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Belletristik
Buch Leseprobe Krezmers Wirren, Benedikt Theis
Benedikt Theis

Krezmers Wirren



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Peter Krezmers Aufzeichnungen aus der Anstalt
Erster Teil






Ich bin der Einzige hier, der nicht verrückt ist!
Vielleicht sind sie auch gerade deshalb so herzlich zu mir, die Bediensteten, als sie mir beinahe kniefällig Mantel und Gepäck abnehmen und mir einen Tee, einen etwas zu braunen, etwas zu kühlen Tee zwar - nicht, wie ich ihn eigentlich liebe: heiß und klar! - aber immerhin einen trinkbaren Tee servieren, mit der Bitte, noch einen Moment Platz zu nehmen, so als sei ich gerade in ein Hotel gehobener Klasse und nicht in eine Nervenheilanstalt gekommen.
Man merkt, dass sie es hier für gewöhnlich nur mit Verrückten zu tun haben, die reichlich Fürsorge und Bemutterung verlangen, und dass einer wie ich, ein Mensch mit gewöhnlichem Menschenverstand, ohne Psychosen, ohne besondere Ängste und wilde Fantasien und dergleichen, eigentlich nicht hierher gehört!


Die dreistündige Anreise mit der Bahn war eine Tortur. Nicht einmal des Schnees wegen, vielmehr plagte mich die Frage, was mit einem alten Freund zu reden sein wird, der immerzu ein lieber Mann gewesen war, bevor er den Verstand verloren und unseren besten Kumpel Johann mit sieben Schüssen in die Brust getötet hat.
Immer weiter den verschneiten Berg hinauf, ohne die Furcht vor einem Zugunglück, entzückt von dieser Landschaft gar, die so herrlich ist wie die Freude der Angestellten endlich einmal einen gesunden Manne zu sehen! Bloß die Angst Lysander Elsterhazy zu begegnen, seine Meinungen fernab des gesellschaftlich Beliebten, seine hetzerischen Reden zu hören, bloß dieser verrückte alte Freund verdirbt mir den Aufenthalt, der ansonsten wie ein Urlaub, wie eine Kur werden könnte. 


Zwei Wochen bleibe ich.


Dr. Brandtmaier, der Oberarzt der Klinik, ein kräftiges, blasses Männlein, weit unter Durchschnitt üblicher männlicher Körpergrößen, begrüßt mich herzlich, mit Handschlag, Lächeln im dicken Gesicht, und unverzüglich bietet er Rauchwaren an. Man nimmt es nicht sehr genau mit den gesundheitlichen Richtlinien in dieser Klinik. Überhaupt scheint mir, sei man an erster Stelle um das Wohlergehen der Bewohner und Gäste, weniger um Schadstoff- und Ernährungsvorschriften besorgt, sodass ich dankend annehme, eine würzige Las Cabrillas, und mich vom Doktor durch die Umgebungen führen lasse. Dort, wo ich vom Efeu bewucherte, schmiedeeiserne Tore erwarte, empfängt mich eine doppelverglaste Eingangstür, die den Bewohnern täglich einen Gang durch den botanischen Garten, ferner durch den Laurensteiner Wald ermöglicht. Es gibt weder sterile Krankenhausflure noch geheime Versuchsräume. Niemandem hier wird im Angesicht der romantischen Laurensteiner Bergkulisse, zwischen dem barocken Ballsaal und der Jugendstilbibliothek deutscher Klassiker, die Nervenbahn zwischen Thalamus und Frontallappen durchtrennt. Das Laurensteiner Bähnchen fährt alle halbe Stunde ins Tal ohne auch nur einen einzigen unverdrossenen Pfleger zu passieren, der schmieriges Linoleum bohnert und vor lauter seichter Musik, vor lauter apathisch dreinblickenden Patienten schon ganz lebensmüde geworden ist. Keinen Deut davon und kein Indiz für Gefangenschaft. Keine Spur melancholischer Niedergeschlagenheit, denn nichts als Schnee und Unbekümmertheit, als ich durch die bodentiefe Fensterfront hinaus auf die weißen Laurensteiner Hügel blicke und meinen Tee schlürfe.


Vier Jahre sind es nun her, seit ich Lysander zum letzten Mal gesehen habe. Lange schien es ein gewöhnlicher Altstadtabend im Jazzkeller zu sein, doch dann kamen zwei Herren in zivil ins Lokal und baten Lysander mitzukommen, leise, ohne irgendein Spektakel, ohne harsche Drohungen, sondern einzig mit der Bitte in ihren Wagen zu steigen, da man Johann Bodmer nun endlich in Lysanders Wohnung gefunden hatte. Unseren Freund Johann, den ich damals bereits eine Woche lang vermisst hatte und den Lysander trotz seines teilnahmsvollen und Unwissenheit vermittelnden Schulterzuckens, nach sieben Schüssen in die Brust, mit einem japanischen Küchenmesser zerstückelt und behutsam in die geerbte Biedermeiervitrine seiner Urgroßmutter gelegt hatte. Doch von manch deprimiertem Gedanken vereinnahmt und von mancher Schweinerei beeindruckt, redete er, Lysander, anstatt mir die Vitrine zu offenbaren, bloß immerzu von Dingen, die für einen braven Manne wie mich, niemals in Frage gekommen wären. Ich hatte es nicht ernst genommen und hielt es für deprimierte Spinnerei, wenn er wieder einmal den Oberen die Köpfe abschlagen, einen kleinen Bürgerkrieg oder zumindest eine Revolte anzetteln, wenigstens aber ein paar unkorrekte Plakate vor dem Einkaufscenter in die Luft halten mochte. Bevor man sie ernst nehmen konnte, seine Reden, saß man wieder an einem Tischlein im Jazzkeller, trank Bier und vergaß die Schandtaten bis zur nächsten privaten Katastrophe, die einen kurz nachdenken ließ, übers Aufräumen, wie er es immerzu nannte, über etwas Schmutziges, vielleicht einen Amoklauf, einen Mord. Und, wenn man zu anständig war andere Leute umzubringen, dann brachte man sich womöglich selbst um, vielleicht so, wie mein Kindergartenkumpel Bernhardt Höppgen, der uns allen, Johann, Lysander und mir selbst, für lange Zeit noch ein Freund geblieben war, bevor er eines Tages entschied, dem ganzen Elend ein Ende zu setzen und dieses Mal nicht die Wangen, sondern die Handgelenke zu rasieren. Und auch das nahm man nie ernst, Bernhardts Gerede vom Schlussmachen, bis man diesem kleinen, aber ekligen Blutbad begegnete und wusste, dass Bernhardt kein Schwätzer war, kein mutlos enttäuschtes Bürgerlein, das sich jeden Abend an alter Musik berauschte und dabei vom Schlussmachen sprach, wie einer, der übers Wetter redete. Kein Mann feiger Reden, dieser Bernhardt, sondern ein konsequenter, vielleicht noch enttäuschterer Tu-Was als Lysander, ein Kerl, der tatsächlich die Schnauze voll hatte und der es nicht mehr aushielt, ohne andere oder sich selbst zu vergasen. Einer, vor dem man Angst haben musste. Einer, dem man sein Selbstmordgeschwätz leider ebenso wenig geglaubt hatte, wie Lysanders Gerede übers Aufräumen, seine scheußlichen Fantasien jemandem den Hals umzudrehen. Hätte er damals nicht unseren Freund Johann umgebracht, womöglich wäre ich nun tot. Womöglich wäre unser ganzes Rhein-Kaff tot, vielleicht die sämtliche politische Linke Deutschlands. Das mag nach Spinnerei klingen, doch Lysander Elsterhazy ist ein Spinner, ein übler Hasser, ein Vernichter, kein am Zeitgeist verzweifeltes, harmloses Würstchen wie ich, kein Zuseher, kein stiller Wütender, sondern einer, der das gesamte 21. Jahrhundert mitsamt seinen Werten und Normen am liebsten in die Luft jagen würde.
Er ging mit den Beamten ohne eine Beschwerde über seine Verhaftung, ohne irgendeine Wehr.
Er ging ohne sich von mir zu verabschieden.


»Sie befinden sich hier auf dem Gelände des ehemaligen Hemmilton Resorts«, erklärt mir Dr. Brandtmaier, während unseres Rundgangs durch die Laurensteiner Nervenheilanstalt, die also einmal ein Berghotel war. Mit Stolz verkündet er, dass man die Dinge hier noch zu pflegen versteht, das Hauptgebäude, die Schwimm- und die Reithallen, das Foyer, den Ballsaal, überhaupt alles, was hier auf etwa 23 Hektar erbaut und durchgehend (außer dem Wald) in einem liebevollen 70er-Jahre-Kitsch eingerichtet wurde. »Da drüben ist der Fitnessbereich«, erläutert mir der dicke, aber hastig gehende Doktor und zeigt auf eine milchige Glastür, hinter der man ein paar schwitzende Strampler vermutet. »Ihr Zimmer befindet sich im Gebäude A8«, sagt er. »Zu Fuß sind es etwa fünfzehn Minuten, aber die Bahn fährt ja, wie gesagt, alle halbe Stunde. Ich werd‘s Ihnen gleich zeigen.«
Wir gehen weiter an der Schachlobby vorbei, schließlich in den Ballsaal, in welchem, obwohl barock, mit allem erdenklichen Prunk und Gold ausgestattet, derselbe orangefarbene Teppichboden verlegt ist, der mir auch in allen anderen Zimmern begegnet. »Hier findet jedes Jahr zu Weinachten ein großer Maskenball statt«, erklärt mir der Doktor feierlich, und er lasse sich dabei, so der Doktor weiter, nicht bloß von der feierlichen Atmosphäre des Saals beeindrucken, sondern berufe sich auf Fakten, so wie er im Allgemeinen ein Mann der Fakten sei. Ohnehin, so der Doktor mit ernster Miene, müsse man sich bemühen, in einer solchen Umgebung die nötige Pragmatik zu bewahren, eine Tugend, welche die Arbeit, trotz allem Kitsch und Schnösel, auch in dieser Einrichtung erfordere, wenn nicht gar mehr verlange, als in konventionellen Kliniken! Entgegen aller Pragmatik berichtet er jedoch weiter aufgeregt vom letztjährigen Maskenball, der dicke Doktor, bis er fast bedauernd feststellt: »Aber da sind Sie ja leider nicht mehr bei uns, Herr K.! Sehr schade, dass Sie nur zwei Wochen bleiben. Zimmer hätten wir genug, Sie sehen es ja!«
»Ja, sehr schade«, sage ich. Wir gehen weiter auf die Dachterrasse an allerhand orangenen Tapeten, Teppichböden, Panton Chairs und Samtpolstermöbeln vorbei. Der Blick über ganz Laurenstein und nichts als Wald und Schnee. Unten im Tal sieht man ein kleines Dorf, dahinter einen Berg mit einer Hütte. Wir gehen herunter in die Loggia, wo ein paar Verrückte Kaffee und Kuchen essen und wo sich das Büro des Doktors befindet. Ein kleines Zimmerchen, mit Schreibtisch, mit ein paar selbstgemalten Bildern; kein Raum für einen Oberarzt, wie ich finde, doch wie ich wortlos wieder hinausgehe: ins Kino, in die Kapelle, wieder und wieder an Pflegern und Ärzten vorbei, an Verrückten vorbei, die man kaum von dem Personal zu unterscheiden weiß, denn niemand trägt weiße Kittel, alle tragen zivil, meist schöne, ordentliche Kleider, Strickpullover, kleine Jäckchen und alles, was die Verrückten verrät, ist ihr allzu lächerliches Gegrinse, wenn ich ihnen im Vorbeigehen zunicke, oder aber ihr mürrisches Gesicht: schon wieder ein Neuer! Weil sie es eben nicht ahnen können, dass ich kein neuer Bewohner dieser Klinik bin, sondern ein Besucher, der seines Verstandes in vollem Maße mächtig ist. Weiter in die Karaokebar, ins Kaminzimmer, in den Speisesaal - so geht das drei Stunden lang.


PS: Wann ich meinen alten Freund Lysander Elsterhazy treffen kann - der eigentliche Grund meines Besuches - kann mir der Doktor noch nicht verraten. Das muss er zunächst mit Dr. Raulus besprechen, dem Chefarzt.


Mein Zimmer, ein ebenso braun-orange gestrichenes Räumlein, wie die übrigen, von vielleicht zwölf oder vierzehn Quadratmetern, mit Farbklecksen, wie winzige Apfelsinen an den Wänden, einem eigenen kleinen Duschbad, Bergblick, Morgensonne, Schreibtisch, ohne Computer, dafür mit Plattenspieler und einer Kiste alter Vinylscheiben, bietet fast alles - außer eben den Computer - was ich benötige, um meiner Arbeit nachzugehen.
Ich bin Schriftsteller!


