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Belletristik
Buch Leseprobe Mach’s gut mein Großer, Marko Wendekamm
Marko Wendekamm

Mach’s gut mein Großer


Geschichte einer echten Männerfreundschaft

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Es ist Sommer 1985 und in meiner Heimatstadt Cottbus,


wie in der übrigen DDR, haben sich die Menschen eingerichtet


und nach knapp 40 Jahren Sozialismus jegliche


Illusionen verloren. Noch wähnen sich Honecker und Co.


sicher im Sattel, doch eigentlich ist das Projekt Arbeiter


und Bauernparadies kläglich gescheitert. Die Versorgungslage


ist unterer Durchschnitt und zum dritten Mal in diesem


Sommer hat die Kaufhalle in Sandow keine Getränke


mehr. Ein erhebliches Problem, denn dieser Sommer ist


heiß und trocken. Niemand ahnt, dass in knapp 4 Jahren


die Menschen solche Mangelversorgungen nicht mehr nur


schulterzuckend hinnehmen, sondern immer lauter und


deutlich hörbar ihrem Unmut Luft verschaffen. Es sind


die letzten Ferien vor meinem „Arbeitsleben" und jeden


Tag koste ich aus, stopfe ihn voll mit Unternehmungen


und Erlebnissen. Unsere „Gang" umfasste 30 Teenies, die


voll beladen mit ihren Simsons zum Campen an die Ostsee


fuhren oder Partygelage am Gubener Großsee abhielten.


Ich möchte nebenbei überhaupt einmal ganz deutlich machen,


dass man in der DDR durchaus ein abenteuerliches


und aufregend schönes Erwachsenwerden erleben konnte.


In heutigen Dokus oder DDR-Darstellungen stören mich


oft die völligen Verklärungen. Die einen berichten von nur


schlechtem, die anderen sind immer noch oder schon wieder


verzückt. Die Wahrheit liegt dabei noch nicht mal in


der Mitte. Ironischerweise versuchte so ziemlich jeder ganz


individuell, sich sein Leben aufzubauen und so angenehm


wie möglich zu gestalten und das in einem Land, dessen


Endziel nach kommunistischer Auffassung in der völligen


Gleichschaltung aller gipfeln sollte. Für uns 30 Jungen und


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Mädchen jedoch war Politik kein Thema. Die Mädels entdeckten


ihren Körper und was man damit anfangen kann


und wir Jungen entdeckten allmählich die Mädchen und


schätzten das Gefühl, mit einer davon auf dem Moped den


Lässigen zu geben. Vermutlich spielt in dieser Phase keine


Gesellschaftsform, in welchem Land auch immer, eine


Rolle. Ich nehme für mich in Anspruch, behaupten zu dürfen,


eine wirklich schöne Kindheit und eine spannende und


lehrreiche Jugend gehabt zu haben. Es hat ein Weilchen gedauert


bis mir bewusst wurde, mit welchem Glück ich solche


Eltern bekam und behütet und beschützt aufwachsen


durfte. Ich habe damals vieles als selbstverständlich angesehen


und konnte mir ein anderes Umfeld gar nicht vorstellen.


Ich war gesund, sehr sportlich und unsere Familie


wurde, seit ich denken kann, mit „Westpaketen und Besuchen"


versorgt. Ich musste nie kratzige Hosen aus „Präsent


20"-Stoff tragen, habe seit dem Kleinkindalter unzählige


Gläser Nutella verputzt und liebte es, mit eigenen wenigen


Münzen Westgeld meine Freunde mit Cola-Dosen oder Zigaretten


aus dem Intershop zu beeindrucken. Ich war ein


Clown und Unterhalter, ein Zweifler und Rebell, ich habe


widersprochen und wurde geschützt, ich war ein Realist


und ein Spinner, kurzum mir ging es gut und denen um


mich herum auch. Wirkliche Armut oder echten Mangel


habe ich so nicht kennenlernen müssen und ich bin heute


meinen Eltern und meinen Verwandten zutiefst dankbar


für all diese Privilegien. Ich durfte diesen Zustand lange


genießen und auskosten und habe Gott sei Dank erst spät


mit 30 in der absoluten Blüte und noch mit allen Kräften


die ersten heftigen Lebensschläge ertragen und durchste11


hen müssen. Durch viele Menschen, die ich kennenlernte,


doch vor allem durch Peter, habe ich verstanden und erfahren,


dass nicht jeder so glücklich bedacht war. Seine Geschichte,


wie auch die von anderen, machten mir deutlich,


wie dicht doch Glück und Leid beieinander liegen. Dein


Nachbar könnte dir modisch fast gleichen und er fährt sogar


denselben Trabant wie du und doch braucht es nur ein


paar Umstände oder ein paar schlechte Menschen und die


Kindheit und Jugend ist gar nicht mehr so schillernd und


spannend. Ganz im Gegenteil, Angst und Spannung sind


ein ständiger Begleiter und lassen einen ganz anderen Erwachsenen


entstehen. Doch ahnte ich noch nichts davon


in diesem Spätsommer. Die Lehre begann, soviel war sicher,


doch sollte nun vor dem „Ernst des Lebens" die Party


erst mal nicht aufhören. Gemäß den Naturgesetzen verging


die Zeit wie im Fluge und ein paar Tage nach Lehrbeginn


lernte ich Peter kennen. Es war zunächst nur eine kurze,


eher flüchtige Begegnung, doch in den folgenden Tagen


und Wochen liefen wir uns immer öfter über den Weg und


begannen hier und da ein paar unbeholfene Gespräche miteinander.


