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Belletristik
Buch Leseprobe Mica, Lara Wegner
Lara Wegner

Mica


Söhne der Luna 04

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Babylon im Sommer 2985 v. Chr.


Außerhalb des Palastes flirrte Sommerhitze über den Gärten, doch im Inneren sorgten dicke Mauern und über die Wände fließendes Wasser für Kühlung. Sonnenstrah-len drückten sich durch die Ritzen der Holzläden und zeichneten ein haarfeines Muster aus Licht auf den Mar-morboden. In dem weiten Gemach mischte sich der Ge-ruch von Sandelholz und Limette mit dem Duft eines reifen Granatapfels. Mit einem tiefen Atemzug rekelte sich Eden auf dem weichen Lager. Sie mochte diese langen Nachmittags-stunden, in denen der spärliche Lichteinfall ihrem Liebesspiel eine betörende Langsamkeit aufzwang. Aus dem Augenwinkel spähte sie zur Seite. Neben ihr ruhte ihr Gemahl und Geliebter. Ihr Gebieter und Sklave. Im Zwielicht des abgedunkelten Gemachs schimmerte seine schweißfeuchte Haut wie Alabaster. Ein geradezu närri-sches Glücksgefühl durchströmte sie. Sie rollte sich auf die Seite und drückte einen Kuss auf seine Schulter. „Mica, soll ich dir verraten, was ich über dich dachte, bevor wir uns begegneten?“ Ohne die Augen zu öffnen, lächelte er. Sinnlich nann-ten die Lamia am Hof von Babylon sein Lächeln. Sie hielt es eher für süffisant. „Nur wenn es mir schmeichelt.“ Kichernd legte sie die Hand auf seine Brust. Seine Haut besaß die Zartheit einer Lotosblüte, doch die Muskeln darunter blieben selbst im Ruhezustand hart und klar definiert. Unwillkürlich fragte sie sich, wie viele Lamia im Gefolge seiner Mutter sich danach sehnten, ihn zu berühren und wie vielen von ihnen er diese Sehnsucht erfüllt hatte. „Um ehrlich zu sein, hielt ich dich für einen eingebilde-ten, maßlos von sich überzeugten Knabenvampir.“ Als er die Lider hob, versank sie im Türkis seines Bli-ckes. Wahrlich, es gab keinen anderen Ewigen, der sich dieser intensiven Augenfarbe rühmen konnte. Milder Spott funkelte darin. „Und das von einer Lamia, die ihren siebzehnten Som-mer soeben erst vollendet hat.“ Wieder einmal brachte er sie in Verlegenheit. Zugege-ben, sie war jung, ihre Mutter Yasmen würde gar behaupten, zu jung. Andererseits zählte er selbst erst vierundzwanzig Jahre. In Anbetracht der vor ihnen liegenden Ewigkeit machte es keinen großen Unterschied, obwohl er bereits den Körper eines erwachsenen Mannes besaß, während sie noch darauf hoffte, mindestens eine oder zwei Handbreit zu wachsen. So wie er sie angrinste, wusste er davon. „Was dachtest du über mich, als ich im Audienzsaal auf dich zukam?“, bohrte sie nach. „Hm. Lass mich überlegen.“ Träge zog seine Hand ei-nen Kreis über ihre Hüfte und glitt in einer sanften Lieb-kosung über ihren Rücken in ihren Nacken. „Zuerst dachte ich, sie ist ziemlich gut genährt für eine so kleine Lamia.“ „Wie bitte?“ Fest zupfte sie an einer seiner goldblonden Locken. „Das ist wenig schmeichelhaft, Mica Goldlocke.“ Ihre Bemerkung ignorierend fuhr er fort. „Kurz darauf dachte ich, weshalb nennt Mutter sie brünett? Ihr Haar besitzt die Farbe von Rosenholz. So glatt und weich.“ „Glatt?“ „Nun ja, bis auf die verdrehten Spitzen am Ende.