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Belletristik
Buch Leseprobe Koalaland, Mark Scheppert
Mark Scheppert

Koalaland


Australienroman

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Seine Sicht


 


Wir beschließen eine Nacht in den „Grampians“ zu verbringen, weil uns die bewaldete Buschlandschaft mit den spektakulären Granitauswüchsen begeistert. Es ist nun schon spät und nachts sollte man auf Straßen mit den kreuz und quer hüpfenden Tieren lieber nicht herumgurken. Auf der Suche nach einem Schlafplatz stoppe ich in einer Kurve an einem Aussichtspunkt. Wir genießen den atemberaubenden Blick auf das olivgrüne Tal und einen eisigblauen See. Laut Hinweisschild ragt vor uns der 1167 Meter hohe Mount William in die Höhe. Allerdings sehen wir auch, dass die Hälfte der Waldfläche einem verheerenden Brand zum Opfer gefallen ist. Aus schwarzer Erde ragen tausende verkohlte Baumstämme und totes Geäst in den blassblauen Himmel - an manchen Stellen ist vom Wald nichts geblieben als vom Feuer gehärtetes Dornengestrüpp. Gespenstisch, zumal nun eine neblig violette Dämmerung einsetzt. Endlich erreichen wir einen Zeltplatz, der in einem feuerverschonten Eukalyptus-Wald liegt. Zwei schräge Typen weisen uns auf dem menschenleeren Gelände einen Platz zu, der direkt zwischen zwei ausgehobenen Gruben liegt, in denen klebrig weiße Schleier weit verzweigter Spinnennetze zu sehen sind. Beim Aussteigen müssen wir darauf achten, nicht vier Meter in die Tiefe zu stürzen. Nachdem wir uns eingerichtet haben, kommen die Pächter Nelson und Jim nochmals vorbei und laden uns spontan zum Grillen vor ihrer schäbigen Holzhütte ein. Wir lassen uns überreden, auch wenn die bärtigen Barden schon jetzt eine üble Alkoholfahne mit sich spazieren tragen. Sie lehnen den von Nina angeboten Rotwein ab und trinken stattdessen hektoliterweise „EMU-Export“ aus rot-weißen Dosen und „Bundaberg-Rum“ direkt aus der Pulle. Genau als die tellergroßen Steaks endlich durch sind, tauchen zwei Kängurus auf und bleiben neugierig glotzend vor dem Grill stehen. „Abendbrot mit Kängurus“, rufe ich Nina freudestrahlend zu. In der sternenklaren Nacht wird es allmählich Gänsehautkalt, sodass ich mir auch mal was von dem „Bunda“ genehmige. Die rauen Kerle sind mittlerweile total blau und unterhalten sich über Nutten, Alkohol und ihren letzten Job. Die örtliche Fauna und Flora interessiere sie „einen Scheiß“, erfahren wir auf Nachfrage und wann es so verheerend gebrannt hatte, wissen sie auch nicht. Nina, die deren Gebrabbel wortwörtlich versteht, gähnt und gibt mir damit ein Zeichen, dass sie den Mist nicht länger erträgt. Sie verschwindet in unserem gut dreihundert Meter entfernten Wagen. Erst als sie weg ist, ziehen die Freaks so richtig vom Leder. Zwar kapiere ich noch immer nur die Hälfte, doch mittlerweile scheint es um harten Sex und Drogen zu gehen und darum – das bilde ich mir nicht nur ein – dass sie die „stinkende Aboriginals“ am liebsten alle abknallen würden – so wie das früher angeblich mal Gang und Gäbe war. Ich kann es nicht fassen, doch als ich sie zur Rede stellen will, torkelt Jim mit einer verächtlichen Handbewegung und manischem Kichern in Richtung Waldesrand. Nelson erklärt mir derweil, was für ein abartiges Volk die „Abos“ wären und dass es das verdammte Recht jedes Weißen sei, diese Kinder fickenden „bloody bastards“ zu killen. Zwei Minuten später pennt der rassistische Promilleheld - aus den Mundwinkeln sabbernd – im Sitzen ein. Obwohl das sicher nur ein böser Scherz war, laufe ich geschockt zum Camper. Der Mond taucht die Szenerie in ein gespenstiges Licht. Plötzlich sehe ich, dass sich vor unserem Wagen etwas bewegt. Zunächst erahne ich nur einen Schatten den die Dunkelheit verschluckt, doch als ich näher trete, erkenne ich Jim, der konzentriert durchs Fenster lugt und etwas in der rechten Hand hält. Seine Hose hängt in den Kniekehlen. Alles klar! Ohne nachzudenken, renne ich los und springe ihm mit dem Fuß voraus mit voller Kraft und knochenharter Entschlossenheit seitlich in die Rippen. Durch den Aufprall torkelt er einen Meter zurück, prallt seitlich gegen den Wagen, bevor er rittlings mit weit aufgerissenen Augen wie in Zeitlupe in die dunkle Erdgrube taumelt. Das darauf folgende Geräusch hört sich an, als ob eine Wassermelone aus vier Metern Höhe auf Beton aufschlägt. Danach allumfassende Stille. Ich öffne den Wagen, sehe, dass Nina fast unbekleidet herumliegt. Mordsweib, denke ich kurz und erzähle ihr aufgeregt was geschehen war. Mit der Stirnlampe, die sofort von Motten umschwärmt wird, leuchten wir in den Abgrund. Dort liegt ein unnatürlich verdrehter Körper aus dessen kantigen Schädel weinrotes Blut zu rinnen scheint. „Scheiße, der ist tot“, flüstere ich schaudernd. Nina schüttelt den Kopf, ruft aber: „Komm, lass uns abhauen!“, und springt zurück in die Karre. Bedacht leise verlassen wir das eingezäunte Gelände. Erst als wir wieder auf asphaltierten Straßen sind, erzähle ich ihr die ganze Geschichte. Sie schaut angewidert zu mir herüber und murmelt: „Das dumme Schwein hat es nicht anders verdient“. Sie drischt den zweiten Gang rein, beugt sich übers Lenkrad und gibt Gas.