PS: Gespräche mit dem Doktor sind jederzeit möglich.


Anton, mein Nachbar aus Zimmer A8-13 (ich habe A8-12) heißt mich im Namen aller Bewohner unserer Etage, des Hauses, eben der ganzen Klinik Laurenstein, willkommen, so als sei er dazu beauftragt worden. »Hallo!«, ruft‘s durch die offen stehende Tür in mein Zimmer hinein, während ich gerade meine Sachen in den Schrank räume. »Hallo!«, wie ein kleines Kindchen seinen Sandkastenfreund begrüßt. »Guten Tag«, sage ich und räume meine Sachen weiter ein. »Hallo!«, sagt er nochmals, der dürre Kerl mit ungekämmtem Haarrand um die polierte Glatze und stellt sich mit Namen Anton vor. »Bist du ein Mörder?«, fragt er. »Klar«, sage ich, während ich die Sachen weiter einräume. »Ich auch!«, sagt er stolz, »aber erzähl‘s niemandem weiter, ja?« - »Mach ich nicht«, sage ich und dann, als ich meine Sachen für einen Moment stehen lasse und ihm die Hand reiche, sage ich: »Ich bin Peter.« - »Wen hast du getötet?«, fragt er mich. »Meine Schwester.« - »Is‘ nich‘ wahr!« - »Doch, doch«, behaupte ich. Er kaut sich die Fingernägel.


PS: Meiner Bitte, mir einen Computer zur Verfügung zu stellen, will man nicht nachkommen. Stattdessen gibt man mir eine alte Schreibmaschine, schwarze Olympia, wahrscheinlich aus den 1930er Jahren, noch sehr hübsch anzuschauen, obgleich es mir schwer fällt, die Tasten in einer passablen Geschwindigkeit zu bedienen.


Um sieben Uhr werde ich mit Frühstück und Dr. Raulus geweckt. Ein Deutscher persischer Abstammung, gediegen in seinem Auftreten, nicht unfreundlich, doch weniger herzlich als das übrige Personal, weniger herzlich, als ich es mir von einem Perser erhofft hatte. 
»Ein nettes Areal haben Sie da«, sage ich, als sei es sein eigenes Stück Land, als sei er kein Angestellter dieses Klinikums, der oberste Angestellte zwar, doch trotzdem nur ein Verpflichteter, ein Laufbursche mit hoher Kompetenz.
»Herr Brandtmaier hat Sie durchs Haus geführt?«, fragt er.
»Drei Stunden beinah.«
»Schön«, sagt er und dann: »Es ist alles ein wenig anders bei uns.«
»Das habe ich schon bemerkt.«
Ich lächele. Er schaut hinüber zu meiner Olympia.
»Computer sind ja verboten«, sage ich.
»Das hat man Ihnen mitgeteilt?«
»Ja«, sage ich, »stimmt es nicht? Ich wäre ja sehr dankbar, wenn ich doch einen Computer bekommen könnte. Leider bin ich manches Mal etwas zerstreut, sodass ich meinen eigenen zuhause vergessen habe und ich bin es nicht gewohnt auf solchen Maschinen zu schreiben. Es geht alles etwas schwerfällig. Vielleicht hätten Sie also doch-?«
»Schon richtig, Herr K.«, unterbricht mich der Doktor, »Computer halten wir in unseren Räumlichkeiten für unangebracht. Die ein oder andere Vorschrift müssen selbst wir mit der nötigen Konsequenz befolgen.«
»Na, dann kann man wohl nichts machen. Die zwei Wochen werde ich‘s auf der alten Maschine schon aushalten. Zur Not nehme ich Stift und Papier.«
»Zwei Wochen bleiben Sie?«
»Ja. Man hat Sie nicht informiert, Herr Doktor?«
»Herr Brandtmaier hat es wohl versäumt.«
»Gibt es denn jetzt Probleme damit?«, frage ich.
»Nein, prinzipiell nicht, Herr K., von unserer Seite nicht. Es ist nur die Sache mit Herrn Elsterhazy. Sie sind doch seinetwegen zu uns gekommen, richtig?«
»Richtig, Herr Doktor, was ist denn mit ihm?«
»Es wird zurzeit kein Besuch bei Herrn Elsterhazy möglich sein. Es ist immer so eine Sache mit Herrn Elsterhazy, Sie wissen es bestimmt selbst, Sie kennen ihn.«
»Das ist lange her.«
»Es wird noch einige Wochen dauern, bis Sie ihn treffen können.« 
»Was ist denn mit ihm?«
»Das kann ich Ihnen leider nicht mitteilen, Herr K.«
»Nun, ich würde es-«
»Auch wir haben hier strenge Regeln, Herr K.«, unterbricht er mich.
»Verstehe«, sage ich.
»Aber es dürfte möglich sein Ihren Aufenthalt zu verschieben. Können Sie in einem Monat noch einmal kommen?«
»Sehr ungern, Herr Doktor. Hierher zu kommen war sehr beschwerlich. Sie liegt nicht gerade vor meiner Haustür, Ihre Klinik, verstehen Sie?« 
»Natürlich können Sie auch länger bleiben. In ein paar Wochen, wie gesagt, sieht es bei Herrn Elsterhazy sicher wieder besser aus. Wir sind optimistisch. Hat Ihnen denn Herr Brandtmaier gestern gar nichts berichtet?«
»Nicht direkt. Er mochte es zunächst mit Ihnen besprechen.«
»Überlegen Sie es sich, Herr K.«, sagt er und verschwindet sogleich aus meinem Zimmer.


Es ist keineswegs so schlimm, wie man es sich vorstellt, mit einem Mörder zu Mittag zu essen, das teilt mir Anton mit, mein Zimmer- und Tischnachbar, da er mich - einen Durchschnittsbürger, einen wenig erfolgreichen Schriftsteller aus einem Kaff namens Ittlungen, irgendwo nordwärts des Rheins in der Nähe zur niederländischen Grenze - für einen Mörder hält und dazu meint, es sei gar nicht schlimm, mit einem wie mir zu speisen, ich esse recht anständig, er habe da üblere Erfahrung mit ehemaligen Nachbarn gemacht, die weniger Grausames angestellt hätten als ich.
»Ich dachte, du bist auch ein Mörder?«, frage ich Anton.
»Aber doch nicht meine Schwester!«, sagt er und stochert in seinen Erbsen herum.
Er scheint sich zu schämen.
»Wen hast du getötet?«, frage ich.
Er schämt sich.
»Nun, Anton«, sage ich schließlich, »du brauchst dir keine Sorgen zu machen, meine Mordserie ist lange vorüber. Im Grunde war es auch gar keine Serie, es war vielmehr ein Jahr, vielleicht zwei, da waren eben ein paar Ermordungen nicht zu vermeiden, gewissermaßen vonnöten, wenn man in einem Geschäft wie dem meinem überleben will, finanziell meine ich.«
»Welches Geschäft?«, fragt er.
»Kokain und solche Sachen.«
»Is‘ nich‘ wahr!«
»Doch, doch«, sage ich.
»Und deshalb bist du nun hier bei uns?«
»Nein, hier bin ich doch wegen des Mordes an meiner lieben Schwester, wie gesagt. Die arme Ruth. Bei den anderen Morden war ich ja bei klarem Verstand, das war pure Geschäftskalkulation.«
Dann erzähle ich ihm die Geschichte von Lucius Klipp, einem Kokaindealer, der mich um beinahe neun Millionen Hongkong-Dollar beschissen hatte und dem ich dann eines Nachts eine Kugel in den Kopf jagte. »Einfach so und Peng!«, sage ich, forme dabei meine rechte Hand zu einer Pistole und feuere in Antons lauwarmen Rinderbug mit Erbsen.


Das Essen schmeckt recht ordentlich.


Man kann es aushalten hier! Täglich gibt es Gymnastik, donnerstags Aquarellmalen, mittwochs Spanischkurse bei Frau Dr. Alcobendas, freitags Handwerk (diesen Monat Drechseln). Wer den Realschulabschluss bisher nicht gemacht hat, macht ihn zum Frühlingsanfang, Kurse dafür täglich. Ich habe Abitur, interessiere mich jedoch für das Malen. Spaziergänge so oft man will, auch mit Begleitung, wenn man wünscht, aus Angstgründen beispielsweise, weniger aufgrund körperlicher Einschränkung. Was das angeht, die Fitness, sind sie alle recht zackig hier. Nur Spaziergänge ins Dorf, die sind verboten, da es gerade saniert wird, das Fachwerk, von Grund auf. Musik auch nach 22 Uhr, Las Cabrillas jederzeit. Einzig Lysander verdirbt mir die Erholung. Seine Begegnung, die ich lange gescheut habe, als sei sie ein Urteil auf Lebenszeit, eine Verhaftung, eine Bloßstellung, der Verlust meines Anstandes, meine Ermordung.


