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Belletristik
Buch Leseprobe MAX oder ein bewegtes Leben, Karl Döhler
Karl Döhler

MAX oder ein bewegtes Leben



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Inhalt

Vorwort
1 Vorgeschichte
2 Geburt von Max und die ersten 5 Kinderjahre
3 Schulzeit und die Jahre bis zum 9. Lebensjahr
4 Die Zeit vom 9. bis Lebensjahr
5 Lehrzeit und Orientierung
6 Kriegsjahre


Vorwort
Nach langen Überlegungen habe ich mich entschlossen
mein bisheriges Leben, welches abwechslungsreich und
von allen Tiefen und Höhen geprägt war, in einem Roman
niederzuschreiben.
Er beinhaltet die Zeit vom ersten bis zum fünfundzwanzigsten
Lebensjahr.
So wie ich in meinem Leben aus den positiven und
negativen Erfahrungen ersehen musste, ist es zum größten
Teil Bestimmung, was das Schicksal dem Einzelnen zuweist.
Wir müssen es der von uns nicht erkennbaren Kraft
überlassen, wie lange noch der Weg auf dieser uns
gegebenen Welt sein wird.
Das Schreiben dieses Romans beruht auf eigenen
Erinnerungen. Die Ortsnamen entsprechen den Tatsachen.
Beschreibungen von Landschaften und Gebieten sind nach
der Vorstellung und Empfindung der jeweils gegebenen
Situationen geschildert.
Es geschieht aus Freude am Tun und aus Dankbarkeit
gegenüber den erlebten positiven und auch negativen
Dingen dieses Lebens in einer Zeit, die geprägt war von
Krieg und der Vernichtung von Menschen.
Doch möchte ich auch an die positiven Dinge erinnern mit
diesem Roman und mit folgendem bekannten Ausspruch
dieses Vorwort abschließen:
„Ihr glücklichen Augen, was je ihr gesehen.
Es sei wie es wolle, es war doch schön.”

Danke allen, die mir den Mut gemacht haben diesen Roman
zu schreiben.
Besonders danke ich meiner Frau Ingrid.
Ihr ist dieses Buch gewidmet.

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Kapitel 1
Vorgeschichte

Johannes Wolf, ein junger Bildhauer aus Coburg, war vor
Beginn de s Er s t en We l tkr i ege s a l s wande rnde r
Handwerksbursche unter anderem auch nach Rochlitz
gekommen.
Als Bildhauer und Steinmetz fand er dort bei einer
Denkmal und Bildhauerfirma eine gute Arbeitsstelle. Er
fühlte sich in Rochlitz und dessen Umgebung wohl.
Seine Arbeitskraft wurde von seinem Arbeitgeber sehr
geschätzt und es entstand dadurch bald ein enger Kontakt
zu der ihn beschäftigenden Unternehmerfamilie.
Bi s zur Einberufung zum Mi l i tär und dem dami t
verbundenen Kriegsdienst wurde für ihn die Stadt Rochlitz
sein vorläufiges Domizil. Nach den erlebten Kriegsjahren
ging er dahin zurück. Johannes Wolf lernte nach seiner
erfolgreich abgeschlossenen Gesellenprüfung und vor
Beginn seiner Wanderjahre ein junges und ansehnliches
Mädchen kennen. Die beiden verliebten sich ineinander.
Wie es zur damaligen Zeit üblich war, versprachen sie, sich
nach seiner Rückkehr zu verloben und dann nach einem
Jahr zu heiraten.
Lydia Köhler war gebürtig aus Neustadt, einem kleinen
Handwerkerstädtchen bei Coburg.
In dieser Stadt wurden hauptsächlich Puppen und
Stofftiere hergestellt.
Sie war das fünfte von elf Kindern einer für damalige
Verhältnisse wohlhabenden Familie.
Ihre Eltern waren Besitzer einer kleinen Fabrik, welche
Puppen herstellte. Obwohl Lydia aus einer besser situierten
Familie stammte, waren ihre Eltern der Verbindung mit
Johannes nicht abgeneigt.
Die Eltern von Johannes Wolf waren fränkisch und
schwäbisch-alemannischen Ursprungs. Sein Vater, Andreas
Wolf, war ein gebürtiger Franke und kam aus derselben
Stadt wie die künftige Frau von Johannes.
Seine Mutter Maria, eine zierliche und kleine Frau, stammte
aus einer streng protestantischen, wohlhabenden Familie,
ebenfalls schwäbisch-alemannischer Abstammung. Sie war
gebürtig aus Tuttlingen, einer damals bäuerlich geprägten
Kleinstadt im Königreich Württemberg, gelegen im
südlichen Teil der schwäbischen Alb an der Donau. Maria
wuchs gemeinsam mit sieben weiteren Geschwistern auf.
Im Alter von achtzehn Jahren wurde sie Diakonisse,
erlernte die Blindenschrift und wurde Lehrerin in einem
Blindenheim, welches im Elsass, in der Nähe von Straßburg,
angesiedelt war.
Andreas Wolf hatte den Beruf eines Färbers erlernt und
wanderte drei Jahre durch die Gegenden Deutschlands und
Frankreichs.
Andreas war den Frauen gegenüber nicht abgeneigt.
Überlieferungen nach hatte er auf seiner über dreijährigen
Wanderschaft durch Deutschland und Frankreich so
manches Erlebnis mit der holden Weiblichkeit. Bei dieser
Gelegenheit lernte er durch Zufall bei Straßburg die junge
Diakonisse Maria kennen.
Maria war vom Wesen des Andreas Wolf so fasziniert, dass
sie entgegen den Warnungen und dem Widerstand ihrer
Familie ihrem Gelübde entsagte und Andreas Wolf nach
Neustadt folgte.
Sie heirateten und zeugten innerhalb von dreizehn Jahren
sieben Kinder, die von ihrer Mutter sehr geliebt wurden.
Mit der Mitgift von Maria erwarben sie ein Grundstück am
Ufer der Röden und bauten ein Haus mit einer kleine
Stofffärberei. Das Leben in Neustadt war aber nicht von
Glück geprägt, da die junge Maria sich das Leben mit ihrem
Mann harmonischer vorgestellt hatte.
Außerdem wurde sie in dem Umfeld, in dem sie lebte, nicht
heimisch, obwohl die Landschaft sehr ihrer schwäbischen
Heimat ähnelte.
Sie konnte sich jedoch nicht an die dialektischen Sprachfärbungen
der fränkisch-thüringischen Bevölkerung gewöhnen.
Ihr Gemüt war während der Zeit, die sie in der
Heimat ihres Mannes leben musste, von stillem Heimweh
beschwert, was sie durch folgendes Gedicht zum Ausdruck
brachte:
„An der schönen blauen Donau hab ich das Licht der Welt
erblickt.
Schau mit wehmutsvollen Blicken nach der Heimat oft zurück.
Denk ich, wie ich doch als Kinde in der Heimat glücklich war.
Ach wie sind so schnell verschwunden meine schönen Kinderjahr.
Bin soweit nun von der Heimat in dem fremden Lande hier.
Sehne mich, oh teure Heimat, ach so oftmals doch nach Dir.
Nur noch einmal möchte ich wieder nach der Heimat trauten
Herd,
hören meine lust'gen Lieder, die ich als Kind dort hab gelehrt.
Doch es soll nicht anders werden, bleiben soll ich, wo ich bin,
bis ich einstens von der Erden darf nach der richtigen Heimat
ziehn.”
Im Laufe der Jahre verschuldete Andreas sich und seine
Familie erheblich, er musste sein Haus und die von ihm
geführte kleine Färberei verkaufen und aufgeben.
Verarmt und mit wenig Besitz zog die gesamte Familie von
Neustadt nach Stuttgart, der Hauptstadt von Württemberg
und Stammheimat von Maria. Die Familie wurde von der
noch lebenden Mutter Marias und ihren Geschwistern
unterstützt, somit konnten sie sich wieder eine bescheidene
Existenz aufbauen.
Die Wolfs mieteten im südlichen Teil von Stuttgart eine
größere Wohnung, die dann für Jahrzehnte dauernder
Aufenthalt der Familie blieb. Der Vater, Andreas Wolf,
übernahm als verantwortlicher Färbermeister eine Dauerarbeitsstelle
bei einer größeren Färberei in Ludwigsburg bei
Stuttgart. Nur Sohn Johannes verblieb noch in Neustadt um
seine Lehre zu beenden und seine Gesellenprüfung
abzulegen. Erst zwei Jahren später, nach Abschluss seiner
Prüfung, ging er ebenfalls nach Stuttgart und blieb dort für
zwei Jahre.
