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Belletristik
Buch Leseprobe MAKE ME GOOD, Josie Charles
Josie Charles

MAKE ME GOOD


College-Liebesroman

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Kapitel 1


Miami Beach, Florida
Heute


Shannon


Es riecht nach frischem Fisch, der Wind ist warm und die Sonne so grell, dass meine Augen sicher gleich zu tränen anfangen. Das Wasser schwappt träge an die Pier und bringt die Yachten und Schnellboote, die nur ein paar Meter von mir entfernt angelegt haben, zum Schaukeln. Die Gäste des Island Gardens Beach Club sitzen draußen und genießen ihre Pause vom Nichtstun, was mir gelegen kommt. Zwar habe ich mir eine Kellnerinnen-Uniform aus der Umkleide des Clubs ‚geliehen‘, trotzdem wird es nicht lange dauern, bis jemand erkennt, dass ich eigentlich gar nicht hier arbeite. Dann ist es besser, wenn ich mich nicht im Inneren des Gebäudes befinde, sondern schnell abhauen kann.
Noch hat mich allerdings niemand entdeckt.
Ich lehne an der weißen Fassade des Beach Clubs und spähe aus den Schatten heraus zu einem der Tische hinüber, an dem vier Leute sitzen. Drei Typen und eine Brünette, die so viel Make-up aufgetragen hat, dass ich schon vom Hinsehen schwitze. Es würde mich nicht wundern, wenn ihr Gesicht gleich einfach wie flüssiges Wachs auf den Boden tropft.
Doch egal, wie lustig die Vorstellung auch ist: Ich bin nicht hier, um der Brünetten beim Schmelzen zuzusehen. Mein Zielobjekt ist der Kerl in dem weißen Poloshirt, der sein dunkles Haar locker zurückgestrichen hat und eine teure Sonnenbrille trägt.
Barclay Huntington.
Auch wenn ich zu neunundneunzig Prozent glaube, dass er derjenige ist, den ich suche, muss ich näher an ihn heran. Ich will ganz sicher sein.
Wochenlang habe ich nach ihm gesucht und ihn schließlich bei Facebook entdeckt. Der Vorname Barclay ist nicht gerade häufig und dass dieser Typ hier ausgerechnet Huntington mit Nachnamen heißt, kann eigentlich kein Zufall sein.
Trotzdem würde ich gerne einen Blick auf sein Gesicht werfen. Insbesondere auf seine Stirn.
Leider hält Facebook-Barclay nicht viel davon, Fotos von sich zu posten. Auf den wenigen Bildern im Netz ist er meistens extrem klein abgebildet oder nur von der Seite drauf. Also habe ich ihn im Real Life aufgespürt.
Jetzt muss ich nur noch näher an ihn heran. Bevor jemandem auffällt, dass ich untätig herumstehe, muss ich meine Chance nutzen.
Ich stoße mich von der Fassade ab, steuere den Tisch von Barclay und seinen Freunden an und ignoriere gekonnt ein Ehepaar, das mir irgendetwas zuruft.
Eigentlich ist mein Plan, die Clique zu fragen, ob sie noch etwas bestellen wollen, doch als wäre das Schicksal heute auf meiner Seite, wird in dem Moment einer der Nachbartische frei und ich stürze mich darauf, bevor es eine meiner Kolleginnen machen kann. Von hier aus habe ich einen guten Blick auf Barclay, ohne, dass ich Gefahr laufe, von ihm erkannt zu werden.
Ich staple ein paar Teller und sehe unauffällig zu ihm hinüber. Er hört gerade der Brünetten zu, die sich über irgendetwas aufzuregen scheint. Ich weiß nicht, was es ist, das sie so sauer macht und es ist mir auch egal. Denn als Barclay den Kopf ein Stückchen dreht, erkenne ich sie.
Die Narbe an seiner Stirn, eine feine, senkrechte Linie über seiner linken Braue. Sie ist in den letzten Jahren leicht verblasst, aber dennoch gut erkennbar.
Mein Herz macht einen aufgeregten Sprung, als mir klar wird, was das bedeutet.
Ich bin am Ziel.
An einem Etappenziel zwar, aber immerhin.
Er ist es wirklich!
