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Belletristik
Buch Leseprobe Lieber den Spatz in der Hand, Ella Marcs
Ella Marcs

Lieber den Spatz in der Hand


als gar keinen Vogel Roman

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Eigentlich wäre es cool, wenn ich durch den
Erdkern fallen und auf der anderen Seite der
Welt wieder herauskommen könnte. Aber nur,
wenn ich ganz sicher wäre, dass sich dort das Festland von Neuseeland befinden würde und nicht das fünftausend Meter tiefe Tasmanische Meer – was wiederum uncool wäre. Ja, ich redete wirres Zeug.


Aber wen wunderte das nach sieben Stunden Adressen- schreiben? Und ja, ich hatte zu viele Reiseführer über Neu- seeland gelesen, schließlich wäre ich fast mit meinen Freun- den und meinem Verlobten Ingo dort hingeflogen. Jetzt aber waren sie ohne mich unterwegs, und ich saß am Esstisch mei- ner Eltern in den Bergen des Sauerlandes und vor den Bergen von fast dreihundert Briefumschlägen.


Und das alles nur, weil meine hochschwangere Schwes- ter Jasmin ihren Zukünftigen doch noch hatte überreden können, sie zu heiraten. Was ja eigentlich kein Problem ge- wesen wäre, hätte sie nicht darauf bestanden, unbedingt eine Märchenhochzeit zu feiern – und das unbedingt vor dem Geburtstermin ihres Sprösslings, ergo in gerade maldrei Wochen.


Das hatte letzten Endes dazu geführt, dass der Flieger nach Neuseeland ohne mich gestartet war und ich mich in der Rolle einer dieser unglückseligen Hochzeitsplanerinnen wiederfand, die in Seifenopern am Ende immer ihren Traum- mann treffen oder mit dem Bräutigam durchbrennen. Doch das kam für mich beides nicht infrage, denn ich hatte mei- nen Mr Right schon längst gefunden.


Auch die Braut hatte bis auf ihre Optik nur wenig mit diesen zarten, hilflosen Wesen im Film gemein, denn wenn jemand wusste, was sie wollte, dann war es Jasmin. Dieses Gen hatte sie eindeutig von Mutti geerbt, und ich wünschte, ich hätte


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wenigstens ein halbes davon abbekommen, denn dann würde ich jetzt nicht hier sitzen und mir die Finger wundschreiben. Ich streckte meinen vom langen Sitzen verspannten Rü-


cken. Eigentlich wollten Jasmin und Mutti mir helfen, aber dann hatten sie plötzlich unaufschiebbare Dinge zu erledigen gehabt. Das wunderte mich irgendwie nicht weiter, denn so lief das hier leider meistens. Mein Blick fiel auf unsere Katze Lady, die mich vom Fensterbrett aus mit mitleidigem Blick musterte. Sie hatte ja recht. Warum war ich eigentlich immer die Dumme? Schon wieder eigentlich ... Sobald das Wörtchen eigentlich ins Spiel kam, schien der Ärger vorprogrammiert.


Das Piepsen meines Smartphones riss mich aus meinen Gedanken. Es war eine Nachricht von Sabin.


Grinsend legte ich das Handy zurück auf den Tisch. Sabin hackte garantiert das nächste halbe Jahr darauf herum, dass ich nicht mitgefahren war. Aber sie hatte ja auch keine Schwester – und ich ungerechterweise gleich zwei davon. Familie ging eben vor.


Seufzend nahm ich einen neuen Briefumschlag, setzte die Feder an und beugte mich wieder über die Liste. Die letzten beiden Adressen waren von Hand daruntergesetzt worden: Rudi Piepenkötter und Tante Elli, seine Fast-Exfrau. Na, ob das so eine gute Idee war?


Auf Papis Sechzigstem hatten die beiden während eines aus dem Ruder gelaufenen Streits den halben Porzellanbe- stand des Hotels zerlegt. Aber mir sollte es gleich sein. Schnell schrieb ich noch die beiden Adressen. Hauptsache, ich war endlich, endlich, endlich fertig. Halleluja!


