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Belletristik
Buch Leseprobe Marie, Engel der Grenze, Werner Friedl
Werner Friedl

Marie, Engel der Grenze



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(14. Kapitel)

Ich erwachte mitten in der Nacht, mit wildem Herzklopfen wie gewöhnlich. Meine Schläfen hämmerten, ich spürte, wie mein Blut mit derber Gewalt Schlag um Schlag durch meinen Körper getrieben wurde. Jede Nacht dasselbe. Mein Atem ging heftig und mein Herz peitschte in seiner allnächtlichen unmenschlichen Maßlosigkeit auf mich ein. Aus den Augenwinkeln liefen mir die Tränen, ich lag verkrampft auf der Seite, schwitzend, schmerzhaft zusammen­ge­krümmt. Ich konnte mich an keinen Traum erinnern. Bettina war längst wieder in ihr Zimmer zurückgegangen. Was hatte mich geweckt? Ich drehte mich auf den Rücken. Kein Lichtschein war zu sehen, und ich hörte keine Geräusche außer denen, die mein Pulsschlag verursachte. Eine unruhige, flackernde Dunkelheit umgab mich. Ich war hellwach. Nachtgedanken fielen mich an. Frauen. Männer. Warum sind wir Menschen zweigeteilt? Und warum haben die einen es so schwer mit den anderen?

Als ich etwa zehn Jahre alt war, lag ich eines Nachts wach in meinem Bett, wie jetzt. Und mir wurde mit einem Mal, so erinnerte ich mich, bewusst, dass ich einen Körper besaß. Und eine Persönlichkeit. Ich hatte meine Entdeckung damals sicher nicht Persönlichkeit genannt, auch nicht Ich oder dergleichen, aber ich hatte das deutliche Empfinden, dass ich und mein Körper nicht dasselbe waren. Ich war nicht mein Körper, ich hatte einen Körper. Und gleichzeitig mit dieser Erkenntnis hatte mich eine abgrundtiefe Verzweiflung befallen, da ich erkannte, dass ich mein ganzes Leben, mein ganzes unendlich langes Leben, mit diesem Körper verbringen müsste. Schlimmer: in diesem Körper. Wie in einem Gefängnis wäre ich darin eingesperrt, immerzu müsste ich aus diesen meinen Augen, die zu diesem meinem Kopf gehörten, der auf diesem meinem Körper saß, hinaus auf die Welt schauen. Niemals würde ich die Gelegenheit bekommen, einen anderen Platz in der Welt einzunehmen. Den eines anderen Menschen, zum Beispiel den einer Frau.

Diese Entdeckung war ein Unglück von ungeheuerem Ausmaß: auf ewig war ich eingeschlossen in diesen Körper. Wie eine lebenslang über mich verhängte Kerkerhaft empfand ich in jener Nacht mein Dasein, in schweren Ketten an die Mauer eines unterirdischen Verlieses geschmie­det, ohne Aussicht, jemals wieder etwas anderes als die mir hautnahen nackten vier Wände zu schauen.

Trostlos und verlassen hatte ich mich gefühlt. Jetzt, ein Leben später, war dieses Gefühl zurückgekommen. Dieselbe hoffnungslose Einsam­keit wie in jenen späten Tagen meiner Kindheit überwältigte mich, wenn ich zu erfassen suchte, wie weit ich sowohl von Bettina als auch von Marie entfernt war. Und von allen anderen Frauen. Allen Menschen. Und dass ich niemals in der Lage wäre, diese unendliche Entfernung zwischen ihnen und mir zu überwinden. Warum verstand mich Bettina nicht? Warum würde ich Marie niemals erreichen?

Die Trennung von allen anderen Menschen auf der Welt trat mir als etwas absolut Unabänderliches ins Bewusstsein. Wie ein abge­schlagenes Glied fühlte ich mich, und nur Resignation und Entsagung blieben mir als die einzig möglichen und endgültigen Folgen meiner Verzweiflung.