Als Barclay spürt, dass ich ihn vom Nebentisch anstarre, dreht er den Kopf in meine Richtung und für einen Moment kann ich nicht anders, als ihn anzustarren. Nun, da ich ihn mit hundertprozentiger Sicherheit erkannt habe, fallen mir auch all die kleinen Dinge an ihm auf, die ihn schon früher attraktiv gemacht haben: seine markanten Züge, die scharf geschnittenen Wangen, die seinem Gesicht etwas Aristokratisches verleihen. Der ironische Zug um seine Lippen und das ganz leichte Grübchen an seinem Kinn.
Er sieht immer noch in meine Richtung und runzelt die Stirn, und auf einmal fürchte ich, dass er mich ebenfalls erkannt hat. Dann wenden sich auch die anderen zu mir um und mir wird klar, dass sie mich gar nicht registrieren, sondern ihre Aufmerksamkeit etwas anderem gilt.
Schnell senke ich den Blick wieder auf die benutzten Teller und Gläser und schiebe sie von einer Seite des Tisches auf die andere, ganz so als wüsste ich, was ich hier tue. Dabei dringen ein paar Satzfetzen an mein Ohr.
»Widerlich. Warum darf sich so jemand überhaupt hier herumtreiben?«, fragt einer der Typen.
Ich bin mir sicher, dass dies nicht Barclays Stimme ist, also muss sie einem seiner Begleiter gehören.
Neugierig hebe ich den Kopf, sehe in die Richtung, in die auch die vier Freunde schauen und erkenne sofort, worum es ihnen geht.
Ein Obdachloser schlurft auf den Steg zu und wirkt vor den in der Sonne strahlenden weißen Booten absolut deplatziert. Seine Kleidung ist grau und schmuddelig und scheint jedes bisschen Licht einfach zu verschlucken. Sein Blick ist auf das glitzernde Wasser gerichtet, als würde es ihn magisch anziehen. Und obwohl einige Menschen, die sich ebenfalls auf der Pier aufhalten, die Nase rümpfen, scheint er in seiner eigenen Welt versunken zu sein.
»Stellt euch vor, er haust auf einer der Yachten, während der Besitzer zuhause ist und nichts Böses ahnt«, sagt die Brünette und ich frage mich, ob sie das ernst meint.
Nur weil der Mann offenbar kein Zuhause hat, muss er doch noch lange niemand sein, der sich einfach irgendwo unerlaubt Zutritt verschafft.
»Wenn er nicht gleich abhaut, rufe ich die Polizei. Der versaut einem ja den ganzen Tag.«
»Typisch«, sagt eine Stimme, die ich eindeutig als Barclays identifiziere. Zwar ist sie mit den Jahren eine Spur tiefer und erwachsener geworden, trotzdem ist ihr Klang unverkennbar. Er spricht eine Nuance leiser als alle anderen. Aber nicht, weil er irgendwie schüchtern wäre, sondern weil ihm sowieso direkt alle Aufmerksamkeit geschenkt wird.
Das war schon früher so. Wenn Barclay den Mund aufgemacht hat, hing ich an seinen Lippen und habe alles um mich herum ausgeblendet.
»Typisch?«, fragt Miss Wachsgesicht und ich kann es kaum erwarten, dass Barclay ihr antwortet.
»Ja. Typisch. Hamish weiß sich nicht selbst zu helfen und ruft gleich nach den Cops.« Ich höre, wie ein Stuhl zurück geschoben wird. »Ich jage ihn weg.«
Er tut was?
Ich sehe Barclay nach, wie er unter dem Gelächter seiner Freunde den Obdachlosen ansteuert und kann es kaum glauben.
So profiliert er sich also vor seiner reichen Clique? Indem er der größte Arsch von allen ist?
Fassungslos beobachte ich, wie er die Pier entlang geht, die Hände in den Taschen vergraben und so selbstsicher, als würde er jeden Tag Obdachlose von Yachthäfen verjagen. Er passt so perfekt hierher, dass ich einen kurzen Moment glaube, dass er doch nicht der Barclay ist, den ich suche.
Doch er hat die Narbe. Er trägt diesen Nachnamen. Und er sieht aus wie der Junge von früher – nur eben erwachsen. Und reich.
Barclay bleibt im Schatten der Palmen stehen und ruft dem Obdachlosen, der gerade einen Fuß auf den Steg gesetzt hat, etwas zu. Der Mann fährt zusammen und kommt zu Barclay geschlichen wie ein geprügelter Hund.
Ungläubig schüttle ich den Kopf.
Wofür hält dieser Kerl sich eigentlich? Für die Privatpolizei? Ich bin froh, dass er für diese aufgeblasene Art bald die Quittung bekommt.
Schon morgen wird Barclay Huntington sein blaues Wunder erleben.


