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Belletristik
Buch Leseprobe Mein unfassbarer Sommer in Sitebütt, Andreas Tietjen
Andreas Tietjen

Mein unfassbarer Sommer in Sitebütt



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Eins – Geburtstag


Geburtstag ist total öde, wenn man Siebzehn geworden ist und alle Freunde und Klassenkameraden schon in die Sommerferien gefahren sind. Die Geschenke werden in dem Alter ätzend langweilig. Es war noch gar nicht so lange her, da hatte ich mich über mein erstes Handy, einen neuen iPod und zuletzt über den lang ersehnten PC mit zeitgemäßer Grafikkarte gefreut; an diesem Tag aber gab´s fast ausschließlich Geldgeschenke. Auch nicht schlecht werdet ihr denken, doch das waren zweckgebundene Rücklagen für meinen Führerschein. Führerschein ist frühestens nächstes Jahr, Langeweile heute. Einzig die Präsente meiner Family stachen aus dem bescheidenen Haufen von Briefumschlägen heraus. Da war die selbst gestrickte Pudelmütze von meiner zickigen Schwester Lea, die TimeZone-Jeans von meiner Mutter und eine Konzertkarte für David Garrett von meinem Vater. Dads Geschenke kamen seit Jahren mit der Post und waren stets angeberhaft. Sie waren teuer und sollten beweisen, dass er reich war. Er und meine Ma hatten sich vor einer Ewigkeit getrennt. Ich kann mich kaum an ein normales Familienleben erinnern . Pa war Profi-Violinist und ständig irgendwo in der Weltgeschichte unterwegs. Er hatte überhaupt keine Ahnung, was ich mochte und was nicht. David Garrett auf jeden Fall nicht. Aber wozu gab´s eBay. Ach ja, und dann die legendären Geschenke von Omama. Zu jedem erdenklichen Anlass spendierte sie irgendwelche Raritäten ihres längst verstorbenen Mannes, Opa Arnold. An diesem siebzehnten Geburtstag war es eine goldene Armbanduhr aus dem Jahre zweitausend vor Buddha. Ein scheußlich altmodisches Zeiteisen aus Gold, welches man noch von Hand aufziehen musste. EBay sag’ ich nur! Vielleicht könnte ich mir von dem Erlös ein PC-Spiel kaufen.


Unten mummelten irgendwelche Freunde meiner Mutter selbst gemachte Matschtorte in sich hinein. Für mich war der Geburtstag längst Geschichte, obwohl es nicht einmal siebzehn Uhr war. Im Chat war auch noch nichts los, sowieso waren die meisten Leute in den Ferien. Schade, dass Micha - Onkel Micha, genau Großonkel, denn er war der Onkel meiner Mutter - nicht gekommen war. Er war der einzige Freak in meiner langweiligen Kotz-Familie. Micha hatte wenigsten immer coole Ideen und fragte nicht als Erstes, was mit meinem Abi wäre. Ja, was war mit meinem Abi? Auf jeden Fall dürfte ich wohl noch eine Platzrunde drehen, und das hieße nochmals: Jahrgang wechseln, niemanden zu kennen, mich gegen irgendwelche affigen Spießer behaupten zu müssen, die noch nicht im Stimmbruch waren. Seit unserem Umzug von München nach Hildesheim hatte ich fast nur virtuelle Freunde. In verschiedenen Chats, in Online-Games und in VirtusWorld. Hildesheim. Wer Hannover hässlich und öde findet, der war nie in Hildesheim. Mama war hier aufgewachsen und Omama lebte hier. Sind das nicht zwei total bescheuerte Gründe, um nach Hildesheim zu ziehen?


So, jetzt kamen die ersten Mails mit Geburtstagsgrüßen herein. Toll, Lukas war in London, Sek mailte aus Ibiza - sein Dad war Deejay! - und Mia war mit der Family in Südfrankreich. Hier hatte es den ganzen Tag über genieselt. Ich könnte pennen ... oder heulen ... oder kotzen!


Ich klickte mich in VirtusWorld ein. Hier war ich TimBean. Das war die geshrinkte Version meines richtigen Namens Tim Boehnke. Ich war zu faul gewesen, mir einen besseren Namen zu verpassen. Als TimBean war ich Anfang zwanzig - durfte also alles machen, was Erwachsene dürfen - war blond, blauäugig und ein mega-cooler Typ. Bis auf Haar- und Augenfarbe all das, was ich im Real-Life nicht zu bieten hatte, worauf aber die Mädchen standen. Ich hatte einen Surfladen. Das war scheiße, aber den gab´s in unserer Hood noch nicht. Und mit irgendwas muss man ja seine Kohle machen, auch in VirtusWorld. Ich latschte erst einmal durch die Gegend. Viel hatte sich nicht getan. Die meisten Veränderungen gab es nachts und an Wochenenden. Beides fing ja gerade erst an. In einer anderen Community hatte ich Nele kennengelernt. Es war eine Land-Community, so mit Bauernhöfen und so. Ich hatte mich dorthin verklickt und wurde erst einmal gedisst, weil ich ein Surfer war. Nele hatte mich sofort in Schutz genommen und ich bin dann in einem Rollenspiel mit ihr zusammen gelandet.


Als Micha später doch noch in meine Bude kam, grinste er vielsagend. Er hatte einen alten verschrammten Baseball-Helm unterm Arm, so ein Ding mit jeder Menge Aufklebern drauf und je einem großen Fünfstern auf den Seiten. Sah cool aus.


»Hi, Alter, gratuliere!«, sagte er und nahm mich in den Arm. Ich fand es immer voll komisch, wenn er mich Alter nannte. Erstens klang das schräg aus dem Mund eines Erwachsenen und zweitens war er der Alte, nicht ich. Ich hatte keine Ahnung, wie alt er wirklich war, wahrscheinlich schon fünfzig oder sechzig, oder so. Man konnte Micha überhaupt nicht einschätzen. Er war schlank, hatte dunkelbraune Haare - kein Grau oder so - eine runde Brille und er kaute meistens Kaugummi. Er musste Jahrhunderte jünger als Omama, gewesen sein. Micha war Omamas Bruder und damit Mamas Onkel - unvorstellbar! Er und meine Mutter liebten sich und für mich war er alles, was mein Dad hätte sein sollen.


»Ist das ein Baseball-Helm?«, fragte ich, um endlich herauszubekommen, was es mit dem Teil auf sich hatte. »Soll ich Baseball oder Rugby spielen lernen?«


»Das ist mein Geschenk für dich.« Micha blinzelte. »Es ist so was wie eine Eintrittskarte.«


»Für ein Baseballspiel?«


Micha lachte sich halb schlapp.


»Sag’ ich nicht!«


Micha hatte sich nicht hingesetzt. Seine dunkelgraue Anzugjacke, die er zu T-Shirt und Jeans trug, verströmte den Geruch von altem Auto, vermischt mit Zigarettenqualm und Nieselregen. Micha war Nichtraucher. Warum roch er nach Zigarettenqualm?


»Gibt’ s noch Matschtorte?«, fragte er grinsend.


»Hast du Hunger, oder magst du das Zeugs wirklich?«, spottete ich.


Micha blieb mir die Antwort schuldig und ging hinunter ins Erdgeschoss unseres gemieteten Einfamilienhauses, um sich zu den Alten zu gesellen. Oben konnte ich leise Gespräche von dort durch die Etagendecke hören. Es hatte etwas Beruhigendes für mich zu wissen, dass meine Familie da war und dass mein Onkel mit seiner Anwesenheit den Rahmen schloss. Lea, meine Schwester, saß in ihrem Zimmer vor ihrem kleinen Fernseher und telefonierte gleichzeitig mit ihrer Freundin. Lea war groß gewachsen, schlank und sah für eine Schwester ungewöhnlich gut aus. Ihre Freundin Carina hingegen war genau das Gegenteil von ihr. Sie war klein, pummelig, hatte eine Assi-Frisur und war hässlich, hässlich, hässlich!


»Carina, du bist schlimm! Du bist nur am Fressen!«, hatte sich Lea einmal in meinem Beisein beklagt.


»Na und? Ich bin doch schon dick!«, war die Antwort.


Erde an Raumschiff Carina: Merkst du noch was?!


Trotzdem blieben sie beste Freundinnen und gingen im wahrsten Sinne gemeinsam durch dick und dünn! Wir hatten an unserer Schule nur solche Freak-Mädchenpaare, bestehend aus jeweils einer hübschen schlanken und einer hässlichen fetten. Es gab nur wenige Ausnahmen, bei denen die kleinen Dicken besser aussahen, als die langen Dünnen. Aber mir waren alle Mädchen an der Schule ziemlich egal, solange sie mich in Ruhe ließen und nicht auf mir herumhackten oder mich veräppelten. Ich stand auf Mangas und an die gezeichneten Manga-Girls kam kein lebender Mensch heran. No way! Sie sahen nicht nur verdammt gut aus, sondern sie verhielten sich auch viel normaler als die Typen im Real-Liefe. Anstatt herumzuzicken, befassten sie sich mit wirklich wichtigen Dingen. Das war für mich alles viel nachvollziehbar als das, was die bescheuerten Hildesheimer taten. Hier gehörte ich nirgendwo dazu; in meiner virtuellen Welt war ich wer oder es war egal, weil alle gleich, und an der selben Sache dran waren.