Johannes Wolfs Arbeitgeber in Rochlitz, zu dem er nach
Ende des Krieges zurückkehrte, machte ihm den Vorschlag,
eine neue Filiale zur Erstellung und den Verkauf von
Denkmalen und Grabsteinen in Burgstädt, welches nördlich
von der Industriestadt Chemnitz liegt, als verantwortlicher
Leiter zu übernehmen. Nach kurzer Überlegung sagte
Johannes zu.
Er fuhr nach wichtigen Entscheidung nach Neustadt und
überbrachte persönlich seiner Verlobten diese Nachricht.
Nach Rücksprache der beiden jungen Leuten mit den Eltern
von Lydia wurde der Termin für die Hochzeit vereinbart
und der Ablauf der üblichen Feierlichkeiten festgelegt.
Zehn Monate nach Ende des ersten Weltkrieges fand dann
die Hochzeit statt. Nach Überlieferung sind die Festlichkeiten
und die Trauung in einem schönen Rahmen verlaufen.
Von Johannes Wolfs Familie war aus Stuttgart nur
dessen Schwester Hedwig anwesend, seine Eltern und die
beiden noch lebenden Brüder konnten aus Kostengründen
nicht an den Feierlichkeiten teilnehmen. Außer Lydias
Eltern, welche auch finanziell die Hochzeit ausrichteten,
waren sämtliche noch lebende neun Geschwister, einschließlich
deren Gattinnen, Gatten und Kinder anwesend.
Überhaupt ist es bemerkenswert, was für ein Zusammengehörigkeitsgefühl
innerhalb der Familie Köhler für alle
Zeit, auch nach dem Tot der Eltern, herrschte.
Lydia ging nun aus dem behütetem Kreis ihrer Familie und
Jugendfreunde fort.
Johannes Wolf und seine junge Frau übersiedelten als frisch
verheiratetes Ehepaar nach Burkersdorf, einer kleinen,
ländlichen Gemeinde, unmittelbar bei der Kleinstadt
Burgstädt.
Der Bauernhof, der mit Grund und Boden der evangelischen
Kirche von Burgstädt gehört, wurde von der Firma,
in der Johannes beschäftigt war, gepachtet. Johannes war
nun der Verantwortliche dieses Zweigbetriebes.
Die Gebäude des ehemaligen Bauernhofes bestanden aus
einem Wohngebäude, einer Scheune mit Pferdestall, sowie
zwei seitlich stehenden Schuppen, welche als Steinbearbeitungswerkstätten
und Büro genutzt wurden. Der
Gebäudekomplex befand sich in unmittelbarer Nähe des
neuen Friedhofes von Burgstädt, an einem Hügel, umgeben
von Wiesen, Bäumen und Sträuchern. Das Wohngebäude
war zum Datum des Einzugs von Johannes und Lydia
bereits von zwei Familien bewohnt.
Im ersten Stock rechts wohnte das Ehepaar Schelzig.
Schelzigs hatten zwei Jungs, Fritz war zum damaligen
Zeitpunkt zwölf und Heinz acht Jahre alt. Herr Schelzig
war der Friedhofswärter und Totengräber vom neuen
Friedhof Burgstädt und Angestellter der evangelischen
Kirchgemeinde.
Ebenfalls im ersten Stock, jedoch auf der linken Seite,
wohnte ein Ehepaar mit Namen Vogler. Voglers hatten
zwei Töchter. Herr Vogler war Steindrucker, zur damaligen
Zeit war dieser Beruf schon selten, er glaubte daher gern,
etwas Besonderes zu sein.
Johannes und Lydia konnten die Wohnung im Erdgeschoss
beziehen. Die Wohnung bestand aus einer Wohnküche,
einem Wohnzimmer und einem Schafzimmer . Die
Wohnfläche dieser Räume war nicht groß.
Mit dem Wenigen, was sie ihr Eigentum nannten, richteten
sie sich so gemütlich wie möglich ein. Beide waren mit sich
und ihrer neuen Situation zufrieden. Mit den Hausbewohnern
entwickelte sich ein einvernehmliches Zusammenleben,
besonders mit der Familie Schelzig entstand eine
Freundschaft, welche sich noch über die Zeit des Zusammenwohnens
in der Friedhofstraße Nummer drei erstrecken
sollte.
Johannes hatte schon nach kurzer Zeit mit der umliegenden
Nachbarschaft und mit den anderen Bewohnern von
Burkersdorf und Burgstädt Bekanntschaften geschlossen.
Die politische Richtung von Johannes´ Denken war seiner
Erziehung nach als liberal zu bezeichnen, er war ein
zugänglicher und kontaktfreudiger Mensch. Für eine gute
Sache war er schnell zu begeistern.
Auch nahm er Kontakt zu ehemaligen Regimentskameraden
in Burgstädt auf. Unter diesen Bekannten waren
nicht wenige namhafte Bürger Burgstädts, wie zum Beispiel
der Textilfabrikbesitzer Karl Weigand, der Bäckermeister
Hans Ti tel und viele andere, auch der ehemal ige
Regimentsarzt Doktor Huhle gehörte zu diesem Kreis.
Es wurde daraus ein richtiger kleiner Verein, welcher
regelmäßig Zusammenkünfte im Gasthof `Goldener Stern´
von Burgstädt arrangierte. Der Pächter des `Goldenen
Stern´ gehörte ebenfalls dazu.
Sie alle waren junge Männer zwischen fünfundzwanzig
und fünfunddreißig Jahren, welche froh darüber waren,
den verlorenen Krieg mehr oder weniger gut überstanden
zu haben, abgesehen von den seelischen Schäden, die man
nicht so ohne weiteres behandeln konnte. Auch die Frauen
und Freundinnen wurden in das gesellige Leben mit
aufgenommen.
Eines s chönen Tages eröf fnete Lydia ihrem noch
ahnungslosen Johannes, dass sie Nachwuchs erwarteten.
Nach der ersten Überraschung nahm er seine Ehefrau
freudig in die Arme und sagte mit einem tiefen Seufzer:
„Das ist ja wunderbar, in neun Monaten sind wir dann eine
richtige kleine Familie!”

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Kapitel 2
Die Geburt von Max
und dessen erste Kinderjahre

Zur damaligen Zeit war man medizinisch noch nicht so
weit, dass festgestellt werden konnte, welches Geschlecht
der zu erwartende neue Erdenbürger haben würde. So war
es für Lydia und Johannes ein dauerndes Rätselraten, ob
nun das kleine zu erwartende Wesen ein Junge oder ein
Mädchen wäre. Doch beide tippten darauf, dass es ein
Junge würde.
Der Name des Nachwuchses stand jedoch schon fest und
sie wurden sich wie folgt einig:
Würde es ein Mädchen, wollten sie es Christiane, würde es
ein Junge, so wollten sie ihn Max nennen. Frau Schelzig, die
ja schon Erfahrung in Kinderfragen hatte, stand der jungen
werdenden Mutter stets hilfreich zur Seite. Sie war im
übrigen ebenfalls der Meinung, es sei ein ein Junge. Der
Hausarzt, welcher ja vom Medizinischen her Erfahrung
hatte, sagte mit einem gelehrten Gesichtsausdruck: „Herr
Wolf, sie werden Papa eines Sohnes.”
Lydia überstand die neun Monate Schwangerschaft mit den
üblichen Begleiterscheinungen, tapfer und erwartungsvoll.
Der Herbst, der Winter und auch der Frühling waren
vergangen. Es war neun Tage vor Sommerbeginn. In der
Nacht von einem Freitag auf einen Samstag setzen morgens
gegen zwei Uhr bei Lydia die Wehen ein. Doktor Huhle
und die Hebamme trafen die erforderlichen Vorkehrungen
und Lydia gebar einen Jungen. Max war nun da! Doktor
Huhle gab Max einen kleinen Klaps auf dessen Hintern und
mit einem Schrei begann dieser sein Leben auf dieser Welt.
Der Vater hatte, so erzählte man später dem kleinen Max,
mehr Angst ausgestanden als die Mutter.
