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Irgendwas, das bleibt


Hinterhältig Gegenwärtiges

von Peter J. Scholz

belletristik
ISBN13-Nummer:
9783942614245
Ausstattung:
Paperback, 168 Seiten, 25 Geschichten und 3 Gedichte
Preis:
12.50 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Edition Paashaas Verlag
Kontakt zum Autor oder Verlag:
scholley007@web.de
Klappentext

25 Geschichten und 3 Gedichte von Peter J. Scholz - das Erstlingswerk des Autors, der bereits mit dem "Literaturpreis der Stadt Moers" ausgezeichnet wurde.

Alte Liebe rostet nicht?

Oft sind es gerade Kleinigkeiten im Alltag, die einem zeigen, worauf es im Leben eigentlich ankommt. Ein unerhofftes Lächeln eines kranken Kindes, jemand, der Mut zuspricht oder aber die harmlosen Liebesperlen, die das ganze Leben beeinträchtigen können.
Peter J. Scholz schreibt in seinen Geschichten über genau diese Begegnungen. Menschlichkeit und Wärme finden in den Kurzgeschichten Platz, aber auch Spannung und Hinterhältigkeit. Nehmen Sie sich Zeit zum Abschalten und Nachdenken, zum Lächeln und Grübeln.

Rezension

Eine Ansammlung von Kurzgeschichten, die direkt ins Herz und ins Hirn gehen. Spannend, unterhaltsam und auch humorvoll. Der Autor ist nicht umsonst Literaturpreisträger der Stadt Moers im Jahr 2008 geworden. Und seitdem hat er sich noch weiterentwickelt! Ich habe selten ein Buch gelesen, dass so natürlich und menschlich ist, wie dieses. Ganz ohne erhobenen Zeigefinger präsentiert er seine Texte und trägt damit zu einer etwas besseren Welt bei. Gerade die beschriebenen Alltagssituationen machen die Geschichten so glaubwürdig und brennen sich unwiderruflich ins Gedächtnis ein.

Leseprobe

 

Leseprobe: Peter J. Scholz
Irgendwas, das bleibt – Hinterhältig Gegenwärtiges
Edition Paashaas Verlag
ISBN:  978-3-942614-24-5
Paperback, 168 Seiten, 12,50 €
Neuerscheinung August 2012