Ich hörte die Haustür zuschlagen und kurz darauf Schritte auf unserer Holztreppe. Meine Mutter klopfte einmal kurz an und lugte dann durch die einen Spalt weit geöffnete Tür.


»Geht´s dir gut?«, fragte sie im besorgten Tonfall.


»Ich bin okay«


»Nur okay? Heute ist immerhin dein Geburtstag, da sollte es dir super gehen!«


»Mama, ich bin okay! Was willst du?«


Meine Mutter zögerte, öffnete die Tür ganz, und forderte mich auf, mit ihr hinunter zu kommen.


»Micha hat noch eine Überraschung für dich. Wir müssen etwas mit dir besprechen.«


Mein Großonkel hatte nur Überraschungen parat, normale Geschenke kannte er gar nicht. Er war Journalist und Buchautor. Vielleicht lag es an seinen vielen Reisen, dass er immer auf Ideen kam, die niemand anderem einfallen würden.


Ich wollte mich bei VirtusWorld abmelden und den Rechner auf Stand-by schalten, aber dann kam Nele auf meinen Bildschirm.


»Hi!«, meldete sie sich.


Nele machte nie viele Worte. Das, was sie sagte, traf jedoch immer voll. Ich tippte in mein Keyboard und antwortete ebenfalls mit »Hi!«


»Glückwunsch zum Fast-Volljährig-Geburtstag!«


»Danke! Das Jahr kriege ich auch noch rum.«


Keine Ahnung, woher Nele mein Alter wusste; ich war beeindruckt. Zum tausendsten Mal klickte ich Neles Avatar an, um es zu vergrößern. Nele hatte ein tolles Manga als Avatar und ich stellte mir vor, dass sie genauso aussah. Herzförmiges Gesicht, große himmelblaue Augen und eine fetzige schwarze Frisur. Mein Avatar war blond, so wie ich es auch im Real-Life war. Ich hatte mein Avatar mit einem Bildeffektprogramm aus einem richtigen Foto von mir generiert. Ich fand, dass es mir ziemlich gut gelungen war, es sah ebenfalls nach Manga aus].


»Kommst du?!«


Meine Mutter war erneut hochgekommen, um mich zu holen.


»Gleich, ich muss mich noch ausloggen!«


»Treffen wir uns nachher?«


Nele hatte sich wieder eingeblimmt. Ich nannte das so, weil jede neue Nachricht ein »Blimm«-Geräusch im Monitor machte.


»Ja, na klar! Ich muss nur noch meinen Raumgleiter aus der Garage holen.«


Nele antwortete nicht.


»Ich wohne in Hildesheim, das ist nicht auf diesem Planeten!«


»Ich weiß!«


»Wo wohnst du eigentlich?«


»Auf unserem Planeten.«


»Gibt´s da auch Straßen und Häuser und langweilige Familien und langweilige Geburtstagspartys, wo kein Mensch kommt?«


Es dauerte eine Weile, dann blimmte Nele: »Hier gibt es Schafe, Hühner, einen dämlichen Hund, Menschen und auch Häuser. Wir haben eine Straße, die führt von einem Horizont bis zum anderen, und ich stehe genau in der Mitte.«


»Also bist du der Mittelpunkt deines Planeten!«


»Schlauer Junge!«


»Ist das nicht langweilig? Ich meine so in einem Dorf. Da gibt´s doch nichts!«


Wieder brauchte Nele eine Ewigkeit, bis sie sich meldete.


»Komm mich doch mal besuchen, dann siehst du, was es hier alles gibt.«


Ich klickte auf Neles Profil und suchte ihre Adresse in VirtusWorld.


 


Mein Onkel Micha machte ein richtiges Geheimnis aus seiner Überraschung. Er sagte mir, dass ich meine Reisetasche für eine Reise packen solle. Komisch, dass meine Mutter schon all meine Klamotten bereitgelegt hatte. Sie war wohl schon eingeweiht. Ging es doch zu einem Baseballspiel? Micha kam wieder mit nach oben in mein Zimmer und beobachtete, wie ich meine Tasche vollstopfte. Zwischendurch gab er immer wieder mal einen Kommentar ab.


»Dein iPhone kannst du ruhig hier lassen. Da, wo wir hinfahren, hast du eh kein Netz!«


»Kein Netz? Und was ist mit meinem Notebook?«


»Brauchst du nicht. Glaub’ mir! Nimm einfach alles mit, was du zum Beispiel auf Klassenfahrt mitnehmen würdest.«


»Ich würde mein iPhone mitnehmen!«


»Vergiss es - kein Netz! Nimm einfach nur analoge Sachen mit, nichts Digitales.«


»Mein Taschenmesser ist analog!«


Micha rollte mit den Augen.


Ich packte nur Klamotten ein, Zahnbürste, Duschgel und solche Dinge. War ja klar, dass wir zu einem Baseballspiel mitten in der Pampa fuhren. Kuhkaff gegen Güllenest. Toll!


»Zeig mal!«, forderte er mich auf, mein altmodisches Schweizer Taschenmesser vorzuführen. Ich hatte es von meinem Vater geschenkt bekommen, kurz bevor er unsere Familie im Stich gelassen hatte. 


»Meinetwegen! Wir kommen ja sonst nie los!«


Micha gab mir das gute Stück zurück und ich steckte es in meine Hosentasche.


»Was machen die, wenn mal jemand ins Krankenhaus muss, oder so?«, fragte ich.


»Wer?«


»Na die, wo wir jetzt hinfahren. Die ohne Mobilfunknetz.«


»Die rufen einen Krankenwagen, genau wie wir. Dafür gibt es Geräte mit Tasten oder mit einer Wählscheibe drauf, mit denen man eine Nummer wählt. Dann macht es Tut-Tut, und dann sagt man, dass man einen Krankenwagen braucht. Die nennen das Telefon. Die, wo wir jetzt hinfahren. Mach dir mal keinen Kopf, wir werden keinen Krankenwagen brauchen. Aber auch keinen Technik-Schnickschnack. Wir machen nur einen kleinen Ausflug. Einen Ausflug auf das Land, eine Zeitreise zurück ins einfache aber intensive Leben. Vergiss einfach mal für ein paar Tage deine ganze Technikwelt und lass dich auf ursprüngliche Werte und Reize ein.«


»Wählscheiben!«


Meine Tasche war nicht besonders groß und sie war auch nicht sehr schwer. Obwohl es draußen sommerlich warm war, sollte ich mir eine warme Jacke mitnehmen. Dann verabschiedeten wir uns von meiner Family. Lea fauchte: »Jetzt nicht!!!«, und sah mich verärgert an. Ach ja, sie quasselte noch mit Carina Presswurst. Mama und Micha nahmen sich kurz in den Arm und sahen sich verschwörerisch an.


»Fahrt vorsichtig!«, rief sie uns zum Abschied hinterher.


Micha hatte ein uraltes Auto - einen Volvo P 121. Das stand nicht drauf, aber er hatte es schon so oft gesagt, dass ich die Typenbezeichnung auswendig kannte. Ein Amazon, wie er ergänzte, nicht eine Amazone, sondern ein Amazon. Der Wagen sah wie neu aus, hatte aber schon eine halbe Millionen Kilometer auf der Uhr, wie Micha sagte. Er liebte und pflegte sein Töff-Töff, obwohl er sich einen neuen Wagen leisten konnte. Ich fand zwar Sicherheitsgurte, dafür waren die Rücklehnen so kurz, dass die Gurte mich im Falle eines Unfalls sicherlich erdrosseln würden.


»Wieso stehst du nur auf alte Autos?«, fragte ich. »Der hier hat nicht einmal Kopfstützen, mal abgesehen von einem Navi und solchen Sachen.«


Micha lachte.


»Solch ein Volvo hat erstens Charme und Stil, und zweitens geht an dem ganz selten etwas kaputt. Und wenn doch mal, dann kann ich das mit ganz normalen Werkzeugen selbst wieder reparieren. Mein Amazon ist jetzt fünfzig Jahre alt und fährt immer noch wie ein Neuwagen. Hast du schon mal in den Motorraum eines modernen Autos geguckt? Bei den heutigen Wagen musst du sogar für das Wechseln einer Scheinwerferbirne in die Werkstatt fahren. Das hat doch nichts mehr mit Automobilen zu tun. Bei denen bist du der Technik völlig hilflos ausgeliefert!«


»Automobilen!«, wiederholte ich grinsend. Onkel Micha hatte oft komisch altmodische Ausdrücke drauf.


Es war dunkel und die Scheinwerfer waren nicht besonders hell. Zudem goss es indessen wie aus Eimern.


»Regnet es da, wo wir hinfahren auch so?«


»Also ich habe das Wetter dort sommerlich warm in Erinnerung.«


Micha hatte eine Kassette ins Autoradio gesteckt und nun hörten wir irgendwelche Softrock-Sachen, die ich nicht kannte. Irgendwas mit ziemlich wenig Höhen und Bässen. Micha war echt cool, aber seine Technik war aus einem anderen Jahrhundert oder aus einer unterentwickelten Galaxie. Das zusammen passte, ich fühlte mich in seiner Gegenwart wohl.


»Erzähl mal von deiner Welt«, sagte er.