“ Mü-helos hob er sie über sich und grub die Finger in ihr Haar. Das Funkeln seiner Augen nahm zu. Ein Schnurr-laut kam aus seiner Kehle und jagte ihr einen Schauder des Wohlbehagens über den Rücken. „Zuletzt dachte ich, das Paradies hat einen Namen – Eden.“ Woher nahm er bloß immer diese wundervollen Worte? Sie sann über ein ähnlich bestrickendes Kompliment nach und gab es auf. Stattdessen küsste sie ihn. Seine Lippen teilten sich. In seinem Mund haftete noch die Süße von Granatapfel. Der Geschmack ihres Blutes. Vier Tage nach ihrer Ankunft hatte sie es ihm zum ers-ten Mal geschenkt. In der Wüste, weit hinter Babylon und fernab der Aufsicht ihrer Eltern war es geschehen, nachdem er ihre Mutter um Erlaubnis gebeten hatte, sie auf einen Ausflug mitnehmen zu dürfen. Sein erster Kuss verriet weder Zweifel, noch kannte er Angst vor dem Gift ihrer Fänge. Es gab einzig ihn und sie im Wüstensand, das Brennen ihrer Leidenschaft und das Geschenk des Blutes. Offiziell sollte ihre Vermählung erst stattfinden, wenn sie alt genug für ein eigenes Revier waren, doch inoffiziell wurden sie durch das Blutgeschenk bereits zu Gemahl und Gemahlin. Ein Bekenntnis für die Ewigkeit. Seitdem schlich sie jeden Nachmittag, wenn ihre Eltern unter Sonnensegeln im Garten schliefen, durch unterirdische Gänge in seine Gemächer. Dort verbrachten sie lange, ihrer Liebe geweihte Stunden und übertraten jedes von ihren Müttern gesetzte Gebot. Bald mussten sie ihr Geheimnis preisgeben. Sie löste sich von seinen Lippen und hob den Kopf. „Was wird Selene sagen, wenn sie von uns erfährt?“ Was Yasmen dazu sagen würde, wusste sie bereits. Abend für Abend wurde sie von ihrer Mutter ermahnt: Spare mit deinem Vertrauen. Hüte deine Zunge. Selene und Kinai stecken voller Tücke und er ist ihr Sohn. Eden nickte zu allem und suchte Mica wenige Stunden später wieder heimlich auf. Ihr Besuch in Babylon neigte sich dem Ende und bis sie sich wiedersahen, konnten Jahre vergehen. Solange blieb ihr lediglich die Erinnerung an die gemeinsamen Nachmittage. „Was soll sie schon sagen?“ Mica zuckte mit den Schultern. „Die Verhandlungen zu unserer Hochzeit stehen vor dem Abschluss. Unsere Vermählung ist bereits beschlossen. Natürlich wird sie uns rügen, weil wir das Ende der Zeremonie an den Anfang setzten. Wir geben uns gebührend zerknirscht und damit ist es erledigt.“ „Bei dir klingt alles stets so einfach.“ „Es ist einfach, Eden. Du machst dir zu viele Sorgen.“ Weil sie Yasmen und ihren Stolz kannte. Schließlich gehörten sie zu den wenigen Nachfahren der Naamah. Eingedenk des edlen Blutes nahm es ihre Mutter mit den Traditionen und Gebräuchen des alten Volkes sehr ge-nau. Bei aller Begeisterung für die von ihr initiierten Hochzeitspläne mit dem Sohn des Goldenen und dem damit verbundenen Aufstieg hielt Yasmen sie noch im-mer für ein Kind. Es würde ihr nicht gefallen, dass ihre einzige Tochter das Bett mit einem Vampir teilte – gleichgültig, ob er ihr Bräutigam war oder nicht. „Wann wollen wir uns ihnen anvertrauen? Wenn sie es offiziell verkünden?“ Kurz schien Mica zu zögern. „Was hältst du von heute Nacht?“ „So bald schon?