Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern



Kategorien
> Belletristik > Künstliche Selektion
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Belletristik
Buch Leseprobe Künstliche Selektion, Linda Marie Winter
Linda Marie Winter

Künstliche Selektion



Bewertung:
(308)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
1419
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
Amazon kindle
Drucken Empfehlen

Isabella lief zügig die Allee hinunter und verschränkte fröstelnd ihre Arme vor der Brust. Sie sollte wirklich bald ihren Wintermantel rausholen. Die Blätter waren schon fast alle heruntergefallen und färbten den grauen Gehweg in ein Meer aus Feuerrot und Orange. Manchmal fragte sie sich, wie in dieser Stadt überhaupt noch eine Pflanze überleben konnte. Sie waren genetisch verändert, sodass sie weniger Sauerstoff, Sonnenlicht und Nährstoffe benötigten. Auf dem Gebiet kannte sie sich nicht aus, doch es machte ihr irgendwie Angst. Ihre Familie besaß ein großes Einfamilienhaus mit dunkelroten Ziegelsteinen und weißen Fensterläden. Irgendwie hatte es etwas sehr Nostalgisches an sich. Als ob man eine Tür in die Vergangenheit geöffnet hätte. In ihrem Vorgarten stand ein kleines Ahornbäumchen dessen blutrote Blätter sich auf der verschnörkelten, blauen Bank ergossen hatten, welche sie so sehr liebte. Bei Sonnenschein saß sie oft einfach nur da und schaute in die Weite des Himmels, welche in einem solch krassen Gegensatz zu der beengenden Atmosphäre dieser Stadt stand. Sie schloss das Gartentürchen hinter sich und ihr Handy vibrierte in ihrer Hosentasche. Sie fuhr mit ihrer Fingerkuppe über den Bildschirm und gab einen Code ein, welcher dem Haussicherheitssystem Bescheid gab, dass sie nun das Haus betrat. Der Kies knirschte unter ihren hellbeigen Wildlederstiefeln, als sie zum Briefkasten ging. Verwundert nahm sie einen ganzen Stapel Briefe heraus. Man bekam normalerweise nur noch sehr selten Post. Es handelte sich dabei fast ausschließlich um offizielle Schreiben von staatlichen Einrichtungen. Abgesehen davon, dass es wesentlich schnellere und günstigere Methoden der Kommunikation gab, war Papier ein rationierter Rohstoff und somit sehr teuer. Sie öffnete die Haustür, stellte ihre Stiefel ab und hängte ihre Lederjacke an einen Haken. Um diese Zeit war noch niemand zu Hause. Ihre Eltern waren auf der Arbeit und ihr Bruder war bereits ausgezogen und besuchte sie meist nur am Wochenende oder zum gelegentlichen Abendessen. Sie ging in die Küche und schaltete die Espresso-Maschine ein. Während sie sich erwärmte ging Isabella zu einem kleinen Bildschirm, der in die Wand eingelassen war, und stellte die Haustemperatur auf 24°C. Sie mochte es mollig warm. Sie schob das gerne auf ihre spanischen Wurzeln. Ana, ihre Großmutter väterlicherseits, war Andalusierin. Sie ist vor etwa 170 Jahren nach Deutschland gezogen, direkt nach ihrem Studium. Zu der damaligen Zeit war es noch möglich, in andere Länder einzureisen und in außergewöhnlichen Fällen konnte man sogar eine Daueraufenthaltsgenehmigung bekommen. Ihre Großmutter war IT-Spezialistin und hatte das Glück gehabt, eine Stelle im Ministerium für Inneres angeboten zu bekommen. Inzwischen arbeitete sie als unabhängige IT-Beraterin und verdiente damit sehr gut. Sie könnte zwar offiziell schon Rente beantragen, war jedoch der Meinung dass ein Leben ohne Arbeit nicht lebenswert wäre. Als Isabella sie einmal fragte, ob sie es nicht Leid wäre nach 170 Jahren immer noch für ihr Geld zu arbeiten, hatte sie geantwortet: „Was soll ich denn mit der ganzen Zeit anfangen? Man kann ja nicht mal mehr reisen! Soll ich mich die nächsten 50 oder 100 Jahre dem Stricken von Wollschals widmen oder wie jeder zweite in diesem Land meine Memoiren auf den Markt werfen? Der größte Fluch der Menschheit ist es, dass wir endlich das Wissen und die Technologien besitzen ein langes und gesundes Leben zu führen, jedoch keine Welt mehr in der es sich zu leben lohnen würde. Das einzige was bleibt ist die Arbeit. Und natürlich das Glück mit einer solch wundervollen Enkelin wie dir gesegnet zu sein.