»Wie von meiner Welt?«


»Naja aus der Welt der Bits und Bytes. Aus deinem virtuellen Leben ohne echtes Sonnenlicht und ohne wirkliche Menschen.«


»Natürlich gibt es da richtige Menschen!«, protestierte ich. »Ich habe da sogar eine Freundin, die es auch in echt gibt. Ich kenne sogar ihren Namen: Nele. Und ich habe Freunde, mit denen ich mich in Chatrooms, Rollenspielen und in VirtusWorld treffe. Da gibt es Vieles! Und natürlich steckt hinter jedem Avatar ein echter Mensch. Das ist halt so was wie eine Verkleidung für uns. Wir schlüpfen in Rollen und die leben wir im Netz aus. Ihr habt ja auch Indianer und so was gespielt, wir sind halt Mangas, Fantasyfiguren oder sonst irgendwas. In VirtusWorld bin ich Surfer.«


»Surfer? Du?« Micha musste lachen. »Und deine Freundin?«


»Die ist Manga.«


»Und habt ihr auch Sex in eurer Internetwelt?«


»Wir könnten auch Sex haben, aber dafür müssten wir uns ein Plug-in kaufen. Aber was soll das bringen? So was machen irgendwelche Spanner oder Freaks.«


Wir holperten nur über dunkle Landstraßen. Keine Autobahn weit und breit. Micha fuhr nur ungefähr achtzig und der Volvo schaukelte die ganze Zeit über sanft hin und her, wie ein Kinderwagen. Der Regen hatte nachgelassen, aber der Asphalt war noch immer nass und tiefschwarz. Wir hörten einen Song von einer Band namens The Tube. »Inside looking outside«, sang der Sänger. Das fand ich in diesem Moment cool. Wir saßen Inside in einem alten Auto und lookten outside. Und sahen nichts! Nur das, was die funzeligen Scheinwerfer anleuchteten. Irgendwann war ich dann einfach eingeschlafen.


Ich wachte auf, weil Micha ausgestiegen war und die Tür aufgelassen hatte. Im schummrigen Autolicht sah ich ihn ein uraltes Eisentor öffnen. Es hatte wieder angefangen zu regnen und so sah ich nicht mehr als Micha und das Tor und Regenbindfäden. Dann kletterte er wieder zu mir in den Wagen und fuhr langsam auf einen Bauernhof, oder so etwas. Auf jeden Fall war es ein Hof, der von alten Gemäuern umgeben war. Überall waren riesige Büsche und in der Mitte war eine Rasenfläche mit einem gigantischen Baum, der mindestens tausend Jahre alt war.


»Na, bist du wieder wach?«, fragte Micha und lenkte den Volvo in eine große Scheune. Hier standen überall Geräte herum. An einer Seite waren Heuballen gestapelt, und unter Planen versteckt, vermutete ich ein Boot und ein Motorrad. Zwei Leuchtstoffröhren leuchteten bei unserer Einfahrt flackernd auf. Ein Bewegungsmelder - Michas Wunderwelt der Technik! Wir konnten direkt von der Scheune aus ins Haus gehen. Es roch etwas moderig, nach Rauch, nach alter Küche, Bratenfett, oder so. Ein bisschen moderig, kalt, gruselig.


»Gibt es hier Gespenster?«, fragte ich provozierend, aber Micha lachte nur.


»Wer wohnt hier?«


Micha sah mich ernst an.


»Ich ... manchmal.«


Das Haus hatte eine riesige Küche, in der ein großer Holztisch das Zentrum bildete. Micha zündete ein Feuer in einem komischen weiß emaillierten Eisenherd an.


»Ich mach’ uns jetzt erst mal einen schönen Tee!«, sagte er während er in der Küche herumräumte und einen Wasserkessel auf eine Gasflamme stellte.


»Ich dachte, du wohnst in Hamburg«, wunderte ich mich.


»Das hier ist meine Sommerresidenz. Mein Refugium, meine kleine Insel, wenn ich mal alleine sein möchte.«


Micha rieb sich die Hände, als wenn ihm kalt wäre und er sich gerade an einem gemütlichen Feuer aufwärmte, dann hantierte wieder mit Kessel und Kanne.


»Und was ist, wenn du hier nicht bist? Steht das Haus dann ganz leer und unbewacht?«


Micha goss Tee in zwei getöpferte Becher und schob einen davon zu mir herüber.


»Dann wohnt hier immer noch Ulla. Ulla ist meine Halbschwester. Ihr gehörte das Ganze hier früher einmal alleine. Sie hatte ein paar Kühe, ein paar Schweine und Hühner und einen kleinen Trecker, mit dem sie die Felder bewirtschaftete. Außerdem malt sie, und zwar verdammt gut! Dann ist sie mit ihrem unwirtschaftlichen Bauernhof pleitegegangen und ich habe mich hier eingekauft. Jetzt kann sie in Ruhe wirtschaften, wie sie will. Offiziell ist sie meine Mieterin, aber wenn ich einmal sterben werde, wird ihr das Anwesen mit allen Ländereien und Wäldern alleine gehören. Dafür bietet sie mir einen unbezahlbaren Zufluchtsort, wenn ich wieder einmal genug von der Zivilisation habe.«


 


Beim Frühstück lernte ich dann Ulla kennen. Sie saß bereits bei einer dampfenden Tasse Tee und dick abgeschnittenen Brotscheiben, die mit so etwas wie Quark und Honig bestrichen waren. Ulla hatte kein Alter - keines, dass sich schätzen ließe. Strohblonde, kurze Haare, einen wettergegerbten Teint und unmögliche Klamotten an. Obwohl sie klapperdürr war, musste sie Bärenkräfte gehabt haben, denn sie fasste die schwere Teekanne, die noch auf der Küchenhexe stand, mit zwei oder drei Fingern an.


»Heiß!«, hauchte sie und goss mir einen Becher voll. Die fette Emaillekanne stellte sie auf einen Holzuntersetzer.


Micha stieß etwas später zu uns. 


»Moin!«, begrüßte er uns. Dann verließ er die Küche wieder, um irgendetwas in der Scheune zu machen. So hatten Ulla und ich genug Zeit, uns schweigend besser kennenzulernen. Ulla kaute auf ihrem Brot herum und blätterte in der Tageszeitung, die neben ihr auf dem Tisch lag. Hin und wieder blickte sie auf, bis ihr einfiel, dass ich ja vielleicht ein Müsli, etwas Käse oder Marmelade haben wollte. Ich erschrak, als eine bunt gemusterte Katze lautlos und ohne jede Vorwarnung auf meinen Schoß sprang. Sie legte sich nicht hin, sondern trampelte mit ausgefahrenen Krallen auf meinen Knien herum. Still, aber mit verzerrtem Gesicht ertrug ich den Schmerz.


»Lass das, Pille!«, sagte Ulla knapp. Pille, die Katze, kniff ihre Augen zusammen und maunzte einmal in Ullas Richtung. Tatsächlich hörte sie auf, mich zu drangsalieren, und legte sich, nachdem sie sich ein paarmal im Kreis gedreht hatte, hin und schnurrte leise.


»Hast du etwas Wurst?«, fragte ich Ulla.


Sie sah auf.


»Für dich oder für die Katze?«


Ich grinste verlegen. Sie stand auf und holte ein paar Scheiben Mettwurst aus dem Kühlschrank. Als Ulla sie mir reichte, sagte sie: »Pille, du wirst zu fett! Du sollst die Mäuse fressen, die du fängst, und sie mir nicht nur vors Bett legen!«


»Hast du Kühe?«, fragte ich.


»Kühe? Ja ich habe Kühe. Habe sie heute Morgen schon gemolken - um fünf Uhr.«


»Und andere Tiere?«


Wieder sah Ulla von ihrer Zeitung auf.


»Ich habe zweiundzwanzig Kühe, sechs Schweine, neunzehn Hühner und einen dummen Hahn, der nicht krähen kann. Ein paar Enten und Gänse und zwei Schafe. Ach ja, und Pille, die faule Katze, die zu nichts nütze ist, aber am meisten von allen verwöhnt wird. Und ich meine nicht nur am meisten von den Tieren!«


»Hast du Kinder?«


Ulla sah mich lange an, ohne zu antworten.


»Du meinst einen Mann und Kinder, so wie die meisten anderen Leute? Ich habe manchmal Kinder zu Besuch. Ich habe Freunde! Wer hat schon Freunde ... heutzutage?«


Nach einer Weile kam Micha wieder herein, wusch sich die Hände und setzte sich zu uns an den großen Holztisch. Er goss sich Tee ein und bestrich ein Brot mit Quark und Honig.


»Was machen wir heute?«, fragte ich.


»Wir fahren aufs Land.«


»Wir sind auf dem Land!«


»Okay, wir fahren vom Land aus übers Land aufs richtig ländliche Land.«


»Und was machen wir da?«


Micha lächelte, zögerte mit der Antwort.


»Ich habe dort etwas zu erledigen. Wir besuchen ein paar alte Freunde von mir.«


»Wie alt?«


Micha grinste vielsagend. Er schien nach den richtigen Worten zu suchen.


»So alt wie du und ich.«


Ich verstand - ein Geheimnis.


Als mich Micha in die Scheune zu einem uralten Motorroller führte, auf dessen Gepäckträger bereits unsere Taschen festgezurrt waren, wusste ich, wofür ich den alten Baseball-Helm geschenkt bekommen hatte.


»Wir fahren mit dem Ding da?«


Micha grinste.