Ich legte den Stift beiseite und begann, die Umschläge in zwei Kartons zu schichten. Anschließend verschloss ich sie sorgfältig mit dem Deckel, damit Jasmins Bräutigam sie un- versehrt zur Post bringen konnte, und zwar, wie ein Blick auf die Standuhr mir offenbarte, eigentlich genau jetzt. So weit der Plan – nur das Wort eigentlich machte mir Sorgen.


Von nebenan erklangen Muttis und Jasmins Stimmen. Meine kleine Schwester kam herein und schob ihren wassermelo- nengroßen Babybauch vor sich her. Sie sank auf den Stuhl mir gegenüber, strich den Blondschopf zurück und stöhnte: „Kira, du ahnst nicht, was ich durchgemacht habe!“


Ich wusste jedenfalls, was sie nicht durchgemacht hatte: stapelweise Hochzeitseinladungen zu adressieren.


„Meine Schwiegermutter in spe hat mich einfach nicht mehr von der Strippe gelassen“, erzählte sie weiter. „Sie findet es ja so vorbildlich, dass ich schon drei Monate nach ihrer fleisch- und zuckerfreien Diät lebe.“


„Sie muss dich mit einer anderen Braut verwechseln“, er- widerte ich.


Sie verzog das Gesicht. „Du bist ja so witzig.“
„Hast du eigentlich keine Angst, dass sie irgendwann mit-


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bekommt, wie du tonnenweise Schoki und Burger in dich hi- neinstopfst?“


Jasmin winkte ab. „Ich passe schon auf, dass sie nichts davon merkt.“


„Das nennt man lügen, Schwesterherz.“


„Ach was, das ist höchstens geschummelt. Ich werde den Teufel tun, sie kurz vor der Hochzeit noch zu verstimmen.“


„Übrigens: Wenn du willst, dass zur Hochzeit auch Gäste kommen, sollte dein Robert allmählich mal auftauchen und zur Post fahren. Ab übermorgen streikt die Postgewerkschaft, und dann kommen deine Einladungen erst nach der Hoch- zeit an. Also, wo steckt er?“


„Moment, ich frag ihn mal eben.“
Während sie auf ihrem Smartphone herumtippte, nahm ich


die wuchtige Brille ab, rieb mir die brennenden Augen und setzte die Glasbausteine anschließend wieder auf.


Jasmin musterte mich abschätzig. „Du siehst echt gruse- lig aus. Wen willst du denn mit dieser Monsterbrille und den Pennerklamotten erschrecken?“


„Na dich! Und überhaupt: Die Brille ist nicht gruselig, son- dern notwendig. Was übrigens daran liegt, dass ich letzte Nacht die ganzen Adressen recherchieren musste und dank dieser Einladungen noch nicht mal zum Umziehen gekommen bin. Zum Glück hatte Mutti diese alte Brille noch in ihrem unend- lichen Archiv. Meine Kontaktlinsen würden mir heute näm- lich die Hornhaut wegbrennen, und dummerweise ist meine Ersatzbrille gerade mit Ingos Koffer in Neuseeland gelandet.


Aber das ist eigentlich unwichtig. Wichtig wäre, dass Robert jetzt endlich mal auftaucht.


„Das alte Spiel“, ertönte Muttis Stimme aus dem Nebenraum. „So ist das nun mal als Selbstständiger: selbst und ständig! Ich


kenne das noch von eurem Vater.“
„Er hat mir aber versprochen, dass er heute pünktlich ist“,


murrte Jasmin.
„Das behaupten sie immer, aber daraus wird nie was. Ge-


wöhn dich schon mal dran!“ Mutti betrat das Wohnzimmer


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und ging in Richtung Fensterbank, um ihre Pflanzen zu be- tütteln, mit denen sie – anders als mit uns Kindern – schon mehrere Preise gewonnen hatte.


