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Belletristik
Buch Leseprobe Manisch Depressiv, Jürgen Wirth
Jürgen Wirth

Manisch Depressiv


Ein Mann sieht rot

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Seite 94


Kapitel 10


  


Bei mir war, was meine Erziehung anging, doch so einiges schief­gelaufen. Ich wurde im August 1955 im Schwarzwald als zweites von sechs Kindern geboren, von einfachen Eltern, Vater Hilfsar­beiter und Mutter Verkäuferin, und bin in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Nicht, dass ich mich über die Einfachheit beschwe­ren möchte, nein, es war die mir gegenüber gelebte übermäßige Strenge und besonders die Lieblosigkeit meiner Eltern. Ich konnte machen, was ich wollte, ich wurde nie gelobt, wohl aber sofort bestraft, wenn ich den Anforderungen nicht entsprach, und da ich unter sechs Kindern der einzige Bub war, diente ich als Prellbock für den Jähzorn des Vaters. So pflegte mein Vater sein Auto mehr als seine Kinder. Wichtig für ihn war immer, dass das Auto blitzte, denn da konnten die Nachbarn seine Ordnung und Pflege bewun­dern. Nach außen nur nicht negativ auffallen, immer heile Welt vorspielen. Die Wohnung musste immer wie geschleckt sein, und das mit sechs Kindern, das war kaum möglich und gab ihm ständig Nahrung, um sich über irgendetwas aufzuregen. Meine Eltern hat­ten außer bei ihrer Arbeit kaum Kontakt zur Außenwelt, keine Freunde, selten einmal Besuch von Bekannten oder Verwandten, und auch uns Kindern war es untersagt, Freunde mit nach Hause zu bringen, waren wir doch selbst schon eine halbe Fußballmann­schaft.


Als ich noch klein war, gaben mich meine Eltern aus Platzgrün­den temporär zu anderen Leuten. So war ich zeitweise bei Bekann­ten und einmal weit weg von zuhause bei meiner Tante und mei­nem Onkel, wobei ich dazu sagen kann, dass ich in meinen Exilen mehr Zuneigung erfahren habe als zuhause, einem Zuhause, das für mich mehr und mehr zu meinem notwendigen Übel wurde.


Außer dass ich der einzige Bub unter uns sechs Kindern war, hatte ich noch ein weiteres Handicap. Dieses Handicap hatte einen Namen, und zwar Gudrun. Gudrun war meine drei Jahre ältere Schwester und war äußerst brillant in der Schule, was für mich erst mal kein Problem darstellte, wohl aber für meinen Vater, denn Gudrun war aus der ersten Ehe meiner Mutter und somit nicht aus seinem Intellekt entsprungen. Ich meine, meine Noten waren ei­gentlich so schlecht auch nicht, aber im Vergleich zu meiner großen Schwester, die mit einem Notendurchschnitt von eins Komma eins aufwarten konnte - sie hatte nur in Sport versagt, da hatte sie eine Zwei -, war mein Schnitt von drei einfach lächerlich. Im Laufe der Jahre aber sollte mein Vater noch lernen, was schlechte Zeugnisse waren, denn meine weiteren Geschwister waren in der Regel Lieb­haber höherer Zahlen; ich aber hatte lange Jahre das Problem, dass meine Gudrun die Messlatte vorgab. Sein einziger Sohn war also ein Versager und auch sonst eher eine Duckmaus, kein Kämpfer, so wie er sich seinen Sohn vorstellte, was ihn nur zu noch drakoni­scheren Strafen anstachelte. Er selbst, viertes Kind von elf, war es gewohnt, für Vergehen bestraft zu werden, da herrschte noch Zucht und Ordnung, und von diesem erlebten Szenario wollte er nicht abweichen, hatte es doch schon in seiner Erziehung funktio­niert. Was meine Hausaufgaben anging, so konnte ich zuhause auf keine Unterstützung hoffen, wohl auch waren meine Eltern da etwas überfordert und vertraten zudem die Meinung, dass das die Aufgabe der Lehrer sei, wozu denn sonst zahlte man seine Steuern, und auch meine Gudrun fühlte sich nicht berufen, ihrem schwä­chelnden Bruder hilfreich unter die Arme zu greifen, so war ich mit meinen schulischen Leistungen auf mich und die Lehrer reduziert.