Max schlummerte nach der überstandenen Arbeit seiner
Geburt vor sich hin. Wenn er sich mit seinem lautstarken
Organ meldete, merkte man, dass er Hunger hatte. Worauf
dieser von seiner Mutter Nahrung bekam. Er trank das ihm
Angebotene mit sichtlichem Genuss.
Einen Tag nach der Geburt von Max begann in Burkersdorf
das alljährlich stattfindende Schützenfest. An den Tagen
des Festes war es sehr sonniges und warmes Wetter. Der
junge Vater war Mitglied des Schützenvereins und musste,
trotz des freudigen Ereignisses, an dem traditionellen
Umzug, der immer an einem Sonntag stattfand, teilnehmen.
Bald sprach es sich unter den Vereinsmitgliedern herum,
dass Johannes Vater geworden sei. Es gab ein fröhliches
Hallo und je ein Glas Bier.
Die junge Mutter hingegen musste noch im Bett liegen und
konnte somit nicht an den Festlichkeiten teilnehmen. Am
Abend kam der junge Vater fröhlich nach Hause. Sein
erster Blick galt seinem Sohn und dann seiner Frau. Diese
sah ihn an und sprach nur einen Satz:
„Dass Du auch noch an uns denkst und nach Hause
kommst!” Johannes merkte sich den Ausspruch seiner Frau
für alle Zeit.
Die ersten Wochen nach der Geburt von Max vergingen
ohne große Ereignisse. Zu der damaligen Zeit waren
Te l e fone noch dünn ge s ä t . Di e umf angr e i che
Verwandtschaft in Neustadt sowie Stuttgart und auch
anderswomusste deshalb per Briefpost verständigtwerden.
Natürlich dauerte es eine gewisse Zeit, bis sie Kenntnis
davon hatten, dass bei Wolfs in Burkersdorf der angekündigte
Nachwuchs das Licht der Welt erblickt hat.
Seit Generationen der Familien Wolf und Köhler wurden
alle Angehörige aus Tradition evangelisch getauft, dieses
Zeremoniell stand somit auch dem kleinen Max bevor.
Nach Rücksprache und Anmeldung bei dem evangelischen
Pfarramt in Burgstädt wurde Max, vier Wochen nach seiner
Geburt, getauft. Max allerdings verschlief vollkommen das
Fest, welches extra für ihn abgehalten wurde. Else Fiedler,
eine Freundin seiner Mutter, Tante Hedwig, die Schwester
seines Vaters, und Karl Heidl, der Chef seines Vater,
wurden von seinen Eltern gebeten, für Max die Paten zu
sein. Alle drei sagten dieser Bitte zu und nahmen an der
Taufe und an dem daran anschließenden kleinen Fest teil.
Else Fiedler, welche später von Max nur Tante genannt
wurde, und die Schwester seines Vaters sollten für ihn von
frühester Jugend an und auch im weiteren Leben prägende
Rollen spielen.
Ein Jahr war wie im Flug vergangen und Max konnte
seinen ersten Geburtstag feiern. Nur war er ja noch so klein,
dass er nicht begreifen konnte, was sein erster Geburtstag
für ihn bedeutete. Um so mehr freuten sich die Eltern von
Max und die übrigen Hausbewohner und Freunde, dass
dieses erste Jahr seines Lebens ohne gesundheitliche
Komplikationen vergangen war. Max war bereits im
sogenannten Krabbelalter, auch stehen konnte er schon.
Doch sein Gleichgewicht war noch ein klein wenig
wackelig und er musste sich manchesmal etwas unsanft auf
seine vier Buchstaben setzen, was des öfteren heftige
Heulattacken bei ihm auslöste. Doch mit einem Alter von
eineinhalb Jahren lief er, wenn auch noch etwas unsicher,
sowohl über glatten als auch über unebenen Boden dahin.
Seine Eltern freuten sich über den Fortschritt.
Für Max öffnete sich, wenn auch noch unbewusst, eine
neue Welt mit vielen Geheimnissen und Erlebnissen.
Manchesmal, auch zum Schrecken seiner Eltern, wurde
dieses oder jenes Abenteuer von ihm bewältigt. Doch von
einem dieser Abenteuer, welches auch mit schlimmen
Folgen hätte enden können, soll kurz erzählt werden.
Max war zwischenzeitlich drei Jahre alt geworden. Die
noch lebenden Eltern seines Papas, welche ja sehr weit fort
in Stuttgart wohnten, kannte er noch nicht. Also sah er in
den Nachbarn Schelzig seine Großeltern, die dagegen
nichts einzuwenden hatten, da sie Max sehr mochten.
Wenn er die Gelegenheit wahrnehmen konnte, vesuchte er
die Steintreppe, die vom Erdgeschoss in das erste Obergeschoss
führte, mit Händen und Füßen zu erklimmen, um
so zu Opa oder Oma Schelzig zu gelangen. Da die Treppe
für den kleinen Max als gefährlich angesehen werden
musste, wurde es im verboten, allein da hinauf zu steigen.
Eines Tages jedoch passte seine Mutter für einen Moment
nicht auf und Max kletterte, so flink, wie er schon war,
alleine eine Treppenstufe hoch. Aber, o-weh - auf halber
Höhe verlor er doch das Gleichgewicht und fiel ziemlich
unsanft die Steinstufe rückwärts wieder herunter.
Natürlich endete dieses Malheur mit wehleidigem Heulen
und großer Aufregung.
Der Hausarzt Doktor Huhle musste kommen. Es stellte sich
heraus, dass außer ein paar kleinen Schrammen an den
Beinen und Armen nichts passiert war. Max war noch
einmal mit dem Schrecken davon gekommen.
Von da ab wurde er bei so manchen anderen Abenteuern
sehr vorsichtig.
Max wuchs in einer Umgebung auf, welche von Wiesen
und Sträuchern umgeben war. Oft musste er gesucht
werden, weil er sich, wenn er sich nicht beobachtet fühlte,
irgendwo im hohen Gras oder in den Sträuchern versteckte.
Es wurde daher beschlossen für Max einen kleinen Hund
anzuschaffen, damit er einen ständigen Begleiter habe, der
auf ihn mit aufpassen sollte. Max bekam also einen kleinen
weisen Spitz; dieser wurde auch mit dem Namen Max
gerufen. Mit der Zeit waren die beiden unzertrennlich, nur
war jetzt so, dass wenn irgendjemand den kleinen Max
suchte und man nach ihm rief, sich meistens mit einem
klaren Bellen der Vierbeinige meldete.
Die Zeit schien manches Mal zu fliegen, Max war schon
über vier Jahre alt und es wurde Weihnachten. Zum ersten
Mal erlebte er bewusst die geheimnisvollen Vorbereitungen
zu diesem schönen Fest mit. Neugierig wartete er darauf,
was wohl der für ihn so sagenhafte Weihnachtsmann für
Geschenken bringen würde.
Der Tag des heiligen Abends kam immer näher, und die
Spannung bis zur Bescherung stieg von Tag zu Tag und am
heiligen Abend von Stunde zu Stunde. Auch der Hund
Max wurde von s e inem He r r chen von di e s em
Erwartungsfieber angesteckt. Er legte sich stur in seiner
ganzen Länge vor die verschlossene Wohnzimmertüre,
hinter welcher der Christbaum geschmückt und die
Geschenke aufgebaut wurden.
Endlich kam für Max der lang ersehnte Augenblick, als die
Tür zum Wohnzimmer geöffnet wurde. Doch der erwartete
Weihnachtsmann war nicht zu sehen. Sein Vater und seine
Mutter erklärten ihm, dass der Weihnachtsmann von
Stuttgart kurz hier gewesen sei und die durch das Zimmer
fahrende, fauchende Dampfeisenbahn aufgebaut hätte. Max
war sehr beeindruckt, als er eine richtig mit Dampf
fahrende Lokomotive und sechs daran angekoppelte
Wagen sah, welche auf Schienen, die im gesamten
Wohnzimmer verlegt waren, von selbst dahin fuhr. Doch
auf einmal blieb die Lokomotive stehen, da der Brennstoff
dazu verbraucht war. Sein Papa musste kommen um dieses
Gefährt wieder in Betrieb zu nehmen. Max aber war noch
zu klein um verstehen zu können, wie und warum die
Lokomotive mit den angehängten Wagen fuhr.
