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Belletristik
Buch Leseprobe Männerbande, Sylvia Pranga
Sylvia Pranga

Männerbande



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Kapitel 1

Fünfundzwanzig Jahre. So lange kämpfte John nun schon. Immer häufiger stellte er sich die Frage, warum er nicht längst fortgezogen war, um Seelenfrieden zu finden. Doch er konnte einfach nicht. Er konnte es nicht, weil er wusste, dass er an einem anderen Ort nur noch unglücklicher sein würde. Die Option, glücklich zu sein, gab es nicht, nur die, weniger unglücklich zu sein. Um wenigstens das zu erreichen, musste etwas geschehen, und zwar bald. Sein Blick schweifte vom Balkon über seinen leicht verwilderten Garten und blieb am Nachbargrundstück hängen. Ihm bot sich ein für die Kleinstadt Weybridge typisches Bild: Hohe Bäume und Sträucher verbargen beinahe das weiß getünchte Haus mit seinen dunkelgrünen Fensterläden und den gepflegten Blumenrabatten. Eine plötzliche Brise trug Rosenduft zu ihm und löste das Haar von seiner schweißnassen Stirn. Sie wirbelte auch ein paar Fotos auf dem Tisch vor ihm durcheinander. Rasch griff John danach. Eines von ihnen zeigte eine vierköpfige Familie, gekleidet im Stil der Achtzigerjahre. Ein breit grinsendes Mädchen mit Zahnlücken, eine warmherzig lächelnde Frau, ihr grimmiger Ehemann und ein schlaksiger, ernster Teenager. John starrte das Foto einige Sekunden lang an. Die Augen des Mannes schienen ihn über die Zeit hinweg zu verdammen. Sein Blick fiel auf das Bild daneben, das ihn und seinen besten Freund zu Beginn ihrer Collegezeit zeigte. Ein wehmütiges Lächeln stahl sich auf Johns Gesicht. Auch dieses Foto weckte Erinnerungen – viele schöne, einige lustige und das beständige Gefühl von Melancholie, das ihn seitdem begleitete. Es war eine lehrreiche Zeit gewesen, mit Erlebnissen, die ihn bis heute prägten und aus deren Griff er sich niemals ganz lösen konnte. Gereizt schob John alle Bilder unter einen Stapel Reiseführer. Doch die düsteren Gedanken ließen sich nicht so leicht wegschieben. Auf der Suche nach einem Buch war er zufällig auf die alten Fotos gestoßen. Die Jahreszahl auf ihrer Rückseite hatte es ihm erschreckend bewusst gemacht. Ein Vierteljahrhundert seines Lebens hatte er unter seelischen Qualen verbracht. Das ließ wenig Hoffnung auf Besserung. Wenn er jetzt gehen würde, wäre es eine Flucht vor seinen eigenen Gefühlen. Vermutlich würde es ihm daher keine Erleichterung verschaffen. Trotzdem dachte er in letzter Zeit immer wieder darüber nach, sein Haus in Weybridge zu verkaufen und nach Kalifornien auszuwandern. Seine Zeit in San Francisco hatte er genossen. In das Stillleben des Nachbargrundstücks kam Bewegung. John hob den Kopf, um besser über die Balkonbrüstung sehen zu können. Eine blonde Frau kam den gepflasterten Weg zum Haus herauf. Ihr weißes Kleid leuchtete zwischen dem üppigen Grün des englischen Sommers. Das Klappern ihrer Absätze zeugte von ihrer Eile. John lehnte sich seufzend auf seinem Stuhl zurück. Er erwartete das Unvermeidliche. Die milde Luft wurde von einer schrillen Stimme durchschnitten. „Andy, Reuben, holt die Sachen aus dem Auto. Seid mit den Gläsern vorsichtig. Ist euer Vater schon zu Hause?“ Mürrisches Murmeln aus dem Inneren des Hauses. „Nein, nicht gleich, sondern sofort.