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Belletristik
Buch Leseprobe LIARS & PRAYERS, Josie Charles
Josie Charles

LIARS & PRAYERS


College-Liebesroman

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Prolog


Philadelphia, Pennsylvania


Avery


Die Musik erfüllt die Halle, jede unserer Bewegungen ist perfekt auf die rhythmischen Hip-Hop-Beats abgestimmt. Ich genieße das Vibrieren der Bässe, die Hitze der Bühnenscheinwerfer und das Adrenalin, das durch meine Venen strömt, als ich mich geschmeidig zu Boden gleiten lasse, damit mein Tanzpartner Phil über mich hinwegspringen kann. Mit einem Flip komme ich wieder auf die Füße und sogleich zieht Phil mich dicht an seinen verschwitzten Körper.
Ein wenig grob legen wir einander die Hände auf die Wangen wie vor einem leidenschaftlichen Kuss. Dann endet die Musik und von jetzt auf gleich wird es in der großen Halle des Centre of Performing Arts vollkommen ruhig.
Genau dies ist der Moment, den ich bei jedem Tanzwettbewerb am meisten fürchte – die Sekunden der Stille direkt nach der Show, in denen man nie weiß, ob die Menge gleich jubeln oder buhen wird.
Phil und ich sehen einander an, völlig außer Atem und mit wild klopfendem Herzen. Dann beginnt der Applaus. Die Leute klatschen nicht nur, sondern sie feiern unseren Auftritt so frenetisch, dass die ganze Bühne vibriert.
Ich strahle Phil an, er küsst mich überschwänglich auf die Wange, dann schwenken die Scheinwerfer zur Jury, die an einem Pult vor der Bühne sitzt.
Auch wir wenden uns den Juroren zu und ich sehe, wie sie alle drei fast synchron ihre Kellen heben.
10 Punkte vom Ersten.
10 Punkte vom Zweiten.
Und vom dritten Juror gibt es nochmal die volle Punktzahl!
Während mein schwindeliges Hirn sinnloserweise zu rechnen anfängt, reißt Phil mich schon in die Höhe und wirbelt mich im Kreis. »Wir haben es geschafft!«
Er hat Recht. Wir haben gewonnen!
Die Leute klatschen jetzt noch lauter und ich mache mir klar, wie nah ich meinem Ziel bin. Wenn wir den Late Summer Bash in drei Wochen auch noch gewinnen, habe ich genug Preisgelder zusammen, um ein weiteres Jahr in Princeton studieren zu können!
Erleichtert falle ich Phil um den Hals, während Diane, Rosie, Brit und Camila, meine vier besten Freundinnen von der Uni, auf die Bühne stürmen. Überschwänglich umarmen sie uns alle zugleich und ihr Jubelgeschrei schwappt über mich wie eine erfrischende Welle. Gerade denke ich, dass dieser Tag nicht mehr besser werden kann ...
Doch schlagartig werde ich eines Besseren belehrt, als Phil ganz plötzlich zu Boden geht.
»Phil!«, rufe ich und befreie mich aus den Umarmungen der anderen, um mich zu ihm zu knien. »Was ist los?!«
Mit schmerzverzerrtem Gesicht hockt er auf dem Bühnenboden und ich bekomme es sogleich mit der Angst um ihn zu tun. Ich tanze seit sieben Jahren mit Phil, er ist mir näher als die meisten anderen Menschen auf der Welt und ihn jetzt so hilflos zu sehen, bricht mir beinahe das Herz.
»Was ist passiert?«, frage ich wieder und erkenne daran, wie düster sein Blick ist, dass ich mit dem Schlimmsten rechnen muss.
»Ich bin eigentlich nur umgeknickt. Aber es tut extrem weh.«
»Wo?«, will ich sofort wissen.
Phil schüttelt leicht den Kopf. »Das hat sicher nichts zu heißen. Es wird gleich besser und wenn wir am Montag wieder trainieren, bin ich wie neu, okay?«
Die Art und Weise, wie seine Stimme beim letzten Wort bricht, zeigt mir, dass er lügt.
»Wo tut es weh, Phil?«, frage ich nochmal.
Er schluckt, dann sagt er: »Hinten. Knapp über der Ferse.«
Das ist der Moment, in dem sich alles ändert.
Alle Träume, die wir für diesen Sommer noch hatten – ich sehe, wie sie aus seinem Blick schwinden.
Das war es mit unserem Auftritt beim Summer Bash.
Für Phil folgen bittere Wochen, die ihn im Training meilenweit zurückwerfen werden.
Und mit viel Pech war es das für mich mit meinem Studium in Princeton.