***


Barclay


Der Penner macht kehrt und kommt zu mir herüber. Hinter ihm wiegen sich die Yachten auf den sanften Wellen und bilden einen starken Kontrast zu den schmutzstarrenden Lumpen, die er am Leib trägt.
»Ich wollte nur … ich hatte selbst mal …«, beginnt er zu stammeln.
»Schon gut.« Weil ich weiß, dass die anderen mich beobachten und eine Show erwarten, hebe ich gestenreich die Arme, doch meine Worte sind nicht halb so harsch wie meine Bewegungen. »Kommen Sie mit, folgen Sie mir.« Ich deute auf eine Hausecke, hinter der sich der Parkplatz der Marina befindet, und gehe los.
Zuerst bin ich mir nicht ganz sicher, ob er mir wirklich folgt, dann höre ich schlurfende Schritte und Applaus aus dem Beach Club.
Muss das sein?
Offenbar hat der Mann sich hierher verirrt oder vielleicht wollte er sich auch einfach nur die schönen Boote ansehen. Ist das wirklich so schlimm?
Ja, ist es.
Ich muss mir immer wieder vor Augen rufen, dass dieser Obdachlose und ich in zwei unterschiedlichen Welten leben. In meiner Welt möchte man alles Negative, so gut es geht, von sich fernhalten. Die Armut und das Leid anderer gehen uns nichts an.
Trotzdem kann ich den Impuls nicht unterdrücken, diesem Mann helfen zu wollen.
Auf dem Parkplatz bleibe ich stehen und sehe dem Obdachlosen entgegen. Er trägt nur einen Schuh und humpelt, als hätte er Schmerzen.
»Es tut mir leid, Sir. Ich wollte nicht … wollte nur …« Er sieht mich aus braunen Augen an, die viel wacher wirken, als ich erwartet hätte.
»Es ist okay, wirklich«, sage ich und lächle, auch wenn ich mir ein bisschen blöd vorkomme.
Wer bin ich, dass ich ihm Absolution erteile?
»Tut Ihnen etwas weh?« Ich deute mit dem Kinn auf ihn. »Die Beine?«
Der Obdachlose sieht mich an und scheint meine Frage nicht so recht einordnen zu können. Vielleicht irritiert ihn auch die Art, auf die ich mit ihm spreche. Ich weiß, welchen Eindruck ich auf ihn machen muss und kurz schäme ich mich für meine Freunde und die anderen Beach-Club-Besucher, für ihre kalte Überheblichkeit.
Sie kennen es nicht anders, rufe ich mir ins Gedächtnis. Sie sind so aufgewachsen.
»Oh, das.« Der Mann schüttelt den Kopf. »Eine alte Kriegsverletzung, sie schmerzt schon lange nicht mehr.«
Ich weiß nicht, ob er das mit dem Krieg ernst meint oder ob er bloß Märchen erzählt und nicke daher nur, bevor ich zu dem Punkt komme, aus dem ich ihn beiseitegenommen habe. »Hören Sie. Sie müssen verschwinden. Ein paar Leute wollen die Polizei rufen und Sie hier entfernen lassen.«
Ein Schatten huscht über die Züge des Mannes. Kampfgeist. Er sieht es nicht ein, sich vertreiben zu lassen. Dann erlischt der kurze Funke in seinem Blick wieder und es scheint mir, als würde er ein Stück in sich zusammensacken. »In Ordnung. Die Lydia-Sue liegt ja doch nicht mehr hier.« Mit einem bedauernden Schulterzucken wendet er sich ab.
»Warten Sie«, bitte ich ihn.
Der Mann hält tatsächlich inne und ich trete wieder vor ihn. »Wer ist Lydia-Sue?«
»Ein Boot.« Der Mann wirft einen Blick zurück, doch die Yachten sind von hier aus nicht zu sehen. »Früher gehörte es mir. Ich habe es nach meiner Tochter benannt und …« Er schüttelt den Kopf und ich beschließe, nicht weiter nachzubohren.
Was auch immer seine Geschichte ist, sie scheint tragisch zu sein, das spüre ich, ohne die Details hören zu müssen.
»Hilft Ihnen das?« Ich hole mein Portemonnaie raus und hoffe, dass diese Geste nicht zu großkotzig wirkt. Ich halte dem Mann ein paar Scheine hin. Wie viele es genau sind, weiß ich nicht.
»Wem hilft das nicht?« Der Obdachlose lächelt dankbar und ich drücke ihm das Geld in die schwieligen Hände. »Vielen Dank.«
Ich nicke und erwidere sein Lächeln. »Machen Sie es gut.«
Während ich ihm nachsehe, wie er zwischen den teuren Autos hindurch den Parkplatz überquert, wandert meine Hand automatisch zu der Kette, die ich immer gut verborgen unter meiner Kleidung trage. Meine Freunde von der Uni denken, sie sei ein Geschenk meines reichen Vaters.
In Wahrheit jedoch ist die Medaille ein Glücksbringer und ich kann nicht anders, als einen Kuss darauf zu drücken.
Als Dank.