“ „Es ist die Nacht meines ersten Duells. Die Freude über meinen Sieg wird sie wohlwollend stimmen. Zumindest meinen Vater und auf ihn kommt es letztendlich an.“ Die Erwähnung des Duells zerstörte die Leichtigkeit des Nachmittags. Abrupt setzte sich Eden auf, zog die Beine an und schlang die Arme darum. „Dieses Duell gefällt mir nicht. Muss es denn sein?“ „Sicher, es findet euch zu Ehren statt.“ Ihr Blick glitt an dem Ebenmaß seines hingestreckten Körpers entlang. Sie wollte sich nicht vorstellen, wie eine Klinge ihn traf und Blut über seine helle Haut floss. Oder erleben, wie sich sein Gesicht vor Schmerz verzerrte. Sie berührte sein Goldhaar, grub die Finger in die üppigen, zerzausten Locken. Sie waren weich wie Daunen. „Ich kann gut auf diese Ehre verzichten.“ „Sag bloß, du hast Angst um mich.“ Mica hob sich auf die Ellbogen und zwinkerte ihr zu. Diesmal hielt sie seine unbekümmerte Belustigung für absolut unangebracht. „Natürlich fürchte ich um dich. Zwar ist dein Vater der Goldene und deine Mutter besitzt großen Einfluss unter den Lamia, aber sobald du den Sandplatz betrittst, stehst du deinem Kontrahenten allein gegenüber. Ohne ihre Unterstützung“, entgegnete sie heftiger als beabsichtigt. „Alles andere wäre auch ziemlich albern.“ „Ihr kämpft mit scharfen Waffen. Dabei kann immer etwas passieren. Trotz der Absprache deiner Mutter mit Darjan gibt es keine absolute Sicherheit.“ Wortlos starrte er sie an. Ein Muskel zuckte in seiner Wange. Jäh schien sich Raureif über seine Iriden zu legen und Kälte eroberte das Gemach. Sie kam von ihm. Er schnellte auf und ließ Eden in einer Glocke aus Eis zurück. Vor dem niedrigen Lager wirbelte er zu ihr herum. „Wie kannst du das behaupten? Eine Absprache wäre unehrenhaft. Seit drei Monaten bereite ich mich auf die-ses Duell vor. Nimm das sofort zurück.“ Erschrocken von seinem Ausbruch blinzelte Eden zu ihm auf. Die Warnung ihrer Mutter kam ihr in den Sinn. Hüte deine Zunge. Vielleicht hätte sie es beherzigen sollen. Andererseits hatten sie einander Aufrichtigkeit geschworen. Es durften keine unausgesprochenen Worte zwischen ihnen stehen. „Darjan zählt über einhundert Jahre. Du kannst ihn nicht besiegen, Mica. Noch nicht.“ Er bleckte die Fänge. Für einen Moment lähmte sie das tiefe Knurren aus seiner Kehle und Furcht rollte auf sie zu. Das durfte nicht sein. Sie erhob sich und trat vor ihn. „Entschuldige, ich dachte du weißt von der Vereinba-rung deiner Mutter mit …“ Seine Hand schien aus dem Nichts zu kommen und packte ihr Gesicht. Der Zugriff quetschte ihre Wangen. Eiswellen blanker Wut brachen sich an ihr. Er wollte ihre Knochen brechen hören, sie bis aufs Blut verletzen und ihr jedes Wort vergelten. Sie erkannte es in seinen Augen. „Du kleines, verlogenes Biest!“, zischte er und stieß sie hart von sich. Rücklings fiel sie auf ihr Liebeslager und richtete sich sofort wieder auf. „Wie kannst du es wagen? Ich bin eine Nachfahrin der Naamah und habe Lügen nicht nötig!“ „Hat Yasmen dich in mein Bett geschickt? Solltest du Zwietracht zwischen mir und meinen Eltern säen? Ist das euer Plan?“ „Es gibt keinen Plan!