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Belletristik
Buch Leseprobe Mein weiter Blick aufs Meer, Simone Petzold
Simone Petzold

Mein weiter Blick aufs Meer


Starke Frauen

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Ein furchtbarer Hustenreiz ließ mich hochschrecken. Ich riss die Augen auf, konnte aber nichts sehen. Meine Augen brannten wie Feuer. Jeder Atemzug verschlimmerte den Hustenreis. Mein Mund und mein Hals waren voller Sand. Ich hob ruckartig den Kopf und hustete minutenlang. Ich spuckte den Sand aus und nach und nach wurde es besser. Ich versuchte, durch reiben, den Sand aus meinen Augen zu entfernen. Auch das dauerte unendlich lange. Es war stockdunkel und ich schlotterte vor Kälte. Der Wind blies mir gleichmäßig den Sand auf den Körper, ins Gesicht. Nach und nach stellte sich ein unglaubliches Brennen im Unterleibsbereich ein. Ich betastete meinen Schoß und stellte fest, dass sich auch dort etliche Sandkörner versteckt hatten. So vorsichtig wie möglich entfernte ich eines nach dem anderen. Da mir das zu langsam ging, rieb ich flächig, was mir sofort Tränen in die Augen jagte. Der Schmerz, den ich dort unten spürte, rührte nicht vom Sand her. Ich setzte mich schräg auf, also auf nur eine Pobacke. Ein gerades Sitzen hätte ich nicht ausgehalten. Nun hatte ich beide Arme frei und betastete meinen von unglaublich grober Gänsehaut überzogenen Körper. Bewegen konnte ich alles, nur der linke Oberschenkel, die linke Hüfte und die linke Schulter waren etwas druckempfindlich. Es fühlte sich an, als hätte ich dort blaue Flecken. Da ich absolut nichts sehen konnte, konnte ich das allerdings nur vermuten. Durch das Aufsetzen war ich nun dem stetigen kalten Wind großflächig ausgesetzt. Ich unterbrach das Betasten meines Körpers auf der Stelle und schlug die Arme um mich, um zumindest meinen Oberkörper etwas abzuschirmen. Allerdings wurde das Schlottern dadurch kaum gemindert. Ich fror, wie ich noch nie in meinem Leben gefroren hatte. Ich legte mich gekrümmt in den Sand zurück und bot auf diese Weise dem Wind eine geringere Angriffsfläche. Jetzt wurden zwar Po und Beine berieselt, aber zumindest bekam ich keinen Sand mehr ins Gesicht. Wärmer wurde mir dadurch allerdings nicht. Langsam setzte mein Verstand ein und ich machte eine Bestandsaufnahme. Ich war nackt auf einer Sandfläche aufgewacht. Wie war ich hierhergekommen? Mir fiel es nicht ein. Ich hatte Druckschmerzen an der linken Körperseite. Wie waren die entstanden? Hatte mich jemand geschlagen? Hatte ich einen Unfall erlitten? Nichts. Keine Erinnerung, noch nicht mal ein Fetzen. Mir war klar, dass ich erfrieren würde, wenn ich jetzt nicht bald etwas unternahm. Ich gab mir selbst einen gedanklichen Fußtritt und stand auf. Sofort wurde ich vom Wind von oben bis unten mit Sand bestreut. Da ich nicht den Hauch einer Ahnung hatte, wo ich mich befand, ging ich dem Wind entgegen. Ich dachte, wenn ich irgendwann ins Leere laufe und umdrehen muss, habe ich auf dem Rückweg den Wind von hinten. Natürlich war das ausgemachter Schwachsinn, wenn ich heute daran denke, aber in diesem Moment war mein Verstand nicht gerade optimal eingeschaltet. Ich stapfte also los und stemmte mich dem Wind entgegen. Während ich mit der rechten Hand mein Gesicht abschirmte, hielt ich mir den linken Arm vor die Brust, um meinen Busen zu schützen. Es war recht unangenehm, wenn die Sandkörner auf die Brustwarzen trafen. Ich versuchte, so gerade wie möglich zu gehen. Ich wollte meine eigentlich nicht vorhandene Orientierung nicht verlieren. Nach einigen Metern gesellte sich