Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern



Kategorien
> Belletristik > Jan´s zweite Chance in Dunersand
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Belletristik
Buch Leseprobe Jan´s zweite Chance in Dunersand, Elia Lee Jones
Elia Lee Jones

Jan´s zweite Chance in Dunersand



Bewertung:
(11)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
172
Dieses Buch jetzt kaufen bei:

oder bei:
erhältlich ausschließlich bei amazon
Drucken Empfehlen

 


Sie passt nicht hierher. Wirklich nicht. Kommt mit Stöckelschuhen und bemalten Nägeln zum Leuchtturm. Was denkt die, was das hier ist? Sie stelzt die wenigen Stufen zum Eingang hoch, streckt die Hand aus und sagt: »Ich bin Charlotte.«


Mein Gott, was für ein altbackener Name. »Jan«, antworte ich und ignoriere ihre Hand. »Ich schlage vor, wir beginnen mit einer Führung.«


»Gern«, erwidert sie, ich drehe mich um und gehe vorweg. Ich werde geschäftsmäßig bleiben und das Wissenswerte runterspulen, so als wäre sie einer der Besucher. Spätestens um Mittag bin ich hier raus! »Dieser Leuchtturm wurde 1872 erbaut, nachdem vor den Sandbänken der Küste vier Schiffe gestrandet sind. Das Besondere hier ist, dass der Leuchtturm aufgrund der schlechten Erreichbarkeit gleichzeitig das Zuhause des Leuchtturmwärters war und ja heute auch wieder ist. Seit 1972 ist der Leuchtturm Teil des Naturparks Wattenmeer.«


Vor ihr gehe ich durch das Erdgeschoss, in dem sich neben dem Hauptraum eine kleine Einbauküche und ein abgetrenntes Bad befinden. Ich erkläre ihr alles mit ausladender Gestik. Warum will ich Eindruck schinden?, überlege ich, finde aber so schnell keine Antwort. Überall steht Nippes herum, sie hebt ein Windlicht in der Form eines Leuchtturms hoch und betrachtet es von allen Seiten.


»Ja, das muss ich noch erwähnen. Jeder Leuchtturmwärter sollte ein persönliches Andenken zurücklassen, das etwas mit seiner Arbeit hier zu tun hat.«


Sie schaut mich an. »Ein Windlicht. Sehr originell.« Sie dreht den Becher in ihren Händen, betrachtet die Unterseite und lacht.


»Made in China«, liest sie vor.


Im Regal über der Küche stehen mehrere Leuchtturmbecher. Zum Glück nimmt sie keinen von denen hoch. Sie schlendert weiter, als wäre sie beim Shoppen. Krass.


Ich räuspere mich. »Wenn Sie mir in den ersten Stock folgen wollen?«


»Kannst ruhig du sagen«, antwortet sie vergnügt und tänzelt hinter mir die 78 Stufen hoch. Das Treppenhaus ist ohnehin schon eng, und nach oben hin werden die Tritte immer enger. Wir kommen in den ersten Stock, eine Art Zwischengeschoss. Für mehr als ein Bett und einen Bauernschrank ist hier kein Platz. Die Morgensonne scheint durch eines der vier kleinen Fenster und zaubert einen Lichtvorhang vor das Bett. Staubflocken tanzen durch das Licht, schweben manchmal, als würden sie von einer unsichtbaren Kraft nach oben getrieben, immer im Takt eines Luftzugs, bis sie auf den Boden sinken und durch neue Tänzer ersetzt werden. Ich bin davon gebannt, als würde ich es das erste Mal sehen.


»Und Besucher kommen auch hier vorbei?«, fragt sie.


»Ja, wer möchte, bekommt eine komplette Führung. Die meisten interessieren sich jedoch nur für das Lampenhaus. Allerdings war hier auch mal ein Besucher, der sich aufs Bett geworfen hat, um die Matratze auszuprobieren. Als ich ihm sagte, dass ich hier wohne, ist er schnell wieder aufgestanden.«


Mit einem lauten »Ah« wirft sie sich auf das Bett. Wirklich zum Kotzen.


»Nicht schlecht, vor allem nicht zu weich«, sagt sie.


Wortlos gehe ich die 48 Stufen hinauf ins Lampenhaus. Kurz nach mir kommt sie oben an. Sie schaut aus der verglasten Kuppel auf das Meer. Ich gebe ihr ein bisschen Zeit. Der Ausblick haut einen immer um.


