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Belletristik
Buch Leseprobe LEBEN, Moira Ashly
Moira Ashly

LEBEN


Eine vielleicht wahre Geschichte

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Einleitung
 
Marie schwirrte der Kopf, als sie aus dem Therapiegespräch herauskam. Sie mochte diese Gespräche nicht. Es wühlte sie immer wieder zu sehr auf, wenn sie nach ihrer Kindheit oder nach ihrem früheren Leben gefragt wurde und sie mochte das Gefühl überhaupt nicht. Es würde wieder Tage dauern, bis sie zur Normalität zurückfinden könnte, das war ihr bewusst, denn es war immer so. Aber einfach nicht mehr in die Therapie gehen hätte wohl alles wieder schlimmer gemacht.
Heute waren sie darauf zu sprechen gekommen, dass Marie gerne schrieb. Schon als Kind hatte sie ihre Geschwister mit ihren Geschichten unterhalten. Eine blühende Fantasie, das bescheinigten ihr auch ihre Lehrer. Der Therapeut hatte sie gefragt, an was sie denn gerade arbeitete.
»Nichts«, sagte Marie kleinlaut.
»Nichts?«, wiederholte der Mann vor ihr. »Warum nicht?«
»Es geht einfach nicht. Da ist nichts mehr in meinem Kopf. Keine Idee, kein Plan. Nichts!«
Der Mann schwieg eine Weile, ehe er sagte: »Schade. Sie sollten zumindest wieder versuchen, etwas zu schreiben. Damit meine ich, schreiben Sie Ihr Leben auf. Alles, was war!«
»Das kann ich nicht!«, platzte es aus Marie heraus. Es kam heftiger, als sie es gewollt hatte. Sie entschuldigte sich auch gleich: »Entschuldigung, aber das geht nicht! Ich habe so schon immer arg mit meinen Erinnerungen zu kämpfen, wenn ich bei Ihnen war. Dann auch noch alles aufschreiben und richtig in die Vergangenheit einzutauchen, das traue ich mich wirklich nicht. Dazu fehlt mir die Kraft!«
»Es wäre aber ein großer Schritt nach vorne. So etwas hilft auch, vieles zu verarbeiten. Es muss ja kein Roman sein. Versuchen Sie es einfach einmal. Nur so für sich selbst.«
Marie mochte den Gedanken nicht. Sie fühlte sich am wohlsten, wenn sie nicht über Vergangenes nachdenken musste aber sie wusste auch, dass das nur ein Verdrängen und kein Verarbeiten war. Die Schatten würden sie immer wieder einholen, wie sie es schon so oft getan hatten. Es brauchte eine ganze Weile, bis sie über das, was sie mit ihrem Therapeuten beredet hatte, nun auch mit ihrem Mann sprechen konnte. Normalerweise erzählte sie gleich auf der Heimfahrt von den behandelten Themen. Diesmal aber schwieg sie lange. Eigentlich wusste ihr Mann alles. Eigentlich! Je mehr sie aber darüber nachdachte, umso mehr fiel ihr auf, dass es doch das Eine oder Andere gab, was er eben nicht wusste.
Über all dies Nachdenken waren sie schon fast zu Hause angekommen, bis Marie endlich reden konnte.
»Ich finde die Idee nicht schlecht«, sagte Jens. Marie schaute Ihren Mann lange an und machte keine Anstalten, aus dem Auto auszusteigen. Jens blieb ebenfalls sitzen und drehte den Schlüssel in den Händen. Vielleicht dachte er gerade an die Nächte die hinter ihnen lagen und die sie dahin gebracht hatten, wo sie jetzt waren. Die Nächte, in denen Marie wieder in eine Depression abgerutscht war und die ihn so ohnmächtig wie noch nie hatten werden lassen.
Marie saß stumm auf dem Beifahrersitz. Lange hörte man nur ihre Atemzüge. Sie betrachtete ihren Mann und stellte zum wiederholten Male fest, dass sie schon um seinetwillen kämpfen und diese Dämonen besiegen wollte. Ihr war klar, was es ihn für Kraft gekostet haben mochte, Nacht für Nacht mit ihr in der Küche zu sitzen und dabei zusehen zu müssen, wie es ihr immer schlechter ging. Er war nun 60 Jahre alt und hatte in Maries Augen etwas Besseres verdient als so ein Häufchen Elend neben sich zu haben. Nein, er hatte sich nie beklagt. Niemals! Und er würde es auch nicht, das wusste sie.
»Versuch es doch einfach mal«, hörte sie ihn sagen.
»Ich weiß nicht«, nörgelte sie und stieg nun endlich aus dem Auto aus.
»Es muss ja nicht perfekt sein«, sagte Jens, während er ihr ins Haus nachfolgte.
»Und was soll es dann werden? Ein Ratgeber? Kluge Ratschläge für jede Lebenssituation? Ein, - ein Betteln um Mitleid?« Marie funkelte Jens an. Es schien ihr fast so, als habe er sich mit ihrem Therapeuten verbündet.
»Quatsch! Das musst du doch niemandem zum Lesen geben!« Jens schälte sich aus seinem Parka. »So wie ich es verstanden habe, soll es doch nur für dich sein!«
»Tschuldige«, lenkte Marie ein. Sie hatte mal wieder überreagiert. »Du hast ja recht. Trotzdem. Ich glaube, das bekomme ich nicht hin. Da ist so vieles, an was ich einfach nicht mehr denken will.«
»Musst du ja nicht machen.« Jens nahm Marie in seine Arme. »Es zwingt dich doch keiner!«
Marie wand sich aus seinen Armen und ging in die Küche. Es arbeitete in ihr. Während sie Kaffee kochte, stellte sie fest, dass sie sich selbst eigentlich recht gut kannte. Es würde eine Zeit dauern, bis sie sich mit dem Gedanken anfreunden könnte, eine Art Tagebuch über die Vergangenheit zu schreiben und damit alte Wunden wieder aufzureißen. Es würde eine ganze Weile brauchen bis sie bereit wäre, sich ihren Dämonen zu stellen. Aber nicht jetzt.
Vielleicht wäre es einfach besser, das Ganze zu verdrängen und nicht weiter darüber nachzudenken. Schließlich hatte der Tag, so wie viele Tage vorher, eigentlich ganz gut angefangen. Sie war zufrieden, und war es doch nicht, weil sie Angst davor hatte, dass es wieder passieren würde. Noch einmal, da war sie sich sicher, könnte sie so einen Tiefschlag nicht aushalten. Auch wenn jeder glaubte, dass man mitten in so einer Phase kaum mehr Herr seiner eigenen Sinne wäre, so wusste sie doch, dass man sehr wohl zwischen all den hilflosen und schlimmen Gedanken durchaus noch einige ‘gute’ Phasen hatte in denen man selbst merkte, wie dreckig es einem ging. Zumindest war es bei ihr so. Sie stand dann neben sich, betrachtete das Häufchen Elend aus einem anderen Blickwinkel und wusste sonnenklar, dass sie Hilfe bräuchte. Dann war diese Phase wieder vorbei und sie schlüpfte zurück in diesen Körper der sich selbst nicht mehr zu helfen wusste. Aber augenblicklich, jetzt und hier griffen die Dämonen nicht nach ihr und das war gut so. Sollte sie es wirklich riskieren, die Geister der Vergangenheit zu rufen?
Jens beobachtete seine Frau und er schwieg. Er würde das Thema nicht wieder ansprechen, bevor sie es von sich aus tun würde. Er kannte sie inzwischen zu gut um nicht zu wissen, dass sie irgendwann wieder darauf zu sprechen käme. Oder, dass sie es irgendwann doch tat und sich mit dem, was sie hatte in die Depression gleiten lassen, auseinander setzten würde. Irgendwann. Er brauchte immer viel Geduld mit ihr. Gut, sie bekam Antidepressiva und seit sie die nahm, war eigentlich alles in Ordnung. Oberflächlich. Sollte man wirklich daran kratzen? Würde es dann nicht wieder schlimmer werden? Er war sich unsicher. Hatte er sich bislang immer auf sein Gefühl verlassen können, so schwieg es jetzt gerade. Er wollte auch nicht, dass es wieder so werden würde. Er genoss die Ruhe momentan und glaubte, dass sie eigentlich ein ganz normales Leben führen könnten. Mit den Tabletten. Aber half das seiner Frau wirklich? Diese Scheinruhe? War es nur eine Ruhe vor dem Sturm oder blieb es so? Das konnte ihm wohl kein Mensch beantworten. Nein, augenblicklich war es gut so wie es war und so sollte es auch bleiben. Zunächst zumindest.
So beschlossen beide getrennt voneinander und schweigend, dieses Thema ruhen zu lassen. Aber jeder von ihnen wusste, dass ein Samenkorn gesetzt war, was eben nur Zeit brauchte, um zu wachsen und Formen anzunehmen. Das brauchte eben Zeit.