„Ich hab übrigens mit Iris aus dem Golfclub gesprochen“, fuhr Mutti fort. „Sie lässt extra für dich Umstandsbrautklei- der kommen und erwartet uns morgen früh in ihrer Bou- tique zur Anprobe.“


„Dann kann ich nur hoffen, dass sie etwas Brauchbares ge- funden hat. Ihr ahnt gar nicht, was für Säcke man uns Schwan- geren zumutet. Das sieht ungefähr so aus wie das, was Kira da anhat. Bevor ich das trage, gehe ich lieber nackt.“


Ich seufzte. „Dann sollte ich dir vielleicht noch einen Body- painter engagieren. Trotzdem müssen wir uns zuerst einmal um die Einladungen kümmern. Wer bringt die denn jetzt weg? Die Post schließt um sechs!“


„Frag doch Papa“, schlug Jasmin vor.


„Euer Vater würde noch nicht mal auf seine Sportsendung verzichten, wenn jemand von uns aus den Augen blutet!“ Mutti goss seelenruhig ihre Blumen. „Ich kann auch nicht fahren, weil er sonst sein Abendbrot nicht pünktlich auf den Tisch bekommt. Und den Aufstand, den er dann macht, wollt ihr nicht erleben!“


„Es lebe die Emanzipation.“ Jasmins Handy piepste. „Na super, Robert steht im Stau!“


„Tja, Jasmin, dann musst du fahren“, sagte ich zu ihr. Doch Mutti rief: „Bei dieser Hitze willst du das arme Kind


rausjagen?“
„Aber es geht ihr doch gut.“
„Das kann in einer Schwangerschaft blitzschnell umschla-


gen!“
„Ehrlich gesagt sehe ich derzeit öfter mal Sternchen“, seufzte


Jasmin, die sich mit einem Mal schwächlich anhörte und eine Leidensmiene aufsetzte.


Ich starrte sie empört an. „Soll ich euch mal sagen, wie es nach diesem Einladungsmarathon vor meinen Augen aussieht? Ich will einfach nur duschen und dann schlafen!“


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Mutti ließ ihre Blumen links liegen und streichelte Jasmins Stirn. „Wenn die Briefe auf der Post sind, ist doch alles er- ledigt für heute! Du solltest allerdings sofort losfahren, - Kira-Spätzchen.“


„Mutti!“ Ich rang mit den Händen. „Das kann nicht dein Ernst sein. In diesen Klamotten gehe ich nicht auf die Straße,aber zum Umziehen ist es zu spät. Und dann diese Brille! Ich sehe aus wie Puck die Stubenfliege.“


Mutti bedachte mich über den Rand ihrer eigenen Brille mit diesem besonderen Blick, der mir klarmachte, dass mir alles Jammern nichts nützte: Ich hatte verloren. Stöhnend schnappte ich mir die Kartons und lud meine Handtasche mit den Autoschlüsseln noch obendrauf. Als ich den wackeligen Turm an den Blumentischchen vorbei durch den Flur balan- cierte, hörte ich Mutti mir hinterherrufen: „Pass auf, dass du mir meine Begonien nicht runterschmeißt.“


„Wie könnte ich das wagen, Mutti“, knurrte ich und ver- passte der Haustür von außen einen kräftigen Tritt.


... immer noch Montag, 1. Juni – 17.40 Uhr


Auf dem Weg zu meinem Wagen bemerkte ich die schwarzen Wolkentürme, die sich über den Bergen zusammenzogen. Ein Gewitter war genau das, was in meiner heutigen Gute-Laune- Sammlung noch fehlte.


Ich stieg ein und trieb meinen guten alten VW Käfer zur Eile an, aber er zuckelte wie immer in seinem eigenen Tempoüber die Sauerländer Hügel in Richtung Postamt – und direkt auf die grummelnde Wolkensuppe zu. Viel größere Sorgen aber bereitete mir die Uhr im Armaturenbrett, die Viertel vor sechs zeigte. Das würde knapp werden.


Erst um zehn vor sechs passierten wir das Ortseingangs- schild, und ab hier lief der Feierabendverkehr nur noch imStop-and-go-Tempo. Überall um mich herum flammten die


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Scheinwerfer auf, und auch ich schaltete das Licht ein. Him- mel, ging das nicht schneller? Ich trommelte aufs Lenkrad, aber das Einzige, das sich beeilte, war die Anzeige der Uhr.