zum Geheul des Windes ein leises Rauschen, das stetig lauter wurde, je weiter ich vorankam. Als beide Geräusche etwa gleich laut waren, bekam ich nasse Füße. Jetzt erst erkannte ich, dass ich mich an einem großen See oder einem Meer befinden musste. Mein Verstand tendierte eher in Richtung Meer, da ich mir einen See mit dermaßen viel Sand nicht vorstellen konnte. Ich philosophierte nicht lange und drehte um. Das Wasser war zwar nicht wirklich eisig, aber auch wiederum nicht so warm, dass es in der Lage gewesen wäre, mein Schlottern zu mildern. Ich stapfte vom Meer weg und hatte nun wirklich den Wind im Rücken. Je weiter ich das Wasser hinter mir ließ, desto grausamer wurde die Sandkanonade. Anfangs ging ich sehr langsam, aber nach ein paar weiteren Schritten fiel ich in Trab, um zum Schluss zu rennen. Obwohl mir schnell die Puste ausging, versuchte ich eine gewisse Geschwindigkeit zu halten, da ich feststellte, dass das Schlottern durch die Bewegung etwas nachgelassen hatte. Obwohl ich weit davon entfernt war, mich warm zu fühlen, brachte jedes zusätzliche Grad Körpertemperatur eine kleine Erleichterung mit sich. Dann spürte ich plötzlich Gras unter meinen Fußsohlen. Allerdings fühlte es sich nicht wie Wiesengras an. Es war hart und scharf und ich reduzierte meine Geschwindigkeit, da ich Angst davor hatte, mir die Füße aufzuschneiden. Hatte ich anfangs nur hier und dort auf einen Grasbüschel getreten, so schien das Gras nach jedem weiteren Schritt dichter zu werden. Um meine Fußsohlen zu schonen, blieb ich kurz stehen. Vorsichtig setzte ich meinen Weg fort. Ich blieb auf einem Fuß stehen und tastete mit dem anderen vor mir den Untergrund ab. Erst wenn ich eine Stelle gefunden hatte, die weniger stark bewachsen war, machte ich einen Schritt vorwärts. Ich überlegte. Sollte ich auf allen Vieren weiterkriechen? Vielleicht war ich dann dem Wind nicht so sehr ausgesetzt. Durch die Verlangsamung meiner Geschwindigkeit hatte das Schlottern wieder stark zugenommen. Ich entschied mich dagegen und tastete weiterhin mit den Füßen. Nach und nach wurde das Gras so dicht, dass ich darauf treten musste, wenn ich fortkommen wollte. Ich tastete nun nicht mehr, aber setzte sehr vorsichtig einen Fuß vor den anderen, um die scharfen Halme erst niederzudrücken, bevor ich den Fuß belastete. Obendrein stellte ich fest, dass ich leicht bergan ging. Ich starrte vor mich auf den Boden, ohne etwas sehen zu können. Als ich nach einer Weile den Kopf hob, erblickte ich in der Ferne einen schwachen Lichtschein, der in unregelmäßigen Abständen blinkte. Ein kleiner Hoffnungsschimmer keimte in mir auf. Jetzt hatte ich ein Ziel. Dort wo es Licht gab, musste es auch Menschen geben. Einem inneren Drang, auf der Stelle loszurennen, widerstand ich im letzten Moment. Wenn ich mir hier die Füße aufschnitt, würde ich das Licht niemals erreichen können. Vorsichtig ging ich weiter dem Licht entgegen. Leider kam ich nicht sehr weit. Plötzlich ertastete einer meiner Füße einen harten Zweig. Ich tastete vorsichtig weiter und spürte nach nur einem Schritt mehrere harte Zweige an meinen Unterschenkeln. Ich streckte die Arme nach vorn aus und spürte eine Wand aus harten Zweigen. Ehe sich Verzweiflung in mir breitmachen konnte, rief ich mich zur Ordnung und ließ den Blick über meine Umgebung streifen. Der Lichtschimmer war nach wie vor zu sehen. Allerdings lag er weit am Horizont und zwischen ihm und mir stand diese furchtbar hohe Hecke. Ich überlegte, welche Möglichkeiten mir jetzt blieben. Zum Wasser zurück, war keine Lösung. Ich entschied mich, nach links zu