Mit der Zeit wurde ihm das Fahren mit der Bahn zu
langweilig, er wendete sich daher den übrigen Geschenke
zu und überließ vorläufig das Spielen mit der Eisenbahn
seinem Papa. Besonders interessierte ihn ein riesiges Schaf,
welches als Spielzeug der Neustädter Weihnachtsmann
vorbei gebracht hatte. Das Spielzeugschaf konnte er hin
und her schieben und bläken konnte es wie ein Lebendiges.
Auch Max, der Hund, fand daran Interesse.
Das Weihnachtsfest war zu Ende und der Winter hielt nun
mit viel Schnee seinen Einzug.
Max mochte den Winter, besonders wenn er mit Schelzigs
Jungs, Fritz und Heinz, Schlitten fahren konnte.
Doch auch der schöne Winter verging und es wurde
Frühling, das Osterfest stand vor der Tür. Auch bei diesem
Fes t war dem kleinen Max unklar , warum er den
Osterhasen nicht zu sehen bekam. Aber wenn er seine
Eltern danach fagte, erhielt er zu Antwort: „Der Osterhase
kommt nur Nachts, wenn du schläftst.”
Am ersten Osterfeiertag, gleich nach dem Aufstehen, durfte
er in den Garten und Schokoladeneier, sowie gefärbte
richtige Eier zwischen dem Gras und den aufblühenden
Sträuchern suchen. Max fand allerhand, unter anderem
einen lebendigen, kleinen Igel. Doch er wusste noch nicht,
das s es ein Igel war und so nannte er diesen aus
unerklärlichen Gründen eine Amsel. Wenn er von da ab
einen Igel zu Gesicht bekam, war es kein Igel, sondern
immer eine Amsel. Und es dauerte lange, bis er begreifen
konnte, dass ein Igel ein Igel und eine Amsel ein Vogel war.
Der Sommer kam und alles blühte. Die Bäume waren grün
und belaubt, das Gras auf den Wiesen war höher als der
kleine Max.
Mit seinem Hundefreund versteckte er sich gern im Gras
und beobachtete alles, was da so an Käfern, Insekten und
anderem Kleingetier sich bewegte und umher schwirrte.
Alles war so geheimnisvoll und aufregend.
Max konnte sich nicht vorstellen, was große Sommerferien
sind. Doch er wusste, dass Fritz und Heinz, welche ja schon
zur Schule gingen, sich auf diese Zeit freuten, denn da fiel
das Lernen aus und sie konnten tun und lassen, was sie
wollten.
Die Zeit der Inflation, wo das Geld keinen Wert hatte, war
auch vorüber. Max verstand dieses alles noch nicht, was
sich da ereignet hatte. Er konnte sich nur daran erinnern,
dass seine Mutter mitunter sagte: „Heute kostet das Brot
wieder ein paar Millionen mehr.”
Max erfuhr irgendwann von seinem Vater, dass man eine
große Reise machen würde, und zwar nach Stuttgart und
dann wei ter nach Neus tadt . Es wurden die dafür
notwendigen Vorbe r e i tungen ge t rof f en, Wäs che
zusammengestellt und Koffer gepackt. Nach drei Tagen, es
war im Monat Juli, an einem Abend, ging die Reise los. Max
war ganz aufgeregt und gespannt darauf, was da wohl alles
auf ihn zukommen würde.
Zuerst lief man nach Burgstädt zum Bahnhof. Die Strecke
bis dahin war für ihn schon sehr weit. Am Bahnhof
angekommen, wartete man auf den Zug, welcher aus
Leipzig kam und nach Chemnitz weiterfuhr. Es wurde
schon dunkel und Max so langsam müde.
Der lange Eisenbahnzug kam und für Max war es ein
großes Ereignis, in einen Wagen dieses Zuges einzusteigen.
Der Zug setzte sich mit einem Ruck und einem Pfiff in
Richtung Chemnitz in Bewegung. Nach einer kurzen
Fahrzeit war der Zug im Hauptbahnhof von Chemnitz
angekommen. Mama, Papa und Max stiegen mit dem
gesamten Gepäck aus, liefen damit zu dem Bahnsteig, an
welchem der Schnellzug von Dresden kommen sollte, um
dann weiter nach Stuttgart zu fahren.
Es war nur gut, dass Max seinen Hund nicht mit nehmen
durfte, da die Aufregung sonst noch größer geworden wäre.
Der Hund wurde zu Schelzigs in Pflege gegeben und
musste nun lange Zeit warten, bis Max von seiner großen
Reise zurück kam.
Nun kam der erwartete D-Zug aus Richtung Dresden. Die
Lokomotive mit den angehängten Personenwagen fuhr
fauchend und dampfend in den Bahnhof ein. Für Max,
welcher das erste Mal in seinem jungen Leben so etwas sah,
war dies ein eindrucksvoller Anblick. Der Zug hielt und es
öffneten sich die Türen. Reisende stiegen aus und es war
sehr viel Betrieb auf dem Bahnsteig. Max hielt ganz fest die
rechte Hand von seiner Mama. Er hatte Angst, dass er sie
bei dem Trubel verlieren würde.
Endlich waren alle drei in dem für sie bestimmten Wagen,
auf den ihnen zugewiesenen Plätzen untergebracht.
Als der Zug weiter fuhr, war Max schon sehr müde und
schlief auf seinem Sitzplatz ein.
Der schlafende Max wurde mit einem Kissen und einer
Decke im Gepäcknetz verstaut, wo er es am bequemsten
hatte.
Max verschlief die Nachtfahrt und erwachte nach achtstündiger
Fahrt morgens kurz vor dem Endziel.
Der Zug blieb stehen. Er hörte eine Stimme: „Stuttgart
Hauptbahnhof „ Endstation! Bitte alles aussteigen!”
Max und seine Eltern verließen den Zug mit allen Gepäckstücken.
Das erste Mal in seinem Leben betrat Max Suttgarter Boden
und das schöne Land der Schwaben. Er konnte zu diesem
Zeitpunkt noch nicht ahnen, dass er später einen großen
Teil seines Lebens in Stuttgart und in diesem Teil des
Landes verbringen würde.
Max sah zwei Männer kommen und sein Vater ging ihnen
entgegen. Sie begrüßten ihn und seine Mutter freudig. Die
beiden Männer gaben Max die Hand und einer der beiden
sagte: „Grüß Gott, ich bin dein Onkel Adolf.” Der Andere
sagte ebenfalls „Grüß Gott” nur sagte er zum Schluss der
Begrüßung, dass er der Onkel Werner sei. Max staunte über
die sonderbare Aussprache und über die Anrede „Grüß
Gott”, denn das hatte er noch nicht gehört. In Sachsen sagte
man „Guten Tag”. Oder am Morgen eben „Guten Morgen”.
Max sagte deshalb zu den beiden: „Guten Tag, und ich bin
der Max.” In dem großen Bahnhofsgebäude war viel Betrieb
und Max kam vor lauter Staunen und Schauen kaum
weiter. Er hätte beinahe seine Eltern und die Onkel verloren.
Außerhalb des Bahnhofes, am Bahnhofsplatz, waren
ebenfalls viele Fahrzeuge unerwegs, wie er es vorher noch
nie gesehen und erlebt hatte. Zusätzlich zu den Autos und
Fuhrwerken fuhren noch andere auf Eisenbahnschienen
fahrende Wagen umher.
Die Wagen hatten auf dem Dach eine Stange, an welche
oberhalb ein Rad angebracht war, das an einem Draht
entlang lief. Interessiert sah er auch dieses Fahrzeug an, in
welches sie jetzt alle fünf einstiegen.
Der Wagen mit Anhänger setzte sich mit lautem Surren in
Bewegung. Im vorderen Teil stand ein Mann in Uniform,
der eine Kurbel bewegte und ab und zu mit einem seiner
Füße auf einen Hebel trat, wobei dann jedes Mal eine
Glocke laut anschlug.
Max fragte Onkel Werner: „Was ist denn das für eine Eisenbahn?”
Onkel Werner antwortete: „Das ist keine Eisenbahn,
sondern eine Straßenbahn, auch Trambahn genannt.”
Die Bahn fuhr durch die Straßen, hielt des öfteren und ein
zweiterMann, auch in einer Uniform, verkaufte den Leuten,
welche neu einstiegen, Fahrkarten. Für die Weiterfahrt zog
er an einer Leine, die an der Decke befestigt war. Es ertönte
daraufhin eine Glocke und der Wagen fuhr dann weiter. An
einer Haltestelle rief der Fahrkartenverkäufer: „Adlerstraße!”
