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Belletristik
Buch Leseprobe Leben ohne Maske, Knut Wagner
Knut Wagner

Leben ohne Maske


Roman

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Durch einen dunklen, schweren Windfang betrat Wolfgang die „Weintanne.“ Es war eine geräumige, etwas düster wirkende Kneipe.
Rechts von der Theke war die Gaststube, in der ein paar Stammtisch-Brüder ihr Bier tranken und, vor sich hinpaffend, einen zünftigen Skat droschen.
Links von der Theke war die Weinstube, in der an diesem Abend so gut wie niemand saß, und so fiel es Wolfgang nicht schwer, einen Platz zu finden, von dem aus er das ganze Kneipengeschehen gut überblicken konnte.
Auf Ulli wartend, bemerkte er, dass gleich links neben der Theke eine Wendeltreppe mit hellen Holzstufen und einem schwarz gestrichenen Metallgeländer in den ersten Stock ging. Die enge, steile Treppe führte zu den Privaträumen des Gaststättenehepaares und zu Ullis Zimmer, das sich ebenfalls direkt über der Kneipe befand.
Vor der ersten Stufe der Wendeltreppe lag eine gelbe Dogge auf einer kleinen, blauen Kinderdecke. Obwohl sie zu schlafen schien, achtete sie darauf, dass kein Fremder unerlaubt in die Privaträume kam, und Wolfgang, der eine unheimliche Angst vor Hunden hatte, dachte an den blinden Fendrich aus dem Hinterhaus, der an warmen Tagen die Werkstattfenster weit offen hatte und sich jedes Mal furchtbar darüber aufregte, wenn sie als Kinder durch den Vorderhof tobten. Wenn er abends mit seinem Schäferhund den Hinterhof betrat und sie gerade Haschen spielten, übte er Rache: Er hetzte seinen Hund auf sie.
Als Ulli die Wendeltreppe herunter kam, machte er einen großen Schritt über die schlafende Dogge und kam schnurstracks auf Wolfgangs Tisch zu.
Ulli bemerkte gleich, dass in Wolfgang irgendetwas vorging, und er fragte: „Is was?“ „Ich habe deinen Mut bewundert“, sagte Wolfgang.
„Welchen Mut?“ „Wie du über den Hund hinweggestiegen bist.“, „Der kennt mich doch.“ „Ich hätte trotzdem Angst, über ihn hinwegzusteigen. Auch wenn er mich kennen würde“, erwiderte Wolfgang.
Die Fenster der Weinstube wurden indirekt beleuchtet, und man hatte den Eindruck, dass es draußen heller Tag war. Deshalb und durch den Wein, den Ulli und Wolfgang tranken, verloren sie völlig das Gefühl für die Zeit. Sie entsannen sich ihrer Heldentaten, auf die sie noch immer sehr stolz waren.
„Weißt du noch, in der siebenten Klasse, als wir vor die Schulleitung zitiert und regelrecht verhört wurden?“, sagte Ulli.
„Obwohl uns der Direktor gegenüber saß, gaben wir nicht zu, was Lehrer Hilbich schon lange zugegeben hatte“, sagte Wolfgang. „Drei Tage hielten wir durch, dann sagten wir, was eh schon jedem bekannt war.“ „Weil der Wirt nicht bereit gewesen war, an uns die Zigaretten zu verkaufen, hatte Hilbich Karl vorgegeben, sie seien für ihn, und der Wirt hatte uns daraufhin die gewünschten Zigaretten verkauft“, erinnerte sich Ulli.
„Und weil wir versucht hatten, ein moralisch nicht einwandfreies Verhalten eines Lehrers zu decken, bekamen wir einen Verweis.“ „Den Wortlaut des Briefes, der den Eltern per Einschreiben zugestellt wurde, habe ich noch genau im Kopf.“ Wolfgang, der ein phänomenales fotografisches Gedächtnis besaß, kniff die Augen zusammen und sagte den Brieftext, den er vor sich sah, wie ein Gedicht auf: „Ich muss Sie leider von einem Vorfall während des Wandertages der Klasse 7a am Montag, dem 16. September 1957, in Rochsburg in Kenntnis setzen. Ihr Junge hat mit acht anderen Schülern der Klasse im Gasthof zehn Zigaretten und eine Schachtel Streichhölzer gekauft. Jeder gab dazu zehn Pfennige. Ihr Junge und die übrigen Schüler haben dann im Wald eine Zigarette geraucht. Ich bin gezwungen, Ihrem Sohn für dieses Verhalten einen Verweis zu erteilen und diesen in die Schülerpapiere einzutragen. Bitte wirken Sie ebenfalls erzieherisch auf Ihr Kind ein, damit so etwas nicht wieder vorkommt. Reißland. Direktor.“ „Der Verweis war schlimm“, sagte Ulli. „Aber viel schlimmer wäre es  gewesen, wenn Reißland von unserem Austritt aus dem Gruppenrat Wind bekommen hätte.“ Wolfgang erinnerte sich noch ganz genau an jenen Morgen, als Ulli ihn auf dem Schulweg gefragt hatte, ob er Radio gehört hätte und wüsste, was in Ungarn los sei.