Apropos Ermordung: Mein neuer Freund Anton möchte mehr über meine Tätigkeit als Drogendealer erfahren, also erzähle ich ihm die Geschichte, wie ich meine erste Frau Linda während eines Drogendeals in Venice Beach kennengelernt habe.
»Damals dealten wir noch mit Marihuana, das Koks kam erst später, das ist der ganz normale Verlauf, jeder macht es so, einfach jeder«, erzähle ich Anton beim Mittagessen.
»Is‘ nich‘ wahr!«, sagt er, und ich: »Doch, Anton, pass auf!«
Er lauscht gespannt,  kaut sich die Fingernägel.
»Es war Sommer 1978, als ich diese verrückte Idee hatte. Ich rief Rod an, er war damals mein bester Freund, ich war gerade achtzehn und Rod zwanzig. Wir verabredeten uns und gingen zu Moe. Von Moe bezogen wir damals unser Cannabis, damals noch ausschließlich Eigengebrauch, doch wir wollten Geschäfte machen, meine Idee, also sagte ich: Moe, wir müssen reden! Doch Moe verstand mich falsch, er fragte gleich: Stimmt was nicht mit dem Gras? Nein, sagte ich, das Gras ist spitze!, und schon unterbrach mich der alte Moe wieder: Falls Ihr billigeres Gras wollt, dann vergesst es. Ich verkaufe euch bereits so billig wie möglich. Und das nur, weil du mir so lieb bist, Francis! Nur deshalb!
Ich nannte mich damals Francis«, erkläre ich Anton.
»Warum?«, fragt er.
»Das war damals so Mode. Alle, die Peter hießen, nannten sich Francis zu dieser Zeit.«
»Verstehe«, sagt Anton.
»Also sagte ich: Moe, es geht nicht um den Preis!
Kinder!, sagte er, wie könnt ihr mir das antun? Nun wollt ihr mich nach all den Jahren verlassen, ist das also der Dank?
Er sank theatralisch in seinen rubinroten Samtsessel und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Ich glaube er weinte.
Es ist furchtbar, sagte er, furchtbar, furchtbar!
Pass auf, Moe, sagte ich, es ist alles in bester Ordnung! Mehr als das: Wir wollen Geschäfte machen! - Geschäfte? - Ja, ich glaube Ziggy bringt‘s einfach nicht mehr! Ziggy fehlt schlicht und einfach der Geschmack, die Leidenschaft!
Ziggy war zu dieser Zeit Moe‘s Dealer, bevor Rod und ich seinen Platz einnahmen.
Kinder, Ihr seid doch noch viel zu jung für so etwas!, meinte Moe, doch wir versprachen 200 Prozent mehr Umsatz und das in einer Woche!
200 Prozent? Oh, mein Gott Kinder, wo wollt ihr denn so viel Gras verkaufen, also Francis, ich bitte dich, wir sind doch nicht in Kalifornien!, sagte Moe und ich antwortete: In Kalifornien, Moe!« 
»Und da seid Ihr wirklich nach Amerika geflogen?«, wundert sich Anton.
»Natürlich sind wir das, pass auf-«
»Mach ich!«, sagt Anton stolz.
»Es war Kalifornien, wie gesagt, Venice Beach, 1978, ich weiß es noch ganz genau. Wir flogen mit der Hawker Siddeley HS-121 Trident in Richtung Vereinigte Staaten und landeten schließlich nach unserem Nachtflug um 09:57 Uhr, eine Stunde verspätet, in Sacramento US-CA, mit einem Koffer voller Marihuana. Wer behauptet, man könne unkontrolliert keinen öffentlichen Überseeflug mit einem kopfgroßen Plastiksack voller Gras überstehen, der ist heute womöglich im Recht, aber nicht 1978! Venice Beach glich damals einer Karussellfahrt aus Bikinis, gebräunten Bäuchen, Rollerblades, Hotpants, Sex, Musik, Gebirge, Sand, Food and Pot - genau der richtige Ort also um 200 Prozent mehr in einer Woche zu machen, oder?«
»Ganz bestimmt, Peter. Oder soll ich Francis sagen?«, fragt Anton.
»Nein, nein! Francis, damit ist es lange vorbei!«
»Gut!«
»Also anfangs überkamen uns doch einige Zweifel. Brauchte die kalifornische Drogen- und Partyszene tatsächlich zwei Provinzler aus Europa? Sie brauchte! Wir benötigten nicht einmal 48 Stunden bis wir alles verkauft hatten. Es lag nicht an uns, sondern an Moes Gras, welches - man glaubt es kaum - nicht einmal in den Staaten der 1970er, in der Güte, wie Moe es mit Liebe und Sorgfalt in seinem westdeutschen Gewächshaus züchtete, zu bekommen war. Wir nannten es Windy Harmony und Windy Harmony ging weg wie warme Semmeln. Ich sandte Moe eine Ansichtskarte. Die Fotografie zeigte Venice Beach, mich, Rod, zwei vollbusige Blondinen (Becca und Paradise) und einen leeren Plastiksack. Nun sagt alle mal Graaas, empfahl uns der Fotograf, ein deutscher Tourist, dem wir gerade unser letztes Stöffchen zu einem Wucherpreis verkaufen konnten. Ein paar Tage später war ich mit Becca, dem Ansichtskartenmotiv, liiert. Man hätte glauben können, sie sei eine stereotype Südstaatenschönheit gewesen, so auch mein erster Eindruck. Bald erkannte ich jedoch, dass Becca nicht der Art Mensch war, den man in Schubladen stecken sollte. Machte ich doch einmal den Fehler, genau dies zu tun, bekam ich mein Vergehen unmittelbar quittiert. Jedes Mal, wenn ich mit Gewissheit behauptete: Das machst du doch sowieso nicht!, dann - nun, ich brauche eigentlich nicht zu erwähnen, was sie dann tat, trotzdem will ich dir, mein lieber Anton, ein Beispiel geben. Wir waren auf John Gradys Poolparty zum 4. Juli eingeladen. Mein erster 4. Juli in den Staaten. Mein spontaner Gedanke, John Grady für einen mexikanischen Koksdealer zu halten, bestätigte sich nicht erst beim Sichten des famos errichteten Koksbuffets, nein, ich hatte bereits ein Gespür für solche Menschen.«
»Nach einem Auftrag schon?«, ist Anton über meine Menschenkenntnis erstaunt.
»Klar«, sage ich. »Doch da gab es eben noch etwas, außer meiner Menschenkenntnis, eine Sache nämlich, die mir letztlich unmissverständlich klar machte, dass John Grady ein Koksdealer war. Auf meine Glückwünsche nämlich, zur tollen Party, antwortet er nicht etwa mit Gracias!, sondern verwies mich direkt auf den riesigen Schneeberg drüben am Pool. Er sei asombroso!
Ich sagte: Becca und ich sind zwar im Marihuanageschäft tätig, doch Koks ist nichts für uns! Ich gab meine Entscheidung für uns beide, mich und Becca, recht schnell, zu schnell, wie ich gleich merken sollte. Trotz allem dankte ich, lächelte und sah zu Becca hinüber, in der Gewissheit mir ihre stille Zustimmung zu sichern. Becca hingegen stand bereits drüben am Pool, am Schneeberg, mit einem goldenen Koksbesteck zwischen Daumen und Zeigefinger und rief asombroso! über die Terrassen. Sie lachte mir ins Gesicht und leckte Johnny über seinen Dreitagebart. Er erschoss sie nicht, er genoss es wohl. Nur zur Verdeutlichung, lieber Anton, wie unberechenbar meine schöne Becca war, will ich dir noch ein zweites Beispiel geben.«
»War Becca also deine erste Frau?«, fragt Anton.
»Nein«, sage ich, »meine erste Frau war Linda, aber dazu komme ich noch. Zuerst mein Beispiel.«
»Entschuldige, Peter!«, sagt Anton.
»Schon gut, schon gut, also das zweite Beispiel:
Wir waren bei Philozius Grey eingeladen, einem Halb-Italiener-Viertel-Ire-Viertel-Tillamook-Indianer.
Ich fragte einmal: Phil, wie ist das überhaupt möglich? Seitdem sprachen wir nie wieder darüber. Übrigens: Wir bezogen unser Gras, auch nach mittlerweile dreimonatigem Aufenthalt in den Staaten, immer noch von Moe.
Es war einfach das Beste!
Philozius Grey war ein wohlhabender Kunstsammler, wenn nicht gar eine der wohlhabendsten Persönlichkeiten der Westküste. Mit Drogen hatte er nichts am Hut. Nichts Geschäftliches. Während unseres Dinners bei Phil jedenfalls - wenn auch in der Hauptsache vom Fischfang, Tizian und den Klamath Mountains geredet wurde - betrachtete ich seine original Mictlantecuhtli-Büste und scherzte ahnungslos: Der sieht ja aus wie ein Clown!
Phil kicherte in seine Serviette. Heute allerdings bin ich mir sicher, dass ihn meine Worte gekränkt haben mussten, schließlich war er ein Mann von Welt mit gewissem Sinn für Kultur und Ästhetik! Und dumm wie ich war, fügte ich noch hinzu: Nun, wir (damit meinte ich Becca und mich) haben ja leider nicht die geringste Ahnung von Kunst!
Im folgenden Jahr schrieb sich Becca für Kunstgeschichte an der UCLA ein. Ich bereute meine Aussagen bezüglich Mictlantecuhtli sehr rasch, denn schon im ersten Semester verließ mich Becca für Sid, einen afroamerikanischen Kunststudenten, dessen Penis (ich stellte ihn mir riesig vor) mich noch lange in meinen Träumen verfolgte. Trotz allem hätte ich ohne Sids riesigen Dödel niemals Linda, meine zweite amerikanische Freundin, kennengelernt, die dann schließlich meine Frau wurde. Sie war ebenfalls blond, so wie alle Frauen im California der 70er-Jahre blond waren, außer den Mexikanerinnen. Linda allerdings war nicht nur blond und vollbusig, sondern noch blonder und noch vollbusiger, als all die anderen blonden vollbusigen Busenfrauen, die man sonst an den kalifornischen Stränden Venice, Ocean, Santa Monica etc. zu Gesicht bekam. Mit zwanzig Dollar in ihrem String und einem Lapdance auf meiner Blue Jeans war es Liebe auf den ersten Blick! Wir tranken zwei Zapdama, ein grün-bläuliches Gemisch aus Absinth und Zitrone, im Blue Laguna Bay Club. Dort strippte sie. Anschließend hatten wir wenig authentische Tapas. Ich sagte wörtlich: You‘re awesome!, und mein Kompliment genügte ihr für eine Nacht im St. Pamelow Hostel, Zimmer 209, inklusive Frühstück im Foyer. Es war unglaublich, sowohl die Nacht mit Linda als auch das Frühstück mit Südfrüchtebuffet! Dort sagte sie zu mir: You‘re awesome!, und ihr Kompliment genügte mir, um für kurze Zeit von ihrer herausblinzelnden Brustwarze abgelenkt zu sein und über eine Hochzeit nachzudenken. Ich spendierte noch einen Juice, den sie ebenfalls awesome fand. Plötzlich fragte sie mich nach meinen Geschäften und ich erinnerte mich an Al Pacino und mochte sagen: Don‘t ask me about my business, Linda!, doch ihr Dekolleté sah einfach zu umwerfend aus, um den Beleidigten zu spielen, also bat ich sie zu raten. Sie hielt mich für einen Lawyer, woraufhin ich lachte und sagte: No! - Hmm? - Well, special business, you know? Ich zwinkerte. She didn‘t know. Ich sagte: It‘s green and smells like new american freedom! Mittlerweile halte ich meine Antwort ja selbst für Blödsinn, doch verständlich war sie alle mal! She didn‘t know. Ich solle nicht so geheimnisvoll daherreden, bat sie mich. Ihr könne ich es doch sagen. Ihr, die ich schließlich bereits eine Nacht lang aus einem Striplokal kannte. Ich hatte Linda den Hintern geknetet, als sei er ein halbaufgeblasener Gymnastikball. Wieso also nicht die Karten auf den Tisch legen? Warum eigentlich nicht inmitten des überfüllten Foyers schreien: Candymaaan!, und gleich darauf meine Kippe aus meinem Mund ziehen und sie durch Windy Harmony ersetzen? Heute kann ich das sagen: weil es dumm gewesen wäre. Damals liebte ich Linda und schrie Candymaaan! durch das überfüllte Foyer, zündete mir einen Joint an und wurde wenige Augenblicke später von der Police, die zufällig am Nachbartisch speiste (inklusive Juice), abtransportiert, stoned, ohne Linda.
Diese schrie sogleich: He‘s innocent! He‘s innocent!« 
»Du hast tatsächlich vor den Polizisten den Joint geraucht?«, fragt der nervöse Anton, dessen Knabbern an den Fingernägeln stetig heftiger wird, sodass kaum noch das Weiß der Nägel zu sehen ist, sondern bloß noch abgeknabberte Stumpen.
»Ich wusste ja nicht, dass sie am Tisch nebenan saßen!«, sage ich.
»Ach so«, sagt Anton, »und was war dann?«
»Also, nachdem die Police keine Nachsicht trotz Lindas falscher Unschuldsvermutung zeigte, mich also weiterhin festhielt, so schrie sie, und zwar mit aller Kraft ihrer kindlichen Barbievoice, wie ich sie noch am Abend zuvor im St. Pamelow Hostel verniedlichend genannt hatte: He‘s innocent! He‘s innocent! Und nachdem auch jener zweite Ruf in Richtung Police unbeachtet blieb, nun unter hysterischen Tränen: Fuck you! Fuck you! I love him! I love you, Francis!
Spätestens zu diesem Zeitpunkt übrigens, wurde mir klar, dass ich sie heiraten werde!«
»Verstehe!«, sagt Anton.
»Louis, der bösere von den beiden bösen Bullen, ging ein paar Schritte zurück und schließlich packte er die no-no-innocent-fuck-you-schreiende Linda am Arm und transportierte uns ab, stoned, zusammen.
Meinen Anruf (einen hatte ich frei) richtete ich an meinen Freund Rod, ich sagte: Rod, ich sitze im Knast! - Was? - Im Knast! - Wie kommst du-? - Wegen Linda! - Wer ist Linda? - Eine Stripperin. Ich werde sie heiraten!
Rod war nun noch aufgebrachter als zuvor und sagte: Wer zum Teufel ist Linda? Und ich, ebenfalls aufgebrachter, sagte: Meine Frau!«
»Moment, Moment«, sagt Anton und fragt zurecht: »Wann hattest du sie denn geheiratet?«
»Noch gar nicht, aber ich fand, es sei das Einfachste, wenn ich Rod erzählte, dass Linda bereits meine Frau sei.«
»Ach so, Peter-«, sagt Anton.
»Rod fragte mich: Francis, wieso bist du-?, und ich sagte: Rod, hör zu, ich brauche 20 000 Dollar. Sofort! Ich bin im Hauptpolizeirevier Kalifornien, 112 Statenstreet. Das Geld ist für die Kaution. Und einen Wagen, der mich zum Flughafen bringt, den brauche ich auch! 
45 Minuten später standen wir endlich am San Diego Airport. Rod, nachdem ich es ihm noch mehrere Male erklärt hatte, wie dringlich diese Sache war, kam schließlich mit den 20 000 Dollar und wir flogen nach Las Vegas.
»Und die Polizei?«, fragt Anton.
»Ich war auf der Flucht«, sage ich, »das war das Schlimme daran. Drei Jahre lang war ich auf der Flucht, dann haben sie mich geschnappt. Aber das ist eine andere Geschichte.«
»Und wann hast du nun geheiratet?«
»Gleich am selben Tag noch. In Vegas.«
»Du machst vielleicht Sachen!«, sagt Anton.
»Ja, ich habe sie damals sehr geliebt, meine Linda.«
»Und seid Ihr immer noch verheiratet?«, fragt Anton.
»Nein, leider nicht. Ich habe sie erschossen.«
»Erschossen?«, ruft er viel zu laut durch den Speisesaal, sodass sich nicht nur die anderen an unserem Tisch umdrehen, Tessa und Jupiter, sondern beinah die ganze Etage, mindestens also fünfzehn oder zwanzig Verrückte, viele davon gefährlich, wie ich glaube.
»Pst!«, sage ich zu Anton. »Nicht so laut!«
»Entschuldige, Peter. Aber du hast doch nicht wirklich deine Linda umgebracht, oder? Du hast sie doch geliebt, oder?«
»Ja, das habe ich, genau deswegen habe ich sie auch umgebracht. Hör zu!«, sage ich und beuge mich über den Tisch, um näher bei Anton zu sein. Ich flüstere: »Ich habe sie in flagranti erwischt, in unserem eigenen Ehebett! Das war damals ein ganz schönes Theater kann ich dir sagen.«
Anton schüttelt den Kopf, dann sagt er: »Ich hätte sie auch umgebracht! Das hätte ich, ich schwöre es! Genau wie du, Peter!«
»Nun hör mir doch erst einmal zu, Anton!«
»Mach ich, Peter, mach ich!«, betont er mehrmals und ich flüstere weiter:
»Ich habe also Linda, meine Frau, in flagranti erwischt, in meinem eigenen Ehebett, das muss man sich einmal vorstellen! Ich war auf Geschäftsreise, wie so oft, ein großer Deal an der mexikanischen Ostküste, Kokain und solche Sachen-«
»Verstehe!«, unterbricht mich Anton, aber gerade so leise noch, dass ich in meiner Erzählung nicht weiter gestört werde, sondern unbeirrt fortfahre, nun aber etwas kräftiger in meiner Stimme, um weitere Unterbrechungen, sollten sie lauter werden, vorab zu unterbinden.
»Linda hinterließ mir schon den ganzen Frühling hindurch einen seltsamen Eindruck, aber da denkt man doch nicht gleich an so etwas! Einmal hab ich sie erwischt, wie sie Rod, meinem langjährigen Partner in den Drogenangelegenheiten, auf den Hintern starrte, so gierig, so offensichtlich, dass ich fast glaubte, sie wolle mich absichtlich darauf aufmerksam machen, wie rund und fest Rods Hintern ausschaute. Nun ja, so ein Hintern fehlte ihr eben, denn ihr gewöhnlicher Hintern war gerade in Veracruz, um sechshundert Pfund Kokain zu verschiffen. So muss sie Rod, meinen Partner, der mich dieses Mal, aber nur dieses Mal, nicht auf meine Reise begleitet hatte, getroffen haben. Ich gehe davon aus, sie haben sich lange zuvor verabredet, alles gut geplant, bis ins Detail, das sah Linda so gar nicht ähnlich, dieser Chaotin, aber Rod eben, denn auf ihn konnte man sich immer verlassen! Schließlich kam ich also nachhause, gut gebräunt von der Sonne des Golfs von Mexiko und sah Rods schwarzen Porsche 964 in unserer Einfahrt parken. Übrigens eines der letzten Porschemodelle, das es sich wirklich zu besitzen lohnt, wie Rod mir immer wieder versicherte und dabei - im Nachhinein wurde mir alles klar! - bissig auf Lindas Hintern schielte. Schließlich kam ich also nachhause, sah den Porsche und war verwundert über ihn, da Rod eigentlich niemals bei uns zuhause war, schon gar nicht, wenn ich auf Reisen gewesen, so dachte ich jedenfalls. Unten in der Diele hörte ich dann bereits die Stimme meiner Linda, die wirklich keinen Zweifel übrig ließ. Meine Geldkoffer (67 Millionen mexikanische Pesos) ließ ich fallen und rannte unsere Treppe hinauf, wo ich sogleich die nackte Linda sah, wie sie auf Rod saß und wie sie erst bei meinem Ruf (Du Miststück!) ihren Blick zu mir wandte. Linda - soviel Anstand blieb ihr noch - beendete dann auch gleich ihr Liebesspielchen und, als müsste sie ihre Blöße vor mir, ihrem liebenden Ehemann, verdecken, hielt sie sich eine Decke vor die Brüste und band sie wie eine römische Tunika um ihren ganzen Körper. Natürlich habe ich Rod sofort verprügelt, er blutete schon nach dem ersten Schlag ins Gesicht, überall Blut, das war vielleicht eine Sauerei damals, und Linda schrie, irgendwelche englischen Flüche, ich habe sie kaum verstanden, und schließlich schrie auch Rod, vor Schmerzen und Angst, so will ich meinen.«
»Und was war mit Linda?«, unterbricht mich Anton.
»Linda, die Römerin, versuchte mich vom armen Rod loszureißen, doch ich tobte, schlug meiner Ehefrau mit der flachen Hand ins Gesicht. Asshole!, rief sie, als könne sie es sich nun erlauben. Mich interessierte das alles überhaupt nicht, ich brüllte dem Rod Dinge ins Gesicht, wie: Zum Teufel mit dir!, oder: Zur Hölle!, oder: Nach so vielen Jahren der Freundschaft! Sofern die Nachbarn unser Gezeter bis dahin nicht gehört hatten, dann spätestens, als Linda mich entschieden einen Wahnsinnigen nannte. Sie rannte ins Badezimmer, wo ich an die Tür klopfte, bald hämmerte, als sei ich tatsächlich wahnsinnig geworden und hätte ich meine werte Gattin nicht die allerletzte Schlampe genannt, wäre sie wohl ewig im Bad geblieben. Beim Ruf der Schlampe allerdings, soviel Deutsch verstand sie bereits, sah sich Lindalein so sehr in ihrer ehelichen Ehre verletzt, dass sie es wagte hinauszugehen, um mit mir zu diskutieren! Mit mir, dem gerade Betrogenen! Das muss man sich einmal vorstellen!«
»Und dann hast du sie umgebracht?«, fragt Anton und wiederholt sein Versprechen: »Ich hätte es genauso gemacht!«
»Nein«, sage ich, »natürlich nicht.«
»Ach?«, meint Anton.
»Linda sagte, dass ich ja wohl so nicht über sie sprechen könne! Francis, du bist ein Schwein!, sagte sie immer wieder mit starkem englischem Akzent und schüttelte ihren blonden Kopf so fest, dass man die Brüste selbst unter ihrer Bettdecke noch hin und her wackeln sah. Ich wiederum argumentierte mit ihrem gerade ausgeführten Ritt auf Rod. So ging das Stunden. Irgendwann, ich kann nicht sagen wann und weshalb, haben wir wieder Frieden geschlossen. Du liebst ihn doch nicht, oder?, fragte ich und als Linda verneinte, genügte mir das als Entschuldigung.«
»Also hast du sie ja gar nicht umgebracht«, schimpft Anton fast mit mir.
»Linda«, beginne ich, »saß ein paar Wochen später mit mir am Küchentisch und machte uns belegte Brote. Da brach sie in Tränen aus, ja, in Tränen, weil sie an Rod dachte und an seinen Charme und an den schnittigen 964er und bevor sie mehr sagen konnte, zog ich meine Browning Halbautomatik aus der Hosentasche und erschoss sie.«
»Is‘ nich‘ wahr!«, erschreckt Anton.
»Wenn ich dir‘s sage!«
»Und was ist mit Rod passiert?«
»Rod? Den hatte ich doch schon erschossen als Linda im Bad war.«