Die beiden Onkel, seine Eltern und auch Max
mussten hier aussteigen. Die erste Straßenbahnfahrt seines
Lebens war zu Ende.
Sie liefen gemeinsam eine Straße hinauf und an der
nächsten Kreuzung ging es nach rechts. Der Onkel Werner
sagte: „Jetzt sind wir gleich zu Hause.” Es war die
Möhringerstraße und das Haus Nummer 38, drei Stockwerke
musste man noch die Treppen hoch steigen. Wie
sollte Max dieses Haus jemals vergessen?
Max mit seinen kleinen Beinen machten die Treppenstufen
Schwierigkeiten und er war froh, als er auf dem großen
Stockwerkspodest angekommen war.
Vor einer sehr breiten Türe aus Glas stand eine zierliche
Frau, die mit angenehmer Stimme sagte: „Willkommen. Es
ist ja so schön, dass ihr jetzt endlich hier seid!” Sie gab allen
die Hand und sagte in der derselben Aussprache wie seine
Onkel: „Grüß Gott Max, ich bin deine Tante Hedwig, es
freut uns alle, dass du mit deinen Eltern auf Besuch
kommst.” Auch begrüßte sie recht herzlich seine Eltern.
Hinter Tante Hedwig stand ein älterer Mann mit einem
kleinen Bart unter der Nase und unterm Kinn. Max ging
zögernd auf diesen zu gab ihm als erster die Hand. Er sagte
ohne Scheu: „Guten Tag, ich bin der Max. Bist du mein
Großvater?” Alle, die da standen, lachten. Max war froh, da
er nun wusste, wer sein Großvater war. Der begrüßte
seinen Sohn und seine Schwiegertochter Lydia herzlich und
umarmte beide.
Alle gingen in die Wohnung und Max sah als erstes eine
ältere Frau, welche auf einem Podest am Fenster in einem
wunderschön geschnitzten Stuhl saß. Sie konnte nicht
aufstehen. Max wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht,
dass seine Großmutter linksseitig gelähmt war und nicht
mehr allein laufen konnte.
Max ging auf sie zu und sagte von sich selbst heraus:
„Guten Tag Großmutter.” Er hatte, vielleicht wegen seiner
kindlichen Unbekümmertheit, die Großmutter sofort gern,
ebenso fand er die Tante Hedwig sehr nett.
Für Max und seinen Eltern waren die acht Besuchstage sehr
schön und sehr abwechslungsreich. Es waren zu viele neue
Eindrücke, die Max in seinem kleinen Gehirn verarbeiten
musste. Auch fuhr er mehrmals in den Tagen mit der
Straßenbahn mitten in die Stadt, wo überall dieses oder
jenes zu sehen war, doch konnte er noch nicht alles
begreifen.Vor allem war unter all dem Erlebten eine Fahrt
mit einer Bahn, welche er mit seinem Großvater unternahm.
Diese nannte der Großvater Zahnradbahn. Es war
ein Wagen mit Anhänger, der auf Schienen eine steile
Straße hinauf auf die Höhe fuhr. Als die Bahn oben
angekommen war und hielt, fragte natürlich Max, denn er
wollte ja alles wissen: „Wo sind wir den nun jetzt?” „Wir
sind in Degerloch”, bekam er zur Antwort. Degerloch? Den
Namen verstand er überhaupt nicht, er war ja jetzt auf der
Höhe und die Stadt mit den vielen Häusern lag unten und
rund herum. Alles war voller Bäume, die grün waren und
ein Loch war nirgends zu sehen.
Be i e inem ande r en Spa z i e rgang kamen s i e zum
Wasserturm von Degerloch, den die Familie empor steigen
wollte.
Doch Max kam mit seinen kleinen Beinen nur bis zur
halben Höhe und konnte die restlichen Stufen nicht mehr
allein bewältigen. Sein Vater nahm ihn auf die Schultern
und t rug ihn bis zur Plat t form des Turmes. Oben
angekommen sahen die Turmbesteiger, wie schön die
große Stadt war und man sah noch mehr und viel weiter als
von unten, am Eingang zum Turm.
Es ging zurück durch den Wald, bis zur nächsten
Haltestelle der Straßenbahn, die einen längeren Weg fahren
musste als die Zahnradbahn. Auch durch die Fenster des
Straßen-bahnwagens konnte Max noch einmal die vielen
Häuser und grünen Hügel bestaunen.
Zu Hause angekommen, erzählte er der Großmutter, die ja
leider nicht an dem Spaziergang teilnehmen konnte, alles,
was er auf diesem Spaziergang gesehen und erlebt hatte. Er
versprach der Großmutter: „Bei meinem nächsten Besuch
bin ich dann schon größer, und dann nehmen wir den
Rollstuhl, und ich fahre mit dir nach Degerloch.”
Schnell verging die restliche Zeit der acht Besuchstage. Es
fiel Max und seinen Eltern schwer, Abschied zu nehmen.
Wie gerne wäre er noch da geblieben, doch er sollte ja mit
seiner Mutter weiter nach Neustadt. Die Ferien seines
Papas waren vorüber und er musste allein nach Burgstädt
zurück.
Es kam der Tag der Abfahrt. Max wurde von seiner Tante
geweckt und es wurde ihm klar, dass nun die Fahrt mit der
Eisenbahn nach Neustadt beginnen sollte. Seine Mama war
schon fertig angezogen. Sein Papa hatte schon gestern die
Rückreise nach Burgstädt angetreten. Man verabschiedete
sich von der Großmutter. Der Großvater und Tante Hedwig
fuhren mit Max und seiner Mutter zum Hauptbahnhof,
unterwegs in der Straßenbahn waren alle vier ruhig, keiner
sprach viel und alle waren etwas traurig, dass die paar
schönen Tage vorbei waren.
Am Bahnhof angekommen, war nicht mehr viel Zeit zum
Abschiednehmen. Für Max ging alles zu schnell. Vielleicht
war es gut so, denn er ging ungern von Stuttgart wieder
fort. Hauptsächlich von seiner Tante Hedwig und der
Großmutter.
Der Zug setzte sich in Bewegung. Mama und Max winkten
noch aus dem Fenster des Wagenabteils und bald war die
Bahn richtig in Fahrt, der Bahnhof und die Zurückgebliebenen
waren außer Sicht.
Die Fahrt dauerte beinah den ganzen Tag. Max kann sich
erinnern, dass zweimal mit allem Gepäck umgestiegen
werden musste und es war jedes Mal für beide sehr
anstrengend und aufregend. Gegen Abend kamen sie an
ihrem Endziel an. Für Max war die ganze Fahrerei nicht so
schön und er war froh, als der Zug endgültig stand und sie
aussteigen konnten.
In dem kleinen Bahnhof war es bedeutend ruhiger als in
Stuttgart. Auch fuhren hier keine Straßenbahnen.
Am Bahnhof wurden sie von einer Frau und zwei Kindern
in Empfang genommen. Max gab sie die Hand und sagte in
der Sprache, die auch seine Mama sprach: „Guten Tag, ich
bin deine Tante Helma.” Max antwortete, absolut sicher,
das Richtige zu sagen: „Grüß Gott, ich bin der Max.”
Die beiden Kinder, es waren ein Junge und ein Mädchen,
gaben Max´ Mama die Hand und sagten nacheinander:
„Grüß Gott, Tante Lydia. Wir sind dein Neffe und deine
Nichte Walter und Berta.” Auch Max wurde von ihnen
begrüßt.
Mamas Schwester hatte einen Handwagen mitgebracht, in
den die beiden Koffer gelegt wurden. Unterwegs zum Haus
fragte Max seine Base und seinen Vetter:
„Woher seid ihr denn?” Sie antworteten: „Wir kommen aus
München und sind auch bei Tante Helma auf Besuch.”
München war für ihn unbekannt, aber er fragte nicht weiter.
Außerdem war Max jetzt müde und wollte nun endlich
wissen, wie weit es noch bis zu Tante Helmas Haus sei.
„Wir sind gleich dort”, sagte sein Vetter Walter.
Endlich waren sie am Haus von Tante Helma angekommen.
Die zwei Koffer wurden vom Handwagen abgeladen und
ein großer Mann, welcher seine Mutter und Max begrüßte,
trug die Koffer eine Treppe hoch in den ersten Stock. Da es
schon dunkel war, konnte Max nicht erkennen, wo er
eigentlich war. Unten im Hof hörte Max ein Pferd wiehern.