„Ich hatte mit meinem Vater bis in den späten Abend hinein alle möglichen Nachrichtensender gehört und am nächsten Morgen erzählte ich dir, dass die Russen in Ungarn mit Panzern Leute niederwalzen, und du warst darüber genauso empört wie ich“, sagte Ulli.
„Und als Fräulein Schmalz die Klasse betrat, versuchte sie, einer Ungarn- Diskussion aus dem Weg zu gehen. Man könne nicht viel darüber sagen, meinte die Schmalzen. Aber aus dir sprudelte nur so heraus, was du von den westlichen Nachrichtensendern gehört hattest“, spann Wolfgang die Geschichte weiter. „Und nachdem du Frage auf Frage gestellt hattest, sprach Fräulein Schmalz plötzlich von Konterrevolution. Aber keiner von uns wusste, was unter Konterrevolution zu verstehen war.
Denn in Geschichte waren wir erst beim Faustkeil.“ „Als die Schmalzen uns weiszumachen versuchte, dass in Ungarn Feinde am Werk wären, die das Rad der Geschichte zurückdrehen wollten, erklärten wir unseren Austritt aus dem Gruppenrat, und der kleine Herbst, der ‚Eine schöne Ordnung ist das, die Menschen niederwalzt‘ in die Klasse gebrüllt hatte, schloss sich uns an“, sagte Ulli, der damals ihr Wortführer gewesen war.
„Fräulein Schmalz sagte, wir sollten uns das noch einmal gut überlegen.
Nächste Woche sei Pioniernachmittag, und da könne man nochmals in Ruhe darüber reden“, erinnerte sich Wolfgang.
„Dass die Schmalzen den Austritt aus dem Gruppenrat nicht an die große Glocke hing, lag vielleicht daran, dass sie eine Woche später in den Westen ging“, sagte Ulli, und süffisant lächelnd fügte er an: „Vielleicht lag es aber auch daran, dass du ihr Lieblingsschüler warst. Sie hielt dich ja für eine poetische Begabung, und ich kann mich noch genau daran erinnern, wie wir uns anhören mussten, was du über einen ‚Nachmittag im Lustgarten‘ geschrieben hattest.“
 „Aber mir war es unheimlich peinlich, als die Schmalzen meine Schreibkünste pries und ich meinen Aufsatz als gelungenes Beispiel für eine Schilderung von vorn bis hinten vor der ganzen Klasse vorlesen musste“, sagte Wolfgang.
Auf drei Seiten hatte er beschrieben, was er kurz vor einem Gewitter gesehen und empfunden hatte. Mit der drückenden Schwüle, dem fernen Gewittergrollen, dem aufkommenden Wind, der die Blätter der Büsche und die Zweige der Bäume zauste, hatte sein Aufsatz begonnen, und mit dem Verfinstern des Himmels und dem Tiefflug einer Amsel, die aufgeregt Zuflucht im Gebüsch suchte, hatte er geendet.
„Hatte sie nicht recht, als sie von deiner poetischen Begabung sprach?“ „Mag sein“, wiegelte Wolfgang ab und versuchte, das Thema zu wechseln.
Auf einem der bunten Glasfenster war eine üppige Frau mit gelben Weintrauben im Haar zu sehen, und Wolfgang, der eine Vorliebe für vollbusige Frauen mit einem breiten Hintern hatte, fragte neugierig nach der dicken Frau Fendrich aus dem Hinterhaus.
„Die dicke Frau Fendrich ist noch dicker geworden“, sagte Ulli. Er konnte sich denken, warum Wolfgang nach ihr fragte, und als wolle er sich vergewissern, ob seine Annahme richtig sei, sagte er: „Weißt du noch, wie wir zwischen den Bretterstapeln standen und ihr beim Duschen zusahen?“ „Ich habe das Bild noch genau vor Augen“, sagte Wolfgang und erinnerte sich an jenen Abend, als er und Ulli, auf einem Bretterstapel der angrenzenden Tischlerei stehend, aufgeregt zusahen, wie Frau Fendrich das Licht im Badezimmer anmachte und sich in Fensternähe auszuziehen begann.
Wolfgang hockte zwischen den hoch aufgeschichteten Brettern und hoffte, Frau Fendrich möge die Gardine nicht zuziehen. Er sah, wie sie milchfarbig und dickbeinig unter der Dusche stand und das Wasser auf ihren fülligen Körper prasselte, bis die Badezimmerscheiben völlig mit Wasserdampf beschlagen waren.


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