Spaziergänge durch den Laurensteiner Wald: Ein schöner, dicht bepflanzter, durch und durch wohlriechender Nadelwald, der Stimmung schafft, etwa weihnachtliche, jedenfalls Behaglichkeit. Eine Stunde wandere ich durch den Wald. Das Feucht des Schnees hat sich bereits durch meine Stiefel gequetscht, doch weiter gehe ich, trotz nasser, bei jedem Schritt quietschender Socken zur Berghütte, die vom Klinikum aus gesehen wie eine alte mächtige Burg ausschaut, ein Schloss beinahe. Dabei ist es nur eine Hütte, ein altes Ski- oder Jägershäuschen, jedenfalls keine Baute von historischer Bedeutung, kein Haus von Klasse, eine Holzhütte eben, eine Bude, die ich trotz ihrer morschen Wände mit Mühe, doch auch mit Entspannung, mit Frohsinn und frisch getanktem Lebensmut zu erreichen versuche. Mit triefenden Socken und eingefrorenen Nasenhärchen klettere ich den Berg hinauf, in der Hoffnung meine Kräfte nicht zu verlieren, da man ansonsten erfrieren würde, hier oben, an der einsamen Hütte. Da einem auch die mitgebrachte Clementine, die man sich bis zuletzt aufgespart hat, bei diesen eisigen Temperaturen nicht weiterhelfen könnte. Man stirbt, mit oder ohne Obst, sofern man zu schwach ist für den Abgang. Dabei ist es nicht einmal eine Bergbesteigung im eigentlichen Sinne, keine mit Ausrüstung, kein Kampf gegen den eigenen Körper, gegen die eigenen Kräfte, sondern ein fröhlicher und gemütlicher Gang, mit guter Luft und bloß zu Fuß, bloß die ausgeschilderten Wanderwege hinauf. Und trotzdem beginnt man zu grübeln. Man hat Ehrfurcht vor diesen verschneiten Wanderwegen, vor möglichen Stürmen, vor der Einsamkeit auf dem Berg, die den Tod bringen kann. Starr, nicht erfroren, beeindruckt von der Kulisse der Berge, esse ich nun meine Clementine und bin froh, hier oben zu sein. Man sieht über ganz Laurenstein, man sieht das Klinikum, das Hauptgebäude, die Schwimmhalle, das Gestüt und ich glaube, als ich in der Abenddämmerung auf dem Berg stehe, neben der alten Hütte, dass ich mein Zimmerchen A8-12 erkennen kann, ein kleines Licht, ein Räumlein, mein Zuhause.