Für meinen Vater muss es schon enttäuschend gewesen sein, dass das Kind aus erster Ehe um so viel besser war als sein Sohn.


Oft fragte ich mich, wofür wir eigentlich einen Vater hatten, wo­für war er eigentlich gut für uns? Wie konnte unsere Mutter mit diesem Tyrannen leben, diesem unmenschlichen Untier, das für uns nichts anderes war als ein Bestrafungsorgan? Warum hatte ihn im Krieg keine Granate in Stücke zerrissen, warum aber mussten da­gegen so viele wertvolle Männer ihr Leben auf dem Feld lassen? Gab es denn keinen Gott? Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Eltern je vor uns Kindern Zärtlichkeiten ausgetauscht hät­ten, nicht einmal einen Kuss, eine Umarmung, eine suchende Hand. War diese Generation so, oder wurde das nur in unserer Familie so gelebt?


Das Beste, was mir mit meinem Vater je vorgekommen ist, war, als er mich mit dem Teppichklopfer verprügelte und danach - er war nach seinen hysterischen Prügeleien immer sehr erledigt -, total erschöpft in die Küche ging und sich auf der Herdplatte, die erst kurz zuvor abgeschaltet worden war, abstützte. Ich denke, das war der erste Fall von Gammelfleisch. Die gesamte Handfläche klebte auf der Platte und ich genoss eine unbeschreibliche Genugtuung, von der ich noch lange zehren konnte. Vielleicht gab es ja doch einen Gott, nur war er viel zu selten Gast bei uns.


 


Seite 117


Kapitel 13


 


Mein bester Freund in dieser Zeit hieß Tim. Von Anfang an war sein Einfluss auf mich sehr nachhaltig, sogar in Bezug auf ganz belanglose Dinge. Wenn Tim seine Haare lang trug, ließ ich meine ebenfalls wachsen. Wenn Tim mit einer grünen Jeans auf den Spielplatz kam, bat ich auch um grüne Jeans, wenn meine Mutter mir das nächste Mal eine Hose kaufte.


Wenn Tim ein Exemplar von Oliver Twist mit in die Schule brachte, begann ich noch am selben Abend zuhause Oliver Twist zu lesen. Ich war nicht der Einzige, der sich so benahm, aber ich war der wahrscheinlich Dankbarste, der am willigsten dem Einfluss nachgab, den er auf uns hatte. Tim selbst war sich dieser Macht nicht bewusst, und das war zweifellos der Grund dafür, dass er sie behielt. Die Aufmerksamkeit, die ihm geschenkt wurde, war für ihn belanglos. Er ging gelassen seiner Wege und nutzte seinen Einfluss nie aus. Er beteiligte sich nicht an unseren Späßen, die wir mit an­deren trieben, er fiel nie unangenehm auf, er bekam kein Theater mit den Lehrern. Aber niemand von uns warf ihm das vor. Tim stand abseits, und doch war er es, der uns zusammenschweißte, zu dem wir gehen konnten, damit er unsere Streitereien schlichtete, von dem wir erwarten konnten, dass er fair war und unseren nichti­gen Streitigkeiten ein Ende setzte. Er hatte etwas so Magisches, dass man ihn immer an der Seite haben wollte, so als könnte man innerhalb seiner Anziehung leben und von dem berührt werden, was er war. Er war für einen da, und zugleich war er so fern, so unerreichbar. Man fühlte, dass es eine mysteriöse Mitte in ihm gab, in die man nie eindringen konnte, ein geheimes Zentrum im Ver­borgenen. Ihn nachahmen hieß irgendwie an diesem Geheimnis teilhaben, aber es hieß auch einsehen, dass man ihn nie wirklich kennen konnte.


