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> Belletristik > Kirschblüten-Sushi
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Belletristik
Buch Leseprobe Kirschblüten-Sushi , Gerald Gleichmann
Gerald Gleichmann

Kirschblüten-Sushi


Geschichten aus dem Seniorenheim

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Der Herbst ist schön
Als Kordula Rettich an diesem bislang eher heiteren Vormittag auf ihren hohen Absätzen ins Büro des Direktors gestakt kam und abgehetzt piepste, die Drossel sei im Anflug, verspürte er sogleich den Wunsch, sich mit einem halsbrecherischen Sprung aus dem Fenster vor deren unabwendbarer Heimsuchung in Sicherheit zu bringen. Doch stattdessen ruderte er wie ein Ertrinkender mit beiden Armen und stöhnte verzweifelt: „Verbarrikadieren Sie sämtliche Eingänge, Rettich! Verminen Sie die Flure und teilen Sie diesem Singvogel mit, ich pilgere für eine unendlich lange Zeit auf dem Martinsweg.“
„Jakob“, berichtigte die treue Seele gewissenhaft.
„Meinetwegen auch gemeinsam mit Jakob auf diesem endlosen Wanderpfad. Auf keinen Fall erteile ich der Notenvergewaltigerin die Landeerlaubnis!“
Kaum ausgesprochen, polterte die Verursacherin der allgemeinen Verwirrung bereits ins Zimmer und trällerte dabei in den höchsten Tönen: „Der Herbst ist schön, Eichbäumchen!“
„Er war es jedenfalls bisher …“, flüsterte der Heimleiter und fiel ermattet in seinen Stuhl zurück.
„Der war es gewiss …“, murmelte dessen persönliche Mitarbeiterin ebenso gequält.
In aufdringlicher Regelmäßigkeit fiel die erfolgsverwöhnte wie möglicherweise anderswo umschwärmte Opernsängerin Anne Linde-Drosse über das von ihm geleitete Haus für betagte Mitbürger her, um die Senioren mit anspruchsvollen Liederprogrammen künstlerisch zu verwöhnen.
„Oder sie um die letzte Faser ihres Verstandes zu bringen!“, hauchte Eichbaum nach jeder neuen Vorführung resigniert.
Denn deren Auftritte kamen nicht bei jedem Bewohner gleich gut an. So verursachte das kraftvoll tremolierte hohe C der Diva mitunter gesundheitsgefährdende Hörstürze, während die Überzahl der Senioren, in der irrigen Annahme, die Feuersirene auf dem Dach des Heimes hätte soeben gellend zu heulen begonnen, panisch in den Park hinaus eilten, um sich dort hinter Bäumen und Sträuchern vor dem über sie hereinbrechenden Inferno schleunigst in Sicherheit zu bringen. Es bedurfte jedes Mal eine um die andere Stunde, ehe auch der allerletzte Flüchtige von ihnen wieder eingefangen worden war. Die Sopranistin sang jedoch derweil unbeeindruckt weiter und bemerkte nicht einmal, wenn sich im Saal die Stuhlreihen überstürzt leerten.
Anne Linde-Drosse, einst gefeierter Star sämtlicher Provinzbühnen, hatte während ihrer musikalischen Laufbahn nicht nur diversen Walküren reichlich Leben und Leidenschaft eingehaucht, sondern war auf der Bühne nachweislich mehr stimmgewaltige Tode gestorben, als das Seniorenheim bisher hatte verbuchen müssen. Und ginge es nach Alexander Eichbaum, sollte sich daran auch zukünftig nichts ändern! Nach dem bedauerlichen Ende des kometenhaften Aufstiegs der naiven Soubrette bis hin zur gekrönten Primadonna theatragiko ließ die Künstlerin dennoch keine Gelegenheit aus, ihr vielfältiges virtuoses Können dem gemeinen Volk geradezu aufzudrängen.
In diesem Moment baute sie ihre anatomische Fülle vor Eichbaum auf, sodass der es eilig vorzog, hinter seiner schmächtigen Sekretärin Schutz zu suchen, ehe es zu einer körpernahen Attacke auf ihn kommen konnte.
Unterdessen pellte die Sopranistin sich grazil aus ihrer schwarzen Häkelstola, die sie lässig über einen unförmigen roten Kaftan mit schwarzen Punkten drapiert hatte, in dem sie allerdings gleich danach wie ein mutierter riesiger Johanniskäfer ausschaute. Dieser Vergleich drängte sich der verschüchtert dreinschauenden