Fünf Minuten später lichtete sich der Verkehr, und das Post- amt kam in Sicht. Ich atmete auf. Vier vor sechs. Jetzt nur noch einen Parkplatz finden. Das Glück war mir hold: Auf dem Sei- tenstreifen entdeckte ich eine Parklücke. Ich schickte dem lie- ben Gott ein Dankeschön, fuhr vor die Lücke und legte den Rückwärtsgang ein. Mit einem Blick über die Schulter begann ich einzuparken. Kaum hatte ich einen Meter zurückgesetzt, da blendeten zwei Scheinwerfer hinter mir auf. Die Lichter kamen schnell näher, schwenkten dann plötzlich nach rechts auf meinen Parkplatz und erloschen. Für Sekunden blieb ich perplex sitzen und starrte den Wagen an, dessen Fahrertür aufklappte. Ein Mann in Karohosen und pinkfarbenem Po- loshirt stieg aus.


Ich zerrte mir den Gurt vom Leib und sprang aus dem Wagen. Böse. Sehr böse. Doch der SLK-Fahrer ignorierte mich und steuerte direkt auf das Postamt zu.


„He, Sie!“, schrie ich.
Er drehte sich um. „Wer? Ich?“


„Natürlich Sie! Das war mein Parkplatz! Ich wollte gerade rückwärts einparken.“


„Das kann nicht sein.“
„Was kann nicht sein?“
„Dass Sie rückwärts einparken wollten. Erstens haben Sie


keinen Blinker gesetzt, und außerdem sind Sie eine Frau.“ Ich schnappte nach Luft. So eine Unverschämtheit! Hin-


ter mir hupte es.
Ich machte ein beschwichtigendes Handzeichen in Richtung


der anderen Fahrer. „Moment! Ich kläre das gerade.“ Dann drehte ich mich wieder zu dem Verursacher des ganzen De- bakels um, sah jedoch nur noch die Tür der Post zuschwingen.


So ein Mistkerl! Mit geballten Fäusten stieg ich zurück in meinen Wagen. Dort fiel mein erster Blick auf die Uhr. Ver-dammt! Nur noch eine Minute. Zu allem Überfluss zerplatzte


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ein dicker Regentropfen auf der Windschutzscheibe. Es ging nicht anders: Ich stellte den Warnblinker an und schnappte mir die Kartons vom Beifahrersitz. Als ich den Schlüssel abzog, trommelte der Regen bereits auf das Autodach. Ich hechtete aus dem Wagen, verfolgt von einem wütenden Hupkonzert – und rannte. Immer heftiger klatschte der Regen herab, dann öffneten sich endgültig die Schleusen.


Es prasselte nur so hernieder. Schon nach wenigen Me- tern war ich nass bis auf die Haut. Von Sturmböen getrieben wirbelten Blütenblätter durch die Luft und blieben wie nas- ses Konfetti auf meiner Brille kleben. Blitze zuckten über mir, und als direkt danach nervenzerfetzende Donnerschläge folg- ten, zuckte auch ich zusammen. Fast wäre der Kartonstapel dabei von meinem Arm gerutscht, doch ich konnte ihn retten.


Triefend erreichte ich den Dachvorsprung vor dem Eingang der Post. Als ich versuchte, die Tür aufzuziehen, drückte sie mir jemand von innen entgegen. Es war der Mercedesfahrer – so viel konnte ich trotz meiner nassen Brille erkennen. Unwil- lig trat ich zur Seite, ließ ihn vorbei und wollte dann durch die Tür huschen, doch der Postbeamte zog sie direkt wieder zu.


„Halt!“ Empört hämmerte ich gegen die Scheibe. „Warten Sie!“ Der Beamte auf der anderen Seite schüttelte den Kopf und


deutete mit dem Schlüsselbund auf seine Armbanduhr. „Das ist nicht Ihr Ernst! Verdammt, die Sachen hier müs-


sen unbedingt heute noch weg!“
Er aber drehte sich einfach um und verschwand. Fassungslos strich ich mir die Haarsträhnen aus der Stirn.


„Was ist denn so Lebenswichtiges in diesen Kartons?“ Erschrocken fuhr ich herum. Da stand ja immer noch dieserVollpfosten von Mercedesfahrer und grinste auf mich herab.


