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Belletristik
Buch Leseprobe Meriti, Julian Niedermeier
Julian Niedermeier

Meriti


Der Mörder Band 1

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Meriti


                Der Mörder


 


1


 


Ich grüße Sie, mein Name ist Jack Richard Blackwood, doch eigentlich haben Namen hier nichts verloren. Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen. Meine Geschichte. Sie besteht aus einem langen Weg, gepflastert mit Leichen, Diebstählen, Erpressungen, Lügen, Intrigen, Täuschungen, Qualen und anderen Dingen, die Sie noch erfahren werden. Ich erzähle Ihnen diese, meine Geschichte aus zwei Gründen: Der erste Grund ist meiner Meinung nach der Schwerwiegendere. Kurz, ich muss meine Seele erleichtern. Natürlich habe ich es mit beten oder beichten versucht. Aber glauben Sie mir, die Kirche ist oftmals keinen Deut besser als sämtliche Diebe und Lügner zusammen. Bloß mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass die Kirche mächtiger ist als jeder König. Jeder unterwirft sich ihr und würde sein letztes Hemd dafür hergeben, um in den Himmel zu kommen. Ich verabscheue die Kirche, Gott, Maria und all die anderen lächerlichen Lügengeschichten. Soll ich Ihnen sagen, woher ich weiß, dass es Lügen sind? Sie passen zu gut. Jedes kleine Detail passt exakt in das andere wie die perfekt Naht einer Meisterweberin. Und sobald man glaubt, ein Loch entdeckt zu haben, findet man doch nur eine weitere perfekte Naht. Aber so verläuft keine echte Geschichte, das schwöre ich beim Grab meiner Mutter. Oh nein, glauben Sie mir. Jede wirkliche Geschichte hat Wendungen, mit der selbst der klügste Mann nicht rechnen würde. Es gibt immer Punkte, die eben gerade nicht passen, an denen sich jeder fragt, warum das jetzt geschehen musste. Doch eine Antwort kann Ihnen keiner geben. Man muss das Ereignis hinnehmen wie es kommt und damit leben, denn sonst verliert man sich selbst in der Vergangenheit und kann sein Leben nicht mehr richtig genießen. Deswegen lehnen Sie sich jetzt zurück und genießen Sie einfach meine Geschichte: Nun, es war… Oh Moment. Ich hatte ganz vergessen, Ihnen den zweiten Grund zu nennen der mich veranlasst, Ihnen alles zu erzählen. Ich weiß nur nicht so recht, ob ich Ihnen das jetzt schon verraten soll. Nein, wissen Sie was, ich werde jetzt einfach anfangen zu erzählen und Ihnen den anderen Grund später erklären. Versprochen. Nun, ich möchte dort beginnen, wo jede gute Geschichte beginnt, am Anfang. Und bei mir ist dieser der erste Tag, an den ich mich gut erinnern kann. Fragen Sie mich bitte nicht welcher Monat, oder welche Woche es war. Ich kann Ihnen ja nicht einmal genau das Jahr sagen. Ich glaube allerdings, dass es ungefähr 1172 n. Chr. war. Ich war elf Jahre alt und gerade in einen Tagtraum versunken. Ich saß wieder einmal, wie so oft, in der Baumkrone meiner alten, wie ich dank der Interessen meines Bruders wusste, Buche. Es war ein unglaublich schöner, majestätischer Baum, der unzählbar viele Verzweigungen besaß, was mich jedoch nicht davon abhielt, auf jeder einmal sitzen zu wollen. Ich kletterte immer abends darauf herum wenn die Sonne unterging und die Arbeit erledigt war. Je älter ich wurde, umso höher kletterte ich. Im Frühling streichelten mich die frischen Blätterknospen, im Sommer bot mi das dichte Blattwerk Schutz vor der oftmals viel zu warmen Sonne und im Herbst versuchte ich immer dabei zu sein, wenn das letzte Blatt von meinem Baum fiel. Nur im Winter kletterte ich nicht so oft durch sein Geäst, da es einerseits zu gefährlich und andererseits zu kalt war. Ich weiß nicht genau, warum mein erster Gedanke aus der Vergangenheit ausgerechnet mit diesem Bild anfängt, aber Sie kennen das bestimmt, nicht wahr? Man versucht sich zu erinnern und sieht auf einmal ein exaktes Bild vor den Augen, das dem tatsächlichen überhaupt nicht mehr ähnelt, weil es einfach viel zu lange her ist. Dennoch sind wir fest davon überzeugt. Aber es ist nicht möglich, da Sie jetzt durch Ihre gesammelten Erfahrungen ein anderes Wesen sind. Durch diese nehmen Sie alles anders wahr und fühlen auch anders. Ich erwähne dies lediglich, damit Ihnen klar ist, dass wohl auch meine Erzählung etwas verfälscht ist. Allerdings ist nichts gelogen.


Ich saß also dort oben und hielt mich an einem Ast fest, da der Wind recht starkwehte. Er hatte genug Kraft um die Äste zum Wippen zu bringen, was mir das Gefühl gab, der König der ganzen Welt zu sein. Ich liebte dieses Gefühl. Ich war der König und der Baum meine Burg. Ich stellte mir vor, wie Ritter versuchen würden, meine Burg mit Schwertern zu erstürmen, doch diese würden lediglich an ihm zersplittern wie ein kleiner, morscher Zweig. Und ich würde in der Krone des Baumes, meinem Burgfried, warten bis alle Ritter komplett kraftlos wären, würde auf den perfekten Augenblick warten und dann hinab klettern, um jeden einzelnen mit nur einem gezielten Schlag zu Fall zu bringen. Ich liebe diese Methode. Und ich liebte meinen Baum. Da hörte ich hinter mir eine Stimme, die mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte: „Ein wunderschöner Baum und ein wunderschöner Sonnenuntergang. Ein Abbild Gottes. Nur du mein Sohn, passt nicht einmal annähernd in diese Utopie.“ Ich wusste, dass mein Vater Richard Greenwood mich damit aufzog. Für mich war er der klügste Mann, den ich kannte. Er war kein Gelehrter sondern einfacher Bauer und dennoch unglaublich klug, was wohl auch daran lag, dass er viel herumgekommen war und einen guten Draht zu Leuten mit höherer Bildung hatte. Aber auch unter den Bauern war er wohl bekannt und wurde oft als eine Art Botschafter angesehen, da er sie oft von einem Aufstand abhielt und somit eine Menge Blut dort blieb, wo es hingehört: Im Menschen. Ritter und Gutsherren waren froh, nicht ein weiteres Blutbad anrichten zu müssen und damit ihren Ruf als sinnlose Schlächter zu vermehren. Mein Vater war ein muskulöser Mann, mit einem Vollbart und langen schwarzen Haaren, der einem, wenn man ihn ansah, immer ein Gefühl von Vertrautheit gab. Er war mit sich und allem zufrieden und nahm das Leben schlicht und einfach so wie es kam. Er wusste, dass er Bauer war und nicht mehr. Er wusste, wo er hingehörte und nur mit solchen Leuten funktioniert das System, aber das wissen Sie ja. Und genau deshalb war er überall gerne gesehen. Ich drehte mich um, sprang von Ast zu Ast und dann meinem Vater in die Arme. „Wenn es dem Grafen Greenwood jetzt recht wäre, könnte er zum Essen kommen“, sagte dieser. Damals hieß ich noch Greenwood. „Aber gerne doch Vater. Na was habt Ihr heute auf dem Markt gemacht? Waren wieder irgendwelche Gaukler da? Oder habt Ihr vielleicht sogar bei einem Glücksspiel gewonnen?“


„Nein“, antwortete er schlicht und grinste.