Da er in seiner Heimat in einem Dorf wohnte, kannte er die
Laute der Tiere, die auf Bauerhöfen leben. Also nahm er an,
dass er sich auf einem Bauerhof oder zumindest in einem
Dorf befinden musste.
Max betrat einen großen Raum. Hier waren mehrere Leute.
Sie alle begrüßten Max und seine Mama freundlich. Doch er
nahm das alles nicht so wahr. Max war müde und wollte
dringend in´s Bett. Es wurde noch etwas gegessen und
getrunken, und Max wurde dann von seiner Mama
gewaschen und in einem der Räume in der großen
Wohnung zum Schlafen gelegt, wo er auch sofort einschlief.
Als er am nächsten morgen erwachte, vernahm er Stimmen
im gleichen Raum, in dem er im Bett lag. Es waren zwei
Jungen, welche ebenfalls in ihren Betten lagen. Der Größere
sagte: „Jetzt ist er munter!” Max erschrak ein wenig.
Die Kinder stellten sich schnell einander vor und waren
von nun an Freunde.
Der Morgen des ersten Tages begann mit einem strahlend
blauen Himmel. Die Sonne schien in das Schlafzimmer. Es
versprach ein schöner Tag zu werden. Die drei erzählten
von sich und auch Max wurde gefragt, wo er herkäme. Er
sagte, dass er aus Burgstädt käme, doch wo das genau sei,
wisse er auch nicht. Vielleicht in Sachsen.
„Ach, aus Sachsen”, sagte Theodor. „Da wohnt ja auch die
Tante Frieda, die Schwester von meiner Mutter und Max,
von deiner Mutter und Walter, von deinem Papa”, gab
Theodor zu verstehen. Theodor war ja derÄlteste von den
Dreien und verstand schon soviel, dass sie miteinander
verwandt waren. Da ging die Schlafzimmertür auf und die
Mutter von Theodor, Tante Helma, stand im Türrahmen
und rief: „Ihr drei, aufstehen, es ist so schönes Wetter oder
wollt ihr den schönen Tag verschlafen?”
Max war ganz munter und hatte auch kräftigen Hunger.
Doch bevor es zum Morgenfrühstück ging, mussten sie erst
zum Waschen. Anschießend konnten sie sich an den
Frühstückstisch setzen. Die Mama von Max und die
Schwester von Walter waren schon da. Er gab seiner Mutter
einen Kuss und wünschte einen guten Morgen.
Es wurde untereinander viel erzählt. Auch der große Mann,
welcher die Koffer am gestrigen Abend getragen hatte,
setzte sich mit an den Tisch. Wie Max dann feststellte, war
dieser der Papa von Theodor, also sein Onkel Ernst. Max
hatte etwas wie Angst vor ihm und auch Theo war auf
einmal ganz ruhig.
Es wurde ausgiebig gefrühstückt. Bertas Mundwerk ging
iununterbrochen und sie wurde von der Tante Helma
mehrmals ermahnt, ruhig zu sitzen und still zu sein. Das
fiel Berta sehr schwer.
Das Frühstück war zu Ende, der Tisch wurde gemeinsam
abgeräumt. Die Erwachsenen ließen die Kinder eine Weile
für sich.
Neugierig unternahm Max erste Erkundungen, denn er
musste ja feststellen, wo er sich befand und was es da so zu
sehen gab. Theo war der kundige Anführer der übrigen
beiden. Auch Berta schloss sich den Jungs an.
Es ging zuerst einen Stock höher. Was es da zu sehen gab,
war für Max etwas ganz Neues.
Sie kamen in verschiedene große Räume, in denen
Menschen arbeiteten. Theodor versuchte zu erklären, was
dort hergestellt wurde. Der Vater von Theo gesellte sich zu
den vier Kindern. Er erklärte, dass man hier Teddybären
mache. Die Kinder staunten, konnten sich aber nicht
erklären, wie aus diesen Stoffteilen, der Holzwolle und den
Glasaugen Bären wurden.
Sie gingen die Treppen wieder hinunter und in den Hof.
Im Pferdestall standen zwei Pferde, ein braunes und ein
helles. Theo sagte: „Der Braune ist der Paul, und der Weiße
ist ein Schimmel, welcher auf den Namen Liese hört.”
Max fand gefallen an dem Schimmel und er sagte zu Theo:
„Die Liese gefällt mir, auf diesem möchte ich gerne einmal
reiten.” „Ich spreche mit meinem Vater und wenn alles
klappt, kannst du am Sonntag früh einmal unter Aufsicht
reiten.” Der Sonntag kam und alle bewunderten ihn, als er
auf das Pferd gesetzt wurde. Für Max, so klein er noch war,
stand fest: „Ich lerne reiten und auch das Radfahren!”
Max verstand sich sehr gut mit den beiden Jungen, aber da
war ja noch ein kleines Mädchen in dieser Runde, nämlich
Berta, die Schwester von Walter. Max konnte diese nicht so
recht leiden. Sie quengelte an allem herum und wollte bei
jeder Sache, die die drei Jungen unternahmen, mit dabei
sein und das ärgerte ihn.
Kurz bevor die schönen Tage für Max und seiner Mutti zu
Ende gingen, kam es zu folgendem Vorfall, der eine
allgemeine Aufregung auslöste.
In unmittelbarer Nähe des Grundstücks der Tante Helma
führte ein kleiner, nicht tiefer Bach vorbei, welcher Mühlgraben
genannt wurde.
Am Morgen des vorletzten Tages standen die drei Jungen
und die Schwester von Walter auf einer kleinen Brücke, die
über den Bach führte. Wie üblich wurden von den Jungs
Steine und Papierschnitzel, welche kleine Schiffe darstellen
sollten, in das Wasser geworfen. Berta passte diese Spielerei
nicht, die die drei da so trieben. Berta drohte zu Tante
Helma zu laufen, um ihr zu sagen, was die drei taten. Ihr
Bruder schrie sie an: „Du bist wie immer eine richtige
Petze!” Max verstand zwar das Wort Petze nicht, aber er
gab der Berta einen Stoß, so dass diese in das Wasser fiel.
Sie planschte und schrie, worauf hin die drei Jungs die
Berta aus dem Wasser ziehen wollten, was allerdings nicht
gelang. Zum Glück kam zufällig der große Bruder von
Theo dazu, dem e s dann auch ge lang, di e völ l ig
durchnässte und schreiende Berta aus dem nicht allzutiefen
Wasser zu holen. Max war während dieser Rettungsaktion
zu Tante Helmas Haus gelaufen und gestand seiner nichts
ahnenden Mutter: „Ich habe da oben die Berta in das
Wasser geschmissen!” Natürlich war sofort alles in großer
Aufregung. Die ebenfalls anwesende Mutti von Berta,
Tante Helma und die Mutter von Max sowie auch Onkel
Ernst, liefen zum Mühlbach, wo auch schon Theodors
Bruder und die Anderen mit der heulenden Berta am Ufer
standen. Alle waren froh, dass der Berta, außer den nassen
Kleidern, nichts weiter passiert war.
Max erhielt von seiner Mutter, die über die kleinen Streiche
heiml i ch lachen mus s te, eine erns t zu nehmende
Strafpredigt und dazu bekam er am letzten Tag seines
Aufenthaltes in Neustadt Hausarrest.
Einen Tag später wurden die Koffer wieder gepackt.
Max und seine Mutti nahmen Abschied von allen, die noch
bei Tante Helma blieben. Mit dem Zug, welcher Max in der
Zwischenzeit ein vertrautes Verkehrsmittel geworden war,
fuhr er in seinem Heimatort zurück.
Nach einer langen Bahnfahrt kamen Max und seine Mutter
in Burgstädt etwas müde, aber glücklich, an. Beide wurden
von seinem Papa freudig am Bahnhof begrüßt. Max war
froh, dass er wieder in seiner gewohnten Umgebung war.
Vor allen freute er sich auf seinem treuen Freund, den
Hund Max. Die drei machten sich auf den Heimweg. Max
durfte sich in den von seinem Vater mitgebrachten
Handwagen setzen. Zu Hause angekommen wurde,
na chdem di e Kof f e r in de r Wohnung vor l äuf ig
untergebracht waren, die Familie Schelzig und auch die
Familie Vogler herzlich begrüßt und es gab, wie es nach so
einer langen Reise im Allgemeinen üblich ist, eine Menge
zu erzählen.