„Vielleicht ist darin ein Ratgeber? Richtig parken für Anfänger?“ „Das müssen Sie gerade sagen“, fauchte ich ihn an.
„Na ja, mein Wagen steht zumindest nicht mitten auf der


Straße.“
„Und meiner steht auch nur da, weil Sie mir meinen Park-


platz gestohlen haben. Sie sind schuld, wenn die Hochzeit ein


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Flop wird!“ Ich riss mir die beschlagene Brille von der Nase und hoffte, dass die Gläser auf diese Weise schneller wieder klar wurden. Schließlich sah ich meine Beute gern, bevor ich sie erlegte.


„Das gibt es doch nicht. Spatzi, bist du es?“
Eine ganz böse Vorahnung machte sich in mir breit. Eilig


setzte ich die Brille wieder auf – und die Erkenntnis durch- zuckte mich wie ein Blitz höchstpersönlich. Das war Marc! Marc Albrecht!


„Großer Gott“, entfuhr es mir.


„Nenn mich doch einfach Marc.“ Ohne die Spur eines Lä- chelns musterte er mich von oben bis unten.


Das tropfnasse weiße T-Shirt und die alte Jogginghose hin- gen mit einem Mal zentnerschwer an meinem Körper, wasaber noch nichts war gegen das Gewicht, das meine dämliche Hornbrille auf einmal zu haben schien. Da lief ich nach zwölf Jahren meinem ersten Freund wieder über den Weg und sah aus wie ein Koboldmaki nach dem Schleudergang.


„Eigentlich trage ich Kontaktlinsen“, stotterte ich. Eigentlich ...


„Das freut mich wirklich für dich. Ein großer Fortschritt in nur zehn Jahren.“


„Zwölf Jahre“, korrigierte ich ihn und fügte schnell hinzu: „Die Brille. Die ist so alt.“


„Okay“, sagte er gedehnt. „Und sonst hast du dich auch ... fast nicht verändert.“


„Wie meinst du das?“, fragte ich mit brennenden Wangen.


„Nur positiv. Du bist ein Vorbild an Gelassenheit. Kaum hundert Meter entfernt ist dein Auto das größte Verkehrs- hindernis seit der letzten Innenstadtsperrung, und du plau- derst ganz entspannt mit mir. Respekt! Das muss man erst mal hinkriegen.“


„Oh, du ... du blöder ...“ Ich rang nach Worten und spähte an Marc vorbei zu meinem Auto hinüber. Im rhythmischen Takt pulsierte das Licht der Warnblinkanlage durch den Regen- schleier, während sich dahinter eine immens lange Schlange von Scheinwerfern staute.


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„Welches Wort suchst du? Kotzbrocken, Misanthrop, Dreck- sack?“


„Du kannst mich mal!“


„Heute passt es leider nicht so gut. Aber vielleicht morgen.“ Er grinste überheblich.


Wortlos rauschte ich an ihm vorbei in den Monsun hinaus – dann würde ich doch lieber ertrinken, als mich hier weiter demütigen zu lassen. Mein Gesicht glühte dermaßen, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn der Regen auf meiner Haut verdampft wäre.


... immer noch Montag, 1. Juni – 18.10 Uhr


Kaum saß ich klatschnass im Auto und hatte die Straßensperre wieder aufgehoben, hätte ich vor Ärger am liebsten ins Lenk- rad gebissen. Ungefähr tausend coole Sprüche fielen mir ein. Doch statt diesem Albrecht auch nur einen davon an den Kopf zu werfen, hatte ich stotternd wie ein Schulmädchen vor ihm gestanden. Und das wurmte mich fast noch mehr als die Tat- sache, dass ich bei unserer ersten Begegnung seit zwölf Jah- ren ausgesehen hatte wie Mutter Flodder.


Mit durchgedrücktem Gaspedal jagte ich mein armes Auto und die Kartons, die zum Glück nur außen nass geworden waren, zurück zum Haus meiner Eltern. Dort angekommen hatte ich mich immer noch nicht beruhigt und stürmte insWohn-Esszimmer. Die Kartons mit den Briefen pfefferte ich auf den Sofatisch, sodass Muttis Puttenengel auf dem Spit- zendeckchen nur so in die Höhe hüpften.