 


***


 


Black Rock Desert, Nevada


Curtis


Es ist knallheiß und die Musik donnert ohrenbetäubend laut aus den Lautsprechertürmen, die links und rechts von meiner DJ-Kanzel aufgebaut sind. Um uns herum erstreckt sich die Wüste von Nevada, die sich im Abendlicht orange gefärbt hat. Die Luft flimmert, das Land ist weit und leer, doch unter mir feiern hunderte von Menschen. Die Stimmung ist magisch. Es ist der zweite Tag des Flaming-Doll-Festivals und in exakt einer Minute wird die Sonne untergehen.
Ich sehe der Menge beim Tanzen zu, lasse mich vom Beat durchströmen, drücke die Muschel des Kopfhörers gegen mein Ohr und ändere den Pitch des Songs, den ich gerade aufgelegt habe. Es ist ein Remix, den ich selbst erstellt habe, meine eigene Version von No place I’d rather be.
Den Blick immer noch auf die feiernden Menschen gerichtet, setze ich einen Loop, sodass immer wieder die wichtigste Stelle des Tracks erklingt – die Zeile, in der die Sängerin erklärt, dass sie nirgends lieber wäre als hier.
Instinktiv lege ich einen Takt darunter, der mit jeder Wiederholung etwas lauter und drängender wird, und die Stimmung unten auf der Tanzfläche intensiviert sich. Die Körper drängen sich enger aneinander, Arme voller Schmuck und Tattoos wirbeln durch die Luft, halbnackte Frauen verrenken sich verführerisch zu den Klängen meines Songs.
Ich hangle nach meiner Sonnenbrille, setze sie auf und richte den Blick auf den leuchtend roten Ball am Horizont. Die Sonne sinkt tiefer, scheint schon fast den Wüstenboden zu berühren. Jetzt kommt es aufs perfekte Timing an. Ich schiebe einen Regler nach oben und ein langgezogener, epischer Ton setzt ein, der den Song langsam aber sicher übertönt.
Die feiernde Menge unter mir wendet sich dem Sonnenuntergang zu und der rote Feuerball beginnt, hinter den Horizont zu sinken.
Ich stelle den Soundeffekt lauter. Die Menschen recken die Arme in die Höhe, als ob sie das letzte bisschen Tageslicht einfangen wollten. Jubel setzt ein und ich erkenne, dass einige der Leute dort unten die Gesichter dem Himmel zudrehen, ihre Augen schließen ...
Genau jetzt ist der richtige Moment.
Die Sonne verschwindet und ich stelle den nächsten Song ein, meinen Dance-Remix von Lewis Capaldis romantischem Someone you loved.
Und damit habe ich die Leute dort unten genau da, wo ich sie haben wollte. Euphorisiert durch den Sonnenuntergang, den wir alle gemeinsam erlebt haben, nehmen sie den Beat in sich auf und fangen erneut an zu tanzen, noch ekstatischer als zuvor. Diesen Abend wird niemand von ihnen jemals vergessen.
Zufrieden wende ich mich wieder dem DJ-Deck zu, als ich aus dem Augenwinkel sehe, wie jemand die Stufen hinauf zu meinem Pult erklimmt.
Ich blicke auf. Es ist eine Frau. Ihr langes Haar ist offen und staubig vom Wüstensand, was irgendwie sexy wirkt. Sie hat sich ein Tribalmuster ins Gesicht gemalt und trägt kaum mehr als zerrissene Shorts und ein paar braune Lederriemen am Körper.
»Hi«, ruft sie mit kehliger Stimme, stützt sich auf dem Pult ab und kann offenbar nicht aufhören zu tanzen, denn ihr Körper zuckt leicht zum Beat.
»Hi«, rufe auch ich und lasse den Kopfhörer sinken. »Was gibt’s denn?«
Sie beißt sich auf die Unterlippe, ehe sie erwidert: »Ich wollte nur wissen, ob man sich von dir auch was wünschen kann.«
»Was würdest du dir denn von mir wünschen, wenn es so wäre?«, frage ich und schenke ihr ein verführerisches Lächeln.
Sie greift sich ins Haar, wirft es über ihre Schulter und beugt sich dann zu mir vor. Ihr Duft hüllt mich ein, salzig und süß zugleich.