Der Hund Max hatte schon mit seinem empfindlichen
Hundegehör, ohne dass es Schelzigs wahrnehmen konnten,
das Klappern des Handwagens und das Kommen seiner
Herrschaft wahrgenommen. Er gab natürlich mit Bellen die
Ankunft vorher kund.
Die Freude des Wiedersehens, im besonderen zwischen
dem kleinen Max und seinem Hund war sehr groß.
Es war schon spät am Abend und alle waren müde. Nach
der noch eingenommene Abendmahlzeit gingen alle
schlafen.
Der Hund Max war selig, dass sein Spielgefährte wieder bei
ihm war. Die ganzen Wochen hatte keiner so richtig Zeit für
den Hund gehabt. Nicht einmal die beiden großen Jungs
von Schelzigs. Max lag nun am Fußende außen am Bett
seines wiedergewonnenen Herrchen. Beide schliefen ganz
tief in den neuen Tag.
Langsam wurde es Herbst. Die Ernte von den Feldern war
zum größten Teil von den umliegenden Bauern in deren
Scheunen eingefahren worden. Nur die Kartoffeln und
Hackfrüchte waren noch in den Böden. Es war nun auch
die Zeit der Kartoffelernte heran gekommen. Max, so klein
wie er noch war, hatte den Wunsch bei der Ernte einmal
mit zu helfen. Seine Eltern hatten nichts dagegen. Sein Papa
fragte: „Bist du schon so kräftig, dass du kleiner Kerl das
durchhalten kannst?”

Zufällig traf Max den Bauer Mähler auf dem Weg zu
seinem Bauerhof. Er fragte diesen, ob er ihn zum Helfen bei
der Kartoffelernte gebrauchen könnte.
Der Bauer schaute auf Max hernieder und fragte ihn:
„Kannst denn du das schon, du bist ja noch so klein?” Er
bekam von Max zur Antwort: „Ihre Kinder, die in meinem
Alter sind, nehmen Sie ja auch schon mit auf das Feld.”
Nach kurzem Überlegen bekam Max zur Antwort: „Wenn
du willst, kannst du es ja einmal versuchen, ich gebe dir
dann für den Arbeitstag eine Mark.” So hatte Max, ohne
dass er es wusste, in seinem jungen Leben mündlich seinen
ersten Arbeitsvertrag abgeschlossen. Zwei Tage später kam
Mählers Gretel, welche so alt war wie Max, und sagte in
Beisein seiner Mutter: „Max, mein Papa lässt dir sagen, du
kannst Morgen früh mit auf das Feld zum Kartoffel ernten
kommen, ich gehe auch mit.”
Da er von Gretel hörte, dass sie auch dabei sein würde,
sagte Max natürlich zu. Am anderen Morgen, es war noch
dunkel, wurde Max von seiner Muter geweckt. Schnell
hatte er sich gewaschen und warm angezogen, etwas
gegessen und getrunken. Gretel kam und holte ihn ab.
Sie gingen beide zu Gretels Hof,wo schon auf die beide
gewartet wurde. Gretels fünf ältere Geschwister und einige
Erwachsene saßen schon auf einem Pferdewagen. Ab ging
es zum Kartoffelacker, der etwa ein halbe Stunde entfernt
an einem Waldrand lag. Nachdem derselbe erreicht war,
stiegen alle von den Pferdewagen und bekamen von Bauer
Mähler ihre Arbeit zugeteilt. Auch Max, Gretel und ihre
Geschwister.
Die Pferde wurden vor eine ganz neue Erntemaschine
gespannt. Jeder Helfer, auch Max, bekam seinen Korb oder
Eimer. Nachdem die Erntemaschine das ganze Kartoffelfeld
einmal entlang gefahren war, begann das Auflesen der
Kartoffeln.
Max und Gretel arbeiteten zusammen. Beide trugen sie das
verwelkte Kraut auf einen Haufen. Die abgeschüttelten
Früchte sammelten sie ein und trugen diese in Körben mit
dem Gewicht, was sie zu zweit tragen konnten, bis zum
Wagen. Dort nahm ihnen ein Knecht die Körbe ab.
Bald merkten beide, dass diese Arbeit ganz schön
anstrengend war und sie waren froh, als zu einer Pause
zum Frühstück gerufen wurde.
So ging es den ganzen Tag bi s zum Einbruch der
Dunkelheit. Max und Gretel waren glücklich, als es nach
Hause ging. Beide hatten keine rechte Lust mehr und der
Rücken tat ihnen weh. Noch zwei Tage machte Max diese
Arbeit mit, aber am vierten Tag hatte er genug. Er hatte ein
schlechtes Gewissen gegenüber Gretels Vater und bat seine
Mutter mit ihm zu Herrn Mähler zu gehen und zu sagen,
dass er genug von dieser Arbeit hätte. Der Herr Mähler
schaute auf Max hinunter und sagte zur seiner Mutter: „Da
war es für den Max jetzt doch zu viel.” Er gab ihm seine
vier Mark. Es war in seinem Leben sein erstes, wenn auch
schwer verdientes Geld. Max hatte jetzt auch für immer
vom Kartoffellesen genug.
Schon seit ein paar Monaten wurde Max von seinen Eltern
darauf aufmerksam gemacht, dass er nun bald schulreif sei
und man ihn für das kommenden Jahr zum Schulbesuch
anmelden könnte. Seine Eltern sagten: „Die nächste Woche
am Donnerstag gehen wir mit dir in die Schule und melden
dich für das im April beginnende neue Schuljahr an.”
Der Donnerstag kam und Max ging mit seiner Mutter in
das nahe gelegene Schulgebäude. Zu dem Anmeldungstermin
waren viele Kinder im gleichen Alter von Max mit
ihren Müttern oder ihren Vätern gekommen.
Endlich war es für Max und seiner Mutter soweit, dass sie
vor dem Schuldirektor Haug standen. Herr Haug saß hinter
dem Tisch und neben ihm eine Frau, die in ein Buch Name,
Geburtstag und die Wohnadresse von jedem Kind hinein
schrieb. Auch Max wurde so mit seiner Mutter befragt und
eingetragen. Herr Haug hatte einen Zwicker anstelle einer
Brille auf der Nase, was einen strengen Eindruck in Max
auslöste und wovon er eine sonderbare Erfurcht bekam.
Herr Haug gab seiner Mutter die Hand und sagt zu Max:
„So, du bist also der Max Wolf, eigentlich kenne ich dich ja
schon, wir sind ja Nachbarn. Du wohnst ja in unmittelbarer
Nähe unserer Schule.” Max antwortete schüchtern: „Ich
kenne Sie auch, Herr Lehrer und jetzt muss ich bald in ihre
Schule gehen.” „Na ja, so schlimm wird es wohl nicht
werden”, sagte der Lehrer Haug zu Max.
Nach den Eint ragungen und er folgter Aufnahme
verabschiedeten sich beide vom Lehrer Haug.
Max war nun angehender ABC Schütze, worauf er sehr
stolz war.
Aber war er wirklich nur stolz? Im Stillen dachte er in
seiner kindlichen Gedankenwelt: „Warum muss ich denn
schon zur Schule? Ich bin ja doch noch so klein!”
Der Herbst verging, es wurde Winter und bald feierte man
wieder Weihnachten. Zur Bescherung am Heilig Abend
bekam Max nur zwe i we i t e r e Wagen für s e ine
Dampfeisenbahn. Das übrige war ein Schulranzen mit einer
Schiefertafel, einem Schreibgriffel und einem Schwamm. Da
er ja nicht mehr so recht an den Weihnachtsmann glaubte,
sondern nur an den Knecht Ruprecht, der der Gehilfe des
Weihnachtsmanns war, fragte er seinen Vater: „Wer hat mir
den schönen Ranzen geschenkt, ist der von euch?” „Nein”,
sagte sein Papa, „den haben dir deine Großeltern und deine
Onkel aus Stut tgar t geschenkt”. Max war auf den
Schulranzen ganz stolz, weil er von seinen Großeltern und
seinen zwei Onkeln kam. Der Ranzen war aus richtigem
Ziegenleder, er war für Max sein erster wichtigste
Gegenstand, den er bald in Zukunft jeden Tag gebrauchen
würde. Er verstand nun, dass für ihn der Schulalltag bald
zu einem großen Teil seines Lebens gehören sollte. Seine
ersten Zähne hatte er auch schon verloren und zwischen
den Zahnlücken wuchsen die Zweiten bereits nach.
