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Belletristik
Buch Leseprobe Im Namen der Gerechtigkeit?, Emilia Pfeifer
Emilia Pfeifer

Im Namen der Gerechtigkeit?



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1


 


D


ie Wunden verheilten. Mein Gesicht schwoll langsam ab. Dabei musste ich feststellen, dass die Ärztin in Antalya doch nicht ganz so Unrecht hatte, als sie eine OP vorschlug. Trotz Kühlens gingen zwar die Schwellungen zurück, was blieb, waren Tränensäcke, die sich durch das angestaute Blut gebildet hatten. Dann waren da noch diese unerträglichen Schmerzen in der Hüfte, die mich fast um den Verstand brachten. Immer noch fiel es mir schwer, zu sitzen oder aufzustehen. Ein neuerlicher Arztbesuch schien sich nicht mehr aufschieben zu lassen. So fuhr ich wieder in die Uniklinik nach Düsseldorf.


Es schien ein Glückstag zu sein, denn ich brauchte nicht lange zu warten. Schon als ich den Untersuchungsraum betrat, wusste ich doch eigentlich, was mich erwartete. Dennoch stellte der untersuchende Arzt meine Schmerzempfindlichkeit auf eine harte Probe. Vielerlei Gedanken und Gefühle rasten in diesem Moment durch meinen Kopf. Eine Bewegungsüberprüfung nach der anderen musste ich über mich ergehen lassen. Dann endlich ließ er von mir ab. Dem Schmerz sei Dank, ansonsten hätte ich ihn wahrscheinlich angesprungen.


Mit hochgezogenen Brauen sah er mich an.


„Da kann ich Ihnen leider nicht mehr helfen. Wir können den Urzustand nicht mehr herstellen. Aber da sage ich Ihnen nichts Neues. Das alles wissen Sie bereits. Wir können lediglich noch einmal eine Physiotherapie machen.“


„Dann machen wir das.“ Ich nickte. Der Blick des Arztes ließ mich sein Mitleid erkennen. Wie ich diese Blicke in der Zwischenzeit hasste. Ich tat entweder den Menschen in meinem Umfeld leid oder sie konnten ihr Unverständnis nicht verbergen. Wie lange ich diese quälende Situation noch aushalten würde, konnte ich nicht sagen. Wusste ich doch selbst, dass ich dumm genug gewesen war, ihn nicht gleich nach dem ersten Übergriff aus unserer Wohnung zu verbannen.


Doch das alles konnte ich jetzt nicht mehr ändern. Noch vor einiger Zeit hatte ich selbst immer sehr abschätzig von Frauen  gesprochen, die sich von ihren Männern schlagen ließen. Und noch ehe ich mich versehen hatte, war mir das selbst passiert und ich hatte wider alle Vernunft reagiert.


„Danke.“ Mit diesem Wort verabschiedete ich mich und ging Richtung Tresen, wo ich mir mein Rezept für die Behandlung abholen wollte.


„Alles Gute“, rief mir die Schwester hinterher. Ich ging Richtung Tür, denn ich wollte das Klinikum so schnell als möglich verlassen. Ich hatte auf ein Wunder gehofft. Dabei war mir doch schon die Diagnose bekannt. Und das alles, weil dieser Mann seinen Alkoholkonsum nicht unter Kontrolle hatte.


Auf dem Weg nach Hause überlegte ich, wie ich mit der Firma weiter verfahren kann. Eines wird mir immer klarer. Ich muss wieder zurück. Schließlich habe ich mein gesamtes Vermögen in die kleinen Autos investiert. Bis heute weiß ich nicht, was aus ihnen geworden ist. Hinzu kommen auch noch laufende Kosten, die getilgt werden müssen. Es gibt also eine ganze Menge zu tun. Und es ist meine Aufgabe, diese Baustellen zu bearbeiten. Auf die Anwältin kann ich mich auch nicht mehr so richtig verlassen. In den letzten Wochen häuften sich die Ausreden. Ursprünglich wollte sie wegen dieses Übergriffs mit den Medien Kontakt aufnehmen.