“ Zwei schlaksige Teenager schlurften widerwillig aus dem Haus und zum Auto. Erheitert beobachtete John, wie die beiden Jungen sich gegenseitig die schweren Einkäufe zuschoben, bis eine Kiste zu Boden fiel. Es klirrte laut. Das waren vermutlich die Gläser, mit denen sie vorsichtig hätten sein sollen. Die Teenager starrten sich einen Moment erschrocken an. Dann begannen sie mit gegenseitigen Schuldzuweisungen. Bevor dies in einer Rangelei enden konnte, stürzte ihre Mutter aus dem Haus und brachte mit ihrem Geschrei ihre Söhne zum Schweigen. John schüttelte amüsiert den Kopf und nahm einen Schluck Kaffee. Auf seinem Balkon fühlte er sich manchmal wie in einer Theaterloge. Der Eintritt war kostenlos, und jeden Tag wurde ein neues Stück aufgeführt. Jetzt hatte seine Lieblingsfigur, die ihn ein wenig an Algernon aus ‚The Importance of Being Earnest‘ erinnerte, ihren Auftritt. Calum gesellte sich zu seiner Familie. Unbeeindruckt von der Verärgerung seiner Frau sprach er in so ruhigem Ton mit ihr und seinen Söhnen, dass John kein Wort verstehen konnte. Angelockt durch Calums Stimme stieß nun auch der Golden Retriever Sammy zu seiner Familie. Die Aufregung und das Geschrei schienen ihm gut zu gefallen. Er rannte bellend um die vier Menschen herum. Als er damit keine Aufmerksamkeit erregen konnte, sprang er an Diane hoch. Ihr Kreischen musste in der ganzen Straße zu hören sein. Sie wischte über die dunklen Flecke auf ihrem Kleid und verteilte den Schmutz damit gleichmäßig über den Rock. Die Jungen lachten, woraufhin Diane ihr Schicksal beklagend ins Haus stürmte. Calum schien die Augen gen Himmel zu verdrehen und entdeckte dabei John. Er winkte und John grüßte zurück. Nach diesem kurzen Intermezzo wandte sich John wieder dem Bücher- und Papierstapel auf dem Tisch zu. Das meiste war Arbeit für den Verlag. Doch es befanden sich auch einige Reiseführer und Sachbücher über die nordamerikanische Westküste und im Besonderen San Francisco darunter. Allein ihr Anblick löste gemischte Gefühle in John aus. Wollte er das wirklich? Diese Frage beschäftigte ihn schon einige Jahre, seit Victor ihn verlassen hatte. Seine innere Stimme flüsterte wieder einmal, dass es nur eine Flucht und keine Lösung sein würde. Als er sie um alternative Vorschläge bat, schwieg sie wie üblich. John seufzte und schlug eines der Sachbücher auf. Ein Hochglanzfoto der Golden Gate Bridge fesselte ihn sofort. Es weckte Erinnerungen an seine Zeit in San Francisco. Im Rückblick erschien ihm alles einfach und angenehm. Aber war es wirklich so gewesen? Er hatte Victor kennengelernt, was eindeutig für die Stadt sprach. San Francisco war schön und eine Schwulenhochburg, aber das durch die Bucht bedingte feuchte Klima löste bei ihm häufig Migräne aus. Gereizt schob er die Bücher beiseite. Er ließ seinen Blick wiederum über seinen Garten wandern und runzelte die Stirn, als er Sammy entdeckte, der schwanzwedelnd ein Loch in den gepflegten Rasen grub. Von der Nachbarsfamilie war niemand mehr zu sehen. John zuckte zusammen, als im Erdgeschoss eine Tür knallte. Das konnte nur bedeuten, dass Calum gleich hier sein würde. Eilig klappte er das Notebook zu und schob die Bücher unter ein paar Papiere. Schon waren Schritte auf der Treppe zu hören. Gleich darauf betrat Calum den Balkon. Seine Bürokleidung hatte er bereits gegen alte Jeans und ein T-Shirt getauscht. Er warf sich in den zweiten Stuhl und begutachtete die Getränkeauswahl, die der Tisch zu bieten hatte. Wasser und Eistee verlockten ihn nicht. „Wo ist dein Single Malt?“ „Es ist fünf Uhr.“ Calums Brauen wanderten nach oben. „Schläft er noch?“ „Ja, mindestens bis acht.“ Calum grinste und bediente sich an den Erdbeeren auf dem Tisch. „Hat Diane sich beruhigt?“ „Wieso? Oh, ihr Kleid. Sie hat noch ungefähr hundertzwanzig andere, es sollte also keine Tragödie sein. Wie hast du deinen freien Tag verbracht?“ „Das fragst du mich jeden Mittwoch. Ich habe gefaulenzt.