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Belletristik
Buch Leseprobe Kein Gott wie jeder andere, Chris Lind
Chris Lind

Kein Gott wie jeder andere



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1


„Heureka! Was ist hier passiert?“ Hermes gähnte ausgiebig, streckte sich und betrachtete das Ausmaß des Desasters. Staub bedeckte den großen Marmortisch, an dem sich die Götter und Göttinnen gestern zum Abendessen niedergelassen hatten. Nein, dachte der Gott der Reisenden. Es konnte nicht gestern gewesen sein, wenn er die Verwüstung um sich herum betrachtete. Der Marmor der Säulen, die die riesige Halle trugen, wirkte fleckig und grau. Einige Steine waren geborsten. Efeuranken schlangen sich um die Säulen und sprossen zwischen den Bodenfliesen hervor; Lorbeer hatte Wurzeln in der Halle geschlagen. Die ehemals prächtigen Farben der Wandfriese, die Szenen aus dem Leben der Götter zeigten, waren ausgeblichen. Risse zogen sich über die Malereien und machten sie nahezu unkenntlich. Die goldenen Teller und Kelche, die auf dem Tisch lagen, waren mit der Patina des Alters überzogen. Ein muffiger Geruch hing über dem Olymp. Verwirrt schüttelte Hermes den Kopf. Wie konnte das geschehen? Der Zauber der Götter hielt den Olymp stets sauber und verhinderte jedes Zei-chen von Alterung. Aber er hätte auch verhindern sollen, dass die Götter einschliefen und nicht erwachten. Außer ihm schienen alle Olympioi noch unter dem Bann zu stehen, der die Heimat der Götter befallen hatte. „Wirkt unsere Macht nicht mehr?“ Hermes schloss die Augen und lauschte. Er spürte die Magie der Götter, allerdings schwach, nur ein Nachhall der alten Stärke. „Was ist geschehen? Wie lange haben wir geschlafen?“ Der Gott der Reisenden trat neben Apollon und rüttelte die Schulter seines Halbbruders. Der Gott des Lichts grunzte unwillig und drehte sich um. Neben Apollon saß Athene auf ihrem marmornen Stuhl, den Kopf in den Nacken gelegt. Ein leises Schnarchen ertönte und ein Speichelfädchen rann aus ihrem linken Mundwinkel. Das sollte ich für die Nachwelt festhalten, überlegte Hermes. Doch dann erinnerte er sich an Athenes fehlenden Humor und den Fluch, den sie wegen der blöden Doppelflöte ausgesprochen hatte und der den armen Marsyas das Leben gekostet hatte. Apollon hatte dem Satyr aus Eifersucht die Haut abgezogen, weil dieser besser Flöte gespielt hatte als der Gott. „Na gut, schlaft weiter.“ Hermes schüttelte den Kopf. „Ich werde in die Welt der Menschen hinabsteigen und schauen, ob etwas Spannendes geschehen ist.“ Drei Tage später kehrte Hermes zurück. Einen Tag hatte er gebraucht, um zu erkennen, dass sie mehr als zweitausend Jahre geschlafen hatten. Den zweiten Tag hatte er mit viel Wein verbracht, um sich an den Gedanken zu gewöhnen. Am dritten Tag schließlich hatte er sich besonnen und kehrte als Götterbote zurück, die Taschen voller Geschenke, den Kopf voller seltsamer Geschichten und noch seltsamerer Erlebnisse mit den Menschen. Den modernen Menschen, wie sie sich nannten. Hermes betrat den Olymp. Die Zeichen des Verfalls waren erstaunlicher-weise zurückgegangen. Der Staub hatte sich verzogen, die Pflanzen wirkten nicht mehr wie ein Dschungel, und es roch nach Nektar und Ambrosia. Hermes lächelte. Seine Familie erwachte. Einer nach dem anderen. Als Erste hob Athene den Kopf, gähnte und blinzelte. „Guten Morgen, Schwesterchen. Ich dachte mir, dass du Streberin eine der Ersten bist.