„Was machst du denn für einen Krach?“, maulte Jasmin. „Da versteht man ja kein Wort mehr.“ Sie lag auf der Couch und schaute irgendeinen Comedy-Schwachsinn, der just in die- sem Moment mit Lachsalven garniert wurde.


„Ich habe noch gar nicht angefangen, Krach zu machen“, wütete ich, nahm meine schon wieder beschlagene Brille


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von der Nase und putzte sie mit meinem T-Shirt. Was natür- lich sinnlos war, das war ja genauso nass. „Wolltest du dich nicht hinlegen?“


„Ich liege, Schwesterlein, ich liege. Warum bist du eigent- lich so schlecht gelaunt?“, fragte Jasmin, ohne den Blick von der Mattscheibe abzuwenden.


„Was haben die Kartons auf meinem Tisch zu suchen?“, fragte Mutti, die in diesem Moment mit einem Tablett in der Hand aus der Küche kam. „Kira, wie siehst du denn aus? Also wirklich, Kind, du tropfst mir ja den guten Berber voll!“


Ich strich mir die nassen Haare aus der Stirn. Alles war schiefgelaufen, meine ganze Arbeit umsonst gewesen. Er- schöpft sank ich in den nächstbesten Sessel, setzte mir die verschmierte Brille wieder auf die Nase und presste meine Fingerkuppen gegen die pochenden Schläfen. „Dein Berber- teppich ist unser kleinstes Problem, Mutti! Marc Albrecht, dieser Vollidiot, hat mir den Parkplatz geklaut, und deswe- gen habe ich es nicht mehr rechtzeitig ins Postamt geschafft.“


Aus dem Fernseher ertönte eine weitere Lachsalve.
„Na, dann gehen die Einladungen eben ein paar Tage spä-


ter raus“, erklärte Mutti seelenruhig. „Leg dir wenigstens ein Handtuch unter.“


„Wie? Die Einladungen sind noch da?“ Jasmin richtete sich auf und wurde so weiß wie das Sofa, auf dem sie lag. „Aber die Post will doch streiken!“


„Und ich ab jetzt auch“, seufzte ich.


„Über dieser Hochzeit liegt ein Fluch.“ Jasmin hatte plötz- lich Tränen in den Augen. „Irgendeine höhere Macht will nicht, dass ich Robert heirate.“


„Rede doch nicht so einen Unsinn“, versuchte Mutti, sie zu beruhigen. „Das ist nur ein kleines Problem, das wir ganz schnell aus der Welt geschafft haben, nicht wahr, Kira?“ Sie nickte mir auffordernd zu.


„Bis morgen früh fällt uns sicher was ein“, erklärte ich, weil Mutti es so wollte. „Zur Not fahren wir die Einladun-


gen selbst aus.“


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Jasmin schniefte: „Robert hat jede Menge Kontakte. Er hilft uns bestimmt – falls er irgendwann mal wieder hier auf- taucht, meine ich.“


„Das wird er schon. Und vielleicht kann er mit seinen Kon- takten auch gleich den Albrecht beseitigen lassen.“


Mutti deutete mit einem Messer auf mich. „Dass ihr mir bloß nicht beim Abendessen von diesem Kerl anfangt, woll?Euer Vater hat bis heute nicht überwunden, was der Albrecht ihm und seiner Firma angetan hat. Er kriegt schon Blutdruck, wenn nur dieser Name fällt. Und das kommt viel zu oft vor, seitdem dieses Pack wieder in der Stadt ist.“


„Wieso wieder in der Stadt?“ Ich richtete mich auf.


„Was meinst du Blitzbirne denn, warum du ihm über den Weg gelaufen bist?“ Jasmin wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln und grinste schon wieder vielsagend. „Die ganze Sippe ist zurück. Seit einem guten halben Jahr. Marc hat eine Villa am Westwall gekauft. Für seine Mutter und seine Schwester. Er selbst wohnt im Gutshof von Bauer Hubert, dem Einäugigen.“ Jasmin begann, sich umständlich Kissen in den Rücken zu stopfen, und ich stand auf und half ihr, eine be- queme Stellung zu finden.