»Ich würde mir wünschen«, ruft sie, »dass du mich nachher mit in deinen Wohnwagen nimmst.«
Mein Lächeln wechselt von charmant zu siegessicher, während ich über ihre Schulter hinweg auf die Wölbung ihres Hinterns spähe. Die Aussicht, mich nach meinem Set mit dieser Fremden zu vergnügen, finde ich alles andere als schlecht.
»Du willst also eine Privatvorstellung, sehe ich das richtig?«, halte ich sie noch einen Moment hin.
»Ich würde gern wissen«, gurrt sie, »ob du mit deinen Händen nur an den Turntables so geschickt bist oder auch in anderen Bereichen.«
Ich lache erstaunt. Die Kleine ist schlagfertig, das gefällt mir.
»Triff mich hinter der Hauptbühne, sobald ich hier fertig bin«, fordere ich sie auf. »Dann beweise ich es dir.«
»Hört sich gut an. Und bis es so weit ist ...« Sie richtet sich auf. »... werde ich noch ein bisschen tanzen. Nur für dich natürlich.«
Damit wendet sie sich ab und kehrt mit wiegenden Hüften auf die Tanzfläche zurück. Mein Mund wird trocken, als sie sich aufreizend zu bewegen beginnt und ich stelle wieder einmal fest, dass ich ein richtiger Glückspilz bin.
Mit einem Mal kann ich es kaum noch erwarten, hier fertig zu werden. Zumindest habe ich Mühe, mich auf den Rest meines Gigs zu konzentrieren, was aber nichts daran ändert, dass ich der Menge nochmal ordentlich einheize. Ich schätze, eine Buchung fürs nächste Jahr ist mir gewiss. Ohnehin mache ich mir in der DJ-Szene langsam aber sicher einen Namen. Alle lieben meine Mixes und ich nehme an, dass ich bald auf noch größeren Bühnen auftreten kann.
Eile hat das allerdings nicht. So, wie es jetzt läuft, bin ich auch zufrieden. Jeden Abend eine andere Party, jede Nacht eine andere Frau. Manchmal auch zwei. Es gibt wirklich nichts, worüber ich mich beklagen könnte und so kriege ich das Grinsen kaum aus dem Gesicht, als ich mich nach meinem Gig auf den Weg zu dem Treffpunkt mache, den ich mit der kurvigen Schönheit vereinbart habe.
Während die Party lautstark weitergeht, laufe ich durch den abgesperrten Bereich zwischen dem Festival-Gelände und dem Wohnwagenplatz, auf dem ich, genau wie die anderen DJs, von der Festivalleitung einquartiert worden bin. Mittlerweile ist es fast dunkel und ein leichter Wind geht, trotzdem ist es noch heiß. Bei dem, was ich gleich vorhabe, bin ich froh, dass mein Wohnwagen klimatisiert ist. Ich taste schon mal in meiner Jeanstasche nach einem Gummi und spüre dabei, wie mein Handy vibriert.
Stirnrunzelnd ziehe ich es hervor, sehe aufs Display und bin nicht gerade begeistert, als ich erkenne, wer anruft. Ausgerechnet jetzt, wo ich es eilig habe.
Ich streiche über das grüne Hörersymbol, halte mir das Handy ans Ohr und rufe über die Musik hinweg: »Mom! Was gibt’s?«
»Curtis?!«, fragt sie, als hätte sie mit jemand anderem gerechnet.
»Ja, ich bin dran! Was ist los?«, wiederhole ich.
»Curt. Kannst du mal die Musik leiser machen?«
Ich sehe nach rechts, zur Hauptbühne, wo gerade ein internationaler Star-DJ auflegt. »Äh, nein, ich fürchte nicht. Ich bin auf dem Flaming Doll, Mom.«
»Dann hoffe ich, dass du dich zumindest amüsierst. Deine Anreise war immerhin teuer genug!«
Ach, daher weht also der Wind.
Ich verdrehe die Augen, schiebe mir die Sonnenbrille ins Haar und fahre mir mit dem Handrücken über die Lider. »Es ging nicht anders.«
»Es ging nicht anders, als dir einen Privatjet zu mieten?«
Ich hätte mir denken können, dass meine Eltern wegen des Jets ganz schön angepisst sein würden, doch ich hatte tatsächlich keine Wahl. »Ich bin in L.A. versackt und wäre zu spät gekommen, wenn ich einen Linienflug genommen hätte, verstehst du?«
