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Belletristik
Buch Leseprobe LOVERS & HATERS, Josie Charles
Josie Charles

LOVERS & HATERS


College-Liebesroman

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Prolog


Santa Monica, Kalifornien


Julianne


Ich stehe auf der Terrasse und sehe dem Licht der späten Nachmittagssonne dabei zu, wie es orangefarben auf der Wasseroberfläche glitzert. Der Pool sieht ziemlich einladend aus. Ich war hier so oft schwimmen, dass ich genau weiß, wie erfrischend sich das Wasser nach einem langen Spätsommertag wie diesem anfühlt.
Ein paar Minuten habe ich sicher noch, also worauf warte ich?
Kurzerhand ziehe ich mein dünnes weißes Shirt aus, streife die Sneakers ab und steige aus den Shorts. Manche Leute glauben, wir kalifornischen Mädchen hätten immer Bikinis unter unseren Sachen, und von allen Klischees, die ich je gehört habe, ist dieses das wahrste. Wozu auch normale Unterwäsche anziehen, wenn es Bikinis gibt, mit denen man jederzeit ins Meer hüpfen kann? Oder eben in den nächsten Pool.
Ich nehme Anlauf, laufe auf das Becken zu, springe ab – und höre gerade noch den entsetzten Ruf meiner Mom von der offenen Terrassentür zu mir in den Garten schallen.
»Julianne, nicht! Dein Taxi ist da!!«
Aber zu spät. Einen Moment lang fliege ich durch die Luft und ziehe die Beine an, dann lande ich mit einer perfekten Arschbombe im Wasser. Ich sehe es um mich herum aufspritzen, tauche ab und ein Schauer durchläuft mich. Es ist schön kühl, genau das Richtige an einem so warmen Tag. Sofort fühle ich mich hellwach und voller Energie.
Ich bringe meinen Körper unter Kontrolle, drehe mich herum und schwimme hinunter bis zum Grund, bis zu dem Mosaik, das Grandpa Maxwell extra für mich dort anbringen lassen hat.
Graue und dunkelblaue Steinchen symbolisieren ein Tor in einem Felsen.
Als ich noch klein war, war ich so abenteuerlustig, dass er sich ständig Geschichten ausdachte, um mich auf Trab zu halten. Mal sagte er, er habe irgendwo im Haus eine Elfe gesehen und ich solle sie suchen, mal behauptete er, in seinem Garten würde sich ein Tiger verstecken, den wir dringend einfangen und in den Zoo bringen müssten. Und dann gab es eben die Drachenhöhle. Ich war neun, als er mir sagte, wenn ich sie finden würde, bekäme ich bei der Sweet Daisy Creamery das größte Eis aller Zeiten. Ich bestellte mir acht Kugeln. Danach war mir drei Tage lang schlecht, trotzdem ist das eine meiner besten Kindheitserinnerungen.
Im Großen und Ganzen habe ich mich seitdem nicht groß verändert. Klar bin ich älter und reifer geworden, aber das Wichtigste im Leben finde ich immer noch, den Moment zu genießen. Und wenn einem hinterher der Bauch, der Kopf oder auch mal das Herz wehtut, ist es eben so. Nur wer stillsteht und sich nicht bewegt, empfindet keinen Schmerz, und auch das nur, wenn er Glück hat.
Lächelnd streichle ich über das Mosaik, dann tauche ich wieder auf und stelle fest, dass nicht wie erwartet meine panische Mutter, sondern Grandpa Maxwell am Rand des Pools steht.
Mit einem gutmütigen Kopfschütteln blickt er auf mich herab.
»Wo ist Mom hin?«, frage ich und wische mir mit den Händen meine nassen dunkelblonden Haare aus dem Gesicht.