“ Hermes stellte sich vor die Göttin. „Schau, was ich aus der Welt der Menschen mitgebracht habe.“ Er streckte ihr eine Tasche entgegen. Athene gähnte und hob die Hand vor den Mund. Der ungeduldige Gott der Diebe schüttete den Inhalt der Tasche vor ihr auf den Tisch. Bücher, schmale Bände aus einem dünnen Material, noch schmalere Bände mit bunten Bildern und daneben silberne Scheiben. „Was … was ist das?“ Athene schien die Veränderungen ebenfalls zu spüren. Zum ersten Mal entdeckte Hermes auf ihrem Gesicht so etwas wie Verunsicherung. „Wo sind die Opfergaben der Menschen?“ „Ich weiß es nicht.“ Hermes zuckte mit den Schultern. So wie es aussah, würden sie in den nächsten Wochen und Monaten, vielleicht sogar Jahren, nicht mit Opfergaben rechnen können. „Warte, bis alle wach sind, dann berichte ich von meiner Reise zu den Menschen.“ Athene nickte und nahm sich ein Buch. Mit wachsender Verwunderung auf ihrem Gesicht las sie über die Welt des einundzwanzigsten Jahrhunderts. „2014“, flüsterte sie. „Was hat das zu bedeuten?“ Hermes nickte. „Warte noch ein bisschen. Bitte.“ Nach und nach erhoben sich die Göttinnen und Götter des Pantheons, reckten sich, rollten die verspannten Schultern, massierten ihre Nacken und sahen Hermes erwartungsvoll an. „Mein Vater.“ Hermes kannte das Protokoll und kniete vor Zeus nieder. „Viel ist geschehen.“ „Sprich!“ Zeus donnerte. Blitze zuckten über den wolkenlosen Himmel. „Was hast du erfahren?“ „Hier, das ist die Welt des einundzwanzigsten Jahrhunderts.“ Betont gelassen legte Hermes noch mehr Bücher, Zeitschriften, DVDs, Tageszeitungen und ein paar Notebooks auf den großen Marmortisch der Götter. „Was?“ Zeus’ Stimme donnerte durch den Olymp. Ein leichtes Donnern, schließlich war er eben erst erwacht, aber beeindruckend. „Was hast du gesagt?“ „Wir haben das Jahr 2014.“ Hermes feixte in die Runde und erfreute sich der Gesichter, die unterschiedliche Grade von Erstaunen oder Erschütterung zeigten. Nur Hades schaute wie immer. Dunkel und bedrohlich. „Wir haben lange geschlafen. Andere Götter haben die Welt unter sich aufgeteilt …“ Wildes Getuschel antwortete ihm, wütende Zwischenrufe, Ausdrücke des Unglaubens, bis Zeus donnerte. „Warum hast du das Zeug mitgebracht?“ „Für uns. Wir müssen die neue Welt verstehen lernen, neue Anhänger ge-winnen und unsere alte Macht zurückerobern.“ „So sei es!“ Zeus bekräftigte den Satz mit einem kleinen Donner. „Lest, meine Familie. In drei Tagen werden wir uns hier treffen und unsere Zukunft planen.“ 2 „Die Welt hat sich verändert.“ Zeus’ Stimme dröhnte durch den Olymp. Er musterte die Götter, die vor ihm saßen und von ihm eine Lösung erhofften. „Ich weiß nicht, warum wir ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt erwacht sind. Wir müssen einige Entscheidungen treffen.“ Hera legte ihm eine Hand auf den Arm. Der Göttervater nickte seiner Frau zu. „Wo wollen wir leben? Wollen wir den Olymp wiederaufbauen? Hier an diesem Ort?