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Ins ungewisse Sein


von Peter Pitsch

belletristik
ISBN13-Nummer:
9783942200479
Ausstattung:
164 Seiten, Paperback
Preis:
9.90 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Brighton Verlag
Kontakt zum Autor oder Verlag:
Pitsch-Pedersen@privat.dk
Leseprobe

Die Regenwolken zogen nach Osten davon, in der Luft hing ein Geruch von feuchtem Laub und süßem Moder, der aus den Poren uralten Mauerwerks hervordampfte. Vorbei an zwielichtigen Figuren eilten sie mit langen Schritten ins Rotlichtdistrikt; eine grelle Leuchtschrift sandte eine hypnotisierende Botschaft: PEEPSHOW, LIVE. Die Fassade des Etablissements war mit überdimensionalen Grafiken dekoriert: sich verführerisch schlängelnde, halbnackte Frauenleiber. Aus verborgener Quelle entstieg ein ekstatisches Gestöhne. Verstohlenen Blickes schlichen sie über einen schmalen Flur, hinter einer Aneinanderreihung violetter Türen lockte die ultimative Versuchung, der Ruf des Fleisches. Sehnsuchtsvolles, geiles Geflacker in den Augen, drückte Martin eine Klinke und war verschwunden, ein Riegel schnappte und ein rotes Lämpchen entflammte über der Tür. Höchster Erregungszustand! Auch Walter wollte ein Lämpchen zum Leuchten bringen - in der beengenden Kabine roch es nach Desinfektionsmittel, süßlichem Sperma und nach Achselschweiß. Er las die Gebrauchsanweisung an einem Metallkästchen, zwängte ein Fünf-Gulden-Stück in den Münzschlitz und vernahm ein verdächtiges Klirren. Hokuspokus glitt in Augenhöhe eine Klappe aufwärts und gab den Blick auf schwabbelig wogende Hinterbacken frei. Die Frau drehte sich mechanisch, missvergnügt um, drapierte ihren Körper über einen gepolsterten Stuhl, spreizte die Beine und sah den jungen Spanner voller Geringschätzigkeit an. Spitzbübisch tasteten seine Augen über ihr Geschlecht, von dunklem Haarwuchs wild umwuchert. Doch wieder und wieder stierte er in das grotesk geschminkte Gesicht, auf dessen Zügen, allem Hochmut zum Trotz, eine Spur von Bitterkeit lag. 

Hinaustretend auf eine regennasse, Müll umspülte Straße, spielte Martin den Draufgänger. „Wird Zeit, uns ein paar Drogen zu besorgen." Er guckte sich nach allen Seiten um, so als hinge womöglich einer der lichtscheuen Gestalten eine lange Tüte aus dem Mundwinkel. Während der willkürlichen Suche sprachen sie einen umher torkelnden, pestbeuligen Kerl an, eine käsige Bohnenstange mit Dreadlocks, dessen knochige Hand Halt suchend zur nächsten Hauswand flatterte. „Klar! Ich habe noch Trips in der Tasche und Hasch fürn Hunderter", lallte er auf Englisch und blies ihnen seine kotzige Fahne ins Gesicht. Martin schaute den Besoffenen ehrfürchtig an, so als erscheine ihm das Orakel von Delphi höchstpersönlich. „Na prima, nehmen wir alles", posaunte er und händigte dem Zerlumpten mehrere Geldscheine aus. Der weiße Rastafari knüllte das Geld lieblos zusammen und krächzte spöttisch: „Schon gut, schon gut." Mit Siebenmeilenstiefeln suchte er das Heil in der Flucht, nach hundert Metern Schlangenlinie hatte ein nebliger Dunst seine Silhouette verschluckt. Martin bastelte einen imposanten Joint, machte beim Anzünden ein theatralisches Gehabe, und siehe da, in Sekundenschnelle qualmte es infernalisch aus der Tüte und ein abscheulicher Gestank von brennendem Gummi verpestete die Luft. Das Unikum brodelte, sprühte und knallte. Von Rauchwolken umzingelt, kämpfte Martin sich ans Ufer einer Gracht vor; der Pseudojoint landete auf dem schwarz glänzenden Gewässer und zischte ein letztes Mal gehässig. Aus unbestimmter Ferne ertönte das höhnische Gebimmel einer Trambahn.

