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Belletristik
Buch Leseprobe In Animus, Cord Brammer
Cord Brammer

In Animus


Auf Leben und Tod

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Gleißend helles Licht durchdringt meine geschlossenen Augenlider. In mein Bewusstsein schleicht sich der Gedanke, nicht weiter schlafen zu dürfen, sondern langsam wach werden zu müssen.


Als ich blinzelnd meine Augen öffne, um nicht schlagartig geblendet zu werden, zieht ein stechender Schmerz, als müsse ich alles Leid und allen Kummer dieser Welt gebündelt ertragen, durch meinen gesamten Körper. Beginnend an meiner rechten Schläfe, die Wirbelsäule hinab, durch das linke Bein, bis an die äußerste Zehenspitze des daran hängenden Fußes. Wie gelähmt lasse ich diese kurz andauernde Folter über mich ergehen und beiße mit qualerfülltem Gesicht die Zähne zusammen. Schon nach wenigen Sekunden ist alles vorüber, als habe dieser Zwischenfall nie stattgefunden, und als sei der Schmerz durch meine Zehen entschwunden.


Ich liege auf einem harten, unbequemen und kalten Untergrund. Direkt über mir befindet sich eine grell leuchtende Deckenlampe, deren Leuchtstoffröhren ein metallisches Sirren von sich geben. Parallel zu ihr hängen in etwa zwei Metern Entfernung zu beiden Seiten die nächsten Lampen. Die zu meiner Rechten flackert in einem gleichmäßigen Takt, dem sich ein Pochen in meinem linken Unterarm angepasst zu haben scheint. Erst jetzt bemerke ich, dass sich dieser Arm ein wenig taub anfühlt. Hinzu kommt ein unangenehmer, nicht auszuhaltender Juckreiz. Als ich meinen Arm anheben möchte, um mir anzusehen, wovon dieser Juckreiz ausgelöst worden sein könnte, werde ich daran gehindert. Der Arm scheint festgeschnallt zu sein, auch den anderen kann ich nicht frei bewegen, er liegt ebenfalls dicht an meinem Körper. An beiden Handgelenken spüre ich einen unbezwingbaren Widerstand.


Ich versuche mich aufzurichten, doch dies gelingt mir nur bis zu einem gewissen Grad. Nach nur wenigen Zentimetern kommt mir ein Gurt in die Quere und spannt sich fest über meinen Brustkörper. Für meine Beine gilt das Gleiche, auch sie sind über den Knien und an den Knöcheln fixiert und beinahe unbeweglich. Allein meinen Kopf kann ich frei heben. Nachdem mir dies mühsam gelungen ist, erkenne ich, dass die Haut meines linken Unterarms im Bereich der Pulsadern in den verschiedensten Farben angelaufen ist. Woher die blauen, roten und gelben Flecken stammen, kann ich mir nicht erklären, genauso wie ich mir nicht erklären kann, wo ich hier bin. Befinde ich mich vielleicht in dem Aufwachraum eines Krankenhauses?


Dafür spricht einerseits, dass ich einen weißen Kittel trage, den ich bisher nur an meinem Großvater gesehen habe, als er kurz vor seinem Tod im Krankenhaus lag. Andererseits liegen links und rechts neben mir zwei weitere Patienten, die wie ich an ein Krankenbett gefesselt sind. Jedoch reagieren sie nicht, als ich sie anspreche, sie scheinen zu schlafen oder noch unter Narkose zu stehen. Oder sind sie vielleicht überhaupt nicht mehr am Leben? Bin ich hier in einer Art Leichenhalle? Liegen zu meinen beiden Seiten Tote?


»Hallo«, rufe ich, dabei zerre ich mit meinen Armen und Beinen an den Fesseln, die aber nicht nachgeben wollen. »Kann mich irgendwer hören?«


Als würde ich durch Kameras beobachtet werden, quietscht nun in meiner unmittelbaren Nähe eine Tür in ihren Angeln. Ich verhalte mich völlig still und lausche in den Raum hinein. Auf dem gummiartigen Fußboden höre ich Schritte näher kommen, bis sich schließlich eine Frau über mich beugt. Sie trägt ebenfalls einen Kittel, auch wenn ihrer grün ist. Ihre blonden Haare hat sie zu einem Zopf gebunden, der bis auf ihre rechte Schulter reicht. Vor einem ihrer leuchtendblauen Augen taucht plötzlich ein Gegenstand auf, mit dem sie nacheinander in meine Augen leuchtet, die sie mit ihren Fingern geöffnet hält.