“ „Griechenland ist pleite“, mischte sich Hermes ein und erntete einen bösen Blick von Zeus. „Wenn wir hier bleiben, werden wir kaum Opfergaben erhalten.“ Der Götterbote wedelte mit einer Zeitung. Die anderen Götter nickten. Sie hatten es, wenn auch auf unterschiedlichen Wegen, ebenfalls erfahren. Ihr Heimatland war bankrott. Und erobert von einem Land, das sich EU nannte. Was für eine seltsame Welt. „Wie wäre es mit den Juh-es-eh?“, schlug Dionysos vor, woraufhin ihn die anderen Götter verwirrt anstarrten. „Amerika. Das Land Hollywoods und des Broadways.“ „NEIN!“ Donner und Blitze begleiteten Zeus’ Worte. „Wir bleiben in Europa, der Wiege der Zivilisation.“ „Das könnte problematisch werden.“ Athene. Die Stimme der Vernunft und Besserwisserin. „Spanien, Portugal und Italien sind ebenfalls insolvenzgefährdet.“ „Was?“ Ares kratzte sich demonstrativ im Schritt. „Was soll das heißen?“ Athene musterte ihn mit verengten Augen. „Pleite.“ „Wie wäre es mit Island?“ Hephaistos blickte zustimmungsheischend in die Runde. „Geysire, Vulkane. Ein raues Land.“ „Nein. Zu viele Trolle“, warf Hermes ein. „Und Elfen. Ganz zu schweigen von Zwergen.“ Persephone schüttelte sich vor Abscheu. „Frankreich? Paris“, warf Aphrodite in die Diskussion ein und klimperte Zeus zu. „Die Stadt der Liebe. L’Amour.“ Zeus lächelte, bis Hera ihn in den Arm kniff. „Nein.“ Der Göttervater schüttelte bedauernd den Kopf. „Zu gefährlich. Erst ein kleiner Mann an der Spitze der Grande Nation und nun einer, den man Monsieur Royal nannte.“ „Großbritannien. Oder Irland.“ Wie zu erwarten sprach sich Demeter, Göttin der Kornfelder, für die Natur aus. „Grüne Wiesen. Weites Land. Menschen, die dem alten Glauben noch anhängen.“ „Feen. Und Regen. Ständig Regen“, wehrte Apollon ab. „Ich bin der Gott des Lichts. Niemals Irland. Außerdem fast pleite.“ Langes Schweigen folgte seinen Worten. Die Göttinnen und Götter schauten Hilfe suchend zu Zeus. Zeus schaute Hera an, die ihre Hände in einer Geste der Hilflosigkeit hob. „Wir …“, begann Zeus. „Wir brauchen mehr Informationen.“ „Wenn ich einen Vorschlag machen dürfte, Papa“, erklang Athenes Stim-me. Zeus nickte ihr zu und lächelte väterlich. „Wir brauchen klare Entschei-dungskriterien.“ „O nein, jetzt kommt wieder die Lieblingstochternummer“, zischte Ares Aphrodite zu und kniff sie in den Hintern. „Damit kriegt das Biest beim Alten alles durch.“ Zeus lächelte milde und huldvoll. Ares und Aphrodite wechselten einen vielsagenden Blick. Poseidon runzelte die Stirn und Hades zog einen Mund-winkel hoch. Hermes grinste breit. Artemis schnitzte an einem Bogen und murmelte etwas Unverständliches. „Was schlägst du vor?“ Zeus’ Stimme klang beinahe säuselnd. Hermes steckte sich hinter dem Rücken des Göttervaters einen Finger in den Hals und würgte lautlos. Apollon kicherte. „Lass uns mal etwas Neues probieren.“ Athene lächelte, was Poseidon und Hades dazu veranlasste, sich hinter Zeus’ Rücken stumme Zeichen zu geben. „Warum wählen wir nicht ein Land mit einer Frau als Chefin?“ „Weil es nur wenige Königinnen gibt“, grollte Ares. „Glücklicherweise.“ „Nicht Königinnen.