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Belletristik
Buch Leseprobe KALTGESCHMINKT, Rona Walter
Rona Walter

KALTGESCHMINKT


Eine Bestatter-Horror-Satire der besond. Art

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Ich schrecke auf, spüre eine Präsenz in meinem Rücken.


Scheinbar hat mich die Arbeit an meiner Grabplatte so stark eingenommen oder ich bin über dem lächerlichen Schriftzug eingeschlafen.


Vorsichtig luge ich über meine Schulter.
Aha.
Man hat also erneut den Weg zu mir gefunden. Willkommen.
Ich erkenne zuerst niemanden.
Die lange, zermürbende Zeit in Einsamkeit hat mich ver-


ändert.
So, schätze ich, ist das Leben nun einmal. Es formt und


nimmt einem etwas und gibt dafür etwas anderes. Gewiss finde ich es irgendwann heraus. Nebelig zeichnet der Qualm der selbstgedrehten Figuren in die abgestandene Luft und die Droge darin in meinem Kopf.


Da.
Ein Fremder steht vor mir.
Dieser selbstsichere Hund dringt so zart und lautlos in


fremde Häuser, dass es mir vor ihm grauen müsste. Sein kinnlanges dunkles Haar lässt das Gesicht im Schatten.


»Ich tippe auf geprellte Witwe oder erboste Geliebte«, meint er mit einem Kopfnicken in Richtung der Grabplatte.


Ich bewege mich nicht. Besser abwarten, was er will.


»Weder noch, ahnungsloser Fremder. Der wurde schon vor langer Zeit unter dem Dreck sittlicher Verrohung ver- scharrt.«


»Bisschen spät«, nuschelt er und insistiert: »Ich habe dich hunderttausend Mal angerufen!«


»Ich vermeide es, ans Telefon zu gehen, wenn ich es kann.«


Fremde, die zu unrealistischen Übertreibungen neigen, sind mir zuwider und das schmälert seine Sympathie ein wenig.


»Was wünschen Sie!«, knurre ich heiser.


Es ist doch töricht, die Gepflogenheiten der Dörfler nach- zuahmen und die Haustür immer unverschlossen zu lassen. Unglaublich dumm ist es dann noch, dies in einer Einöde zu tun. Mein Besucher zuckt die schattenhaften Schultern. Ich erkenne kaum etwas oberhalb seiner Brust, abgesehen von dem glutäugigen Kriegermönch auf dem Shirt, das um seinen Körper schlottert, unter dem mir »Blind Guardian« entgegenspringt, und dem matten Glanz seiner Lederhose. Aber er macht einen freundlichen Eindruck. Also erinnere ich mich, wie man grinst, und schenke ihm eine dieser menschlichen Grimassen.


Endlich reicht er mir zur Begrüßung die Hand und ich bin plötzlich glücklich über sein unerwartetes Eindringen.


»James Beastly aus Hamburg. Schön dich kennenzuler- nen, Alter. Aber du solltest mal deinen Namen über dem Eingang aufhängen. Kein Mensch weiß sonst, wer in dieser Geistervilla wohnt. Oder ob überhaupt«, raunt er verschwö- rerisch.


»Wozu? Jeder, der zu mir muss, weiß, wo er mich findet. Außerdem habe ich Visitenkarten.«


Ich reiche ihm ein graues Kärtchen aus Büttenpapier mit dem schnörkeligen Aufdruck, den man kaum entziffern kann


 


H. McLiod.
Bestatter. Bildhauer bei Bedarf.


 


»Wie, etwas beides?«, fragt er belustigt.
»Wenn der Preis akzeptabel ist«, erwidere ich.
Wir zucken beide die Schultern.
Ich nehme ihm den triefenden Mantel, die ledernen Hand-


schuhe und den Schal ab und hänge ihn vor den müde fla- ckernden Kamin.


Seit ich eingezogen bin hängt eine graue wolkenartige Masse über dem Anwesen, von der aus abwechselnd Regen jedweder Stärke oder klebriger Schnee niedergehen. Somit weiß ich wenigstens wann es Winter wird. So oft gehe ich nun auch wieder nicht hinab ins Dorf.


Ich reiche ihm ein Glas des bitteren hauseigenen Weines, den ich sozusagen geerbt habe, und er verzieht erwartungs- gemäß das Gesicht.


»Scheußlich.«
»Danke.«
»Nicht schlecht dieser Tempel. Hast du selbst renoviert?« »Ja. Die ersten beiden Tage habe ich den Müll verbrannt.« »Den Müll? Zwei Tage?«, ruft er belustigt aus. »Was war


das denn? Das halbe Inventar?«
»Unter anderem. Strapse, besudelte Kissen, Flaschen ...


Ziemlich wildes Treiben hier. Nur ein Raum im Oberge- schoss war unberührt.«


James Beastly rutscht auf dem alten Sessel hin und her, ehe er das kitschige aber notwendige Armdeckchen fort- wirft.


»Und? Hast du eine Schatzkammer gefunden?«
Mein armer, kapitalistischer Freund.
Ich schüttle mitleidig den Kopf, was er als geheimnisvoll


auslegt und mich unter verschwörerisch gesenkten Brauen spitzbübisch ansieht.


»Beinahe. Ein Damenzimmer«, flüstere ich.


Er lässt sich enttäuscht zurücksinken und setzt eine feine Opiumwolke frei.


»Himmel! Bist du auf der Jagd nach dem Drachen? Das Zeug wird doch seit Conan Doyles Ära nicht mehr ge- raucht«, hustet er und wedelt hektisch mit der Hand.


Abstreiten kann ich das eigentlich nicht, zu häufig schnüffle ich an dem abgetragenen Stoff nach den feinen Resten, dennoch schüttle ich den Kopf. »Schmuck. Kleider. Korsagen. Von einer sehr feinen Lady wenn du mich fragst.«


Sein Interesse ist geweckt. Er reckt sich mir entgegen.


»Kann ich es sehen?«, fragt er gierig und fällt beinahe aus dem Sessel. 



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