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Buch Leseprobe Kräuter-Code, Diverse
Diverse

Kräuter-Code


Zehn Kurzgeschichten aus dem schwulen Leben

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C. Dewi


Hunger


- Mate -


 


„Wir haben da eine Auffälligkeit in der Packliste von Container 531252 der Celtic Star.“


Müde hebe ich den Blick und sehe zu Jorge hoch, der mit einem Wust von Papieren vor meinem Schreibtisch steht. Der Großteil meiner Kollegen hat bereits Feierabend gemacht, so kurz vor dem Nationalfeiertag zieht es alle nach Hause. Dieses Jahr fällt er auf einen Freitag, was für die Mehrheit der Chilenen ein langes Wochenende bedeutet. Wahrscheinlich sind die Supermärkte zum Bersten gefüllt mit Leuten, die meinen, sie müssten sich für den atomaren Winter rüsten.
Abwartend sieht mich Jorge an. Ich weiß genau, dass auch er keinen Nerv mehr hat, sich mit der Sache zu befassen. Er will zu seiner Frau und seinem Sohn. Immerhin hat er nun drei Tage frei, der Glückspilz. Ich hingegen werde morgen ganz regulär arbeiten. Der Hafen schläft nicht, weder an Weihnachten noch am 18. September, dem Unabhängigkeitstag.


„Ich kümmere mich drum. Jetzt hau schon ab.“


Mit einem kurzen Rucken meines Kopfes in Richtung Tür unterstreiche ich meine Aussage. Jorge legt die Papiere oben in meinen Ablagekorb, lächelt und klopft mir im Weggehen kurz auf die Schulter.


„Dank dir, Julian. Hast was gut bei mir.“


Ich brumme eine Erwiderung, die er kaum noch mitbekommen dürfte, so schnell macht er sich aus dem Staub. Er ist ein netter Kerl, wenngleich ich mir jedes Mal die Haare raufen könnte, wenn ich das Chaos auf seinem Schreibtisch sehe. Ich ahne, dass ich die Unterlagen, die er mir dagelassen hat, erst einmal von Grund auf werde ordnen müssen, bevor ich durchsteige. Bis ich dazu komme, mich dem Container 53-irgendwas zu widmen, wollen zwei andere Fälle bearbeitet werden. Zum Glück gibt es bei diesen keine Beanstandungen.Ich frage mich immer, was so schwer daran zu verstehen ist, dass keine frischen Lebensmittel, kein Saatgut, kein Obst, kein Gemüse und auch keine tierischen Produkte eingeführt werden dürfen. Die Befürchtungen, dass über solche Dinge bisher in Chile nicht verbreitete Schädlinge und Krankheiten eingeschleppt werden könnten, sind so groß, dass schon vor Jahrzehnten sehr rigide Einfuhrrichtlinien aufgestellt wurden.


Draußen ist es stockfinster, fast alle Lichter im Büro sind aus und nur noch mein alter Computer brummt vor sich hin, als ich mich mit Jorges Fall befasse. Ich runzele die Stirn, während ich die Papiere auseinander fleddere. Der Container kommt aus Deutschland und enthält Umzugsgüter. Auf den ausführlichen Packlisten sind Haushaltsgegenstände, Kleidung, Bücher und einige gebrauchte technische Geräte aufgeführt.


Nach einer Weile entdecke ich, was Jorge gemeint hat. Die Ladung des Containers enthält mehrere Kisten mit Lebensmitteln. Ein Großteil davon unbedenklich, da bereits industriell verarbeitet. Die Deklarierung „Gewürze“ hingegen weckt mein Misstrauen. Gemahlen und verarbeitet dürfen sie eingeführt werden, aber viele Menschen führen in solch einem Fall auch Saaten oder Wurzeln mit ein. Und wer weiß, was sonst noch in den Kartons schlummert; oft ist es unglaublich, was wir in Umzügen entdecken.


Mit einem lauten Gähnen – immerhin ist keiner außer mir mehr da – strecke ich mich und versuche meine verspannten Schultern zu lockern. Mein dunkelgrauer Anzug, Hemd und Krawatte sitzen nicht mehr so korrekt, wie sie es zu Beginn meines Arbeitstages noch taten. Meine Augen brennen. Ich sollte nach Hause gehen, auch, wenn mich in meiner kleinen Bruchbude nichts weiter erwartet als der plärrende Fernseher meiner Nachbarin, den man durch die dünnen Wände hört, als stünde er direkt neben einem.


Ich wohne nicht gerade in einem der besten Stadtviertel Valparaísos, aber es ist allemal besser als die Población, das Elendsviertel, in dem ich aufgewachsen bin. Kein guter Ort, um groß zu werden. Ein noch schlechterer Ort, wenn man der Armut entrinnen will. Ein ganz und gar falscher Ort, wenn man frei sein möchte.


Ich blinzele, denn die Buchstaben auf meinem Monitor verschwimmen. Mit einem Seufzen fahre ich den Rechner herunter und schiebe die Unterlagen zusammen. Dabei fällt mir eine kleine Notiz auf, die in Jorges krakeliger Handschrift auf einen gelben Post-it geschrieben ist. Wie es scheint, hat der Besitzer der Ladung bereits angerufen und sich erkundigt, warum der Container bei uns hängen geblieben ist. Mir schwant Übles ...


Morgen. Damit werde ich mich morgen befassen. Eine Weile starre ich stumpf auf die Notiz, bis ich mich aufraffe und das Büro verlasse. Auf dem Heimweg kreiselt der Name des Besitzers der verdächtigen Containerladung durch mein Hirn. Daniel Romero. Ein seltsamer Name für einen Deutschen.


 


Nicht nur Daniel Romeros Name ist seltsam, wie ich am nächsten Tag feststellen muss. Es ist kurz nach zwölf, als ein Mann das Büro betritt und sich etwas verunsichert umsieht.