»Sei nicht so respektlos! Das ist eine Vespa 150 T4 de Luxe aus dem Jahre 1962. Sie stammt aus deutscher Fertigung in Augsburg, und sie war damals State of the Art. Ich habe fast zwei Jahre dafür gebraucht, sie wieder fit zu machen. Jetzt ist sie wie neu. Besser als neu!«


Ich sah mich in der Scheune um.


»Warum fahren wir nicht mit dem Volvo?«


»Es ist Sommer, das Wetter ist super und wir begeben uns auf eine kleine Reise zurück in meine Vergangenheit. Da ist es - wie ich finde - angebracht, eine klassische Vespa zu benutzen.


»Es hat bis heute Nacht wie verrückt geregnet!«


»Das war gestern. Schau aus dem Fenster. Es ist herrlich sommerliches Wetter und so wird es auch vorläufig bleiben. Dies ist übrigens die Vespa, mit der ich meiner Jugend Mobilität, Ansehen bei meinen Altersgenossen, und sehr viel Spaß verliehen habe.«


»Ist das der Scooter, mit dem sich Mama damals auf die Klappe gelegt hat?«


»Sie hat es dir erzählt? Ja, sie wollte unbedingt zu dem ersten wirklich wichtigen Konzert eines jungen Violinisten fahren, in den sie damals verliebt war. Und weil niemand sie fahren wollte, und weil es keinen Bus oder so etwas gab, hat sie mir die Vespa gemopst. Zur Strafe hat sie sich gleich in der ersten Kurve ordentlich hingeknallt und eine schöne große Schürfwunde davongetragen.«


Ich sah mir den Motorroller genauer an, streichelte sein rotes geschwungenes Blechkleid.


»Von dem Sturz sieht man aber gar nichts mehr!«, stellte ich fest.


Micha grinste.


»Als sich deine Mutter damals den Roller gemopst hatte, sah er sowieso schon ziemlich ramponiert aus. Ich hatte ihn 1975 gekauft, da war Friederike gerade sieben Jahre alt. Den Sturz hatte sie also zehn Jahre später. Zu der Zeit besaß ich schon längst den Volvo und die Vespa war unmodern und wurde nur noch selten benutzt.«


Beim zweiten Hinsehen gefiel mir der Scooter dann doch, und ich war bereit, mich auf das ungewisse Abenteuer einzulassen.


»Übrigens: Deine Mutter hat den Violinisten später geheiratet.«


»Hatte ich mir schon gedacht, ich bin ja nicht blöd!«


Mit einem kräftigen Fußtritt startete Micha den Motor. Ich setzte mich hinter ihn und schon wackelten wir los. Ich musste mich erst noch an das Fahren gewöhnen und lernen, die richtigen Bewegungen mitzumachen, sonst hätten wir es meiner Mutter gleichgetan. Ulla und Pille sahen uns nachdenklich hinterher.


Die Straßen waren schmal. Eine Ewigkeit lang begegneten wir weder anderen Fahrzeugen noch Menschen. Es schien, als ob wir in einer völlig unbewohnten Welt unterwegs waren. Andererseits wirkte die leicht hügelige Landschaft kultiviert. Es gab akkurat bestellte Felder, Wiesen, die eingezäunt waren und auf denen Tiere weideten, und auch Häuser und Bauernhöfe. Diese waren allesamt in einem sehr guten Zustand, mit gepflegten Gärten und Gardinen in den Fenstern, aber ohne Menschen. Nach Stunden, und nachdem ich die Schmerzen in meinem Hintern nicht mehr ertragen konnte, erbarmte sich Micha zu einer Pause. Er hielt an einem Parkplatz an, auf dem es zwei Tische mit Bänken und einen großen, grünen Mülleimer gab. Ulla hatte uns ein reichhaltiges Vesperpaket mitgegeben. Micha bereitete alles auf einem der Tische aus. Er schenkte uns Apfelsaft aus einer braunen Glasflasche ein, die ein unmodernes Etikett hatte. Dazu gab es harte aber unglaublich würzige Würste, Ullas selbst gebackenes Brot und, aus einem Glas, selbst gemachtem Frischkäse. Es war urig - rustikal - altmodisch, aber es schmeckte! Es schmeckte sogar übelst gut! Ich pflegte immer »übelst« als superlativ zu sagen - wir alle in unserer Klasse und im Netz taten das. Jetzt plötzlich kam mir das komisch vor. Es klang ... merkwürdig, fremdartig, deplatziert!


»Sind wir noch in Niedersachsen?«, fragte ich Micha. Bevor er antworten konnte, passierte erst ein Oldtimer unseren Parkplatz, dann kurz darauf ein Zweiter. Wir sahen den Autos hinterher - Micha nickte stumm. Von Weiten hörten wir einen Trecker, der ein Feld langsam hinauf und herunter fuhr. Ein paar Vögel ziepten, aber sonst herrschte eine ungewöhnliche Stille. Die Sonne stand ganz hoch und die Luft flimmerte am Horizont. Man konnte in dieser stille den Sommer hören, so etwas kannte ich nicht. Micha hatte sich auf seiner Bank ausgestreckt und pennte, ich döste und meine Gedanken wurden langsamer - und relaxter. Von mir aus hätte alles so bleiben können.


»Wir müssen! Ich möchte nicht nachher in die Dunkelheit kommen.«


Micha weckte mich - jetzt war ich glatt im Sitzen eingeschlafen. Wir fuhren weiter. In einem Dorf, in dem plötzlich doch Menschen waren, fragte Micha nach einer Tankstelle. Die hätte ich kaum erkannt, es war eine Werkstatt für Trecker und Landmaschinen und solche Sachen. Da gab es zwei seltsame Tanksäulen und so ein komisches Gestell mit einem Glaszylinder drauf. Hier schob Micha die Vespa hin, bockte sie auf den Ständer und pumpte mit einem Hebel eine blassrosa-farbene Flüssigkeit in den Zylinder. Dann hielt er einen Schlauch in den Tank und das Zeug floss aus dem Zylinder heraus in die Vespa.


»Was ist das?«, fragte ich. »Fährt der Roller nicht mit Benzin?«


»Doch schon, mit Gemisch. Ist ein Zweitakter Motor.«


Micha ging in einen kleinen verglasten Verkaufsraum, um zu bezahlen. Ich beobachtete unterdessen, wie ein Pferd mit einem neuen Huf beschlagen wurde. Der Schmied hielt das glühende Hufeisen mit einer Zange und drückte es auf den verhornten Huf des Tieres. Es dampfte und zischte, aber das Pferd schien nichts davon zu merken. Ein Mechaniker versuchte, einen uralten Trecker zu starten. Dafür benutzte er eine Kurbel, die vorne unter dem Motor herausguckte. Er musste sich unheimlich anstrengen und nach jedem neuen Versuch trat er gegen den Trecker und schrie: »Swiene-Messfiech-verdammich-nochmoal!«


Den Trecker beeindruckte dies aber nicht. Er spuckte jedes Mal schwarze Dampfknöllchen aus einem trichterförmigen Schornstein in die Luft, aber er sprang nicht an. Obwohl hier an vielen Stellen gearbeitet wurde, gehämmert, gebohrt, geschraubt und palavert, empfand ich auch diese Szenerie als ungewöhnlich geruhsam und leise. Es war so, als hätte man hier auf dem Lande andere Lautsprecher als bei uns in der Stadt - kleinere Lautsprecher. Aber ich mochte das. Ich wollte mir die Geräusche als Kulisse für meine diesjährigen Sommerferien einprägen. Schade, dass mir Micha ausgeredet hatte, mein iPhone mitzunehmen. Diesen Sound hier hätte ich gern aufgenommen.


Wir aßen etwas in einem Gasthof schräg gegenüber. Micha bestellte Wildbratenbrot und für mich das Gleiche. Auf zwei riesigen Graubrotscheiben war so etwas wie Gulasch aus Hirsch- Wildschwein- und Rehbraten gehäuft. Schmeckte wahnsinnig gut! Ich konnte gar nicht genug davon bekommen! Als der Wirt sah, wie ich die Soße mit dem Zeigefinger aufwischte und mir genüsslich in den Mund schob, kam er grinsend mit einem Topf an und gab mir einen großzügigen Nachschlag. Er sagte irgendetwas in einem Dialekt, den ich nicht verstand. Micha und er lachten aber und damit schien alles Okay für mich zu sein.


Dann ging es weiter und ich wurde müde. Als die Sonne schon tief am Horizont stand, gab ich meinen Widerstand auf und schlief, gegen Michas Rücken gelehnt, ein.


Zwei – Ankunft


Als wir unser Ziel erreicht hatten, war es dunkel. Nicht richtig dunkel, aber so dunkel, wie es halt Mitte Juli werden kann, wenn keine Wolken am Himmel sind. Wir waren wieder an einem Bauernhof angekommen, dieser war größer als Ullas Hof, und er befand sich, zwischen anderen Gehöften, an einer ringförmigen Dorfstraße. Ein großer schwarzer Hund kam auf uns zu getrottet. Er wedelte so stark mit dem Schwanz, dass er kaum laufen konnte. Der Hund ging direkt auf Micha zu und schmiss sich glattweg vor seine Füße. Er drehte sich auf den Rücken, ließ sich kraulen, dann stand er wieder auf. Er beschnupperte mich, immer noch wie verrückt mit dem Schwanz wedelnd.


»Ist gut jetzt Bilbo!«, sagte Micha.