»Sie diskutiert mit dem Taxifahrer, damit er wartet, bis du dich abgetrocknet und umgezogen hast.«
Ach ja, richtig. Das Taxi.
»Zwei Minuten«, sage ich, klettere aus dem Wasser und nehme dankend das Handtuch an, das Grandpa mir hinhält.
»Und?«, will er wissen. »Hat sich der Drache heute gezeigt?«
Schmunzelnd rubble ich meine Haare halbwegs trocken. »Wieder nicht.«
Grandpa seufzt und fährt sich mit der Hand über den kurzen weißen Bart. »Nun. Vielleicht tut er uns den Gefallen endlich, wenn du Thanksgiving zu Besuch kommst.«
Wenn ich zu Besuch komme, wie komisch das klingt. Wenn man auf der High School ist, fiebert man nur so darauf hin, endlich raus in die Welt zu ziehen. Als ich einen Collegeplatz in der Nähe bekam, der es die vergangenen zwei Jahre über unnötig machte, wegzuziehen, war ich fast sauer. All meine Schulfreundinnen von früher sind schon längst fort und ich saß hier fest. Jetzt jedoch, wo es für mich ebenfalls losgeht, empfinde ich Wehmut; denn egal, was auf mich zukommt: So wie jetzt wird es nie wieder sein. Das hier ist ein Abschied von meinem bisherigen Leben und Abschiede habe ich noch nie gemocht. Aber zugleich freue ich mich auch riesig auf den nächsten Abschnitt meines Weges: mein Studium am anderen Ende der Staaten, an einer der besten Unis überhaupt.
»Princeton«, sagt Grandpa. »Weißt du eigentlich, wie stolz wir alle auf dich sind, Jules?«
Bevor ich etwas sagen kann, plärrt die Stimme meiner Mutter aus dem Haus: »Julianne Shaw! Wenn du nicht nach New Jersey laufen willst, solltest du vielleicht mal einen Zahn zulegen! Das Flugzeug wird nicht auf dich warten, auch wenn dir dein Großvater vermutlich gerade was anderes erzählt!«
Grandpa und ich grinsen einander an, während ich in meine Klamotten schlüpfe.
»Die warten«, sagt er und zuckt mit den Schultern. »Die warten immer eine Weile.«
»Ich weiß«, sage ich und umarme ihn zum Abschied, wobei ich nasse Flecken auf seinem flamingofarbenen Polohemd hinterlasse. »Ich bin aufgeregt«, gebe ich dabei zu.
Grandpa sieht mich an. »Du brauchst nicht aufgeregt zu sein, Jules. Vergiss nicht, wer du bist und was du draufhast, dann kannst du alles schaffen, das weißt du doch.«
Dankbar nicke ich ihm zu. Er hat Recht und es ist ja auch nicht so, dass ich Angst hätte. Mir ist nur ein bisschen mulmig zumute.
»Pass gut auf dich auf«, sage ich und drücke Grandpa Maxwell nochmal.
»Das erledigt Grandma Embry«, erwidert er und ich lache leise.
»Hoffentlich. Sonst gibt’s Ärger.« Schweren Herzens lasse ich Grandpa los.
»Auf zu neuen Abenteuern?«, fragt er.
»Bin bereit.«
Damit greife ich nach meinen Schuhen. Barfuß, feuchte Abdrücke auf dem Terrassenboden hinterlassend, tappe ich ins Haus und lausche ein letztes Mal all den vertrauten Geräuschen hier.
Dem Zwitschern der Kanarienvögel, die Grandpa Maxwell und Grandma Embry in einer großen Voliere im Wintergarten halten. Dem Kommentator des Sportkanals, den Dad natürlich gleich nach dem Abendessen eingeschaltet hat.
Dann laufe ich nach draußen, wo meine Familie schon als Abschiedskomitee bereitsteht und wo das Taxi wartet, das mich zum Flughafen bringt.
Auf nach Princeton, New Jersey.
Auf zu neuen Abenteuern.