50 Meter unter uns sieht man die leichte Dünung, die an den Strand läuft. Jetzt ist Flut, sodass der Strand nicht so breit ist wie sonst. Die Saison hat angefangen, und er sieht gepflegt aus. Jeden Morgen pünktlich um sechs Uhr fahren Mitarbeiter der Kurverwaltung mit umgebauten Schneepflügen über den Strand und laden alles auf, was beim Sieben zwischen den Metallschiebern hängen bleibt.


»Wow«, ruft Charlotte.


Ich schaue ihr ins Gesicht. Das Meer spiegelt sich in ihren Augen. Ich beobachte sie dabei, wie sie das Panorama entdeckt. Es gibt so viel zu sehen, dass sich ihre Augen immer wieder nach links und rechts bewegen. Ich räuspere mich.


»Charlotte. Man erwartet von uns, dass wir auch notwendige Reparaturen vornehmen. Soll ich dir erklären, wie das hier oben funktioniert?«


»Nur keine Hemmungen, ich bin Kfz-Mechanikerin, ich werd‘ das schon kapieren.«


Ich stutze.


»Ist das eine Fresnel-Linse?«, fragt sie.


Für einen Moment halte ich inne.


»Bist wohl kein Techniker?«, ergänzt sie mit einem Lächeln.


Ich übergehe das. Soll sie doch denken, was sie will. Ich erkläre den Lampenwechsel. Dabei ist eine ganze Reihe von Schritten nacheinander auszuführen. »Hast du das verstanden?«, frage ich, bereue das aber sofort, ich klinge vermutlich wie ein Idiot. »Sorry, ich meine, hast du noch Fragen?«


»Nee, hört sich logisch an. Wer hat dir das denn beigebracht?« »Mein Vorgänger, ein pensionierter Physiklehrer. Ich war damals so aufgewühlt und habe kaum etwas mitbekommen, obwohl er mich es üben ließ. Direkt in der zweiten Nacht ging dann die Lampe kaputt. Dann erklingt durch das ganze Gebäude ein heller Pfeifton. Ich war so durcheinander, dass ich nicht mehr wusste, was ich nun genau machen musste. Schließlich rief ich meinen Vorgänger an. ›Die Lampe ist aus‹, brüllte ich in den Hörer. Ich hatte ihn wohl aus dem Tiefschlaf geholt, denn nach einigen Sekunden Schweigen fragte er: ›Welche Lampe?‹«


Wir lachen beide, und ich habe den Eindruck, Charlotte hält sich dabei zurück, als wolle sie mich nicht kränken, da die Geschichte ja auf meine Kosten geht. Nach einer Stunde haben wir uns alles angesehen und gehen wieder nach unten. Ihre Schuhe hat sie ausgezogen und läuft jetzt barfuß.


Im Gehen singt sie leise ein Lied. Ich kenne die Melodie, sie ist von einem Kinderlied, komme aber nicht auf den Titel. Der Text passt überhaupt nicht:


 


         Im Leuchtturm brennt noch Licht,


         Und alle sind erpicht,


         Und siehst du nur den Schimmer,


         Drückt jemand wohl den Dimmer.


 


Ich drehe mich zu ihr um und schaue sie wohl ziemlich verdutzt an, jedenfalls lacht sie unvermittelt.


»Tut mir leid, ist mir gerade so eingefallen.«


Sie erspart mir weiteren Text und summt nur noch die Melodie vor sich hin. Wir gehen hinaus zum Generator ins Nebengebäude. Ich rede und rede ohne Unterlass, und als ich auf die Uhr schaue, ist es schon Mittag.


Wir gehen zurück in die kleine Küche. Ich setze einen Tee auf, den ich in einer Leuchtturmkanne und mit Leuchtturmbechern serviere. Wir setzen uns auf zwei Klappstühle, die vor dem Leuchtturm stehen. Auf einen kleinen Plastiktisch stelle ich den Tee und die Tassen. In dem Jahr hier habe ich es nicht mal geschafft, mir ordentliche Gartenmöbel zu kaufen. Traurig. Eine Weile schweigen wir und schauen auf die Küste, die Salzwiesen und die entfernt blökenden Lämmer. Es ist ein Frühlingstag wie aus dem Bilderbuch: Kleine weiße Schäfchenwolken ziehen an einem blauen Himmel vorbei, Flugzeuge hinterlassen lange Kondensstreifen, und es weht eine leichte Brise, in der die jungen Blätter rascheln. Mitten in der Landschaft steht der rot-weiß gestreifte Leuchtturm, solide aus Backstein gebaut, der sich in den Himmel reckt.