Als sie mit ihrer Untersuchung fertig ist, spreche ich sie an: »Was ist passiert? Wo bin ich hier?«


»Du brauchst dich nicht zu fürchten. Alles ist gut. Du bist in den besten Händen«, sagt sie mit einer ruhigen Stimme, die vertrauenserweckend klingen soll. Ihre Sätze wirken einstudiert, als würde sie sie täglich mehrmals herunterbeten. »Wie fühlst du dich?«


»Es ging mir schon mal besser. Mein linker Arm tut über dem Handgelenk weh. Außerdem juckt es dort.«


»Das geht vorüber. Schon morgen wirst du es nicht mehr spüren«, sagt sie, zieht eine Dose aus ihrem Kittel und schmiert eine kühlende Salbe auf meine Wunde, die das Kitzeln auf der Haut für einen Augenblick stillt.


»Warum bin ich gefesselt? Hat das einen Grund?«


Anstatt darauf einzugehen, tritt sie ohne ein Wort an das Kopfende meines Bettes und setzt dieses in Bewegung. Gespannt darauf, wohin sie mich bringen wird, frage ich nicht weiter nach und denke auch nicht weiter an meinen linken Unterarm. Meine Aufregung legt sich über all meine Gedanken und all meine Neugier.


Mit einem ratternden Geräusch verschwindet die Deckenlampe vor meinen müden Augen. Ich werde in einen schmalen Flur geschoben, der nicht viel breiter ist als das Bett, auf dem ich liege. Als ich meinen Kopf nach vorne strecke, sehe ich einen schlauchartigen Korridor vor mir, an dessen weit entferntem Ende eine klitzeklein wirkende Tür ist, auf die wir geradewegs zusteuern.


Ich werde das Gefühl nicht los, dass hier komische Dinge vonstattengehen. Der sterile Aufwachraum, die Fesseln an meinem Körper, die merkwürdige Krankenschwester. Sie weicht mir aus, wenn ich danach frage, was mir zugestoßen ist, was es mit meinem Arm auf sich hat, wo ich bin. Ihre Antworten kommen einem Schweigen gleich und sind inhaltslose Floskeln.


Ich habe den vagen Verdacht, in einer Anstalt zu sein, einer Anstalt für geisteskranke Menschen. Alles andere erscheint mir aufgrund der Räumlichkeiten und des Umgangs mit mir abwegig. Obwohl ich der Meinung bin, bei klarem Verstand zu sein, muss irgendeine Diagnose über mein Verhalten dazu geführt haben, dass ich hier eingewiesen wurde. Hatte ich vielleicht, obwohl es mir nicht ähnlich sehen würde, einen Wutanfall?


Ich versuche es mit weiteren Fragen, auch wenn ich damit rechne, dass auch diese unbeantwortet bleiben. »Warum antworten Sie mir nicht? Was haben Sie mit mir vor? Wohin bringen Sie mich?«


Und wieder erklingen ihre einstudierten Worte: »Du brauchst dich nicht zu fürchten. Alles ist gut. Du bist in den besten Händen.«


Über mir zieht eine Leuchtstofflampe nach der anderen vorbei, was sich beinahe einschläfernd auf mich auswirkt. Bis zum Ende des Flures zähle ich siebenundzwanzig Stück, die dortige Tür öffnet sich von allein.