“ „Kannst du die Antwort nicht variieren? Es wird sonst langweilig.“ Calum griff nach einer weiteren Erdbeere. Dabei fiel sein Blick auf die Papiere, die John über den verräterischen Büchern drapiert hatte. Er runzelte die Stirn. „Du hast einen Makler engagiert? Willst du eine zweite Immobilie kaufen?“ John verfluchte sich innerlich für seine Unachtsamkeit, während er nach einer unverfänglichen Antwort suchte. „Ich bin mir noch nicht sicher. Vielleicht wäre eine kleine Wohnung in London praktisch.“ „Tatsächlich? Du arbeitest doch nur drei Tage in der Woche. Lohnt sich das?“ „Darum sagte ich ja, dass ich mir nicht sicher bin.“ „Ich finde die Idee gut, wenn ich dort ab und zu übernachten darf.“ „Das wäre kein Problem. Aber ich hätte gedacht, dass du die Abende lieber mit deiner Familie verbringst.“ Calum verzog das Gesicht, erwiderte aber nichts. In John verdichtete sich seit Längerem der Verdacht, dass es in Calums Ehe ernsthafte Probleme gab. Er wollte ihn jedoch nicht zu einem Gespräch darüber drängen und wechselte daher das Thema. „Wie wäre es mit einer Partie Schach?“ Calum seufzte. „Heute Abend leider nicht. Diane hat ein paar Leute eingeladen, um die nächste Wohltätigkeitsveranstaltung zu planen. Ich bin dabei das schmückende Beiwerk, das nicht fehlen darf.“ John grinste und beobachtete, wie sein Freund eine Schachtel Zigaretten aus einer in der Ecke deponierten Plastikkiste holte. Diane hasste, dass ihr Mann rauchte. Selbst Calum bezeichnete es als schlechte Angewohnheit und rauchte trotzdem weiterhin. Allerdings war es ihm in seinem Haus und sogar auf seinem Grundstück strengstens verboten. Daher gab es mehrere Zigarettenverstecke bei John. „Ist auch noch etwas für mich in unserer Sündenbox?“ Mit der glühenden Zigarette zwischen den Lippen bückte sich Calum ein weiteres Mal und zeigte ihm einen Schokoriegel. Dieser dunklen Versuchung konnte John nur selten widerstehen. Während er den Geschmack von Nüssen und Karamell genoss, beobachtete er seinen Freund möglichst unauffällig. Glücklich sah Calum nicht gerade aus. Er meinte, Zeichen von Anspannung um den Mund und in den blauen Augen zu erkennen. Es war nun die Frage, ob ihm der Gedanke an Dianes Besucher die Laune verdarb oder ob es ernsthafte Probleme waren. Ein Rauschen lenkte Calums Aufmerksamkeit Richtung Himmel. John folgte seinem Blick. Ein halbes Dutzend Heißluftballons schwebten vor dem langsam dunkler werdenden Blau. „Wir sollten einmal mitfliegen. Es ist bestimmt fantastisch.“ John erschauderte bei diesem Vorschlag. „Ich bin nicht schwindelfrei. Außerdem können diese Dinger abstürzen.“ „Sehr unwahrscheinlich. Die Aussicht muss grandios sein.“ „Wenn dir nicht jede Woche eine neue Art einfällt, wie du dich umbringen könntest, bist du nicht zufrieden.“ „Und du bist so abenteuerlustig wie Tante Polly.“ „Wer braucht in meinem Alter noch Abenteuer?“ „Ich. Sonst wäre das Leben langweilig.“ Calum lehnte sich waghalsig weit über die Balkonbrüstung, um den Ballons nachzusehen. Es kostete John viel Beherrschung, nicht aufzuspringen und seinen Freund beim Gürtel zu packen. In diesem Moment schrie Diane nach ihrem Mann. Calum erschrak und verlor einen Moment lang das Gleichgewicht. Sein Griff nach dem Geländer verhinderte eine Katastrophe. Das verschaffte John die Erfahrung, wie es sich anfühlte, wenn man fast einen Herzschlag bekam. Er sprang auf und stellte sich neben seinen Freund, um weitere Gefahren abzuwenden. „Oh nein, ein Brandloch.“ „Das ist jetzt deine größte Sorge? Du wärst beinahe vom Balkon gefallen.