Normalerweise arbeiten hier fast 20 Menschen, doch nun sind nur ich und drei weitere Kollegen in dem großen Büro verstreut. María Paz lässt ihr Radio lauter als normal dudeln, irgendein amerikanischer Song scheppert durch den Raum.Ich arbeite seit fast drei Jahren in diesem Büro und habe mich an den alltäglichen Lärm gewöhnt, der damit einhergeht. Wir sitzen dicht an dicht, auf fast allen Tischen stapeln sich Ordner und Papiere, dazwischen finden gerade noch die Tastaturen und Telefone Platz. Heute ist es vergleichsweise ruhig, nur ab und an läutet das Telefon. Ich bin der Eingangstür am nächsten, also kommt der Mann auf mich zu. Wie von einem Gringo nicht anders zu erwarten, ist er recht groß. Schmutzigbraunes Haar fällt ihm ungeordnet in die Stirn.


„Guten Tag, Señor ...“, sein Blick fällt auf das Namensschild, das wackelig an der Kante meines Tisches steht. „... Kaituoe.“ Er hat leichte Schwierigkeiten, meinen Namen korrekt auszusprechen. „Ich bin Daniel Romero. Ich wollte mich nach einem Container erkundigen, der seit einigen Tagen ...“, er zögert, und ich ahne, was er sagen möchte. Die wenigsten Menschen sind begeistert, wenn ihre Sachen im Zoll hängen bleiben, zumal jeder Tag die Kosten für die Miete des Containers in die Höhe treibt.


Er räuspert sich leise, dann fährt er fort: „... der seit einigen Tagen hier ist.“


Sein Akzent ist nicht so grausam, wie ich es von vielen Deutschen kenne; tatsächlich hat seine Stimme einen angenehmen Klang, wenngleich er sehr überlegt spricht. Das erste Mal, seitdem er den Raum betreten hat, hebt er den Blick und sieht mir ins Gesicht. Der Ausdruck in seinen Augen passt nicht zu der Unsicherheit, die er ausstrahlt. Mein Herz setzt aus, ein feines Prickeln streicht auf den Innenseiten meiner Unterarme entlang. Ich sehe ihn an, stumm. Es gibt einen einzigen bewussten Gedanken, der es schafft, meine Starre zu durchdringen: Nicht hier.


 


Ich halte es fern von hier, fern von der Arbeit, fern von fast allen Menschen, die mir etwas bedeuten. Fern von meiner Familie, von meiner Mutter, die einen weiteren Grund hätte, sich Sorgen zu machen und zur Beichte zu rennen. Jeden Tag geht sie in die Kirche, versucht dort wiederzufinden, was ein amerikanischer Tourist ihr nahm, als sie gerade 17 Jahre alt war. Ihre Familie verstieß sie, weil sie sich von einem Kerl schwängern lassen hatte, von dem sie nichts weiter wusste als seinen Vornamen. Noch bevor sie überhaupt ahnte, dass sie mit mir schwanger war, hatte mein Vater die Osterinseln bereits wieder verlassen. Meine Mutter tat es ihm bald gleich. Zu sehr litt sie darunter, ihre Würde verloren zu haben, ihren Stolz und den Respekt ihrer Familie. Obwohl ich auf Rapa Nui zur Welt kam, habe ich keine einzige Erinnerung an die Insel, die meine Heimat sein sollte und deren polynesisches Erbe mir ins Gesicht geschrieben ist.


Ich kann nicht ändern, was meine Gene mir mitgegeben haben. In Chile wird man nach dem Gesicht beurteilt, nach der Farbe der Haut, der Augen und nach der Größe. Je größer und europäischer, desto höher ist die soziale Klasse. Meine Mutter war ein gefallenes Mädchen, als sie mit mir auf dem Festland ankam, eine Chula. Leicht zu haben in den Augen der Quicos, der reichen Spießbürger. Sie ist ihr Leben lang nicht aus der Población hinausgekommen, in der sie mit gerade mal 19 Jahren eine Unterkunft fand. Wer ihr heute ins Gesicht sieht, wird keine Spuren ihrer einstigen Schönheit darin entdecken. Ihre unteren Schneidezähne fehlen, die Lippe scheint über der Höhlung ins Innere zu fallen. Falten haben sich in ihre Haut gegraben, das Gewicht ihrer Kinder hat ihren Rücken gebeugt. Mit 45 Jahren wirkt sie wie eine alte Frau.


Seitdem ich ein kleiner Junge war, möchte ich entkommen. Ich will ihren traurigen Blicken entfliehen, der Beengtheit der hellblau gestrichenen Hütte, in der ich zusammen mit meinen Geschwistern aufwuchs, dem bitteren Geschmack des Matetees, den es bereits am Morgen gab, weil er den Hunger unterdrückt. Ich habe hart für meine Flucht gearbeitet. Nur meine Schwester Camila hat ebenfalls den Sprung aus der Población heraus geschafft und lebt mit ihrem Mann in Santiago. Und obwohl ich einen Job habe, der mir eine eigene kleine Wohnung sichert, fühle ich mich oft ohnmächtig. Ich kann nicht so sein, wie ich es gerne wäre. Ich habe keine Frau und keine Schar Kinder, den Beweis der Normalität, auf den sich selbst Arm und Reich einigen können. Ich kann nicht. Denn ich kann schweigen, aber ich will nicht lügen.


 


Der Blick, mit dem mich Daniel Romero aus seinen grünen Augen bedenkt, scheint mir die Wahrheit aus dem Leib zu prügeln. Aufmerksam, wach, und nun, da ich ihn stumm anstarre, taucht eine Spur Verwirrung darin auf. Mühsam nehme ich mich zusammen, beherrsche mich, um mich nicht nach meinen Kollegen umzusehen. Haben sie etwas bemerkt? Ich spüre die Angst in meinem Nacken sitzen, vertraut. Ein bitterer Geschmack auf meiner Zunge, eine Erinnerung an Kindertage.


Nicht hier.


Ich überprüfe seine Personalien sowie seine Adresse und erkläre ihm die formalen Hintergründe, die zum Aufenthalt seines Containers auf dem Zollgelände führen. Ich meide seinen Blick. Dafür fällt mir der hellbraune Leberfleck auf, der neben seinem rechten Mundwinkel sitzt. Meine Fingerspitzen kribbeln. Während meiner Erläuterungen beugt er sich nach vorne, lehnt sich über meinen Schreibtisch. Ich kann ihn riechen, es ist ein würziger Duft. Mein Magen zieht sich schmerzhaft zusammen. Ich weiche in meinem Stuhl zurück, versuche, so viel Distanz zwischen uns zu bringen, wie möglich ist, ohne Aufmerksamkeit zu erregen.