Ich erzähle Dr. Brandtmaier von meiner letzten Begegnung mit Lysander Elsterhazy und er findet es geradezu typisch, sein Verhalten, und warnt mich zu spät: »Das hätte Ihnen doch klar sein müssen!«
»Was?«, frage ich.
»Dass dieser Mann Schlimmes im Schilde führte.«
»Nun ja, ich war sehr aufgeschlossen zu dieser Zeit, ich will nicht sagen, selbst dem Wahnsinn nahe, doch irgendwie fasziniert von allem, das sich irgendwie von dem allzu Normalen abgrenzte. Zudem habe ich ihn seit meiner Kindertage gekannt und viel, Herr Doktor, hält man eben einfach für leere Reden. Ich war ja selbst deprimiert, Herr Doktor, aber deswegen bringe ich doch niemanden um, und schon gar nicht einen guten Freund!
»Sie sind deprimiert?«, fragt er. 
»Das war ich, Dr. Brandtmaier, das ist lange vorbei.«
»Weshalb?«, fragt er.
»Nun, Dinge ändern sich eben wieder.«
»Nein, weshalb Sie deprimiert waren, meine ich.«
»Das hatte viele Gründe. Einer davon war Rolf«, sage ich, »aber zu behaupten, ich sei deprimiert gewesen, bloß weil meine damalige Ehefrau Susanne mir nach sieben Jahren der Partnerschaft mitteilte, sie wolle nun eine offene Ehe führen, das wäre zu kurz gegriffen. Es mag pathetisch klingen und nach großem Kitsch, doch es lässt sich kaum anders sagen, Herr Doktor, ich war enttäuscht von der Welt. Manche mögen es anders sehen, manche mögen es herrlich finden, wie man heutzutage miteinander umgeht. Manche baden sich genussvoll in diesem Zeitgeist, der mir so verabscheut war. Ich jedenfalls konnte es kaum mehr ertragen, war wie ein Eremit in der Wüste, fand es schon scheußlich, wie heute Filme gedreht, Bücher geschrieben, Feste gefeiert werden. Ich fand alles an unserer Zeit scheußlich, ja, zum Kotzen, so muss man es wohl sagen.«
»Was genau meinen Sie?«, fragt Dr. Brandtmaier.
»Ich meine eben alles, wie ich schon sagte. Nun ja, das ein oder andere gab es noch was mich erfreute, wie beispielsweise diesen Jazzkeller in unserem kleinen Städtchen. Aber doch nur, weil er so ganz und gar nicht in unsere Zeit passte! Susannes Mitteilung, sie wolle nun noch mit ein paar anderen Männern vögeln, gab mir bloß den nötigen Rest, der mir noch fehlte vollends zu resignieren.«
»Und dann kam auch noch Ihr Freund Lysander Elsterhazy und setzte Ihnen diese Flausen in den Kopf von wegen Aufräumen und Revolte, richtig?«
»Nicht ganz, Herr Doktor. Die Flausen hatte ich schon selbst im Kopf, ich war nur niemals mutig genug gewesen, länger als eine Sekunde ernsthaft darüber nachzudenken. Ich bin eben nicht verrückt, Herr Doktor! Meinem Kindergartenfreund Bernhardt Höppgen, dem ging es ähnlich, aber der war mutiger als ich, der machte irgendwann Schluss.«
»Bedauern Sie es?«
»Ich glaube, manchmal macht es wirklich keinen Sinn mehr.«
»Das klingt sehr ultimativ, Herr K., voreilig in meinen Ohren, wenn ich ehrlich bin. Vielleicht wäre auch Ihr lieber Freund einmal noch aus seinem Tal gekrochen, meinen Sie nicht? So wie Sie eben auch.«
»Nein, das war etwas anders. Seine Geschichte war eine andere. Etwas vollkommen anderes. Man kann uns nicht miteinander vergleichen. Er war ähnlich deprimiert, das ist richtig, aber nein, ein Vergleich wäre sinnlos in diesem Fall.«
»Verstehe - und Sie?«, fragt er.
»Was meinen Sie?«
»Was holte Sie aus Ihrem Tief?«
»Wahrscheinlich Lysander.«
»Herr Elsterhazy?«
»Oder Johann Bodmer, wie Sie eben wollen.«
»Der junge Mann, den Herr Elsterhazy umgebracht hat. Er war Ihr bester Freund, richtig? Sie wissen, dass er ihn zwei Wochen in seinem Wohnzimmerschrank aufbewahrte, bis man ihn fand?«
»Es war eine Vitrine, soweit ich weiß.«
»Und das half Ihnen aus Ihrer Depression heraus? Dass man Ihren besten Freund tötete? Das scheint mir etwas paradox, Herr K., finden Sie nicht?«
»Überhaupt nicht, nein. Ich habe ja dann gesehen, was dabei herauskommt, wenn man sich zu sehr in solche Sachen hineinsteigert. Zunächst mochte ich mich irgendwo vergraben, vielleicht abseits großer Städte, dort ist es noch nicht ganz so schlimm, ohne Internet versteht sich, ohne Fernsehen, in einem schönen Landhaus, aber dazu fehlte mir das Geld, leider. Nun, irgendwann habe ich akzeptiert, dass ich es nicht ändern kann. Niemand kann es mehr ändern! Man sollte sich in diese Dinge nicht zu sehr hineinsteigern, wie gesagt, denn im Grunde macht man sich nur selbst kaputt und nicht die Leute, oder die Gebäude, die man gerne kaputt machen würde.«
»Was konnten Sie nicht ändern, Herr K.?«
»Eben alles! Die Art wie man heute Beziehungen pflegt, die Art wie man Freundschaften pflegt, die Art wie miteinander gesprochen wird, oder eben, dass überhaupt kaum mehr miteinander gesprochen wird. Dass es die kleinen Geschäfte nicht mehr gibt, diese kleinen Lebensmittellädchen, wissen Sie? Und dass alles Essen irgendwie vergiftet ist, dass nur noch Mist im Fernsehen läuft, dass nichts mehr Qualität besitzt, dass alles immer schneller geht, immer weiter, immer bunter wird, doch im Grunde alle ständig trauriger werden, jeder Zweite auf der Straße zwischen achtzehn und dreißig Jahren so etwas ähnliches wie Depressionen hat und ausgebrannt ist, vom Beruf, von den vielen Beziehungen, vom vielen Saufen, von dem ganzen Mist eben und dieses ganze Habenwollen und am Ende sitzt man in einem Palast und mag ihn kaputtschlagen, da man sie nicht mehr ertragen kann, die ganzen schönen Sachen, weil die eigene Frau gerade mit einem anderen vögelt, vielleicht mit Rolf, vielleicht mit einem indischen Sex-Guru, den sie auf ihrer Selbstfindungsreise kennenlernte.«
»Also doch wieder ihre Frau!«
»Ein Teil des Ganzen, Herr Doktor, im Grunde ist es nur das Ergebnis vieler Rechnungen. Ihr Verhalten, das der Frauen und auch das der Männer, keine Frage, ist scheußlich, wie ich finde, aber es sind bloß die Folgen unserer Zeit.«
»Sie reden ja wie ein alter Moralist, Herr K.«
»Vielleicht bin ich das ja. Ist das schlimm?«
»Nein, aber unbefriedigend. Ich stelle es mir jedenfalls unbefriedigend vor«, sagt der dicke Doktor mit einem fetten Lachen, sodass seine Augen hinter den Brillengläsern zu schwimmen und tanzen beginnen, als hätte er keine Brille, sondern ein Marmeladeglas auf der Nase.
»Sehen Sie, das hab ich kapiert, bevor es zu spät war. Lysander, Bernhardt, viele andere, sie alle haben das nicht kapiert, die sind in Selbstmitleid ertrunken und am Wochenende in Tequilakrügen, groß wie Putzeimer. Die glaubten, sie könnten etwas verändern. Irgendetwas von dem ganzen Mist. Und dann, wenn man merkt, dass es nicht geht, dass man eben nichts verändert, selbst nicht mit einem Bombengürtel um die Taille, gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder man betätigt den Gürtel, völlig zwecklos, ohne Sinn, da danach, nach diesen paar Toten, alles seinen gewohnten Gang nimmt, oder aber man sieht es ein und zieht sich zurück, vielleicht eben auf ein Landhaus, oder, wenn man kein Vermögen besitzt, so wie ich, in die Schriftstellerei.«
»Das klingt, als flüchten Sie vor der Realität, Herr K.?«
»Ein bisschen vielleicht. Doch es ist besser als die Gürtelvariante, finden Sie nicht?«
»Bestimmt ist es das«, sagt er, zündet sich nochmals seine Zigarre an und fragt: »Wieso haben Sie ihn niemals besucht? Oder ihn wenigstens angerufen, ihren Freund Herrn Elsterhazy?«
»Wenn man Dinge akzeptiert, wenn man sich distanziert und vielleicht ein paar unpopuläre Hoffnungen pflegt, vielleicht, dass nach dem Tod doch noch einmal alles besser wird, dann kann man sich getrost noch ein paar Jahre zurücklehnen. Da muss man nicht gleich zum Revolver greifen, da kann man ein paar Texte schreiben, ein paar Filmchen schauen, erst einmal jedenfalls den Brotberuf kündigen, denn den hat man irgendwann nicht mehr ertragen, ich jedenfalls nicht, und da passte - so hart es klingen mag - dieser alte Freund nicht mehr ins Bild. Er wurde verrückt und Verrückte konnte ich bei der Unternehmung, nun ja nicht selbst verrückt zu werden, weiß Gott nicht gebrauchen! Zudem war ich böse auf ihn, man könnte sagen, ich habe ihn gehasst. Johann war schließlich mein bester Freund gewesen und das seit unserer Kindheit.«
»Hassen Sie ihn denn noch immer?«
»Ich weiß es nicht. Ich glaube, daher möchte ich ihn treffen. Also, ich meine, unter anderem deswegen. Da ist ja schließlich noch dieses Buch. Aber ja, auch will ich herausfinden, ob ich ihn immer noch hasse. Ist er denn tatsächlich so verrückt, Herr Doktor, dass er einfach einen Freund erschießt?«
»Wir nennen unsere Bewohner nicht verrückt«, korrigiert mich der Doktor.
»So«, sage ich, »wie auch immer-«
»Menschen mit psychischer Störung«, korrigiert mich der Doktor ungefragt.
Ich rauche meine Zigarre. Der Doktor fragt: »Was ist das für ein Buch, das Sie schreiben?« Ich gehe nicht darauf ein. Stattdessen sage ich: »Könnte sein, dass Sie Recht haben, Herr Doktor. Vielleicht bin ich wirklich ein Flüchtling. Ich glaube, meine Arbeit war auch schon so eine Art Fluchtversuch, aber am Ende dann nur Bürokratie und Eintönigkeit. Sie können sich kaum vorstellen, wie langsam die Zeit in so einem Literaturarchiv vergeht. Da kommen einem vier oder fünf Stunden wie ein halbes Leben vor. Wäre ich noch einmal jung, ich würde eine ordentliche Arbeit lernen, eine für die ich nun leider zu schwach und alt bin, auch wenn ich nicht einmal die Vierzig überschritten habe. Eine ehrliche Arbeit, keine Spinnerei, wie dieses mehr schlechte als rechte Autorendasein, vielleicht einen dreckigen Beruf, einen für den man keinen rechten Verstand braucht, denn das ist die dritte und eigentlich die beste Möglichkeit, neben dem Gürtel und dem Akzeptieren, dass man seinen Verstand nicht gebraucht. Das geht aber sehr schlecht, eigentlich nur, wenn man keinen hat und das also wäre mein liebster Wunsch: Drecksarbeit ohne Verstand, ohne das Wissen, ohne das Gefühl, dass alles um uns herum eigentlich eine riesige, wertlose Schweinerei ist, die man nicht mehr ändern kann. Dumm sein und die Dummheit genießen. Dumm sein und nicht merken, wie dumm die Wirklichkeit ist. Nein, Herr Doktor«, sage ich schließlich, »ich bin nicht mehr deprimiert! Solche Gespräche wühlen mich nur immer noch etwas auf. Ich werde mich bald wieder beruhigt haben. Spätestens in einer Stunde kann ich darüber lachen. Ich höre mir bedeutungslose Musik an und betrachte mir grässliche Bilder. Ich genieße den Fabrikgestank während eines Waldspaziergangs. Mich können Sie mit nichts mehr schockieren, ich habe alles akzeptiert! Ich kann ja bloß den Wald meiden, oder aber die Fabrik niederbrennen, aber dann wäre ich schon wieder ein Lysander Elsterhazy. Oder ich schneide mir vor den Eingangshallen die Pulsadern auf, mit einem Zettel um den Hals, auf dem alle möglichen Beschimpfungen gegen die Fabrikinhaber stehen, dann wäre ich ein Berhardt Höppgen. Sie verstehen, Herr Doktor?«
»Ich weiß wohl, was sie meinen, aber ob man es versteht-«
»Ich verlange prinzipiell von niemandem, dass er so etwas nachvollziehen kann, oder gar ähnlich bewertet. Wie gesagt, die meisten Menschen baden sich in diesem Lebensgefühl, in der Freiheit, der Zügellosigkeit, der Sinnlosigkeit, der Einfachheit, der Gottlosigkeit, sie baden sich in dem guten Gefühl, nun alles Unnütze, wenn auch in meinen Augen Zauberhafte, abgeschafft zu haben. Man hat ja noch so viele andere Dinge, für die man lange gekämpft hat und die es nun auszukosten gilt: Rationalität, neue Wissenschaften, wirtschaftlicher Erfolg und schon lange kein Krieg mehr vor der Haustür, und die wenigen, die sich damit nicht identifizieren können, diejenigen, denen das einfach nicht genügt, die, welche - verzeihen Sie schon wieder den Kitsch, aber man kann es kaum anders sagen - Sehnsucht nach den warmen, schönen, irrationalen Dingen des Lebens verspüren, vielleicht Liebe, vielleicht Treue, vielleicht Gott, Kunst. Die paar wenigen Spinner, die es in unserer Gesellschaft kaum noch aushalten und dann Schluss machen oder für ein paar Minuten wild um sich schießen, die sind einkalkuliert, die sind keine Gefahr für die Masse, denn die Masse lässt sich so oder so nicht mehr durch ein paar Spinner bewegen. Man verkraftet sie, die lauen, ledigen und trüben Nostalgiker und Schwärmer, man lässt sie sich selbst aus dem Weg schaffen, man schießt auf sie oder sperrt sie weg, die Lysanders, Bernhardts und wie sie alle heißen, man hält sie aus, in unserer schönen durchkalkulierten Welt.«
»Es tut mir leid, Herr K., ich mochte Sie nicht aufregen«, sagt der Doktor, den Qualm in mein Gesicht pustend.
»Das haben Sie nicht. Ich muss mich ja mit solchen Dingen beschäftigen, darüber handelt schließlich mein Buch.«
»Sie schreiben ein Buch?«, wiederholt er seine Frage.
»Ich bin Schriftsteller, Herr Doktor!«
Er grinst.
»Schreiben Sie über Herrn Elsterhazy?«
»Gerade darum geht es ja«, sage ich, »ich hab schon allen möglichen Kram aufgeschrieben: Erinnerungen, Dinge, die mir irgendwie wichtig waren. Doch über Lysander fehlt mir einfach der nötige Stoff. Ich glaube ich kenne ihn gar nicht wirklich! Ich glaubte ihn zu kennen, den kleinen Heuler als Kind, den jugendlichen Säufer, den Freund chemischer Drogen, schließlich dieser Wandel zum Biedermann. Er hatte diesen Drang wieder Ordnung in jene Welt zu bringen, die er selbst lange Zeit ein Stück unordentlicher gemacht hatte. Lysander ist ein Mosaik, ein Puzzlemännchen, die Lösung aber habe ich bisher nicht gefunden, auch wenn ich Jahre mit ihm befreundet war, ihn mal mehr mal weniger oft gesehen habe. Ich kann ihnen im Grunde keine einzige ordentliche Geschichte über ihn erzählen, außer diese Sachen nach meiner Scheidung, diese Happenings, seine verrückten Reden. Dann sein Mord an Johann, obgleich ich ja nicht dabei gewesen bin. Gott sei Dank! Im Grunde sind es nur diese Sachen, die ich wirklich wahrheitsgetreu erzählen kann. Ein paar deprimierte Abende mit ihm im Jazzkeller und viele Geschichten aus meiner Jugend, aus meiner Kindheit, aus meiner Ehe, wobei Lysander aber immer nur eine kleine Rolle spielte, immer unauffällig war, unbedeutend. Mein bester Freund war immer Johann gewesen, niemals Lysander. Dass ich ihn späterhin so oft getroffen habe, lag bestimmt nicht an möglicher Seelenverwandtschaft, an Zuneigung, das war mehr pragmatisch: Einer der genauso deprimiert war wie ich, mit dem ließen sich nette traurige Abende verbringen, verstehen Sie? Außerdem war er ein Jazzkenner.«
Der Doktor schnauft und beginnt etwas aufzuschreiben.
»Was schreiben Sie denn da?«, frage ich.
»Nichts, was sie beunruhigen müsste.«
Dann sagt er: »Sie erzählen also ihre Lebensgeschichte in ihrem Buch?«
»Nicht unbedingt, Herr Doktor, nein. Ich schreibe Dinge auf, die mir wichtig sind, was mir eben einfällt. Dinge aus meinem Leben, Dinge aus Johanns Leben, aus ganz anderen Leben, aus vielen verschieden Leben, doch im Grunde sollen sie alle miteinander eines ausdrücken: Verwirrung und Sehnsucht! Ja, ich glaube, so könnte man es nennen.
»Ist das der Titel Ihres Buches, Herr K.?«
»Ich glaube schon.«
»Darf man es lesen?«
»Es ist ja noch lange nicht fertig. Wie gesagt, mir fehlen Dinge über Lysander und bisher sind es doch irgendwie nur Fragmente. Ein einziges Durcheinander, wenn Sie so wollen!«
Wir lachen. Er schreibt.
»Wann kann ich Lysander nun eigentlich treffen?«
Er schreibt.