Zwei Jahre noch, dann wäre ich fünfzig. Ich sah für mich keine Möglichkeit mehr, mich neu ins Leben zu stürzen, neue Wege zu gehen. Ich betrat ein unbekanntes Land. Nein, es kam zu mir, kam über mich. Und ich war derselbe an die Wand gekettete Gefangene, der ich unerkannt die ganze Zeit über gewesen war. Das war, spürte ich, nicht diese abstrakte Vorstellung vom Altwerden, die man gelegentlich als junger Mensch hegt, wie träumerische, vielleicht bange Gedanken an einen weit entfernten exotisches Erdteil. Man weiß sein Leben lang, dass man alt werden wird. Nein, die Angst griff unmittelbar nach mir, packte mich an den Schultern und schüttelte mich mit barbarischer Gewalt. Jetzt, in der flatterigen schweiß- und tränengebadeten Schwärze dieser Stehdener Nacht würgte mich der Alptraum vom Alter. Und ich wusste, dass mir nur eine kurze Zeitspanne bliebe, während der ich mich in einem Niemandsland zwischen jung und alt befände. Ich erkannte, dass ich jetzt, genau in diesem Lebensaugen­blick, in gerade diesen Tagen und Wochen im Begriff war, den fremden kalten dunklen Landstrich des Alterns zu betreten.

Ich setzte mich in meinem Bett auf, zu Tode erschöpft. Alles um mich herum war nass, fiebrig, heiß und kalt zugleich, schwarz und schwer dröhnte mir das Herz. Ich versuchte, mich in meinen Gedanken zurechtzufinden. Ich stand an einer Grenze. Das Gespenstische an ihr war, dass sie sich nur deutlich zu erkennen gab, wenn ich sie aus der Entfernung wahrzunehmen versuchte. Je weiter weg mein Stand­punkt lag, desto klarer erschien mir der Unterschied zwischen hüben und drüben.

Jung, das war der Zustand auf der einen Seite, alt der auf der anderen. Soweit war alles klar und leicht zu verstehen. Sobald ich aber versuchte, mich der Grenze nicht nur in Form einer hypothetischen Annahme, sondern bewusst und wesenhaft zu nähern, sie auf irgendeine sinnliche Weise oder auch nur in Form konkreter Über­legungen zu erspüren, fing sie an, sich meinem Zugriff zu entziehen. Sie löste sich in dem Maße, in dem ich mich ihr annäherte, auf. Wo war sie denn, diese Grenze: vor mir oder hinter mir? Oder stand ich mitten auf ihr, so dass ich sie überhaupt nicht erkennen konnte? Zu widersprüchlich waren die Signale, die mir mein tägliches Leben meldete.

Doch, dachte ich bitter, ich war schon mittendrin in dem fremden Land, und die Tür war längst hinter mir zugefallen. Dass ich jung gewesen war, das war doch schon so lange vorbei. Und das war nicht nur so ein Gefühl. Ich hatte mit einem Mal eine klare Anschauung von diesem Niemandsland. Es war, als ob ich auf eine sorgfältig gemalte Landkarte blickte, oder von einem hohen Aussichtsturm herab auf eine tief unter mir hingebreitete Gegend. Da lag ein schmaler Streifen ver­trockneten Landes jenseits eines Grabens oder einer Grenze, die ich soeben überquert hatte, in einem blässlichen, gelben Spätsommerlicht.

Ich kannte dieses Licht. Dieses milde Gelb war der Farbton einer unendlichen und nie zu stillenden Sehnsucht gewesen. Das erste Mal hatte ich diesen blassgoldenen Schimmer in meiner zu Ende gehenden Kindheitszeit wahrgenommen. Es musste in jenen Tagen gewesen sein, in denen mir mein körperliches Verlies zu Bewusstsein gekommen war. Eine Zeit lang, erinnerte ich mich, war immer wieder ein bestimmtes Haus in der Nähe unserer Wohnung vor meinem inneren Auge aufgetaucht. Es war ein einsam übrig gebliebenes Eckhaus im Stil der Jahrhundertwende, ohne Nachbarhäuser, mit einem kleinen von einem hohen schmiedeeisernen Zaun umgebenen Vorgarten. Ein Haus, wie es in meinem Viertel nach dem Krieg nicht mehr viele gab. Zwischen den Ruinen und den Schutthalden, den ersten Spielplätzen meiner Kindheit, standen sie vereinzelt noch, mit den Malen des Krieges. Wann immer mir dieses Haus in den Sinn kam, war es in jenes stille Gelb getaucht, das in meinem Herzen bald ein schmerzlich ziehendes Sehnen hervorrief, welches sich von Mal zu Mal verstärkte und das mit dem drängenden Verlangen verbunden war, das Haus wiedersehen zu müssen. Und das sanfte gelbe Leuchten, in das jenes Haus gehüllt war, wurde jedes Mal, da es mir in den Sinn kam, goldener und schwermütiger. Obwohl ich glaubte, genau zu wissen, wo in meinem Viertel es sich befand, nicht weiter als drei- oder vierhundert Meter von meinem Elternhaus entfernt, vielleicht nur um eine oder zwei Ecken, fand ich dieses Haus in der wirklichen Welt nie wieder.