Die Schule ist aus

Es ist kurz vor dem Klingeln, als plötzlich die Klassentür aufgeht. Gerade noch habe ich die anwesenden Schüler der 8d mit Anekdoten aus meiner Referendarzeit gefüttert, nur um die schon am Boden liegende Aufmerksamkeit noch ein wenig mehr zu motivieren, da betritt Anselm den Raum.
Wer ist so verblendet und nennt sein Kind Anselm?
So gegen jeden Trend? Irgendwie ist diese Assoziation augenblicklich da — kann nichts dagegen tun — es passiert schon in dem Moment, indem ich ihn sehe. Und dann — unwillkürlich — der Gedanke: „Das muss ein Scheißleben sein, mit so einem Namen!"
Eine solche elterliche Entscheidung bereitet den Nährboden für ein Leben in der schulischen Vorhölle auf Jahre hinweg. Die Gedankenkette kommt ins stocken, als ich die Pistole sehe, die Anselm mitgebracht hat.
Noch zeigt der Lauf der Waffe zu Boden, aber der springende Punkt ist: Er hält sie in der Hand!
Nicht allzu viel Spielraum...
Ein erschreckter und zugleich überraschter Laut entfährt Mirja, die vorne zum Pult hin ihren Platz hat.
„Anselm...", beginne ich um ein wenig... ein wenig was?
Zu deeskalieren? Hier gibt es nichts zu deeskalieren. Weiterhin zeigt die Waffe zu Boden.
In meinem geschulten Kopf spielt sich in Sekundenbruchteilen das seit Columbine in allen Medien propagierte Horrorszenario ab: Bilderfetzen, die von einem alles überlagernden Klangteppich aus schreien, weinen, wimmern, stöhnen und da zwischen gebellten Kommandos miteinander verbunden werden.
Und dann fallen Schüsse...
„Hallo zusammen!"
Anselms ruhige Stimme zerreißt den Bildersturm, den mein Gedächtnis auf die Innenseite meiner Netzhaut projizierte.
„Ich wollte mich nur für die letzten Schuljahre bedanken, bevor wir alle in die Ferien verschwinden."
Er lächelt bei diesen Worten.
Der Pistolenlauf zeigt weiterhin zu Boden.
Die von Mirja ausgelöste Unruhe hat sich in den wenigen vergangenen Augenblicken wellenförmig im Klassenzimmer ausgebreitet.
Es dauert nur wenige Momente, bis der Wechsel von Unglauben zur Realisation des Geschehens bis zur Angst und der daraus resultierenden Panik erreicht ist.
Na gute Nacht, schießt es mir durch den Kopf!
„Herr Breuer! Tun Sie doch was! Er hat eine Pistole!”
Kevins überkippende Stimme rast durch den Raum. Mit ihr fährt das Nach-Luft-japsen von etlichen Klassenkameraden.
„Ääähh, ja..."
Wie blöd ist das denn?
Hier herumzustammeln?
Ich räuspere mich, während ich versuche, lässig vom Pult aufzustehen.
Dies wird als Signal verstanden, es mir gleich zu tun.
In der schlagartig anschwellenden Hektik fallen Stühle um, Schreie erklingen, die anwesenden Schüler und Schülerinnen verwandeln sich in einen kleinen Mob, der Panik und nackte Angst ausschwitzt. Sie drängen nach vorne — nur um schlagartig innezuhalten.
Anselm hat die Waffe auf meinen Kopf gerichtet.
Das muss ein Bild sein: Der Traum eines jeden gedemütigten Schülers.
Die Stampede der Schüler friert augenblicklich ein.
„SETZEN!"
Anselms Stimme ist freundlich aber bestimmt.
Die Kids kommen seiner Aufforderung augenblicklich nach, bis auf zwei Ausnahmen. Die beiden Mädchen, Kassandra und Susanne, sind in einer Starre gefangen.
Ihre Klassenkameraden spüren dies.
Panisches Gemurmel, man zieht an ihren Shirts und Jacken, vorsichtig aber bestimmt. Flüstert beschwörend auf sie ein. Susanne schlägt die Augen nieder, als sie sich endlich wieder bewegen kann. Sie setzt sich.
Kassandra bleibt weiterhin wie angewurzelt stehen.
„Kassandra...“, krächze ich ihren Namen. „Würdest du..."
Sie sieht mich mit tränennassen, wütenden Augen an.
Warum tue ich nichts?, wirft mir dieser Blick vor.
Diese Mischung aus Angst und hilfloser Wut und ihre Ohnmacht, die wie ein Dolch in meine Augen und von dort in meinen Kopf fährt, machen mich sprachlos.
Die Starre weicht von ihr, Kassandra setzt sich.
Stille.
Vereinzeltes Weinen.
„Nun, Herr Breuer?"
Anselms Stimme — fest und sanft zugleich — holt mich wieder zurück.
„Jaaa...", klingt es lahm aus meinem Mund. Irgendwie scheine ich mich zweigeteilt zu haben. Ich stehe neben mir und sehe mir dabei zu, wie ich — die Pistolenmündung am Kopf — mich in selbigen geflüchtet habe. Ich erscheine mir selbst wie eine Marionette, der man die Fäden durchtrennt hat.
Anselm fasst die Waffe mit der freien Hand am Lauf und reicht sie mir.
Ungläubig starre ich auf diese Form der Kapitulation. Der Pistolengriff vor meiner Brust — ich brauche nur zuzugreifen.
Anselm lächelt mich an.
In dem Klingeln, welches das Ende des Unterrichts einläutet, geht seine Stimme beinah unter.
„Sie wissen doch, Herr Breuer. Ihre Aufgabe für diese Stunde: Was bedeutet Macht?"
Für einen Moment muss ich fokussieren, ich ziehe scharf die Luft durch die Zähne ein.
„Wie bitte?"
„Was bedeutet für euch Macht?"
Er sieht mich erwartungsvoll an.
„Habe ich bestanden?"

Die Waffe weiterhin mir dargeboten, klingt seine Frage noch lange nach. Doch die Antwort bleibe ich schuldig.


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Die Made in mir
Manch einer hat die Tiere gern,
ob Hund, ob Katz, ob Kröte,
ein Schmusetier als Augenstern,
das allen Zuspruch böte.
Auch Arachniden, Schlangentier,
sind wahrlich angesehn,
da schlängelt, kribbelt, krabbelt es,
die Halter finden 's schön.
So hat ein jeder im Getier
sein Lieblingsding, das schnurrt,
das Gift absondert, hechelt, schleckt,
doch meistens scheißt und gurrt.
Da wiehert, grunzt und schnaubet es,
als kriegt es das vergütet.
Auch ich hab eine Spezies gern,
die besser eingetütet.
Die Made ist mein Lieblingsvieh,
ist klein, doch effektiv!
Beim ersten Blick sieht man sie kaum.
Sie sitzt meist etwas tief.
Ob tief im Boden oder Fleisch,
ob hinters Baumes Rinde,
da schlängelt, windet, würmt es sich,
wie's öffentlich keiner finde.
Zumeist verspürt man Ekel dann,
find man sie in der Speise.
Ob Kind ob Kegel, Frau und Mann,
die schreien — die Mad schmatzt leise.
Sie dreht und wälzt und windet sich
mit ihren Anverwandten.
Und frisst, vertilgt was fürchterlich
vergammelt, abgestanden.
Und in der Scheiße wühlt sie auch.
Da kennt sie kein Pardon!
Was wir verschmähn, füllt ihren Bauch.
Da kennt sie auch kein NON!
Doch ist von Vorteil ihre Größ'.
Ich hab sie stets dabei.
Pack am Buffet sie ans Gemüs
und hab mein Essen frei.
Denn jeder Gastwirt ist verschreckt,
wenn man ihm präsentiert,
was man im Grünzeug aufgedeckt
und tut dabei schockiert.
So freß ich gratis mich durchs Land,
bekomm noch Geld dabei.
Hab ich mein Kleinvieh rasch zur Hand,
so sind wir sorgenfrei.

Denn erst durch meine Madenzucht
fand ich den Weg für mich.
Ein jeder stets nach sich selbst sucht.
Ich bin als Made ICH.