“ John atmete immer noch schwer vor Schreck, sein Puls raste. Seine Fantasie beschwor ein Bild von Calum herauf, der mit zerschmetterten Knochen im Garten lag. Er zitterte, während Calum die Ruhe selbst zu sein schien. „Aber eben nur beinahe. Das Brandloch ist tatsächlich in meinem T-Shirt. So kann ich nicht nach Hause gehen.“ John atmete tief durch, bevor er antwortete. „Diane weiß doch, dass du rauchst.“ „Ja, aber wir tun beide so, als wäre das nicht der Fall.“ John verdrehte die Augen. Er fragte sich, ob diese seltsamen Verhaltensweisen in einer Ehe normal waren. Calum war bereits auf dem Weg in sein Schlafzimmer, und John folgte ihm. Sein Puls beruhigte sich langsam, da Calum nun nicht mehr auf dem Balkon stand. Als er in den Raum kam, stand Calum vor seinem geöffneten Kleiderschrank und wühlte in den Shirts. Dabei fiel ihm eine braune Locke in die Stirn und seine Zungenspitze schaute zwischen den Lippen hervor. Diese Angewohnheit hatte John bereits bei ihrem ersten Treffen amüsiert. „Kannst du nicht das Oberste nehmen?“ „Nein, es soll aussehen, als wäre es meins.“ „Merkt Diane nicht sowieso, wenn du mit einem anderen Oberteil nach Hause kommst?“ „Nein, so genau sieht sie mich nicht an.“ Calum zog ein weinrotes T-Shirt über den Kopf, das ein wenig zu groß war. Im Gegensatz zu John war ihm ein Bauchansatz bisher erspart geblieben. Diane rief ein weiteres Mal nach ihrem Mann. Calum verdrehte die Augen und verließ das Zimmer. Einige Sekunden später streckte er nochmals den Kopf herein. „Wenn du einen lauten Schrei hörst, ruf nicht die Polizei.“ Das schelmische Funkeln in den blauen Augen brachte John zum Schmunzeln. „Was hast du gemacht?“ „Nichts. Aber ich werde mich weigern, bei der Wärme einen Anzug und Krawatte zu tragen.“ „Verständlich.“ Andererseits musste John sich eingestehen, dass er an Dianes Stelle auch darauf bestehen würde. Calum sah im Anzug umwerfend aus. „Nicht für Diane. Diese Garderobe ist auch bei einer kleinen Dinnerparty unerlässlich.“ Den letzten Satz hatte Calum mit Fistelstimme und affektierter Miene gesprochen. Er sah aus wie eine seiner Karikaturen. John schüttelte grinsend den Kopf, als Calum die Treppe hinunterpolterte. Dann ließ er sich auf sein Bett zurückfallen. Einige Mitglieder seiner wertvollen Teddysammlung fielen dadurch auf ihn, als wollten sie ihn trösten. John stellte sich die Frage, ob er diesen Abend lieber in der Haut seines Freundes oder in seiner eigenen verbringen würde. Sicherlich klagte Calum oft über Dianes Verhalten und in letzter Zeit schienen sie mehr Differenzen zu haben als gewohnt. Doch John erinnerte sich gut daran, wie sich die beiden kennengelernt hatten, an ihre Hochzeit und wie sie gemeinsam die finanziell schwierige Zeit überstanden hatten, als die Jungen noch klein waren und Calum wenig verdiente. Sie hatten ein doppeltes Bollwerk gegen die Welt gebildet und gemeinsam auf vieles verzichtet. Doch mit der stetigen Besserung der finanziellen Lage schien ihre Beziehung weniger eng und vertraut geworden zu sein. Diane, die ursprünglich geplant hatte, wieder arbeiten zu gehen, verbrachte immer mehr Zeit mit modernen Sportarten, langen Aufenthalten in Edelboutiquen und Wohltätigkeitsveranstaltungen. Anfangs lud Diane John zu jeder dieser Veranstaltungen ein. Sie war der Ansicht, dass sein Reichtum und seine Großzügigkeit andere Teilnehmer zu höheren Spenden ermuntern würden. Aber John verabscheute Menschenansammlungen jeglicher Art fast so sehr wie den damit einhergehenden, nichtssagenden Small Talk. Er probierte, mit mürrischem Gesicht in einer Ecke zu stehen und sich auf keinerlei Gespräche einzulassen. Daraufhin deklarierte ihn Diane als exzentrischen Millionär, und die Damen waren