„Wie nein? Was meint Ihr denn jetzt genau mit Nein?“


„Nein, ich habe kein Glücksspiel gewonnen, aber auch an keinem teilgenommen. Was du auch nicht tun solltest. Wer hat dir überhaupt so viel über den Markt erzählt? Etwa wieder dein Bruder?“. Er sah mich mit ernster Miene an, wobei die sich kaum von seiner normalen Miene unterschied, was wohl daran lag, dass ich ihn nie richtig ernst gesehen hatte. Seine Vermutung war wahr, wie so oft. Mein Bruder Richard junior war 13 Jahre alt und schon ein paarmal mit auf dem Markt gewesen, um Gewürze oder Ähnliches zu besorgen oder schwereres Material zu transportieren. Mein Bruder war ein Bursche, der sofort das tat was man ihm auftrug und kein Problem damit hatte, was von riesigem Vorteil unter Bauern ist. Eigentlich ist er an Pflanzen, Kräutern und Tieren interessiert, aber wenn Vater sagte, er braucht ihn, um Säcke zu transportieren, dann transportiert er eben Säcke. Mein Bruder war etwas dicker als ich aber ziemlich intelligent. Er begriff Dinge, die Vater ihm beibrachte immer wahnsinnig schnell, so dass er schon arbeitete, während ich noch die ein oder andere Rüge kassierte. Genau wie ich hatte er struppiges Haar und komischerweise immer einen Stock bei sich, den Vater einmal für ihn gemacht hatte. Ich erinnere mich nicht mehr wann, oder warum, aber daran, dass der Stab um einen ganzen Kopf größer als mein Bruder war und an das Muster, das Richard geschnitzt hatte: Über den ganzen Stock schlängelten sich verschieden lange, dicke und tiefe Linien. Jede einzelne verband Richard mit einer Erinnerung. Zumindest behauptete er das immer. Er erzählte mir auch oft Geschichten vom Markt und prahlte immer damit, dass er schon mitdurfte. Mein Vater schaute mich immer noch an. „Nein, ich höre Euch nur aufmerksam zu, wenn Ihr vom Markt erzählt, Vater“, log ich ihn eiskalt an, weil ich nicht wollte, dass mein Bruder ausgeschimpft wurde. Eigentlich hatte mein Vater noch nie mit mir über den Markt gesprochen, aber vielleicht konnte ich ihn ja vom Gegenteil überzeugen. „Ach so, gut. Ich habe ihm nämlich schon tausend Mal gesagt, er soll dir nichts vom Markt erzählen“. Das war einfacher als gedacht gegangen und jetzt hatte ich die Chance, von ihm etwas zu erfahrenen. „Warum erzählt Ihr mir dann Geschichten, Vater?“, stellte ich mich möglichst dumm. Ich sah wie sein Gehirn arbeitete. Ich konnte seine Gedanken förmlich lesen: ´Hab ich wirklich schon einmal vom Markt erzählt? Ich hab doch immer Wert darauf gelegt, das nicht zu tun. War ich betrunken?´ Ich kannte meinen Vater betrunken. Er war dann zwar fast genauso besonnen wie sonst, nur eben erzählfreudiger. Und das nutzte ich jetzt aus: „Wisst Ihr es etwa nicht mehr? Letzten Abend, als wir noch zusammen saßen und Ihr Euer Bier getrunken habt“, log ich weiter. Mein Vater schluckte und glaubte mir sofort. Nachfragen und damit gestehen, dass er vor meinen Augen so betrunken gewesen war, kam für ihn überhaupt nicht in Frage. „Weißt du, ich erzähle nicht so brutal wie dein Bruder. Er schnappt auf dem Markt Wörter auf wie Nutten, Hurensohn, Halsabschneider, was er dir ja sicher schon erzählt hat“. Nein das hatte er nicht, aber ich brannte jetzt schon darauf, ihn nach der Bedeutung dieser Wörter zu fragen. Besonders die ersten beiden Schimpfwörter interessierten mich. „Ich hingegen benütze dafür Wörter wie leichte Mädchen, Sohn eines leichten Mädchens, oder aber…“, mein Vater dachte nach: „Doch, Halsabschneider ist in Ordnung. Aber dein Bruder übertreibt eben oft. Lass dir von ihm nichts erzählen. Frage lieber mich, wenn du was wissen willst“. Er sah mich nachdenklich an. Wahnsinn! Ich hatte nicht nur eine Geschichte von ihm gehört, sondern ab jetzt unbegrenzten Zugang zu seinen Abenteuern. Gerade wollte ich ihm weiter ausfragen, da fing mein Vater auf einmal zu lachen an: „Weißt du James, du bist jetzt alt genug, um manche Dinge von mir zu hören, die dir vielleicht wunderlich erscheinen. Aber du bist eben bald ein richtiger Mann“. Ich lachte aufgeregt und neugierig mit. Wir befanden uns inzwischen vor unserer kleinen Holzhütte, die für englische Bauern recht anschaulich war. Es gab eine Stube und ein Nebenzimmer, wo wir Kinder schliefen. In der Stube hatten wir ein Bett, eine Feuerstelle, einen Tisch, Stühle und ein Kruzifix über dem Eingang. Außerdem gab es ein paar Säcke, Lebensmittel und Klamottenhaufen, sowie andere Utensilien, die Bauern eben so brauchen. Als wir die Stube betraten, sah ich Mutter eine Suppe kochen, Richard junior versonnen seinen Stock betrachten und meine Schwester Anne Greenwood. Mit ihr verstand ich mich nicht. Sie war zwar meine Schwester und ich liebte sie auf eine gewisse Art, trotzdem hatte ich immer irgendwie etwas gegen sie. Sie war ein Jahr jünger als ich, also zehn. Sie hatte wie meine Mutter rote, lange Haare. Während Mutter jedoch eine reine Haut hatte, hatte Anne viele Sommersprossen im Gesicht. Ich selbst hatte damals noch keine schwarzen Haare wie mein Bruder oder Vater, sondern bräunliche, die allerdings im Lauf der Zeit dunkler wurden. „Warum musst du immer vor dem Essen noch draußen spielen?“, schimpfte meine Mutter. Ich hasste es, wenn sie dieses Wort benutzte. „Spielen!“. Ich ging nicht nur spielen! Ich kletterte, ich entdeckte, ich beobachtete, ich lernte, aber ich spielte niemals. Ich setzte mich neben meinen Bruder, der weiterhin in Gedanken versunken war und antwortete einfach nicht. Schließlich brach mein Vater das Schweigen während er sich ebenfalls setzte und zuerst mich und dann meine Mutter anlächelte. „Deine Mutter hat dir eine Frage gestellt mein Junge. Willst du denn nicht antworten?“ Gerade als ich meinen Mund öffnen wollte, übernahm diesen Part meine Schwester und ging mir damit tierisch auf die Nerven. „James, magst du Mutter denn nicht?“, fragte sie mit einer Naivität, die schon an Dummheit grenzte. Aber genau das war Anne: Naiv und dumm. Diesmal hielt das Schweigen länger und ich war offensichtlich dran mit Sprechen, denn jeder starrte mich an. Ich holte tief Luft. Die Wahrheit war, dass ich meine Mutter tatsächlich nicht so liebte wie meinen Vater und sie spürte das tagtäglich. Das weiß ich jetzt. „Anne, du weißt, dass ich Mutter liebe. Vater, es tut mir Leid, ich werde in Zukunft immer antworten. Und Mutter, ich mag es lediglich nicht, wenn Ihr es spielen nennt, weil es das einfach nicht ist. Versteht Ihr? Ich liebe es zu klettern und die Vögel zu beobachten. Ich bin nicht so wie Richard der sich nur für Bäume und Kräuter begeistert. Ich interessiere mich eben für alles. Versteht Ihr das?“, fragte ich frech als wäre ich schlauer als sie. Und so verhielt ich mich auch immer wieder. Sie müssen wissen ich war ein ganz normaler Junge, nur eben etwas abgehoben. Aber ansonsten hatte ich die gleichen Probleme wie jeder andere auch. Meine Mutter tadelte mich natürlich: „Du antwortest zu frech für dein Alter. Das solltest du dir lieber abgewöhnen. Niemand mag freche Menschen. Und Gott sieht dich, aber das weißt du ja hoffentlich. Oder willst du auch noch Gott widersprechen?“ Sie deckte den Tisch mit fünf vollen Suppenschalen und behielt mich im Auge. Sie war nicht böse sondern traurig, weil ich so schnell groß wurde. Auch das weiß ich natürlich erst heute. Sie konnte alles, nur nicht ihre Familie im Stich lassen. Eigentlich war meine Mutter das stärkste Bindungsglied in unserer Familie. Sie hatte für jeden immer Zeit. Sie war eine hübsche Frau, hatte aber auch etwas, wie soll ich sagen, Benutztes an sich, was ich allerdings erst später bemerken sollte. Sie blieb meistens zuhause und ihre einzigen Kontakte waren wir und ein paar andere Bauern der Bearingtons. „Zur Strafe wirst du jetzt das Tischgebet sprechen, James. Richard, nimm doch bitte am Essen teil, nicht nur an deinen Gedanken. Anne, setz dich zu uns. Und dir, mein geliebter Ehemann, dir danke ich natürlich wieder für dieses schöne Leben, das du für uns im Lot hältst. Nun James“. Meine Mutter kontrollierte alles. Das Haus, die Gebete, das Essen, unsere Erziehung, eben alles. Und ihrer Meinung nach war ein geregeltes Leben nur dann möglich, wenn es jemanden gab, der die Bürde auf sich nahm, alles zu regeln und zu kontrollieren. Für uns Kinder waren das unsere Eltern. In deren Augen war es unser Gutsherr, für den war es der Graf und für diesen der König. Für den König regelte wahrscheinlich Gott alles. Was natürlich dazu führte, dass auch ein Bauer indirekt von Gott bestimmt wird. Ich wurde jedoch so oft von Gott im Stich gelassen, dass ich ihn inzwischen hasse. Damals hegte ich nur eine gewisse Abneigung gegenüber dem Tischgebet. Ich schaute in die Runde und sah gesenkte Köpfe und gefaltete Hände, die das Essen kalt werden ließen. Ich sammelte alle meine guten Gedanken: „Ich danke Gott für Vater, Mutter, Richard, Anne, dieses Essen, den Baum im Garten und dafür, dass ich leben darf.“


„Sehr gut. Lasst es euch schmecken“, sagte mein Vater und trank erst einmal einen großen Schluck Bier. Als er den Krug hinstellte, schaute er mich an, überlegte kurz und schob den Krug dann weiter weg. Wie gewöhnlich warteten wir alle, bis er den ersten Löffel Suppe zu sich nahm. Dann fingen auch wir an unsere Suppe zu schlürfen. Es gab wie immer Restesuppe. Ich fragte mich oft woher die Reste eigentlich stammten. Schließlich gab es fast jeden Tag Restesuppe. Sie schmeckte meistens gut. Außerdem kannte ich damals nichts anderes außer dem Essen meiner Mutter. Und auch wenn es nicht das beste Essen der Welt war, ich war immer dankbar dafür. Als unser Vater den letzten Löffel gegessen hatte, stand unsere Mutter auf und schüttete die Reste wieder zurück in den Kessel. Mein Vater überlegte lange und nahm dann doch noch langsam einen Schluck Bier, was ihn laut rülpsen ließ. „Oh Elizabeth, ich danke dir für dieses wunderbare Abendmahl. Kinder ich bitte euch, geht jetzt rüber in euer Bett, ich möchte mit eurer Mutter alleine sein.“ Er lächelte meine Mutter an, die auf eine, mir damals noch unbekannte Art zurückgrinste. Vater nickte Richard junior zu, der uns mit seinem Stab zum Aufstehen nötigte und wie ein Schäfer seine Schafe ins Nebenzimmer lotste. „Warum kletterst du immer auf diesem Baum rum, James?“, fragte mich Anne als wir die Türe geschlossen hatten. Sie benutzte den gleichen Tonfall wie meine Mutter. Ich wusste damals noch nicht, dass die meisten Kinder eine solche Phase durchmachen. „Du bekommst die gleiche Antwort wie Mutter. Ich lerne die Dinge gerne kennen, Anne“, versuchte ich ruhig zu antworten.


„Aber du kennst den Baum doch schon. Das ist doof!“


„Doof? Du bist doof, wenn du denkst etwas zu kennen, nur weil du es gesehen hast. Weil du es berührt hast oder es zerstören könntest. Ich beobachte, wie die Vögel ihre Kinder zur Welt bringen, will wissen warum die Sonne verschwindet, lausche den verschiedenen Rufen der Tiere und glaube trotzdem nicht, diese Dinge wirklich zu kennen. Du bist dumm, wenn du glaubst, es geht mir nur um den Baum!“ Tatsächlich ging es mir, wenn ich auf dem Baum saß, oft wirklich nur um den Baum. Jetzt suchte ich allerdings hastig nach einem guten Argument, um meine Schwester fertig zu machen. Diese änderte ihre Strategie allerdings schnell, jetzt begann sie zu weinen. Ich wusste, wenn sie zu Vater und Mutter rennen würde, brachte mir das Prügel ein. Meine Eltern wollten nach dem Essen einfach nicht mehr gestört werden. Fakt war also, ich musste sie beruhigen: „Ach Anne, das habe ich doch nicht so gemeint. Ich bin einfach nur müde verstehst du? Und wenn ein Mensch müde ist, wird er eben etwas dumm im Kopf. Siehst du, ich bin dumm“, quetschte ich heraus, während ich auf meine Unterlippe biss und zusätzlich eine Grimasse schnitt. Ich schlug mir gegen den Kopf, um meine Dummheit zu unterstreichen. Sie fing an zu kichern und ich war einerseits erleichtert und anderseits von mir selbst enttäuscht, da ich wieder nicht den Mut gehabt hatte vor meine wütenden Eltern zu treten und die Situation so zu drehen, dass Anne den Ärger bekam. Egal, so war wenigstens Ruhe. „Kommt, wir sollten schlafen gehen, um morgen fit für die Arbeit zu sein“, sagte Richard sanft. Er lag schon im Bett und legte die Decke für uns bereit. Ich frage mich bis heute, wie ein Dreizehnjähriger sich am Abend auf die Arbeit am nächsten Morgen freuen kann. Ist das nicht unglaublich? Und ich erinnere mich auch, so etwas Ähnliches noch zu Richard gesagt zu haben bevor ich mich mit ihm und Anne ins Bett quetschte. Unser Bett bestand übrigens lediglich aus Heuballen, deswegen war es auch groß genug für drei Kinder. Ich schloss die Augen und atmete den Geruch des Heus ein, der mir ein wohliges Heimatgefühl gab. Ich hörte ein Zirpen von draußen. Außerdem waren ein paar Vögel, der Wind, der meinen Baum streichelte und das obligatorische Geschrei von meiner Mutter zu hören. Ich sah Richard besorgt an, weil ich Angst um sie hatte, aber er grinste nur, schüttelte den Kopf und drehte sich um. Das beruhigte mich ein wenig. Trotzdem, ich hatte das ungute Gefühl irgendetwas vergessen zu haben. Ich hörte Blätter rascheln und ein paar Leute ein Lied grölen. Wahrscheinlich kamen sie gerade vom Markt. Ich riss die Augen auf und stupste hektisch meinen Bruder an. Dieser drehte sich locker um und zog eine Augenbraue hoch. Er redete nie viel. Ich hingegen konnte mich vor Aufregung kaum beherrschen. „Richard, Richard, was ist eine Nutte und was ist ein Hurensohn?“, fragte ich lauter als gewollt. Richard erschrak und fing an, den Kopf zu schütteln. Wie er mir später berichtete, schrie ich förmlich. Das Geschrei meiner Mutter allerdings hörte schlagartig auf. Es ging in ein fürchterliches Weinen über, das mir bis heute noch in den Ohren brennt. Ich sprang aus dem Bett und ging besorgt Richtung Stube. Als ich in der Nähe der Tür war, schwang diese auf und mein Vater stand vor mir. Er schlug genau einmal mit der offenen Hand zu und erwischte mich so hart im Gesicht, dass ich zu Boden stürzte und mir den Kopf stieß. „Vater ich bitte dich, ich habe ihm nichts gesagt. Er hat mich ganz plötzlich gefragt. Das schwöre ich!“, stotterte Richard in der Ecke. Ich hob den Kopf und spürte wahnsinnige Schmerzen. Im gleichen Moment hörte ich meine Mutter aufschluchzen, was mir innerlich das Herz zerriss und mich zurück zu Boden drückte. Ich sah wie mein Vater auf mich herunter schaute. Er sah die beiden anderen an, die schweigend in der Ecke kauerten. So haben sie es mir zumindest später erzählt. Ich selbst sah alles nur noch verschwommen. Das letzte was ich mitbekam, war der ernste Satz meines Vaters: „Anscheinend war ich nicht deutlich genug, mein Sohn. Ich sagte, du sollst nicht nach solchen Sachen fragen. Wir reden morgen, gute Nacht!“, schrie er. So schlief ich am ersten Abend an den ich mich noch erinnern kann, am Hinterkopf blutend, weinend, und mit dem Geheule meiner Mutter im Ohr ein.


