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Belletristik
Buch Leseprobe Liebe, Luxus & Laternen, Jutta Wiese
Jutta Wiese

Liebe, Luxus & Laternen



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Mittwoch


 


9.07 Uhr. Es schneit. Dicke Flocken landen Schicht um Schicht auf dem Bürgersteig vor Julias Steinwelt. Glücklicherweise hat der Vermieter dieses Geschäftshauses einen Winterdienst angestellt. Aber wo zum Teufel bleiben die fleißigen Herrschaften mit den grünen Westen und rostigen Schneeschippen? Vielleicht sollte ich Maik anrufen und bitten, mit ähnlichem Gerät herbeizueilen. Doch beim Gedanken an seinen drohenden Protest verwerfe ich diese Idee umgehend. Irgendwann werden die Helfer schon auftauchen. Keine Frage. Immer ruhig bleiben.


Derweil staksen zahlreiche rotwangige Menschen mit berstenden Tüten an der gläsernen Ladenfront vorbei. Von leidvoller Konsumkrise keine Spur! Schals und Handschuhe diverser Couleur verleihen dem grauen Wintertag sogar ein wenig Farbe. Vom warmen Ladenlokal aus betrachtet, eine durchaus friedvolle Szenerie.


13.00 Uhr. Mittagspause. Routiniert bediene ich den kleinen Haken am Schloß der Eingangstür, sprinte in den Keller und suche den Toilettenraum auf. Dort erwartet mich, neben dem namensgebenden Mobiliar, ein schmuckloser Spiegel. Ein rascher Blick hinein. Sehe ich noch aus wie eine sympathische, vertrauenswürdige Einzelhändlerin? Ist das lästige Barthaar, welches in regelmäßigen Abständen aus dem unteren Kinnbereich sprießt, bereits wieder auf dem Weg ans Tageslicht? Ist es nicht. Frau kann zufrieden sein. Aus großen, grünen Augen und mit wohlgeformten Lippen lächle ich mir zu. Wahrscheinlich war ich mit Zwanzig hübscher, ganz sicher frischer, aber Mutter Natur meint es gut mit dem Hautbild unserer weiblichen Familienmitglieder. Falten sind keinerlei einschneidendes Thema für mich, obwohl bereits vierunddreißig Lenze alt. Einen winzigen Makel hingegen, stellt mit Sicherheit meine Figur dar. Zumindest für die anspruchsvollen Mode- und Starfotografen der Neuzeit. »Muss es wirklich ein bisschen mehr sein?« »Unbedingt! Ich nehme Größe 42.« Gnädigerweise sind die Pfunde gleichmäßig verteilt. Noch kein Liebhaber hat sich je ernsthaft beschwert, oder einen mahnenden Zeitschriftenausschnitt von Kate Moss am gut gefüllten Kühlschrank hinterlassen. Wegen ein paar lächerlicher Kilos mehr oder weniger auf den Genuss wohlschmeckender Nahrungsmittel verzichten? Kommt nicht in Frage! Ich will so bleiben wie ich bin. Zumindest heute. Morgen kann das schon anders sein. Damit verlasse ich die Toilette, greife nach einem Donut und widme mich der Herstellung eines koffeinhaltigen Gebräus. Die Kaffeemaschine röchelt kalkkrank vor sich hin, erfüllt jedoch tapfer ihren Auftrag. Ich beschließe, die erste Tasse im Obergeschoss zu leeren. Das tue ich manchmal gern, auf dem Hocker hinter dem recht hohen Verkaufstresen sitzend, weitgehend ungestört und von draußen kaum zu sehen. Allein letzte Woche liefen dreiunddreißig Nasebohrer im Erwachsenenalter vorbei. Ein neuer Rekord!