Ihre Sicht


 


Wir erreichen eine steppenartige Landschaft mit vereinzelnden Eukalyptusbäumen, deren hellen Stämme wie abgenagt aussehen. Nun können wir definitiv beweisen, dass wir in Australien gewesen waren, denn überall grasen Kängurus, wie Kühe in Mecklenburg. Endlich kann ich die lustigen Hoppelviecher in ihrer natürlichen Umgebung fotografieren. Von den ollen Emus, immerhin sind das beeindruckend große Laufvögel, redet nachher wieder niemand. Auch sie stehen zuhauf am Wegesrand herum, werden jedoch sehr selten abgelichtet. Da fehlt wohl der Niedlichkeitsfaktor. Dann wird die Straße kurvig und steil. Plötzlich befinden wir uns in einem zerklüfteten Mittelgebirge mit graugrünen Felsen und dichtem Waldbestand. Auf der Karte ist das Gebiet als „Grampians Nationalpark“ verzeichnet und wir entscheiden die Nacht in Halls Gap zu verbringen. Doch da das Nest von 5000 lärmenden Touristen bevölkert zu sein scheint, fahren wir weiter und ächzten eine Serpentinen-Straße hinauf. Ein Fehler, denn nun erreichen wir ein trostloses Waldbrandgebiet. Das sah hier oben auf 1000 Metern Höhe bestimmt mal ganz zauberhaft aus, doch ohne Bäume und Sträucher ähnelt es eher einer Geisterlandschaft. Die armen Koalas, Emus und Kängurus. „Vielleicht konnten sie ja alle vor der Feuerwalze flüchten“, murmele ich und denke an die Herden, die wir zuvor gesehen hatten. Auf einem abgeschiedenen Campingplatz, der auch in völliger Dunkelheit einen äußerst räudigen Eindruck macht, stoppen wir. Irgendetwas an diesem schaurigen Flecken ist zutiefst beunruhigend. Wir sind die einzigen Gäste und werden sogleich von den zwei abgerissenen Typen am Empfang zum nächtlichen Grillen eingeladen. Micha ruft „Ta“. Das hatte er sich beim Surfen angewöhnt. Im diesem wunderlichen Land soll das Gemurmel angeblich „Thanks“ ausdrücken. Ich bin nicht so begeistert, da die herben Schönheiten Jim und Nelson schon extrem dicht sind und nicht sonderlich viel in der Birne zu haben scheinen. Auch auf gegrillte Fleischberge kann ich verzichten, doch der nächtliche Lichtschein lockt zumindest zwei Kängurus an, die sich vor uns aufzustellen und traurig ins Holzkohlenfeuer mit den halben Ochsen auf dem Rost schauen. Vollbart 1 und 2, die fürchterlich nach Schweiß riechen, kommen langsam in Fahrt und erzählen von „behaarten Mösen“, „großen Schwänzen“ und „großen Schwänzen in behaarten Mösen“ oder übers Saufen und ihren letzten - bekackten - Job im Sägewerk in Western Australia. Ihre eingerissenen Fingernägel sind dreckverschmiert und sie fressen wie die Schweine. Der Grillplatz ist mit leeren Bierdosen regelrecht verwüstet und aus einem Rucksack ragt eine abgesägte Schrotflinte. Micha versteht wie immer nur die Hälfte und ich habe – trotz Rotweindruckbetankung – recht schnell genug von dem dämlichen Gelabere und verschwinde in den Camper. Dabei falle ich fast in dieses - aus welchem Grund auch immer - ausgehobene Erdloch neben der Schiebtür. Im Gegensatz zu draußen steht die Hitze im Wagen, sodass ich mich halbnackt aufs Bett lege und mit der Stirnlampe noch ein paar Seiten lese. Eine Stunde später schrecke ich durch ein schepperndes Geräusch hoch. Kurz darauf erscheint Micha und erzählt aufgeregt was geschehen war. Dieser Jim soll sich mit dümmlichem Grinsen vor der Scheibe selbst befriedigt haben, was mein Freund mit einem gezielten Kung-Fu-Tritt verhindert hatte. Ich steige aus, schleiche mich an den Rand des Abgrunds und leuchte hinein. Dort unten liegt tatsächlich jemand inmitten weißer Spinnenweben mit heruntergelassener Hose. Ein feuchtes Kältegefühl kriecht mir von den Füßen aufwärts die Beine hinauf. Ich kann deutlich erkennen, dass aus einer klaffenden Wunde am Kopf dunkles Blut herausschießt. „Scheiße – der Typ ist tot“, flüstert Micha mit zittriger Stimme, wobei ich das nicht glaube. Dennoch steckt mich seine Panik an und obwohl ich sie in der Finsternis nicht sehen kann, spüre ich auf meinen Schenkeln und Oberarmen eine grobkörnige Gänsehaut und ein unkontrollierbares Zittern. „Los, steig in den Wagen!“, rufe ich ihm zu. Anstatt erste Hilfe zu leisten, beschließe ich den Spanner einfach im Dreck liegen zu lassen, um den surrealen Ort zu verlassen. Endlich sitzt Micha neben mir. Der startende Motor ist das einzige Geräusch auf der ganzen Welt.


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