Der Raum, in dem wir nun sind, ist so breit wie der Flur und gerade einmal so lang, dass zwei Menschen und das Krankenbett hineinpassen. An meinen Füßen taucht ein stämmiger Mann auf, wie seine Kollegin ist er mit einem grünen Kittel bekleidet. Er hat kurzgeschnittenes braunes Haar und trägt einen gepflegten Vollbart, mit dem er sein Doppelkinn kaschiert. Sein leerer Blick verrät, dass er wenig Freude an seinem Beruf hat. Mit einer lustlosen Stimme fragt er: »Wie viele kommen noch?«


»Für heute war es das. Die anderen sind noch nicht wach. Sie werden nachher von der anderen Schicht übernommen. Heute Abend geht es für uns weiter.« Sie übergibt ihm das Krankenbett. »Aber du weißt wie ich, dass es nie aufhört. Es kommen immer welche nach. Allein in der letzten Nacht hatten wir elf Zugänge. Der …«


»Verschone mich mit Details«, sagt er mit einem abfälligen Blick. »Das ist einfach alles zu frustrierend für mich. Bis heute Abend in alter Frische.«


»Ja, bis heute Abend.«


Sie verlässt den Raum, die Tür schließt sich. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich in einem Fahrstuhl bin. Ich sehe, wie der Mann den Knopf für das Erdgeschoss drückt. Ein nach oben zeigender Pfeil leuchtet auf. Demnach sind wir gerade noch im Keller. Mit einem Ruck setzen wir uns in Bewegung.


»Wo bin ich hier? Wohin bringen Sie mich? Was haben Sie mit mir vor?«, frage ich meinen Begleiter.


Er schweigt wie ein Grab, starrt gegen die Tür und scheint darauf zu warten, dass sie sich wieder öffnet.


»Ich habe ein Recht darauf zu erfahren, was mit mir geschieht«, brülle ich ihn an. »Also sagen Sie mir gefälligst, was hier vor sich geht.«


Sein Blick senkt sich in meine Richtung, und er erwidert in einem ruhigen Ton: »Du brauchst dich nicht zu fürchten. Alles ist gut. Du bist in den besten Händen.«


Die Mitarbeiter dieser Einrichtung sind anscheinend nicht befugt, sich länger mit den Patienten zu unterhalten, sie gehen einfach nur ihrer Arbeit nach. Dabei beruhigen sie uns, indem sie diese drei Sätze wiederholen, bis auch der aufsässigste Patient sie verinnerlicht hat.


Um nicht weiter unangenehm aufzufallen, halte ich von nun an meinen Mund, denn jede Art von Gegenwehr hat keinen Sinn. Wie ich bereits am eigenen Leib spüren musste, weder die mit vollem Körpereinsatz, und wie ich gerade eben erfahren habe, noch die mit Worten. Also lasse ich die Ungewissheit meiner Lage über mich ergehen und warte ab, was mir bevorsteht, wenn sich der Fahrstuhl im Erdgeschoss öffnet. Er gleitet noch immer nach oben. Ich kann schwer einschätzen, wie lange wir schon mit ihm unterwegs sind, doch mein Bauchgefühl sagt mir, dass wir eben noch tief unter der Erde waren. Der Fahrstuhl wird langsamer, bis er schließlich hält. Kurz darauf öffnet sich die Tür.


Ich werde durch eine große Halle geschoben, deren Decke mit aufwändigen Malereien verziert ist. Obwohl diese stark angegriffen und teilweise nicht mehr vollständig sind, erkenne ich in ihnen biblische Szenen. Aus diesem Grund besteht für mich kein Zweifel daran, dass ich mich in einem Gotteshaus befinde.


Vom Altarbereich werde ich zum Turmraum gebracht. Bis auf die hallenden Schritte des bärtigen Mannes und das Rattern der Rollen meines Krankenbettes herrscht absolute Stille. Von außen dringen keine Geräusche nach innen, die darauf schließen lassen könnten, ob die Kirche in einem einsam gelegenen Dorf oder in einer belebten Stadt steht. Immerhin lässt das hereinströmende Licht, das sich durch die verschiedenfarbigen Fenster verfärbt, auf sonniges Wetter schließen.