Irgendwie war er uns allen überlegen in seiner natürlichen Selbst­zufriedenheit. Ich will damit nicht sagen, dass er schneller heran­reifte, er sah nie älter aus, als er war. Er war einfach schon er selbst, bevor er heranreifte. Aus dem einen oder anderen Grunde war er nicht den gleichen Gesetzmäßigkeiten unterworfen wie wir ande­ren, und so war er für uns alle eine Art Salomon, der immer zur rechten Zeit am rechten Ort war, um uns zu zeigen, wie es ging, ohne Arroganz und Aufdringlichkeit, und so leise er auf der Szene erschien, so verließ er diese auch wieder.


Eines Nachmittags waren wir zu einer Party eingeladen und auf dem Weg dorthin wollten wir noch Malte, der auch bei uns in der Klasse war, abholen. Wir, das waren Tim, mein bester Freund und ich, wir gingen also zu Malte, um ihn abzuholen. Malte hatte ein noch jämmerlicheres Leben als ich: eine verwahrloste Mutter, einen trinkenden Vater und zahllose Geschwister. Ich war mehrmals in seinem Haus gewesen - einem riesigen, dunklen, heruntergekom­menen Gebäude - und ich erinnere mich, dass ich Angst vor seiner Mutter hatte und sie mich an eine Hexe aus dem Märchen denken ließ. Sie schloss sich den ganzen Tag in ihrem Zimmer ein, und wenn sie mal herauskam, dann immer im Bademantel, ihr Gesicht war voller Falten, und ab und zu rief sie nach den Kindern, um ihnen irgendwelche Aufträge zu erteilen. Am Tag der Party waren Tim und ich mit Geschenken für das Geburtstagskind ausgestattet worden, die in buntem Papier verpackt und mit Schleifen verziert waren. Malte hatte jedoch nichts, und er litt darunter. Ich erinnere mich, dass ich ihn mit leerem Gequatsche zu trösten versuchte: Es sei doch egal, niemanden interessiert es wirklich, ob du etwas dabei hast oder nicht, in dem ganzen Durcheinander wird es nicht be­merkt werden. Aber es machte Malte etwas aus, und das war es, was Tim sofort verstand. Ohne eine Erklärung wandte er sich Malte zu und gab ihm sein Geschenk. „Hier", sagte er „nimm das, ich werde sagen, ich hätte meines vergessen." Zuerst dachte ich, Malte würde ihm diesen Akt übel nehmen, würde sich durch Tims Mitleid gedemütigt fühlen. Aber nichts dergleichen. Er zögerte einen Augenblick, versuchte, diese abrupte Änderung zu erfassen, und nickte dann, wie um die Weisheit dessen anzuerkennen, was Tim getan hatte. Es war nicht so sehr ein Akt der Warmherzigkeit als vielmehr ein Akt der puren Gerechtigkeit, und nur aus diesem Grunde konnte Malte ihn annehmen, ohne sich denunziert zu füh­len.


 


 


Kapitel 17


Seite 142


  


Ab heute hat man das Antidepressivum, nachdem man es ausge­schlichen hatte, komplett abgesetzt. Ich war ja dagegen, da ich die Vorgehensweise für viel zu rasant hielt. Mein Arzt hätte ausgehend von einer Dosis von sechshundert Milligramm sechs Wochen ver­streichen lassen, hier musste es in zwölf Tagen gehen. Unterlag das den Sparmaßnahmen oder fehlte den Verantwortlichen hier die fachliche Kompetenz? Ich wusste es nicht, Fakt war, dass ich jetzt dafür Kopfschmerzen hatte und mir schwindlig war. Das aber inte­ressierte hier niemanden wirklich, konnten diese Symptome auch woanders herrühren. Gegen die Ärzte hier konnte man nur über den Anwalt etwas erreichen, aber bis da etwas in die Gänge kom­men könnte, hätte ich sicher auch schon längst keine Kopfschmer­zen mehr oder wäre daran verrückt geworden.