PS: Susanne trug ihren Vorschlag, ihre Forderung, wie sich später herausstellen sollte, mit einer solchen Gelassenheit vor, mit einem Ausdruck vollkommener Überlegenheit, mit Vernunft, sachlich und mit einem Lächeln im Gesicht, mit offenen Armen, nicht wirklich heiter zwar, doch legitim, sodass man wahrhaft kaum etwas dagegen einwenden konnte. Und wie normal solche Ideen heute wirklich sind, wurde mir erst bewusst, als sie meine Reaktion auf ihre für sie vernünftige, gelassene, entschiedene und doch sanfte Mitteilung, sie wolle nun eben noch mit ein paar anderen Männern vögeln, mit ebendem Unverständnis quittierte, welches ich ihr soeben entgegengebracht hatte. Wie sie mich plötzlich altmodisch und spießerhaft schimpfte, in einem harschen Ton, wie sie zuvor selten mit mir gesprochen hatte. Und dann noch die Gesichter der übrigen Bekannten und Freunde, denen ich es erzählte, und die es zwar in gewissem Sinne verstehen konnten, wenn sich einer schwierig mit solchen Situationen tut, dem Ganzen aber immerhin eine Chance gegeben hätten. Ansonsten sei die Beziehung ja sicherlich zu Ende, sagten sie - und ob ich das wohl wolle?
Das fragten sie mich und alles außer meinem »Nein!« in dieser Sache schien rechtens zu sein.


PS: Tatsächlich hat er sich‘s schön gemacht, ein letztes Mal noch bequem gemacht, wie es sich Leute selten angenehm herrichten, wenn es um solch unangenehme Dinge wie Selbstmord geht. Bernhardt Höppgen jedoch, so leidenschaftslos man ihn am Abend zuvor noch antreffen konnte, war einer, der immer schon nach dem letzten Stück Schönheit und Ritterlichkeit in dieser ihm so unschönen Welt strebte. So zündete er sich ein paar Kerzen an, setzte sich in die wohlig warme Wanne und genoss die vorgegebenen Temperaturen bestimmt noch beinahe zwanzig Minuten. Vielleicht war es ein spontaner, nicht gerade lang geplanter Akt, den Dingen für immer aus dem Weg zu gehen, doch wie ich ihn kannte und so oft, wie er darüber geredet hat, muss man es - auch ohne Brief - für einen Akt voll innerer Ruhe, Planung und Zufriedenheit halten. Ein Selbstmord ganz nach Bernhardts Geschmack.


Heute, 9:30 Uhr, kommt Dr. Raulus in mein Zimmer (wie jeden Morgen) und teilt mir mit, dass sich Herr Elsterhazy in einem schlechten Zustand befindet.
»Was stimmt denn nicht mit ihm?«, frage ich.
Er sei nicht befugt mir Näheres mitzuteilen, meint Dr. Raulus.
(Wer, wenn nicht er, ist befugt?)
»Niemand ist dazu befugt!«, sagt er und dann: »Entschuldigen Sie bitte die Unannehmlichkeiten, Herr K., aber wahrscheinlich müssen sie noch länger auf ein Gespräch warten. Ich könnte also verstehen, wenn Sie über eine Abreise nachdenken. Ich bin sicher, sie können-«
»Ich bleibe.«
»Wie bitte?«
Er sagt es, als sei es eine Möglichkeit außerhalb des Denkbaren, eine Überraschung, wie sie überraschender nicht kommen könnte, sein Blick, versteift und unglaubwürdig, als hätte ich gesagt: Herr Raulus, ich bin schwanger!
»Solange es nötig sein wird bleibe ich - ich habe Zeit, Herr Doktor.«
»Nun denn«, sagt er, »man wird sich bemühen, ein Gespräch so schnell wie möglich zustande zu bringen. Doch erwarten Sie es nicht vor Dezember!«
Er scheint zornig zu sein.
Ob ihm meine Anwesenheit nicht behagt?
 

Spaziergänge durch den Laurensteiner Wald: Meine Gedanken voll von Vergangenheit, voll Johann, voll Lysander. Und leider, wie ich bemerke, oben auf dem Berglein, an der alten Hütte, mit einem beherzten Biss in meine Clementine, als ich mit Fruchtsäure besudelt immer noch ehrfurchtsvoll vor dieser Bergkulisse stehe, ohne der Natur die Würdigung entgegenzubringen die sie verdiente, ohne wirkliche Achtung vor dem Horizont, ohne Anstand und Ehrerbietung, ohne die erfrischende Glückseligkeit frei zu sein und unbefangen, frei für den Genuss der weißen Berge, ohne eigentlich präsent zu sein: voll Susanne.


Heute während des Mittagessens die erste Eskalation. Eine Schlägerei wie sie übler kaum sein könnte. Die freundlichen Pfleger, die ansonsten mit Wunscherfüllungen nicht sparsam sind, kamen mit Knüppeln angerannt und schlugen der halben Etage A8 die Rücken krumm. Ich will später davon berichten.


Ein Brief an meinen Vater:

Lieber Papa,

nun bin ich schon vier Tage in dieser Klinik und habe noch immer nicht alles gesehen! Gestern war ich zum ersten Mal in der Bibliothek gewesen. Ich musste lächeln, als ich die Schwarze Spinne sah und an dein Zitat mit dem Hausteufel dachte! Ich werd‘s nun endlich mal lesen, versprochen! Ich hätte nicht gedacht wie komfortabel es sich in einer Nervenheilanstalt leben lässt, wirklich! Mir geht es sehr gut hier, das Essen ist ordentlich, manch einer sieht mich immer noch seltsam dreinblickend an, gerade die Schachspieler im Foyer, doch ich kann es verstehen - vielleicht sollte ich meinerseits auf eine Partie einladen? Lysander ist nicht zu sprechen, doch man will mir keine nähere Auskunft geben. Ich hoffe auf ein baldiges Treffen! Innerhalb der nächsten zwei Wochen wird es aber wohl nicht klappen, so der Chefarzt Dr. Raulus. Bis Weihnachten bin ich aber sicherlich zuhause! Schon seltsam plötzlich mit all dem hier konfrontiert zu werden. Ob er wirklich so verrückt ist, wie man sagt? Was machen die Knochen? Denk daran, dich nicht zu überlasten, du weißt, was Dr. Stifters meinte!

Viele Grüße noch an Ruth.
Sag ihr, dass es mir geht gut!