»Ich hab noch was vergessen«, sage ich, gehe rein und komme mit einem in Leder gebundenen Buch zurück. Ich halte es ihr hin.


»Was ist das?«, fragt sie und nimmt es. Fast gleitet es ihr aus der Hand, so schwer ist es.


»Das ist eine Chronik. Jeder Leuchtturmwärter hat hier auf einer Doppelseite aufgeschrieben, was ihm wichtig war oder was er seiner Nachwelt hinterlassen wollte.«


Sie stellt ihre Teetasse ab und blättert in dem Buch. Manches ist nicht mehr richtig lesbar oder ausgebleicht, insbesondere dort, wo mit Tinte geschrieben wurde. Ein Leuchtturmwärter hat seltsame Gedichte hinterlassen, fast so seltsam wie ihr Lied.


Sie liest sich einige der Gedichte durch und lacht. Schließlich kommt sie zur letzten Seite. Ich muss nicht hinsehen, ich weiß, was dasteht. Ich versuche, abzulenken:


»Warum hast du dich denn für den Leuchtturmjob entschieden?«, frage ich.


Sie schaut von dem Buch hoch, klappt es zu, nimmt ihre Teetasse in die Hand und blickt auf die Dünen. Mit den Augen suche ich den Weg ab, der zu dem Leuchtturm führt. Besucher kann man schon lange vor ihrer Ankunft auf dem sich durch die Salzwiesen schlingernden Weg sehen. Auch bei schönem Wetter kommt es vor, dass an einem Wochentag wie heute niemand den langen Weg auf sich nimmt. Doch jetzt nähert sich eine Gruppe, vermutlich eine Familie. Ich zeige auf sie.


»Von dort sind es noch ungefähr 2 Kilometer. Es sieht näher aus, aber da sich der Weg schlängelt, zieht es sich. Meistens wette ich mit mir, ob jemand die ganze Strecke geht. Aus irgendeinem Grund halten Familien eher durch als Einzelpersonen. Ich setze einen Kaffee aufs Durchhalten.«


Charlotte steht auf und betrachtet die Personengruppe.


»Zu verspielt. Die schaffen es nie«, sagt sie und setzt sich wieder.


Eine Weile schweigen wir. Früher wurde mir dann immer unbehaglich, ich dachte dann, ich gelte als langweilig, wenn ich nichts sage. Eine kleine Ewigkeit sitzen wir da, Charlotte dreht den Teebecher in ihren Fingern, so als wolle sie sich daran wärmen, bevor sie ihn schließlich abstellt.


»Warum willst du eigentlich Leuchtturmwärter werden? – Wegen der tollen Bezahlung?«, frage ich sie.


Sie nimmt ihre Teetasse wieder in die Hand und beginnt erneut, sie in ihren Händen zu drehen.


»Wie viel Zeit hast du?«, entgegnet sie lachend. Ohne meine Antwort abzuwarten, spricht sie weiter.


»Ich habe in dem Kfz-Betrieb meines Vaters gearbeitet. Ein Betrieb, den schon sein Großvater als Motorradwerkstatt betrieben hat. In den Schulferien half ich im Lager, und alle neckten mich, da ich die Tochter des Chefs war. Nach der Schule machte ich eine Ausbildung als Kfz-Mechanikerin, verliebte mich in einen der Meister und zog mit ihm zusammen. Es brauchte eine Weile, bis wir uns daran gewöhnt hatten, dass er im Betrieb mein Chef war und zu Hause nicht. Gleichzeitig war ich jedoch die Tochter des Chefs und so waren alle vorsichtig im Umgang mit mir, obwohl ich, zumindest nach meinem eigenen Empfinden, keinen Vorteil aus meiner Stellung zog.