Die nächste Erinnerung zeigt mir, wie ich am nächsten Tag auf unserer Gartenbank sitze. Die Bank war schlicht und von meinem Vater selbst gebaut. Eigentlich wollte ich noch auf meinen Baum klettern, aber ich traute mich nicht mehr. Vor allem nicht so kurz vor dem Essen. Die Sonne ging unter und die Arbeit war gemacht. Mein Vater und Anne standen noch an unserem Eigenbeet, um ein paar Kräuter zu pflücken. Richard war dabei und lernte von Vater die Namen der Kräuter und deren Eigenschaften. Ich hörte sie lachen und freundlich miteinander reden. Ich konnte nicht begreifen, wie sie das nach dem Vorfall am Abend zuvor noch zustande brachten. Ich zog die Knie an, stellte meine Füße auf die harte Holzbank und umschlang meine Beine. Ich vergrub meinen Kopf und sah aus dem Augenwinkel meine Geschwister an mir vorbeigehen. Beide hatten einen Büschel Kräuter in der Hand. Mein Vater setzte sich neben mich und ich hob den Kopf. Meine Angst jedoch war immer noch vorhanden. „Weißt du eigentlich, warum diese Bank so robust ist, James?“, fragte er, ohne mich anzusehen.


„Nein, Vater“.


„Das solltest du aber. Schließlich bist du schon auf diesem Holz gesessen, bevor es eine Bank war“. Er deutete in Richtung meines Baumes. Schweigen.


„Mein Sohn, das was gestern passiert ist, war gut. Du hast gelernt, dass man einen Mann immer beim Wort nehmen sollte. Lass dich nicht von Geschwätz verwirren. Nimm immer nur das wahr, was gesagt wird und mache auch nur das. Wenn dir dann jemand etwas vorwerfen will, ist er der Dumme, weil er sich falsch ausgedrückt hat. Verstehst du was ich meine?“ Ich drehte langsam meinen Kopf und schaute ihn an. Ich verstand tatsächlich was er meinte. „Ihr sagtet, das was passierte war gut. Fandet Ihr es gut, mich zu schlagen?“, rutschte mir heraus. Ich wollte es nicht, aber ich musste das irgendwie zur Sprache bringen. Wieder hatte ich Vater die Worte im Mund verdreht. „Was? Nein, natürlich nicht. Ich finde es nur gut, dass du etwas dazu gelernt hast. Das hast du doch, oder?“ Er schaute mich fragend an. Ich sah in seinem Gesicht Angst aufblitzen. Sie müssen wissen, ich habe die Gabe, Gefühle in Menschen besser als andere Leute zu sehen. Damals war mir das natürlich noch nicht klar, ich war nur erstaunt darüber. „Habt Ihr Angst, Vater?“, fragte ich nach Bestätigung suchend. Sein Gefühl verstärkte sich. Ich weiß nicht warum, aber die meisten Menschen bekommen Angst wenn sie wissen, dass man sie durchschaut hat. Und wenn man sie ertappt hat, dann lenken sie bloß ab. Genauso wie mein Vater: „Hast du etwas daraus gelernt oder nicht?“ Ich merkte, dass es keinen Sinn hatte, ihn weiter darauf anzusprechen. Ich lehnte mich auf der Bank zurück, streichelte das Holz und fühlte mich auf einmal unheimlich mächtig. „Nichts, was ich noch nicht wusste, Vater“, sagte ich. Der unheimliche Tonfall bereitete sowohl mir als wahrscheinlich auch meinem Vater eine Gänsehaut. Ich schaute ihn mit gesenktem Blick an und spürte wie sich ein Grinsen auf mein Gesicht schlich. Es muss fürchterlich ausgesehen haben. „Tu mir doch bitte einen Gefallen und vergnüge dich auf deinem Baum. Ich meine entdecke ein wenig“, sagte er, und verschwand dann im Haus. Ich weiß nicht, wie ich das damals als Junge hinbekommen habe. Ich meine, Sie müssen die Grundsituation mit der Endsituation vergleichen. Totaler verängstigter Junge ist seinem Vater unterwürfig und dann schickt der verängstigte Vater seinen Sohn weg, um andere Gedanken zu sammeln. Verstehen Sie mich nicht falsch, mein Vater war standhaft, er war nur total überrascht, dass das Gespräch so ausging. Er hätte es sich bestimmt anders vorgestellt. Und genau so etwas macht einem Menschen Angst, weil es ihn daran erinnert, wie wenig Einfluss er doch tatsächlich auf den Lauf der Dinge hat.


Vor was haben Sie Angst? Vor dem Zorn Gottes? Oder was ist mit der Grundangst? Fürchten Sie den Tod? Keine Angst, jeder Mensch fürchtet sich vor dem Tod, weil kein Mensch Einfluss auf seinen Tod hat. Das schöne allerdings ist, dass ich schon so manchen Einfluss auf den Tod anderer Menschen hatte. Oh, ich sage Ihnen dieses Gefühl ist wunderbar. Wie dem auch sei, ich möchte fortfahren.


Als ich wieder einmal auf dem Baum saß und die Sonne untergegangen war, hörte ich verschiedene Geräusche und nahm verschiedene Gerüche wahr. Ich sage Ihnen, es war eine Mischung der schönsten Geräusche, die ich je gehört hatte. Sie waren so nah, so echt. Die kühle Nachtluft strich über meine Haut und machte mir eine Gänsehaut. Es war nicht kalt, ich hatte nur dieses Glücksgefühl in mir, das sogar meine Haut beben ließ. Ich hatte die Augen geschlossen, stand auf dem Ast und atmete tief ein und aus. Die Nase filterte alle Gerüche heraus: das Holz, die Nachtluft, das Feuer im Haus, die Blätter und noch vieles mehr. Durch meinen Mund atmete ich die eingesogene Luft langsam wieder aus und stöhnte. Ich riss die Augen auf, da meine Ohren etwas Seltsames wahrnahmen. Es hörte sich an als würde jemand mit einem Stock den Gartenzaun entlang streichen. Ich sah direkt vor mir eine Elster, auf dem Ast landen. Ich kannte diese Vogelart dank Richard. Die Elster starrte mich mit ihren kleinen Augen an und ich sah etwas in ihnen aufblitzen. Meine linke Hand krallte sich in den Ast, meine rechte baumelte herunter. Tausend Gedanken rasten durch meinen Kopf und genauso viele Gefühle durch meinen Bauch. Ich zitterte am ganzen Leib und hörte innerlich meine Mutter weinen, spürte den Schmerz auf meiner Wange von Vaters Schlag. Ich wusste nicht warum aber ich war extrem nervös und wusste nicht was ich tun sollte. Ich wusste auch nicht warum ich das Folgende tat, aber es war richtig. Meine rechte Hand schnellte vor und erwischte den Vogel. Ich hielt ihn fest in der Hand. Allerdings nur einen kurzen Moment, weil meine linke Hand automatisch seinen Kopf packte und ihn mit aller Gewalt herumdrehte. Gleich danach öffnete ich meine Hände wieder und sah dem  toten Vogel nicht nach sondern hörte dem Knacken des Vogelgenicks nach. Ich spüre jetzt noch, wenn ich diese Geschichte erzähle, wie ich die Knochen in meiner Hand zermalmte und sehe, wie das Lebenslicht in den Augen des Vogels verlosch. Außerdem spüre ich auch jetzt noch diese unglaubliche Macht, die ich damals spürte.


Halten Sie mich für einen Mörder? Für einen brutalen Schlächter? Dann haben Sie aber schlecht aufgepasst. Können Sie sich nicht mehr erinnern, dass ich meiner Schwester vorwarf, dass ich den Vögeln manchmal beim Schlüpfen zusah? Knapp über mir war ein Nest mit Jungvögeln eines Finken. Der Vogel, den ich umbrachte war eine Elster. Von meinem Bruder wusste ich, dass diese Vögel Jungvögel fressen. Sie sind die Diebe unter den Vögeln. Ich war also ein Held und kein Mörder. Der Vogel hatte den Tod verdient.