 


***


Kapitel 2


Barclay


Am Tag darauf stehe ich wie immer um sechs auf. Zwar liegt mir das frühe Aufstehen nicht im Blut, aber ich habe es mir schon vor Jahren angewöhnt. Ich möchte einfach keine Sekunde des Lebens, das ich mir erarbeitet habe, mit Schlaf vergeuden.
Nach einer Trainingseinheit im Fitnessstudio des eleganten Apartmentgebäudes für Studenten, in dem ich lebe, fahre ich zur Uni, um mich für die Kurse im kommenden Semester anzumelden. Ich stelle meinen Wagen im Parkhaus ab und hole mir einen starken schwarzen Kaffee in einem der Cafés auf dem Campus. Wie immer bin ich zu ungeduldig und verbrenne mir schon beim ersten Schluck die Zunge. Ich verziehe das Gesicht und zwinge mich, den Kaffee abkühlen zu lassen, während ich entlang des Lake Osceola, eines Sees, der mitten auf dem Campus liegt, zu meiner Fakultät laufe.
Heute ist viel los. Erstsemesterstudenten führen ihre stolzen Eltern herum, großformatige Fernseher werden in die Wohnheime geschleppt und überall scheint irgendwer nach irgendwas zu suchen.
Am palmengesäumten Südufer des Sees biege ich ab zur School of Architecture. Mit ihren flachen, verzierten Gebäuden erinnert die Fakultät an ein marokkanisches Dorf und die Temperaturen, die heute herrschen, verstärken den Eindruck noch. Es sind über dreißig Grad, obwohl wir erst elf Uhr vormittags haben. Auch wenn der Sommer vorbei ist, endet er in Florida niemals wirklich.
Vermutlich ist das einer der Gründe, aus denen Noah damals herkam. Er hat eine gute Wahl getroffen und ich bin froh, dass ich ihm gefolgt bin. Es gibt schlechtere Orte zum Leben als Miami und miesere Hochschulen zum Studieren als die Privatuni in Coral Gables, die sich die meisten Studenten nur in ihren Träumen leisten können.
»Barclay!«
Als ich meinen Namen höre, bin ich gerade drauf und dran, das Sekretariat zu betreten. Auf der Schwelle drehe ich mich um und sehe Hamish auf mich zukommen. Er hat sich einen blauweißen Hilfiger-Pulli um die Schultern gelegt und ich frage mich, ob er kein Temperaturempfinden hat. Ich trage nur ein Shirt und schwitze trotzdem wie verrückt.
»Auch schon wach?«, frage ich und halte Hamish die Hand hin. Wie immer trägt er seinen goldenen Familienring.
Wir kennen uns seit dem ersten Semester. Sein Vater, Lester McPherson, hat ein Vermögen mit Katzenfutter gemacht und es gibt nichts, das Hamish besser beschreiben könnte als dieser Umstand. Er ist ganz in Ordnung, aber sein Charakter ist so schleimig wie das Gelee in einer Dose Ragout für verwöhnte Miezen.
»So gerade eben, mein Freund.« Hamish klatscht mit mir ab, dann fährt er sich mit den Fingern durch sein dunkelblondes Haar und weist Richtung Gebäude. »Hast du dich schon eingeschrieben?«
Ich schüttle den Kopf. »Bin gerade auf dem Weg.«
»Super, dann können wir zusammen gehen. Ich habe sowieso noch was mit dir zu besprechen.«
Ich leere meinen Kaffeebecher und werfe ihn in einen Papierkorb, dann betrete ich gemeinsam mit Hamish das Foyer des Sekretariats. Der polierte Marmorboden quietscht unter den Sohlen meiner Schuhe, kalte Klimaanlagenluft hüllt mich ein. Am liebsten würde ich für den Rest des Tages hierbleiben.
»Schieß los«, sage ich, während wir uns den Aufzügen nähern.
»Im Grunde wollte ich dich fragen, ob du heute Abend schon was vorhast. Bei mir steigt nämlich die Last Party on Earth.«
»Was soll das denn heißen?«, frage ich und drücke auf den Knopf nach oben.