Jeder sagte: „Der Max ist jetzt wirklich reif für die Schule.”
In der Zeit zwischen der Schulanmeldung und Ostern
ereigneten sich vor allem zwei Begebenheiten, die für ihn so
beeindruckend waren, dass er in seinem späteren Leben oft
daran zurück denken sollte:
In den Werkstätten, von welchen sein Vater der Leiter war,
wurden große Steinbrocken zu Grabsteinen und Denkmalen
verarbeitet. Dafür kamen in Abständen von drei
Monaten zwei Pferdegespanne mit je vier Pferden aus
Rochlitz. Die Pferdegespanne zogen je einen großen
Tafelwagen, der mit schweren Steinen beladen war.
Begleitet wurden die Pferde und Wagen von drei bis vier
großen und kräftigen Männern.
Von Rochlitz bis nach Burgstädt war diese Fahrkolonne
zwei Tage unterwegs. Es war für Max ein großes Ereignis,
wenn so eine Fuhre eintraf.
Die Wagen und die Pferde nahmen den ganzen Hof ein.
Alle waren sehr beschäftigt und es gab viel zu erzählen,
was die Männer unterwegs erlebt hatten.
Die Pferde wurden ausgespannt, bekamen zu trinken und
zu fressen und wurden dann in den Pferdestall hinein
geführt.
Mit einen Handkran luden die Männer die Steine ab.
Diese t ranspor t ier te man dann unter erhebl ichem
Kraftaufwand zum weiteren Bearbeiten an die vorgesehenen
Plätze. Wenn diese Arbeiten erledigt und die
Pferde versorgt waren, gab es noch ein ordentliches
Abendbrot und alle gingen schlafen.
Am Morgen lud man dann die fertig gestellten Grabsteine
und Steinfiguren zum Transport nach Rochlitz auf. Nach
der Verabschiedung fuhr dann gegen Mittag die Kolonne
nach Rochlitz zurück. Max wusste nicht, dass die Kolonne
in dieser Art das letzte mal gekommen war.
Eine Woche vor dem Osterfest kam ein großer moderner
Lastwagen mit einem Motor ratternd den Berg hinauf. Der
Lastwagen war voll beladen mit Steinen und fuhr bis in den
Hof hinein. Das Fahrzeug hielt und es stiegen aus dem
Führerhaus vier Männer. Max sah verwundert auf dieses
große, nicht mit Pferden bespannte Gefährt. „Warum
kommen denn diese Männer jetzt mit einem Lastauto?”
fragte Max seinen Vater.
Er bekam zur Antwort: „Mit dem Auto geht es schneller
und es soll auch billiger sein.”
Aber sein Hund verkroch sich. Er konnte das unangenehme
Geräusch von dem Motor und den Gestank, den dieser
verursachte, nicht ertragen.
Die zweite Geschichte ereignete sich kurz vor Ostern. Max
wa r im Hof und s aß mi t s e inem Hund auf dem
abgedeckten Brunnenrand. Er sah, wie vier Männer in
blauen Anzügen den Berg zum Grundstück heraufkamen,
sie hatten einen großenHandwagen, beladenmitWerkzeug,
Draht und anderem Material bei sich. Der Hund bellte und
Max rief seinen Vater.
Dieser kam aus der Werkstatt und sagt nur: „Ach, da
kommen sie ja”. „Wer kommt da?” Max bekam zur
Antwort: „Nun, die Elektriker, die die Antenne zum
Empfang für unser Radio bauen sollen.” Max hörte zum
ersten Mal das Wort Radio, er konnte sich verständlicherweise
nichts darunter vorstellen bis zu diesem
Zeitpunkt.
Die Männer begannen mit ihrer Arbeit. Zuerst befestigten
sie auf dem Stallgebäude und auf dem Wohnhaus einen
kleinen Mast und spannten einen Draht über den Hof bis
zum Wohnhaus. In der Mitte des langen Drahtes wurde ein
weiterer Draht angeschlossen, der zu einem der Wohnzimmerfenster
führte. Am Fenster brachte einer der
Arbeiter ein Gerät an und klemmte dann das Ende des
Drahtes daran an. Von Max wurden die Arbei ten
interessiert verfolgt. Den Mann, welcher das Gerät anbaute
und den Draht anschloss, fragte er: „Was ist denn das für
ein Gerät und zu was braucht man so etwas?” „Das ist ein
Erdungsschalter, dieser wird bei einem Gewitter umgeschaltet,
damit beim Einschlagen eines Blitzes dieser in die
Erde geleitet werden kann.” bekam er zur Antwort. Aber
mit dieser Auskunft konnte er auch nicht viel anfangen.
Dazu noch weitere Fragen zu stellen, traute er sich nicht.
Am Hofbrunnen wurde ein großes Loch gegraben und eine
Eisenplatte darin versenkt, daran ein weiterer Draht
ange s chlos s en, we l che r in de r Erde bi s zu den
Erdungsschalter am Wohnzimmerfenster verlegt wurde.
Nachdem außen die Arbeiten fertig gestellt waren, ging es
im Wohnzimmer weiter, wo sie auch dort eine Leitung
verlegten.
Für Max war der ganze Tag sehr ereignisreich. Er konnte ja
in seinem Alter das Geschehene noch nicht begreifen. Aber
zu seinem Vater sagte er ganz selbstbewusst: „Wenn ich
einmal groß bin, lerne ich auch so etwas Interessantes.”
Am gleichen Abend, es war schon dunkel, kam der Meister
von den Arbeitern, welche die Antennenanlage installiert
hatten.
Er brachte einen kleinen Kasten und drei doppelte
Ohrmuscheln mit. Der Kasten wurde auf einen kleinen,
runden Tisch gestellt und der Mann sagte: „So, das ist der
Detektorempfänger und dazu gehören die Kopfhörer.”
„Herr Strobel” nannte sein Papa und seine Mutter diesen
Mann; der Herrn Strobel und sein Papa setzten jeder einen
dieser Ohrmuscheln auf und es wurde ein kleiner Knopf
bedient. Nach einer Weile rief der Herr Strobel: „Jetzt hören
wir Musik!”
Aber Max und seine Mutter hörten nichts. Dann bekamen
auch Max und seine Mutter solche Kopfhörer aufgesetzt.
Sie hörten Musik, zwar etwas blechern, aber eindeutig
Musik. Natürlich wollte Max wissen, wo sie herkam, wie
sie in dieses Radio hineingelangte. Herr Strobel sagte: „Aus
Leipzig.”


Da Max schon mit seinen Eltern bei Tante Frieda in Leipzig
auf Besuch gewesen war, wusste er, dass diese Stadt von
Burgstädt weit entfernt lag. Wie sollte bitte von da Musik
kommen?
Er wollte auch nicht weiter fragen. Eines Tages würde er
begreifen, wie so etwas zustande kommt.
Das Osterfest kam. Es war ein verregnetes Fest, im Garten
Ostereier suchen fiel in diesem Jahr aus. Überhaupt war es
mit den Osterhasen so wie mit dem Weihnachtsmann. Für
ihn gab es auch keinen Osterhasen mehr, diesem Märchen
war er entwachsen. Wie sollte er auch glauben, dass ein
Osterhase Eier legen konnte, dazu waren ja die Hühner da.
An Feiertagen, wie auch zum Osterfest, gab es zum
Abendbrot immer etwas Besonderes.
Diesmal war es ein Käse, von dem der Papa sagte, es sei ein
Schweizer Käse. Max wusste zwar nicht wo die Schweiz
war, aber er schmeckte ihm.
Doch wunderte er sich darüber, wie die Löcher in die
Käsescheiben kommen. Neugierig wie immer fragte er
seinen Papa danach. Der erklärte ihm mit ernstem Gesicht:
„Da gibt es speziell ältere Frauen mit Kopftüchern auf dem
Kopf , die haben lange spitze Zähne und damit der Käse
richtig Luft bekommt, beissen die mit den Zähnen die
Löcher hinein.” Max schaute ganz erschreckt und schüttelte
sich.
Es verging Max für die Zukunft, nochmal solchen
Schweizer Käse zu essen.

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