 


Die Fähigkeit vorauszudenken kam mir Tag für Tag mehr ab­handen, und so sehr ich mich auch bemühte, mir die Zukunft vor­zustellen, ich konnte sie nicht sehen, ich konnte überhaupt nichts mehr sehen. Die einzige Zukunft, die mir noch blieb, war die Ge­genwart, in der ich lebte, und die Mühe, die es kostete, mich in dieser Gegenwart zu halten, eine Gegenwart, die alles, was davor lag, verblassen ließ und das, was noch kommen sollte, in unerreich­bare Ferne rückte.


Dieses Ausgeliefertsein gegenüber der ärztlichen Seite war schon äußerst schlimm. So hatte ich noch Glück, denn ich bekam nur die Tabletten, die ich schon seit elf Jahren nahm, Tabletten zur Stabili­sierung der manisch-depressiven Stimmungsschwankungen, und wenn die Depression zu stark wurde, dann musste eben noch ein Antidepressivum her und schon war die Welt wieder farbiger, war die Kälte aus meinem Körper gewichen und die Antriebslosigkeit wich einer munteren Betriebsamkeit, die ich so sehr schätzte.


Die wohl herrlichste innere Wahrnehmung hatte ich in meinen Manien; da ereilte mich ein unbegreifliches Gefühl von Glück und Wohlbehagen. Endlich konnte ich mich und meine Umwelt wieder lieben. Alles um mich herum war plötzlich fantastisch: die Blumen, die Vögel, die Kräne an der Baustelle, die hupenden Autos, welche an mir vorbeifuhren, einfach alles ohne Ausnahme. Probleme gab es nicht, das waren Attribute für Looser, ich packte die Unwägbar­keiten am Schopf und war auch durchaus in der Lage, jedes Prob­lem, das sich mir in den Weg stellte, zu lösen. Die Arbeit ging mir so leicht von der Hand, dass ich dann ein halbes Jahr später nicht glauben konnte, dass ich das je selbst vollbracht hatte. Ich fühlte mich wie gestärkt, wie jemand, der im Begriff war, eine neue Wis­senschaft zu entdecken. Ich freute mich über jeden und alles, am meisten aber war ich froh, dass ich froh sein konnte, denn ich wusste zu genau, dass dieser Zustand maximal drei bis vier Monate anhalten würde, um mich dann wieder langsam, schleichend mit dem Lebensgefühl der Depression vertraut zu machen. So ging es bei mir nun schon etwa zwanzig Jahre, vielleicht länger, ich hatte es nur nicht realisiert.


Aber das war eben meine medizinische Schwäche und mit der musste ich leben.


Im Prinzip hatte ich es schon im Griff, wenn sich aber zu einer Depression auch noch Arbeitslosigkeit und die daraus resultierende Zahlungsunfähigkeit gesellten, dann war auch das beste Antide­pressivum machtlos. So hatte ich es fertig gebracht, während einer arbeitslosen Phase, und das drei lange Monate hindurch, nichts anderes zu tun als zu lesen, nur lesen und fernsehen, sonst absolut nichts. Wie jämmerlich ich mir in einer solchen Phase vorkam, wie unbrauchbar, wie hilflos und lieblos. Das Selbstmitleid marterte mich jeden Tag bis zum Einschlafen und nachts quälten mich Alb­träume, aus denen ich oftmals total verschwitzt aufwachte. Auch diese Zeit ging vorbei und ich konnte das Leben wieder pulsieren spüren, und nach und nach marschierte ich wieder der nächsten Manie entgegen. Ein kompletter Zyklus dauerte in der Regel etwa ein Jahr, manchmal mehr, manchmal auch weniger, es war wie der Wechsel der Jahreszeiten und so war meine depressive Phase in der Regel auch meist in der lichtschwachen Winterzeit, die ich jedes Jahr mehr hasste. Am liebsten wäre ich im Winter auf die südliche Halbkugel geflogen in der Hoffnung, dort den dunklen Zeiten mei­ner Seele zu entkommen. Da ich mir das aber nicht leisten konnte, durchpilgerte ich jedes Mal das Tal der Traurigkeit, um danach wieder menschenwürdig am Leben teilnehmen zu dürfen.