 


***


 


Princeton, New Jersey


 


Sam


Die Kabinenbank vibriert unter mir, als die rund 30.000 Zuschauer draußen auf den Rängen für die Cheerleaderinnen jubeln, die gerade ihre Show beendet haben.
»Was für ein Auftakt!«, ruft der Kommentator. »Doch das richtige Spektakel kommt erst noch! Seid ihr bereit für ein einzigartiges Spiel zwischen Princeton und Virginia Tech?«
Der Jubel wird noch lauter, Anfeuerungsrufe mischen sich hinein. Ich blicke auf den Kachelboden der Umkleide, aber in Wahrheit sehe ich schon das Stadion vor mir. Die Flutlichter, den von Kreidelinien durchzogenen Rasen, die unzähligen Fans in Schwarz und Rot, den Farben meines Teams.
Heute Abend geht es um alles. Heute wird sich entscheiden, ob wir aus der Ivy League, der Football-Liga für die amerikanischen Elite-Unis, in die ACC wechseln können – eine Liga, in der American Football nicht nur zum Spaß gespielt wird, sondern die richtige Profis hervorbringt.
Hier und heute entscheidet sich, ob eine Sportkarriere vor mir liegt oder nicht.
Scheiße, ich kann es gar nicht erwarten, dort raus zu gehen und den Virginia Panthers zu zeigen, was wir draufhaben.
Ich stehe auf. Der Rest meines Teams ist schon im Kabinengang und wartet nur noch auf das Kommando, um endlich aufs Feld zu stürmen.
Angespannt schaue ich auf die Tür, die gegenüber vom Ausgang liegt. Wenn Wilson nicht gleich auftaucht, muss ich los. Ich kann nicht ewig warten. Ich bin der Quarterback und wenn wir da rausgehen, muss ich die Mannschaft anführen.
»Komm schon, Wilson, hast du dich verlaufen oder was?«, murmle ich und schnappe mir meinen Helm.
»Beim letzten Match«, ruft draußen der Kommentator, »hat Quarterback Sam Kingston sagenhafte drei Touchdown Passes erzielt! Was meint ihr, schafft er heute vier?«
Klar schaffe ich vier, das habe ich mir fest vorgenommen. Ich schaffe auch fünf, wenn es sein muss. Der Rekord liegt bei sieben Touchdown-Pässen in einem Spiel, aber ich versuche mich gern auch an acht, wenn es darum geht, endlich die Liga zu wechseln.
Doch vorher muss ich noch diese eine Sache wissen.
Ungeduldig wechsle ich den Helm von einer Hand in die andere.
»Kings, wir müssen gleich raus!«, ruft Jed, unser Fullback, aus dem Gang.
»Bin sofort da!« Wenn Wilson in den nächsten zehn Sekunden nicht auftaucht, gehe ich.
Zehn. Neun. Acht …
Glück gehabt.
Die Tür öffnet sich und da ist er. Wie es für unsere Ticketverkäufer üblich ist, ist Wilson kein sehr sportlicher Typ. Doch er ist Fan durch und durch, darum trägt auch er ein Trikot unserer Mannschaft und hat sich zwei schwarze Balken unter die Augen gemalt, die leicht verwischt sind, weil sein sommersprossiges Gesicht schweißnass ist. Außerdem ist er völlig außer Atem.
»Sorry, hat ein bisschen länger gedauert. Wir sind voll bis auf den letzten Platz.«
»Und?«, frage ich angespannt. »Sind sie aufgetaucht?«
Wilson schüttelt den Kopf, ein Tropfen Schweiß perlt dabei aus seinem Haar zu Boden. »Tut mir leid, Kings.«
Das braucht ihm nicht leidzutun, was anderes habe ich ehrlich gesagt auch nicht erwartet, als ich die Tickets zurücklegen ließ. Dass sie nicht gekommen sind, ist eine klare Botschaft, die mich im Endeffekt nur noch mehr anspornt, heute mein absolut Bestes zu geben.
»Danke, Alter«, sage ich.
Wilson nickt. »Viel Glück.«
»Wünsch lieber den Panthers Glück«, sage ich und setze meinen Helm auf. »Wobei ihnen das auch nicht helfen wird.«
Wilson fängt an zu strahlen. »Ich hab auf drei Touchdown Passes getippt.«
In dem Moment beginnt im Stadion unser Entry-Song – Stronger von Kanye West.
Ich zeige Wilson als Antwort vier Finger, dann wende ich mich ab, verlasse die Kabine und laufe zu den anderen in den Gang, der ins Stadion führt.
»Endlich wach geworden, Dornröschen?«, zieht mich einer meiner Kollegen aus der Defense auf.
Grinsend befestige ich meinen Helm. »Also, was ist, Männer?«
»Machen wir aus den Panthers kleine Miezekatzen«, feixt unser Wide Receiver.
»Die sind schon Miezekatzen.« Auf dem Weg nach vorn klatsche ich mit den anderen ab. »Wir helfen ihnen nur, es zu verstehen.«
Damit erreiche ich die Spitze der Mannschaft, der Refrain beginnt und die Bässe hämmern ohrenbetäubend laut aus den Lautsprechern.
Was mich nicht umbringt, macht mich nur stärker – jetzt muss es schnell gehen, ich kann nicht länger warten.
Verdammt richtig.
Ich halte Jed, der mit mir gemeinsam als Erster einläuft, die Faust hin.
»Jetzt geht’s um alles«, sagt er und schlägt ein.
»Kinderspiel«, erwidere ich.
Damit laufen wir los, durchqueren den Kabinengang und treten raus auf den Rasen. Sofort springen die Fans von ihren Plätzen auf und trotz der lauten Musik kann ich ihre Rufe hören.
»Kings-ton, Kings-ton, Kings-ton!«
Mich erfasst das altbekannte Gefühl, das mich seit meinem ersten Spiel jedes Mal begleitet, wenn ich ein Footballfeld betrete, diese Mischung aus Stolz und dem Willen, absolut alles zu geben. Für mich gibt es kein besseres Gefühl auf der ganzen Welt.
Also gut. Vier Touchdowns habe ich mir vorgenommen.
Dann wollen wir mal.