»Was wohl? Es wird die letzte legendäre Feier, bevor es Montag wieder ernst wird«, erwidert Hamish und wackelt mit den Augenbrauen.
Legendär – das heißt in seinem Fall, dass er vermutlich schon einen Lastwagen voller Champagner und eine mindestens genauso große Wagenladung Koks zur Villa seiner Eltern geordert hat. Hamishs Familie ist zurzeit in Saint-Tropez und er hat zu Hause freie Hand, was er richtig ausnutzt.
»Heute nicht«, sage ich, denn ich habe etwas anderes vor. Etwas, das ich schon seit längerem plane und dringend brauche, um mal wieder runterzukommen.
»Ach, gib dir einen Ruck, Barclay! Wer weiß, wann wir wieder Gelegenheit zum Feiern haben!«
Ich grinse vielsagend, denn wir beide wissen, dass Hamish immer einen Grund findet, eine Party zu veranstalten – heute zum Sommerende, nächste Woche zum Semesteranfang und wenn ihm gar nichts anderes einfällt, feiert er eben den internationalen Waschbärtag.
»Sorry, aber es geht nicht«, beharre ich. »Ich habe noch einiges für Montag vorzubereiten.«
Die Aufzugtüren öffnen sich und wir treten ein. Im Spiegel an der Rückwand mustere ich uns beide und stelle fest, dass wir wie ein Tennisstar und sein Bodyguard aussehen. Anders als Hamish bin ich heute ganz in Schwarz gekleidet, der einzige Farbakzent ist meine silberne Gürtelschnalle. Ich sehe finsterer aus, als ich beabsichtige und beeile mich, zumindest meine Sonnenbrille abzunehmen.
»Marie-Claire wird nicht erfreut sein, wenn du nicht kommst«, stichelt Hamish. »Vielleicht tröste ich sie.«
Ich lächle müde und drücke den Knopf für den dritten Stock.
Marie-Claire ist seit fast einem Jahr sowas wie meine Freundin, was im Grunde bedeutet, dass wir fantastischen Sex haben, viel mehr aber auch nicht. Wir sind beide diszipliniert im Studium und haben keine Zeit für Gefühle. Dennoch glaube ich nicht, dass M.C. irgendetwas fehlt und daher kann ich mir auch nicht vorstellen, dass sie sich mit Hamish tröstet, nur weil sie mal einen Abend ohne mich auskommen muss.
»Halt du dich besser an die Erstsemestermädchen, da sind deine Erfolgschancen größer«, erwidere ich, dann erreichen wir die dritte Etage.
Die Anmeldung geht schnell – eine gute halbe Stunde später habe ich meinen neuen Stundenplan, der mich die nächsten Monate über ganz schön auslasten wird. Ich beschwere mich nicht. Wenn ich ein guter Architekt werden will, muss ich hart arbeiten, das war mir immer klar, und ich bin bereit dazu. Ich bin dankbar für die Chance, die ich erhalten habe und die mich davor bewahren wird, irgendwann wie dieser Obdachlose zu enden, dem ich gestern am Island Gardens begegnet bin. Als jemand, der mal etwas besaß und sich jetzt nur noch an Erinnerungen festhält, weil ihm nichts anderes geblieben ist.
Bei mir läuft es andersherum. Ich komme von unten, und gerade deswegen soll es in meinem Leben immer nur aufwärtsgehen.
Nachdem ich mich eingeschrieben habe, verlasse ich das Gebäude, ohne Hamish nochmal zu begegnen und laufe zurück zum Parkhaus. Mittlerweile sitzen auf den Wiesen am Ufer des Sees zahlreiche Kommilitonen und essen zu Mittag. Nicht wenige grüßen mich, doch ich bleibe bei keinem von ihnen stehen, denn bevor ich heute Abend losziehe, will ich mich tatsächlich noch in die Unterlagen für Montag einlesen.
Ich betrete die Tiefgarage, in der es nach Staub und Benzin riecht und laufe auf meinen feuerfarbenen Maserati zu. Das Auto war eines der ersten Dinge, die ich mir kaufte, kaum dass ich das Startkapital für mein neues Leben zusammenhatte. Ohne Statussymbole wie dieses wäre ich niemals glaubhaft gewesen.