Kurz vor dem Turmraum bleiben wir abrupt stehen. Der Mann tritt neben das Bett, schaut mir mit ernstem Blick in die Augen und redet mir ins Gewissen, als würde er ein Gedicht aufsagen: »Verhalte dich ruhig, wenn ich dich gleich losschnalle. Wage es nicht, einen Fluchtversuch zu starten, denn das hätte schwerwiegende Folgen für dich. Draußen stehen nämlich an jedem Ausgang zwei Wächter, die nur darauf warten, dich in Empfang zu nehmen. Hast du das verstanden?“


Ich nicke nur, auch wenn ich gerne wüsste, welcher Art die Folgen wären und was es mit den erwähnten Wächtern auf sich hat. Aber ich wollte keine Fragen mehr stellen, also lasse ich es sein.


Zuerst befreit er mich von dem Gurt, der über meinem Brustkorb gespannt ist. Dann geht er zu den Beinen über, um mich danach von den Fesseln an meinen Handgelenken zu befreien. Sofort kratze ich meinen Unterarm, worauf ich schon seit meinem Erwachen ungeduldig gewartet habe.


»Das geht vorüber. Schon morgen wirst du es nicht mehr spüren«, wiederholt er die Worte seiner Kollegin und bittet mich, vom Krankenbett aufzustehen.


Kaum bewege ich mich, kehrt auch schon der stechende Schmerz in meinen Körper zurück und schießt mir durch Mark und Bein. Auch dieses Mal verschwindet er so schnell, wie er aufgetaucht ist. Als ich auf meinen Füßen stehe und den ersten Schritt wage, fällt mir der Bewegungsablauf des Gehens schwer. Meine Knochen und Muskeln wollen nicht so wie ich, was nur daran liegen kann, dass ich sehr lange regungslos auf dem Bett gelegen habe. Der kräftige Mann greift mir unter die Arme und hilft mir bei meinen ersten Schritten. Nachdem ich diese mühsam hinter mich gebracht habe, fällt mir das Gehen zusehends leichter, sodass ich nicht mehr auf seine Hilfe angewiesen bin.


In dem kurzen Moment, in dem die Tür zum Turmraum geöffnet ist, erkenne ich andere Menschen, die wie ich gekleidet sind, etwa fünfundzwanzig an der Zahl. In mehreren Reihen sitzen sie in völliger Dunkelheit auf Holzstühlen, die dicht nebeneinander stehen. Von dem Licht überrascht, drehen sie sich verängstigt in unsere Richtung, als könnten wir Unheil über sie bringen. Als sie an meinem weißen Kittel erkennen, dass einer von ihnen hereingeführt wird, wirken sie alle erleichtert. Mit einer Taschenlampe werde ich zu einem der beiden letzten noch freien Stühle gebracht.


Der stämmige Mann weicht von meiner Seite, schlendert zurück zur Tür und lässt für einen kurzen Augenblick Licht herein. Anstatt erneut von völliger Finsternis begraben zu werden, als er die Tür von außen schließt, leuchtet vor mir ein Bildschirm auf, der die Größe einer Kinoleinwand hat. Auf ihr taucht eine Fünf auf, aus ihr wird eine Vier, eine Drei, Zwei, Eins.


Vor meinen Augen erscheint ein älterer Mann mit schlohweißem Haar. Ich schätze sein Alter auf Mitte fünfzig. Seine Stirn zieren furchenartige Falten, als habe er sich in seinem Leben häufig geärgert. Tief hängende Schlupflider verfinstern seinen ohnehin strengen Blick. Seine Lippen, über denen ein voller Schnurrbart thront, hält er zusammengepresst, während leise Orchestermusik im Hintergrund spielt.


In seinem tadellosen weißen Anzug steht er an einem Pult, an das ein Mikrofon angebracht ist. Es endet direkt vor seinem Mund. Hinter ihm schmückt ein weißes Zeichen die pechschwarze Wand. Es ist nicht vollständig zu erkennen, da es teilweise von seinen breiten Schultern verdeckt wird. Allein das Gradnetz der Erde lässt sich erahnen. Welches Wort in dem Zeichen geschrieben steht, kann ich mir nur zusammenreimen, als die Musik endet und der Mann mit kraftvoller Stimme zu sprechen beginnt: »Mein Name ist Kanzler Walter Stahl. Ich habe für Sie bedeutsame Informationen. Sie befinden sich in einer Zwischenwelt. Einer Welt zwischen Leben und Tod. In einer Welt namens Animus.«



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