***


 


Kapitel 1


 


Julianne


Als ich Princeton erreiche, ist es früher Morgen. Das Taxi fährt mich durch eine waldige Landschaft, in der nur vereinzelt prachtvolle, säulenverzierte Wohnhäuser stehen. Die Sonne geht gerade auf, dünner Nebel hängt in den Wiesen und Feldern, der sich Stück für Stück verzieht, als wir vom Land in die Stadt fahren.
Princeton ist klein, gemütlich und eindeutig neuenglisch angehaucht. Dass wir uns der Universität nähern, erkenne ich vor allen Dingen an dem rotschwarzen Konfetti und den gleichfarbigen Luftschlangen, die die Bürgersteige sprenkeln. Offenbar hat hier gestern irgendeine Feier stattgefunden.
»Zu welchem Wohnheim wollen Sie?«, fragt der Taxifahrer.
»Whitman«, sage ich. »17a.«
»Glück gehabt«, erwidert er und ein paar Minuten später verstehe ich auch, was er meint.
Wir erreichen einen Komplex aus niedrigen Backsteingebäuden, die so romantisch aussehen, dass mein Dad, der Schriftsteller ist, gut und gern einen seiner Herzschmerzromane hier verorten könnte.
Die einsame Jungfrau aus Whitman Village oder so.
Mir dagegen kommen solche alten Gebäude immer wie Museen vor, als dürfte man nichts anfassen, um nicht zu riskieren, irgendetwas kaputtzumachen.
»Da wären wir«, sagt der Fahrer. »17b ist das Haus gleich da vorn, das mit der freundlichen Fußmatte.«
Ich brauche einen Moment, um zu entdecken, was er meint. Häuschen reiht sich hier an Häuschen, aber die Matte sticht auch mir ins Auge. STAY THE F**K OUT, steht in riesigen Buchstaben darauf und ich muss unwillkürlich lachen. Das nenne ich einen netten Empfang.
»Danke«, sage ich und bezahle den Fahrer.
»Soll ich Ihnen mit dem Gepäck helfen?«
»Das schaffe ich schon«, erwidere ich, steige aus und mir entgeht nicht der skeptische Blick des Fahrers, als ich meinen Koffer und die große Reisetasche ohne fremde Hilfe nach draußen hieve.
Ich bin eins siebzig groß und werde oft als zierlich bezeichnet, weshalb die meisten Leute glauben, es wäre körperliche Leistung genug für mich, mein eigenes Gewicht zu tragen.
»Leichtes Gepäck, was?«, ruft der Fahrer aus seinem heruntergelassenen Fenster.
»Ja, genau«, sage ich, bevor er noch anfängt, die Naturgesetze zu hinterfragen, nur weil ein Mädchen ihren eigenen Kram trägt.
Ich schultere die Tasche und ziehe den kirschroten Koffer hinter mir her zum Eingang.
Mit dem Schlüssel, der netterweise für mich am Flughafen hinterlegt war, schließe ich die dunkle Holztür auf und das Knarzen, mit dem sie sich öffnet, lässt mich gleich wieder an Dad und seine Romane denken.
Die einsame Jungfrau von Whitman Village betrat das kleine Cottage, in dem sie mit ihren 44 Katzen lebte. Zu dem Zeitpunkt ahnte sie nicht, dass der Prinz auf dem weißen Ross sie schon aus der Ferne beobachtete.
Oder so ähnlich.