“ Athenes Blick und Stimme wirkten so herablassend, dass Ares die Fäuste ballte. „Premierministerinnen. Kanzlerinnen. Präsiden-tinnen.“ Athene lächelte weiter. „Du hast dich gut vorbereitet“, schoss Artemis einen Giftpfeil ab. „Sag schon, welche Länder du willst. Aber Europa soll es sein!“ Athene zog einen Mundwinkel hoch. „Wie wäre es mit der Schweiz?“ Schweigen antwortete ihrem Vorschlag. Die Götter schauten betreten zu Boden oder widmeten sich ihren Fingernägeln oder – in Artemis’ Fall – ihrem Bogen. Schließlich erbarmte sich Hermes. „Schweiz. Berge. Schokolade. Käse. Kühe. Neutralität. Klingt nach extremer Langeweile. Ganz zu schweigen davon, dass es teuer ist.“ „Ganz zu schweigen davon, dass die Regierungschefin Corina Casanova heißt“, sprang Ares ihm zur Seite. „Das muss ein Pseudonym sein.“ Athene nickte. „Dann eben Finnland.“ „Niemals!“ Apollon sprang auf. „Das Land ist dunkel. Voller Depressio-nen. Hast du die Kaurismäki-Filme nicht gesehen?“ „Aber viel Alkohol.“ Dionysos lächelte versonnen. „Viel zu wenige Menschen. Nur Wald. Blockhäuser. Elche.“ Hermes zog die Brauen zusammen. „Wer sollte uns anbeten?“ „Saunagänge. Nackt.“ Aphrodite lächelte Zeus erneut an. „Nicht umsonst heißt es Finn-Sauna.“ „Endlose Winter und Kälte.“ Demeter schüttelte sich. „Auf keinen Fall.“ „Vergesst die Sprache nicht“, sprang Hestia ihrer Freundin zur Seite. „Hyvää päivää heißt Guten Tag – wer möchte schon so reden?“ „Außerdem, liebe Athene“, sagte Hera mit spitzer Stimme, „… regiert in Finnland inzwischen ein Mann. Seit zwei Jahren.“ Alle blickten Zeus an. Der schüttelte den Kopf. „Dann eben Germania.“ Athenes klare Stimme drang durch das Stimmengewirr, das nach Zeus’ Entscheidung eingesetzt hatte. „Ausgewogenes Wetter. Land der Dichter und Denker. Und eine Frau an der Spitze.“ „Germania?“ Zeus runzelte die Stirn. Auch wenn seine Lieblingstochter den Vorschlag gemacht hatte, konnte er sich Besseres vorstellen. „Ein hässliches Volk. So roh und schmutzig und gewalttätig.“ Ares hingegen lächelte. „Zwei große Kriege …“ „Auf keinen Fall!“ Zeus hob drohend die Faust. „Wir brauchen Stabilität. Keine Konflikte.“ Ares schmollte. Zeus räusperte sich. „Und die Frauen der Germanen. Riesig und mit Fellen bekleidet.“ Hermes beugte sich vor, um Zeus ins Ohr zu flüstern. „Nein, lieber Vater. Inzwischen sind die Germanen zivilisierter. Einige der schönsten Frauen der Welt, sie nennen sie Topmodels, sind von dort. Hast du denn die Filme nicht gesehen?“ „So sei es.“ Zeus erhob sich und ließ einen gewaltigen Blitz über den zer-störten Olymp zucken. „Wir ziehen nach Germania.“ „Wohin genau, bitte?“ Hera musterte ihren Gemahl mit skeptischer Miene. So eine schnelle Entscheidung hatte sicher etwas mit Frauen zu tun. „Germania hat einige große Städte.“ „Wenn ich einen Vorschlag machen dürfte, edle Hera.“ Hermes verbeugte sich vor ihr. „Ich werde uns einen Menschen suchen, der uns dabei unterstützt. Einen Menschen, der uns den Weg in die neue Welt weist.“ Zeus schaute seine Gemahlin an. Hera nickte. „So sei es! Hermes, reise als unser Bote und finde den Menschen, der uns dienen wird.“


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