Ich weiß gar nicht, was die Diskussionen immer sollen. Meine Eltern sind steinreich und es kann ihnen völlig egal sein, ob ich mit dem Greyhound-Bus oder einer Marsrakete von Auftritt zu Auftritt reise.
»Versackt«, wiederholt meine Mutter. »Wie darf ich mir das vorstellen, Curtis? Hast du dich mit irgendwelchen Partydrogen vollgepumpt? Oder ...«
Ich stöhne und lasse das Handy sinken. Wieso muss sie immer so tun, als wäre ich die allerletzte Discoleiche? Klar habe ich mal Ecstasy probiert, aber ich war nie von irgendwas abhängig und bin es auch jetzt nicht. Manchmal trinke ich zu viel, doch so läuft das nun mal, wenn sich das Leben zum Großteil im Nachtleben abspielt. Man tritt auf, man feiert, man trinkt ...
Scheiße. Solange ich dabei keinem irgendwas tue, sollte das doch wohl nicht so ein Problem sein.
Als ich das Handy wieder an mein Ohr hebe, plappert meine Mutter immer noch.
»Hör zu«, unterbreche ich sie. »Es tut mir leid und wenn ich hier fertig bin, werde ich einen ganz normalen Economy-Flug zu meinem nächsten Job nehmen, okay?«
»Bist du nicht in Nevada? Du solltest nach Hause kommen, Curt. Wir würden wirklich gern mit dir sprechen.«
»Du sprichst doch gerade mit mir«, sage ich, weil ich nicht vorhabe, bei meinen Eltern vorbeizuschauen. Weit wäre es nicht, da sie in Vegas leben, aber ganz ehrlich – was soll ich denn da?
Meine Mutter seufzt. »Also gut, dann sage ich es dir eben so. Ich soll dir von deinem Vater ausrichten, dass der Geldhahn ab sofort zu ist.«
»Was soll das denn heißen?«
»Das heißt, dass dein Dad in diesem Moment mit der Bank spricht und deine Kreditkarten sperren lässt.«
»Woh, woh«, sage ich und hebe die Hand. »Moment. Ich bin hier mitten in der Wüste und habe kaum Bargeld, wie soll ich ohne Kohle nach Ibiza kommen?«
»Ich fürchte, daraus wird nichts, sofern du den Flug nicht selbst bezahlen kannst.«
»Fuck«, schimpfe ich lautlos, dann atme ich tief ein und sage, so ruhig ich kann: »Hör zu, Mom ...«
»Nein, du hörst jetzt zu, Curtis. Du wirst bald 24 und hast bisher nichts aus deinem Leben gemacht.«
Nichts?! Ich höre mich selbst hysterisch lachen. »Ich bin gerade vor hunderten von Menschen aufgetre-«
»Du verdienst kein Geld. Und gelernt hast du auch nichts. Darum hast du jetzt die Wahl: Entweder, du kommst zurück nach Hause ...«
»Oder?«, frage ich aufgebracht.
»Oder du gehst an die Uni und studierst.«
Mir klappt fast die Kinnlade runter. Was soll ich tun? Studieren?! »Das ist nicht euer Ernst«, behaupte ich.
»Doch, ist es. Dein Vater und ich haben beschlossen, dass wir deine Karte erst wieder entsperren, wenn du einen Studienplatz hast und wir sehen, dass du dich an der Uni bemühst.«
»Da brauche ich mich doch vor Juni noch gar nicht zu bewerben!«, rufe ich.
»Wir haben bereits Juli«, lässt meine Mutter mich wissen. »Ende August beginnt das neue Semester, die meisten Plätze werden ohnehin schon vergeben sein, also sieh zu.«
Ich schlucke, als ich kapiere, dass meine Eltern es wirklich ernst meinen. Gleichzeitig kann ich nicht fassen, wie wenig sie mich kennen. Ich? An der Uni? Das wäre, als würde man David Guetta in die Grundschule schicken!
»Mom«, starte ich einen letzten Versuch, aber sie lässt mich gar nicht zu Wort kommen.
»Da gibt es nichts zu diskutieren. Unser Entschluss steht fest. Oh, und Curt?«
»Hm?«, mache ich.
»Dein Großvater Reggie war, wie du weißt, damals in Princeton. Wir erwarten, dass du es dort auch schaffst. Viel Erfolg.«
Damit legt sie auf und lässt mich fassungslos zurück.
Princeton? Dieser Eliteschuppen? Da soll ich mich bewerben? Ich glaub, ich bin echt im falschen Film gelandet.