„Seit einem halben Jahr schon? Wieso habt ihr mir nichts davon erzählt?“


„Weil der Überbringer schlechter Nachrichten als Erster er- schossen wird“, erwiderte Jasmin.


Ich zog eine Grimasse. „Was will der ausgerechnet hier? Ich meine, in größeren Städten gibt es doch viel mehr Unter- nehmen, die er kaputtsanieren kann.“


„Angeblich hat er eine Firmenbeteiligung in der Gegend“, erklärte Mutti. „Aber da kursieren so viele Gerüchte, dassman nicht weiß, was man glauben soll.“


„Hmm, aber dieser alte Gutshof ... das ist doch die letzte Bruchbude“, sagte ich mehr zu mir selbst.


„Von wegen. Das Haus solltest du mal sehen.“ Mutti seufzte. „Ein echtes Schmuckstück – wirklich passend für einen groß-


kotzigen Neureichen.“


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„Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass der hier einen Fuß auf die Erde kriegt. Früher wollte keiner was mit diesem Halbkriminellen zu tun haben außer seiner Gang.“


„Und dir natürlich. Aber sei dir mal nicht so sicher“, meinte Jasmin. „Dein Ex wird seit Neuestem sogar mit Sophia von Fürstenbruch gesehen.“


„Nein!“, entfuhr es mir. „Die Erbin der Burg?“


„Tja, dein Bad Boy hat es weit gebracht. Er verkehrt in der High Society des Sauerlandes.“


Mir wurde einiges klar – das Auto, die Golfklamotten. Nicht zu fassen.


Eine Tür schlug zu.
„Psst.“ Mutti legte den Finger an die Lippen und sah uns


warnend an. „Themenwechsel!“
Sekunden später kam Paps kopfschüttelnd in den Raum.


„Dieses Wetter wird auch immer schlimmer. Ich habe gerade die Sturmschäden begutachtet. Bei den Mengen an herum- fliegenden Ästen und Blättern kann ich im Garten glatt wie- der von vorne anfangen.“ Er stutzte, als er mich sah. „Was ist denn mit dir passiert?“


„Ich war auch da draußen – bei den Ästen und den Blättern.“ „Wolltest du nicht die Briefe wegbringen?“
„Ja, aber sie war zu spät“, erklärte Jasmin.


Er brummte vor sich hin: „Wann gibt’s Abendbrot?“
„Um sieben, und das seit fünfunddreißig Jahren“, antwor-


teten wir im Chor.
Paps rollte mit den Augen, nahm Jasmin die Fernbedie-


nung weg, ließ sich in seinem Lieblingssessel nieder und schaltete das Programm weiter. Der Nachrichtensprecher be- richtete über den Poststreik. Weil mich das nur noch mehr de- primierte, fragte ich Mutti, ob ich ihr noch beim Abendbrot helfen könne, aber sie schickte mich nach oben zum Duschen.


Im Flur erklomm ich gerade die ersten Treppenstufen, da schob sich Jasmin durch die Wohnzimmertür und schlosssie sorgfältig hinter sich. Dann lehnte sie sich mit einem Else- Kling-Blick über das Treppengeländer.


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„Man erzählt“, raunte sie, „dass der Albrecht neben Paps’ Firma auch noch jede Menge andere Unternehmen gekauft, saniert und weiterverkauft hat und dabei unglaublich reich geworden ist. Eine richtige Heuschrecke soll er sein.“


„Als Heuschrecken bezeichnet man aber diese riesigen In- vestorengruppen aus Amerika.“


„Na ja, vielleicht eher eine kleine deutsche Heuschrecke. Aber in Amerika hat er das sicher gelernt.“


„Also ist aus dem armen Arschloch ein reiches geworden.“


„Meine Freundinnen schwärmen alle für ihn.“ Sie kicherte. „Ich habe ihn dummerweise noch nicht gesehen, seit er hier ist. Früher mit diesen langen Haaren fand ich ihn nicht so toll.