“ „Dir geht es doch gar nicht um mich oder uns. Alles dreht sich um Macht und einen Aufstieg im alten Volk. Denkst du ich weiß nicht, dass deine Mutter dich einst dem Sohn von Persia anbot, weil sie glaubte, er wäre der künftige Goldene?“ „Shay ist bereits als Kind erloschen“, begehrte sie auf. „Ich lernte ihn nie kennen.“ „Dafür hast du einen anderen kennengelernt, der euren Zwecken dienlich ist. Fürwahr, die billigste Hure von Babylon wäre eine loyalere Gemahlin als ausgerechnet du.“ Seine Beleidigung stieß wie eine Klinge in ihren Leib und trat im Rücken wieder aus. Sie presste die Hand an die Lippen, unterdrückte ein Aufschluchzen. Es tat weh. So entsetzlich weh. „Du bist grausam, Mica. Grausam und ungerecht.“ Er musterte sie mit einer Verachtung und einem Hochmut, die sie nie an ihm vermutet hätte. „Heute Nacht, wenn Darjans Kopf fällt, wird deine Falschheit bewiesen.“ Sie glaubte nicht, was er da sagte. „Du willst einen Freund töten?“ „Falls es eine Absprache gibt, ist er ein falscher Freund und verdient das Erlöschen. Falls nicht, werde ich um ihn trauern. So oder so ist sein Ende besiegelt. Durch deine Schuld.“ Er bückte sich nach ihrem Gewand und warf es ihr zu. „Zieh dich an und verschwinde.“ Wie hatte die Situation so plötzlich kippen können? Sie glaubte, die Besinnung zu verlieren. „Mica, bitte verzeih meine offenen Worte.“ „Raus.“ „Nein.“ Ein Zittern zog durch ihren Körper. Sie krall-te sich in die Kissen und schüttelte heftig den Kopf. „Nein, ich gehe nicht. Nicht so.“ Ehe sie daran denken konnte, ihm auszuweichen, war er bei ihr, packte ihre Handgelenke und riss sie auf die Füße. Ihr Gift schützte sie selbst vor uralten Vampiren. Sie hätte sich jederzeit wehren und zubeißen können, doch das wollte sie nicht. Stattdessen stemmte sie sich gegen seinen Zug. Vergeblich. Ihre nackten Sohlen rutschten ohne Halt über den Marmorboden. Unaufhaltsam schleifte er sie auf die Tür zu. Tränen flossen aus ihren Augen, kristallisierten auf ihren Wangen zu winzigen Diamanten. „Mica!“ Sie weinte auf. „Ich gab dir mein Blut. Ich liebe dich. Bitte, hör mir zu.“ „Ich habe genug von dir gehört.“ Mit einer Hand umklammerte er ihre Handgelenke, mit der anderen öffnete er die Tür. Ein letzter Ruck schleu-derte sie in den Gang hinaus. Sie prallte an die gegenüberliegende Wand und glitt, vom Tageslicht getroffen, daran hinab. Das Letzte, was sie bewusst wahrnahm, war sein Schemen, hell und goldblond vor dem Hintergrund eines schattigen Gemachs. Dann wurde das Licht zu Blei und zog sie in die Dunkelheit des Tiefschlafs. Nach Sonnenuntergang erwachte Eden in ihrem eigenen Gemach im Gästetrakt. Vermutlich hatte ein sterblicher Diener sie im Gang gefunden und zu ihrem Bett getragen. Splitternackt. Noch während sie die leichte Decke enger um sich raffte, tauchte das Gesicht ihrer Mutter über ihr auf. Bleich und von an Verärgerung grenzendem Ernst. Die griesgrämig hinabgezogenen Mundwinkel schienen eine Antwort zu verlangen. „Ich …“ Kühle Fingerspitzen verschlossen ihre Lippen. „Kein Wort, mein Herz. Weder verdient dieser rücksichtslose Vampir deine Erklärungen noch Entschuldigungen. Er hält sich nicht an ein gegebenes Wort, das wusste ich. Es ist meine Schuld. Ich hätte besser auf dich achten sollen. Er hat dich verführt und deine Sanftmut ausgenutzt.