***



Kapitel 1


Princeton, New Jersey
Am Tag darauf


Curtis


Mit meiner Reisetasche über der Schulter steige ich aus dem Bus, der mich zum Campus gebracht hat, und sehe mich unwillig um. Verzierte Gebäude stehen inmitten grüner Bäume, Vögel zwitschern – und mir brummt der Schädel.
Wir haben gerade einmal elf Uhr morgens, was definitiv nicht meine Uhrzeit ist, vor allem, nachdem ich es gestern vor meiner Abreise aus Nevada nochmal richtig habe krachen lassen. Bevor ich herausfinde, wie ich mich hier bewerben kann, sollte ich nachsehen, ob ich Aspirin dabeihabe.
»Entschuldigung, dürfen wir vielleicht mal?«, fragt eine entnervte Stimme hinter mir und ich realisiere, dass ich noch in der Bustür stehe und den Weg nach draußen versperre.
»Sorry«, sage ich, gehe zur Seite und sehe drei Typen an mir vorbeimarschieren, die picklige Gesichter haben, aber Anzüge und Krawatten tragen. Sie sehen wie Baby-Banker aus, sind aber vermutlich Studenten an dieser Uni. Das ist gut, dann können sie mir sicherlich weiterhelfen.
»Yo«, rufe ich ihnen nach.
Einer der drei dreht sich zu mir um.
»Könnt ihr mir sagen, wo ich das Sekretariat finde?«
Der Mini-Bankangestellte deutet hinter mich. »Da lang und dann auf sieben Uhr den Weg hoch. Das efeuberankte Jugendstil-Gebäude. Du kannst es gar nicht verfehlen.«
»Cool, danke«, erwidere ich und drehe mich einigermaßen ratlos um. Sieben Uhr? Morgens oder abends? Und was um alles in der Welt darf ich mir unter einem Jugendstil-Gebäude vorstellen?
Oh Mann. Das hier ist wirklich nicht meine Welt.
Auf gut Glück marschiere ich los und bin froh, als ich nach ein paar Metern Schilder entdecke, die an den Gabelungen der breiten, sauberen Spazierwege stehen. Powers Field steht auf einem davon, versehen mit einem Pfeil Richtung Süden. Auf einem anderen steht DeNunzio-Halle und wieder ein anderes deutet zur Prospect Avenue. Sagt mir alles nichts, also laufe ich erstmal ziellos weiter, bis ich endlich einen Wegweiser zum Studierendensekretariat entdecke. Na, bitte.
Während ich dem Pfeil folge, sehe ich mir die Studenten an, die überall auf den Wiesen herumlungern. Viele haben Bücher dabei, einer tippt auf eine alte Schreibmaschine ein. Was stimmt mit denen nicht? Meinen Informationen nach haben sie noch fast zwei Monate Semesterferien, wieso also sind sie hier?
Ratlos setze ich meinen Weg fort und entdecke schließlich ein Gebäude vor mir, das von oben bis unten mit Efeu überzogen ist.
»Jugendstil, glasklar«, grummle ich und laufe darauf zu. Dann wollen wir doch mal sehen, was ich neben früh aufstehen und quer durchs Land reisen noch alles tun muss, um hier einen Platz zu bekommen.
Ich stoße die schwere Holztür auf und ein seltsamer Geruch weht mir entgegen, nach alten Zeitungen, Wachs und Kaffee. Ich folge dem Kaffeeduft, trete durch eine weitere Tür auf der linken Seite und lande in einem großen, neonbeleuchteten Raum mit einer Holztheke, hinter der drei Frauen an Schreibtischen sitzen.
Synchron blicken sie auf.
Die Jüngste von ihnen, eine hübsche Rothaarige mit rubinfarbenen Lippen, zieht eine Braue in die Höhe. »Das Sekretariat öffnet um zwölf.«
Ich deute hinter mich. »Die Tür war offen.«
»Das mag sein, trotzdem müssen wir Sie bitten, eine Nummer zu ziehen und zu warten.«
An sich würde ich das sogar machen, aber ich glaube, wenn ich mich jetzt irgendwo hinsetze, um zu warten, schlafe ich sofort ein.
»Hören Sie«, sage ich daher. »Ich habe eigentlich nur eine kurze Frage. Wo muss ich hin, wenn ich mich hier einschreiben will?«
Jetzt sehen die drei Sekretärinnen mich noch skeptischer an.
Eine etwas ältere, über deren Oberlippe ein dunkler Flaum sprießt, der mit meinem Zweitagebart locker mithalten kann, sagt: »Das hier ist Princeton, junger Mann. Hier kann man sich nicht einfach einschreiben.«
Ich fahre mir mit der Hand durchs Haar. »Ja, schon klar, die Plätze sind begrenzt und so. Aber ich habe keine besonderen Ansprüche, okay? Sagen Sie mir einfach, in welchem Fach noch was frei ist und ich bin dabei.«
Jetzt lachen die drei Frauen, wenn auch verhalten, und ich sehe von einer zur anderen. »Was?«
»Die Sache ist so«, schmunzelt die Rothaarige. »Es gibt hier nicht einfach irgendwelche Plätze, die an irgendwelche Leute vergeben werden. Princeton ist eine Ivy-League-Universität. Wir haben harte Einstellungsverfahren und diese sind dieses Jahr schon lange vorbei.«
»Fuck«, entfährt es mir.
Die dritte Sekretärin, eine kleine Blondine, die mich vom Aussehen her irgendwie an eine Quietscheente erinnert, kräuselt pikiert die Lippen.
»Sorry«, murmle ich. »Die Sache ist nur, dass ich echt dringend einen Studienplatz brauche. Verstehen Sie?«
Alle drei sehen mich an, als würden sie rein gar nichts verstehen und das kann ich wohl auch nicht erwarten. Woher sollen sie schließlich wissen, dass ich über Geld bis vor ein paar Tagen nicht einmal nachdenken musste und jetzt praktisch mittellos bin? Nachdem ich fast mein komplettes Bargeld ausgeben musste, um mir den Weg hierher leisten zu können, besitze ich jetzt noch zehn Dollar. Das ist alles. Aber das wird diese Frauen wohl kaum scheren.