Kapitel 18


Seite 147


  


Mein allgemeines Befinden war nicht so auf der Höhe, hatte ich doch immer noch Kopfschmerzen, meines Erachtens durch das rapide Absenken des Antidepressivums. Das Einzige, was ich dage­gen tun konnte, war, viel zu trinken, das sagte mir mein gesunder Menschenverstand, um mögliche Giftstoffe auszuschwemmen. Zudem verursachten die Kopfschmerzen bei mir eine leichte Me­lancholie, sodass ich mich zu allem zwingen musste, zu nichts, aber auch zu absolut gar nichts wirklich Lust hatte. Aber das war ich ja gewohnt, war ich doch in meinem Leben mindestens schon zwan­zig Mal durch ganz andere Täler gegangen und hatte irgendwie auf der anderen Seite die Berge wieder erklommen, und das noch zu Zeiten, zu denen ich noch gar nicht wusste, was da mit mir pas­sierte, und noch keine chemische Hilfe hatte, die es mir ermög­lichte, das Tal mit wesentlich weniger Last zu durchschreiten, von dem ich jedes Mal dachte, dass ich es nicht schaffen würde, nicht die Kraft hätte, das alles zu überstehen. Aber irgendwie schaffte ich es, trotz aller Suizidgedanken, wenn ich zum Beispiel mit einem Abschiedsbrief auf dem Bahngleis spazieren ging und während meiner Entschlossenheit gerade kein Zug kam, wenn ich Tollkir­schen aß, die Hälfte aber wieder brechen musste und so nur einen irren Trip hatte, wenn ich mich betrunken hatte, damit ich den Mut aufbrachte, die Abgase meines Autos in den Fahrgastraum zu lei­ten, wodurch ich mich auch hier übergeben musste. Wie oft stand ich auf einer Brücke, wohl wissend, dass man durch den Adrenalin­schock keine Schmerzen spüren würde, aber ohne den finalen Sprung zu wagen, wie oft hatte ich die Rasierklinge in der zittern­den Hand, um mich meines Lebenssafts zu entledigen.


Ich erinnere mich noch gut an den Samstag, als ich einige Apo­theken abklapperte, um Schlaftabletten zu sammeln. Ich hatte mir alles zurechtgelegt. Zuerst einen Abschiedsbrief geschrieben, dann ein Glas Wasser bereitgestellt und die meisten Tabletten mit dem Messer zu Pulver zerkleinert, da ich dachte, dass es so besser wirkt. Mit Mühe und Not nahm ich dann einen Großteil der Tabletten ein, um mich ein paar Minuten danach wieder zu übergeben. Wie­der sollte es nicht sein, außer einem ergiebigen Schlaf, aus dem ich mit irren Kopfschmerzen erwachte, hatte sich in meinem Leben nichts verändert. Ich konnte machen, was ich wollte, entweder kam der erhoffte Zug nicht, dann hatte mich der Mut verlassen, oder mein Körper rebellierte einfach gegen meinen Eingriff. Sollte das am Ende heißen, dass ich einfach noch ein Weilchen leiden sollte und mein Leben sich einfach noch nicht ergeben wollte, oder war meine Seele einfach noch nicht bereit für das Finale? Interessant war jedes Mal, egal, wie schlimm, wie tief ich in einer Depression war, sobald ich mich für einen Suizid entschloss und dieser aus unterschiedlichen Gründen dann nicht vollzogen wurde, unmittel­bar danach war ich aus der Depression herausgehoben, fühlte mich wie ein neu geborener Mensch und hatte wieder unvermittelt Le­bensmut, war zu neuem Leben erwacht nach dem Motto: Was kostet die Welt? Ist es nicht einfach unglaublich, was sich da in solch einem komplexen Gehirn abspielt? Beinahe von einer Minute auf die andere war ich wie ausgewechselt, obwohl meine Lebenssi­tuation die absolut selbe war. Wenn man doch den Absturz in das tiefe Tal auch so einfach aufhalten könnte mit einer Art Suizid, dann würde ich mir viel Leid erspart haben, so aber musste ich immer wieder durch dieses Jammertal, um jedes Mal die Abgründe der melancholischen Stimmungen aufs Neue kennen zu lernen.