Doch dazu kam es bis heute nicht. Dann versprach sie mir, dass die Polizei Idris innerhalb von höchstens drei Wochen verhaften wird. Dass die Anklage als versuchter Mord deklariert würde, dessen war sie sich sicher. Überdachte ich all diese Voraussagen, musste ich feststellen, dass nicht eine bisher eingetreten war. Allerdings schienen sie um ihre finanzielle Lage besorgter zu sein als um die Klärung des Falls, denn die Rechtsschutzversicherung hatte mich bereits darüber informiert, dass sie an die Anwälte eine stattliche Summe überwiesen hatte. Mir blieb bei der Summe der Atem weg. Das war doch mal etwas, was schnell ging. Ich hingegen wurde ständig damit vertröstet, dass alles seine Zeit brauchte und sie die Arbeitsweise der Behörden nicht beschleunigen könnten. Ich war es langsam Leid, mich ständig vertrösten zu lassen, mich hinhalten zu lassen. Von hier aus konnte ich recht wenig tun. Ständiges Telefonieren trieb zudem die Rechnung nur unnötig in die Höhe. Es blieb mir also nichts anderes übrig. Ich musste zurück.


In der Physiotherapie vereinbarte ich die Termine so, dass ich zwei Wochen später zurück in die Türkei konnte. Die Zeit drängte.


Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war die Tatsache, dass meine Tochter mich begleiten würde. Sie hatte Urlaub und wollte an meiner Seite sein. Die Therapie war, wie ich schon wusste, wieder sehr schmerzhaft. Doch ich musste diese Qual ertragen, wollte ich etwas Besserung haben. Schließlich war mir auch bewusst, dass ich in die Hochsaison kommen würde. Ich musste lange arbeiten. Eine gute Beweglichkeit war die Voraussetzung.




 


2


 


W


ie geplant, starteten wir gemeinsam zwei Wochen später in Richtung Antalya. Wir landeten am frühen Abend. Mit dem Bus zu fahren, erschien uns sehr umständlich. So beschlossen wir, ein Taxi zu nehmen. Sabrina musste lachen, denn da ich die Gewohnheiten der Taxifahrer kannte, handelte ich den Preis im Vorfeld aus, bevor wir einstiegen. Das Gesicht des Taxifahrers verfinsterte sich, musste er doch erkennen, dass er uns nicht über den Tisch ziehen konnte. Er hatte sich schon gefreut, wieder einmal zwei Touristen abziehen zu können.


Als wir in der Wohnanlage ankamen, überfiel mich plötzlich ein unangenehmes Gefühl. Ich ging zurück, dorthin, wo mir meine große Liebe nach dem Leben getrachtet hatte. Es war der Ort, an dem über Leben und Sterben entschieden wurde. Nur meinem Überlebenswillen war es zu verdanken, dass ich all diese Angriffe lebendig überstanden hatte. Panik wollte mich vereinnahmen. Ich stand wie versteinert da und spürte dennoch eine Hand, die sich unter meine schob. Ich drehte meinen Kopf zur Seite und sah, wie mir Sabrina zunickte. Sie schien sagen zu wollen: „Komm‘ lass uns gehen. Wir schaffen das.“


Zustimmend nickte ich zurück. Wir betraten die Ansammlung der Wohnblöcke, gingen zu unserem Block. An der Haustür musste ich wieder kurz innehalten. Zu intensiv waren die Bilder, die mich einholten. Ich sah mich durch die Wohnung fliegen, erlebte noch einmal meine Flucht vor diesem Monster. Grausame Bilder, die ich so schnell nicht mehr loswerden würde. Ich hob den Kopf, holte tief Luft und stieß die Tür auf. Mit dem Fahrstuhl fuhren wir nach oben in den achten Stock. Ich trat heraus und sah nach links. Da war sie wieder. Die Tür, hinter der ich das Schlimmste in meinem bisherigen Leben erdulden musste. Die Hand, die ich auf meiner Schulter spürte, gab mir den notwendigen Mut. An der Tür suchte ich nach meinem Schlüssel. Zuerst öffnete ich das obere Schloss, danach das zweite. Als ich den Schlüssel nach rechts drehte, sprang die Tür auf. Sofort griff ich nach dem Lichtschalter. Ich stand da und wieder kamen die Bilder in mir hoch. Ich flog in hohem Bogen in Richtung Schlafzimmer. Ich verharrte, ließ die Erinnerungen zu. Verdrängen half nichts.


Schnell waren die Koffer erst einmal abgestellt. Sabrina trug ihren Koffer in ihr Zimmer. Ich betrat das Schlafzimmer, stellte meinen Koffer ab und sah mich um.


Wie hatte ich diese Wohnung geliebt. Ich hatte sie mir selbst gesucht. Sie sollte mir Schutz und Zuflucht gewähren. Sollte meinen Traum mir näher bringen. Am Ende war sie für mich zur Falle geworden. Ich ließ alle Gedanken zu. Meine Seele krampfte sich zusammen. Sie wollte schreien, doch es ging nicht. Schließlich wollte ich da weiter machen, wo dieses Monster mich unterbrochen hatte.