„Bitte.“ Der eindringliche Ton, in dem er spricht, zwingt mich nun doch, ihn offen anzusehen. „Es handelt sich um Lebensmittel, die den Richtlinien entsprechen, die im Internet zu finden sind.“


„Wir werden den Container öffnen und uns selbst ein Bild verschaffen“, erwidere ich förmlich. Ich blättere durch die Papiere, als würde ich nach einer Information suchen. Dabei könnte ein Obduktionsbericht auf Latein vor mir liegen, ich würde es in diesem Moment kaum bemerken.


„Es kann auch sein, dass wir den Container begasen müssen, denn laut den Papieren ist das in Hamburg nicht erfolgt, oder?“


Romero, wie ich ihn in Gedanken nenne, rutscht auf seinem Stuhl umher: „Nein, man sagte mir, das wäre nicht notwendig.“


Nun kann ich Ärger in seiner Stimme ausmachen, und tatsächlich, er wirkt etwas ungehalten. Mein Blick bleibt zu lange an seinen Augen hängen; gerade die Zeitspanne, die die Gänsehaut braucht, um einmal über meinen Körper zu kriechen.


„Kann ich dabei sein, wenn Sie den Container öffnen?“


Ich überlege kurz, dann nicke ich. Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn der Besitzer bei der Untersuchung anwesend ist.


„Wann?“


Fordernd sieht er mich an, und ich kann mir nicht helfen, mich an andere Gespräche erinnert zu fühlen. Ein heiseres Flüstern in einem Hauseingang, drängend. Schnelle Berührungen in einem schäbigen Zimmer, der Geruch von gebratenen Zwiebeln in der Luft.Es gibt Kneipen, in denen man sich treffen kann, eine Handvoll Clubs, die ich aber nur selten besuche. Ich habe mich arrangiert. Ich habe Claudio, der mich manchmal kratzt, wenn es mich zu sehr juckt. Ich weiß, dass es auch anders geht. Ich sehe die Gesichter der Männer in den Clubs, glänzend vor Schweiß, im Rausch von Testosteron, glücklich. Zwei Männer, die miteinander die Straße hinunter gehen, Hand in Hand, sehe ich hingegen nie.


Wieder brauche ich zu lange für meine Antwort, denn Romeros Blick und seine Stimme schicken meine Gedanken auf Reisen und lassen meine Fantasie Amok laufen. Er und ich, allein in diesem Büro, alle Lichter erloschen, nur noch die Geräusche des Hafens. Dies und sein Geruch. Wieder zieht sich mein Magen zusammen. Es ist ein nagendes Gefühl. Wie Hunger. Hunger, drei Tage alt, in Schach gehalten vom bitteren Matetee und ein wenig Maismehl, in Wasser eingeweicht. Ich schlucke trocken.


„Heute ist Feiertag. Wir werden den Container frühestens Montag öffnen, wohlmöglich aber auch erst Mitte der Woche.“


Romero schüttelt den Kopf. „Bitte, das geht nicht.“ Er zögert, dann sucht er meinen Blick. Weiß er, was er damit anrichtet? Manipulatives Arschloch. „Ich kann es mir nicht leisten, den Container weitere drei bis fünf Tage herumstehen zu lassen.“


Ich ziehe eine Augenbraue empor.


Wer sich einen Umzugscontainer aus Deutschland leisten kann, für den dürften die paar Tage doch nicht ins Gewicht fallen, oder?


Erst, als Romero blass wird und die Lippen aufeinander presst, fällt mir auf, dass ich diesen Gedanken ausgesprochen habe. Im selben Moment tut es mir leid. Es ist nicht angebracht, und wäre mein Chef hier, würde er mich dafür zusammenfalten. Ich setze gerade zu einer Entschuldigung an, da fällt er mir ins Wort.


„Doch, jeder Tag mehr ist ein Tag zu viel. Der Umzug ist knapp kalkuliert, und ich bekomme allmählich Probleme“.


Sein Gesicht ist ernst, und ich frage mich, wie alt er ist. Zu Beginn unseres Gesprächs hätte ich ihn auf Mitte zwanzig geschätzt, aber nun bin ich mir nicht mehr sicher. Da ist ein harter Zug um seinen Mund, der ihn auf einmal älter wirken lässt. Ich hebe bedauernd die Schultern, doch auch dieses Mal unterbricht er mich, bevor mir eine Floskel entkommen kann.


„Bitte.“ Er legt den Kopf leicht schief. „Könnten wir den Container nicht heute öffnen?“


Er spricht zu leise. So leise, dass ich mich doch zu ihm beuge, meine Ellenbogen auf die Tischplatte gestützt. Wie zwei Schuljungen, die ein Geheimnis teilen, stecken wir die Köpfe zusammen. Wie ein Junge fühle ich mich jetzt, verunsichert – und gleichzeitig unverwundbar, verwegen.Wenn ich mich noch etwas weiter vorbeugen würde, könnte ich seinen Atem spüren. So aber nehme ich Romeros Geruch wahr, ganz deutlich, es ist keine Einbildung. Er hüllt mich darin ein. Ein Sonntagsduft. Ein Geruch der guten Jahre, in denen meine Mutter Arbeit hatte und im gusseisernen Herd vor der Hütte das Brot buk, knusprig und warm. Jahre, in denen die Mateblätter in der Blechdose zu grauem Staub zerbröselten. Das Grün seiner Augen ist ein Garten, angefüllt mit der Hitze eines Sommertages. Der Garten, der Nahuels Großmutter gehörte, weit oben auf den Hügeln, dort, wo die letzten Ausläufer der Población in den Pinienwald übergehen. Man kann dort fast vergessen, dass sich unter einem ein Meer aus Hütten und Häusern erstreckt. Ich habe es damals getan, für einen Augenblick, zwischen Gemüse- und Kartoffelbeet, die Haut salzig vor Schweiß. Auch Nahuels Lippen schmeckten salzig an diesem Tag ... bis zu dem Moment, da wir auseinander schraken.


Nicht hier.


