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Buch Leseprobe Kein Schritt zurück, Aleksandra Sana Zubic
Aleksandra Sana Zubic

Kein Schritt zurück



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Sie sitzt im Bett und schaut durchs Fenster in die Sonne. Er schläft noch und es wird sicher noch dauern, bis er aufwacht. Gut vierzig Jahre sind jetzt vorbei. Die Zeit ist verflogen wie in einem Roman.Vieles hätte sie sich ersparen können, aber was soll es. Nur kein Selbstmitleid, das braucht heute keiner. 


Sie zieht das neue Sommerkleid mit Blumenmuster an und geht raus auf die Straße. „Dieses Land ist so schön“, denkt sie, während sie über die im ersten Morgenlicht badende Straße zur nahen Bäckerei geht. Die hat sie schon gestern bei ihrer Ankunft entdeckt. Sie liebt den Geruch von frischem Gebäck. „Good morning!“ sagt sie in der Hoffnung, dass sie sich irgendwie verständigen kann. 
Ein Mädchen mit langem schwarzem Haar kommt zur Theke und wünscht ihr ebenfalls guten Morgen. Das Mädchen beobachtet sie mit schönen, neugierigen Augen, die gleichzeitig auch etwas Melancholisches haben. „Nett sind die Menschen hier, obwohl sie in den letzten Jahren schlechte Karten gehabt haben“, bemerkt sie. In Westeuropa, wo sie jetzt lebt, hat kaum jemand Glanz in den Augen. Nur die Menschen, die gerade erst ins Land gekommen sind, aber in deren Augen sieht sie oft auch Angst. Nachdem sie etwas Gebäck gekauft hat, bedankt sie sich freundlich. Nach kurzem Überlegen  nimmt sie doch noch zwei Stücke Baklava für ihn mit, der noch die Ruhe und Sauberkeit im Zimmer genießt.
Sie liebt ihn sehr und ist ihm gleichzeitig dankbar. Sie genießt es, ihm kleine, unerwartete Geschenke zu machen. Sein Gesichtsausdruck wenn er sie bekommt, ähnlich dem Blick eines fröhlichen Kindes, machen sie glücklich.
Sie hätte mit dem Gebäck gleich ins Zimmer gehen können, wenn da nicht dieser Wunsch nach Unbekanntem wäre. Als suche sie nach etwas längst Verlorenem, das sie schon in der nächsten Straße oder an der nächsten Ecke wiederfinden könnte. Vielleicht ist es auch nur ein Gefühl von Freiheit, das sie in fremden Städten, in denen sie niemanden kennt, spürt. Sie überquert die nächste Straße und betrachtet eine Katze auf dem Steinpflaster, weiße Häuserfassaden und ihre blauen Fensterrahmen. Das Weiß dominiert, sauber und unschuldig. Zwischen den einzelnen Gebäuden gibt es nur wenig freie Fläche, so als reihten sie sich aneinander. Der Morgen ist frisch, und es sind nur wenige Passanten unterwegs. Sie stellt sich vor, zu dieser Welt zu gehören. Dann würde sie in einem viel langsameren Rhythmus leben als jetzt.
 Ihr Arbeitstag läuft folgendermaßen ab: Sie läuft schnell über die Zebrastreifen und steigt in den Stadtbus ein. Sie muss ganz vorsichtig sein, da viele Autofahrer  schlecht ausgeschlafen oder schlecht gelaunt sind. Sie fragt sich wieso das grüne Licht der Ampeln so kurz eingestellt ist, so dass Fußgänger oft über die Straße rennen müssen anstatt zu gehen. Nach der Busfahrt führt sie ihr Weg zur Bäckerei, wo die Verkäuferinnen beinahe mit der Kundschaft schimpfen. So bestellt sie oftmals schnell, auch wenn sie noch nicht sicher ist, was sie wirklich kaufen will. Da die Warteschlange lang ist, bleibt ihr keine Zeit für längere Überlegungen. Dann zum Büro, wo sie Mails und Zeitungen liest, … Eigentlich liest sie sie nicht, sondern springt von einem Thema zum anderen, mit Ausnahme der Artikeln über Politik, bei denen sie länger verweilt. Damit hat sie angefangen, als sie erkannt hat, welchen Einfluss die Politik auf ihr Leben gehabt hat. Sie fragt sich oft, warum war ausgerechnet ihr Leben aus der Bahn geraten? Beim Lesen ist sie schnell genervt von der einseitigen Berichterstattung und der Arroganz der politischen Elite. Aber noch genervter machen sie die vielen Menschen, die das nicht erkennen, die wie Pflanzen existieren, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, wer über ihr Schicksal entscheidet. Wieso ist die Menschheit unfähig, sich gegen die Ausbeutung durch eine kleine Anzahl Mächtiger zu wehren, fragt sie sich auch jetzt. Schon wieder drehen sich ihre Gedanken um Ungerechtigkeit und das Unglück dieser Welt. Hat sie deshalb Urlaub genommen? Es ist besser aufs Meer zu schauen, das in der Ferne verschwindet. Kleine Boote, eine leichte Brise und die Ruhe spüren… als stünde die Zeit auf dieser kleinen Insel still. Kurz hält sie inne, vertieft in die Schönheit, die sie umgibt, ohne weitere Gedanken an die Welt zu verschwenden. Danach spaziert sie an einer in den Fels gebauten Kirche vorbei. Eine ähnliche, etwas kleinere hat sie schon in Tirol gesehen. Man hat  sie nur mit einer Pferdekutsche oder einem mehrstündigen Fußmarsch erreichen können. Immer schon ist der Wunsch, einen Gott zu ehren, und etwas für die Zukunft zu hinterlassen groß gewesen. Auch das griechische Volk ist sehr gläubig, aber auf eine zurückhaltende Weise. Sie bedrängen niemanden mit ihrem Glauben, sie zwingen auch keinen anderen dazu. Sie mag diese Art des Glaubens, obwohl sie ziemlich sicher ist, dass sie ihr Leben weiterhin als Atheistin leben will.


