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Belletristik
Buch Leseprobe Leninplatz, Mark Scheppert
Mark Scheppert

Leninplatz



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In der 10. Klasse rauchen wir die erste Zigarette schon vor Beginn des Unterrichts in einer nicht einsehbaren Ecke des Schulhofs. Sie schmeckt zwar wie dampfende Dachpappe und verursacht einen trockenen Belag auf der Zunge, aber was macht man nicht alles, um in der kuhlen Gang zu bestehen.


Auch an diesem Novembertag 1987 sehe ich schon von weitem ein Gemisch aus Qualm und warmer Atemluft aus den Mündern meiner Freunde emporsteigen. Tessi, Bergi, Bommel, Torte und Andi stehen am Zaun und schauen angeregt diskutierend hinüber zur „Rosa“. Erst als ich näher komme, bemerke ich, dass in großen schwarzen Lettern etwas auf die Außenwand der verhassten Nachbarschule gepinselt worden ist: „Freiheit ist immer auch die Freiheit des A“, steht dort. Leise schleiche ich mich von hinten heran und rufe mit möglichst tiefer Stimme: „Wer war das?“ Bommel fällt vor Schreck fast die Kippe aus dem Mund, doch als er mich sieht, muss er lachen.


Natürlich war das keiner von uns, zumal sich niemand einen Reim darauf machen kann, was der Satz bedeutet und, vor allem, wie er ausgehen soll. Dennoch erkenne ich in den Augen der Jungs, dass sie den „Sprayer“ bewundern. Das hat was von „Beat Street“, auch wenn es sich nur um Schmierereien an der „Rosa Luxemburg POS“ handelt und nicht um bunte Graffitis an U-Bahnwagen in der New Yorker Bronx.


 


Als wir in der Milchpause auf den Hof zurückkehren, ist der Satz verschwunden. Nur eine etwa vier Meter lange und einen Meter breite weiße Farbschicht zeugt davon, dass dort mal etwas gestanden haben muss. Die Wand schimmert noch immer feucht, sodass wir allen beweisen können, keinen „Quatsch mit Soße“ erzählt zu haben. Allerdings hat niemand den rasenden Malermeister oder gar den nächtlichen Schmierfink zu Gesicht bekommen.


Dennoch entpuppen sich unsere Angebereien als Eigentor. In der Mittagspause werden wir zur Direktorin gerufen. Dort sitzen bereits zwei übel gelaunte Herren in auffällig unauffälligen Jacken. Die Sache hat sich also herumgesprochen. Einzeln führen sie uns in ein Klassenzimmer. „Wer war das?“, fragt mich einer der Kerle mit tiefer Verhörstimme. Ich weiß, dass es nichts zu befürchten gibt, denn weder meine Freunde noch ich haben etwas damit zu tun oder wissen, wer der Täter ist. Und selbst wenn, diese Typen würden es nicht erfahren!


Mit Andi, Bommel, Bergi, Torte und Tessi gibt es nämlich einen unausgesprochenen Ehrenkodex: Es wird nie ein Freund verpetzt oder denunziert. „Ich war das nicht!“, darf man gelegentlich sagen, doch niemals: „Aber der da war es!“ Deshalb sind alle geschockt, als wir hören, dass die Männer in der Lederkluft Andi eingesackt haben. „Was soll der denn schon damit zu tun haben?“, fragt Tessi in die Runde.


 


Erst am frühen Abend spricht sich herum, dass Andi wieder aufgetaucht ist. Gespannt warten wir darauf, bis er endlich im „Alfclub“ erscheint. Mit einem breiten Grinsen schnappt er sich ein Bier, setzt sich auf einen Sessel – und schweigt. Er ahnt natürlich, dass er gerade der uneingeschränkte Mittelpunkt der Runde ist, und kostet dies natürlich aus. Nach und nach beginnt er dann aber doch zu erzählen.


Sie hätten ihn irgendwohin nach Lichtenberg, Höhe U-Bahnhof Magdalenenstraße gekarrt und „in ’nem richtigen Verhörzimmer und so“ in die Mangel genommen. Er schildert die Situation so lebensnah und bedrohlich, dass alle mucksmäuschenstill sind. Doch ich unterbreche ihn: „Was haben sie dir eigentlich vorgeworfen?“ Er schaut mich überrascht an: „Na blöderweise hatte ich denen gesagt, ich wüsste, wie der Satz vollständig heißt.“ Wir staunen. Weder die befragten Eltern noch unsere Lehrerin Frau Wagenbach hatten eine Antwort darauf gewusst. „Und?“, brüllt Tessi genervt, der es nicht sonderlich mag, wenn Andi einen Kotten schiebt. Der lehnt sich entspannt zurück und murmelt: „Freiheit ist immer auch die Freiheit des Andi.“ Schallendes Gelächter erfüllt den Klub in den Tiefen des Neubaublocks. Andreas Billstedt, alias Andi, ist an diesem November-Abend im Jahr 1987 der uneingeschränkte Held unserer Clique und darf später sogar auf dem Mercedes-Chefsessel wie ein König Platz nehmen.


Am nächsten Morgen betrachte ich nachdenklich den überpinselten Spruch und denke: ‚Mich würde ja trotzdem mal interessieren, wer das war, und, vor allem, wie dieser Satz vollständig lautet.‘



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