Ich ziehe mich so schnell zurück, dass es Romero auffallen muss. Ihm und meinen Kollegen. Diesmal kann ich nicht umhin, mich umzusehen. Miguel und Andrey sind beschäftigt, allein María Paz sieht neugierig hinüber.Verdammt! Ich muss Romero hier raus befördern, zu sehr und vor allem zu offensichtlich verunsichert er mich. Meine Gedanken rasen. Genervt schüttele ich den Kopf.


„Wir arbeiten wegen des Feiertags heute in Unterzahl, das betrifft auch die Kontrolleure der Container.“


Er bleibt stumm, schürzt die Lippen. Mir wird warm. Dann nickt er schließlich.


„Gut.“


Seinem Tonfall entnehme ich, dass gar nichts gut ist.


„Wenn der Container begast werden muss, kommen weitere Kosten auf Sie zu“, kläre ich ihn auf.


„Wie viel?“, knurrt er mehr, als er fragt.


„Etwa vierhunderttausend Peso. Die Miete für den Container und die Stellgebühren nicht eingerechnet.“ Das ist mehr als die Hälfte meines monatlichen Einkommens.


Er scheint die Summe im Kopf zu überschlagen, dann werden seine Augen groß. „Das sind fast siebenhundert Euro!“ Er schüttelt den Kopf, dann flucht er, allerdings auf Deutsch, was ich leider nicht verstehen kann. Sein Ausbruch dauert nicht lange, dann hat er sich wieder im Griff.


„Danke für die Auskunft.“ Mit diesem Satz erhebt er sich und bedenkt mich mit einem letzten kühlen Blick.


„Warten Sie.“


Was zum Teufel tue ich da? Meine Handflächen werden feucht.


„Setzen Sie sich“, weise ich ihn recht barsch an.


Ich greife zum Telefon und wähle Ricardos Nummer. Es dauert ewig, bis er abnimmt. Ich sehe bewusst auf die Unterlagen, schnappe mir einen Kugelschreiber, den ich nutzlos zwischen meinen Fingern herumrolle. Ein kurzes Gespräch mit dem Vorarbeiter der Kontrolleure bestätigt mir, was ich längst weiß: Die Jungs sind mitten in der Kontrolle der Fracht der Chinese Dream, eines großen Containerschiffs, das seit gestern entladen wird. Ein Blick zu Romero zeigt, dass auch er aus dem kurzen Wortwechsel die richtigen Schlüsse zieht. Er sieht frustriert aus.


Während Ricardo sich von mir verabschiedet, kommt mir ein Gedanke, von dem ich nicht weiß, ob er absolut töricht ist. Denn ich bin mir der neugierigen Blicke von María Paz sehr wohl bewusst. Ich will kein Gerede auf der Arbeit. Und ich will diese Beförderung, die mir mein Chef mit Sicherheit nicht geben wird, wenn Gerüchte die Runde machen. Ich habe fast vier Jahre auf dem Gelände gearbeitet und die Container überprüft. Zuerst nur als Handlanger an den Wochenenden, dann als Angestellter. Ich kenne das Prozedere in und auswendig, immer noch. Heute bewege ich meinen Hintern nur noch aus dem Büro, wenn kritische Überprüfungen anstehen. Das hier ist ein kleiner Fisch.


„Kommen Sie mit“, knurre ich den verblüfften Deutschen an, erhebe mich und stopfe die Unterlagen in eine Mappe, damit sie mir draußen nicht davon wehen.


 


Sobald wir das Büro verlassen haben und mir die salzige Luft des Hafens entgegen schlägt, fühle ich mich besser. Ich liebe diesen Geruch, die Mischung aus Meer, Maschinenöl und rostigem Stahl. Am liebsten würde ich meine Krawatte lösen und das Jackett loswerden. Es ist Frühling und tagsüber wird es inzwischen richtig warm. Der August war noch typisch kalt und verregnet, aber bald schon werden die Strände bevölkert sein und ein Bad im kalten Pazifik mehr als willkommen. Eine Windbö pfeift zwischen den Gebäuden hindurch und zaust mir eine Strähne meines Haares aus dem Zopfgummi. Fahrig streiche ich sie mir aus der Stirn und fühle mich dabei beobachtet.


Als ich von Zuhause fortging, die ängstlichen und mahnenden Worte meiner Mutter in den Ohren, schnitt ich mir die Haare ab. So wenig wie möglich sollte auf die Elendssiedlung hindeuten, die ich hinter mir ließ. Ich sperrte die Ohren auf, versuchte mir den Singsang der Reichen anzugewöhnen, tilgte den verwaschenen und zuweilen verschrobenen Slang meiner Jugend. Aber mit den Jahren hat sich mein Erbe zurück geschlichen. Ich ließ die Haare wieder wachsen. Wenn ich getrunken habe oder aufgeregt bin, entschlüpfen mir Worte, die nur die Armen in den Mund nehmen. Auch der Mate hat seinen Weg in meine Küchenzeile gefunden. Manchmal, nachts, wenn der Hunger zu schlimm wird, wenn mein Körper nach Berührung schreit, nach Moschus und Hitze, vor allem aber nach einem Lächeln am Morgen, dann stehe ich auf und bereite ihn zu. Langsam und bedächtig, wie ich es gelehrt wurde. Der bittere Geschmack erinnert mich daran, dass man Hunger ertragen kann, ihn so lange trotzig ignorieren, bis man ihn fast vergisst. Aber der Hunger ist ein hinterhältiges Biest. Irgendwann erwischt er einen unvorbereitet, just in dem Moment, in dem der Schild aus Bitterkeit fehlt.


Ich werfe Romero im Gehen einen Blick zu. Er hat ein ausgeprägtes Kinn, sein Adamsapfel steht etwas hervor. Er bemerkt, dass ich ihn ansehe, und lächelt mich fragend an.


„Was verschlägt Sie nach Chile?“


Hier draußen kann ich das, Fragen stellen. Neugierig sein. Ich weiß, dass die Jungs am anderen Ende des Geländes arbeiten. Auf dem Weg zu Romeros Container müssen wir in der Halle vorbei, um einen Bolzenschneider zu besorgen. Ich merke, dass ihn meine Frage erstaunt, nachdem ich ihn im Büro so schroff behandelt habe. Ein paar Schritte lang ist er still, dann beginnt er zu sprechen.