Mit der Fernbedienung schließe ich den Wagen auf, dann steige ich ein und starte den Motor, der mit einem geschmeidigen Brummen zum Leben erwacht. Ich ziehe am Sicherheitsgurt, um mich anzuschnallen und im nächsten Moment sagt eine weibliche Stimme hinter mir: »Hallo, Barclay Huntington. Oder sollte ich lieber Barclay Murphy sagen?«
Mitten in der Bewegung halte ich inne.
Meine Augen rucken zum Innenspiegel und ich erwarte, jemanden zu entdecken, den ich von früher oder zumindest von Noah kenne. Doch die Schwarzhaarige, die es sich auf meiner Rückbank bequem gemacht hat, habe ich mit großer Sicherheit noch nie gesehen.
Sie hat schulterlanges Haar, das mal gekämmt werden könnte, blasse Haut und ein weiches Mädchengesicht, zu dem das Piercing in ihrer Nase nicht so richtig passen will. Um ihren Hals hängt ein Schloss, als hielte sie sich für den weiblichen Sid Vicious und über ihrem schwarzen Top trägt sie ein Netzshirt, das genug von ihrem Körper enthüllt, um mir zu zeigen, dass nicht nur ihr Gesicht etwas mehr Sonne vertragen könnte.
»Wer bist du?«, frage ich beherrscht, auch wenn meine Stimme vor Anspannung zu beben droht. »Und woher kennst du meinen echten Namen?«
Die Schwarzhaarige verzieht die Lippen zu einem Lächeln, das ihre großen hellblauen Augen nicht einmal ansatzweise erreicht. »Das geht dich nichts an. Außerdem solltest du wohl eher fragen, was ich in deinem todschicken Auto treibe und was ich von dir will.«
»Was treibst du in meinem todschicken Auto und was willst du von mir?«, erwidere ich trocken, während ich sie immer noch durch den Rückspiegel mustere.
Ihr Lächeln verändert sich, nimmt eine ironisch-bewundernde Note an. »Ich muss schon sagen, Murphy. Du hast dich ganz schön ins Zeug gelegt. Hast es zu was gebracht.«
Ihre schlanken Finger streichen über das Leder meiner Rückenlehne, wobei sie ganz leicht meine Schulter streift. Ihr Bostoner Dialekt fällt mir auf – dieses überbetonte A und das quasi nicht vorhandene R. Dort kommt sie also her. Das heißt, sie kennt mich von früher. Doch wie hat sie mich gefunden und zu welchem Zweck?
»Wieso willst du, dass ich dir Fragen stelle, wenn du sie dann nicht beantwortest?«, hake ich nach und bemühe mich um Ruhe in meiner Stimme, obwohl ich innerlich alles andere als ruhig bin.
Menschen aus meinem alten Leben, die sich in mein neues drängen, sind nicht gut. Wer auch immer dieses Mädchen ist, sie muss schnellstens wieder verschwinden. Sollte sie mich gleich nach Geld fragen, werde ich es ihr geben und dann –
»Sei nicht so ungeduldig, Murph«, sagt sie. »Ich bin noch bei der Einleitung. Du hast es zu was gebracht, fährst ’n teures Auto, hast reiche Freunde, bist beliebt. Du bist der klassische Homecoming King …« Sie sieht mich an, ebenfalls durch den Spiegel. Dennoch habe ich das Gefühl, dass sich ihr kühler Blick direkt in meinen bohrt, als sie hinzufügt: »Und ich will deine Homecoming Queen sein.«
Sie will was?
»Moment. Du möchtest, dass ich beim nächsten Uniball mit dir …«
Sie lacht, kurz und laut, und irgendwas an diesem Lachen verrät mir, dass sie nicht halb so gelassen ist, wie sie tut. In ihr schwelt eine Wut, die sie hinter Coolness zu verstecken versucht.
»Nein, Murphy, hier geht es nicht um einen Uniball. Ich will ein wenig mehr von dir. Wenn du nicht möchtest, dass alle Welt dein kleines Geheimnis erfährt, wirst du mich an diese Uni bringen. Und das ist noch nicht alles. Du wirst mich zu deiner Freundin machen und mir so Zutritt zu deiner Welt verschaffen.«