“ „So ist es nicht, Mutter. Wir lieben uns.“ Mit einem resignierten Laut richtete Yasmen sich wie-der auf. „Nun denn, er wünscht deine Gegenwart bei dem heutigen Duell. Bist du dazu bereit, Kind?“ Neue Zuversicht durchströmte sie. Wenn sie bei seinem Duell dabei sein sollte, hatte er ihr verziehen und ihre Worte als das erkannt, was sie waren. Die Aussagen einer erst siebzehnjährigen, unerfahrenen Lamia. Was war schon geschehen? Ein erster Zwist zwischen Liebenden, schnell entflammt und ebenso schnell vergessen, mehr nicht. Er würde ihr die Hand reichen und sich wie geplant zu ihr bekennen. Alles würde sich aufklären. „Ich bin bereit, Mama“, versicherte sie, schlug die De-cke zurück und stieg aus dem Bett. Nach einem ausgiebigen Bad wählte sie ihr schönstes Gewand aus. Der leichte Stoff fiel in blassblauen Falten bis zu ihren Füßen. Dazu legte sie eine Halskette und ein Diadem aus quadratisch geschliffenen Aquamarinen an. Sein Willkommensgeschenk zu ihrer Ankunft. Die Steine besaßen dieselbe Farbe wie ihre Augen. Wenig später betrat sie mit Yasmen den Sandplatz. Die Vampire und Lamia des Hofes standen in einem Kreis aus Fackeln, in ihrer Mitte der Goldene Kinai und seine Gemahlin Selene. Die beiden empfingen sie und ihre Mutter mit freundlichen Worten und baten sie an ihre Seite. Offensichtlich hatte Mica seinen Eltern nichts von dem Vorfall am Nachmittag erzählt. Zwischen Aufregung und Neugier schwankend, sah Eden sich um. Auf der anderen Seite des Platzes drängten sich Palastdiener, Blutquellen und Sterbliche aus Babylon hinter einer hölzernen Absperrung. Stimmengewirr hallte von den Hofmauern wider. Als Darjan durch ein offenes Tor auf den Sandplatz trat, empfing ihn milder Applaus. Die eingeölte Haut des dunkelhaarigen Vampirs glänzte im Fackelschein. Er ging in die Mitte des weiten Platzes, drehte sich um und sah Mica entgegen. Sobald er auftauchte, schwollen Applaus und Jubel an. Die Begeisterung für den jungen Sohn und Nachfolger des Goldenen brandete über die Köpfe der Zuschauer in den von Sternen gespickten Nachthimmel. Wie Darjan trug auch er lediglich einen Lendenschurz und in jeder Hand ein Schwert. Die straff zurückgebundenen Locken verliehen seinem Gesicht eine ungewohnte Strenge. Ohne eine Miene zu verziehen, nahm er die Huldigung der Menge entgegen. Dann – noch bevor Kinai das Zeichen gab – ging er zum Angriff über. Ein Aufbrüllen aus Hunderten Mündern begleitete seinen Vorstoß. Der Tanz der Schwerter begann. Eden stand nah genug, um jedes Detail wahrzunehmen. Das Blitzen der Schwertklingen. Aufstiebende Wolken aus rotem Sand, die sich auf die eingeölten Körper senkten. Das Singen der wirbelnden Waffen. Das Spiel hervorspringender Muskeln. Sie erkannte die Kraft und Präzision in Micas Hieben, sein Lauern auf eine Schwäche seines Kontrahenten, den Willen zur Durchsetzung und zuletzt die Erkenntnis in den Augen des älteren Vampirs. Dies war kein spielerisches Kräftemessen, sondern tödlicher Ernst. Sofort änderte Darjan seine Taktik und gab seine Zurückhaltung auf. Die geschmeidigen Bewegungen der beiden Duellanten erlangten eine Geschwindigkeit, der die Menschen nicht länger folgen konnten. Ein Hagel