 
Es beginnt


 


Monate vergingen. Monate, die dann zu zwei Jahren wurden. Marie schrieb gar nicht mehr. Es war fast so, als wäre ihre Fantasie gestorben und unter Tonnen von alltäglichem Kram und Kleinigkeiten begraben. Dass diese jedoch ein guter Nährboden für ein Samenkorn waren, ahnte sie nicht.
Nur hin und wieder blitzte der Gedanke auf und sie fragte sich dann immer selbst, ob sie nun bereit wäre, die Geister der Vergangenheit aufzuwecken. Solange die Antwort in ihr ein heftiges Nein war und sich alles in ihr dagegen sträubte, dachte sie auch nicht weiter darüber nach. Selbst Jens sprach das Thema nicht wieder an.
Es hatte sich viel getan, was Marie half, sich immer besser zu fühlen. Ihre Arbeit in der Spedition machte ihr großen Spaß. Sie ging gern ins Büro. Den Job hatte sie nun seit zwei Jahren und es war für sie die Erfüllung eines großen Wunsches gewesen, wieder in einer Spedition arbeiten zu können. Auch ihre Ehe lief richtig gut. Sie wusste, dass sie niemals hätte einen besseren Mann als Jens finden können. Er unterstützte sie, wo es nur ging. So glätteten sich die Wogen langsam und es kehrte ein gewisser Alltagstrott ein. Mit diesem Trott aber kam auch das Bedürfnis immer wieder hoch, wieder zu schreiben. Oft verdrängte Marie es, weil sie einfach nicht wusste, was und wie sie anfangen sollte. Es war, als hätte sie keinen Zugang mehr zu den Türen ihrer Fantasie. Aber, warum sollte alles, was sie schreiben könnte, ihrer Fantasie entspringen? Gab es nicht im wirklichen Leben Themen genug? Hatte sie nicht selbst genug erlebt, um das alles einmal aufzuschreiben?
Immer wieder blitzte der Gedanke auf und die Abstände dazwischen wurden immer kürzer. So kam es schließlich, dass Marie am Computer vor einem leeren Word-Dokument saß und auf die helle Fläche starrte. Da stand noch nicht ein Wort und sie rang mit sich, wie sie wohl anfangen könnte. Jedes Wort, das sie in die Tastatur tippte, löschte sie wieder …


 


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