„Ich wollte immer nach Valparaíso zurück. Als Jugendlicher habe ich einige Jahre hier verbracht, mein Vater hat an der Deutschen Schule unterrichtet.“


„Die auf dem Cerro Concepción?“


Er lächelt versonnen. „Genau die. Kennst du die Schule?“


Als ob jemand wie ich eine private Schule von innen gesehen hätte. Ich verbrachte meine Schulzeit mit vierzig anderen Kindern in einem Raum, in dem es nach Abwasser roch.


Ich schüttele stumm den Kopf, kämpfe die aufsteigende Wut hinab. Er kann nichts für unser Bildungssystem. Früher habe ich oft davon geträumt, zu studieren. Ich habe den Studenten nachgesehen, wenn sie mit Farbe und Schlimmeren beschmiert ohne Schuhe über die Straße liefen, am ersten Tag an ihrer Uni willkommen geheißen von den älteren Studenten. Verrückt und frei. Die Männer mit langen Haaren und zotteligen Bärten, eine trotzige Reaktion gegen das glatt rasierte Establishment. Meine Mutter konnte gerade das Geld für eine technische Schule aufbringen. Heute bin ich es, der für Gabriels Schule bezahlt, damit auch mein kleiner Bruder irgendwann da raus kommt. Wenn der Kindskopf die Finger von den Drogen lässt.


Erst nach einigen Sekunden des Schweigens fällt mir auf, dass Romero mich geduzt hat. Das Wissen beschert mir ein Flattern in der Magengegend. Unkontrolliert.


„Und was haben Sie jetzt vor? Arbeiten Sie für eine deutsche Firma?“


„Nein.“ Er schiebt seine Hände in die Hosentaschen, scheint nach den richtigen Worten zu suchen. „Ich wollte weg aus Deutschland, und ein alter Schulfreund von mir hat dieses Hostel ... ich kann dort arbeiten ...“


„Was haben Sie in Deutschland gemacht?“


„Ich bin Koch, naja, fast zumindest. Ich habe meine Ausbildung geschmissen. Ziemlich bescheuert, kurz vor dem Abschluss. Die vergangenen Jahre habe ich mich mit Aushilfsjobs durchgeschlagen.“ Er zuckt mit den Schultern, sieht mich an, als würde er sich schämen.


Ich kann damit nicht umgehen. Er soll mir keine Seite zeigen, die nicht zum Bild des erfolgreichen Ausländers passt. Denn bis auf die Peruaner und die Bolivianer, allesamt arme Schweine, sind Ausländer vor allem das: erfolgreich. Zumindest sehen sie danach aus, und ich vermute, wer in Chile keinen Erfolg hat, der verschwindet einfach wieder. Ich brumme etwas Unverständliches, das er, wenn er möchte, als Anteilnahme deuten kann.


Wir betreten die Halle, in der Werkzeuge gelagert werden und in der die Aufenthaltsräume der Kontrolleure sind. Drei Zwinger beherbergen tagsüber die Spürhunde. Wir werden mit lautem Gebell empfangen; Chimichurri, einer der dienstältesten Hunde, schlägt an.


„Ja, Alte, beruhig dich wieder.“


Ich gehe zum Zwinger und halte meine Hand an den Maschendraht. Es riecht etwas streng; als ich noch hier gearbeitet habe, ist mir das irgendwann nicht mehr aufgefallen. Chimichurri fiept freudig und leckt mir über den Handrücken. Bis vor drei Jahren waren die Golden Retriever-Dame und ich ein Team, aber nun hat Pavel meine Rolle übernommen.


Vom Gebell des Hundes aufgeschreckt, kommt er aus dem Aufenthaltsraum. Eine Wolke aus Zigarettenqualm umgibt ihn. Interessiert mustert er den Gringo an meiner Seite. Ich erläutere ihm den Sachverhalt. Wir haben Glück, dass einer der Hunde nicht bei der Ladung der „Chinese Dream“ eingesetzt wird. Damit können wir die Untersuchung von Romeros Container deutlich beschleunigen. Pavel wirkt allerdings alles andere als begeistert, bei seiner Pause gestört zu werden. Mir gefällt der abschätzige Blick nicht, mit dem er zwischen Romero und mir hin und her sieht. Ja, es ist ungewöhnlich, dass ich hier draußen bin, und dann auch noch wegen solch einer Lappalie. Als ich anbiete, Chimichurri bei der Untersuchung selbst zu führen, sodass Pavel seine Pause nicht unterbrechen muss, bessert sich seine Laune sichtlich.


 


Bepackt mit den Unterlagen, der Ausrüstung des Hundes, einer Taschenlampe, dem Bolzenschneider und begleitet von einer freudig hechelnden Chimichurri machen wir uns auf den Weg zum Container. Er steht etwas abseits, der Rest der Ladung der Celtic Star wurde größtenteils schon auf LKWs abtransportiert.


Als ich Romero wortlos die Mappe mit den Dokumenten in die Hand drücke, streifen sich unsere Finger. Nervös ziehe ich meine Hand zurück. Er ist zu nah. Ich sehe hoch, mitten in seine Augen. Gerade jetzt erscheint ein Kranz aus Lachfältchen um sie herum. Romero ist ganz anders als Nahuel, anders als alle Männer. Ich verstehe nicht, warum er mich so aus der Fassung bringt. Ich stehe nicht auf Exotik. Ich muss mich nicht darüber profilieren, dass ich mit einem Gringo ... Ich dränge die Bilder, die mein Hirn fluten, rigoros zurück.


Nicht hier.


Chimichurri an meiner Seite winselt ungeduldig und scharrt an der Tür des Containers. Manchmal bin ich meiner alten Partnerin einfach nur dankbar. Ich setze den Bolzenschneider an und durchbreche die Versieglung. Mit einem lauten Klirren schlägt der Bolzen auf dem Asphalt auf. Vorsichtig öffne ich die Türen. Ein Gewirr von Kartons und Möbeln stapelt sich übereinander – typisch für private Umzüge. Es ist ein kleiner 20-Fuß-Container, und nicht einmal dieser ist zur Gänze gefüllt. Chimichurri bellt freudig, als ich die Leine löse. Agil klettert sie über die Kartons, findet Lücken und pirscht sich hindurch. Romero gibt mir die Dokumentenmappe zurück, und ich achte darauf, ihn nicht zu berühren.