Klappentext

Regeln, Normen, Zwänge, der ganz alltägliche Wahnsinn, wie wir ihn kennen - wer kann sich diesen lähmenden Kräften entziehen? Wäre es nach seinen unbeirrbaren Eltern gegangen, so hätte Walter als Fußballprofi den väterlichen Traum vollenden sollen, oder wenigstens einen ehrbaren Beruf ergreifen müssen! Doch etwas geht schief, etwas in seinem Innern, der scheuen Seele eines Heranwachsenden, sträubt sich gegen das vorhersehbare Geschick. Kaum achtzehn, beginnt seine wagemutige Odyssee quer durch Europa - alle Sicherheiten in den Wind schlagend, wendet er dem bürgerlichen Dasein endgültig den Rücken. Indes: ihm scheint die Fahrt auf der Gewinnerstraße lange Zeit verwehrt zu bleiben; erst als er Jahre später einen Punkt in seinem Leben erreicht, an dem keine Flucht nach vorn mehr möglich ist, wird ihm die Notwendigkeit einer echten Ambition bewusst. Die temporeiche Suche nach einem tieferen Sinn beginnt mit einem doppeldeutigen Wort: Anschnallen!

Rezension

Der junge Walter passt ganz und gar nicht in das hoffnungsschwangere, aber illusorische Bild, das sich seine Eltern von ihm machen. Statt einen Beruf zu erlernen, treibt er sich mit zwielichtigen Gestalten herum, gerät in den Sumpf der Drogenszene und wird schließlich anlässlich eines aufgetragenen Schmuggels von Haschisch vorübergehend inhaftiert. In den Niederlanden entpuppen sich alle seine Frauenbekanntschaften schließlich als Vertreterinnen des horizontalen Gewerbes. Als Walter in Italien als Schauspieler ins Filmgeschäft einsteigt, muss er auch hier schnell feststellen, dass der Glanz dieser Welt zu großem Teil von Katzengold herrührt. Erst als er das dänische Mädchen Jette kennenlernt und mit ihr nach Dänemark übersiedelt, scheint seine Suche nach einem geeigneten Ankerplatz Erfolg zu haben.
Mit dem Roman "Ins Ungewisse" gelingt Peter Pitsch die grandiose Beschreibung eines unverstandenen Rebellen, der sich im Pool einer unbarmherzigen Gesellschaft lange Zeit mittels zerbrechlicher Strohhalme Luft zu verschaffen versucht. Erst das allmähliche Entsteigen des trüben Bassins ermöglicht es ihm, frei zu atmen und seinen Blick auf die wesentlichen Dinge richten zu können. Und der Autor weiß, wovon er schreibt, denn ein Blick auf seine Kurzvita am Anfang des Buches lässt bereits frappierende Ähnlichkeiten erkennen, die keineswegs zufälliger Natur sind.
So schreibt Pitsch aus eigener Erfahrung und Erinnerung von seinem mit Dornen überwucherten Weg und lässt auch an den entsprechenden Stellen die ihm entgegengebrachten Schimpfworte nicht aus. Schonungslos lässt er die alten Emotionen Revue passieren, sodass der Leser plötzlich und unvermittelt in das Verständnis plötzlicher Stimmungsschwankungen förmlich hineingezwungen wird. Dabei wird man nicht selten jäh überrumpelt, beispielsweise wenn (nach einigen Seiten sachlicher Schilderung) Walter zu nachtschlafender Stunde von der Privatdisco des Nachbarn unsanft geweckt wird und die Toiltte aufsucht, wo er seinen Ärger über den Radau allmählich aufbaut und sich anschließend genervt den "Arsch" abwischt.
Wer die Werke von Peter Pitsch kennt, weiß um die Kompromisslosigkeit seiner Beschreibungen scheinbar alltäglicher Normalitäten, die er mit der Wortgewalt eines Schriftstellerprofis in ein hinterfragendes, zweifelndes und oftmals schizophren anmutendes Zwielicht rückt. Brutal reißt er die Vorhänge nieder, die den Blick auf die Fragwürdigkeiten des Alltags bislang geschickt verbargen, und er setzt dabei den Leser einer kalten und manipulativen Welt aus, der nur noch wahlweise mit Resignation oder kraftvollen Gegenschlägen begegnet werden kann.
Doch auch Pitsch zeigt hier klar auf, dass die Anstrengung, zur eigenen Mitte zu finden, am Ende belohnt wird. So hatte der dornige Weg auch für ihn ein Ende, und alle Erfahrungen verwandelten sich schließlich in Etappen, von denen jede einzelne ein Stück wertvolles Alchemistengold bedeutet. Der Stein der Weisen liegt in uns selbst - wir müssen lediglich die Kraft aufbringen, zu ihm vorzustoßen.
So wird es für Jeden gute und schlechte Erlebnisse geben. Einige davon lassen sich steuern, andere wieder nicht. Doch eines lässt sich ganz klar sagen: Peter Pitschs "Ins Ungewisse" ist ein Erlebnis; ein Erlebnis, für das man sich entscheiden sollte.

 

(c) J. Mertens