»Heißt der Bilbo? Was ist das denn für eine Rasse?«


»Der hat keine Rasse. Ist eine Kreuzung aus Kolkrabe und Frottierhandtuch.«


Ich sah ungefähr zwanzig Autos kreuz und quer auf dem Hof geparkt stehen. Alles Oldtimer aus den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts, schätzte ich. Die meisten davon waren nicht restauriert, sondern sahen ziemlich schäbig aus. Ich wusste, dass mein Onkel einen Oldtimer-Tick hatte, aber sein alter Volvo war wenigstens zurechtgemacht und sah gepflegt und neuwertig aus.


Micha hatte unsere Taschen von der Vespa genommen und ging nun, mir voran, ins] Haus. Ich hörte Musik und ein Stimmengewirr. Es roch nach Zigarettenrauch. Und es roch nach noch etwas anderem, etwas, was ich glaubte zu kennen. Ich schnupperte.


»Stimmt etwas nicht?«, fragte Micha.


»Doch, doch! Es riecht hier ... wie bei Ulla.«


Micha klopfte an eine Tür, öffnete sie jedoch im gleichen Moment. Es war eine Küche, auch sie erinnerte mich an Ulla. Wir wurden von gefühlten hundert Leuten neugierig angesehen. Ein paar von ihnen erhoben sich und deuteten eine Umarmung an, die meisten jedoch begrüßten Micha mit einem knappen »Hi Alter!«]. Sie waren viel jünger als Micha, obwohl man ihm sein Alter gar nicht ansah. Die Jungs hatten fast alle lange Haare - so ohne Frisur. Sah lollig aus, aber die Leute waren total nett. Einige von ihnen begrüßten auch mich und dann quatschten alle durcheinander. Eine Frau nahm Micha bei der Hand und führte ihn aus der Küche heraus, keine Ahnung, wo die hingingen. Ich setzte mich und bekam sofort einen Tee vor die Nase gesetzt. Micha hatte wohl schon von mir erzählt, jedenfalls wussten sie alle, dass ich Tim hieß, und irgendwelche Fragen über mich stellten sie auch nicht. Ich hatte noch nie so viel Tee getrunken, wie in diesen zwei Tagen, deshalb war ich jetzt auch ziemlich aufgekratzt. Die Leute unterhielten sich weiter, als ob ich schon die ganze Zeit dabei gewesen wäre. Aus hölzernen Lautsprecherboxen dröhnte im Hintergrund tausend Jahre alte Rockmusik. Ab und zu kam mal ein neuer Typ in den Raum oder ein anderer ging hinaus. Ich sah, wie zwei Leute Tabak in gefaltete Papierblättchen legten und sich daraus Zigaretten drehten. Das wurde andauernd gemacht. Blättchen aus einer Pappschachtel ziehen, Tabak aus einem Plastikbeutel darauf verteilen, das Blättchen an einer Seite anlecken, das Ganze zu einer Wurst rollen, den überstehenden Tabak abzupfen und zurück in den Beutel werfen, und die fertige Zigarette mit einem Plastikfeuerzeug anstecken. Die ganze Küche war verqualmt, obwohl zwei Fenster weit offen standen. Ich musste husten. Eine Frau hatte mich beobachtet, nun stand sie auf und sagte zu mir: »Tim komm, ich zeig dir mal alles.«


Ich fand, dass sie genial aussah, obwohl sie schon mindestens dreißig war, vielleicht auch fünfunddreißig ... schon etwas älter auf jeden Fall.


»Hast du einen Schlafsack mit?«, fragte mich Rita. Sie hieß Rita, ich dachte, dass das ein Name für uralte Omas war. Rita!


»Äh ... nö!«, antwortete ich. »Davon hatte Micha nichts gesagt.«


»Naja, macht nichts, ich bezieh dir ein Bett. Aber später könntest du einen Schlafsack gebrauchen. Micha besorgt dir bestimmt einen. Jetzt muss ich erst mal sehen, wo ich dich unterbringe.«


»Hatte Micha nicht gesagt, dass wir kommen würden?«


Ich war davon ausgegangen, dass mein Onkel alles perfekt organisiert hatte, wie es seine Art war. Rita sah mich verschmitzt an.


»Doch schon, aber ich hatte keine Ahnung, dass du schon ein richtiger Typ bist.«


»Ein Typ? Wie - ein Typ?«


Rita hatte mich an die Hand genommen und zog mich die Treppe hinauf.


»Naja, ein Typ. Richtig groß schon, ich dachte, du wärst noch ein Kind und da hatte ich dich mit Micha zusammen in ein Zimmer stecken wollen. Aber wir haben genug Räume hier im Haus, da kannst du eine eigene Kammer kriegen. Hier ist es. Nicht besonders groß, aber eine eigene Bude.«


Rita ging zum anderen Ende des kleinen Raumes unter einer Dachschräge und öffnete das Fenster weit.


»Und? Gefällt´s dir?«


»Ja. Ist Okay!«


Sie zögerte und sah mich prüfend an.


»Nö, ist genial! Fett! Eine richtig geniale Bauernhauskammer«, bestätigte ich etwas deutlicher, schmiss mich probehalber auf das Bett und hob den Daumen zum Zeichen meiner Zufriedenheit.


»Na dann werde ich dir mal genial-fett das Bett beziehen.«


 


Wir frühstückten draußen im Garten, das fand ich cool. Die Leute hatten mehrere Tische zusammengestellt und sogar Tischdecken darauf. Um unsere Beine liefen die Hühner herum und Bilbo brachte mir ein Geschenk: Eine halb verweste Ente, die schon am ganzen Körper schwarz war. Die Reste ihrer vergammelten Federn sahen aus wie Haare. Er legte mir den Kadaver unterm Tisch vor die Füße, packte mir seine schleimige Schnauze auf den Schoß und wedelte wie verrückt mit dem Schwanz. Es dauerte eine Weile, bis wir herausgefunden hatten, woher der bestialische Gestank kam, und noch länger, bis er sich endlich wieder verzogen hatte. Mir war ganz schlecht! Rita brachte ein paar Kannen Tee und dann konnte das Frühstück losgehen. Als alle versammelt waren, zählte ich ohne Micha und mich sieben Männer und sechs Frauen.


»Wohnt ihr hier alle zusammen, oder sind auch welche von euch zu Besuch?«, fragte ich.


Sie wohnten wirklich alle dort. Ich versuchte erst einmal, die Namen auswendig zu lernen.


Peter war Elektriker und der älteste von allen. Er war schon achtunddreißig! Sie nannten ihn deshalb auch manchmal Opa, was ihn jedoch nicht störte.


Lothar studierte Psychologie. Er spielte Gitarre in einer Band, die in dem Bauernhof ihren Übungsraum hatte. Als ich dies erfuhr, war ich ganz neugierig darauf, bei einer Probe zuzuhören. Eine richtige Band - mit analogen Instrumenten, also Gitarre, Bass, Schlagzeug und so, das war schon genial. Sie nannten sich »Anny and the Enemies«. Anny hieß eigentlich Anne, und sie war mit Volker zusammen, dem Typen, dem der ganze Hof gehörte. Volker war Bildhauer und im Garten standen ein paar seiner Plastiken, die er aus altem Schrott zusammengeschweißt hatte.


»Verdient man mit den Schrottplastiken so viel Geld, dass man davon so ein riesiges Haus kaufen kann?«, fragte ich ihn. Alle lachte über diese Frage.


»Ich haben den Hof von meiner Oma geerbt. Meine Großeltern hatten noch Landwirtschaft betrieben, meine Eltern schon nicht mehr und irgendwann war nur noch meine Oma da. Sie lebt immer noch, aber sie hat mir den Hof schon vor ein paar Jahren als Schenkung übereignet - damit ich später keine Erbschaftssteuer bezahlen muss.«


»Lebt deine Oma in einem Heim?«


»Nein, sie wohnt hier bei uns, aber sie schläft gerne etwas länger.«


Micha stellte mir Ole vor, seinen besten Freund, wie er sagte.


»Wir haben zusammen studiert und sind anschließend ein Jahr lang durch Nordafrika, Indien und Afghanistan getrampt. Das war eine irre Zeit, die uns richtig zusammengeschweißt hat. Direkt nach dem Studium ohne Kohle einmal um die halbe Welt!«


Ole grinste, als Micha davon erzählte. Ole war Fotograf und arbeitete überwiegend in einem Fotogeschäft in der nächstgelegenen Kleinstadt. Daneben fotografierte er noch für die Lokalzeitung und er war natürlich der Bandfotograf [von »Anny and the Enemies«].


 


Nach dem Frühstück gingen wir alle gemeinsam zum Baden in einem See, der eine abgesoffene Kiesgrube war. An der gegenüberliegenden Uferseite des Lüttensees ragten noch ein paar alte, verrostete Maschinen aus dem Wasser. Auf unserer Seite jedoch wirkte die Kiesgrube wie ein ganz ordentlicher Badesee mit schönem Sandstrand. Sogar eine Holzbude gab es, in der die Leute bei Regen Unterschlupf fanden. Darin hatte auch so manche Beachparty stattgefunden, erzählten mir die Leute stolz. Micha war nicht mitgekommen. Er hatte etwas zu erledigen, wie er mir nach dem Frühstück als Entschuldigung zugeraunt hatte. Die Leute aus der WG zogen sich völlig nackt aus und liefen in das seicht tiefer werdende Wasser. Ich genierte mich ehrlich gesagt ziemlich. Ich hatte eine Badehose untergezogen und weiter mochte ich mich einfach nicht entkleiden. Glücklicherweise ignorierten die anderen das. Wir hatten einen Riesenspaß. Das Wasser war angenehm warm und wir schwammen und planschten wie die Kinder. Bilbo war völlig aus dem Häuschen. Er paddelte von einem zum Nächsten und wir mussten aufpassen, dass er uns nicht zu nahe kam und mit seinen Krallen aufratschte. Zwischendurch machten wir am Strand Rast, sonnten uns und machten Picknick mit den Sachen, die einige der WG-Bewohner für uns vorbereitet und mitgenommen hatten.