An besagter Stelle befindlich, sticht mir wenig später eine große, männliche Gestalt ins Auge. Eiligen Schrittes hastet sie über den hervorragend enteisten, gegenüberliegenden Bürgersteig. Verhüllt wie ein norwegischer Elchhirte! Oder eine russische Riesenzwiebel! Der Vermummte trägt einen schwer wirkenden dunklen Mantel, dazu einen ultralangen Schal. Den hat er mehrmals um den Hals und die untere Gesichtshälfte geschlungen. Auf dem Kopf thront eine tief in die Stirn gezogene Schirmmütze. Darunter trägt die männliche Frostbeule plüschige Ohrenschützer und auf der Nase, man glaubt es kaum, eine riesige Sonnenbrille! Anthrazitfarbene Handschuhe komplettieren das überaus üppige Outfit. Wahrscheinlich kommt »Yeti« gerade aus dem Winterurlaub im Himalaya und hat das Umziehen vergessen, sinniere ich heiter und fröne weiter meinen voyeuristischen Neigungen. Nun schickt der Mann sich an, die Straße zu überqueren. Erreicht sicheren Fußes den Bürgersteig vor meiner Ladentür. Kurzes Innehalten. Yeti scheint zu grübeln. Rechtsherum? Linksherum? Vor oder zurück? Schließlich entscheidet sich der wandelnde Kleiderberg für eine (halbe) Linksdrehung. Weiter kommt er nicht, denn das vom Winterdienst verwaiste Trottoir zollt gnadenlos Tribut! Rumsl »Ach du liebe Güte! Sch...!«, entfährt es mir entsetzt. Der Kaffeebecher knallt hart auf den Tresen, sodass die braune Brühe über den Rand schwappt. Ich stürme zur Tür. Welch Unglücksrabe! Nicht nur simpel in die Horizontale gegangen! Nein! Yetis Kopf hat außerdem die einzig verfügbare Straßenlaterne im Umkreis von gut zwanzig Metern gerammt. Dieselbe schlanke Laterne, die unsere großzügige Stadtverwaltung erst vor wenigen Monaten im Rahmen der Straßensanierung aufstellen ließ. Jenes stabile Leuchtobjekt wird sich wahrscheinlich schneller vom Zusammenstoß erholen, als der gestürzte Mensch im Wollüberfluss. Atemlos, da völlig untrainiert, erreiche ich den Ort des Geschehens. Der Unbekannte ist gerade dabei, sich aufzurappeln. Unter Stöhnen reibt er seine Schädelmasse unter der leicht verrutschten Schirmmütze. Zwischen Ohrenschützern und Mützenrand linsen einige blonde, störrisch wirkende Haarspitzen hervor. Alles andere, insbesondere die Sonnenbrille, scheint trotz des unerfreulichen Vorfalls bombenfest zu sitzen.


»Haben Sie sich weh getan? Kommen Sie! Kommen Sie kurz herein. Ich hab gerade Mittagspause. Setzen Sie sich einen Augenblick!« Spontan packe ich einen seiner Mantelärmel und zerre das benommene Sturzopfer, an zwei gaffenden, reglos verharrenden alten Männern vorbei, ins warme Ladenlokal. Keuchend bugsiere ich den Himalaya-Touristen zum giftgrünen Ledersessel im hinteren Teil des Raums. Cordsofa und Keller geht nicht. Zu unaufgeräumt.


»Ist ja gut, ist ja gut! Nur kurz hinsetzen. Ah, zzzz-hhh-aaa-hhh ...«, zischt der Unbekannte und betastet prüfend sein rechtes Bein.


Jetzt erst fällt mir die zerrissene Hose auf. Ein Stück blutiges Knie ist zu erkennen. Nicht sehr hübsch. Die Wunde, nicht das Knie. »Als Kind bin ich des Öfteren hingefallen! Beim Rollschuhlaufen. Das sah dann so aus wie bei Ihnen ... na ja, nicht ganz so ... schlimm ... hm! Ich sollte ein Pflaster holen. Hoffentlich habe ich so große Pflaster. Es ist ganz schön dick ... Ihr Knie! Pardon.«


Von dunklen Brillengläsern verdeckte Augen mustern mich und unter dem Schal erklingt ein kehliges Lachen. Ausgesprochen männlich. Was aber wirklich seltsam ist: Irgendwo habe ich das schon einmal gehört! Egal! Ich renne die Wendeltreppe hinab. Dort hängt der vom Gewerbeaufsichtsamt aufgezwungene Verbandskasten.


»Ich brauche kein Pflaster!«, ruft der Verletzte zu mir hinterher. »Diese Schürfwunde ist es nicht wert, beklebt zu werden! Aber irgendwas Kaltes für meinen Kopf, das wäre gut! Und bitte keinen Krankenwagen! Das fehlte noch.«


Woher kenne ich bloß diese Stimme? Und was wollte er gleich?! »Für Ihren Kopf?«, brülle ich in Richtung Erdgeschoss und überlege fieberhaft. »Na klar! Ein Tuch! That′s it! Ein nasser Lappen. Moment! Komme gleich! Warten Sie …« Oh je, oh je! Der Bürgersteig! Der Winterdienst! Diese unzuverlässige, faule Bande! Meine Gedanken schlagen Kapriolen. Der Unbekannte könnte mich vermutlich in Grund und Boden klagen! »Unser Winterdienst ist heute nicht erschienen! Unentschuldigt!«, schreie ich weiter. »Falls Sie Schadensersatz verlangen möchten, gebe ich Ihnen die Anschrift des Vermieters. Der ist für den Zustand des Bürgersteigs verantwortlich. Ganz sicher!« Letzteres ist selbstverständlich eine glatte Lüge. Und wo, zum Henker, sind nur alle Tücher hin? »Ah, da!« Ich eile ans Waschbecken und schwenke ein kariertes Küchentuch unter kaltes Wasser.