Das heiße Wetter, das auch abends nicht viel Abkühlung brachte, hatte eine stickige Luft in der gesamten Wohnung hinterlassen. Ich öffnete Fenster und Balkontüren. Durchzug. Ich ging auf den Balkon vom Wohnzimmer und hielt mich am Geländer fest. Ich blickte in die Ferne.


„Mama“, wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Ich drehte mich um.


„Schau mal, was ich eingepackt habe.“


Sabrina hielt eine Flache Prosecco hoch, die sie, ohne dass ich etwas davon mitbekommen hatte, in den Koffer geschmuggelt hatte.


„Lass uns doch bitte auf deinen Neuanfang anstoßen. Ich weiß, dass jetzt alles besser wird.“


„Das wollen wir hoffen.“ Gefühlvoll strich ich ihr über den Kopf und holte aus dem Küchenschrank zwei Gläser. Wir setzten uns auf den Balkon und schauten Richtung Meer. Es war zwar schon dunkel, dennoch konnten wir einzelne winzige Bootslichter sehen. Mit ihr in meiner Nähe konnte ich wieder dieses Umfeld genießen. Zusehends löste sich die Anspannung in meinem Körper.


„Wie spät ist es?“, fragte ich meine Tochter und sah dabei gleich selbst auf die Uhr. Noch hatten wir zwei Stunden Zeit zum Einkaufen, denn ich musste alles aus dem Kühlschrank entsorgen. Über die Wochen hinweg waren alle Lebensmittel verdorben.


„Komm, lass uns gleich noch mal gehen. Außerdem habe ich Hunger. Aber Lust, zu kochen, habe ich heute keine.“


„Hm …“, antwortete sie etwas genervt.


„Also gehen wir erst einkaufen und anschließend essen?“, fragte sie mich mit herabhängenden Mundwinkeln.


„Ja. Wir müssen heute noch einkaufen, denn wir brauchen Getränke. Morgen Früh wird es sehr schnell sehr heiß werden. Wir brauchen Wasser, Cola und Saft. Aber auch Brot, Butter und etwas Käse für das Frühstück brauchen wir. Nicht zu vergessen Kaffee.“


Aus meiner Handtasche holte ich das Geld. Sabrina ging in ihr Zimmer, um aus ihrem Koffer die Flip-Flops zu holen. Ich griff nach den Schlappen im Schuhregal. Als wir das Haus verließen, kam uns der Gärtner, der im Haus wohnte, entgegen. Freudig begrüßte er mich. Ich stellte ihm meine Tochter vor. Auch sie wurde herzlich willkommen geheißen. Er bat mich, vorsichtig zu sein und drückte noch einmal sein Bedauern über das aus, was passiert war. Ich versprach es.


Mit wenigen Schritten hatten wir den Migros-Supermarkt erreicht. Schnell war das Nötigste in den Einkaufswagen gepackt. Die Kassiererin war erfreut, mich nach so langer Zeit wieder zu sehen. Sofort verspürte ich das Gefühl, hier wieder zu Hause zu sein. Die negativen Gedanken wurden verdrängt. Dennoch spürte ich die mitleidigen Blicke der Kunden. Die meisten kannte ich vom Sehen. Schließlich war ich als Deutsche und Blonde noch dazu eine Rarität. Sabrina und ich wechselten vielsagende Blicke. Bepackt begaben wir uns nur einen Block weiter in das Restaurant „Hayat“. Hier hatte ich schon oft gegessen. Alle schienen zu wissen, was mir widerfahren war. Wie ich diese Blicke hasste. Wir bestellten uns beide eine Hühnersuppe und genossen eine eisgekühlte Cola. Ich wollte nach dem Essen nicht sofort gehen. Mir war vielmehr danach zumute, die salzhaltige Luft einzuatmen, zu spüren, was ich fühlte. Jetzt wieder hier, allein, nur mit meiner Tochter. Was fühle ich? Es waren so viele Gefühle, die durch meinen Kopf huschten. Sie schienen sich gegenseitig übertrumpfen zu wollen. Die guten verdrängten die bösen und umgekehrt. Mir war durchaus bewusst, dass ich dieses Chaos überstehen und erlauben musste.


In der kleinen Bar nebenan hörte ich meinen Namen. Nicht viel später sah ich meine liebe Freundin Marga um die Tür schauen.


„Hey“, rief sie mir zu, „wann bist du denn gekommen?“


„Heute.“


„Magst du nicht bei mir reinschauen?“


Schnell sah ich zu meiner Tochter. Sie nickte.