Dieser erste Tag meiner Sommerferien war schon mal total genial. Es war ein verheißungsvoller Anfang, der mir ein Gefühl von Neubeginn, von Eintritt in einen neuen Abschnitt meines Lebens gab. Dabei stand mir der wirkliche Wendepunkt mit dem Erreichen der Volljährigkeit erst in einem Jahr bevor. Der Tag war mit einem Lagerfeuer und darauf gegrillten Bratwürsten für mich zu Ende gegangen. Und mit meiner ersten Flasche Bier, die mir insgeheim total überhaupt nicht schmeckte. Jetzt lag ich in meinem Bett, hörte das leise Stimmengewirr der WG-Bewohner durch mein geöffnetes Fenster und begann glücklich einzuschlafen.


Der nächste Tag war ein Montag und, obwohl die Studenten Semesterferien hatten, ein Tag, der früher und etwas hektischer begann. Bernd hatte als Erster das Haus verlassen. Ich hatte, noch im Bett liegend gehört, dass er sich bei laufendem Motor an seinem Auto zu schaffen gemacht hatte. Erst war der Ford nicht angesprungen und danach klang er, als ob er nicht richtig rund lief. Bernd hatte mit Werkzeug geklappert, hatte den Motor immer wieder aufheulen lassen, war dann jedoch irgendwann mit dem Wagen weggefahren. Auch Peter verließ etwas später den Hof und irgendjemand wurde von einem Kollegen abgeholt. Rita rief mich zum Frühstückstisch. Bilbo begrüßte mich schwanzwedelnd und schlabberte meine Hände ab. Lecker! Wir aßen nicht wieder draußen im Garten, aber die Küche war ebenfalls sehr gemütlich und die Hühner riskierten zumindest einen Blick durch die offen stehende Tür.


»Was machen wir heute?«, fragte ich Micha, als der Augen reibend als Letzter zu uns stieß. Er gähnte lange und laut.


»Wir legen uns wieder hin und verschlafen den Tag!«


Ich war wenig begeistert.


»Aber die Sonne scheint, es wird bestimmt wieder ein genialer Sommertag!«


»Genialer Sommertag!«, wiederholte Anne lachend. »Wie kann ein Tag genial sein?«


»Nein, wir werden heute das Dach der großen Scheune erneuern«,grinste Micha jetzt. »Heute beginnen damit, die alten Dachziegel abzutragen, dann die Lattung, und morgen werden wir anfangen, alles wieder mit neuen Latten und Tonpfannen herzurichten. Das wird mehrere Tage dauern, und wenn du willst, kannst du uns gerne dabei helfen. Wir können jede Hand gebrauchen.«


Zunächst wurde der Trecker vor einen Anhänger gespannt und neben das Gebäude gefahren. Über zwei Leitern kletterten wir nach oben aufs Dach. Volker nahm in regelmäßigen Abständen Ziegelreihen von unten nach oben ab, sodass wir uns auf den Dachlatten wie auf einer Leiter bewegen konnten. Ich fühlte mich in luftiger Höhe ziemlich unsicher, gewöhnte mich aber bald daran und wurde immer mutiger. Die Dachziegel, die wir gelockert und abgenommen hatten, warfen wir in hohem Bogen auf den Anhänger. Das machte einen ordentlichen Lärm und riesigen Spaß. Da die alten Ziegel zum Befestigen von Feldwegen benutzt werden sollten, durften sie ruhig zerbersten. Schließlich saß ich ganz oben auf dem Dachfirst zwischen den verwitterten Resten eines Entlüftungstürmchens und ließ meinen Blick über den Hof und über das Dorf schweifen. Das war eine fantastische Perspektive. Ich hatte das Gefühl, alles beobachten zu können, ohne dabei selbst gesehen zu werden. Unten sah ich Bilbo mit gesenktem Kopf trottend den Hof abschnüffeln.


»Bilbo, huhu!«, rief ich ihm zu. Der Hund stellte sich steif hin und lauschte in alle Richtungen.


»Bilbo. Ja wo ist denn der Hund?!«


Bilbo drehte sich hektisch um, legte den Kopf schräg und horchte.


»Bilbo such!«


Jetzt fing das arme Vieh an zu jaulen und auffordernd zu bellen. Er fand mich nicht und ich lachte mich schlapp. Noch ein paar Mal rief ich ihn, bis er mich endlich auf dem Dach entdeckte und nun völlig verrückt spielte. Ich sah den Postboten mit einem urigen gelben Minilieferwagen die Straße entlangfahren. Als der Briefträger die Schiebetür zuschlug, kam das Geräusch erst Sekunden später bei mir an.


Auf den meisten Höfen liefen Tiere herum, Hühner, Enten, Gänse, Katzen, fast immer ein Hofhund, manchmal ein paar Schweine. Nebenan schob ein Opa eine altmodische Holz-Schubkarre aus einem Stallgebäude und kippte den Inhalt auf einen großen Misthaufen mitten auf dem Hof. Die Geräuschkulisse war genial. Von überallher vernahm ich Geräusche und Stimmen in nahezu gleicher Lautstärke, so, als könnte ich den Sound mit meinen Ohren heranzoomen. Ich stellte mich balancierend auf, um noch etwas höher über meine Umgebung herauszuragen. Dann entdeckte ich ein Mädchen auf einem Dach. Es hatte die blonden Haare zu einem zu einem Pferdeschwanz gebunden. Die Kleine lag rücklings auf dem flachen Scheunendach des benachbarten Bauernhofs und las ein Buch. Ich war sprachlos und mein Blick blieb an ihr haften. Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen und wippte mit ihnen lässig, während sie eine Buchseite umschlug und weiterlas. Nach einer Weile blickte sie herüber zu mir. Sie musste dafür den Kopf kaum bewegen, aber ich sah gleichwohl auf diese Distanz ganz deutlich, dass sie zu mir hersah.


»Na, hat dich Bilbo schließlich gefunden?«, rief sie mir zu.


Ich nickte.


»War das ein Ja?«


»Ja, er hat mich entdeckt. Ich weiß aber nicht, wo er jetzt hingelaufen ist.«


Das Mädchen blätterte eine weitere Seite um.


»Was machst du da auf dem Dach?«, rief ich ihr zu.


»Ich lese.«


»Warum liest du auf dem Dach und nicht zum Beispiel im Liegestuhl. Ihr habt ja einen Liegestuhl, ich kann ihn von hier aus sehen.«


»Du must immer alles genau wissen, was?«


Meine Leute kamen von der Kaffeepause zurück, um weiter zu arbeiten.


»Ich heiße Tim«, rief ich dem Mädchen zu.


»Ich weiß!«


»Und wie heißt du?«


Die Antwort ging im Lärm unter, den die Handwerker mit ihren Hämmern, Nageleisen und Sägen machten.


»Timmi komm jetzt besser herunter, wir wollen die Latten abnehmen. Das wird zu gefährlich für dich dort oben. Wir haben Leute mit Zimmermannserfahrung.«


Das Entfernen der Dachlattung war wesentlich anstrengender, zeitaufwendiger und gefahrvoller als das Fortnehmen der halb verwitterten Dachziegel zuvor. Als wir gegen siebzehn Uhr aufhörten, war ich ziemlich geschafft. Rita und Anne hatten für uns Schwerarbeiter einen Erbseneintopf gekocht, der besser schmeckte, als alles, was ich jemals gegessen hatte. Ich war selbst erstaunt, dass ich drei Teller voll davon verschlingen konnte. In meinen Portionen schwammen mehr Knackwurststücke als in denen der anderen. Das war mir aufgefallen und ich quittierte das mit einem an Rita adressierten Lächeln. Während ich beim Abwasch half, wurde draußen ein Lagerfeuer entfacht. Bald darauf saßen wir alle auf von überall herangetragenen Stühlen um die Feuerstelle herum. Die Musiker hatten akustische Instrumente mitgebracht und gaben ihre neuesten Songs zum Besten. Es war einfach unglaublich toll. Ich bekam eine Flasche Bier gereicht, die ich jedoch weitergab, da mir das Gebräu zu bitter war. Stattdessen trank ich Sinalco Orange - aus einer Glasflasche. So etwas kannte ich gar nicht. Die Flasche war ziemlich viel schwerer als die PET-Flaschen, die ich gewohnt war. Ich hatte große Lust bei der Musik mitzusingen, mir waren aber natürlich die Stücke völlig unbekannt und ein Instrument konnte ich auch nicht spielen. Stattdessen lauschte ich und vergaß beinahe alles um mich herum.