„Hast du die Ladung selbst gestaut?“, frage ich ihn und bin mir sehr bewusst, dass ich nun auch zum Du übergegangen bin. Das Wissen um diesen kleinen Grenzübertritt beschert mir ein flaues Gefühl.


„Sicher, alles andere hätte ich mir nicht leisten können. Ich hoffe nur, meine Möbel sind in den sieben Wochen auf See nicht zu Sägemehl zerrieben worden.“


Er grinst schief. Ich kann nicht anders, als zurückzulächeln. Mein Magen zieht sich zusammen. Verdammt.


„Dann kannst du mir sicher sagen, wo du die Kisten ... hm ...“, ich blättere durch die Packliste, „... 23 bis 27 und 32 verstaut hast.“


Er schüttelt den Kopf und zieht die rechte Schulter empor. „Nein, ich habe keine Ahnung.“


„Dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als den halben Container auszuräumen.“Ich knöpfe das Jackett meines Anzugs auf, ziehe es aus und hänge es kurz entschlossen an den Türhebel. Als ich den ersten Karton hervorzerre, ist Romero plötzlich an meiner Seite und hilft mir.


„Lass das!“, fahre ich ihn an. Verdutzt setzt er zu einer Entschuldigung an, doch ich unterbreche ihn mit einer beschwichtigenden Geste. „Du darfst nicht an die Ladung. Das ist gegen die Verordnung.“


Er hebt die Hände, ganz so, als hätte ich ihm eine Knarre auf die Brust gesetzt und tritt einen Schritt zurück. Sein Anblick treibt eine Welle von Bitterkeit durch mich hindurch. Es tut mir leid, dass ich ihn angeschnauzt habe, aber ... es ist besser so.


Während der Hund im Container umherschnüffelt, prüfe ich die Liste und mache Stichproben aus dem vorderen Bereich. Die Kartons sind nicht mit Klebeband verschlossen und lassen sich mit wenigen Handgriffen öffnen. Der Inhalt stimmt mit der Packliste überein: Bücher, CDs, Bettwäsche, ein Karton mit Geschirr. Romero steht neben mir, die Arme vor der Brust verschränkt. Als ich im nächsten Karton unter die oben aufliegende Wäsche greife, ertasten meine Finger etwas Hartes, Längliches. Meine Verblüffung muss mir ins Gesicht geschrieben sein, denn Romeros Grinsen wird breiter und auch etwas anzüglich.


„Hast du noch mehr von den Dingern da drin?“, frage ich und halte den Plug hoch. In der Packliste ist das Spielzeug natürlich nicht aufgeführt.


„Nur so zwei oder drei ...“


Seine Ohren schimmern nun doch leicht rosa, sodass ich wenigstens nicht der Einzige bin, dem das hier verdammt peinlich ist. Ob der kleine Adrenalinstoß, der durch meinen Körper tanzt, damit zu tun hat, ist allerdings fraglich. Ich ziehe die Brauen zusammen, und schiebe den Plug zurück in den Karton. Eine Flut von Bildern wirbelt durch mein Gehirn. Romero, den Kopf in den Nacken gelegt, sein Adamsapfel steht weit hervor, Schweiß perlt auf seiner Oberlippe. Seine rechte Hand umschließt seinen Schaft, streicht hinunter zu den Hoden, umfängt sie. Den Fuß des Plugs kann man zwischen seinen Arschbacken gerade noch ausmachen. Ich beiße die Zähne zusammen und zerre ungehalten an einem Karton, um den Weg zu einigen Möbelstücken freizulegen. In diesem Moment schlägt Chimichurri an.


„Scheint so, als müsste ich nicht länger nach den Kartons suchen.“ Ich versuche ein Lächeln, doch es will mir nicht wirklich gelingen. Romero erwidert es nur halbherzig.


Ich recke den Hals, um zu sehen, wo der Hund die Kiste entdeckt hat. Von hier vorne im Eingang ist die Nummer des Kartons nicht zu erkennen, er befindet sich zwar im vorderen Drittel, ist aber zugestellt. Ich schnappe meine Taschenlampe und klettere über ein mit einem Teppich abgedecktes Möbelstück, wahrscheinlich eine Kommode. Es ist eine etwas wackelige Angelegenheit, ich liege halb über einem Karton, dessen Kante mir unangenehm in den Bauch drückt. Ich rufe Chimichurri zu mir und belohne sie, dann schicke ich sie raus. Ich leuchte den Karton an, den sie mir angezeigt hat.


Ein Kribbeln kriecht durch mich hindurch, nur diesmal ist es kalt und unangenehm. Ich wünschte mir, es wäre ausgeblieben. Als ich wieder ins Tageslicht komme, greife ich mir wortlos die Packliste.


„Packstück 47 – Wäsche, Badartikel.“ Ich mustere den Gringo kühl und kann genau erkennen, wie seine Anspannung wächst. „Was ist wirklich in dem Karton, Romero?“


Zunächst versucht Romero noch, möglichst unverfänglich und verwirrt aus der Wäsche zu gucken.


„Ich bin zu lange im Geschäft, als dass ich dir die Unschuldsnummer abkaufe“, knurre ich ihn an.


Ich bin es gewohnt, belogen zu werden. Es gehört zu meinem Job, den richtigen Riecher zu entwickeln, wer Dinge ins Land schmuggeln will, und vor allem wie und wo er sie schmuggeln will. Ich nehme es den Leuten nicht übel, dies ist das Spiel. Beide Seiten kennen die Regeln. Aber jetzt bin ich wütend. Romero hat mich von Anfang an verarscht. Er hat gewittert, dass ich ihn anziehend finde. Er hat es ausgenutzt, hat mit mir gespielt. Ein anderes Spiel. Zu gefährlich, als dass ich es freiwillig hier spielen würde.


Ich sehe ihm in die Augen, unnachgiebig. Denn das ist kein Flirt mehr. Meine Unsicherheit fällt von mir ab, wird davongetragen von Wut und ja, auch Enttäuschung.


Er atmet hörbar aus, seine Schultern sacken etwas herab. Mit einem Mal sieht er klein aus.