Ich wartete bis die Finkenmutter zurückkam, sprang vom Baum und landete neben meinem Opfer. Ich schaute den toten Verbrecher an, empfand aber nichts außer, dass sein Tod richtig war. Dann ging ich hinein. Wider Erwarten saßen noch alle am Tisch und unterhielten sich. Als ich die Tür schloss wurde es sofort still im Raum. „Wo warst du James? Hast du denn keinen Hunger?“, fragte meine Schwester und nahm mir die Last als Erster etwas sagen zu müssen. „Nun, ich habe nur das getan, was von mir verlangt wurde. Ich war auf dem Baum. Vater meinte, ich sollte dorthin.“ Ich schaute ihn an er reagierte völlig neutral. Mein überhebliches Gefühl ihm gegenüber war mir nun peinlich. „Und nein, Anne, eigentlich habe ich den Hunger tatsächlich vergessen.“ Ich hütete mich zuzugeben, dass ich jetzt wahnsinnigen Hunger hatte. Es wurde zusammen gegessen oder gar nicht. So war es und würde es immer sein. Mein Blick wanderte zurück zu meinem Vater. Er beobachtete mich immer noch interessiert. Plötzlich hatte ich wieder Angst vor ihm. Es ist schlimm, wenn sich Kinder vor ihren Eltern fürchten müssen. Natürlich fehlte es mir nicht an Respekt, aber das ist etwas anderes als Angst. Die meisten Menschen vergessen das. Vor allem Könige und Grafen neigen dazu. Ich senkte den Kopf und wusste nicht was ich tun sollte. „Setz dich, mein Sohn. Ich habe eine Nachricht für dich, die dir gefallen wird. Anne und Richard junior wissen es schon“, sagte mein Vater und schob mir einen Stuhl hin. Ich lächelte und freute mich über die Wärme, die mein Vater plötzlich ausstrahlte. Seine Stimme klang wieder so vertrauenswürdig. Ich setzte mich neben meine Mutter, die lächelnd über meinen Kopf strich. „Morgen kommt uns James Bearington besuchen. Er wird seine Trainingswaffen mitbringen und du kannst uns, wenn du willst, gerne wieder zusehen“, erzählte mein Vater. Ich war sehr enttäuscht. Natürlich war es schön, wenn Bearington zu uns kam. Aber jemanden beim Kämpfen zuzusehen, machte sicher nur halb so viel Spaß, wie es selbst endlich einmal ausprobieren zu dürfen. Das spürte ich schon damals. Ach entschuldigen Sie! Sie kennen Bearington ja noch gar nicht. James Bearington war damals unser Gutsherr und ein Ritter. Sein Vater war ein gern gesehener Ritter im ganzen Königreich gewesen. Leider starb er kurz vor meiner Geburt. Ich habe ihn nie kennenlernen dürfen. Ich selbst heiße James nach Bearington, da mein Vater mit ihm gut befreundet war. Unter allen Bauern die für Bearington arbeiteten, besuchte er uns am häufigsten. Er war blond, hatte lange Haare und Muskeln wo hin man sah. Er kam oft an den Feiertagen wie Weihnachten oder Ostern zu uns. Und meistens nahm er seine Frau Marien und seine beiden Söhne Tom und Patrick mit. Tom war in Richards, Patrick in meinem Alter. Marien hasste mich, meine Geschwister und ich glaube sogar meine Mutter. Und das ließ sie uns auch immer spüren. Aber keine Angst, wir wussten uns schon zu rächen, indem wir ihr ins Essen spuckten oder wann immer es ging mit Richards Stock ein Bein stellten. Und Anne tat das was sie am besten konnte: Sie durchlöcherte Marien förmlich mit peinlichen Fragen, die sie erröten ließen. Natürlich wurden wir deshalb oft geschimpft, aber solang es Bearington nicht mitbekam und die Fragen eher zum Lachen brachten, war alles in Ordnung. Er kam oft mit seiner Trainingsausrüstung, bestehend aus Holzstäben und kämpfte dann mit meinem Vater. Auch Richard war oft an diesem Training beteiligt. Vater bestand darauf. Anne und ich dienten aber immer nur als Zuschauer. Meist dauerten die Kämpfe den ganzen Tag und wir nutzten natürlich diese freie Zeit, während alle anderen Bauern arbeiten mussten. Es war also durchaus schön, wenn Bearington kam, verstehen Sie mich nicht falsch, aber eben nichts Besonderes. „Aber natürlich gerne, Vater! Ich freue mich schon darauf“, versuchte ich möglichst froh auf die Nachricht zu reagieren. Ich spürte wie sich langsam die Müdigkeit in mir breit machte. Mehr weiß ich, ehrlich gesagt, auch nicht mehr von diesem Tag. Meine Erinnerung setzt dort wieder ein, wo Anne mit mir in der Wiese saß und wir Vater, Bearington, sowie Richard beim Stockkampf zusahen. Richard benutzte übrigens seinen eigenen Stock. Man konnte schnell sehen, wer von ihnen die meiste Kampferfahrung. Bearington hatte eine Wucht und Präzision mit seinen Stockhieben, die meinen Vater oft zum Straucheln brachten. Richard hatte überhaupt keine Chance gegen die beiden, weil er zu langsam und eindeutig zu unkonzentriert war. Er mochte nicht kämpfen, wurde allerdings von unserem Vater dazu gezwungen, zumal dieser immer predigte, wie wichtig der Nahkampf mit dem Stock beziehungsweise in der Realität mit einem Schwert wäre. Mein Bruder landete immer und immer wieder am Boden mit einem Stock am Hals. Und das alles nur, um wieder aufzustehen und kurz darauf erneut im Gras zu liegen. Mein Vater war ziemlich flink und beherrschte die Technik gut. Er wich starken Schlägen aus, so dass sein Gegner das Gleichgewicht verlor, was sogar manchmal bei Bearington funktionierte, wenn er sich übernahm. Mein Vater freute sich dann besonders, weil er seinen Stock an Bearington halten konnte und folgenden Satz sagen konnte: „Tut mir leid Sir, aber Ihr wärt jetzt tot!“ Diesen ärgerten solche Niederlagen kaum, er versuchte aus jeder Trainingsniederlage eine Lehre zu ziehen. Sein Motto war: Jeder Tropfen Schweiß mehr im Training ergibt weniger Tropfen Blut in einer Schlacht. Mein Bruder lag schon wieder am Boden. Bearington hatte ihm den Stock aus der Hand geschlagen und ihn zu Boden getreten. Frustriert stapfte Richard, um seine Waffe zu holen und dann zurück zu Anne und mir. „Ich hasse das!“, flüsterte er uns mit hasserfüllter Stimme zu. „Und ich würde herzlich gern mit dir tauschen! Wir haben alle unsere Last zu tragen“, sagte ich ohne Mitleid. „Das hast du von Vater“, sagte Anne.


„Was meinst du?“.


„Na diesen Spruch mit der Last. Den Spruch sagt er immer wenn wir uns über etwas beschweren.“


„Na und? Darf ich ihn deswegen etwa nicht benutzen?“


„Doch, natürlich. Aber warum darfst du alles sagen was Vater sagt, aber ich nicht das was Mutter sagt? Ich weiß, dass dich das nervt.“ Mit dieser Frage war ich überfordert. Sie hatte Recht. Ich zitierte Vater oft, aber wollte nicht, dass sie das mit unserer Mutter machte. Ich legte mir gerade eine Antwort zurecht, als mich mein Vater rief. „James, übernimm kurz für mich. Ich muss mal nach deiner Mutter schauen“, sagte er und warf Bearington einen ernsten Blick zu während er langsam Richtung Hütte ging und grinste. Ich sah Anne und dann Richard an. „Wunsch erfüllt. Viel Spaß und schöne Schmerzen wünsche ich dir“, sagte dieser deprimiert. Ich stand langsam auf und musterte Bearington. Ich mochte ihn wirklich wahnsinnig gern. Als meinen Freund. Jetzt allerdings war er mein Feind. Er drehte seinen Holzstecken in der Hand wie es nur ausgebildete Ritter können. Das sah wahnsinnig elegant aber auch angsteinflößend aus und erinnerte mich an eine Biene: Er wartete nur darauf zuzustechen. Er trug seine weiße Leinenhose und seine weiße Trainingsweste. Er hätte selbst ein Bauer sein können. Das stellte ich mir damals auch einfach vor, um mich gedanklich auf einen fairen Kampf einzustellen, was natürlich überhaupt nicht stimmte. „Wenn du den Stock anfasst, geht es los, mein Junge!“, sagte er. Ich sah den Holzstock meines Vaters und griff nach ihm. Kaum hatte ich ihn in der Hand, stürmte Bearington schon auf mich zu und schrie dabei so fürchterlich, dass ich erschrocken zu Boden fiel. Er stand über mir, lachte auf, ging wieder an seinen Platz zurück und sagte lediglich: „Los, nochmal!“ Ich atmete einmal kurz den Duft der Wiese ein und stand auf. Schon wieder stürmte er auf mich los. Diesmal war ich zwar darauf vorbereitet, hatte aber trotzdem keine Ahnung was ich tun sollte. Meine Gedanken überschlugen sich. Wo würde er hinschlagen? Würde er komplett durchziehen? Ich blinzelte und bemerkte, dass Bearington schon seinen Stock an meine Kehle hielt. Dieses Mal hatte ich gar nichts gemacht. Was zum Teufel tat ich denn da? Ich nahm meine Umgebung kaum mehr wahr. Als ich langsam wieder realisierte was los war hörte ich nur: „Los, nochmal!“ Ich schreckte auf. Was tun, dachte ich. Und dann wurde mir bewusst: bloß nicht denken. Aus purem Instinkt duckte ich mich und bemerkte wie die Waffe über mich hinweg sauste und mein Haar zerzauste. Als ich aufblickte sah ich Bearington ausholen und ich drehte mich nach links weg. Ich hatte nicht viel Zeit, weil mein Gegenüber zu einem Flankenhieb ansetzte. Plötzlich hörte ich wieder die Schreie meiner Mutter und spürte den Schlag meines Vaters, doch im selben Augenblick schnellte ich mit meinem rechten Arm und meinem Stock wie von selbst nach vorne. Blitzschnell und kerzengerade stieß ich das hintere Ende meines Stocks in Bearingtons Gesicht. Dieser war gerade in der Luft und so perplex, dass er keine richtige Landung mehr hinbekam. Er stürzte vor meinen Füßen und hielt sich die Nase. Ich schaute ihn an und zitterte am ganzen Leib. „Seid nicht böse. Er wollte es nicht. Er ist doch noch ein dummes Kind!“, hörte ich Richard rufen. Für mich damals völlig ohne Grund. „Ihr seid tot, Sir“, hörte ich mich würdevoll sagen. Um ehrlich zu sein, erinnere ich mich nicht daran, was danach passiert ist. Ich weiß nur noch, dass wir alle zusammen beim Abendessen saßen. Bearington war auch dabei, da er netterweise Hühnerfleisch mitgebracht hatte und nur ungern sein eigenes Essen verpassen wollte. Soweit ich weiß, hatte seine Nase geblutet. Meine Mutter hatte genug Tücher und Wasser gebracht, um die Wunde zu säubern. Das Essen war eine willkommene Abwechslung und extrem schmackhaft. Das Fleisch war zwar zäh aber viel besser als die übliche Suppe. Als Beilage gab es Bohnen und Karotten aus unserem Garten, mit Petersilie verfeinert. Ich aß langsam, um das Essen zu genießen. Als Bearington und mein Vater fertig waren, wurde leider schon alles abgetragen. Das hatte ich an diesem Tag leider total vergessen. Während des Essens wurde nicht gesprochen. Als wir fertig waren, holte Bearington tief Luft und legte meinem Vater eine Hand auf die Schulter, sah aber mich an: „Du hast so ziemlich das Dümmste gemacht, was ein Bauer in unserem Rechtssystem tun kann. Du hast deinem Gutsherrn, einem Ritter, das Wichtigste genommen was er besitzt. Seine Ehre. Jeder Ritter nimmt an Turnieren teil, um Ehre zu gewinnen. Ein Ritter der gegen ein Kind verliert, in einer Trainingsstunde, ist eine Lachnummer und unwürdig. So hast du deine ganze Familie in Gefahr gebracht weil ich dich, oder deine ganze Familie gleich an den nächsten Gutsherrn verkaufen und mir mit dem Geld einfach neue Leibeigene zulegen hätte können. Und dieser Gutsherr hätte weiß Gott was mit dir und deinen Geschwistern anstellen können. Und dennoch, du hast auch etwas gemacht, was nur wahre Krieger machen. Du hast auf deinen Instinkt vertraut. Ich habe noch nie einen Elfjährigen so schnell ausweichen, geschweige denn angreifen sehen. Du bist sowohl geistig als auch körperlich deinen Alterskollegen weit voraus. Du solltest aber aufpassen, nicht überheblich zu werden. Viele Fürsten machen genau diesen Fehler. Unter uns, auch unser lieber Graf Lancston hat eine gewisse Neigung in diese Richtung.“ Er lächelte meinem Vater zu und lehnte sich nach vorne. „Dein Vater und ich haben etwas besprochen, James. Ich würde dich gerne dafür belohnen, dass du so nach dem Motto der Familie Bearington gehandelt hast. Da hat mir dein Vater erzählt, du würdest gerne den Markt kennenlernen. Allerdings meinte er auch, er alleine würde sich nicht mit dir trauen, weil er sich zu viele Sorgen machen würde. Deswegen werden wir demnächst zu dritt zum Markt gehen. Du bist jetzt zwar erst elf Jahre, handelst aber wie ein Vierzehnjähriger. Das soll keine Abwertung dir gegenüber sein Richard junior. Also, hast du Lust James?“ Ich wusste nicht so recht ob ich lachen oder vor Glück weinen sollte. Deshalb hörte sich auch meine Stimme gepresst an. „Aber natürlich! Vater erlaubst du mir das wirklich?“, fragte ich um ganz sicher zu gehen, dass das alles kein Traum war. „Ja, Sir Bearington wird uns ja begleiten. Einen Ritter an der Seite zu haben wird uns genug Schutz verschaffen“, lächelte mein Vater den blonden Muskelprotz an. Dieser lachte kurz, sagte dann aber einen Satz vor sich hin, der ihm sehr ernst war: „Ja, aber bei mir gibt es auch mehr zu holen und so biete ich eine größere Angriffsfläche.“ Das war also die unfassbare Nachricht, die ich damals erhielt: Ich sollte tatsächlich bald den Markt erleben, ich konnte es nicht fassen. Der Gedanke ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Nacht für Nacht. Tag für Tag. Woche für Woche. Monat für Monat. Fakt war allerdings, dass wir doch nicht auf den Markt gingen, bevor ich Vierzehn Jahre alt war. Weder Vater noch Bearington veranlassten das. Nein, meine Mutter war diejenige, die dies aus Sorge nicht zugelassen hatte. Ihrer Meinung nach, war ich noch nicht reif genug dafür, die Dinge zu sehen, die auf dem Markt passierten. Außerdem hatte sie Angst, dass mir etwas hätte passieren können. Ich erwähnte bereits, dass ich meine Mutter nicht so sehr liebte wie meinen Vater, oder?