»Nicht nötig! Ich verzichte auf Schadensersatz«, antwortet der Fremde derweil von oben. »Machen Sie sich keine Sorgen. Nur diese Laterne, die hätte wirklich anderswo stehen können.«


Wieder das vertraute Lachen, lauter diesmal. Es ist zum Verzweifeln, aber nichtsdestotrotz, die Aussicht auf Schadensersatzverzicht klingt gut. Hastig mache ich mich auf den Rückweg und verursache fast den zweiten Sturz des Tages als ich, bereits mit halbem Oberkörper im Erdgeschoss angelangt, abrupt stoppe. Das Handtuch fällt zu Boden, meine Unterlippe saft- und kraftlos herab. Vermutlich ein äußerst dümmlicher Anblick, aber gewiss nicht halb so aufsehenerregend, wie die Anwesenheit der Person in meinem Sessel. Die hat sich inzwischen ihrer Vermummung entledigt. Und mein überraschter Ausdruck ist ihm gewiss aus tausenderlei vorheriger Erfahrungen vertraut. Zumindest verzieht er keine Miene. Lediglich seine Augen blitzen kurz auf, als er meine obere Hälfte wie angewurzelt herumstehen sieht. »Das muss eine Verwechslung sein.« Betont langsam verlassen die Worte meinen Kehlkopf. »Sie sind das nicht!« Kurzes Luftholen. »Oder etwa doch?!« Das Oder klingt recht kläglich und ich bemühe mich hastig um ein befreiendes Räuspern.


»Doch, ich bin′s«, lautet die knappe Antwort und volle Lippen, die Julia Schaub bereits ausgiebig im Fernsehen oder in der Regenbogenpresse bewundern durfte, kräuseln sich zu einem amüsierten Lächeln. Seine ungewöhnlichen Augen wirken noch phänomenaler als im TV. Sogar das markante Grübchen am Kinn ist da, wo es hingehört. Er hat recht: Er muss es sein. Selbst ohne mitgeliefertes Echtheitszertifikat. Langsam löst sich meine Starre. Ich hebe das Tuch auf und mache mich daran, die letzten Stufen zu bezwingen. Mit weichen Knien. Beobachtet von ihm. »Nein! Völlig unmöglich ...« Erfreulicherweise kehrt meine gewohnte Schlagfertigkeit zurück. »Götter steigen nicht aus dem Olymp, um in abgelegenen Provinzstädten gegen Laternen zu krachen.«


»Gelegentlich doch«, entgegnet er schmunzelnd, wenn auch mit leicht schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck.


»Und weshalb?«, frage ich. »Zum Beispiel, weil einer von ihnen ein Meeting hatte. In Köln. Später, auf der Weiterfahrt nach Frankfurt, fällt ihm dann auf, dass er Aspirin benötigt. Drohende Migräne, Sie verstehen? Also verlässt Gott die Autobahn, parkt irgendwo und fällt auf die Nase. Und alles nur, weil er nach einer dämlichen Apotheke sucht! Inkognito natürlich ...«


»Wenn dem so ist, brauchen Sie jetzt dringend das hier! Für Ihren lädierten Götterschädel ...« Mutig trete ich vor, reiche meinem unfreiwilligen Gast das Tuch. »Wie das mit dem Draufdrücken geht, wissen Sie selbst, oder? Die Lakaien haben nämlich heute Ausgang.« Flink drapiert mein unverhoffter Stargast den kühlenden Stoff auf seinem dichten Haupthaar. Nun sieht er dümmlich aus. Damit sind wir quitt.


»Auf den Mund gefallen sind Sie nicht«, bemerkt er mit einem feinen Lächeln.


»Sollte ich das? Angesichts Ihrer Anwesenheit?« Herausfordernd blicke ich ihn an. Dabei schlägt mein Herz wie ein Presslufthammer.


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