„Es sind Samen.“


„Du meinst Saatgut?“, frage ich erstaunt. „Drogen?“


„Nein, keine Drogen.“ Er klingt resigniert, dann schüttelt er ärgerlich den Kopf, als er meinen zweifelnden Blick bemerkt. „Das ist die Wahrheit!“


„Ich denke, du verstehst, dass ich da so meine Zweifel habe.“


Er stopft seine Hände tief in die Taschen seiner Jeans, scharrt mit einem Fuß über den Asphalt.


„Die Geschichte mit meinem Job in dem Hostel ... es ist etwas mehr als ein Aushilfsjob. Und es ist auch eher ein Hotel als ein Hostel. Ich kann dort die Küche übernehmen. So eine Chance bekomme ich nie wieder, schon gar nicht in Deutschland, wo ich ohne Ausbildungsabschluss am Arsch bin. Dabei bin ich gut, kein Sternekoch, aber gut. Ich habe zwei Jahre mit einem Inder zusammengearbeitet, er hat mir viel beigebracht. Ich kann dort meine ganz eigene Sache aufmachen, Fusion-Küche, schon mal gehört?" Seine Mimik wird nun lebendig, er zieht die Hände aus den Hosentaschen und gestikuliert. „Das ist eine Mischung aus ganz verschiedenen Kochstilen, das gibt es bisher in Valparaíso nicht. Ich will Produkte nutzen, Pflanzen, Gemüse, Kräuter, die hier in Chile fast in Vergessenheit geraten sind. Aber nicht allein, sondern ich will das mit anderen Elementen und Einflüssen mischen, französische Küche, indische, asiatische." Er stockt, blickt mich direkt an. „Aber viele der Dinge, die ich dafür brauche, gibt es hier nicht, oder sie sind verdammt teuer.“


Ich habe keine Ahnung, von was er redet, aber eines erkenne ich genau: Er hat Angst. Angst, seine Chance verspielt zu haben.


„Und wozu brauchst du das Saatgut?"


Er zieht die Brauen zusammen, sodass sich seine Stirn in Falten legt. „Weil ich mir nicht alle Nase lang ein Paket mit Gewürzen und Kräutern schicken lassen kann, abgesehen davon, dass sie im Zoll hängen bleiben und auch nicht frisch sind.“


„Du willst das Zeug anbauen.“


Er nickt stumm, beißt sich auf die Unterlippe. Scheiße, verdammt, er soll aufhören, so ... so auszusehen. Er dämmt meine Wut ein.


Wortlos wende ich mich dem Inhalt des Containers zu und beginne, den Weg zum Karton Nummer 47 freizuräumen. Meine Gedanken wirbeln umher, aufgekocht mit unerwünschten Gefühlen. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man eine Chance bekommt. Und ebenso weiß ich, wie der Magen und das Herz absacken, einen in einen schwarzen, bodenlosen Schlund reißen, taumelnd, in dem Moment, da man seine Chance verloren glaubt.


Die Stimme meiner Kollegin klang ungläubig an jenem Abend vor zwei Jahren: „Julian?“


Sie wurde fast verschluckt vom Regen, der auf die Blechdächer prasselte, sich sammelte und die Straßen in gurgelnden Bächen hinab sprang. Ein warmer Körper an meinem, Feuchtigkeit, Atem. Ein betrunkener Kuss, leichtsinnig. Fatal.Die darauf folgende Nacht verbrachte ich schlaflos. Es hätte des Matetees nicht bedurft, um mich an mein Versagen zu erinnern. Ich tigerte in dem Zimmer auf und ab, das ich damals bewohnte. Der Gang zur Arbeit war eine Tortur. Ich dachte, ich würde meinen Job verlieren, würde zurückkehren müssen in die Población mit ihren schlammigen Straßen. Der gefallene Sohn einer gefallenen Tochter. Gerede, Getuschel, Anfeindungen. Maricón – Schwuchtel. Doch nichts geschah. Die Kollegin schwieg.


Ich habe heute noch Angst vor ihr.


Ich bin verschwitzt, als ich endlich zum Karton durchkomme. Mit einem Schnaufen hole ich ihn heraus und öffne ihn im Tageslicht. Chimichurri drängt heran und möchte ihre Nase am liebsten in den Fund drücken, doch ich halte sie mit einem kurzen Befehl davon ab. Sie spürt meine unterdrückte Wut, meine Hilflosigkeit. Mit einem leisen Fiepen zieht sie sich zurück. Der Karton enthält Päckchen, die in transparentes Plastik eingeschweißt sind. In den Päckchen befinden sich Tüten mit Samen. Obwohl ich die deutschen Bezeichnungen nicht lesen kann, machen die Tütchen den gleichen Eindruck wie diejenigen mit Saatgut, die man hier im Baumarkt oder Gartencenter erwerben kann. Was nicht heißt, dass die Dinger echt sind. Verdammte Scheiße. Das könnten Drogen sein oder irgendein anderer Dreck. Spätestens jetzt wäre der Zeitpunkt, Verstärkung zu rufen. Das Prozedere in diesem Punkt ist eindeutig. Wir müssen den Container filzen, und zwar komplett.


Ich werfe Romero einen Blick zu, den er nicht bemerkt. Er ist blass und schaut abwesend auf die Kartons, die sich vor dem Container türmen. Er kann sich auf ein saftiges Bußgeld gefasst machen und auf eine Anzeige. Je nachdem, was wir noch im Container finden, kann ihn sein lächerlicher Schmuggelversuch mehrere Millionen Peso kosten. Geld, das er nicht besitzt. Außerdem vermute ich, dass ihm seine Arbeitserlaubnis postwendend wieder entzogen wird. Seine Zukunft in Chile kann er sich von der Backe putzen.


Mein Magen zieht sich schmerzhaft zusammen. Verdammte Scheiße. Dieser gottverdammte Idiot. Ein dummer Idiot, aber kein Verbrecher. Ich glaube nicht, dass er mich gerade anlügt. Er ist sich der Tragweite meiner Entdeckung nicht bewusst, und hätte er Drogen eingeschmuggelt, hätte er schon längst Fersengeld gegeben oder wäre jetzt sehr viel nervöser. Nein, Daniel Romero ist einfach nur dumm und naiv.


Ich ziehe mein Handy aus der Hosentasche. Ich muss Ricardo anrufen und auch Andrey. Jetzt.


