunikation über den elektronischen Weg führen mussten. Doch seit sie fortgezogen waren, wurden die Abstände zwischen den Mails länger, und er meldete sich auch nicht mehr sofort, wenn sie ihm eine Nachricht hinterließ. Millas Herz raste, während sie seinen Dreizeiler ein weiteres Mal las. Was sollte das werden, hatte er sich am Ende auch von ihr getrennt? Eine Mischung aus Schmerz und Wut zog sich in ihrer Mitte zu einem festen Klumpen zusammen. Diese zu-sammengeklempnerte Familiennummer wurde ihr lang-sam zu viel, zumal das Ganze offensichtlich nicht funktionierte. Wie konnte Paul absagen, sie hatten sich mehr als sie-ben Wochen nicht gesehen! Womit hatte sie die Rück-sichtslosigkeit ihrer Eltern verdient? Wie konnte sich ihre Mutter verlieben, wenn das bedeutete, dass sie damit die Familie auseinanderriss? Eine Kombination aus Gedankenlosigkeit und fehlen-der Informationsübermittlung hatte dazu geführt, dass Milla erst von der Scheidung erfuhr, als diese praktisch rechtskräftig war. Durch Pauls lange Auslandsabwesen-heiten verzichtete die Richterin auf das Trennungsjahr, dabei hätte Milla alles dafür gegeben, mehr Zeit mit den beiden zu verbringen. Zeit zum Reden, aber auch, um sich an die neue Situation zu gewöhnen. Ihr Vater war ausgezogen, und die Scheidung in Rekordzeit durch. Die Tinte auf dem Dokument war noch nicht trocken, da schleppte ihre Mutter diesen Mac an, mit dem sie sich anscheinend schon eine ganze Weile getroffen hatte. Milla hatte ihr Bestes getan, ihn zu ignorieren, doch das wurde unmöglich, als sie nach Köln in sein Haus zogen. Während der Sommerferien hatte sie sich entweder in ihrem Zimmer oder im Stall verkrochen und war für keinen seiner Annäherungsversuche zugänglich. Nicht einmal, als er ihr ein MacBook kaufte, nachdem ihr altes den Geist aufgegeben hat. Glaubte er wirklich, dass er sie bestechen konnte? Eine Woche lag das Teil originalverpackt in ihrem Zimmer, bis sie einen PC zum Chat mit ihrem Vater brauchte. Also schön. Warum sollte der Typ nicht dafür blechen, dass sie mit Paul reden konnte? Über ihren neuen Rech-ner bestellte sie dann auch die Flugtickets nach Berlin und bezahlte sie mit Macs Kreditkarte, die er unvorsichtigerweise auf dem Esstisch hatte liegen lassen. Pech für ihn. Ihre Mutter war deswegen fuchsteufelswild gewesen und hatte sie zu einer Woche Fernsehverbot verdonnert. Fernsehverbot! Wo lebte diese Frau, das hier war das digitale Zeitalter. Mit einem Klick konnte man sich jeden Film aufs Handy laden, also ehrlich. Doch Mac wollte es so, behauptete sogar, dass er die Amex deswegen rausgelegt hatte. Aber klar doch. Wie auch immer. Milla war der Ansicht, dass er noch lange nicht genug bezahlt hatte. Immerhin musste sie seinetwegen hier leben, er hatte ihre Eltern auseinander-gebracht. Dieser Mistkerl musste gewusst haben, dass Helen verheiratet war, immerhin trug sie einen Ehering. Aber das war ihm schnurzegal gewesen. Er hatte sich in ihr Leben gedrängt, obschon glasklar war, was auf dem Spiel stand – ihre Familie. Mac hatte ihr nicht nur die Mutter gestohlen, sondern auch den Vater. Und der sagte nun das erste gemeinsame Wochenende ab, seit sie weggezogen waren. Dass nun selbst der Anschein von Ordnung wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrach, schlug dem Fass den Boden aus. Nichts war in Ordnung! Ihr Vater lebte in Berlin, während sie sechs Autostunden entfernt in diesem elenden Kaff festhing, unter dem Dach eines Mannes, dem sie diesen ganzen Mist zu verdanken hatte. Und Helen tat so, als wäre das die tollste Sache der Welt. Leises Geschirrgeklapper und der Duft frisch aufge-brühten Kaffees riss sie aus ihren Gedanken. Anschei-nend werkelte ihre Mutter in der Küche. Plötzlich wusste sie, wohin sie ihren angestauten Zorn richten konnte. Zähneknirschend stieß sie die Tür zu ihrem Zimmer auf und flog förmlich die Treppe nach unten. In der Küche drehte Helen ihr den Rücken zu und bewegte sich sachte im Takt einer Melodie, die nur sie hören konnte. Wie so oft befand sie sich in ihrem eigenen Paralleluniversum: Die Stöpsel des iPods in den Ohren, den Blick in die Ferne gerichtet. Abgekapselt. Unerreichbar. Darf ich vorstellen, meine Mutter. Sie trug eines von Macs Flanellhemden, das ihr mindestens drei Nummern zu groß war, eine ausgewaschene Jeans und Flip-Flops. Ihre nackten Füße waren mit blauen Sprenkeln übersät. Anscheinend kam sie gerade aus dem Atelier um sich einen Kaffee aufzubrühen. Eine ganze Kanne sogar, wie merkwürdig. Normalerweise bereitete sie jede Tasse einzeln zu, ein Ritual, dessen Sinn sich Milla bisher nicht erschlossen hatte. Mit einem Mal wurde ihr Brustkorb eng. Helens gute Laune fühlte sich wie ein Verrat an. Wie konnte sie glücklich sein, während ihre Tochter Höllenqualen litt? Wie zur Bestätigung summte sie in diesem Moment eine Passage aus Cry Me A River von Dinah Washington. Ja, dachte Milla bitter. Das hier ist auch zum Heulen! Helens Welt hatte sich zum Besseren gewandelt, wäh-rend ihre von Tag zu Tag schlimmer wurde. Sie ballte die Hände zu Fäusten. „Hey!“ Ihre Mutter zuckte zusammen, nahm die Kopfhörer ab und schenkte ihr ein Lächeln. Als sie die Miene ihrer Tochter sah, hob sie fragend die Brauen. „Wusstest du, dass Papa in Shanghai ist?“ „Er hat so etwas erwähnt.“ Sie füllte ihre Tasse mit Kaffee. „Du wusstest es?“ Sie konnte es nicht glauben. „Und hast mir nichts gesagt, obwohl klar ist, dass ich morgen zu ihm fliegen wollte?“ „Spätzchen, ich hatte keine Ahnung, wann er fort ist.“ Na toll, jetzt war es auch noch ihre Schuld. Millas Brust wurde noch enger, und als sie weitersprach, zitterte ihre Stimme. „Du und Paul, ihr denkt immer nur an euch. Hauptsache ihr bekommt, was ihr wollt, der Rest ist euch schnuppe.“ „Milla.“ Helens Ton war sanft. „Dein Vater und ich haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Auch für uns ist diese Zeit nicht einfach …“ „Das soll wohl ein Witz sein! Du hast Papa für einen anderen sitzen lassen. Hast du dich jemals gefragt, wie ich mich dabei fühle?