Ich ziehe den Koffer in den schmalen Flur, mache die Tür hinter mir zu und vorbei ist es mit der Romantik – denn im Inneren sieht das Gebäude wie ein ganz normales Wohnheim aus. Linoleumboden, Neonröhren an der Decke, links und rechts geschlossene Türen, hinter denen noch alle zu schlafen scheinen. Nur der Kaffeeduft, der in der Luft liegt, verrät mir, dass schon irgendjemand wach sein muss.
»Hallo?«, frage ich leise, aber eine Antwort bekomme ich nicht, also mache ich mich auf die Suche nach meinem Zimmer.
Es befindet sich glücklicherweise im Erdgeschoss, sodass ich nicht mit meinem ganzen Zeug die Treppe in den ersten Stock hinaufpoltern muss. Nummer dreizehn, was für mich schon immer eine Glückszahl war. Die Dreizehn ist sogar meine Spielernummer.
Ich ziehe meinen Koffer an Zimmer fünf vorbei, sechs, sieben …
Dann öffnet sich rechts von mir eine Tür und ich erwarte, dass eine meiner neuen Mitbewohnerinnen rauskommt. Doch stattdessen ist es ein großer, ziemlich muskulöser Schwarzer in einem zerknitterten rotschwarzen Trikot, der mich mehr als erschrocken anstarrt – und dann mehr als erleichtert.
»Mann. Für’n Moment dachte ich, du wärst die Hausvorsteherin.«
»Und ich dachte für einen Moment, du wärst eine Frau«, gebe ich zurück.
Der Typ lacht laut und schallend, und sollte bis gerade noch jemand in diesem Häuserblock geschlafen haben, müssten jetzt eigentlich alle wach sein.
Er hält mir seine riesige Pranke hin. »Khalan Lamonte, Defense.«
Ich erwidere seinen Handschlag und sage: »Jules Shaw, Offense.«
Sein Gesichtsausdruck verrät mir, dass er das für einen Scherz hält. Er weist auf meinen Koffer und sagt: »Nichts für ungut, kleine Lady. Aber es wäre schön, wenn du keinem sagst, dass ich hier war.«
»Dass du wo warst?«, frage ich und er lacht wieder, dann macht er sich auf den Weg nach draußen.
So läuft das hier also. Obwohl Princeton eine renommierte und nach außen hin eher spießige Uni ist, schleichen sich auch hier die Sportstars nachts in die Schlafräume der Studentinnen. Ich glaube, auf gewisse Weise sind alle Colleges und Unis dieser Welt gleich.
Die Eingangstür fällt hinter Khalan ins Schloss und zugleich entdecke ich Raum Nummer 13.
Ich klopfe kurz und vorsichtig, dann trete ich ein, oder zumindest versuche ich es. Doch ich werde gleich von einem Schwall aus einer Sprühdose begrüßt, der mir vom Bett auf der rechten Seite aus entgegenwallt. Bestimmt ist das Pfefferspray!
Augenblicklich pralle ich zurück. »Hey, was soll denn das??!«
Das Sprühgeräusch hört auf und ich blinzle, aber meine Augen brennen nicht. Zuerst denke ich, meine Brille, durch die ich meine Kontaktlinsen während der Nacht im Flieger ersetzt habe, würde mich schützen.
Dann jedoch erfüllt plötzlich ein blumiger Duft die Luft und eine zerknirschte Stimme sagt: »Kannst reinkommen. Ist nur Deo.«
Deo. Na toll.