Er war ein beeindruckendes Exemplar Mann. Bei


einer Größe von 1,96 Metern und wahrlich nicht dünn, eher


ein Hüne, konnte er schon mal die Sonne verdunkeln. Er


war mit 22 ein paar Jahre älter als ich, allerdings störte das


nie und später mit den Jahren verwischte der Unterschied


vollkommen.


Peter war kein Akademiker und hat auch sonst keine Titel


erlangt. Er war in seinen jungen Jahren ein einfacher Charakter.


Er war jemand der recht schlicht zwischen gut und


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böse unterschied und manchmal hatte ich den Eindruck,


dass seine Welt nur aus schwarz und weiß bestand, teilweise


nicht mal mit Grauton. Und dennoch hatte Peter so


etwas wie eine besondere Aura. Etwas, was einen anzieht


und nicht mehr loslässt. Er war niemand, der einfach so


jemandem sein Vertrauen schenkte. Er konnte nett und


freundlich sein oder schroff und zurückweisend. Überraschenderweise


haben wir recht schnell ziemlich intensiven


Umgang miteinander gehabt. Zeitgleich hatte er kurz zuvor


seine Paula kennengelernt. Eine Frau, die von Anfang an


zu ihm passte und ich glaube, beide wussten das. Paula war


fleißig, zupackend und in gewisser Weise dominant und


hat von Anfang in der Beziehung die Führung übernommen


und auch nicht mehr abgegeben. Heute, in Erinnerung


an so manchen Moment, könnte ich laut loslachen. Selbst


verzweifelte Versuche von Peter, sich wenigstens hin und


wieder zu behaupten, hat Paula mit zwei, drei straffen


Sprüchen einfach abgeschmettert. Irgendwann hatte er den


Widerstand aufgegeben und sich klaglos gefügt. Obwohl


wir deswegen erbitterte Streitereien geführt haben, gebe


ich heute sehr gern zu, mich getäuscht zu haben. Paula und


Peter hatten auf ihre Weise etwas, was anderen nie zuteil


wird. Ihre Liebe wurde folgerichtig in einer Hochzeit besiegelt


und entsprach in jeder Weise den letzten Worten


bei der Trauung ... bis dass der Tod euch scheidet. Peter


konnte nie gut genug mit Geld umgehen und war zu oft,


sehr gut zu sich. Paula dagegen musste regelrecht bekniet


werden, die Schatztruhe ab und an zu öffnen, um Annehmlichkeiten


möglich zu machen. In vielen guten Gesprächen


in den kommenden Jahren hat er mir immer wieder ver13


sichert, dass es ihm an nichts fehle. Ihm war es egal, ob


er Geld in den Taschen hatte oder nicht und ich habe im


Laufe der Zeit immer besser verstanden, dass er sich nicht


bevormundet, sondern eher umsorgt fühlte. Für mich hatte


es manchmal etwas Befremdliches, aber in den letzten und


besten Jahren vor seinem Tod hat er mir tiefe Einblicke in


sein Leben gewährt und aus seiner Sicht betrachtet, war


Paula das größte Glück, was ihm je passieren konnte und


die kleine Susi, die die beiden hervorbrachten war mit Sicherheit


sein ganzer Stolz und vermutlich das Beste, woran


er je mitgewirkt hat. Als wir uns im September 85 kennenlernten,


war das alles gerade im Entstehen und in der ersten


Blüte. Peter war gelernter Schlachter und ist über Umwege


in dem Betrieb gelandet, in dem ich eine Lehre begann,


die von Anfang an unter keinem guten Stern stand. Nicht


nur, dass ich gar kein Schlachterhandwerk erlernen wollte,


auch die künftige Arbeitsstätte war alles andere als ein vernünftiger


Start ins Berufsleben. Ich wollte Kfz-Mechaniker


werden, doch wurde daraus zunächst nichts, denn meine


Familie galt als wenig systemtreu. Meine weltoffenen und


gebildeten Eltern hatten es wahrlich nicht leicht in diesem


Staat. Vor allem mein Vater hat gelitten. Bis heute empfinde


ich es als nicht wieder gutzumachende Dummheit,


die Kapazitäten, die mein Vater bot, nie wirklich genutzt


zu haben. Dieser überaus gebildete Mann, der nicht nur


Kfz-Meister war, sondern keine Gelegenheit ausließ, sich


weiterzuentwickeln und über Jahrzehnte eine Befähigung


nach der anderen erwarb, war nur allzu oft tief enttäuscht


über Korruption, Dummheit und Intoleranz. 1978 haben es


beide wohl nicht mehr ausgehalten und trotz zweier Kinder


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mehrere Fluchtversuche gewagt. Ungeachtet aller Vorsicht


und aller Hoffnung endeten die Versuche in einer Katastrophe


und für meine Eltern sowie für meinen älteren Bruder


und mich im Gefängnis. Ich war zu dem Zeitpunkt 10 Jahre


alt, was die Staatssicherheit nicht davon abhielt, mich mit


meinem Bruder nach Berlin Alt-Stralau zu bringen. Meinen


Vater brachte man nach Rummelsburg und meine Mutter


musste Hohenschönhausen erdulden. Es wurde mir mitgeteilt,


dass Alt-Stralau kein Gefängnis im eigentlichen Sinne


sei, sondern eine Fürsorgeanstalt. Nun, ich empfinde Gitter


vor den Fenstern und abgeschlossene Zellentüren, die sich


nur zum gemeinschaftlichen Essen und zum Hofgang auf


der stacheldrahtumzäunten Dachterrasse öffnen, als Knast.


 


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