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Indianer im Kopf


von Corinna Behrens

belletristik
ISBN13-Nummer:
9783940611451
Ausstattung:
Paperback, 320 Seiten
Preis:
16.95 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Butze Verlag
Leseprobe

Kapitel 1

 

»Das, was größer ist als wir, lehrt alle Lebewesen, was sie tun sollen. Wir sind wie die Blumen. Wir leben und wir sterben, und aus uns selbst heraus wissen wir nichts.
Aber das, was größer ist als wir, lehrt uns – lehrt uns, wie wir leben sollen.«

(Indianische Weisheit)

 

Das Leben war so ungerecht. Warum nur musste mein Pastor Sander, mein Vaterersatz und bester Freund, in den Ruhestand gehen? Ich blickte auf das Foto in meiner Hand und atmete tief durch. Das Wetter passte zu meiner miesen Laune. Es nieselte aus dem wolkenverhangenen Himmel und für Ende Juni war es zu kalt.

Er hätte in Lütjenstede bleiben können und nicht ins zweihundert Kilometer entfernte Hamburg ziehen müssen. Als Fan des Hamburger Sportvereins wollte er sich die Heimspiele endlich live im Stadion ansehen. Ich verstand das, mir bedeutete der Fußball ja auch viel, denn ich hütete das Tor der Lütjensteder Frauenfußballmannschaft. Aber für so ein paar Fußballspiele brach man doch nicht gleich alle Zelte ab, oder?

Es klopfte an meine Bürotür und Sybille, unsere Buchhalterin, steckte den Kopf herein. »Wir sollen runterkommen«, sagte meine Kollegin aufgeregt und zog die Tür hinter sich zu.

Seufzend hängte ich das Bild zurück an die über meinem Schreibtisch befestigte Magnettafel. Die Büroräume unserer Verwaltung waren im ersten und zweiten Stock des Gemeindehauses untergebracht. Im Erdgeschoss befanden sich das Pfarramtsbüro, der Hauptsaal mit Platz für ungefähr hundert Personen, ein Frühstücksraum mit modern ausgestatteter Küche und ein kleiner Andachtssaal. Ich lief die knarrenden Stufen der Holztreppe hinunter und betrat den Hauptsaal. Dort empfing mich eine sonderbare von Gemurmel durchwachsene Stille. Die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen standen im ersten Viertel des Raumes schweigend da. Ein paar unterhielten sich jedoch mit gedämpfter Stimme und es lag eine greifbare Spannung in der Luft. Ich stellte mich zu Sybille.

»Ich habe ein Bild im Internet gesehen. Er sieht ja echt toll aus!«, flüsterte Ines, die sich zu uns gesellte. Ihr Dekolleté ließ heute mal wieder tief blicken. Ich nickte gedankenverloren. Mir war das Aussehen vom neuen Pastor und seiner Frau ziemlich egal. Niemand konnte meinen väterlichen Freund Sander ersetzen. Ich vermisste ihn schon jetzt.

»Sie sind da!«, wisperte Ines und trat von einem Fuß auf den anderen. Ich sah zur Tür. Da standen sie und während mein Blick über ihn nur hinweg glitt, beschleunigte sich beim Anblick der anderen Person mein Atem. Die Frau trug ein cremefarbenes Kleid, das ihr über die Knie reichte und dezente Schuhe, die sie größer wirken ließen, als sie war. 

Hammer, die sieht ja toll aus, dachte ich. Sie war schlank, beinahe zierlich, aber nicht auf zerbrechliche, sondern auf eine drahtige Art und Weise. Die hohen Wangenknochen prägten ihr ovales Gesicht. Sie hatte herrliche mandelförmige, blaue Augen. Ihre vollen Lippen waren ungeschminkt. Sie strich sich mit der einen Hand eine blonde Strähne hinter das Ohr, mit der anderen hatte sie sich bei ihrem Mann untergehakt, der ein wenig zu selbstsicher wirkte. Ihr Blick streifte kurz den Saal, um sich dann Pastor Reese, dem dienstältesten Geistlichen unserer Gemeinde, zuzuwenden. Sie zog lächelnd die untergehakte Hand hervor und begrüßte Reese. Ihr Mann trat ein, zwei Schritte vor, knöpfte sich dabei galant die Anzugjacke zu und zog seine violette Krawatte zurecht, während er seinen Blick mit geradem Kinn durch den Raum schweifen ließ. 

