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Belletristik
Buch Leseprobe Japanische Abwege, Joachim Eitel
Joachim Eitel

Japanische Abwege



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Kulturschock


 


Köln  -  Februar 2004



„Business ist Krieg!“ Takeshi Itô hatte diesen Spruch schon vor ein paar Jahren gebracht. Es war während Martin Brandlaus erster Besprechung mit dem Verkaufsleiter der Partnerfirma. Die Worte passten zu Itô-san. Mit seinem gänzlich unbehaarten Haupt, der Nickelbrille, und vor allem durch seinen stocksteifen Gang wirkte er wie einer der Generäle in alten japani­schen Kriegsfilmen. Inzwischen hatten sich Martins anfängliche Befürch­tungen aber verflüchtigt, es könnte sich bei Itô um einen dieser Ewiggest­rigen handeln, von denen es auch in Japan noch viel zu viele gab. Martins Gesprächspartner wollte seine Bemerkung damals wohl ausschließlich so verstanden wissen, dass auch im Geschäftsleben immer alles von der präzi­sen Lagebeurteilung und einer darauf abgestimmten Strategie abhängt.


Hier im Besprechungsraum bei Huber & Huber sollte Itô-san nun erken­nen, dass so ein Krieg auch seine Opfer fordert – persönliche Opfer.


Gut, Martin hätte dies durch eine einfache Warnung verhindern können. Aber er rechnete ja selbst nicht damit, dass die Frauen auch die Bespre­chungsräume heimsuchen würden. Und dann ging der gesamte Überfall zu schnell, als dass Martin noch etwas hätte erklären können.


Wahrscheinlich hätten seine Kolleginnen sogar vom Gast aus Fernost ab­gelassen, wenn Martin sie darum gebeten hätte. Doch Martin drohte ja das gleiche Schicksal. Er selbst konnte unmöglich seinen eigenen Kopf aus der seidenen Schlinge ziehen, und so entschied er, in den wenigen Sekunden die ihm blieben, dass es auch Itô-san nicht besser ergehen sollte. Bei einem japanischen Kunden hätte er sicher noch die Notbremse gezogen. Seine Firma und Tetsumasu Industries betrachteten sich aber als gleichgestellte Partner. So würde eben Itôs schöne Christian-Dior-Krawatte dran glauben müssen. Gemeinsame Verluste schweißen zusammen, das war Martins Logik.


Der japanische Besucher hingegen dachte gar nichts. Jedenfalls legte sein Gesichtsausdruck den Schluss nahe, das Innere seines kahlen Kopfes habe jegliche Aktivität just in dem Moment eingestellt, in dem völlig unvermit­telt ein Dutzend singender Meerjungfrauen in den viel zu engen Raum stürmte. Itô-san starrte nur noch auf die nackten, fotorealistisch aufge­druckten Brüste, mit denen die Huber-Frauen dieses Jahr in einer beson­ders gelungenen Kostümierung durch die Firma zogen. Mehr irritiert als amüsiert verfolgte der Verkaufsleiter der Partnerfirma, wie eine der Meer­jungfrauen – durch die angenähte Schwanzflosse glich ihre füllige Statur der eines schwangeren Buckelwalweibchens – eine Schere zückte und ohne viel Aufhebens Martins Krawatte entmannte. Itôs Ausdruck wechselte von ungläubig verwundert ins Panische, als es auch ihm an den Kragen ging. Martin konnte schwer einschätzen, ob er nun starr vor Schreck war, oder ob er bewusst, Martins Beispiel folgend, auf Widerstand verzichtete. Dabei hatte der Japaner noch großes Glück, denn es war die immer etwas kokette, blondlockige Anna-Lena, die sich traute, Itôs Binder aus edelster Seide zu zerschneiden und ihm dann das erste Bützche aufzudrücken.


Ob es wohl in Japan eine Art Fettnäpfchenführer für Deutschland gab, mit dem sich Geschäftsreisende auf kulturelle Besonderheiten, wie Weiber­fastnacht in einer Kölner Firma, vorbereiten konnten? Falls es den gab, Itô-san hatte ihn sicher nicht gelesen, und selbst wenn, dann hätte er das hier dennoch nicht für möglich gehalten. Eigentlich wäre es Martins Aufgabe gewesen, seinen Gast im Vorfeld aufzuklären. Bei der Planung der Dienst­reise, die nicht zufällig auf diesen Termin gelegt wurde, hatten sie jedoch nur über den Rosenmontag gesprochen. Itô-san freute sich schon darauf, die Parade mit vielen geschmückten Wagen zu verfolgen. Er ahnte nicht, dass er bereits ein paar Tage zuvor dieses Karneval-Matsuri, wie er es nannte, ganz hautnah und auf diese Art und Weise erleben würde. Martin, der inzwischen in Japan lebte, hatte ja selbst nicht mehr an Weiberfast­nacht gedacht, als er heute Morgen im Hotel eine seiner besten Krawatten umgebunden hatte. Jetzt aber hing deren untere Hälfte als Trophäe am Dreizack der Neptunmatrone aus der Buchhaltung. Sie führte die bereits leicht angetrunkene Frauenschar an und gab nun das Kommando zum Leeren der Gläser. Diese waren mit einer weißlichen Flüssigkeit gefüllt, die schmeckte, als bestünde sie aus gezuckerter Kondensmilch und Schei­benreiniger. Noch während das widerwärtig süße Zeug Martins Kehle hinabrann, begannen unzählige, nach eben diesem Fusel riechende Frau­enmünder die zwei Verhandlungspartner mit einem wahren Bützchen­bombardement zu überschütten.


Martin Brandlau schaute durch die entspiegelten Gläser seiner Brille zur anderen Seite des Besprechungstischs und dachte an die Geschichten zum Thema Kulturschock Japan, mit denen er seine deutschen Freunde immer unterhielt. Was würde Itô-san, der nun alles hilflos über sich ergehen ließ, nach seiner Rückkehr über Deutschland berichten?


Martin dachte auch an Yoshiko. Würde sie ihm glauben, dass ihr liebe­voll ausgesuchtes Weihnachtsgeschenk heute einem deutschen Brauch zum Opfer gefallen ist?


 


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