“ Dann hatte sie ihr einen Kuss auf die Stirn gegeben und sich wieder der Programmierung ihrer neuesten Internetanwendung gewidmet. Isabella liebte ihre Großmutter über alles und besuchte sie regelmäßig in ihrer großen Penthauswohnung in der Innenstadt. Die Espresso-Maschine piepte und Isabella stellte eine Tasse unter den Ausguss. Sie erhöhte die Koffeinstärke auf das Maximum und drückte den Startknopf. Der Geruch von frischgemahlenen Kaffeebohnen erfüllte den Raum. Sie nahm die Briefe in die Hand und schaute, ob etwas für sie dabei war. Tatsächlich waren zwei Briefe an sie adressiert. Neugierig drehte sie den ersten um und las den Absender. Er war von der Ludwig-Universität. Isabella nahm ihre Espressotasse und trank einen großen Schluck. Sie wusste nicht recht was sie tun sollte. Abwarten oder Aufmachen. Abwarten oder Aufmachen. Ihre Hände zitterten leicht, als sie die leere Tasse wieder unter den Ausguss stellte und eine weitere Ladung Espresso einlaufen ließ. Wenn sie ihn jetzt öffnete, wusste sie es gleich. Absage oder Zusage. Sie prüfte, wie schwer der Brief war. Mehrere Seiten Papier. War das ein gutes Zeichen? Sollte sie lieber warten, bis ihre Eltern nach Hause kamen? Oder Sarah als mentale Unterstützung anrufen? Sie kippte die zweite Tasse Espresso hinunter. „Ok, tief durchatmen“, sagte sie sich, „wenn ich nicht genommen wurde, geht die Welt nicht unter. Alles halb so schlimm.“ Das stimmte natürlich nicht. Solch eine Chance war einmalig und würde nicht wiederkommen. Man durfte sich nicht ein zweites Mal bewerben. Wenn sie eine Absage bekam, musste sie sich an einer der Massenunis bewerben. Ihr wurde schlecht bei dem Gedanken an die überfüllten Hörsäle und das schlimme Kantinenessen. „Ich muss es wissen...“, sagte sie sich und riss den Umschlag mit ihren perfekt manikürten Fingernägeln auf. Sie entnahm mehrere Seiten, faltete sie langsam auseinander und schloss ihre Augen. Sie atmete noch einmal tief ein und aus, um ihren Herzschlag zu beruhigen. Ihre Yoga-Lehrerin wäre stolz auf sie. Sie öffnete langsam ihre Augen und begann, den ersten Satz zu lesen.


 


Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, ...


 


Oh – mein – Gott. Isabella sprang hoch, stieß einen Freudenschrei aus und warf fast ihre Tasse aus feinstem Porzellan auf den Boden. Sie widmete sich wieder dem Brief und las den Rest. Sie hatte es geschafft, der Ausschuss hatte sie ausgewählt und sie konnte sich für das nächste Jahr in ihrem Wunschfach einschreiben. Sie konnte es kaum fassen. Fast weinte sie vor Glück, und sie weinte niemals. Sie fing an durch die Küche zu tanzen und vor sich hinzuträllern. Sie war sich sicher, dass dies der beste Tag ihres Lebens werden würde. Sie musste sofort Sarah anrufen. Sie nahm ihr Handy vom Tisch und ihr Blick fiel auf den zweiten Brief, der an sie adressiert war. Den hatte sie in der ganzen Aufregung völlig vergessen. Sie scrollt auf ihrem Handy zu Sarahs Nummer, während sie den Brief umdrehte und einen Blick auf den Absender warf. Sie wollte sich gerade das Handy ans Ohr halten, als sie mitten in ihrer Bewegung innehielt. Auf der Rückseite des schneeweißen Briefes leuchtete ihr das Wappen der Regierung entgegen.


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2021 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 5 secs