Ich wurde von beiden Seiten angestupst. Sybille und Ines starrten mit offenen Mündern auf unseren neuen Pastor. Einen Moment lang befürchtete ich, sie würden in Ohnmacht fallen. Man konnte die Ähnlichkeit nicht übersehen. Grauer Schimmer in den dichten kurz geschnittenen Haaren, ausgeprägte Kinnpartie, hochgezogene Augenbrauen, charmantes Lächeln. Der Neue war ein Abbild des Schauspielers George Clooney. Hoffentlich fragen sie ihn nicht nach einem Autogramm, schoss es mir durch den Kopf.

Alles war für einen standesgemäßen Empfang angerichtet, mit Sekt und kalten Platten. Es fehlten nur noch der ausgerollte rote Teppich und eine Schar kreischender Fans – aber wenn ich so zu Ines schielte, waren die wohl gerade nur schüchtern. Doch nicht der Hollywoodstar hielt Einzug, sondern Pastor Huber – der Neue. 

»Ich freue mich, dass Sie alle gekommen sind, um unser Pastorenehepaar kennenzulernen.« Reese sprach bedächtig und leise. Ich musste meine Ohren spitzen, um ihn zu verstehen. »Pastorin Mirjam Huber.« Er zeigte auf die Frau, die zögernd neben ihren Mann trat. Sie stand nur noch vier, fünf Meter von mir entfernt. Als sie lächelte, bildeten sich kleine Fältchen um ihre Augen und ihr Mund entblößte strahlend weiße Zähne. Wow, dachte ich. Die Dame muss ich mir aus der Nähe ansehen.

Ich klappte meinen Mund zu, als um mich herum alle begannen zu klatschen. Ach du meine Güte, seine Vorstellung hatte ich glatt verpasst. Ich beeilte mich, es meinen Leuten nachzutun.

Pastor Huber hob die Arme. »Vielen Dank für diesen herzlichen Empfang.« Seine kräftige Stimme unterbrach den Applaus. Irgendetwas in meinem Körper ließ zu, dass sich eine frostige Gänsehaut auf meinen Armen ausbreitete. War es seine Stimme, die das ausgelöst hatte? Ich senkte den Kopf und schielte dabei zu den Hubers. Sie hatte die Hände gefaltet und sah zu Boden, während er mit einem entwaffnenden Lächeln in die Runde sah.

»Dann wollen wir mal beginnen.« Reese zeigte auf uns. »Ich darf Ihnen die meisten unserer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vorstellen. In unserer Verwaltung arbeiten fünfzehn Personen. Leider befinden sich zwei im Urlaub. Aber alle anderen sind da und freuen sich natürlich, Sie kennenzulernen.« Reese trat an den Anfang der Reihe. Das Pastorenehepaar gab jedem die Hand. Holger Huber trat mit federnden Schritten vor seine Frau.

Während meine Kolleginnen die Augen nicht von ihm ließen, konnte ich, je näher mir die beiden kamen, meinen Blick nicht mehr von Mirjam Huber lösen. Sie schüttelte die Hände meiner Kollegen, lächelte kurz und strich sich dabei immer wieder eine Haarsträhne hinter das Ohr. Mit bedächtigen Schritten folgte sie gesenkten Hauptes ihrem Mann. Sie erinnerte mich an ein scheues Reh, das versehentlich den Wald verlassen hatte. 