Erst nachdem ich das Medikament gegen die Stimmungsschwan­kungen bekam, und das waren jetzt elf Jahre, wurden die Täler sanfter und die Berge waren lange nicht mehr so schroff, was mir zu einem wesentlich einfacheren Leben verhalf.


Jetzt war ich einfach schlecht drauf und meine innere Antriebs­schwäche war nur durch Willenskraft zu überwinden, aber es funk­tionierte noch, und so konnte ich auch an diesem Tag mit meinem Tagebuch fortfahren.


 


Kapitel 32


Seite 232


 


Heute war eben mein Glückstag, sagte ich mir, und in annähernd derselben Sekunde griff etwas aus der Dunkelheit nach mir, was mein Herz einfrieren ließ. Ich war atemlos und wusste nicht, wo die Schläge herkamen, ich hörte nur meinen Alten schreien wie wild.


„Dir werde ich helfen, du verdammter Dreckskerl, was glaubst du eigentlich, was du dir noch alles erlauben kannst?"


Um mich vor den schlimmsten Schlägen zu schützen, hielt ich meinen Kopf unter meinen Armen. Da es aber stockdunkel war, konnte ich seinen Schlägen auch nicht so richtig ausweichen. Der Tumult im Zimmer hatte auch meine kleinen Geschwister aus dem Schlaf gerissen und sie schrieen wie am Spieß.


„Hör auf, du Monster, du bringst mich noch um", schrie ich. Das aber schien ihn nur noch zu weiteren Höchstleistungen anzutrei­ben. Blut lief mir aus der Nase und irgendwie schaffte ich es, mich unter den Tisch zu retten, worauf er mit Füßen nach mir trat. Plötzlich hörte ich einen lauten Aufschrei des Monsters - er musste sich wohl mit dem Schienbein am Tisch angeschlagen haben.


„Dir werde ich helfen, Bürschchen, diesen Tag wirst du dein Lebtag nicht mehr vergessen", proletete er, während er den Licht­schalter betätigte. „Komm raus da unten, sonst hole ich dich."


Langsam, zitternd vor Angst und Wut, kroch ich mit der Hand vor der blutenden Nase unter dem Tisch hervor, was ihn nicht davon abhielt, mich mit dem Stiel des Teppichklopfers zu malträ­tieren. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt ein Messer oder ein Schlag­werkzeug gehabt, ich hätte ihn ohne mit der Wimper zu zucken totgeschlagen. Stattdessen aber wartete ich ab, bis er seinen Anfall vor Anstrengung japsend einstellte.