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


2


 


Wie hat Ihnen meine Geschichte bisher gefallen? Ich muss mich nochmals dafür entschuldigen, dass ich nur Erinnerungsfetzen erzählen kann. Aber ich denke die Dinge, die ich vergessen habe, spielten in meiner psychischen Entwicklung zu dem was ich heute bin, kaum eine Rolle. Wenn Sie mich fragen, was mich am meisten geprägt hat, kann ich das nicht beantworten. Es gibt so viele Dinge, die mir immer noch im Herzen weh tun, oder die ich bereue. Ich höre zum Beispiel noch heute meine Mutter im Traum weinen. Kennen Sie so etwas? Momente die Ihnen einfach nicht mehr aus dem Kopf wollen. Ich habe von verschiedenen Vergewaltigungsopfern gehört, die sich deswegen umgebracht haben. Solche Erlebnisse können glücklicher oder unglücklicher Natur sein. So kann man durch einen Menschen der einen schlägt stark geprägt werden. Nicht unbedingt durch seine Schläge, sondern durch seine sanfte Art, einen danach wieder zu beruhigen und gesund zu pflegen. Es sind gar nicht die Schläge an sich das Prägende, sondern die heilende und fürsorgliche Pflege, die einem dann widerfährt. Oder es gibt Suppe zum Trost. Sie würden staunen, wie oft eine Suppe Wunder bewirkt, ohne dass man zuvor geschlagen wurde. Doch ich möchte weiter erzählen:


Die Monate vergingen und ich war so vernarrt in diesen blöden Markt, dass ich viele Dinge schleifen ließ. Selbstverständlich half ich noch mit, doch meine Gedanken warum immer beim Markt. Ich habe mir die verrücktesten Geschichten ausgemalt, obwohl mein Bruder mir immer wieder sagte wie falsch und absurd ich meine Fantasievorstellungen wären. Wenn ich ihn allerdings fragte, wie es denn tatsächlich sei, bekam ich immer wieder dieselbe Antwort: „Du weißt was das letzte Mal passiert ist, als du mit mir darüber reden wolltest! Ich habe sowieso schon zu viel gesagt!“ Danach schwieg er immer. Ich weiß, dass mir seine Verschwiegenheit immer mehr auf den Geist ging. Es wurde immer schlimmer. Einmal hatte ich Mutter und Vater darüber reden hören, ob es vielleicht eine Krankheit sein könnte. Meine Mutter weinte bei der Vorstellung, dass ihr Junge eines Tages stumm sein könnte. Das schmerzte mich so und tat mir in den Ohren weh, dass ich wegrannte. Ein paar Tage später hörte ich, wie sie über mich sprachen. Ich kauerte draußen vor dem Fenster kauerte und meine Eltern dachten, meine Geschwister und ich wären im Wald, um Kräuter und Pilze zu sammeln. „Er handelt so verdammt erwachsen Richard. Das könnte genauso eine Krankheit sein, wie bei Richard junior“, sagte meine Mutter bestürzt. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht wieder davonzurennen, falls sie zu weinen anfing. „Erstens ist es nur ein Vorteil für James und zweitens ist eine Krankheit weder bei ihm noch bei Richard junior bewiesen“, beruhigte sie mein Vater.


„Ach ja! Wer sagt das?“


„Ich sage das.  Elizabeth, soll ich etwa extra einen Mönch für die beiden kommen lassen, nur damit er uns sagt, was wir bereits wissen?“


„Wir wissen überhaupt nichts. Ich bete jeden Tag für die beiden. Um ehrlich zu sein glaube ich ein Mönch wäre genau das Richtige.“


„Was? Du willst tatsächlich einen Mönch kommen lassen?“, lachte mein Vater los. Ich bemerkte, dass auf einmal Richard neben mir saß. Meine kleine Schwester lag weiter weg in der Wiese und schlief. Er deutete mir an, still zu sein. „Richard, ich bitte dich. Frag doch Bearington, vielleicht zahlt er etwas dazu. Wenn er schon nicht mit James auf den Markt geht…“


„Oh Liz, glaube ja nicht, dass wir dorthin gehen und schiebe die Schuld nicht auf Sir Bearington! Weißt du was, ich habe eine Idee. Ich werde unseren Gutsherrn fragen, ob er selbst mal ein Auge auf die Kranken werfen möchte und dann ob er uns etwas bezahlt. Und du hebst dafür das Verbot für die Kinder auf. Sir Bearington hat keinen schlechten Einfluss auf sie. Ab sofort dürfen sie ihn wieder sehen. Klar?“


„Weißt du…Ich weiß nicht ob…“


„Bei allem Respekt, Elizabeth!“ Vater wurde lauter: „Ich bin der Mann im Haus und du hörst gefälligst auf das, was ich sage. Du kannst froh sein, dass ich mir überhaupt deine Ratschläge anhöre. Haben wir uns verstanden?“


Sie muss genickt haben, da keine Antwort mehr kam. Ich wollte gerade meinen Bruder antippen, um ihn etwas zu fragen, da war er schon wieder Richtung Anne verschwunden. Ich machte mir inzwischen auch Sorgen um ihn. Mich nervte sein Schweigen nicht, es beunruhigte mich. Gerade wollte ich aufstehen, da hörte ich meinen Vater noch sagen: „Auch wenn ich jetzt laut geworden bin, Liz. Du weißt doch, ich liebe dich!“ Ich war glücklich das noch mitbekommen zu haben, da ich schon dachte mein Vater hätte sich negativ verändert.


An einem Herbsttag, es war ein windiger Nachmittag, kam er zu mir, als ich gerade Holz hackte. Ich war inzwischen dreizehn und muskulöser. „James, du musst mir einen Gefallen tun. Ich kann heute leider nicht weg, ich muss weiter an unserem Stall arbeiten. Richard hilft mir schon wo er kann. Holz haben wir vorerst genug, darum kann ich dir jetzt eine andere Aufgabe geben. Deine Mutter und ich haben uns unterhalten. Wir müssen etwas sehr Dringendes mit Sir Bearington besprechen. Ich möchte, dass du dich auf den Weg machst, um ihn einzuladen. Sei vor der Abenddämmerung zurück. Unterwegs kommst du, wenn du immer schön auf dem Weg bleibst, bei den Dembers vorbei. Frag Peter doch bitte, ob er noch ein paar Nägel hat und wann er das Vieh bringen wird. Alles klar?“, fragte mein Vater. Er war nass geschwitzt und trotz kühlem Wind oben ohne. Vielleicht sollten Sie die Hintergründe kennen: Warum bauten wir einen Stall und wer waren die Dembers? Wir waren nicht die einzigen Bauern auf dem Gebiet unseres Gutsherrn. Nehmen wir unser Haus mal als Ausganspunkt. Westlich davon lag ein Wald hinter dem sich der Markt befand. Im Norden gab es einen Fluss, den man nur im Nordosten über eine Klosterbrücke überqueren konnte, dahinter lag das Kloster. Im Osten stand das große Steinhaus der Bearingtons. Ein Weg führte von dort direkt zur Klosterbrücke, ein anderer bei uns vorbei durch den Wald bis hin zum Markt. Auf diesem Weg Richtung Osten lagen zwei weitere Bauernhäuser, das der Dembers und das der Cayls. Im Süden lagen alle Felder der Bearingtons, die wir bewirtschafteten und sowohl für unsern Gutsherrn als auch für uns Getreide, Salat, Karotten oder Sonstiges anbauten. Desweiteren befand sich dort eine weitere Bauernhütte, nämlich die der Grounds. Die Dembers und die Cayls hatten außerdem noch eine großflächige Weide für Vieh, während die Grounds und wir uns hauptsächlich um die Felder kümmerten. Jedoch hatten wir im Norden auch noch eine große Weide, die jetzt mit Jungtieren der Dembers befleckt werden sollte, deshalb auch der Stall. Ein Zaun, der die Weide abgrenzte, war schon letztes Jahr gezogen worden. Ich selbst durfte mich damals leider nur auf dem Gebiet der Bearingtons bewegen, in dem Wald sollten wir immer zu zweit gehen und vorsichtig sein. Ich hatte nie die Grenzen überquert und auch nie dafür Grund gehabt, abgesehen vom Markt. Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben, dass mich der Gedanke an das Markttreiben schon fast dazu gebracht hatte, einfach wegzurennen, durch den Wald einfach den Geräuschen nach. Aber es war eben klüger einfach auf den großen Tag mit Bearington zu warten. Dreizehn war ich schließlich schon und das Jahr hatte nicht mehr so viele Tage. Also war ich noch aufgeregter als sonst und musste mich beherrschen, wenn ich Bearington treffen sollte. Ich lächelte meinen Vater an und war froh, dass er mich von der ewigen Holzhackerei befreite. „Ja, alles klar. Ich werde so schnell laufen wie ich kann, Vater“, freute ich mich und warf die Axt auf den Boden, neben den Scheitelblock. Die Angst vor meinem Vater war komplett verflogen. Meine Mutter kam, um ihre übliche, sorgenvolle Predigt zu halten. Ich hatte meiner Mutter zwar verziehen, dass sie daran Schuld war, dass ich nicht auf den Markt durfte, hatte aber weiterhin eine ziemliche schlechte Beziehung zu ihr. „Sei vorsichtig und komm nicht vom Weg ab Schatz, ja?“, sagte sie mit übertriebener Fürsorge.


„Ja, Mutter. Ich bleibe natürlich von Anfang an auf der Straße und beeile mich, um der Dunkelheit zu entkommen“, antwortete ich selbstsicher. Mein Vater nickte mir zu und ging Richtung Scheunenbaustelle. Meine Mutter legte die Hände ineinander und den Kopf schief. Sie lächelte mich an, doch ihr Gesichtsausdruck verwandelte sich schnell in unterdrücktes Weinen. Ich fragte mich, warum Mutter so aufgelöst war. Es war schließlich keine wochenlange Reise oder so etwas in der Art. Dann wurde mir aber klar, dass sie wohl daran denken musste warum Bearington kommen sollte. Sie glaubte ja immer noch, dass wir krank waren. Ich selbst hatte damals diese Option komischerweise überhaupt erst gar nicht in Betracht gezogen. Mir ging es gut und deshalb machte ich mir auch keine Sorgen um meine Gesundheit. „Warum weint Ihr, Mutter?“, fragte ich, um von ihr zu erfahren, dass vielleicht ein Mönch kommen würde. So könnte ich mit ihr offen darüber reden ohne zuzugeben, dass ich mit Richard junior gelauscht hatte. Meine Mutter schluckte und wischte sich eine Träne aus dem Auge: „Ach, ich mache mir einfach nur Sorgen, dass du auch ja nicht vom Weg abkommst“, sagte sie trocken. Ich wusste dass das gelogen war. „Geht es Euch etwa nicht gut? Seid Ihr krank, Mutter?“, fragte ich mit kindlicher Stimme. Sie schluchzte auf, hielt die Hand vor die Nase und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. „Ist es Vater? Ist er etwa krank? Oder gar Anne?“, fragte ich naiv.