Ich starte einen zweiten Versuch, mein neues Zuhause auf Zeit zu betreten und sage: »Danke, aber ich hab mich am Flughafen frischgemacht.«
Im rechten Bett hat sich meine Mitbewohnerin aufgesetzt, die kleine Sprühdose hält sie noch in der Hand. Sie ist ebenfalls blond, aber ihr Haar ist deutlich heller als meins. Es steht ihr wirr vom Kopf ab und auf ihrem weiten rosa T-Shirt steht in comicartiger Hello-Kitty-Schrift HELLO LOSER.
Ich glaube, jetzt weiß ich schon mal, von wem die Fußmatte stammt.
»Sorry«, sagt sie kleinlauter, als der Spruch auf ihrem Oberteil vermuten lässt. »Ich dachte, du wärst ein Vergewaltiger.«
»Tja, also, ich bin kein Vergewaltiger«, erwidere ich und mache die Tür hinter mir zu. »Ich bin Jules.«
»Dolphin«, sagt sie.
»Nicht dein Ernst«, erwidere ich.
»Doch, leider schon.« Sie stellt die Deodose weg. »Weil meine Mom eine Wassergeburt hatte.«
»Wie gut, dass du nicht mit der Saugglocke kamst.«
»Oder per Kaiserschnitt.« Dolphin nickt voller Betroffenheit über ihren eigenen albernen Vornamen, dann fängt sie an zu kichern und im nächsten Moment müssen wir beide lachen, weil wir uns vorstellen, dass es noch viel schlimmer wäre, wenn sie Ventouse oder C-Section hieße.
Ich glaube, wir werden uns gut verstehen.
»Also«, sage ich und nehme meine Seite des Zimmers, die noch total kahl ist, in Augenschein. »Bist du nur paranoid oder gibt es hier viele Vergewaltiger?«
Dolphin gibt ein unbestimmtes Geräusch von sich und lässt sich zurück auf ihre Matratze sinken. »Laut meinem Dad gibt es die überall und man muss als Frau jede Sekunde auf der Hut sein. Er ist Colonel bei der Army. Wenn er dürfte, hätte er mich mit einem Maschinengewehr ausgestattet.«
»Gut, dass er nicht hat, sonst wäre ich jetzt vermutlich Matsch.« Ich stelle meine Tasche auf dem Bett ab und bin froh, dass meine Mitbewohnerin nett zu sein scheint. Und auf der Hut. Das ist gut, denn wenn ich einmal schlafe, dann schlafe ich wie ein Stein.
Dolphin lacht. »Keine Sorge. Ich bin vielleicht vorsichtig, aber nicht irre. Sagen zumindest die Stimmen.«
Während ich noch über ihren Spruch grinse, höre ich sie mit ihrem Bettzeug rascheln.
»Also, Jules, ich werd jetzt noch eine Stunde schlafen, und da ich praktischerweise nicht nur deine Zimmergenossin, sondern auch deine Tutorin bin, bringe ich dich nachher zum Sekretariat. Wir treffen uns hier. Um Punkt neunhundert.«
Damit dreht sie sich auf die Seite und zieht sich die Decke über den Kopf. Ich überlege kurz, ob ich mich auch noch hinlegen soll, beschließe dann aber, dass sich das nicht mehr lohnt. Ich werde jetzt meine Sachen auspacken und meinen Stundenplan durchgehen. Dann springe ich unter die Dusche und anschließend starte ich in meinen ersten Tag als Studentin in Princeton. Ich bin gespannt, was mich hier alles erwartet.