Melde dich bald!
Dein Peter


Lysander ließ auf sich warten. Zwei Stunden wartete ich auf ihn im Jazzkeller. Ich hatte der Band schon dreimal ihren Lohn in den herumgehenden Blecheimer geworfen. Ich hatte zwei Bier aus Genuss und vier weitere der Langeweile wegen getrunken. Ich ließ mich gar zu dem ein und anderen Schnaps hinreißen, einem Mirabell, einem Rum, einem Tequila, einem weiteren Mirabell, schließlich einem Absinth; Schnäpse, die man mir beinahe jeden Abend aufschwatzen mochte, weil man mich kannte, und mich leisen und abweisenden Kauz versuchte, mit ein paar hochprozentigen Zündern heiterer zu stimmen, und siehe da!, es gelang für kurze Zeit, für wenige Momente zumindest, als ich widerlich hustend vom brennenden Schnaps meine Miene verzog und für Gelächter sorgte.
Ich war keinen Schnaps mehr gewöhnt. Ich tanzte.
»Du bist ja völlig betrunken!«, mahnte mich Lysander im Ton einer entsetzten Mutter, als er endlich in das Lokal kam und mich in heiterer Runde vorfand.
Mein Trinkgelage schien ihm nicht zu passen.
»Komm, wir gehen!«, sagte er und zerrte mich aus dem Lokal.
»Was soll das?«, schrie ich ihn an.
Ich war betrunken.
»So wird das nicht funktionieren!«, sagte er.
»Was funktionieren?«
Er meinte seine Happenings.
»Mit Saufbolden die Nächte um die Ohren schlagen wie ein primitiver Wicht, ich bin enttäuscht von dir, ich hielt dich für einen Ehrenmann!«
»Was ist denn mit dir los?«, fragte ich.
»Es tut mir leid«, sagte ich.
Er ging weg.
»Taxi!«, rief er.
»Es tut mir leid, Lysander!«, schrie ich und als er schwieg: »Ich mach‘s nie wieder!«
Ich war betrunken.
»Du bist betrunken! Was soll ich nun mit dir anfangen?«
Ich folgte ihm und bettelte, dann wurde ich forsch:
»Ich steige jetzt in dein Taxi!«
»Gute Nacht!«, sagte er.
»Nimm mich mit!«, schrie ich dem wegfahrenden Taxi noch hinterher.
»Nimm mich-«
Ich weinte.
Drei- oder viermal wählte ich seine Nummer am nächsten Morgen, vor dem Freizeichen legte ich auf. Ich hatte mir Entschuldigungen zurechtgelegt, ein paar schmale Reden aufgesetzt und eigentlich wusste ich nicht einmal was ich getan hatte, denn Lysander war meist härter betrunken als ich selbst, da klingelte mein Telefon.
»Elsterhazy am Apparat, Guten Tag, Herr K.!«
»Lysander?«
Er hielt sich für witzig.
»Schon gut, Peter. Jeder ist doch einmal betrunken, nicht wahr?«
Er war reuig.
»Vor allem in der unsrigen Zeit«, sagte er, »da bleibt einem ja kaum noch etwas übrig, außer sich zu betäuben! Ich verstehe dich! Ich bin ja selbst so gewesen.«
So gewesen?
»Aber du verstehst doch, dass Alkohol bei unserer Sache einfach gefährlich wäre!«
Er redete immer noch von den Happenings.
»Heute Abend bei mir?«, fragte er.
»Okay«, sagte ich. 
»Ich hol dich ab!«
Wir gingen in seine Wohnung, ein allemal 160 Quadratmeter großer Jugendstilaltbau mit Pitch Pine Dielenböden, Stuck an den Decken und einer Landhauseinbauküche, Erbstücke soweit das Auge reichte, die ganze Wohnung war geerbt, zu teuer und zu fein für einen Studienabbrecher, doch durch ein paar unglückselige Umstände nun in seinen Händen. Keine Wohnung für einen Mann unseres Alters, aber eine Wohnung für Lysander, Räume, wie sie Lysander liebte. Überhaupt schien die Einrichtung, das Biedermeiermobiliar, die Bibliothek, die Vitrine, in die Johanns stämmiger Männerkörper bloß in kleinen Teilen hineinzubekommen war, die ganze gemütliche Heimeligkeit eines Bürgerhauses, keineswegs einem Mörder, einem schlimmen Revolutionär, sondern einem braven, anständigen, gut bürgerlichen und wohlhabenden Männlein zu gehören. Und genau das, dieses unscheinbare, eigentlich spießerhafte und klassische, keineswegs revolutionäre Auftreten, war die eigentliche Bedrohung. Seine Revolution, die er wohl entgegen meiner damaligen Annahme tatsächlich ernst gemeint haben musste, obgleich man sie nicht ernst nehmen konnte, sofern man glaubte, dass man es bei Lysander mit keinem wirklichen Revolutionär, keinem Mörder, sondern mit einem enttäuschten Spinnerlein zu tun hatte; seine, wie ich aber heute weiß, ernsthaft geplante, wenn nicht geplante, dann doch in ein und demselben Ernst erträumte Revolution aber, keine linke oder rechte und im eigentlichen Sinne nicht einmal eine revolutionäre und erneuernde Revolution, war im Grunde die Rückkehr zu einem gut bürgerlichen Dasein des 19. Jahrhunderts. Es war die Vision eines träumerischen Ehrenbürgers, dessen Bürgertum lange abgeschafft war. Und die Idee einer Rückführung zur ordentlichen, geregelten, rollenverteilten, heimeligen und in seinem Sinne anständigen Zeit, musste also - man braucht es eigentlich gar nicht zu erwähnen - zum Ziel die Abschaffung der gegenwärtigen Moderne haben, und dies mit aller nötigen Konsequenz, mit Disziplin, Gewalt, unmöglicher Gewalt, wenn es sein musste.
Dieser Spinner!
»Darf ich dir etwas vorspielen?«, fragte er immer wieder.
»Bitte«, sagte ich.
Er setzte sich an seinen Bösendorfer Flügel und begann zu spielen. Eine, vielleicht zwei Stunden lang, spielte er Schumann, Lieder von Ludwig Berger, Alexander Fescas, Christian Heinrich Rinck, er spielte mir ein Konzert von tiefster Sentimentalität, von wirklicher Überzeugung vor. Er spielte wie einer, der zehn, eher zwölf Stunden täglich am Klavier sitzt und übt. Er spielte mit Disziplin und drehte sich niemals zu mir um. War ein Lied zu Ende, begann er das nächste Stück. Zuerst unterbrach ihn mein leiser Applaus, doch dann ließ ich ihn allein mit seinem Spiel. Ich klatschte ihm keinen Beifall mehr, zu keinem Stück, in keiner Pause, ich überließ ihn seinem spielerischen Rausch, seinem klassischen Exzess, bis er vollkommen erschöpft und verschwitzt, wie ein 10.000-Meter-Läufer, von seinem Höckerchen aufstand und sagte: »Ich muss duschen.«
Für einen Moment dachte ich daran aufzustehen und nachhause zu gehen, ihn, diesen armen Musikus und Nostalgiker, allein mit sich und seiner Welt zu lassen. Ich hörte sein Wasser brausen, sah mir die Gemälde in seiner Wohnung an, klimperte ein paar Minuten auf seinem Flügel einige Kinderliedchen, die ich irgendwie noch mit zwei Fingern zusammenbrachte und die er, dieser talentierte Spieler, als eine Beleidigung an sein Instrument empfinden musste, sofern er sie hörte, meine Liedchen, unter dem brausenden Wasser. An der Wand alte Fotografien. Farbenlose Menschen in verstaubten Gewändern, keine Verwandten, die er irgendwann einmal gekannt, wahrscheinlich vollkommen fremde Leute. Doch alte, ordentliche, aus anständigen Zeiten stammende Menschen, die ihm damals näher standen, als die eigene Familie, als die Freunde, als die Kollegen, das Heute, die bunte und farbenfrohe Gesellschaft, die ihn außerhalb seines Biedermeiermuseums umringte und die er dort, in seinem Museum, mit ein paar Walzern von Johann Strauß und wilden Plänen seiner irrsinnigen Revolution zu vergessen suchte.
»Das ist Fanny Elßler«, sagte er, wieder angezogen, doch mit nassen Haaren, als er aus dem Bad zurückkehrte und mich überraschte, wie ich auf eine der Fotografien starrte. Eine zerbrechliche Frau, wie man sie sich fraulicher und weiblicher kaum vorzustellen vermag, zart und grazil, weich, mit einem reich verzierten Kleid, mit Perlenohrringen und einer Perlenkette, ein liebes Fräulein, sanft, ohne Härte. Eine Frau, die eine Fee sein könnte, oder eine Balletteuse.
»Sie ist Tänzerin.«, sagte er. »Schön, nicht wahr?«
Ich schwieg.
»Kein solch unliebenswürdiges Geschöpf, keine Diktatorin!«, sagte er.
Ich schwieg.
»Ein liebenswertes Mädchen aus einer liebenswerten Zeit.«
Ich schwieg.
»Du spielst wirklich gut«, sagte ich.
Ich habe es ihm oft gesagt.
»Danke«, antwortete er, »aber das finde ich nicht. Du weißt, es muss besser werden! Tag für Tag besser, denn, wenn es sich nicht entwickelt, zum Besseren, so hat alles keinen
Sinn.«
Ich schwieg.
»Fortschritt, mein lieber Peter! Nur verstehe ich unter Fortschritt eben nicht die Dinge, die manch andere Menschen darunter verstehen. Das, was sie Fortschritt nennen, es bedrückt mich, es macht mich beinahe wahnsinnig.«
Dieser Spinner!
»Wir«, sagte er, und betonte es, als hätten wir einen brüderlichen Pakt der Einigkeit geschlossen, »bringen das wieder in Ordnung.«
»Natürlich«, stimmte ich zu, mit der Gewissheit im Herzen einen Tölpel vor mir zu haben, der sich - noch mehr als man selbst - in allen möglichen Träumen und Fantasien verliert, in irrealen, dazu gefährlichen Plänen.
»Zuerst bedauert man, dann träumt man, dann verändert man die Welt«, sagte er.
Ich hielt ihn für einen Schwätzer.
»Du bedauerst es auch-«, schrieb er mir vor.
»Ein wenig«, sagte ich und dann, nach einer kurzen Pause mit Blick auf Fanny Elßler ergänzte ich: »Eigentlich bedauere ich vieles, doch was soll man schon machen? Es ist wie es ist.«
Schon damals meine Akzeptanz der Dinge, die uns beide, die mich von ihm, die ihn von mir, die mich von Bernhardt und Bernhardt von uns beiden grundlegend unterschied.
»Zuerst, Peter«, sagte er, »musst du das Träumen lernen.«
Er ging zu einer seiner Kommoden und zog einen Beutel heraus, mit einem weißen Pulver darin.
»Was ist das?«, fragte ich.
»Einen Esslöffel aufgelöst in Wasser vor dem Schlafengehen.«
»Ich schlafe sehr gut, Lysander.«
Ich wollte den Beutel nicht.
»Es wird dir gefallen, probiere es einfach!«
Ich wollte ihn nicht!
»Nimm das Beutelchen mit. Es ist mein Geschenk an dich, mein lieber Freund. Ein Esslöffel aufgelöst in Wasser vor dem Schlafengehen. Morgen rufst du mich an. Oder willst du die Chance deines Lebens verpassen?«
»Was soll das sein, die Chance meines Lebens?«, fragte ich.
»Alles verändern zu können.«
»Mit diesem Pulver?«
Ich lachte ihm ins Gesicht.


»Und natürlich haben Sie es genommen, sein kleines Pulver«, sagt Dr. Brandtmaier, während ich ihm diesen Abend schildere, viel detaillierter, viel anschaulicher, als ich ihn soeben aufgeschrieben habe und seine Rede nimmt meine Antwort vorweg, denn er weiß, wie es um mich und das Pulver bestellt war, und dass ich es gekostet habe.
»Aber nicht in dieser Nacht« sage ich, »erst sehr viel später. Ich meine, was hätten Sie denn getan? Er war mein Freund.«
»Na jedenfalls nehme ich keine Drogen, Herr K.«, gab er sich arrogant, der drogenfreie und suchtlose Ehrendoktor, das kleine dicke studierte Männchen, ohne Exzesse, ohne unbeliebte Gedanken, ohne eigentliche Verbrechen oder Ausraster, unantastbar beständig in seiner Reinheit und Freundlichkeit, mir zum ersten Male unsympathisch.
»Ich hatte sowieso nichts mehr zu verlieren, ich war, wie gesagt, sehr deprimiert gewesen zu dieser Zeit und beeindruckt von einem, der mir vormachte, er könne an meiner Depression etwas ändern«, rechtfertigte ich mich und polterte rundheraus und unüberlegt: »Womöglich hätte sie einen Drogentoten bereut, meine liebe Susanne!«
»Also ging es doch wieder um Ihre Frau, Herr K.?«
»Sie spielt immer die ein oder andere Rolle, ich gebe es zu, aber eben nur eine Rolle unter vielen. Es war das große Ganze, der Zeitgeist, wie ich schon sagte, Herr Doktor.«
»Möchten Sie darüber sprechen?«
»Ich tue es doch gerade!«
»Nein, ich meine die Sache mit Ihrer Frau.«
»Es ist eine Eifersuchtsgeschichte wie jede andere.«
»Und doch so wichtig für Sie.«
»Für einen selbst ist es immer wichtig, das hat nichts zu heißen.«
»Wir sollten darüber sprechen«, sagt der Doktor.
»Ist das eine Therapie?«
Er schweigt.
»Ich brauche keine Therapie!«
»Wie Sie meinen«, sagt er.
»Sie glauben mir nicht?«
»Was ich glaube oder nicht, Herr K., das ist-«
»Nun, zuerst werde ich beinahe im Speisesaal zusammengeschlagen, und dann unterstellt man mir ich sei verrückt!« 
»Wir nennen unsere Bewohner nicht verrückt und laut meinen Informationen waren Sie nicht an der Schlägerei beteiligt. Sie dürften also auch nicht durch die Pfleger beruhigt worden sein.«
»So nennt man das also hier!«
»Wir sind sehr besorgt um unsere Bewohner«, rechtfertigt er sich.
»Geben Sie mir lieber mal einen Computer!«
»Sie kennen die Vorschriften.«
»Ja, ja, die Vorschriften.«
»Sie werden ungehalten, Herr K.«
»Sie halten mich für verrückt. Ich finde es eine Frechheit!«
»Ich habe nie gesagt, dass ich Sie-«
»Im Grunde mag ich sowieso keine Computer!«, beruhige ich mich selbst.
»Es würde auch nicht zu ihren sonstigen antimodernistischen Ansichten passen, Herr K.-«
»Nun, man hat sich eben an den Komfort gewöhnt, auch an die verhassten Dinge gewöhnt man sich irgendwann, und dann lernt man das ein oder andere sogar schätzen. So ist das.«
»Das ist nicht sehr konsequent, Herr K.«
»Wäre ich konsequent, wäre ich lange tot! Bernhardt war konsequent. Lysander wollte es sein.«
»Sie sympathisieren noch immer mit ihm?«
»Er ist verrückt, Herr Doktor, Sie wissen es genauso gut wie ich. Mir liegt nichts an Verrückten. Aber jedenfalls ist er immer noch irgendwie mein Freund, auch wenn ich ihn vielleicht hasse.«
»Wie hatte sich ihre Freundschaft auf Ihre Ehe ausgewirkt?«
»Was haben Sie schon wieder mit meiner Ehe?«, frage ich.
»Aber um diese dreht es sich doch, Herr K.!«
»Wie bitte?-«
»Ich möchte Ihnen doch nur helfen-«, sagt er, dazu sein dickes vertrauenswürdiges Gesicht: Legen Sie doch einfach Ihren Kopf an meine Schulter!
»Ich brauche keine Hilfe! Nun lassen Sie uns über das Pulver reden.«
Das Neuste von Dr. Raulus: Lysander ist krank. Welche Krankheit er hat, das will man mir nicht mitteilen. Auch nicht, wie schlimm es um ihn bestellt ist. Auch nicht, wann ein Besuch möglich sein wird. Auch nicht, ob dieser Besuch überhaupt noch zu erwarten ist etc.
»Weiß er denn überhaupt, dass ich hier bin?«, frage ich den Doktor.
»Wir wollen ihn nicht unnötig beunruhigen«, sagt Dr. Raulus und dann wieder sein geheucheltes Entgegenkommen: »Wir können einen anderen Termin vereinbaren!«
»Ich bleibe!«, sage ich. Ich schwöre es in sämtlichen Tonlagen, auch wenn sie mich gerade deswegen, aufgrund meiner Entschiedenheit, womöglich für einen Verrückten halten werden!
»Eine Sache noch, Herr Raulus. Ich bin ein gesunder Mann!«
»Das wissen wir doch.«