Ich bemerke, dass Romero mich ansieht. Unsere Blicke begegnen sich. Grün, vermengt mit grau. Es regnet im Sommergarten. Ich denke nicht nach, obwohl ich vor lauter Gedanken nicht ein noch aus weiß. Es ist nur ein Gefühl. Es wird immer stärker. Es stemmt sich gegen alles. Gegen mein Pflichtgefühl. Gegen meinen Ehrgeiz. Gegen meine Angst. Was ich gleich tun werde, kann mich meinen Job kosten und mich in den Knast bringen.


Ich trete nah an ihn heran, so nah, dass ich seinen Atem im Gesicht spüren kann. Warm. Prüfend mustere ich ihn. Ich kann die Bitte in seinen Augen erkennen. Vielleicht ist er doch nicht so naiv, wie ich dachte. Wohlmöglich hat er nur ein gutes Pokerface und manipuliert mich gekonnt. Mein Herz schlägt hart gegen meine Rippen. Adrenalin, seiner Nähe und meinem Irrsinn geschuldet. Meine Lippen prickeln.


Nicht hier.


Das letzte Körnchen Verstand. Ich klammere mich daran fest, weiche vor ihm zurück. Seine Verunsicherung ist ihm ins Gesicht geschrieben. Großer Mann, so schwach. Ohne ein Wort schließe ich den Karton, räume ihn an seinen Platz zurück. Meine Schultern schmerzen, als ich einen Karton mit Büchern darauf wuchte. Ich trage einen weiteren Karton hinein, stelle ihn vor Nummer 47.


Auf einmal ist er hinter mir. Drei Schritte, der Stahlboden vibriert leicht.


„Warum tust du das?“, raunt er leise.


Ich kann Romeros Atem im Nacken spüren, drehe mich langsam um. Er ist mehr als einen halben Kopf größer als ich. Ich muss das Kinn heben, um ihm in die Augen zu blicken, wenn er so nah bei mir ist. Sein Geruch vermengt sich mit dem von Staub und Karton. Ich hebe die Hand, grabe sie in den Kragen seines Shirts. Seine Lippen öffnen sich erstaunt, er möchte etwas sagen, doch ich lasse es nicht zu. Ich küsse ihn. Wütend und grob. Er gibt einen erstickten Laut von sich, nun ist er es, der zurückweichen will. Ein kräftiger Ruck an seinem Shirt, ein Knurren, meine andere Hand legt sich in seinen Nacken. Warm, etwas verschwitzt. Ich suche seinen Haaransatz, kralle mich hinein.


Hunger, der zu Gier wird. Hunger, der alles beherrscht. Hunger, zu lange eingesperrt, er bricht frei, am falschen Ort, zur falschen Zeit.


Hier. Jetzt.


Als Jugendlicher war ich einige Male bei illegalen Hundekämpfen. Gemeinsam mit Nahuel und seinem älteren Bruder Marcelo. Ich habe mich gefürchtet. Es war laut. Die schreienden Männer, das Bellen und Knurren der Hunde, das durchdringende Jaulen des Verlierers, wenn der kräftige Kiefer des Gewinners zuschnappt, reißt und zerrt. Und obwohl ich Angst hatte, bin ich immer wieder hingegangen. Konnte die Augen nicht schließen.


Auch jetzt kann ich es nicht. Denn dies hier ist mehr ein Kampf als ein Kuss. Romero ist zum Angriff übergegangen, drängt sich gegen mich. Eine Hand in meinem Kreuz, die andere an meinem Hinterkopf, unnachgiebig. Wie zwei wütende Hunde ineinander verbissen.


Wir atmen heftig, als wir uns voneinander lösen. Es fällt mir schwer. Ich bin hart. Ich brauche Reibung. Gewicht. Geschmack. Übervoll. Salzig und warm. Einsaugen, trinken, reißen, verschlingen.


Mein Hunger muss mir ins Gesicht geschrieben sein, denn er schenkt mir ein raubtierhaftes Lächeln. Dann wendet er sich ab, geht zum Eingang des Containers. Die harte Grenze zwischen Licht und Schatten streift über seinen Körper. Die Realität hat ihn wieder. Und mir, mir bleibt die Angst und ein bitterer Geschmack, der sich auf meiner Zunge ausbreitet. Ich balle die Hände zu Fäusten, atme zittrig aus.


Als ich wenige Momente später nach draußen trete, sehe ich, wie Romero langsam davon schlendert. Er geht nicht beschwingt, sondern ... gedankenlos. Wie jemand, der etwas hinterher schmeckt, den Blick nach innen gerichtet, konzentriert auf die letzten Spuren des Geschmacks, der sich flüchtig davonstiehlt. Ich beiße die Zähne fest zusammen, bis es schmerzt. Enttäuschung schmeckt bitter, bitter wie Verzicht. Wut ist scharf und Lust salzig.


„Julian!“


Ich schrecke bei seinem Ausruf zusammen. Er hat sich zu mir umgedreht, geht langsam rückwärts, die Hände in den Taschen vergraben.


„Treffen wir uns morgen bei mir auf einen Kaffee?“ Er grinst, bevor er nachsetzt: „Die Adresse hast du ja.“


Mein Herzschlag setzt aus. Ich weiß nicht, was mich mehr entsetzt: dass er mich überhaupt fragt, oder dass er es quer über das Gelände zu rufen scheint. Natürlich weiß ich, dass er kaum zehn Meter von mir entfernt ist, aber gerade jetzt bin ich mir sicher, dass er mit der Lautstärke eines Megafons gerufen hat.


„Ich trinke keinen Kaffee“, erwidere ich lahm und viel zu leise. Warum gehe ich nicht zu ihm? Stattdessen starre ich ihn an, kann mich nicht bewegen, fühle mich grässlich und wundervoll zugleich. Angst und Hunger und ... Aufregung.


Er grinst. „Dann auf einen Mate.“


Ich verziehe das Gesicht. „Bloß nicht! Ich hasse das Zeug.“


Romero lacht. „Dann eben Kakao, alles, was du willst. Morgen, so um vier?“


Ich bringe kein Wort heraus, nicke nur. Ich glaube, Mut schmeckt nach Schokolade.


 


 


 


 


 


 



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