„Nein, verdammt, du bist es der krank ist! Du und Richard junior. Ihr seid beide krank! Verstehst du das? Ihr seid ungewöhnlich. Euch fehlt etwas! Ihr werdet von einem Mönch untersucht, der uns dann sagen wird, wie lange ihr noch habt“, schluchzte sie hysterisch und senkte den Kopf. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich wäre damals nicht etwas erschrocken. Aus zwei Gründen war ich zutiefst erschüttert: Zum einen, weil es für meine Mutter so sicher war, dass ein Mönch kam und sich meinem Vater also immer noch widersetzte. Zum anderen deshalb, weil sie schon von meinem und Richards Tod ausging. Nie hatte jemand was von sterben gesagt. Ich gebe zu, ich bekam damals wahnsinnige Angst. Ich schaute sie an und merkte wie auch mir eine Träne über die Backe rann. Sie sah mich an und ihr Gesicht zeigte großes Mitleid. Sie stürzte sich auf mich und umarmte mich heftig. Eines muss ich zugeben. Auch wenn ich mich mit meiner Mutter nie so tiefgründig unterhalten konnte wie mit meinem Vater, sie war immer für uns da. Egal für welches Familienmitglied. Sie tat alles für uns und stellte sich dabei selbst hinten an. Es tat gut, an ihre warme Brust gedrückt zu werden. Sie streichelte mir durchs Haar und ich spürte wie die Schmerzen der Trauer langsam verschwanden. „Mach dir keine Sorgen James, Gott wird euch nicht sterben lassen“, sagte sie mit einer solchen Gewissheit, dass jeder Pfarrer stolz auf sie gewesen wäre. Ich jedoch konnte das nicht glauben. Warum sollte Gott mich beschützen? Warum sollte er auf einen kleinen, armen Bauersjungen Wert legen? Ich fand keine Antwort, war aber durchaus zufrieden damit, dass meine Mutter wieder Hoffnung schöpfte. Als sie mich anlächelte, musste auch ich lächeln. Sie drehte sich um und ging ins Haus. Ich sah ihr noch kurz nach und ging dann meines Weges. Es war ziemlich windig und kalt. Der Herbst war trotzdem eine meiner Lieblingsjahreszeiten, weil der Wind meinen Baum so schön zum Wippen brachte, und die Natur alle Blätter so schön färbte. Ich drehte mich kurz um, zu meinem Baum. Die Farbenpracht war wirklich herrlich. Auch der Wald dahinter war fabelhaft gefärbt. Dann ging ich los.


Ich wusste nicht recht was ich unterwegs machen sollte. Wissen Sie, ich hasse solche Momente: Man kann nur gehen und sonst nichts. Ich meine, was soll man sonst machen? Es langweilt mich noch heute einfach nur zu gehen. Und auch damals fand ich es nicht gerade spannend. Ich blieb stehen und sah unser Haus schon nicht mehr, da ich den ersten Hügel bereits hinter mich gebracht hatte. Dafür bot sich mir jetzt eine wunderbare Aussicht auf das Tal, in dem die beiden anderen Bauernhäuser lagen. Danach kam die nächste Anhöhe, auf der sich das Anwesen der Bearingtons erstreckte. Ich schaute auf die Hütte der Dembers. Sie waren gute Bauern, aber keine guten Menschen. Sie ließen sich nie blicken. Ich wusste lediglich, dass die Familie nur aus Mann und Frau Dember bestand. Seinen Vornamen hatte ich erst kurz vorher von meinem Vater erfahren: Peter. Seine Frau hatte ich noch nie gesehen. Ihn nur von Weitem. Es nützte nichts, ich musste ja hin. Die Holzhütte dahinter gehörte den Clays. Das war eine Familie mit einer Tochter in meinem Alter namens Beatrix. Die Namen ihrer Eltern weiß ich leider nicht mehr. Das letzte Mal als ich die Clays gesehen hatte, war ungefähr ein Jahr her. Ich weiß leider weder zu welchem Anlass, noch wie es endete. Tatsache ist, dass die Familie bei uns zu Besuch war und ich kann mich nur noch an einen Moment erinnern, wo ich mit Beatrix auf dem Baum herum kletterte. Wir sprangen von Ast zu Ast und versuchten uns gegenseitig zu fangen. Es war ein leichtes Spiel für mich, da ich dies fast täglich übte. Der Abend dämmerte und es war komplett windstill, was unsere Sprünge präzise machte. Beatrix war nicht ganz so mutig wie ich, was mich wiederum wahnsinnig stolz machte. Ich fühlte mich ein bisschen wie ein Vogel wenn ich im Baum herum sprang. Besonders die gewagten Sprünge hatten es mir angetan. Ich sprang sogar rückwärts, weil ich inzwischen auswendig wusste, wo welcher Ast herausragte. Beatrix allerdings machte eher große Schritte als Sprünge. Ich weiß noch, wie ich sie damals auslachte. Das tut mir heute noch leid. Ich weiß auch noch, dass als sie ebenfalls von weiter oben springen wollte, abrutschte und komplett falsch in der Luft lag. Ich konnte sie glücklicherweise so schubsen, dass sie auf einen anderen Ast landete. Ich aber fiel auf den Boden. Danach habe ich keine Erinnerung mehr. Jetzt schaute ich also ins Tal und fixierte den ersten Bauernhof. Ich ging leicht in die Knie und rannte los. Wissen Sie, rennen machte mir schon immer mehr Spaß als dieses langweilige Gehen. Der starke Wind peitschte mir kalt ins Gesicht. Und um die Sache noch zu verschlimmern, spürte ich kleine Tropfen auf meiner Haut. Trotzdem machte es mir aus irgendeinem Grund wahnsinnig viel Spaß, einfach nur zu rennen. Ich hatte auch eine zweite Intention, nämlich die, nicht komplett durchnässt bei Bearington ankommen zu wollen. Ich war schon fast bei der Hütte der Dembers und überlegte, ob ich auf dem Hin- oder beim Heimweg bei ihnen vorbeischauen sollte. Vielleicht würde sich der Regen ja in der Zwischenzeit legen, während ich meine Botschaft überbrachte. Diese Idee gefiel mir auf Anhieb, da ich es damals hasste nass zu werden. Inzwischen hat sich das gelegt. Ich stoppte vor der Tür und klopfte so laut ich konnte um der Dringlichkeit Nachdruck zu verleihen. Die Holztür öffnete sich quietschend und nur zur Hälfte. Ich sah ein halb verdunkeltes Gesicht. Es war faltig und sah grimmig drein. „Guten Abend Mr. Dember, ich bin der Sohn von Richard Greenwood“, grüßte ich höflich, während ich weiter durchnässt wurde.


„Was willst du?“, fragte er ohne die Tür auch nur eine Haaresbreite weiter zu öffnen.


„Nun mein Vater lässt fragen, ob Ihr noch ein paar Nägel für ihn hättet und wann Ihr das erste Vieh bringen werdet?“


„Nein ich habe keine Nägel für ihn. Ich bringe ihm die Jungtiere im Frühling. War´s das?“


„Ähm, ja ich schätze schon“, antwortete ich verdutzt. Die Tür schloss sich schnell. Allerdings hörte ich kurz vorher noch drinnen eine Frau aufschreien hörte und sah, dass Dembers Augen wütend blitzten. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Vielleicht war mit dieser Frau auch alles in Ordnung. Mutter schrie ja auch immer abends und es war immer alles zu ihrer Zufriedenheit. Damals kannte ich den Unterschied natürlich noch nicht. Ich war eher wütend, weil mich der Besuch kein Stück weitergebracht hatte und es auch keine gute Nachricht war, dass es keine Nägel mehr gab. Ich drehte mich um und rannte wegen des Regens Richtung Bearingtons Anwesen. Es goss wie aus Kübeln und ich war völlig durchnässt. Als ich an der Hütte der Clays vorbeirannte sah ich aus den Augenwinkel Beatrix gerade die Fenster abhängen. Sie hatte eine ungewöhnliche Art an sich. Ich hatte keine Ahnung was es genau war, aber mein Blick blieb an ihr heften. Das brachte mich allerdings ins Stolpern und ich landete im Matsch. Schamerfüllt rappelte ich mich schnell wieder auf. Beatrix lachte mich an, schüttelte den Kopf und verdeckte sogleich das komplette Fenster. Ich senkte den Kopf und schämte mich in Grund und Boden. Doch ich hatte den Auftrag meines Vaters. Also rannte ich, etwas langsamer weiter, da ich Angst vor einem weiteren Sturz hatte. Als ich die Anhöhe erreichte, sah ich links ganz klein die Klosterbrücke und direkt vor mir das Bearington-Anwesen. Es bestand aus einem riesigen Steinhaus, einem Stall und zwei Holzschuppen. Ich lief durch den Vorgarten, der mit Büschen und Rosen verziert war. Als ich bei der großen, robusten Holztür ankam, nahm ich den Türklopfer und schlug dreimal gegen die Tür. Ich hörte rein gar nichts. Das lag wohl einerseits daran, dass es so heftig regnete, aber auch daran, dass die Steinmauern kein Ton durchdringen ließen. Als die Tür sich schwungvoll öffnete fuhr ich zusammen. Ich hatte ein Lächeln auf den Lippen, weil ich mich wahnsinnig auf Bearington freute, schließlich hatte er uns in den letzten zwei Jahren seltener besucht, als je zuvor. Wahrscheinlich hatte auch das meine Mutter veranlasst. Mein Lächeln verschwand allerdings sofort, als ich bemerkte, dass lediglich Marien vor mir stand. „Guten Abend Mrs. Bearington. Mein Vater hat mich geschickt um mit Eurem Gatten zu sprechen“, sagte ich kalt. Sie verzog ihren Mund zu einem schmalen Schlitz. Es handelte sich bei ihr um eine durchaus attraktive Frau, das waren dann aber auch schon all ihre Vorzüge. Sie stand vor mir in einem schwarzen langen Ärmelkleid. Ihre dunkelbraunen Haare waren zu einem großen Zopf geflochten. Ihr Körper zeigte sehr weibliche Rundungen und ihr Gesicht schien makellos, wären da nicht ihre Augen gewesen, die mich anfunkelten, als würde sie mich am liebsten auf der Stelle bis zum Tode foltern. Sie hasste mich schon immer. Keine Ahnung warum. Sie drehte den Kopf ohne mich aus den Augen zu lassen. „James, hier ist der Greenwood-Junge!“, rief sie mit ihrer hässlich kratzenden Stimme.


„Welcher denn?“, hörte ich Bearingtons von drinnen fragen. Mein Herz schlug höher als ich seine Stimme hörte. Seine Frau holte gerade Luft, zog aber dann die Augenbrauen zusammen. Sie nickte mir zu, ich allerdings verstand nicht was sie wollte und zuckte unverständlich mit den Schultern. „Wie heißt du?“, zischte sie mich genervt an.


„James, Madam“. Ich blieb freundlich, da ich wusste, dass sie das nur noch wütender machen würde. Und tatsächlich, der Hass sprang ihr förmlich aus den Augen. „James!“, schrie sie.