»Hm, na ja«, macht die Rothaarige und rückt die Brille auf ihrer niedlichen kleinen Nase zurecht. »Sie können ja mal da hinten am schwarzen Brett schauen. Dort gibt es Aushänge für die letzten verbliebenen Stipendien. Möglicherweise ist ja was für Sie dabei.«
Ihre Worte sorgen dafür, dass meine Stimmung sich aufhellt. Es gibt Stipendien? Weshalb sagt sie das denn nicht gleich?
»Danke, Süße«, erwidere ich, schenke ihr ein Lächeln und wende mich der Korktafel an der Wand zu, auf die sie gedeutet hat.
»Wendy«, raunt eine der älteren Frauen. »Hat er dich gerade Süße genannt?«
»Willst du dir das einfach so gefallen lassen?«, flüstert die Zweite.
Über die Schulter sehe ich die Rothaarige – Wendy – an.
Sie hat den Kopf auf dem Arm abgestützt, schaut mir verträumt nach, senkt aber schnell den Blick auf ihren Tisch, als ich sie anblicke.
Grinsend drehe ich mich wieder nach vorn und gebe mir Mühe, mich auf die bedruckten Blätter zu konzentrieren, die mit Reißnägeln an der Pinnwand befestigt sind.
1001101: Informatik-Stipendium zu vergeben, steht auf einem davon.
Ein anderes verkündet: Von Estnisch bis Esperanto – wenn Worte deine Sprache sind, haben wir einen Platz für dich!
Meine Sprache ist allerhöchstens Musik und von Informatik verstehe ich so viel wie Albert Einstein vom DJing.
Mutlos lese ich mir die nächsten Aushänge durch, bis ich auf einmal etwas entdecke, das mir einerseits Hoffnung macht und mir andererseits vorkommt, als würde sich der Schlund der Hölle vor mir auftun.
You wanna dance with somebody? Dann bewirb dich fürs Kristi-Fitzgerald-Tanzstipendium!
Wunderbar. Würde es den sprichwörtlichen Wink mit dem Zaunpfahl noch nicht geben, wäre er wohl in diesem Moment erfunden worden. Ich strecke die Hand nach dem hellblauen Zettel aus, auf dem die Silhouette einer tanzenden Frau abgebildet ist. Dann jedoch zögere ich.
Ich kann das nicht tun, echt nicht.
Aber was ist die Alternative? Mit meinen zehn Dollar ins nächste Casino laufen und hoffen, dass es mir gelingt, das Geld auf wundersame Weise zu vermehren? Darauf sollte ich nicht setzen.
Ich gebe ein unwilliges Brummen von mir.
»Nichts für Sie dabei?«, fragt Wendy und tritt neben mich.
»Kommt drauf an. Gibt es in Princeton ein Casino?«
Die Rothaarige lacht leise. »Es gibt eine Bingonacht. Meine Tante hat dort mal eine Heizdecke gewonnen.«
Das war alles, was ich wissen musste. Ich gebe mir einen Ruck, nehme den blauen Zettel vom Brett, halte ihn Wendy hin und frage: »Was muss ich tun, um mich für dieses Stipendium zu bewerben?«
Wendy zieht die Brauen hoch. »Das Kristi-Fitzgerald-Stipendium?«
Ich bejahe.
»Nun ...« Die Sekretärin verzieht ihre roten Lippen. »Zuerst mal Ihre Männlichkeit loswerden, denn dieses Stipendium ist nur für Frauen.«
Was? Das kann doch nicht wahr sein. Da finde ich ein Fach, in dem ich tatsächlich eine Chance haben könnte, und dann sowas! »Gibt es auch ein Stipendium für Männer?«, hake ich nach.
»Im Tanzen? Nein.«
Ich kann förmlich spüren, wie mir die Felle davonschwimmen und sehe mich schon im örtlichen Obdachlosenasyl. Vielleicht sollte ich mir vorher die Heizdecke von Wendys Tante leihen, dann friere ich mir wenigstens nicht die Nüsse ab, wenn ich im kommenden Winter auf der Straße schlafe! Andererseits sind es ja genau die, die mir gerade im Weg stehen ...
Ich deute auf den Zettel. »Das ist aber ganz schön sexistisch.«
»Sexistisch«, wiederholt Wendy.
»Klar, es ist diskriminierend, wenn man jemandem eine Sache verwehrt, nur weil er das falsche Geschlecht hat.«
»Tja, da gebe ich Ihnen sogar Recht, aber die Dinge sind nun einmal, wie Sie sind«, sagt Wendy und geht langsam wieder zu ihrem Platz, fast so, als ob sie schon ahnt, was ich als Nächstes sage und davor weglaufen will.
Ich sehe die drei Sekretärinnen der Reihe nach an und hebe den Zettel hoch. »Und was passiert, wenn ich mich einfach trotzdem bewerbe und beweise, dass ich es auch als Mann draufhabe?«
Synchron fangen die drei Sekretärinnen an zu stöhnen.
»Geht das schon wieder los«, sagt die mit dem Bart.
»Was?«, frage ich die rothaarige Wendy. »Was meint sie?«
Wendy hebt die Schultern. »In Princeton gab es in den letzten Jahren gleich mehrere ... Geschlechterrevolutionen. Wir dachten, jetzt kehrt langsam Ruhe ein, aber wenn Sie meinen, dass Sie es versuchen wollen ...« Sie weist auf den Zettel. »Gehen Sie übermorgen zur Anmeldung im Kristi-Fitzgerald-Gym.«
»Übermorgen schon? Wird dann auch gleich entschieden, wer den Platz kriegt?«, frage ich.
Wendy verneint. »Nein, so funktioniert das nicht. Es ist ein Sport-Stipendium, also müssen Sie Ihr Können beweisen. Die Bewerberinnen studieren zuerst eine Choreografie mit den PRAYERS ein ...«
»Mit wem?«, frage ich lachend. Das klingt nämlich nach der reinsten Nonnentruppe.
»Den PRAYERS. Der Tanz-Crew von Princeton, gegründet von Kristi Fitzgerald persönlich. Sie trainieren jedes Jahr drei Wochen mit den Bewerberinnen, bevor Kristi herkommt und den Platz persönlich an die Beste vergibt. Tanzen Sie besser als alle anderen, dann sieht man vielleicht über ... gewisse Details hinweg.«
Alles in mir sträubt sich dagegen, aber ich habe keine Wahl. Wenn ich nicht als Penner auf der Straße enden will, bleibt mir nichts anderes übrig, als zu tun, was ich eigentlich nie mehr tun wollte.
Und das ist tanzen.