blitzschneller Schläge ging auf Mica nieder. Er parierte jeden davon und hetzte Darjan gnadenlos über den Platz. Eden begann zu begreifen. Der Titel des Goldenen war nichts, das ein Vampir durch Alter, Übung oder Erfah-rung erringen konnte. Es war ein Geburtsrecht, eine Be-stimmung. Mica trug seine Macht trotz seiner Jugend bereits im Blut und niemand konnte sie ihm streitig ma-chen. Aber woher hätte sie das wissen sollen? In dieser Nacht sah sie ihn zum ersten Mal in einem Kampf. Bisher hatte sie ihn einzig als zärtlichen Liebha-ber erlebt und vergessen, dass er zu einem Krieger erzo-gen wurde, der irgendwann an die Spitze seines Volkes treten sollte. Je länger das Duell währte, desto mehr geriet Darjan in die Defensive. Unter den Ewigen entstand Unruhe. Sele-ne flüsterte Kinai etwas zu. Worum immer es sich handelte, der Goldene schüttelte den Kopf, ohne seinen wachsamen Blick von seinem Sohn abzuwenden. Schließlich nutzte Mica eine Unachtsamkeit seines Gegners und machte seine Drohung wahr. Im hohen Bogen flog der Kopf seines Freundes durch die Luft, fiel zu Boden und rollte, eine Blutspur nachziehend, durch den Sand. Der gellende Aufschrei der Menschen und Ewigen mündete in schockiertem Schweigen, als der enthauptete Leichnam zur Seite kippte. Für einen Moment stand alles still. Dann streckte Mica die Arme seitlich aus, richtete die blutigen Klingen in die Menge und drehte sich langsam um die eigene Achse. Plötzlich rissen die Zuschauer die Arme hoch und brüllten seinen Sieg in die Nacht. Wäh-rend die Euphorie zunahm, senkte er die Schwerter und drehte sich zu Eden um. Umgeben von einer Wolke aus Sandelholz und Aggression, Limette und dem Blutgeruch eines geköpften Vampirs kam er auf sie zu. Es war so-weit. Nun würde er sich zu ihr bekennen. Sie straffte sich und machte einen Schritt nach vorn. Lange, spitze Fingernägel gruben sich in ihren Ober-arm. „Nein“, warnte Yasmen und zog sie zurück. Gleichzeitig kam Mica vor ihnen an, hob die Schwerter und richtete die Klingen gegen sie. In ihrer Nähe keuchte eine Lamia entsetzt auf. Bevor Eden verstand, dass er sie bedrohte, stand ihre Mutter vor ihr und stieß ein tiefes Grollen aus. Es wurde von Selene erwidert, die zum Sprung ansetzte. Kinai mischte sich ein und machte dem ein Ende. „Genug. Was soll das, Mica? Senke die Schwerter. So-fort.“ Wortlos funkelte Mica seinen Vater und Goldenen an. Anstatt die Schwerter zu senken, schleuderte er sie zu Boden. Roter Sand wirbelte auf. Er drehte sich um und ging davon. Verständnislos starrte Eden auf seinen Rücken. Das konnte doch nicht sein! Er verleugnete und schmähte sie vor seinen Eltern, ihrer Mutter, dem versammelten Hof und den Sterblichen. Wegen einiger unbedachter Worte nahm er ihr alles. Das Glück weniger Sommerwochen. Den Glauben an seine Liebe. Die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft. Jedes Wort aus seinem Mund wurde zur Lüge, jedes Versprechen bedeutungslos. Zurück blieb eine bittere Erkenntnis. Den Vampir, dem sie ihr Herz und Blut geschenkt hatte, hatte es nie gegeben. Noch in derselben Stunde verließ sie in Begleitung ihrer Mutter Babylon. Auf ewig.


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