Sieht der immer noch so aus?“
„Nein, eher wie ein anzugtragender Halsabschneider.“ Ich


nahm die nächste Stufe. „Vergiss nicht, Robert wegen des Briefversandes zu fragen.“


„Mach ich, Schwesterherz. Danke für deine Mühe. Und falls er auch keine Lösung weiß, poste ich die Hochzeitseinladung einfach über Facebook, Twitter und Instagram. Das habe ich für den Polterabend auch gemacht.“


Ich erstarrte mitten in der Bewegung. „Du hast was?“ „Die Einladung zum Polterabend im Internet gepostet“, sagte sie mit einem triumphierenden Lächeln, wahrscheinlich,


weil mir so was Tolles nicht eingefallen war. Toll war genau die richtige Bezeichnung, allerdings im Sinne von verrückt und nicht von großartig.


„Bei wem genau hast du das gepostet?“
„Nur bei meinen Freunden.“
„Und das sind?“
„Fünfhundertsechzig bei Facebook und circa zweihundert


bei Twitter und siebenhundertnochwas bei Insta. Aber viele davon sind doppelt.“


„Jasmin, bist du des Wahnsinns fette Beute? Das wird ein Flashmob!“


„Ach, doch nicht hier bei uns. Da kommen höchstens drei-


bis fünfhundert Leute.“


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Ich ächzte. „Wo sollen die denn alle hin? In unsere Einfahrt plus Garage passen hundertfünfzig Personen. Sollen die an- deren etwa im Garten zwischen Muttis Edelstauden und Paps’ heiligem Koi-Karpfenteich feiern? Dann wird das nichts mit der Hochzeit, weil du bis dahin gar nicht überleben wirst.“


Beleidigt verschränkte sie die Arme über ihrem Kugel- bauch. „Dann feiern wir eben auf der Wiese hinterm Haus.“


„Und das hast du schon mit Bauer Hubert geklärt?“
„Die Wiese gehört der Stadt, und da hat Paps Connections.“ „Falsch! Die Wiese gehört Hubert.“
„Du spinnst.“
„Wetten?“
„Ach, du willst wetten? Wie wäre es mit deinen Manolo


Blahniks als Einsatz?“ Jasmin grinste hinterlistig. Sie hatte sich wie ich auf den ersten Blick in die Schuhe verliebt.


„Meinetwegen. Was hast du zu bieten?“
Sie überlegte kurz. „Ein Wochenende freie Fahrt mit dem


Jaguar.“
„Der gehört dir doch gar nicht.“ Ich sah sie empört an. „Nach der Hochzeit schon – zur Hälfte.“
„Robert killt dich.“
„Das wird er nicht wagen. Dann müsste er sich allein um


unser Baby kümmern. Also, was ist? Schlag ein!“
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, beugte mich über das Treppengeländer und schlug ein. Dann riefen wir im Chor:


„Paps, wem gehört die Wiese hinterm Haus?“
„Bauer Hubert, dem alten Verbrecher“, kam die prompte


Antwort von der anderen Seite der Tür. „Yes!“ Ich stieß die Faust in die Luft.


Die Wohnzimmertür öffnete sich, und Mutti lugte heraus. „Wieso wollt ihr das wissen?“


„Weil Jasmin dort mit vierhundert Personen ihren Polter- abend feiert.“


„Vorher friert es in der Hölle“, knurrte Paps.
„Jasmin, kommst du bitte mal?“ Muttis Ton kannte ich nur


zu gut.


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„Du kommst mit!“, zischte sie mir zu, aber ich zupfte be- dauernd an meinem feuchten T-Shirt. Meine Schwester zogein Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen.


„Ach, und ich freue mich schon auf mein Jaguar-Wochen- ende“, flötete ich.


Sie streckte mir die Zunge heraus. Ich lächelte, ganz die große Schwester, überlegen zurück. Doch dann fiel mir nochetwas ein.


„Jasmin?“ Sie drehte sich in der Tür um. „Tu uns allen einen Gefallen und lösch deinen Post wieder.“


Sie rollte die Augen, nickte aber und verschwand durch die Tür.


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