„Was ist denn? Welcher ist es denn nun?“, rief Bearington.


„Es ist der Junge James“, sagte sie laut. „Der Hässliche!“, zischte sie leise. Ich lächelte und nickte ihr zu. Sie schlug die Türe zu. Ich war inzwischen bis auf die Haut nass und durchgefroren. Erst jetzt merkte ich, dass ich am ganzen Leib zitterte. Die Tür ging ein zweites Mal auf und vor mir stand ein mir wohlbekanntes Gesicht: „Es führt zu ganz schönen Verwirrungen denselben Namen zu tragen. Was, James?“, scherzte Bearington als er mir seine Hand auf die Schulter legte und mich anlächelte. Dass es regnete und ich tropfnass war, bemerkte er gar nicht. „Ja, da habt Ihr Recht, Sir Bearington“, antwortete ich und konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. Er sah mir tief in die Augen. „Ich bin wirklich froh, dass ein solch mutiger, kluger und starker Junge wie du meinen Namen trägt. Ich sollte deinem Vater wirklich dankbar sein. Ich weiß wirklich nicht womit ich diese Ehre verdient habe“, sagte er trocken. Heute weiß ich, warum ich denselben Namen trage wie er. Damals allerdings wusste ich das noch nicht, weshalb ich mit den Schultern zuckte. „Komm herein“, sagte er freundlich. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Viel länger hätte ich es nicht im kalten Regen ausgehalten. Als ich das Haus betreten hatte, war ich nicht wirklich überrascht aber dennoch beeindruckt, da der Eingangsbereich so groß war wie unsere ganze Stube. Am Ende des Raumes führte ein Gang nach rechts und einer nach links. Der Eingangsbereich war eine Art Erholungszimmer, hier standen überall bequeme Stühle und einige Tische. Auch eine Feuerstelle sah ich und eine Tür an der Rückwand. Mehr weiß ich leider nicht mehr. Lediglich, dass einige Schwerter und Schilde an der Wand hingen. Marien Bearington stand noch im Raum. „Lass uns bitte alleine“, sagte mein Namensvetter streng, was mich sehr glücklich stimmte.


„Aber natürlich, Liebling.“


„Marien, noch etwas. Du weißt ich liebe dich. Aber solltest du noch einmal einem Gast so unhöflich gegenüber treten, werde ich Konsequenzen in Betracht ziehen.“ Sie war so perplex, dass sie lediglich antwortete: „Ich liebe dich auch.“ Dann ging sie weg und ich fühlte mich gleich viel wohler. Bearington setzte sich auf einen Stuhl und zeigte auf den neben sich. „Setz dich doch bitte, James.“ Ich ging langsam zum Stuhl und befühlte ihn zuerst mit meiner Hand. Dann setzte ich mich. Eine derbe Enttäuschung muss ich Ihnen sagen. Der Stoff fühlte sich unglaublich schön an, aber darunter war nur hartes Holz. Selbst mein Baum war bequemer. „Nicht sehr gemütlich ich weiß, aber sie erfüllen ihren Zweck. Man kann darauf sitzen“, sagte Bearington und lächelte. Ich schämte mich und fühlte mich ertappt. Anscheinend hatte ich einmal zu oft nach einer bequemen Stelle auf dem Stuhl gesucht. „Wenn es dich beruhigt, meine Frau hat sie gekauft. Hässlich sind sie auch noch“, sagte er lachend. „Sie hingegen, mein Junge, ist der Traum aller Männer. Nicht wahr? Rein äußerlich versteht sich. Auch wenn es mich manchmal ärgert, aber mir scheint das wichtiger zu sein als irgendwelche inneren Werte. Spätestens dann wenn die Sonne untergangen ist, wenn du verstehst.“ Jetzt lachte er laut auf, jedoch verfinsterte sich seine Miene als er begriff, dass ich ihn nicht verstand. Ich hielt die Klappe und wollte lieber nicht nachfragen. Vater hätte ich gefragt, aber Bearington war immerhin unser Gutsherr. „Warum bist du eigentlich hier?“, fragte er schnell das Thema wechselnd. Ich hatte solch einen Respekt vor ihm, dass ich seinem eisernen Blick immer kaum standhielt. „Nun, genau weiß ich das ehrlich gesagt nicht. Vater sagte, er und Mutter hätten mit Euch etwas sehr Dringendes zu besprechen. Ich sollte also eigentlich nur eine Nachricht überbringen, muss allerdings auch gleich wieder los, da ich vor der Dunkelheit zurück sein soll“, spulte ich wie auswendig gelernt ab. Gut, ich gebe es zu. Ich hatte den Text wirklich unterwegs auswendig gelernt, um ja keinen Fehler zu machen. Meine Blicke wanderten noch einmal durch das Zimmer. Das ist der Grund, warum ich mich heute noch so gut an die Schilder und Schwerter erinnere. Sie waren wunderschön. Die Schilder waren zum Teil verziert und schienen unzerstörbar. „Los, noch einmal!“, forderte mich Bearington plötzlich auf. Ich erstarrte und verkrallte mich in den Stoff des Stuhles. Warum zum Teufel konnte er nicht einfach sagen wann er zu uns kommen würde? Ich sah ich an und sah einen Ritter, der ebenfalls gerade die Schwerter begutachtete. „Was?“, fragte ich bebend und ungläubig. Ich muss unglaublich naiv gewirkt haben. Jetzt drehte auch er sich zu mir. Er sagte nichts sondern sah mich nur an. Dann stand er auf und öffnete die Tür an der Hinterwand. Was ich dann sah, erstaunte mich sehr: Die Tür führte nach draußen in einen Innenhof. Das Gebäude war gar nicht so riesig, es umschloss nur einen Hof. Es war anscheinend ein Art Trainingsplatz. An einer Säule gegenüber hing eine Scheibe für Bogenschützen. Außerdem waren Holzstöcke zu sehen, sowie Heuballen und Steine, um die Muskeln zu trainieren. „Los! Gehen wir auf meine Trainingswiese“, befahl Bearington. Er zog seinen schönen Mantel aus feinster Schafswolle aus. Darunter war er bis auf die Leinenhose nackt. Ich stand auf und folgte ihm langsam nach draußen, wo mich höchstwahrscheinlich Schmerzen erwarteten. Außerdem wollte ich nicht schon wieder meinem Gutsherrn weh tun. Die möglichen Folgen waren mir das letzte Mal ja deutlich aufgezählt worden. Er schloss hinter mir die Türe, was mir nur noch mehr Angst machte. „Zieh deine Oberbekleidung und deine Schuhe aus. Das stört nur. Außerdem ist es schön, den Regen auf der nackten Haut zu spüren. Glaube mir. Ich hole die Stöcke“, sagte er lächelnd, während ich Mühe damit hatte meine Angst nicht zu zeigen. Noch stand ich im Trockenen, unter dem überstehenden Dach. Ich zog mich also obenrum und meine Schuhe aus und legte die Kleidung auf das Holz, damit sie nicht noch nasser wurde. Es blitzte und donnerte heftig. Der Wind wehte mir die Haare ins Gesicht und blies mir auch schnell meine Verzweiflungstränen aus den Augen. Schließlich wollte ich keine Schwäche zeigen. Dann betrat ich das feuchte Gras. Es war kein angenehmes Gefühl, den nassen, matschigen Boden an den nackten Füßen zu spüren. Gleichzeitig prasselte der Regen auf mich nieder und sorgte zusammen mit dem Wind und meiner Angst für eine perfekte Gänsehaut. Bearington war soweit und warf mir einen Stock zu, den ich aus der Luft fing. Ich war stolz darauf, wusste allerdings auch, dass es wohl das Einzige bleiben sollte, was ich gut machte. „Ich möchte noch einmal Folgendes betonen, James. Dass du das letzte Mal gewonnen hast, war für mich eine Lehre. Dieses Mal werde ich es dir nicht so leicht machen. Ich werde alles geben und dir alles abverlangen. Bist du bereit?“, fragte er und schwang den Stock um sich wie einen dritten Arm. Wenigstens fragte er mich dieses Mal, ob ich bereit sei. Jede Faser meines Körpers schrie „Nein!“ Mein Herz befürchtete mit dem Schlagen aufzuhören, meine Beine hatten Angst, nicht mehr gehen zu können und mein Gehirn hoffte, schnell genug reagieren zu können, damit ich nicht sterben würde. Dann war es plötzlich soweit: Ein Schrei, der Schlag, meine Reaktion. Ich ging in die Knie, hörte auf zu zittern und hielt den Stock fest in der Hand. Alles in mir war auf einmal auf Angriff aus. Ich hatte ein Gefühl von absoluter Kontrolle in mir. Wie damals bei der süßen Elster, der ich das Genick gebrochen hatte. Bearington musste meine Haltung als ein „Ja“ aufgefasst haben, da er auf mich losstürzte. Ich blieb allerdings stehen und lißs meinen Feind kommen. Mein Gehirn war jetzt komplett abgeschaltet. Das Einzige, was ich fühlte war, Angst, Wut, Macht und Mut. Bearington holte zu seinem ersten Schlag aus, ich duckte mich und wich aus. Er beging wie erwartet nicht denselben Fehler ein zweites Mal sammelte sich erst wieder und wartete auf meinen Angriff. „Na los, tu irgendetwas Junge. Sei kein Feigling!“, schrie er mich an. Es donnerte. Ich spürte, dass er mich jetzt als Feind und nicht mehr als seinen Leibeigenen sah. Also holte ich mit der Rückhand aus und schlug zu, was er leicht parierte, da mir die Kraft fehlte, seine Verteidigung zu durchbrechen. Als ich wegen seiner Parade zurücktaumelte, nutzte er seine Chance und schlug mir so heftig in die Kniekehlen, dass ich aufheulte, einknickte und auf den Boden stürzte. „Wo bist du, James? Wo zum Teufel bist du? Das ist nicht der, der mir fast die Nase gebrochen hat. Kämpfe gefälligst intuitiv! Jetzt bin ich nicht dein Gutsherr, sondern dein schlimmster Feind! Ist das klar?“, schrie er so laut, dass meine Ohren schmerzten. Ich fühlte Matsch unter mir und kalten Regen auf meinen Körper prasseln. Ich schloss die Augen und dachte: Was würde Vater tun? Dann stand ich langsam auf, stellte mich in voller Größe hin und fragte meinem zwei Köpfe größeren Feind. „Wollt ihr das wirklich, James?“ Er lächelte und holte zum nächsten Schlag aus. Ich wich sofort aus. Ich wusste, parieren war eine verdammt schlechte Idee. Wenn ich zuschlug, dann musste ich auch treffen, sonst hatte es keinen Sinn. Und mit meiner Abwehr hatte ich überhaupt keine Chance. Also musste ich wie auf meinem Baum vorgehen: warten und den Feind ermüden lassen. Wir hätten uns ewig so umkreisen können. Ich musste ihn irgendwie überraschen und angreifen wenn selbst ich nicht damit rechnete. Verzweifelt holte ich zu einem Schlag aus und ließ meinen Stab durch den Regen preschen. Bearington hielt sein Stock sichernd vor sich. Mitten im Schlag änderte ich seine Richtung und überraschte meinen Feind auf der Flanke. Er konnte nur ausweichen, was meine Chance war. Er war kurze Zeit ungeschützt. Als er zurückwich, sprang und schnellte ich mit meiner Waffe nach vorne. Ich erreichte ihn leider nicht, weil er zwei weitere Schritte nach hinten machte. Mit einem gezielten Schlag schlug mir Bearington den Stock aus der Hand. Ich hatte ihn wohl nicht fest genug gehalten. Er flog ein paar Meter weg, ich wich zurück. „Keine Gnade!“, rief mein Feind und stürmte mit erhobener Waffe auf mich zu. Das löste in mir einen Instinkt aus. Ich rannte auch los und ließ mich kurz vor ihm rückwärts auf den Boden fallen. Auf dem nassen Rasen rutschte ich direkt zwischen seinen Beinen hindurch. Ich stand schon wieder, während er so heftig daneben schlug, dass er ein bisschen ins Taumeln geriet. Ich war heilfroh, dass mich dieser Schlag nicht getroffen hatte. Ich holte meinen Stock, was mich wieder etwas siegessicherer machte. Als ich gerade voller Euphorie auf Bearington zulief, holte der aus und schleuderte mir seinen Stock plötzlich so exakt auf meinen Kopf, dass ich aus dem Lauf heraus hintenüber fiel. Ich schlug so heftig auf, dass ich sofort zu bluten anfing. Es regnete mir ins Gesicht und ich war so perplex und schmerzerfüllt, dass ich bewegungsunfähig da lag. Mein Feind beugte sich über mich, genau wie damals mein Vater. „Du bist tot, James“, sagte er lächelnd und streckte mir seine Hand entgegen. Ich schaute ihn an. Ich war deprimiert, schmerzerfüllt, traurig und glauben Sie mir, alles andere als mutig. Doch Bearington grinste, also lächelte ich gezwungenermaßen zurück. Ich packte den starken, muskulösen Arm und ließ mich mit einem kleinen Ruck wieder auf die Beine ziehen. Kennen Sie dieses Gefühl, wenn Ihnen die Beine vor Erschöpfung fast wegknicken und Sie sich nur übergeben wollen? Und genau dies passierte. Anstatt etwas zu sagen, entleerte ich meinen Mageninhalt vor Bearingtons Füßen. Er lachte und trug mich hinein. Dann setzte er mich auf den unbequemen Stuhl und verschwand in einem Seitengang. In meinem Kopf dröhnte es und die glänzenden Schwerter verschwammen vor meinen Augen. Alles drehte sich um mich. Irgendetwas hörte ich. Danach streichelte mir jemand durch das Haar und ich verlor das Bewusstsein. Haben Sie schon einmal das Bewusstsein verloren? Ich bereits ein paarmal. Für mich war es oft eine riesen Erleichterung, weil ich vorher immer so verwirrt und voller Gefühle war, dass ich total überfordert war. Dies war damals auch der Fall.