Seit ich den Betrieb kannte, gab es immer mehr zu tun, als wir schaffen konnten. Dann kam es immer häufiger zu kleineren Pausen, zunächst ganz unspektakulär, wir freuten uns, dass der Arbeitsdruck nachließ, einmal feierten wir am späten Nachmittag spontan den 108. Geburtstag des Unternehmens. Ich holte meinen Vater hinzu, doch der schaute mich nur fassungslos an, hob die Arme, so halb zum Gruß und zog sich in sein vollverglastes Elfenbeinbüro zurück. Schließlich wurden die Leerzeiten immer häufiger, und bald gab es Tage, an denen nach Mittag nicht mehr viel zu tun war. Wenn ich fragte, wiegelte mein Vater immer wieder ab, sprach von solider Kundenbasis und großem Bestand. Und so war ich überrascht, als wir eines Tages, Knall auf Fall, pleite waren. Ich glaube, mein Vater hat sich selbst lange etwas vorgemacht, aber letztlich hat ein Lieferant ein Insolvenzverfahren angestrengt.« Sie nimmt einen Schluck aus der Tasse und schaut auf das Land hinaus.


Die Familie auf dem sich schlängelnden Weg kommt nun langsamer voran. Sprangen die zwei Kinder anfangs immer noch um ihre Eltern wie junge Hunde herum, bleiben sie jetzt einige Meter zurück. Offenbar diskutieren sie mit den Eltern. Der Vater zeigt zum Leuchtturm, vermutlich sagt er, dass es ja nicht mehr weit sei. Charlotte fährt fort:


»Irgendwann kam ein Insolvenzverwalter, und Wochen später ging dann alles ganz schnell. Als ich eines Abends nach Hause kam, war mein Verlobter verschwunden. Es war alles da, außer seinen Klamotten, dem Laptop und einigen persönlichen Dingen. Abends erhielt ich dann eine SMS von ihm. Er müsse etwas Abstand bekommen und herausfinden, was er nun machen wolle, stand darin. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Tolle Art, Schluss zu machen.« Mit Wucht stellt sie ihren Becher auf den kleinen Tisch, über den Becherrand kippt etwas Kaffee auf den Tisch. Sie scheint es nicht zu bemerken und mich stört es nicht.


»Einige Tage später las ich dann in der Zeitung: ›Leuchtturmwärter für ein Jahr.‹ Ich habe mich sofort beworben.«


Mittlerweile sind alle Familienmitglieder auf dem Weg stehen geblieben. Schließlich drehen sie um und gehen langsam zurück.


»Ein Kaffee für mich«, sagt Charlotte triumphierend und trinkt den Rest ihres Tees. Mit einem gespielten Stöhnen stehe ich auf, gehe in die kleine Küche, setze einen Kaffee auf und komme wenig später mit zwei Bechern wieder heraus. Ich bin verwirrt von ihrer Offenheit. Aber letztlich habe ich sie ja gefragt.


Sie blättert wieder in dem Buch. In der ersten Hälfte.


Die Familie ist mittlerweile schon an der Biegung, hinter der man sie gleich nicht mehr sehen kann. Ich schaue auf das Meer, mit dem Rücken zu Charlotte.


»Was wirst du denn jetzt machen, wo dein Job hier vorbei ist?«, fragt sie.


»Ich weiß nicht«, höre ich mich sagen und bin selbst erschrocken, dass ich mich so wenig vorbereitet habe.


»Ich bleibe vielleicht noch einige Tage hier in einer Pension, aber vermutlich gehe ich dann zurück nach Hamburg. Da habe ich noch eine Wohnung.«


Ich hatte eigentlich vor, nach meiner Zeit hier im Leuchtturm zurück in meine Wohnung und meinen Job zu gehen. Aber das ist mir mittlerweile so fremd, dass ich mir das im Moment nicht mehr vorstellen kann.


»Ich war mal kaufmännischer Leiter einer Werbeagentur«, plappere ich los, weiß noch nicht, wie ich den Satz beenden soll.


 Charlotte schaut mich an und schweigt. Obwohl sie offensichtlich gerne redet, scheint sie zu wissen, wann es besser ist, die Klappe zu halten.


Ich merke, dass ich verkrampft auf meinem Hocker sitze. Ich stehe auf, lockere die Muskeln und sage:


»Um ehrlich zu sein, ich habe mir noch nicht so viele Gedanken gemacht, was ich nun machen werde. Ich denke, ich lass es auf mich zukommen.«


Ich schaue in die Ferne und entdecke einen einzelnen Mann mit einem Wanderstock und einer Seglermütze, der stramm den Weg entlangläuft.


»Der schafft das nie«, rufe ich und zeige auf den Weg hinaus.


»Ich halte dagegen«, erwidert Charlotte fröhlich.



Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2020 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 3 secs