Dasselbe trügerisch milde gelbe Licht lag jetzt über dem Niemands­land. Es strahlte seinen lautlosen fragwürdigen Frieden auf mich aus, und viel deutlicher als in den Kindertagen spürte ich, dass es ein jenseitiges Licht war, ein Leuchten aus einer Region, die ich hinter mir gelassen hatte. Der Schein war derjenige der Vergangenheit, aber er beleuchtete fahl die vor mir liegende Etappe. Dieses müde Licht hatte nichts mit der Sonne zu tun, die hier im Norden das ganze Jahr über viel tiefer, schräger am Himmel stand als in Bayern, nichts mit den späten Nachmittagsstunden oder der herbstlichen Jahreszeit. Ich war wieder im Begriff eine Grenze zu übertreten, an die mein Lebensweg mich geführt hatte, und die ich - wie alle Grenzen auf diesem Weg - nur in eine Richtung überqueren konnte.

Aber hatte ich in den Jahrzehnten, die hinter mir lagen, nicht viele Grenzen überschritten? Hatte ich das Ende der Schulzeit, des Studiums, den Beginn des Lebens mit Bettina, die Geburt unserer Kinder nicht immer als ein Betreten neuer Ufer empfunden?

Plötzlich fiel mir Pippi Langstrumpf ein, das Buch, das Elisabeth gerade wieder aus der Kinderbüchertruhe hervorgeholt hatte. Ich hatte ihr früher oft abends daraus vorgelesen. Pippi weigert sich trotzig und erfolgreich älter zu werden, sie will für immer zehn Jahre alt bleiben. Das Überschreiten der Grenze ins Erwachsenenleben ist kein Schritt, den ein Kind freiwillig unternimmt. Und das war der Unterschied zu den anderen Grenzen: Studium, Berufsleben, Familie, das waren neue Länder, unerforschte Kontinente gewesen, die ich voller Neugier, Freude und Hoffnung betreten hatte. Der Übertritt über die Grenze aus dem Kinderland in das der Jugend aber war mit Gewalt geschehen. Den Zehnjährigen hatte es zurück in die Kindheit gezogen, auf die abendlichtüberfluteten Ruinenspielplätze, auf denen er zuhause war. Jäh fand er sich jenseits, die Schranken hatten sich hinter ihm geschlossen, und von der anderen, jetzt für immer unerreichbaren Seite, schien mild und weh das gelbe Licht herüber.

Ich rechnete nach. Siebenunddreißig Jahre und viele froh über­schrittene Grenzen lagen zwischen dem Licht meiner Kindheit und jetzt.

Und jetzt?



*



Ich sah, dass ich - wie damals - nie mehr zurückkehren könnte. Wie einst Michael an der Grenze zum Paradies stand Marie mit flammendem Schwert bereit, das hinter mir liegende Tor für immer vor mir zu sichern. Für mich gab es nur den einen Weg nach vorne: hinein in dieses schmale Zwischenland, dessen jenseitiges Ende ich schon von hier aus sehen konnte, von meinem Turm zur Aussichts­losigkeit. Soweit reichte der matte Glanz. Und dahinter, hinter diesem gelben Herbstlicht, lag das Alter als endlose winterliche Ebene. Dort war das Licht nicht mehr gelb und warm und sehnsüchtig, sondern unter einer schneeträchtigen tiefhängenden Wolkendecke bleigrau und düster. Und ganz am Ende der Vision, wohin mein Blick gerade noch reichte: die ewige Nacht. Beim Betreten dieses Niemandslandstreifens wusste ich, dass ich ihn sehr bald wieder verlassen müsste. Es gäbe in diesem dürren Stück Land, in das ich jetzt hineingestoßen wurde, für mich keine Aufenthaltserlaubnis, nur Transit.

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