“ Milla schrie jetzt beinahe. Und dann passierte das, was immer geschah, wenn sie sich mit ihrer Mutter stritt. Helen zog die Mitleids-Karte. Ihre Augen wurden feucht und sie schluckte hart. Die Tränen waren echt, das wusste sie. Dennoch verfluchte sie ihre Mutter im Geiste, denn wenn sie sie so ansah, wie in diesem Augenblick, fühlte sie sich schuldig, und das machte sie noch viel wütender. Trotz der Tränen hatte sie das Bedürfnis sie anzuschreien, bis sie ihr zuhörte. Doch ihre Heulattacken waren jedes Mal die ultimative Notbremse, dagegen war sie machtlos. Wenn sie jetzt weitermachte, wäre sie das Biest und ihre Mutter das Unschuldslamm. Dabei war es genau umgekehrt! Nicht sie hatte alles kaputt gemacht, sondern Helen. Mit einem genervten Schnauben drehte sie sich um und wäre fast in Mac gerannt, der unbemerkt die Küche betreten hatte. Erschrocken schnappte sie nach Luft, dann sah sie, dass er nicht allein war. Ein Junge, den sie auf Anfang zwanzig schätzte, stand neben ihm. Er war mindestens einen Kopf größer als sie mit dunklen Augen, die sie neugierig betrachteten. Sein Kinn war genauso kantig wie das von Mac, doch da endete die Ähnlichkeit auch schon. Er hatte zerzaustes braunes Haar und dunkle Augen. Seine linke Braue zierte eine feine weiße Narbe, die sie in der Mitte teilte. Er trug dunkelblaue Jeans und ein enges schwarzes T-Shirt, das nichts der Fantasie überließ. Offensichtlich trainierte er regelmäßig, denn solche Muskeln bekam man nicht vom Schachspielen. Apropos spielen. Er trug eine Gitarre auf dem Rücken, deren Tragegurt sich über breite Schultern und einem ansehnlichen Waschbrettbauch spannte. Passend dazu hatte er einen Bizeps, der aussah, als würde er jeden Moment die Ärmel seines Shirts sprengen. Also ehrlich, brachte Mac seine Mitarbeiter jetzt schon mit nach Hause? Milla starrte erst ihn, dann Mac an. Letzterer räusperte sich. „Helen, Milla, das ist Colin, mein Sohn. Ich habe ihn aus Schottland mitgebracht, er wird eine Zeit lang bei uns leben.“ Millas Kinnlade fiel hinunter. „Du hast einen Sohn?“ Als sie sich an ihre Mutter wandte, um zu sehen, wie sie diese Mitteilung aufnahm, war diese bereits bei ihm und umarmte ihn fest. „Will-kommen, Colin, ich freue mich so!“ Für einen Augenblick verschlug es ihr die Sprache. „Du hast das gewusst?“ Ihre Mutter löste sich, sie wirkte verwirrt. „Natürlich.“ „Und hast mir nichts davon gesagt?“ Macs Blick wanderte von Helen zu ihr und wieder zu-rück. Offensichtlich war es Helens Job gewesen, Milla über den neuen Bruder in Kenntnis zu setzen. Ihre Wangen röteten sich pflichtschuldigst und sie biss sich auf die Lippe. „Tut mir leid, Spätzchen. Ich wollte es dir sagen, aber meine Ausstellung ist in vier Wochen und ich hatte so viel um die Ohren. Und du gehst mir seit Wochen aus dem Weg …“ Warum wohl. „Dann hast du wohl auch vergessen mir zu sagen, dass Papa dieses Wochenende in Shanghai ist.“ Ihre Mutter rieb sich die Stirn und hinterließ dabei ei-nen schmalen Streifen blauer Farbe. Es hätte niedlich ausgesehen, wäre Milla nicht so zornig gewesen. „Ich glaub’s nicht!“ Als Tränen ihre Augen füllten, machte sie auf dem Absatz kehrt und drängte sich an Mac und Colin vorbei aus der Küche. Im Flur schnappte sie sich ihren Strickmantel und lief aus dem Haus. Draußen schlug sie den Weg zum Rhein ein. Der einzige Vorteil ihres Umzugs bestand darin, dass sie nun einen Katzensprung vom Stall in Köln-Weiß wohnte. Zitternd vor Wut zog sie den dünnen Mantel fester um sich und stampfte zum Gut von Bauer Aldenhoven, bei dem sie eine Box für Snow, ihren Wallach, gemietet hatte. Eigentlich gehörte er ihr nur halb. Snows andere Hälfte besaß eine Frau im Alter