gehen. Vielleicht konnte ich dort das Ende der Hecke erreichen. Vorsichtig tastete ich mich voran. Ich streckte den rechten Arm aus, um den Kontakt zur Hecke zu halten. Einerseits wollte ich nahe an der Hecke bleiben, andererseits aber auch nicht hineinlaufen. Meter um Meter schob ich mich an den harten Zweigen vorbei. Immer wieder schaute ich nach rechts, um den Lichtschein nicht aus den Augen zu verlieren. Als ich nach einiger Zeit erneut aufschaute, bemerkte ich, dass der Morgen zu grauen schien. Direkt vor mir wurde ein schmaler heller Streifen am Horizont sichtbar. Nach einigen Minuten konnte ich ein paar Umrisse erkennen. Rechts von mir war die Hecke, die mir etwa bis zur Brust reichte. Vor mir lag der Strand und links fing langsam das Meer an zu schimmern. Wäre ich nicht in dieser unglaublichen Situation gewesen, hätte ich den Beginn des neuen Tages bestimmt genießen können. Als ich erneut den Kopf hob, erkannte ich, dass es in der Hecke einen Durchgang gab. Da sich die Konturen um mich herum durch die anbrechende Morgendämmerung mehr und mehr verschärften, verließ ich die Hecke, um ein paar Meter unterhalb, dem Durchgang entgegenzulaufen. Jetzt erhöhte ich meine Geschwindigkeit, da ich gefahrlos zwischen den Grasbüscheln hindurchlaufen konnte. Nur noch den Durchgang im Auge behaltend, rannte ich schneller und schneller. Plötzlich blieb ich an etwas Hartem hängen und schlug der Länge nach hin. Ich fiel allerdings nicht in den Sand, sondern auf einige Holzplanken, die ich nicht gesehen hatte, da sie fast vollständig vom Sand bedeckt waren. Hatte ich mich an meine schmerzempfindliche linke Seite inzwischen ein wenig gewöhnt, so durchfuhren mich nun rechts gewaltige Schmerzwellen. Aller Sinne beraubt, blieb ich einige Sekunden still liegen. Dann drehte ich mich auf den Rücken und überprüfte meine Körperfunktionen. Die Aufschlagstellen taten zwar furchtbar weh, aber eine Bewegungseinschränkung konnte ich nicht feststellen. Vorsichtig drehte ich mich auf den Bauch. Über den Vierfüßlerstand richtete ich mich langsam auf. Endlich stand ich wieder auf den Füßen. Jetzt erkannte ich, dass die nebeneinanderliegenden Holzplanken einen festen Weg bildeten. Links führte dieser Bretterweg fast bis ans Wasser. Rechts durchbrach er die Hecke. Vorsichtig folgte ich dem Holzpfad und hatte nach wenigen Metern den Durchgang erreicht. Kaum auf der anderen Seite der Hecke und ich wähnte mich fast im Paradies. Der Wind war hier nur noch als laues Lüftchen zu spüren und die Sandberieselung hatte fast vollständig aufgehört. Durch die Helligkeit des aufstrebenden Morgens war das Licht am Horizont kaum noch zu erkennen. Ich wandte mich nach rechts und folgte dem Bretterpfad. Jetzt, da ich das Holz unter mir sehen konnte, kam ich schnell voran. Hin und wieder verfiel ich in Trab, den ich zwischendurch leider mehrmals unterbrechen musste, da mir die Luft ausging. Als ich dem Lichtschein endlich nahe gekommen war, ging hinter mir die Sonne auf. Allerdings konnte ich das nur anhand der zunehmenden Helligkeit erkennen. Sehen konnte ich sie nicht, da der Himmel einer riesigen Bleikuppel glich. Als ich etwa auf der Höhe des Lichtes angekommen war, erkannte ich den Ursprung. Ich stellte mich mit dem Rücken zur Hecke und versuchte, Einzelheiten zu erkennen. Nach und nach kam ich dahinter, dass es sich um ein beleuchtetes Fenster handeln musste. Das Blinken des Lichtes wurde durch einen Busch ausgelöst, der sich im Wind bewegte und sich dadurch immer wieder vor das Fenster schob. Jetzt, da es stetig heller wurde, sah ich, dass das Fenster zu einem