***


 


Avery


Drei Tage nach Phils Diagnose – er hat eine angerissene Achillessehne – würde ich mich am liebsten immer noch in meinem Wohnheimzimmer verkriechen und darüber schmollen, wie unfair das Leben ist. Zwar habe ich schon begonnen, online nach einem neuen Tanzpartner zu suchen, aber bisher haben sich nur ein 15-jähriger, der nicht einmal hier studiert, und ein Prof beworben, mit dem zu tanzen vermutlich nicht einmal legal wäre. Wenn es so weitergeht, studiere ich nicht mehr lange in Princeton, denn ich kann mir die teure Elite-Uni einfach nicht leisten und die Nebenjobs sind für dieses Jahr bereits alle vergeben.
Aber noch bin ich hier. Um drei sollen die Bewerberinnen fürs Stipendium in unsere Tanzhalle kommen, die natürlich Kristi-Fitzgerald-Gym heißt.
Um zehn nach drei warten wir allerdings immer noch.
Rosie sitzt im Schneidersitz auf dem Boden unseres lila gestrichenen Tanzstudios und sortiert die Strähnen ihres schwarzen Bobs. Brit, die mit ihrem kurzen blonden Haar wie Phils kleine Schwester aussieht, macht ein paar Sit-ups. Diane und Cami, die kurvigsten unter uns, sehen sie unzufrieden an.
»Was soll denn das? Du bist doch schon total durchtrainiert.«
Wir PRAYERS sind zu zehnt und verstehen uns alle gut, aber nur mit den vieren, die mit in Philadelphia waren, bin ich wirklich befreundet. Dabei sind wir total unterschiedlich: Diane steckt voller Temperament, Rosie ist stets ein bisschen verpeilt. Brit ist diszipliniert wie ein tanzender Marine, Cami tut nur, so viel sie muss. Alle vier kommen aus reichen Elternhäusern, was sie wiederum von mir unterscheidet. Aber das spielt in unserer Freundschaft keine Rolle.
Nur eins haben wir, neben dem Tanzen, wohl alle gemeinsam: Wir warten nicht gern.
»Ich sehe mal nach, wo sie bleiben«, beschließe ich, verlasse zügig das Studio und höre die Bewerberinnen in der Umkleide kichern.
Als ich mich der Tür nähere, stelle ich fest, dass sogar Musik läuft. Es klingt fast, als würden sie da drin eine kleine Privatparty feiern. Komisch.
Mit gerunzelter Stirn öffne ich die Tür – und traue meinen Augen nicht, als ich sehe, was hier abgeht.
Die Bewerberinnen – auf den ersten Blick zähle ich acht Mädels, die hier sind, weil sie sich das Studium ohne Stipendium nicht leisten können – haben sich alle um eine der Bänke geschart, wo ihnen jemand was auf einem Handy zeigt.
Und dieser Jemand ist doch tatsächlich ein Mann.
Breitbeinig wie ein Macho sitzt er da und hält den Frauen, die sich um ihn drängeln wie Groupies um einen Popstar, sein Smartphone hin. »Das war in Rio bei einer Party zum Karneval.«
Ich räuspere mich oder zumindest würde ich das gerne, aber ich bin gerade einfach viel zu fassungslos. Abgesehen vom Hausmeister und dem Rektor haben Männer im Gym keinen Zutritt. Das weiß hier in Princeton eigentlich jeder.
»Hey!«, starte ich einen zweiten Versuch, die Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.
Jetzt, endlich, sehen mich alle an, auch der Typ. Obwohl ich ihn eigentlich auf der Stelle rauswerfen will, verschlägt es mir für einen Moment die Sprache – denn er benimmt sich nicht nur unverschämt, sondern sieht auch unverschämt gut aus.
Er hat kurzes, modern geschnittenes Haar, auffallend sinnliche Lippen und Augen, deren Farbe ich auf den ersten Blick nicht einordnen kann. Sie wirken hell, aber blau sind sie nicht. Eher grau, so wie ein nebliger Herbsthimmel oder das Fell eines Huskys. Außerdem sind sie dunkel umschattet, was ihm seltsamerweise steht, fast so, als wäre dieser Kerl geboren worden, um zu wenig zu schlafen. Er hat wirklich schöne Augen ... aus denen er mich gerade ganz unverhohlen abcheckt.
Schnell, aber trotzdem offensichtlich wandert sein Blick von meinem Gesicht über mein Top und meine enge Hose bis zu meinen nackten Beinen.
»Genug gesehen?«, frage ich. »Oder soll ich mich vielleicht ausziehen?«
Seine Augen rucken mit einem leicht ertappten Ausdruck wieder hinauf zu meinem Gesicht. Der Kerl setzt ein freches Grinsen auf und erwidert: »Wenn du darauf bestehst, sag ich nicht nein, Baby.«