Langsam geht sie über die kleine Strandpromenade zum mit schwarzem Stein bedeckten Strand, wo noch keine Touristen zu sehen sind. Mit größter Wahrscheinlichkeit werden wegen der wirtschaftlichen Krise dieses Jahr weniger als sonst anreisen. In einem Garten auf der anderen Seite der Strandpromenade sieht sie einem kleinen, dunkelhaarigen Jungen beim Spielen zu. Er spielt allein, trägt bunte Blumentöpfe hin und her und gießt die Pflanzen mit Wasser. Er scheint ganz vertieft in seine Arbeit zu sein. Weit weg von den Augen derjenigen, die sein Leben schon jetzt für größeren Profit an den Börsen opfern wollen. Er dreht sich zu ihr ohne Abneigung oder Angst in seinem Gesicht und zeigt lächelnd eine Reihe kleiner weißer Zähne, als freue er sich, eine fremde Frau zu sehen. Sie freut sich auch, winkt schüchtern, lächelt ihn an und geht weiter.
Sie fragt sich, ob sie vielleicht ein Kind in die Welt setzen sollte. Ein unbekümmertes Wesen, mit kleinen Füßen, die geschickt durch den wuchernden Garten laufen. Bisher war ihr Wunsch nie stark genug gewesen. Sie mag Kinder, eigentlich Menschen überhaupt, unabhängig von ihrem Alter. Gerade deswegen kann sie sich kaum vorstellen, ihre Liebe nur einem einzigen Wesen zu schenken. Eine ziemlich schlechte Eigenschaft, wenn man die Mutterrolle ausfüllen will. Sie erinnert sich noch an den Artikel einer bekannten kroatischen Kolumnistin, in dem es um fünfunddreißig „verlorene“ Jahre ging - die Jahre, in denen sich die Autorin um ihre Kinder gekümmert hat. Die Kinder waren längst erwachsen, wollten aber keine Verantwortung für ihr Leben übernehmen. Wozu auch, wenn man eine Mutter hat, die alles für einen macht. Noch bevor die Enkelkinder zur Welt gekommen sind, hatte die Journalistin sich entschieden, endlich ihren eigenen Weg zu gehen. Auch ihre Gedanken kreisen jetzt um dieses Thema. Nein, sie will kein einziges Jahr ihres Lebens verlieren, nicht einmal einen Tag! Das Leben muss noch einen anderen Sinn haben. Sie denkt an ihre Kinderwagen schiebenden Freundinnen und ihre Geschichten, die sich in den nächsten zwanzig Jahren nicht ändern werden. Das ist nicht ihr Leben. Vielleicht ist das, was sie hat auch nicht ideal, aber die Jahre erfüllt mit Liebe und Kunst,  neuen Erkenntnissen neuen Städten und viele interessanten Bekanntschaften will sie nicht missen. Vielleicht war es nicht immer leicht, aber es war schön. Es soll kommen, wie es kommt.


Sie ist sehr weit gegangen und die Morgenfrische verwandelt sich langsam in Mittagshitze. Es wird  Zeit, zurück ins Apartment zu gehen. Heute ist der erste Tag ihres kurzfristig geplanten Urlaubes, und sie kann kaum erwarten, ins Meer zu springen. Das Blau des Wassers steht im Kontrast zum steinigen Strand, auf welchem sich schwarzes Vulkangestein mit orangegelben Kieseln mischt. Dieser Ort ist einfach perfekt.