»Krieg ich auch einen Schluck?«


Ich drehte mich zur Seite und sah das Mädchen vom Dach neben mir sitzen. Wortlos reichte ich ihr meine Sinalco-Flasche und beobachtete sie dabei, wie sie sie in einem Zug leerte. Die leere Flasche gab sie zurück und quittierte dies mit einem lauten, lang anhaltenden Rülpser. Verschämt legte sie die Hand auf ihren Mund und fing an zu lachen.


»Charmant!«, kommentierte ich, konnte dann auch nicht an mich halten.


»Wie heißt du eigentlich?«, fragte ich und erfuhr nun, dass sie Peggy hieß und zwölf Jahre alt war. Ich konnte erkennen, dass sie sich irgendetwas unter ihre Bluse gesteckt hatte, damit es so aussah, als hätte sie schon einen Busen. Ich hatte selbst eine pubertierende Schwester, aber auf solch eine Idee wäre nicht einmal Zicke Lea gekommen. Ich fragte mich, für was und für wen sie das tat. 


»Bist du der Bruder von Micha?«, fragte sie.


»Nein, der Großneffe«, antwortete ich der Wahrheit entsprechend.


»Ha ha!«


Sie blies sich den Pony aus der Stirn.


»Michas Vater ist gestorben; wahrscheinlich ermordet worden.«


Bei diesen Worten aus Peggys Mund, stockte mein Atem.


»Wie kommst du denn darauf?«


»Das weis hier doch jeder.«


Während ich versuchte, diese Neuigkeit zu verdauen, fragte mich Peggy ungeniert aus. Woher ich kam, was ich hier machte, wo und wer meine Eltern waren, auf was für eine Schule ich ging und so weiter. Sie stellte eine Frage nach der anderen und sah mich dabei mit strahlenden blauen Augen an.


»Hast du eine Freundin?«, fragte sie schließlich.


»Geht dich das etwas an?«


»Man beantwortet Fragen nicht mit einer Gegenfrage!«


»Naja, schlagfertig bist du auf jeden Fall. Und wenn ich eine Freundin hätte?«


»Das ist auch eine Gegenfrage. Und ... hast du nun eine?«


Ich musste lachen, wollte sie aber im Ungewissen lassen.


»Alt genug für eine Freundin wäre ich jedenfalls, du aber noch nicht für einen Freund!«


Wütend verzog Peggy ihr Gesicht und boxte mir mit voller Wucht in die Seite. Es tat richtig weh! Es entstand eine Pause, in der wir uns beide für die nächste Runde sammelten. Ich musste darauf warten, dass der Schmerz nachließ, Peggy suchte nach einem Aufhänger, um das Gespräch wieder neu in Gang zu bringen.


»Kannst du reiten?«


»Du meinst auf so einem Mädchen-Pony? So einem Shetty oder wie diese Kleintiere heißen?«


Ich ging in Deckung, denn ich rechnete fest mit einem erneuten Fausthieb.


»Nein ich meine auf einem richtigen Pferd. Wir haben [nur] große Pferde und ich habe einen eigenen Hannoveraner.«


»Ich glaube, mir wird schwindelig, wenn ich so hoch auf einem Pferderücken sitzen muss«, entgegnete ich. Peggy sah mich entgeistert an.


»Schwindelig? Auf einem Pferd? Du willst dich nur herausreden, weil du Angst hast.«


Ich lachte mich schlapp.


»Angst vor Pferden?! Die haben Angst vor mir!«


»Na dann kannst du mir ja morgen mal beweisen, dass du keine Angst vor Pferden hast.«


Wir alberten weiter herum und die Erwachsenen nahmen kaum Notiz von uns. Peggy war wirklich lustig. Ich mochte sie und sie mich ganz offensichtlich auch, obwohl sie ziemlich griffig war und ich sie andauernd auf die Schippe nahm.


»Wie nennen dich deine Freunde?«, wollte sie wissen.


»Na Tim. Ich heiße Tim, schon vergessen?«


»Nee ich meine, ob du einen Spitznamen hast.«


»Spitznamen bekommt man nur, wenn man zu lange oder unaussprechbare Namen hat. Tim ist kurz und klingt super, warum sollte ich einen Spitznamen haben?«


»Tim klingt suuuper«, äffte sie mich nach und verdrehte die Augen.


Ich musste an VirtusWorld und an die Chatrooms denken.


»Manche Leute nennen mich TimBean«, sagte ich gedankenverloren.


»TimBean? Was soll das bedeuten, TimBean?«


»Das soll gar nichts bedeuten. Nur so.«


»Find ich bescheuert!«


Wir tranken noch jeder eine Sinalco, dann folgte ich den ersten müden Kriegern ins Haus und auch Peggy verabschiedete sich mit einem knappen: »Bis dann, Alter!«


Ich überlegte noch, ob sich dieses »Alter« wirklich auf mein Alter bezog, oder ob es ein »Alter« in dem Sinne war, wie Micha es zu benutzen pflegte. Peggy stapfte in die Dunkelheit davon, als ob sie einen vollen Expeditionsrucksack auf dem Rücken tragen würde.


»Na, da hast du ja schon gleich eine Freundin gefunden, was?!« Rita grinste mich an und klopfte mir anerkennend auf die Schulter. Ich merkte, dass ich errötete.


»Ach was! Wir haben uns über Pferde unterhalten.«


»Über Pferde? Na ja, davon versteht Peggy etwas. Sie kann sogar voltigieren.«


»Klar, und ich kann tranchieren!«, gab ich zurück.


Rita lachte.


»Das lass mal besser nicht Peggy hören! Schlaf gut - Alter!« Bei dem letzten Wort kicherte sie. Ob Rita unser Gespräch belauscht hatte?


 


Ich wachte davon auf, dass Stimmen und Geräusche durch mein geöffnetes Fenster an meine Ohren drangen. Es dauerte ziemlich lange, bis ich mich wieder daran erinnerte, wo ich mich befand und was ich hier tat. Ich hatte von Pferden geträumt. Ich versuchte, mich stehend auf dem Rücken eines wild galoppierenden Hannoveraners zu halten. So jedenfalls stellte ich mir einen Hannoveraner vor: braun und riesengroß. Peggy überholte mich, ebenfalls auf einem Pferd. Sie balancierte auf dessen Rücken wie ein Surfer auf seinem Board und rief mir andauernd »Angsthase« zu. Ich fand das empörend! Erstens war ich ja gerade im Begriff zu beweisen, dass ich keineswegs Angst vor Pferden hatte, und zweitens empfand ich diese Bezeichnung den Hasen gegenüber als unfair.


Ich kletterte aus meinem hölzernen Bauernbett und lehnte mich weit aus dem Fenster. Die Luft roch herrlich - nach Sommer. So roch Sommer! Es war warm draußen - deutlich wärmer als drinnen in meinem Zimmer - und die Männer hatten bereits damit begonnen, neue Latten auf das Dach zu nageln. Warum hatte mich niemand geweckt? Schnell raffte ich meine Sachen zusammen, überquerte den Flur und schlüpfte ins Badezimmer. Nachdem ich meine Morgentoilette hinter mich gebracht hatte, ging ich hinunter in die Küche und war erleichtert, dass das Frühstück noch nicht abgeräumt war.


»Warum hat mich niemand geweckt?«, fragte ich Anne in leicht vorwurfsvollem Tonfall.


»Immer schön langsam mit den jungen Pferdchen! Du hast Ferien und bist nicht zum Arbeiten hier. Außerdem sind jetzt richtige Zimmerleute da und die haben ihr eigenes Tempo. Du frühstücke erst mal schön in Ruhe und ich werde mich auch noch auf einen Kaffee zu dir setzen.«


Als ich kurz nach draußen ging, um Bilbo eine Schüssel mit Hundefutter zu bringen, traf ich Micha, der mit ölverschmierten Händen aus der Scheune kam. Er hatte den Vergaser aus seiner Vespa ausgebaut, um ihn zu reinigen. Micha begrüßte mich und fragte, wie ich geschlafen hatte.


»Stimmt es, dass dein Vater ermordet wurde?«, fragte ich ihn beunruhigt.


»Wer behauptet das?«


»Peggy. Gestern Abend. Und sie meinte, dass jeder hier im Dorf darüber Bescheid wüsste.«


Ich bemerkte, dass Micha etwas zögerlich und nachdenklich reagierte.


»Ja, mein Vater ist vor Kurzem gestorben. Er war zweiundsechzig Jahre alt und hatte im Krieg eine schlimme Zeit in Gefangenschaft erlebt. Er war krank und schwach, von Mord kann da gar keine Rede sein. Wer das behauptet, redet Unsinn!«


Ich nahm seine Erklärung hin, aber sie überzeugte mich nicht restlos. Irgendein Gefühl sagte mir, dass dies nicht die ganze Wahrheit war. Micha deutete auf sein Rollerteil und verschwand in der Werkstatt. 