Als Pastor Huber vor Ines stand, musste ich grinsen. Ihre Stimme klang viel höher. Sie kicherte und strich sich mit der Hand über ihr Dekolleté. »Ich bin Ihre wichtigste Vertraute hier«, flötete Ines. »Ich arbeite im Pfarramtssekretariat, dem Dreh- und Angelpunkt dieser Verwaltung. Bei mir laufen alle Fäden zusammen.«

»Oh, dann freue ich mich auf die Zusammenarbeit.« Huber lachte seine zukünftige Sekretärin an, die daraufhin rot anlief. Für Mirjam Huber dagegen hatte Ines lediglich einen beiläufigen Händedruck übrig, während ihr Blick noch immer Holger-Clooney-Huber verfolgte.

Dann stand er vor mir. »Das ist Jacqueline Achenbacher«, stellte mich Reese vor. »Sie arbeitet in der Personalverwaltung. Frau Achenbacher absolvierte bei uns ihre Ausbildung.«

»Ach, die Frau Achenbacher.« Ein fester Händedruck, ein leichtes Mundwinkelzucken, gefolgt von einem angedeuteten Lächeln und er wandte sich von mir ab. 

Etwas gefiel mir daran nicht. Aber ich konnte nicht länger darüber nachdenken, denn Mirjam Huber stand nun vor mir. Wir reichten uns die Hände und mein Herz begann, heftiger zu klopfen. Ihre dunkelblonden, gewellten Haare hatte sie zu einem lockeren Zopf zusammengebunden, aus dem sich einzelne kleine Strähnen gelöst hatten. Ehe ich mich versah, hatte ich mich in den Tiefen ihrer hellblauen Augen, die mich betörend melancholisch betrachteten, verfangen. Ihr sinnlicher Mund verwandelte sich zu einem leichten Lächeln.

Ich bemerkte, dass ich ihre Hand viel zu lange hielt, und fragte mich unbewusst, ob sie mein Zittern spürte. Schnell ließ ich los und hörte mich in einer fremden, rauen Stimme sagen: »Es ist echt schön, dass Sie hier sind.« Oh Gott, habe ich das eben tatsächlich gesagt?

Kein Wunder, dass sie mich erstaunt ansah, bevor sie sich Sybille zuwandte. Ich zwang mich, meinen Blick von ihr zu lösen und mein Herz zur Räson zu bringen. Ich schien nicht mehr Herrin meiner Sinne zu sein. Wie denn auch, wenn meine Traumfrau vor mir stand?

Rezension
Klappentext

»Ich zwang mich, meinen Blick von ihr zu lösen und mein Herz zur Räson zu bringen. Ich schien nicht mehr Herrin meiner Sinne zu sein. Wie denn auch, wenn meine Traumfrau direkt vor mir stand?«

 

Ausgerechnet in die neue Pastorin muss sich Jacki Hals über Kopf verlieben. Sie heißt Mirjam und ist natürlich verheiratet: mit dem ebenso smarten, wie undurchsichtigen Pastor Huber. Als dieser auch noch ihr Vorgesetzter wird, ist ihr Arbeitsverhältnis von Beginn an problematisch.

 

Für Jacki ist dieses Gefühlschaos eine mittlere Katastrophe, denn sie hat es sich in ihrem Leben bequem eingerichtet. Ihre beste Freundin Monika, die sich spirituell den Indianern verbunden fühlt, nennt sie »Schwester Hasenfuß«, weil sie nicht zu ihrer lesbischen Seite stehen kann. Nach einer gemeinsamen Meditation mit rituellem Kiffen treten plötzlich auch in Jackis Leben Indianer, die sich nicht mehr so einfach abschütteln lassen. 

 

Welche Rolle spielen Spirit Hawk und die alte Indianerin Mahpea? Und welches dunkle Geheimnis umgibt Pastor Huber? Mehr und mehr überschreitet Jacki die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit.

 

Eine lesbische, humorvoll-spirituelle, kriminalistische Liebesgeschichte.