Wie abgrundtief ich ihn doch hasste, ihn, der sich nur mit der Knute Gehör verschaffen konnte und meist so in Rage kam, dass er nicht mehr wusste, was er da so anrichtete. Jetzt, wie er da so vor mir stand, außer Atem, aber immer noch voller Wut, konnte ich nicht anders, als ihm mein Blut, das ich in meiner Hand auffing, ins Gesicht zu schleudern. Ich drehte mich sofort ab und flitzte durch den Flur ins Badezimmer, in dem ich mich einsperrte, um seinen weiteren Wutausbrüchen zu entkommen. Ich war total außer Atem und musste erst einmal versuchen, etwas Ruhe in meine Seele zu bringen. Ich zitterte am ganzen Körper wie Espenlaub, mir war kalt, eisig kalt. Meine Schläfen pochten so wild, dass ich vermutete, dass sie jeden Moment zerbersten würden. Im Spiegel zeigte sich mir ein blutverschmiertes, angsterfülltes Gesicht und der Rest war auch nicht gerade mit Freude anzusehen. Ich fühlte mich so allein, so kraftlos, so hilflos, dass ich nicht wusste, wie es jetzt weitergehen sollte, denn schon stand er vor der Tür und forderte Einlass. Was sollte ich tun, ihn hereinlassen und warten, dass er mich totschlägt, oder durchs Badfenster flüchten? Aber wohin dann mitten in der Nacht? Wo war meine Mutter, wie konnte sie solche Aktionen ohne Kommentar geschehen lassen, warum ließ sie mich immer so allein? Jawohl, ich war allein und hatte keine Chance außer der Flucht nach vorne.


„Ich zähle bis drei, dann ist die Tür auf, wenn nicht, dann gnade dir Gott!", sagte er. Ich wusste jetzt nicht mehr, ob meine Ratio oder mein Gefühl mir gesagt hatte, die Tür zu öffnen, jedenfalls hörte ich mich die Tür aufsperren und sah in das blutverspritzte Gesicht meines Peinigers. Was jetzt? Wir standen uns gegenüber und sahen uns in die Augen. An seinen hängenden Schultern aber konnte ich erkennen, dass der Höhepunkt seines Anfalls bereits überschritten war. In der einen Hand hatte er einen Stuhl und in der anderen den Haarschneider, mit dem er uns immer die Haare schnitt. Rüde stellte er den Stuhl hin und deutete mir an, mich hin­zusetzen, und ich folgte wie hypnotisiert seiner Aufforderung. Hatte ich vielleicht sogar Schuldbewusstsein entwickelt wegen mei­nes Ausflugs oder war es die blanke Angst, die mich auf den Stuhl zwang und das Folgende emotionslos über mich ergehen ließ?


Innerhalb weniger Minuten verpasste er mir einen Haarschnitt, der seinesgleichen suchte, zudem hatte er mich mehrmals ge­schnitten, sodass mir an mehreren Stellen das Blut herunterlief.


Wenn ich ihn nicht so abgrundtief hassen würde, dann würde er mir sogar leid tun, eigentlich ist er krank, gefährlich krank, dachte ich mir.


Ohne ein Wort verließ er den Raum und verschwand in die Kü­che, um sich zu waschen. Was mir blieb, war nur noch ich, ich, der Hilflose, Gepeinigte und über den gesamten Körper Geschändete. Aber das waren nur Äußerlichkeiten, in meinem Inneren sah es viel schlimmer aus. Ich fühlte mich so klein, so wertlos und nichtig und in mir kroch eine eisige Kälte hoch, die ich versuchte mit einer warmen Dusche zu bekämpfen. Mich schmerzten beim Duschen die offenen Wunden; diesen Schmerz konnte ich ignorieren, nicht aber meinen inneren, ich wollte ihn nicht ignorieren, ich wollte ihn ausleben, bis ich versuchte, allen Schmerz aus mir herauszu­schreien. Ich schrie aus voller Kehle und mir flossen die Tränen in Sturzbächen herunter. Inzwischen war der Alte ins Schlafzimmer gegangen und ich war mir ziemlich sicher, dass er nicht mehr auf­stehen würde, dazu war er zu erledigt.


Aber meine Mutter erschien auf der Bildfläche.


„Mensch, Peter, warum machst du immer so dumme Sachen, du weißt doch, wie er auf so etwas reagiert!"