Er steht auf, zieht das T-Shirt von gestern an und betrachtet das Zimmer, in dem sie die erste Nacht ihres Urlaubs verbracht haben. Es ist hell und die Sonne erleuchtet den Raum bis in den letzten Winkel. Dies gefällt ihm, denn Dunkelheit erträgt er nicht. Er öffnet die Terrassentür und geht hinaus. Ihr Quartier befindet sich auf einem kleinen Hügel unweit vom Strand. Mehrere Häuserreihen liegen vor ihm, während er über die Dächer aufs Meer schaut. Die blauen Nuancen von Wasser und Himmel sind fast identisch. Man kann schwer sagen, wo das Meer aufhört und der Himmel anfängt.
Kurz fragt er sich, wo sie steckt, aber dann erinnert er sich wieder, dass sie Gebäck holen wollte. Wahrscheinlich wird  sie noch unterwegs sein. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie länger dafür braucht. Die Wege, die sie wählt sind immer geheimnisvoll. Er fragt sich, ob er sie irgendwann richtig kennen wird. In den gemeinsamen Jahren hat er so viel über sie erfahren, aber trotzdem hat er nicht das Gefühl, sie wirklich zu kennen. Vieles an ihr ist überaus kompliziert. Sie kann  ihm ohne erdenklichen Grund eine Szene machen, oder ein gemütliches Abendessen mit Freunden durch eine unpassende Diskussion verderben, in denen sie ihre linke Ideologie schonungslos vertritt. Von einem Moment zum anderen kann sie melancholisch und traurig werden. Manchmal hasst er sie fast deswegen, manchmal wünscht er sich, sie wäre unkomplizierter. Aber könnte er mit einer anderen zusammen sein, mit einer, die nicht so wie sie wäre? Wohl kaum. Wer würde für ihn Lieder übersetzen, deren Übersetzung am Ende keinen Sinn ergibt? Wer würde ihn zwingen, Pedro Almodovar Filme zu schauen und ihm erläutern, dass diese Filme einer Reihe wunderschöne Bilder sind, eines schöner als das andere. Nur sie bringt es fertig zu weinen, weil die Bilder einfach so schön sind. Allein der Gedanke, sie zu verlieren, tut weh.


Mit lächelndem Gesicht tritt sie ins Zimmer und merkt dass er schon wach ist. Aus dem Bad dringt das Geräusch der elektrischen Zahnbürste. Sie nimmt das Gebäck aus ihrer Tasche und schaltet den Wasserkocher ein. Sie haben sich für ein Apartment mit kleinem Garten ohne Frühstück entschieden,  so dass sie vormittags länger im Bett bleiben können.
„Guten Morgen, hast Du gut geschlafen?“, fragt sie ihn fröhlich.
Er küsst sie auf die Stirn und sagt wie üblich nichts. Morgens spricht er nicht gern. Er braucht außerdem Zeit, um diese Ruhe in sich aufzunehmen, den Duft der Zypressen und des Meeres wahrzunehmen. Sie redet gerne gleich nach dem Aufstehen und auch sonst immer, besonders wenn sie glücklich ist. Wenn sie nichts sagt, bedeutet das, dass sie böse oder traurig ist.
„Ich war schon am Strand. Es ist wunderschön, wir sollten gleich hingehen. In der Mittagshitze wird es nicht mehr so schön sein.“
Er spürt die Aufforderung in ihren Worten, entscheidet sich aber lieber zu schweigen. Dann nimmt er ein Stück Gebäck mit Käse und murmelt, dass es sehr gut schmecke. Dazu schenkt er sich eine Tasse schwarzen Tee ein und sieht sie das erste Mal an diesem Morgen an. Der Sonnenschein spiegelt sich auf ihrem Gesicht und die ersten kleinen Falten werden sichtbar. Die Sonnenflecken unter ihren Augen versucht sie nicht mit Make-up zu verstecken. Ein paar hellere Strähnen fallen ihr spielend ins schöne Gesicht. Das Schönste an ihr sind ihre traurigen Augen, die heute nicht ganz so traurig, sondern mehr ernst sind. Auch wenn sie einfache und lustige Banalitäten erzählt, diese Augen verraten sie – es sind Augen von Menschen,  die zu viel Lebenserfahrung mit sich tragen. Er wünscht sich oft, er hätte sie vorher gekannt. Er möchte wissen, wie sie war, bevor die Traurigkeit sich in ihren Augen eingenistet hat.


 Während eines Besuches in ihrer Heimat, blieben sie am Ufer eines Bergsees stehen. Er liebt Spaziergänge in der Natur, und das war einer denen, die man nicht so schnell vergisst. Starker, kühler Wind wehte, und die Sonne kam schüchtern hinter den Wolken hervor. Die Farbe des Wassers in dem Moment, als die Sonne herauskam und ihre Strahlen sich auf der dunklen Wasseroberfläche spiegelten, hatte die Farbe ihrer Augen. Etwas weiter weg stand die Ruine eines Hauses, an der mit roter Farbe und in großen Buchstaben nationalistische Parolen gesprüht worden waren. Sie schaute ihn verlegen an und er konnte sehen, dass sie sehr unruhig wurde. Er verstand  nie, wieso in ihrem Land ein Krieg geführt worden ist. Eigentlich bemühte er sich auch nicht, es zu verstehen. Wieso ist fünfzig Jahre davor in seinem Land ein Krieg geführt worden? Wieso werden Kriege überhaupt geführt?
„Gehen wir jetzt?“, fragt sie ungeduldig.
„Ja, wir könnten dann aufbrechen. Ich will nur noch meinen Tee austrinken.“
„Super! Hier ist es so schön, oder?“ Sie lächelt ihn an.
Er küsst sie noch einmal und packt seine Badehose und das Strandtuch ein.


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