***


 


Sam


 


Das Bett unter mir ist weich und bequem und ich glaube, ich könnte ewig schlafen. Am liebsten würde ich das auch, denn sobald ich wach werde, merke ich, dass ich gestern Abend ein Siegesbier zu viel hatte. Meine Gedanken fühlen sich vollkommen verknotet an, was wahrscheinlich an meinen rasenden Kopfschmerzen liegt.
Aber wir waren so gut, das musste einfach gefeiert werden! Wir haben mit 39 zu 22 Punkten gewonnen, und eine nicht unwesentliche Zahl dieser Punkte habe ich zu verantworten.
Vier. Verfluchte. Touchdown-Pässe.
Mein persönlicher Rekord.
Nur war es, glaube ich, keine gute Idee, jeden dieser Touchdowns im Nachhinein mit gefühlt vier Promille aufzuwiegen. Mein Hirn wehrt sich dagegen, dass ich auch nur plane, die Augen zu öffnen und mein Körper fühlt sich so schwer an, als wäre ich mitten im Tackle unter einem Berg gegnerischer Spieler begraben.
Wie zur Hölle soll ich heute auch nur eine Stunde an der Uni überstehen?
Und wie spät ist es überhaupt?
Träge öffne ich ein Auge, um auf die Uhr zu sehen – und erschrecke mich halb zu Tode, als mich ein blasses Gesicht aus dem Halbdunkel anstarrt!
Ich schnelle hoch und verpasse der Besitzerin des Gesichts, die über mir kauert, beinahe eine Kopfnuss. Sie schafft es gerade noch, sich von mir runterzurollen.
»Kings, was soll denn das?«, beschwert sie sich, und anhand ihrer Stimme erkenne ich sie.
Das ist Sheila, eine aus der Marschkapelle. Im Ernst? War ich so betrunken, dass ich Sheila flachgelegt habe? Nicht, dass sie nicht heiß wäre, doch sie gilt als so ungefähr spießigste und zurückhaltendste Frau der ganzen Uni. Wenn mich meine Erinnerungen nicht trügen, war sie letzte Nacht allerdings alles andere als spießig. Auch wenn ich im Nachhinein nicht ganz verstehe, wie sie mein Ding im Mund gehabt haben kann, während ich ihre Brüste –
»Was macht ihr für einen Lärm?«, mischt sich in dem Moment eine weitere Stimme ein.
Schnell drehe ich den Kopf nach rechts und erkenne, dass noch eine Frau neben mir im Bett liegt. Anstatt mich gruselig anzustarren, hat sie aber anscheinend bis gerade, genau wie ich, geschlafen.
Sie setzt sich auf. Dunkles Haar, schöne Lippen. Keine Ahnung, wie sie heißt, aber ganz offensichtlich hatte ich nicht nur mit Sheila, sondern auch mit ihr Sex. Ein waschechter Dreier, und ich erinnere mich kaum daran. So ein Mist kann auch nur mir passieren!
»Sorry«, sage ich heiser. »Ich hab mich nur erschreckt, das ist alles.«
»Du hast dich erschreckt?«, fragt Miss Brünett. »Wie alt bist du, zwölf?«
Ich deute auf Sheila. »Sie lag auf mir und hat mich angestarrt.«
Sheila wird, soweit ich das im Dämmerlicht erkennen kann, knallrot.
»Wieso hast du ihn angestarrt?«, fragt die Brünette sie leise, während ich mich aus den Laken arbeite und aufstehe.
»Na, er sieht gut aus«, erwidert Sheila im Flüsterton. »Ich wollte mir sein Gesicht einprägen, bevor er geht.«