Als ich die Augen wieder aufmachte, sah ich, dass Bearington neben mir saß und mich anlächelte. Ich richtete mich auf und schämte mich in Grund und Boden. Er wusste das und ersparte mir die Blamage, mich zu äußern. Er sagte: „Ich werde dich jetzt nach Hause bringen es ist schon dunkel, aber deine Eltern werden das verstehen. Wir nehmen mein Pferd, es steht schon draußen bereit. Bist du soweit?“, fragte er mit einer unglaublichen Zärtlichkeit, die mir noch nie aufgefallen war.


„Aber natürlich! Ich sollte wirklich längst zuhause sein“, sagte ich und überlegte, was Vater wohl zu meiner Verspätung sagen würde. Er hatte sich doch auf mich verlassen. Ich vermied es, über das zuvor Geschehene zu sprechen, da ich mich immer noch zutiefst schämte. Wir gingen nach draußen, und ich merkte, dass mir immer noch schwindlig war. Das brachte mich dazu langsamer zu gehen als sonst. Erst als wir draußen angekommen waren, bemerkte ich, dass ich und auch Bearington wieder unsere Oberkleidung trugen. Er musste sie mir angezogen haben, als ich bewusstlos gewesen war. Ich war damals ziemlich verwirrt. Ich sah das Pferd, das bereits gesattelt war. Da ich noch nie zuvor auf einem Pferd gesessen hatte, war ich wahnsinnig angespannt. So ein Pferd kann für einen 13-Jährigen aus der Nähe wie ein Monster aussehen. Bearington schwang sich gekonnt in den Sattel, ohne dass das Pferd ins Wanken geriet. Er drehte sich zu mir und reichte mir die Hand. Ich ergriff sie und hatte plötzlich Angst. Der Respekt gegenüber dem Pferd ging langsam in Angst über. Er hievte mich hoch und ich klammerte mich irgendwo am Sattel fest, um nicht der Peinlichkeit eines zweiten Versuches ausgesetzt zu sein. Ich versuchte krampfhaft, auch mein Bein über den Pferderücken zu schwingen, was mir schließlich mit Hilfe Bearingtons gelang. Dieses „Aufsitzen“ muss unglaublich bescheuert ausgesehen haben. „Hopp“, sagte Bearington und brachte das Pferd in einen schnellen Trab. Ich hielt mich an ihm fest und wollte am liebsten nur schlafen. Mein Körper war komplett ausgelaugt. „Das ist mein Lieblingspferd! Es hat mir schon oft Glück gebracht. Es ist ein Irish Draught hat man mir gesagt. Er heißt Thunder und ist sehr kräftig. Und wie du merkst, hat man einen tollen Halt im Sattel, nicht wahr?“, fragte er mich. Mir tat mein Hintern weh und ich machte mir über den passenden Namen des Pferdes Gedanken.


„Stimmt, da haben Sie recht“, log ich. Ich konnte kaum mehr meinen Kopf aufrichten. Es blitzte und donnerte noch immer und es war bereits ziemlich dunkel. Ich war noch nie in meinem Leben so müde gewesen. Das änderte sich allerdings schlagartig im nächsten Moment. Denn plötzlich hörten wir aus dem Demberhaus wieder einen Schrei, der einem Angst machen konnte. Das Pferd scheute und blieb vor der Einbiegung zum Haus stehen. Bearington steuerte Thunder auf die Hütte zu und stieg ab. Ein weiterer Schrei erfüllte die Nacht, gleichzeitig blitzte es. Der Wind blies mich fast vom Pferd. Es war ein Wunder für mich, dass sich das Pferd nicht vom Fleck bewegte. Ich fragte mich, was Bearington vorhatte und wollte gerade fragen als er sagte: „Bleib wo du bist!“ Ich sah etwas in seinem Gesicht, was mir gar nicht gefiel: Sorge. Er klopfte dreimal laut gegen die Holztür. „Peter Dember? Öffnet die Tür“, schrie er und stemmte sich gegen den Wind. Ich duckte mich und versteckte mich hinter dem Hals des Pferdes. Die Tür öffnete sich plötzlich blitzschnell und das einzige was ich sah, war, wie ein Holzscheitel Bearington direkt am Kopf traf und zu Fall brachte. Thunder bewegte sich keinen Schritt. Ich war in meinem sicheren Versteck und sah, wie Dember wahnsinnig erschrak, als er sah, dass Bearington vor seinen Füßen lag. Er hatte offenbar jemand anderen erwartet. Ich sah die Verzweiflung in seinem Gesicht. Er packte Bearington, schleifte ihn in die Hütte und schloss die Türe. Panik überkam mich. Er würde ihn umbringen, dessen war ich mir sicher. Meine Gefühle spielten verrückt. Ich musste helfen, das war mir sofort klar. Ich wusste bloß nicht wie und wusste, dass mir nicht viel Zeit blieb. Tolle Vorrausetzungen, nicht wahr! Ich sah mich nervös um und entdeckte auf einmal einen Dolch, der an den Sattel gebunden war. Ich zog ihn aus der kleinen Scheide und begutachtete seine Schärfe. Er hatte zwei Schneiden, war etwa so lang wie die Hand eines Erwachsenen und spiegelte die Blitze hinter mir wider. Ich ließ mich vom Pferd herunter gleiten und landete auf den Füßen. Vergessen Sie bitte nicht, dass in jeder Faser meines Körpers pure Angst steckte. Aber ich hatte auch viel Wut in mir, da ich nicht glauben konnte, dass Dember tatsächlich zu so etwas im Stande war. Ich schlich mich langsam unter das rechte Seitenfenster der Hütte. Den zerfetzten Stoff, der es abdecken sollte zog ich vorsichtig beiseite und spähte hinein. Mein Kopf war kaum zu sehen. Allerdings sah auch ich fast nichts. Nur Dember, der in einem anderen Zimmer im Bett lag und komische Bewegungen machte. Die Schreie der Frau waren zu hören. Wo zum Teufel war Bearington, fragte ich mich. Es brannte nur eine Kerze im Schlafraum der Dembers und die erhellte leider den Hauptraum nicht. Ich schob den Stoff weiter zurück und hob den Kopf. Dember war anscheinend sowieso mit etwas anderem unter sich beschäftigt. Noch immer die grauenvollen Schreie. Ich suchte im großen Raum nach Bearington, fand ihn aber nirgends. Ich hielt den Dolch fest in der Hand und begann zu verzweifeln. Ich musste etwas tun, verdammt nochmal! Ich haderte mit mir und ging noch einmal in Deckung. Ich zitterte. Auf keinen Fall durfte ich einfach hier abwarten, dachte ich. Ich musste also handeln, egal was kommt. Also hob ich den Stoff beiseite, schlüpfte durch das Fenster und landete leider etwas unsanft und laut auf dem Boden. Gott sei Dank schrie in genau diesem Augenblick die Frau unglaublich laut auf. Erst jetzt begriff ich, dass die Frau unter Dember lag. Aber was zum Henker tat er da? Ich versteckte mich hinter einem Stuhl und sah die Frau. Plötzlich schlug Dember ihr so heftig ins Gesicht, dass sie wieder aufschluchzte. Vor Schmerzen, das war mir jetzt klar. Mir lief es kalt den Rücken runter. Ich richtete mich auf, ging leise zur Wand und presste mich gegen sie, direkt neben die Tür. Nun konnte ich Dember hören. „Komm schon du Mistvieh, sag mir wie gern du mich hast! Sag wie sehr du mich liebst! Na los, du dreckiges Mistweib sag es mir“, stöhnte er und schlug wieder zu. Dann kamen die Erinnerungen an die Schmerzen von damals als ich meine Mutter weinen hörte hoch. Denn auch diese Frau schluchzte und weinte fürchterlich. „Sag es!“, schrie Dember mit einer unglaublichen Gewalt aber auch Lust in der Stimme. Neben mir stand eine Schüssel. Ich nahm sie und warf sie in die gegenüberliegende Ecke. Ich dachte nicht mehr, ich fühlte nur noch. Die Frau schrie weiter, doch Dember sprang auf den Boden und nahm etwas Hölzernes in die Hand. Ich war verdammt dankbar für meine guten Ohren. Ich wartete und hörte mein eigenes Herz pochen. Dember ging direkt an mir vorbei Richtung Fenster. Ich sah einen Stuhl, der meinen Instinkten sofort gefiel. Ich nahm Anlauf, sprang mit einem Bein auf den Stuhl und sofort weiter auf Dember zu. Der schnellte herum, hatte aber keine Chance mehr: Mein Dolch durchbohrte seinen Hals und er sackte rücklings zu Boden. Ich war auf ihm und drückte seine Schulter zu Boden. Warmes Blut rann mir über meine Hände. Es glänzte unglaublich schön und ich sah Dember fasziniert an, der röchelnd nach Luft rang. Sein Mund füllte sich mit warmen Blut und er schnappte immer wieder nach Luft. Seine Augen rollten verwirrt hin und her. Ich näherte mich ihm ein Stück und hörte ihn jammern und japsen. Seine Augen erfassten mich und er war nur noch überrascht und voller Panik. Mein dreckiges, nasses, teuflisch lächelndes Gesicht spiegelte sich im Dolch. Ich strich Dembers die Haare aus dem Gesicht und hörte mich, wie ich Folgendes leise aber mit allem Hass den ich empfand flüstern: „Niemand liebt dich!“ Und so wurde das Leben von Peter Dember für immer ausgelöscht.


 


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