Baby?!
Jetzt falle ich endgültig aus allen Wolken. Nicht nur, dass dieser Kerl einfach hier reinkommt und unsere Bewerberinnen ablenkt, er führt sich auch noch auf, als wäre das hier ein Casting für seinen privaten Harem!
»Hör zu, Baby«, gebe ich zurück. »Ich weiß zwar nicht, wer du bist und was du hier suchst, aber ...«
»Curtis«, unterbricht er mich.
»Das beantwortet höchstens eine meiner Fragen.«
Er macht eine umfassende Handbewegung. »Ist es nicht klar, was ich hier will? Mich bewerben natürlich.«
Sich bewerben. Für das Kristi-Fitzgerald-Tanzstipendium für Frauen.
Ich höre mich selbst lachen, während mein Blick bezeichnend an Curtis herunterwandert. »Okay. Dann habe ich da wohl etwas Grundlegendes falsch verstanden, denn im ersten Moment dachte ich, du wärst ein Mann.«
»Das bin ich auch«, sagt er seelenruhig. »Und ich beweise es dir gern.«
Die Bewerberinnen fangen schon wieder an zu kichern und ich würde ihnen am liebsten ein paar Eimer kaltes Wasser über den Kopf kippen, damit sie wach werden. Ich bin keine Feministin, wirklich nicht. Aber kapieren sie eigentlich nicht, was hier gerade läuft? Dass dieser Curtis sie nicht nur wie Idiotinnen dastehen lässt, sondern ihnen auch den Platz abjagen will?
»Nein, danke«, sage ich, denn so, wie er da sitzt, bleiben an seiner Männlichkeit ehrlich gesagt ohnehin nicht viele Zweifel. Ich zwinge mich, in sein Gesicht zu sehen, auf dem so ziemlich die exakte Mischung zwischen einem Lächeln und einem Grinsen liegt, und so langsam verstehe ich, was hier läuft. »Okay. Wer schickt dich? Die Verbindungsjungs oder eines der Sportteams?«
»Niemand«, beharrt Curtis.
Er will also behaupten, das hier wäre kein Prank.
»Dann hast du vermutlich eine Wette verloren.«
»Nope. Ich möchte einfach nur tanzen.«
»Das kannst du ja gerne tun«, erwidere ich. »Nur halt nicht hier.«
»Doch, ich denke, das kann ich.« Als wollte er es mir auf der Stelle beweisen, steht er auf und ich erkenne, dass seine Figur genauso wenig zu verachten ist wie sein Gesicht. Allerdings sieht er nicht wie ein Tänzer aus, denn dafür ist er zu muskulös. Ein Stripper könnte er vielleicht sein und mit diesem Gedanken fällt mir die dritte mögliche Lösung ein.
Skeptisch sehe ich ihn an, ehe ich mich umdrehe, zum Studio gehe, die Tür öffne und frage: »Mädels. Habe ich den Geburtstag von einer von euch vergessen?«
Alle verneinen.
Ich drehe mich um, nur um festzustellen, dass Curtis mir gefolgt ist, natürlich mit seinen Bewunderinnen im Schlepptau.
»Ein Stripper bist du also auch nicht«, murmle ich.
Ziemlich amüsiert blickt er auf mich herunter. »Da muss ich dich enttäuschen.«
Ehe ich etwas erwidern kann, kommen die anderen PRAYERS näher und reagieren ungefähr genauso wie ich gerade.
»Ein Mann?«
»Ist der lebensmüde?«
»Kommt ihm besser nicht zu nah«, sagt Rosie mit schauriger Stimme.
Curtis sieht von ihr zu mir und macht nicht den Eindruck, als hätte er vor, in der nächsten Zeit einzusehen, dass er hier nichts zu suchen hat.
»Hör zu«, sagt er. »Ich möchte wirklich Teil dieser Crew werden. Gebt mir eine Chance und ihr werdet es nicht bereuen. Tanzen ist immerhin wie Sex, oder nicht?«
Zweifelnd sehe ich ihn an.
»Allein ist es okay, aber je mehr mitmachen, desto größer der Spaß.«
Diesen göttlichen Spruch unterstreicht er auch noch mit einem breiten Grinsen.
Fassungslos schaue ich auf die Uhr. Es ist schon gleich zwanzig nach. Um vier kommt Lin Truong, die Dekanin der Kunstfakultät, um die neuen Bewerberinnen selbst unter die Lupe zu nehmen. Wenn wir bis dahin immer noch hier rumstehen und diskutieren, sieht das für alle ziemlich blöd aus.
»Na schön, Curtis«, seufze ich daher. »Heute kannst du von mir aus mitmachen. Vielleicht überzeugst du mich ja, dass du tanzen kannst wie eine richtige Frau!«
Mit einem letzten Blick zu Curtis wende ich mich ab.
»Vielleicht habe ich das ja auch gar nicht nötig«, ruft er mir nach.
Mir war irgendwie klar, dass er das letzte Wort haben muss.


***


 


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