kleinen Holzhaus gehörte, dessen Konturen nach und nach deutlicher hervortraten. Ich überlegte nicht lange und verließ den Bretterweg. Über einen festen Sandweg mit deutlich erkennbaren Fahrspuren marschierte ich schnell voran und erreichte nach einer geschätzten halben Stunde das ersehnte Grundstück. Ein etwa brusthoher Lattenzaun trennte das Areal von der Umgebung ab. Nachdem ich einige Meter daran entlanggegangen war, erreichte ich eine schmale Pforte. Pforte und Zaun waren wohl vor langer Zeit einmal grün angestrichen worden. Allerdings hatte die Verwitterung nur noch hier und da ein paar Farbreste übriggelassen. Ich drückte gegen die Pforte. Sie ließ sich nicht öffnen. Erst als ich genauer hinschaute, begriff ich die Funktionsweise der Verriegelung. Ich fasste also über die Pforte hinweg und hob den Riegel an. Jetzt ließ sich die Pforte kinderleicht aufdrücken. Ohne mich lange mit Garten und Blumen aufzuhalten, ging ich auf die Eingangstür zu. Ich drückte ein paar Mal erfolglos auf die Klinke. Wieso war diese Tür verschlossen? Ehe ich in Panik ausbrechen konnte, schaltete sich mein Gehirn ein. Natürlich war die Tür verschlossen. Wer würde in dieser Einöde schon seine Haustür nachts offen lassen? Da ich nach wie vor unglaublich fror, klopfte ich an. Nichts rührte sich. Ich klopfte erneut. Immer noch Stille. Ich klopfte lauter. Nichts. Ich hämmerte gegen die Tür. Diese wurde plötzlich von innen aufgerissen und ich konnte im letzten Moment meine Faust zurückreißen. Andernfalls hätte ich die Frau, die nun im Türrahmen stand, geschlagen. Sie wich behände ein paar Schritte zurück und musterte mich neugierig. „Was machst du denn hier um diese Zeit? Hast du nix anzuziehen?“ Ich zögerte nicht eine Sekunde und trat an ihr vorbei ins Innere. Ich konnte die Kälte nicht mehr ertragen. „Na, du bist mir aber eine ganz Forsche, hä?“ Ich bibberte dermaßen, dass ich kein Wort über meine Lippen bekam. „Was ist denn los mit dir? Bist du nicht ganz dicht, hä?“ Ich bibberte weiter. „Hast du auch einen Namen?“ „Kakakaka.“ „Willst du mich veräppeln, hä?“ „Kakakaka.“ „Kannst du nicht vernünftig sprechen, hä?“ Es dauerte eine Weile, bis ich mein Zähneklappern überwinden konnte. „Ich heiße Katharina.“ „Aha. Katharina also. Und wie weiter?“ Ich stand vor der Frau, öffnete meinen Mund, aber es kam nichts heraus. Ich überlegte, aber mein Nachname wollte mir einfach nicht einfallen. „Wieso läufst du eigentlich bei der Eiseskälte nackend herum? Bist du irgendwo abgehauen oder was, hä?“ Sie nahm einen Mantel von der Garderobe und hängte ihn mir über die Schultern. „Und wie du aussiehst? Bist du über ´n Stacheldrahtzaun gesprungen oder was, hä?“ Langsam kehrten meine Lebensgeister zurück. Nachdem die Frau die Tür geschlossen hatte, spürte ich Wärme, die mir vom Inneren des Hauses her entgegenwehte. „Entschuldigen Sie den Überfall. Ich kann mich an meinen Nachnamen nicht erinnern. Ich bin heute Nacht am Strand aufgewacht. Ich habe keine Ahnung, was mit mir passiert ist.“ „Am Strand aufgewacht? Was treibt ein junges Mädchen, wie du, nachts am Strand, hä?“ Ich konnte nur mit meinen Schultern zucken. Ich wusste es nicht. „Na, komm erst mal rein.“ Als wir das Schummerlicht des kleinen Flures verließen und in das helle Licht der Küche eintraten, erschrak die Frau. „Um Gottes Willen. Du siehst ja furchtbar aus. Haben die dich vom Kutter geworfen oder was, hä?“ Sie nahm mir den Mantel ab und betrachtete mich neugierig und entsetzt von allen Seiten. „Komm mal mit, Deern. Da müssen wir was machen.“


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