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Belletristik
Buch Leseprobe Im Schatten von Schlägel und Eisen., Jörg Krämer
Jörg Krämer

Im Schatten von Schlägel und Eisen.


Eine wahre Familiengeschichte.

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Familie Biel


Chronik einer Bergarbeiterfamilie im Ruhrgebiet ab Achtzehn- hundertfünfundsechzig


(Eine wahre Familiengeschichte)


Im Jahre Achtzehnhundertfünfundsechzig lebte in dem abgelegenen Dorf Kleyberg, in der Nähe von Stockum, eine junge Familie.


Ich möchte ein bisschen aus ihrem Leben erzählen. Der Mann war von Beruf Bergmann, seine Frau Haus-


frau und Mutter. Sie waren noch sehr jung. Die ersten fünf Kinder kamen schnell; jedes Jahr eines. Da gab es viel, viel Arbeit.


Die Mutter war von morgens früh bis abends spät auf den Beinen. Dem Vater ging es nicht besser. Der älteste Sohn war Fritz, dann kamen Johann, Heinrich und Wilhelm.


Die Jüngste war endlich ein Mädchen, das war eine Freude. Sie wurde nach ihrer Mutter benannt. Doch weil der Name so lang war, sagte man einfach Mimmi.


Eines Abends meinte Mutter: »Johannes, ich denke mit dem Kinderkriegen könnte nun Schluss sein. Die Arbeit wächst mir sonst über den Kopf. Das willst du doch auch nicht, oder doch?«


»Aber, Wilhelmine. Nein! Nein! Und noch einmal nein! Das will ich bestimmt nicht, aber was ist, wenn es trotz- dem passiert? Oder wir dürfen uns einfach nicht mehr lieb haben, dann hätten wir Sicherheit.«


»Nein, Johannes, so habe ich es nicht gemeint.« Wilhelmine war geknickt.


Johannes fühlte sich stark. »Siehst du, mein Liebes.« »Dann mache ich dir einen anderen Vorschlag, mein


lieber Mann, wie du mir viel Arbeit abnehmen könntest.« »Sag schon! Ich mache alles, was du willst.«


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Wilhelmine räusperte sich. »Wenn du da nur nicht zu viel versprichst.«


Johannes war entrüstet. »Wilhelminchen, raus mit der Sprache!«


»Es fällt mir so schwer. Nun gut! Vater, könntest du nicht wie deine Arbeitskollegen in der Waschkaue baden? Da bräuchte ich nicht jeden Tag das viele Wasser tragen, und du bräuchtest nicht so schwarz nach Hause kommen. Es wäre eine große Entlastung für mich.«


»Nein!«, rief Vater ganz aufgeregt. »Nur das nicht! Al- le Männer so nackt nebeneinander, ich kann das nicht. Ich will dir gern im Haushalt helfen. Aber du weißt, ich schäme mich. Es mag albern klingen, aber so ist das eben.«


»Schon gut, mein Alter, das Versprechen sei dir geschenkt. Ich werde doch nie etwas von dir erbitten, was dir unmöglich ist«, gab Wilhelmine nach.


»Du bist ein Schatz, Wilhelmine. Weißt du, ich schleppe das Wasser eben selbst, dann brauchst du es nur warm machen.«


»Prima, Johann, darauf wäre ich nie gekommen.« Mutter dachte an die Unordnung und das Geplansche


in der Wohnung. Die Wasserkübel mussten reingebracht werden. Die Pumpe war ja ein ganzes Stück entfernt. Aber wo es ihm so peinlich war, nahm sie es in Kauf.


»Wenn die Kinder etwas größer sind, können sie mir ein bisschen helfen. Jetzt tollen sie noch den ganzen Tag draußen herum.«


Es gab ja keine Autos und auch sonst keine Gefahr, außer ein paar Schrammen, die sie sich beim Fallen hol- ten, konnte ihnen nichts passieren. Aber wenn es den ganzen Tag regnete, hing die ganze Meute an Mutters Rock, da war sie abends glücklich, wenn sie in ihren Bet- ten lagen und sie mit dem Nachtgebet ihren Tagesablauf erfüllt hatte.


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»Sieh nur, Vater, sind sie nicht wie kleine Engel?«


»Ja, mein Liebes, und du bist der schönste und beste unter ihnen.«


»Oh, Vater, das hast du aber lieb gesagt.« Glücklich nahm sie ihn am Arm und ging nach unten.


Die Kinder hatten oben, die Eltern unten ihr Schlafzimmer. Es war nichts Besonderes. Jedes Kind hatte eine kleine Kommode mit Waschschüssel und Krug, zum Schlafen einen Sack, der mit Stroh gefüllt war.


Alles blitzte nur so vor Sauberkeit.


Im Sommer wuschen sich alle unter der Pumpe, aber im Winter gab es im Zimmer oft eine Überschwemmung, wenn alle gewaschen waren. Wenn es die Kleinen aber zu toll trieben, klopfte Mutter unter die Decke, dann herrschte erst mal wieder Ordnung.