ihrer Mutter, die nicht mehr die Zeit hatte, ihn so regelmäßig zu bewegen, wie er es brauchte. Als sie noch in Spandau gelebt hatten, konnte Milla nicht so oft ausreiten wie jetzt, da ihr Pferd in Falkenha-gen stand, einem Gut, das zu Brandenburg gehörte. Mit dem Auto ging es relativ schnell, aber zu Fuß war es eindeutig zu weit. Was bedeutete, dass ihre Mutter sie jedes Mal fahren musste, dabei war sie mindestens so beschäftigt, wie Paul. Also war es darauf hinausgelaufen, dass Millas Ausritte aufs Wochenende begrenzt waren. Dafür hatte ihr ein riesiges Ausreitgebiet zur Verfügung gestanden, im Gegensatz zu den mickrigen Möglichkeiten, die sich ihr in Köln-Weiß boten. Nichtsdestotrotz hatte sie sich gleich nach dem Umzug auf die Suche nach einer neuen Reitbeteiligung gemacht. Zunächst hatte sie keinen Erfolg, allerdings nicht aus Mangel an Angeboten. Aber entweder verstand sie sich nicht mit dem Besitzer oder das Pferd war derart verrit-ten, dass es sich Unarten angewöhnt hatte, denen sie sich nicht aussetzen wollte. Am Ende fand sie Snow oder besser, er hatte sie gefunden. Mit einem Sprung über den lästigen Zaun war er seiner Koppel entkommen, um auf der benachbarten Weide zu grasen. Während Milla im saftigen Klee lag, beobachtete sie, wie er die Halme um sie herum herausrupfte. Schließlich schnaubte er ihr empört ins Gesicht, weil sie in seinem Essen lag. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Snow war ein bildschöner Andalusier mit langer Mähne und gutmütigem Charakter. Seine Nähe beruhigte sie, so sehr, dass er schnell zu einer Konstante wurde, ihrem Halt. Das Leben in Berlin war auch vor der Trennung ihrer Eltern nicht geordnet gewesen. Warmes Essen gab es nur, wenn sie es im Supermarkt kaufte und selbst zu-bereitete. Sie hatte sich um den Haushalt gekümmert, selbst um die Wäsche. Doch die vergangenen Monate waren das reinste Chaos gewesen, ein schwarzes Loch, das sie allmählich zu verschlingen drohte. Als sie in den Sandpfad einbog, scannte sie die Koppel nach einem grauen Riesen auf vier Hufen ab und stieß einen lauten Pfiff aus. Snows Ohren zuckten, dann stampfte er mit dem rechten Vorderhuf auf und sah ihr erwartungsvoll entgegen. Ein weiterer Pfiff folgte, und er setzte sich in Bewegung. Zunächst langsam, dann schneller, bis er schließlich zum Eingang der Weide galoppierte. Sie gab ihm einen Schmatzer auf den Nasenrücken – mhmm, er roch nach Minze und Gras – ergriff das Halfter, das am Tor an einem Holzpflock hing, und führte ihn auf das kleine Gut. Dort angekommen band sie ihn in der Stallgasse an, danach suchte sie seine Siebensachen zusammen. Ein paar Minuten später kratzte sie die Hufe aus und striegelte ihn, bis das hellgraue Fell glänzte. Die Tätigkeit half ihr, sich abzureagieren und ruhiger zu werden. Nachdem Mähne und Schweif ausgekämmt waren, gab sie Snow einen Apfel aus der Vorratskammer und sah zu, wie er ihn samt Gehäuse verspeiste. Anschließend legte sie das Zaumzeug an, führte ihn zu einem Baumstumpf, den sie als Stufe benutzte, und glitt auf seinen Rücken. Da Snows Sattel nicht mehr richtig auflag und ihm wehtat, verzichtete sie darauf. Er brauchte dringend einen neuen.


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