Ich rief den Hund und erfreute ihn mit dem Hundefutter, dann ging ich zurück in die Küche zu Anne und Rita. Kurz darauf lernte ich dann Tanten Erika kennen, Volkers Oma, die auch irgendwo in diesem Haus wohnte. Warum die Frauen sie Tante nannten, obwohl sie ja eine Oma war, blieb mir ein Rätsel. Eigentlich wurde sie mir nur als Tante Erika vorgestellt, von da an nannten sie alle nur noch Erika. Da mir das mit den Namen und Titeln alles zu kompliziert war, vermied ich die direkte Anrede. Erika war sehr freundlich und sah irgendwie ulkig aus. Sie trug ein langes Kleid aus grobem Stoff und einen Seidenschal, der ihr fast bis zu den Füßen reichte. Sie hatte kurze weiße Haare und sah irgendwie schick aus. Ich beobachtete sie interessiert, denn sie passte so gar nicht zu meinem Bild, welches ich mir nach Volkers Beschreibung gemacht hatte. Wie eine alte Bäuerin sah sie auf jeden Fall nicht aus. Tante Erika schmierte sich stehend ein Brötchen, schnitt sich einen Apfel in Scheiben und goss sich einen getöpferten Becher voll Tee. Dann ging sie mit den Sachen zum Frühstücken in den Garten, von wo Rita gerade zu uns herein kam.


»Oh, der junge Mann trinkt Kaffee!«, bemerkte sie halb spöttisch halb anerkennend.


»Zu Hause trinken wir nur Kaffee«, antwortete ich knapp.


Kaum hatten wir ein Gespräch miteinander begonnen, und ich mein Brötchen mit Erdnussbutter und Marmelade bestrichen, ging die Tür auf und Peggy huschte herein. Sie trällerte ein allgemeines »Moin« in den Raum und setzte sich dann wie selbstverständlich zu uns. Sofort warf ich einen Kontrollblick auf ihre Bluse. Heute hatte sie sich nicht als Busenwunder verkleidet - fand ich auch deutlich besser so!


»Na, willst du mit uns frühstücken?«, fragte Rita amüsiert. Peggy nahm sich ein Brötchen, schnitt es in zwei Hälften und suchte nach der Butter. Nebenbei erwähnte sie, dass sie mich eigentlich nur zum Reiten abholen wollte.


»Das ist jetzt nicht dein Ernst!«, protestierte ich.


»Wieso? Das hatten wir doch gestern so besprochen.«


»Wir haben gar nichts besprochen! Wir hatten allgemein über Pferde geredet und ich hatte dir klar zu verstehen gegeben, dass mir die Viecher zu hoch sind.«


»Du hast mir zu verstehen gegeben, dass du Schiss vor Pferden hast!«, antwortete sie schnippisch und warf mir einen triumphierenden Blick zu.


»Dann hab’ ich halt Schiss, ist mir doch egal. Mich kriegst du jedenfalls nicht auf den Rücken so eines Gauls!«


Nach dem Frühstück ließ ich mich dann doch dazu überreden, mal einen Blick auf Peggys Mini-Gestüt zu werfen.


»Tu ihr doch den Gefallen, sie ist so stolz auf ihre Pferde!«, hatte mir Rita zugeraunt. Da Rita schon nach zwei Tagen eine mütterliche Kumpanin für mich geworden war, folgte ich ihrem Rat. Nun saß ich auf dem obersten Holzbalken eines Ranchzaunes, der ein sandiges Rechteck hinter dem Nachbarhof umgab, und bestaunte Peggys Reitübungen. Sie konnte allerlei Kunststücke und sie konnte sogar frei voltigieren. Alles freihändig und das Pferd lief brav von alleine im Round-Pen, einer kreisrunden Eingrenzung, ähnlich der Manege im Zirkus. Sie turnte auf dem Rücken des Gauls herum, als ob dies gar nichts wäre. Einzig ihre Kommandos in schrillem Ton und in einer Lautstärke, die eine ganze Armee hätte befehligen können, fand ich ziemlich nervig. Ganz unbemerkt hatte sich ein anderes Pferd von hinten an mich herangeschlichen und stupste mich mit seiner Schnauze. Ich erschrak, drehte mich um und fand mich Kopf an Kopf in dichtem Abstand diesem Riesenungeheuer gegenüber. Mir war zwar mulmig dabei, aber ich hatte den Eindruck, dass das Monster mich angrinste.


»Oh nein Oktopus! Wie bist du denn rausgekommen?!«, schrie Peggy. Bei der nächsten Runde ließ sie sich geschmeidig vom Rücken ihres Pferdes gleiten und kam zu uns herunter.


»Oktopus nein!«, befahl sie, als mir das Pferd erneut einen Stupser mit seinem übergroßen Kopf gab. Ich fasste allen Mut zusammen und tätschelte seine Schnauze.


»Wieso heißt ein Pferd Oktopus? Oktopus ist doch ein Tintenfisch. Wieso nennt ihr ein Pferd Tintenfisch?«


»Sie musste einen Namen bekommen, der mit »O« beginnt. Sollten wir sie Otto nennen? Eine Stute?«


»Na da gibt es doch noch eine Menge anderer Namen. Olga, Osaka, Omega, Oma, Osemarie«


Jetzt boxte Peggy wieder, aber ich war auf der Hut und konnte mich erfolgreich wegducken.


»Oma, Osemarie! Du spinnst wieder!«


Ich lachte mich schlapp.


»Olivia, Ottilie, Orange, oller Klepper«, ergänzte ich und hüpfte von meinem Zaunbalken, um Peggys Angriff aus dem Weg zu gehen. Sie jedoch rannte hinter mir her - und sie war schneller als ich! Nun bekam ich meine Knuppies ab und zudem nahm sie mich in den Schwitzkasten und kitzelte mich durch. Ich war mehr als einen Kopf größer als Peggy, aber gegen Kitzeln ist man machtlos. Oktopus wieherte und bäumte sich auf.


Oktopus war eine ganz liebe, gutmütige Stute. Dessen war sich Peggy hundertprozentig sicher und davon wollte sie mich anschließend auch überzeugen. Ohne es näher zu erklären, holte sie einen Sattel und Zaumzeug und machte beides an Oktopus fest. Dann führte sie sie an den Zaun zurück und befahl mir aufzusitzen.


»Es passiert gar nichts, du sollst nur mal drauf sitzen, damit du siehst, dass es gar nicht so hoch ist«, beschwichtigte sie mich. »Ich halte sie fest und du setzt dich drauf, so einfach ist das!«


So einfach war es überhaupt nicht! Ich kletterte auf den Zaun und versuchte von dort aus herüberzuklettern. Oktopus jedoch wich jedes Mal zur Seite, obwohl Peggy sie festhielt. Dann versuchten wir es auf klassische Weise über die Steigbügel. Mich hatte der Ehrgeiz gepackt und mit einem Schwung schwang ich mich auf den Rücken - und rutschte auf der anderen Seite wieder herunter. Ich saß auf meinem Hosenboden im Gras, Oktopus beschnupperte mich und Peggy kugelte sich vor Lachen.


»Wenn sie nicht so gutmütig wäre, dann würde sie jetzt nervös reagieren und dich vielleicht sogar treten. Also los - noch mal!«


Beim dritten Versuch schon saß ich aufrecht auf dem Pferderücken und betrachtete die Umgebung mit ungewohntem Rundblick. Ich schätzte einen möglichen Aufprallwinkel und die wahrscheinliche Fallhöhe und stellte mir daraus die schwere anzunehmender Knochenbrüche vor. Oktopus machte einen Schritt nach vorne. Dann einen zur Seite und wieder einen nach vorne. Ich wusste nicht, was das bedeutete und ich spürte, wie die Bewegung ihrer Füße sich durch die enorme Körpergröße wie ein Hebel bei mir hier oben vervielfachte. Kleiner Schritt oben – großes Hin und Her bei mir oben. Und dann sah ich Peggys Grinsen. Sie führte etwas im Schilde und ich konnte nicht entkommen. Ahnend beobachtete ich, wie sie sich wie in Zeitlupe Oktopus’ Hinterteil näherte. Triumphierend sah sie mir in die Augen und gab der Stute einen laut klatschenden Klaps. Das Pferd machte einen Satz und galoppierte los. Ich hielt mich an den Zügeln fest und zog sie dabei stramm an. Die Stute raste immer schneller und schneller. Verzweifelt klammerte ich mich nun um ihren Hals und merkte dabei zu spät, dass mir dies keinerlei Seitenhalt gab. Ganz langsam rutschte ich immer weiter nach links, bis mir die Kräfte versagten und ich mich einfach fallen ließ. Noch im Sturz versuchte ich, mich abzurollen, und so verlief meine Landung relativ glimpflich. Peggy kam zu mir herübergerannt und ich sah, dass Oktopus weiter hinten stehen geblieben war und nun ganz harmlos graste. Ich war stocksauer auf Peggy und zeigte ihr das auch. Ohne ein Wort zu sagen, kletterte ich über den Zaun, ging über die Wiese zurück zu unserem Hof und - vor Wut beinahe heulend - hoch in mein Zimmer. Ich war genauso, ohne jede Erklärung, an Rita und Volker vorbeigestapft, die in der Diele an irgendetwas hantierten. Sie sahen mir nach, ließen mich aber in Ruhe. Jetzt sehnte ich mich nach meinem Computer, oder zumindest nach meinem Smartphone. Zu gerne hätte ich in diesem Moment meiner Welt erklärt, wie bescheuert rückständig das Leben hier war. Dass Pferde Monster, und dass kleine, zwölfjährige Mädchen Supermonster waren.


Durch das offen stehende Fenster hörte ich draußen Leute lachen. Dann vernahm ich aufgeregtes Hühnergegacker und wieder Lachen. Was taten die da draußen? Bilbo bellte. Bilbo, du Verräter! Wo warst du, als mich die Nachbar-Zicke mit ihren doofen Gäulen hereingelegt hatte?


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