Die Eltern standen jeden Morgen um vier Uhr auf. Vater meinte: »Bleibe du doch ruhig noch ein bis zwei


Stunden liegen, ich werde schon alleine fertig.«


Doch das brachte Mutter nicht übers Herz. Sie wusste, wie schwer und gefährlich seine Arbeit war.


Schnell verging ein Jahr nach dem anderen. Fritz und Heinrich gingen schon zur Schule. Mutter musste morgens viel leisten. Wenn dann alle wieder nach Hause kamen, war die Wohnung blitzsauber, das Vieh versorgt, und das Mittagessen stand auf dem Tisch.


Saßen dann alle um den Tisch und aßen mit Appetit waren die Eltern glücklich. Waren die Kinder aber nicht manierlich, legte Vater nur seinen Riemen neben sich. Davor hatten alle Respekt. Fast jeder hatte ihn schon einmal zu spüren bekommen. Das war auch gut so.


Nach dem Essen wurden gleich die Schulaufgaben gemacht. Die Kinder hatten keine Schwierigkeiten beim Lernen.


»Vater«, sagte Mutter, »vielleicht brauchen sie einmal


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nicht so schwer zu arbeiten wie du. Das wäre doch schön.«


»Hoffentlich, aber ich beklage mich doch gar nicht.« »Schon gut, mein Alter.«


Johannes stutzte: »Wilhelmine, ich bin erst dreißig. Warum sagst du immer Alter?«


Wilhelmine lächelte. »Es ist nur ein Kosename, da du doch so gescheit bist, Vater. Ich hätte fast vergessen, dass ich noch den Streuselkuchen backen muss.«


»Ist doch nicht so wichtig.«


»Doch, stell dir die enttäuschten Gesichter vor.« Vater sorgte dafür, dass die Kinder schon den Tisch


abräumten. Mimmi holte die Backsachen zusammen. Mutter musste noch das Zeug für den Kirchgang zurecht- legen. Hier hatte alles seine Ordnung. Sie wollten ja am Sonntag gemütlich frühstücken.


Am nächsten Morgen war Mutter überrascht. Mimmi hatte den Tisch schon gedeckt. »Oh, Mimmi, was für ein liebes Kind du doch bist. Wie ich mich freue.«


Mimmi war stolz. »Aber Mutter, du bist doch jeden Morgen die Erste und sorgst für uns. Morgen musst du wieder das ganze Wasser für die große Wäsche tragen. Hoffentlich ist das Wetter schön, damit du draußen trocknen kannst, dann brauchst du nicht so viel wringen. Ich reiche dir die Klammern an.«


»Ja, Vater, da bist du sprachlos«, sagte Wilhelmine mit Blick auf ihren Mann.


Johannes meinte trocken: »Das schon, aber ich halte es für selbstverständlich, dass Mimmi dir hilft.«


»Vater, das hättest du nicht sagen sollen, jetzt hast dem Kind die ganze Freude genommen. Sie ist doch noch so klein.«


Mimmi nahm es gar nicht so ernst, dafür hatte sie ihren Vater viel zu lieb. Sie lief nach oben und neckte ihre Brüder. »Es wird höchste Zeit!«


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»Verschwinde schon, wir kommen!«, keiften sie zu- rück.


Um acht Uhr zogen sie gemeinsam los, es war ja eine ganze Stunde bis zur Kirche.


Johannes war stolz. »Wilhelmine, sieh nur, ich glaube, die Nachbarn beneiden uns. Du hast die Kinder angezogen, wie aus dem Ei gepellt. Sie werden sich fragen, wie schafft die Frau Biel das nur?«


Mutter fühlte sich geschmeichelt und trug den Kopf noch ein bisschen höher. Sie war eine sehr hübsche Frau, groß und schlank. Ihr schwarzes Haar hatte sie zu einem dicken Knoten im Nacken zusammengesteckt.


Nach der Kirche rannten die Kinder schon voraus. Die Nachbarn waren sehr freundlich und schlossen sich ihnen auf dem Heimweg an. Es standen ja nur ein paar Häuser auf dem Kleyberg. Sonst war alles nur Wald und Flur. Darum kannte einer den anderen.


Viel Zeit zum Tratschen gab es nicht. Denn jeder hatte ein großes Stück Land und Vieh zu versorgen. So viele Kinder wie Familie Biel hatte niemand.


Als die Eltern nach Hause kamen, hatten sich die Kin- der schon umgezogen. Für einen leckeren Nachtisch taten sie schon einmal etwas.


Nach dem Essen sagte Vater: »Mutter, wir legen uns ein Stündchen hin. Du brauchst ein bisschen Ruhe.«


Er war so besorgt, das tat gut. Die viele Arbeit danach machte ihr deshalb nichts aus. Die Stunde musste sie ja wieder rausholen.


Der Sonntag verging viel zu schnell. Am Nachmittag wurde der Streuselkuchen verzehrt und dabei schon der nächste Tag eingeteilt.


»Zuerst muss ich für den Monat einkaufen.«


»Da helf ich dir«, meinte Vater hilfsbereit. »Ich habe doch Mittagschicht.«


Das war tatsächlich günstig.


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