Die Schlägerei im Speisesaal vor drei Tagen: Ein Dutzend Bekloppte hauen sich zehn Minuten lang die Köpfe ein, dabei war der Grund ein nichtiger, einer wie ihn nur Verrückte zum Anlass einer solch brutalen Auseinandersetzung nehmen können. Ich höre Tessa, die ephebenhafte Tessa, mit den kurz geschorenen Haaren, mit ihrer Stimme wie die eines Knaben, eines ihrer Gedichte vortragen, ein schwüles und melancholisches Naturgedicht, wie sie es uns jeden Mittag am Tisch vorzutragen pflegt. Ein Gedicht, welches sie am Tag zuvor mit vielen ernsten Kunstbemühungen erstellt und voller Stolz zu singen vermag, wie eine Sirene beinahe, eine jungfräuliche Priesterin der Antike, ein Engel. Und wie sie es also zaghaft singt, ihr Gedicht, erbricht der arme Jupiter, der die Frühlingszwiebeln des Sonntagsbratens nicht vertragen hat, mitten in Tessas Genick. Eine andere Gesellschaft hätte sich für diesen Kotzfauxpas entschuldigt, man hätte das Erbrochene, die Zwiebeln und den restlichen Braten sorgsam und auf eigene Initiative weggewischt und die Reinigung bezahlt. Vielleicht wäre man ungehalten gewesen, in Tessas Position, sodass man dem Kotzenden nicht sogleich verziehen, sondern die Unanständigkeit eine Weile nachgetragen hätte, jedenfalls aber hätte man in einer normalen Gesellschaft, diesem armen Jupiter, der ja nichts für seine Frühlingszwiebelunverträglichkeit kann, wohl kaum einen beherzten Schlag in die Rippen verpasst, einen Schlag, wie man ihn von einer feenhafte Lyrikerin wie Tessa nie erwartet hätte. Einen Schlag so kräftig, so präzise in den Bauch, dass dem armen Jupiter nichts anderes übrig blieb, als ein weiteres Mal zu erbrechen und dieses Mal auf Franziskus vom Tisch nebenan. »Du Sau!«, schrie er, der versaute Franz, und schon begannen sie, Franzlein, Tessa, im Grunde alle Anwesenden meiner Etage, die Männer und die Frauen, ausgenommen der liebe Anton und meine Wenigkeit, nacheinander auf den armen Jupiter einzuprügeln, bis er blutete, schrie vor Schmerzen und unter Tränen beteuerte, er habe es nicht absichtlich getan, solange bis die Pfleger kamen, um die Meute zu besänftigen. Es dauerte wohl ein paar Minuten bis sie sich durch das Gewimmel ringen konnten, schließlich kloppte man ebenfalls auf das Personal und es braucht eigentlich nicht erwähnt zu werden, dass es feste Schläge waren. Dann zogen sie ihre Knüppel unter den Gürteln hervor, die Pfleger, und schlugen das Getümmel nieder, packten die Bewohner an den Händen wie Schwerverbrecher, die man bloß festzunehmen weiß, indem man sie auf den Boden klatscht und führten sie in ihre Zimmer, in ihre Zellen, wo sie den Rest des Tages bleiben mussten.
Jupiter liegt auf der Krankenstation.


Gestern im Kino gewesen.


Noch keine Antwort vom Vater erhalten.


In der Kapelle gewesen: Ein Gottesdienst vor etwa zehn oder fünfzehn Menschen, Tessa zwei Bänke vor mir, sie kniet und betet ununterbrochen den Rosenkranz bis der Priester in einem lila Gewand zur Feier des ersten Advents, unter schlecht gestimmtem Orgelgeläut, seine Bühne betritt und ebenso zu beten beginnt. Außer Tessa, nur Verrückte, die ich nicht kenne. »Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligens Geistes. Amen«, sagt der Priester und Tessa bekreuzigt sich besonders großzügig. Obgleich nur etwas mehr als ein Dutzend Verrückte der Messe beiwohnen, wird Weihrauch geräuchert was das Zeug hält. Der Priester, ohne in Begleitung eines Messdieners zu sein, räuchert und räuchert und bittet den Herrn um Vergebung der Sünden, lauter verrückte Sünden, die hier getan und wieder vergeben werden müssen, verrückte Sünden, die dem Priester und so auch dem Herrn gleich normaler Sünden sind. Wir bitten für die Verstorbenen unserer Klinik, für die Verstorbenen von Laurenstein, überhaupt bitten wir für alle Verstorbenen, die irgendwann einmal gestorben sind, wir bitten unter großem Räuchern, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Es wird allerhand Zeug gepredigt, dem Lysander sicherlich zugestimmt hätte und wir alle, so auch Lysander in seinem verschlossenen Zimmerchen, sollen beten und unsere Herzen öffnen, die Trauernden, die Suchenden, die Kranken, die Armen, die Reichen, die Priester, die Diakone. Amen. Einmal blinzelt Tessa zu mir herüber, ihren kräftigen Gesang nie unterbrechend, mit einigen bösen Blicken, wahrscheinlich da ich nicht singe, da ich grundsätzlich nicht singe. »Erhebet die Herzen!«, sagt der Priester und Tessa hat ihres ganz besonders hoch beim Herrn. Auch der räuchernde Priester hat sein Herz erhoben und er fordert uns singend zum Beten auf. Ich schaue hinüber zu Tessa, zur ephebenhaften Tessa mit den kurzgeschorenen rotbraunen Haaren und einem Körper wie Fanny Elßler, einer Stimme, wie sie auch dem lieben Lysander gefallen hätte, einer Stimme, die noch den Priester übertönt, wenn sie den ersten Advent ansagt! Die neulich noch schwer prügelnde Tessa, heute ein frommes Weib mit Rosenkranz, dem bloß noch die Habit fehlt, um selig zu werden. Da die Messdiener und ihre Klingelbeutel fehlen, werfen wir unser Kleingeld am Ausgang auf einen kleinen Teller. Wir kaufen selbst gemachte Kerzen der Etage A2 und geben reichlich Trinkgeld, was den Herrn, so teilt mir ein Kerzenmacher mit, ebenso dankbar stimmen wird wie ihn selbst. Doch bevor wir in Frieden gehen können, um die Kerzen zu kaufen, brauchen wir den Segen des Priesters. Ich brauche den Segen, Tessa vor allem braucht den Segen und so gehen wir unter Orgelklängen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes die Pforte der Kapelle hinaus und sehen weißes Land soweit das Auge reicht, schneeweißes Irrenland und bevor ich Tessa zu einem Kaffee einladen kann, ist sie im Weiß verschwunden.


Die Art wie man zu kochen pflegt, die Art wie Kinder zu spielen pflegen, die Art eine Pflanze zu bewundern, vielmehr die Art keine Pflanze mehr zu bewundern, vor allem die Art, wie Beziehungen gepflegt werden usw.
Vielleicht ist es unter all diesen Arten wenigstens die Art wie Beziehungen gepflegt werden, die den Doktor bedauern und somit verstehen lässt, weshalb manch ein lieber junger Kerl heutzutage verrückt werden kann. Vielleicht bedauert der Doktor also wenigstens dies und lernt es zu verstehen, wenn ich ihm die Geschichte von Rainer, Klara und Johann erzähle.


Lysanders Zimmer ist ein schönes Apfelsinenräumchen, genau wie meines. Als ich es betrete, riecht es nach frisch gekochtem Pfefferminztee und Gebäck, das er selbst in seinem kleinen Elektroöfchen seiner Küche gebacken hat. »Setz dich doch«, sagt er zu mir und gibt mir die Hand, redet in keiner Weise von Johanns abgehacktem Kopf in seiner Vitrine oder von der ganzen Politik, die ihm zuwider ist. Statt sich über die Rolle der Frau zu beschweren, bietet er sein Gebäck an, köstliche kleine Kuchen, denen ich nicht zutraue, dass sie vergiftet sind und sie daher herzhaft genieße, einen nach dem anderen und dabei dem teetrinkenden Lysander in die Augen schaue, wie er einmal sagt: »Is‘ doch alles nicht so schlimm!«, und ich frage: »Was meinst du?«, und er sagt: »Unsere Welt!«, und ich beglückwünsche ihn zu seiner Erkenntnis und rate ihm seine gemäßigten Ansichten Dr. Brandtmaier zu offenbaren, sodass er ihn womöglich mit einem größeren Zimmer, einer weiteren Kochplatte, einem Schallplattenspieler oder der Freiheit belohnt. »Machen Sie‘s gut, Herr Elsterhazy!«, parodiere ich den Doktor, wie ich ihn mir winkend vor Lysanders Limousine vorstelle, die sich langsam ihren Weg durch den tiefen Laurensteiner Schneewald bahnt, auf geht‘s nachhause für uns beide! Wir lachen herzlich. Im Lachen noch sage ich: »Susanne ist nicht wieder gekommen«, wische mir die Lachtränen von den Wangen, doch meine neusten Auskünfte verleiten ihn zu einer Hab-ich‘s-doch-gewusst-Laune und er wirft seinen Pfefferminztee zu Boden, haut in die Scherben der Tasse und zeigt mir seine blutenden Fäuste. »Ich hab‘s gewusst!«, schreit er und die blutigen Hände stimmen sich auf eine hetzerische Rede ein, in welcher er Susanne als eine Schlampe beschimpft, überhaupt alle Frauen als Schlampen beschimpft und jeden Bengel, der das nicht kapieren will, als einen Idioten, der nichts anderes verdient als eine Kugel in den Kopf. Also geht er an seine kleine Kommode und greift nach einer Kalaschnikow, die er bei seiner Ankunft hier in die sicherheitsarme Klinik geschmuggelt und für den passenden Moment in seiner Kommode aufbewahrt hat. Jetzt sei dieser Moment gekommen, versichert er und beginnt zu schießen, schießt auf die Kochnische und in den Spiegel, der fortan in Scherben auf dem Boden liegt und den schießenden Lysander in allerlei Größen und Formen schießen lässt, er schießt das Türschloss auf und damit ist endlich auch der Weg frei, auf die Bediensteten zu schießen, auf die Pfleger zu schießen, auf das Reinigungspersonal, auf Dr. Brandtmaier, auf mich zu schießen und er ruft noch: »Ihr habt es nicht anders verdient!«, als ich mit einer Kugel im Kopf und geschwitzt in meinem Bettchen erwache. Draußen nichts als Schnee und Nacht.


Nun traut er sich endlich und fragt, weshalb ich meine Schwester ermordet habe. »Ich war im Rausch«, sage ich zu Anton.
»Wie meinst du?«
»Ich hatte dieses Pulver genommen. Ich hatte es von einem Freund bekommen. Ein Wunderpulver. Er versprach mir die Chance meines Lebens. Zuerst mochte ich ja nicht, aber schließlich konnte ich irgendwann nicht mehr widerstehen, also habe ich es eben doch genommen. Es handelte sich schließlich, so sagte mein Freund, um die Chance meines Lebens. Man will doch die Chance seines Lebens nicht verpassen, oder? Er sagte, ich könne alles verändern, wenn ich nur dieses Pulver nehme. Sein Wunderpulver! Hätte ich es lieber mal nicht getan! Ich kann dir sagen, Anton, ich hatte noch niemals in meinem Leben eine solche Angst. Es war eine Heidenangst. Ich war nicht mehr ich selbst, ich zappelte bloß noch und habe mir alle möglichen Sachen eingebildet. Das ist einem in jenem Moment, wo man so ein Pulver geschluckt hat, aber leider nicht bewusst, da hält man die Dinge für wahr, die man sieht. Selbst wenn die Dinge völlig bestandslos sind, selbst wenn sie irreal und blödsinnig erscheinen, in solchen Stunden, in denen man von so einem Pulver durcheinander ist, da hält man sie für wahr, die Dinge, auch wenn die eigene Schwester, die einen mit einer Axt zu bedrohen scheint, in Wahrheit nur feuchte Tücher in der Hand hält, da man sich vollgekotzt hat, so wie der arme Jupiter. Sie wollte mir den Mund abwischen, mein ekelhaft schwarzes Erbrochenes entfernen. Fürsorglich war meine Schwester, wollte mir helfen, selbst in dieser schlimmen Situation meiner Verwirrung und wie hab ich es ihr gedankt, der armen Ruth? Hab ihr die Axt aus den Händen geschlagen und sie erwürgt, einfach erwürgt.«


Noch keine Antwort vom Vater erhalten.


 


 


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