„Und du, wie reagierst du darauf? Steckst du dir Ohropax in die Ohren oder steckst du deinen Kopf unter das Kopfkissen, um meine Schreie nicht zu hören? Bist du eigentlich meine Mutter? Bist du diesem Drecksack eigentlich hörig, dass du das über all die Jahre mit ansiehst? Bedeute ich dir eigentlich überhaupt nichts? Warum habt ihr eigentlich so viele Kinder, wenn ihr sie behandelt wie den letzten Dreck? Kein Tier geht so mit seinem Nachwuchs um wie ihr, wie lange soll ich das noch ertragen? Ich hasse euch, ich hasse euch beide!"


Meine Mutter stand fassungslos vor mir und sah mich mit offe­nem Mund an, schüttelte den Kopf und ging wieder ins Schlaf­zimmer.


Endlich war ich wieder allein, allein mit meinen inneren und äu­ßeren Schmerzen. Erst jetzt sah ich richtig das Ausmaß meiner neuen Haarkultur. Ich sah original aus wie ein gerupftes Huhn. An einigen Stellen waren die Haare bis auf die Kopfhaut abrasiert und an anderen Stellen war überhaupt nichts geschehen.


Durch das Duschen war mir etwas wärmer geworden, aber von innen kroch weiter die Kälte in mir hoch, und als ich noch mal in den Spiegel sah, streifte ich mit meinen nasskalten Händen über mein Gesicht und fragte mich: „Mein Gott, warum lässt du das zu, wie nur kann ich an dich glauben, wenn du mich so im Stich lässt?"


Ich ließ die ganze Sauerei im Bad so, wie sie war - ich hatte sie ja nicht veranstaltet -, und ging ins Bett. Ich konnte kaum eine Stelle finden, auf der ich schmerzfrei liegen konnte, da mein Rücken an vielen Stellen durch die Schläge mit dem Teppichklopfer aufge­sprungen war. In meinem Kopf schwirrten meine Gedanken kreuz und quer umher und ich hatte Mühe, sie einigermaßen rational zu ordnen. Nach langem Grübeln fasste ich zwei Entschlüsse. Erstens würde ich in diesem Leben mit meinem Alten kein Wort mehr wechseln und zweitens wollte ich mir einen Plan für die Flucht aus diesem jämmerlichen Dasein erarbeiten. Weg hier aus den Klauen des Tyrannen. Ich konnte nicht mehr, ich wollte nicht mehr. Ich verlor mich immer mehr, wurde immer weniger, ich wusste schon kaum noch, wer ich war.


Ich wollte jetzt stark sein, musste einfach aus eigener Kraft mit dem letzten Mut der Verzweiflung das tun, was getan werden musste. Wer kein Recht erhält, der muss es eben einfordern, so einfach ist das, aber gleichzeitig auch so schwer. Gerechtigkeit für die Schafe war ebenso auch Ungerechtigkeit gegen die Wölfe, und mit Tränen in den Augen dämmerte ich einem unruhigen Schlaf entgegen.


Und wieder verfolgte er mich, blieb immer hinter mir, ich werde schneller und schneller, bis ich renne und sogar bis zur Atemlosig­keit sprinte, der Abstand wird immer kürzer, bis er mich am Kra­gen packt und ich endlich aufwache, schweißgebadet und komplett durcheinander. War es das schlechte Gewissen, das mich plagte, da ich ihm einen Grund zur Bestrafung geliefert hatte, oder war es einfach nur mein Urinstinkt, vor Konflikten davonzulaufen? Ich wusste es nicht und wollte es zu dieser Stunde auch nicht ergrün­den, ich wollte nur noch eins, nicht mehr so schnell aufwachen. Ich wollte mich in einen heilenden Schlaf begeben, der meine körperli­chen und seelischen Blessuren mit Balsam bedeckt und mich wie neu geboren aus meinem Schlaf emporsteigen lässt.


 


 


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