Mein Gesicht bleibt unbewegt, aber meine Hand schließt sich fester um den Gurt, den ich immer noch in der Hand halte. Sie erpresst mich also. Okay. Mit sowas hätte ich rechnen müssen, denn durch meine Vergangenheit biete ich eine Menge Angriffsfläche. Aber wieso stellt sie so seltsame Forderungen?
»Ich habe schon eine Freundin«, sage ich.
Die Schwarzhaarige verdreht die Augen. »Wir wissen beide, dass das nur ’ne Sexgeschichte ist.«
Ja, ich weiß das. Dass sie es ebenfalls weiß, beunruhigt mich allerdings.
»Du beobachtest mich«, stelle ich fest.
Wieder lächelt sie auf diese kalte Weise. »Und ich bin offenbar gut darin. Denn glaub mir, ich weiß genug über dich – und habe die nötigen Beweise – um aller Welt zu zeigen, dass du in Wahrheit nicht Barclay Huntington, sondern ein Krimineller bist. Ein Betrüger. Ein Niemand aus einem Kinderheim in Boston.«
Mein Puls beschleunigt sich noch mehr, das Atmen fällt mir schwerer. Es fühlt sich an, als würde ich rennen, aber auch das lasse ich mir nicht anmerken. Äußerlich ruhig zu wirken, ist in heiklen Situationen immer das Wichtigste; vernünftig zu bleiben und zu versuchen, auch sein Gegenüber zur Vernunft zu bringen.
»Wie soll ich dich an diese Uni bringen? Ich bin nicht der Rektor.«
»Lass dir was einfallen. Bei dir selbst hast du es ja auch geschafft.«
»Das war was völlig anderes.«
»Du kriegst das schon hin, Murphy.« Sie mustert mein Gesicht, kurz und abschätzend, dann legt sie einen zusammengefalteten Zettel auf den Beifahrersitz. »Hier, meine Eckdaten. Körpergröße, Augenfarbe, du weißt schon. Ich gebe dir Zeit bis Sonntag um vier. Dann treffen wir uns unter der Brücke am Baseballfeld in Overtown und du gibst mir alles, was ich brauche – Perso, Studentenausweis, alles, was nötig ist, um eine von euch zu sein.«
»Das sind nur zwei Tage!«
»Zwei Tage und gut vier Stunden. Das schaffst du schon.« Sie zwinkert mir zu, dann öffnet sie die Tür und steigt aus.
»Warte!«, fordere ich, doch als sie sich nochmal zu mir ins Innere beugt, weiß ich nicht, was ich sagen soll. Ihr Auftauchen und ihre Forderungen haben mich völlig überrumpelt.
»Sonntag um vier, Barclay«, wiederholt sie und ich bin für einen kurzen, bescheuerten Moment erleichtert, dass sie aufgehört hat, mich bei meinem echten Nachnamen zu nennen.
Dann wirft sie die Tür zu und mir wird klar, was hier gerade passiert ist. Wie versteinert sehe ich ihr nach, ihren weißen Beinen, die in schwarzen Shorts stecken und dem Nietengürtel um ihre Hüften, während sie in Richtung Ausgang verschwindet.
Alles an ihr erinnert mich an ein Leben, an das ich nie mehr erinnert werden wollte. Wieder muss ich an den Obdachlosen mit dem einen Schuh denken, und plötzlich erscheint er mir wie der Geist der kommenden Weihnacht. Ich will nicht enden wie dieser Kerl.
Frustriert schlage ich mit der Hand gegen das Lenkrad, reiße mich jedoch sogleich zusammen. Hier unten könnte jederzeit einer meiner Kommilitonen vorbeikommen, deshalb kann ich nicht einfach ausrasten. Ich zwinge mich, durchzuatmen und fahre mir mit dem Handrücken über den Mund, wobei ich das kühle Metall meiner Rolex Explorer an der Wange spüre.
Ich muss ruhig bleiben. Was ich mir erarbeitet habe, ist zu wertvoll, um es wegen dieser dreisten schwarzhaarigen Schlange zu verlieren.
Also. Was tue ich jetzt, um es zu verhindern?


***


 


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