Oh Mann. Die Frau ist wirklich unheimlich.
Und noch was ist unheimlich, stelle ich fest, als ich mich umsehe. Ich lasse den Blick über den dicken Perserteppich schweifen, die kitschige Sitzgruppe am Fenster, dann drehe ich mich zu dem riesigen Himmelbett um.
»Wo sind wir?«, frage ich die zwei Frauen, denn ich habe keinen Plan.
»Im Windsor Inn«, sagt die Brünette und betrachtet dabei unverhohlen mein bestes Stück.
Kein Wunder, ich bin splitternackt und wo meine Sachen sind, weiß ich auch nicht.
»Du wolltest unbedingt die Junior Suite mieten.«
Ich wollte was?
»Bisher dachte ich immer, Eightpacks sind eine Erfindung von Männerzeitschriften«, murmelt Sheila entzückt.
Ich schaue an mir runter und kapiere, dass sie von meinem Körper spricht. »Nein, sind sie nicht. Man muss einfach nur …«
Was mache ich hier? Zum einen glaube ich nicht, dass Sheilas Bemerkung bedeutete, dass sie Fitnesstipps von mir will und zum anderen sollte ich echt los. Es ist ein ganzes Stück vom Windsor Inn bis zur Uni und ich will vorher wenigstens duschen.
»Na schön, ist mein Auto hier?«, frage ich und gehe dabei schon mal ins Bad, wo ich zumindest meine Kleidung vorfinde. Sie liegt auf dem Boden, vermischt mit den Klamotten der zwei Frauen.
»Erinnerst du dich etwa nicht an letzte Nacht?«, ruft die Brünette amüsiert.
»Nicht an alles!«, erwidere ich und sammle meine Klamotten ein.
Als ich mich wieder aufrichte, sagt eine samtige Stimme: »Du brauchst nicht so zu schreien, ich bin direkt hinter dir.«
Ich drehe mich um und stelle fest, dass die Brünette mir gefolgt ist. Auch sie ist vollkommen nackt und ihre Nippel recken sich mir vorlaut entgegen.
»Na … ihr drei«, sage ich.
Sie kommt einen Schritt näher, scheint meine unverhohlene Lust sichtlich zu genießen. »Ich dachte, während Miss Marschkapelle da drüben noch über deine Muskeln schwärmt …«
Sie legt ihre Hand auf meinen Bauch und lässt sie langsam nach unten wandern. Ich zucke leicht zusammen, als sie einen der blauen Flecken erwischt, die ich mir beim Match zugezogen habe. Doch zugleich komme ich einen Schritt näher.
»… frische ich dein Gedächtnis ein bisschen auf«, vollendet sie ihren Satz.
Damit wandern ihre Finger noch ein Stück tiefer.
Mir ist klar, dass ich an dieser Stelle eingreifen und sie stoppen sollte. Ich muss echt los, heute ist Semesterbeginn und ich habe eine ganze Menge zu erledigen, bevor nachher die neuen Rekruten zum Probetraining erscheinen. Aber ich glaube, dann könnte ich nie mehr in den Spiegel sehen, ohne groß das Wort IDIOT auf meiner Stirn zu lesen.
»Also gut«, sage ich gepresst, während sich die Finger der Brünetten um meinen Schwanz schließen. Kurzerhand packe ich sie an den Hüften und schiebe sie vor mir her in Richtung Dusche.
Ich wollte ja sowieso noch duschen.
Da spricht wohl nichts dagegen, es mit ihr gemeinsam zu tun.


***


 


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