hingerissen. Sein nächster Versuch bestand darin, auf den Partys Unmengen an Alkohol zu trinken. Das brachte ihm durch Dianes Getuschel mit ihren Freundinnen das Etikett des leidenden Singles ein, den all sein Geld nicht vor Einsamkeit bewahrte. Die Damen waren außer sich vor Mitgefühl. Schließlich erschien er in einer engen rosa Hose, einem Netzhemd und barfuß. Der einzige Erfolg war, dass Calum wegen eines Lachanfalls fast an einem Schluck Wein erstickte. Diane ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und erzählte allen Anwesenden, dass er furchtbare Probleme mit seinem Coming-out gehabt hätte, die er noch aufarbeiten müsste. Die Damen waren sehr verständnisvoll und boten an, ihn mit Schwulen aus ihrem Bekanntenkreis zu verkuppeln. Erst an diesem Punkt fasste John den Mut, Diane unmissverständlich zu sagen, dass er zu keiner dieser Veranstaltungen mehr kommen würde. Alle weiteren Einladungen lehnte er kategorisch ab, steckte Calum aber jedes Mal einen Spendenscheck zu. Nach einem Jahr gab Diane es endlich auf. Heute Abend würde er also nicht mit Calum tauschen wollen. Doch im Allgemeinen stellte er sich dessen Leben einfacher und angenehmer vor. Damit wollte er ihm nicht unrecht tun oder ihm gar fehlenden Tiefgang unterstellen. Calum war jedoch viel extrovertierter als er und hatte dadurch einen großen Freundeskreis. Bei dem Gedanken daran hatte John schon immer eine Mischung aus Neid und Abwehr empfunden. Auf der einen Seite gefiel es ihm ganz und gar nicht, so viel allein zu sein. Andererseits fühlte er sich unbehaglich, wenn er einen anderen Menschen als Calum zu dicht an sich heranließ. Er wollte sich anderen nicht öffnen, wollte aber auch keine oberflächlichen Gespräche mit ihnen führen und ebenso wenig ständig allein sein. Wahrscheinlich brauchte er einen Therapeuten, um diese Paradoxien aufzulösen. Seufzend stand er auf und schloss die Schranktüren. Die Spiegel auf der Außenseite der Türen zeigten ihm wenig Erfreuliches. Er hatte wieder einmal vergessen, Sonnencreme zu benutzen. Sein Gesicht war stark gerötet und verschwitzt. Die Nase war am schlimmsten verbrannt und wirkte dadurch noch größer, als sie ohnehin schon war. John knurrte missmutig und fuhr sich durchs Haar. Nun standen die dunklen Strähnen in alle Richtungen ab. Ein fernes Donnergrollen sagte ihm, dass die erfrischende Dusche noch warten musste. Sein Notebook, die Papiere und Bücher lagen auf dem Balkon und durften nicht dem Regen zum Opfer fallen. Als er nach draußen kam, schlug ihm drückend schwüle Luft entgegen. Über dem nahen London hatten sich dunkle, tief hängende Wolken zusammengezogen. Ein erster kühlender Windzug trocknete den Schweiß auf Johns Gesicht. Er seufzte erleichtert. Feuchte Hitze empfand er als unangenehm und sehr störend für seine Konzentration. Rasch sammelte er seine Sachen zusammen und brachte sie in das angrenzende Arbeitszimmer. Dann kehrte er auf den Balkon zurück, um das herannahende Gewitter zu beobachten. Grollender Donner und grelle Blitze hatten ihn bereits als Kind fasziniert. Als kleiner Junge hatte er immer darauf gehofft, dass in der Nähe der Blitz einschlagen würde, um danach den Schaden begutachten zu können. Als die ersten kühlenden Tropfen auf seinen nackten Armen auftrafen, ging er ins Arbeitszimmer zurück und schloss die Balkontür. Eines der Bücher war auf den Boden gefallen. John hob es auf und betrachtete nachdenklich die Painted Ladies, die berühmtesten viktorianischen Häuser San Franciscos, auf dem Einband. Konnte er sich wirklich vorstellen, dauerhaft dort zu leben?


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