Vorzimmersekretärin auf – sie konnte sich gerade noch rechtzeitig bremsen, ihren hinterhältigen Gedanken boshaft hinauszuposaunen.
Die Stimmakrobatin wuschelte mit den Fingern durch ihre aufgetürmte und tintenblau gefärbte Lockenpracht, ehe sie mit einem betörenden Augenaufschlag hingebungsvoll hauchte: „Eichbäumchen!“
„Verehrungswürdige und viel bewunderte Frau Drossel!“, murmelte der hinter seiner Bürohilfe entmutigt.
„Drosse, mein Bester!“, flötete der Singvogel mit spitzem Mündchen verführerisch, wobei ihr Busen sich bedrohlich hob und senkte, dessen heftiges Wogen die schmalbrüstige Rettich jedes Mal neidisch erblassen ließ.
„Anne, Atempause, Linde, Bindestrich, Drosse! Ein Name, der gewiss in die Annalen der Musikgeschichte eingehen wird!“
„Ohne jeden Zweifel“, stimmte Eichbaum deren Wunschdenken bedenkenlos zu und grübelte noch immer über eine einleuchtende Ausrede nach, ihren Auftritt irgendwie zu verhindern, der zweifellos abermals in einer Katastrophe enden würde.
Als Eichbaum es schließlich wagte, seine sichere Deckung dennoch zu verlassen, verwirrte hingegen das erotische Zwinkern der Künstlerin sofort alle seine Sinne, sodass er nicht mitbekam, als die Rettich ihm eine äußerst wichtige Meldung zu machen versuchte. Auch weil die Linde-Drosse im selben Moment nochmals schrill wiederholte: „Der Herbst ist schön …“ Und das in einer Tonhöhe, dass selbst die Gläser in der Vitrine heftig zu klirren begannen.
„Sie haben es sicher bereits erraten: So lautet der Titel meines neuen Solo-Tournee-Programms“, fügte die Sopranistin nach einer winzigen Kunstpause erklärend hinzu.
„Ach!“, räusperte sich Alexander Eichbaum.
„Wie überaus treffend!“, stellte die Rettich hingegen unerwartet erfreut fest. „Und wenn zudem noch viele bunte Blätter weh’n.“ Sie klammerte sich an die dezent gestreifte Krawatte ihres Vorgesetzten und säuselte heftig atmend in dessen Ohr: „Das wäre die perfekte Umrahmung unseres Festes!“
„Welches Fest?“ Eichbaum sank ermattet auf seine Knie.
Unter dem brutalen Würgegriff wurde ihm die Luft allmählich knapp.
„Von welchem wunderbaren Fest ist hier die Rede?“, schaltete der singende Vogel sich interessiert-neugierig ein.
„Die Feierstunde“, rief Kordula Rettich eindringlich und knuffte den kurzatmigen Direktor mit ihrem spitzen Ellenbogen in dessen Leiste, woraufhin der das Gleichgewicht verlor und der Länge nach auf dem Teppich aufschlug.
Seine treue Seele folgte ihm flugs. Ohne von der Krawatte abzulassen, landete sie allerdings wesentlich weicher.
Beim verzückten Anblick der sich zu ihren Füßen einander umschlingenden Körper bemerkte Anne Linde-Drosse nicht gänzlich ohne Neid: „In dieser bequemen Stellung hoffe ich, meinen Lebensabend ebenfalls zu verbringen!“
Dagegen war Eichbaum die Situation sichtlich enorm peinlich. Vor allem, weil der bebende Mund der Rettich irgendwie den seinen gefunden hatte und die züngelnd stöhnte:
„Statt eines ermüdenden Tänzchens singen wir begeistert ein fröhliches Liedchen.“
Endlich dämmerte dem Seniorenaufbewahrer, was seine auf ihm rastende Bleistiftanspitzerin damit andeuten wollte.
Währenddessen verfolgte die Noteninterpretin das Gerangel der beiden mit begehrlichen Blicken. Immerhin gelang es Eichbaum irgendwann, sich aus der Umklammerung seiner persönlichen Assistentin zu befreien und wieder auf seinen eigenen Füßen zu stehen. Die Rettich strich sich verschämt den viel zu kurzen Rock gerade und beeilte sich, der Zuschauerin ihrer unfreiwilligen zwischenmenschlichen Darbietung die eigentliche Sachlage zu erläutern. „Der Umstand ist folgender …“


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