„Ja, na klar kommen wir. Lass mich nur schnell bezahlen.“


Ich winkte den Kellner und ließ mir die Rechnung bringen. Das Geld legte ich in die Ledermappe. Wir gingen die vier Stufen hinab und nebenan wieder vier Stufen hinauf. Viele bekannte Gesichter entdeckte ich. Teilweise waren sie geschockt, mich zu sehen. Das jedenfalls entnahm ich ihren Blicken. Ich versuchte, ihnen so unbefangen wie nur möglich zu begegnen. Marga winkte mir zu. Sie saß … Ich konnte nicht glauben, sie an dem Tisch zu sehen, an dem wir an besagtem letzten Abend saßen. Und da waren sie wieder – die Bilder.


Ich wollte, ich musste endlich dagegen ankommen. Es konnte nicht sein, dass diese Bilder mich für den Rest meines Lebens im Griff hatten. Mit einem gekünstelt wirkenden Lächeln ging ich auf den Tisch zu und wir setzten uns, stellten unsere Tüten neben uns.


„Was wollt ihr trinken? Ach, komm, deine Rückkehr müssen wir mit einem Glas Wein feiern“, sagte Marga, die sich sichtlich freute, mich wieder zu sehen.


Mir war es schon komisch. Alkohol. Abschlagen wollte ich ihr die Einladung dennoch nicht. Als ich noch so meinen Gedanken hinterherhing, brachte der Kellner auch schon die gefüllten Schoppen.


„Willkommen zurück.“ Mit diesen Worten hob meine Freundin das Glas und wir prosteten uns zu. Danach stellte sie es ab und sah mich an. Ich neigte den Kopf fragend zur Seite.


„Was ist überhaupt mit dir geschehen? Idris hat überall erzählt, du seist abgehauen.“


„Ja bin ich auch, nachdem er mich fast totgeschlagen hatte.“


„Also stimmt es doch. Der Hausmeister von drüben hat es nämlich so erzählt. Doch Idris hat es immer geleugnet. Er hat furchtbare Sachen über dich erzählt, die ihm aber niemand geglaubt hat. Schließlich kennen wir ihn hier lange genug.“


Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: „Es ist auf jeden Fall schön, dich wiederzusehen. Und, wenn ich dir das mal sagen darf, du siehst viel besser aus, als in der letzten Zeit. Du warst so abgemagert.“


„Ich weiß. Dieser Mann hat mich so viel Kraft gekostet. Aber jetzt muss es wieder aufwärts gehen.“


„Geh nicht wieder zu ihm zurück“, mahnte sie mich.


„Nein. Das werde ich nicht tun. Mach dir keine Sorgen. Weißt du eigentlich, wo er jetzt ist?“


„Ich habe gehört, dass er bei seinen Eltern in Istanbul ist. Aber ob das stimmt, kann ich nicht sagen. Doch ich werde mich umhören.“


„Ja, das habe ich auch gehört. Das wäre nett, wenn du mich auf dem Laufenden halten würdest. Ich möchte ihm auf keinen Fall begegnen. Er hat mich auch schon in Deutschland immer angerufen, wollte, dass ich die Anzeige zurückziehe.“


„Das tust du nicht. Er muss dafür bestraft werden. Viele haben nach dem Vorfall mit dir erzählt, dass er auch seine Frau immer so geschlagen hat. Sie muss auch abgehauen sein.“


„Er redete mir sogar ein, dass ich daran schuld sei, dass er mich so vermöbelt hat. Stell dir das mal vor. Langsam fing ich an, das auch zu glauben.“


„Bist du verrückt“, schrie mich Marga fast an. Sabrina nickte nur.


„Es war der volle Terror, den dieser Typ geschoben hat. Zu jeder Tages- und Nachtzeit hat er angerufen“, ergänzte sie.


Marga schüttelte vor Entsetzen den Kopf.


„Der hat vielleicht Nerven.“


Ich legte meinen Arm auf ihren und sah sie an.


„Und er möchte mit mir neu anfangen. Will, dass wir uns auf dem Dorf, oben in den Bergen ein Haus kaufen oder mieten. Dann bin ich hoffnungslos verloren.“


Ein Ruck durchzog meine ältere Freundin.


„Bitte tu das nicht. Er wird dich dann töten.“


„Ich weiß“, nickte ich nur.


„Aber jetzt, lass uns unsere Ankunft und meinen Neuanfang hier genießen.“


Ich lehnte mich zurück und genoss den ersten Abend in Freiheit und Ausgeglichenheit. Keine Angst vor Alkoholexzessen, keine Angst vor Ausrastern. Es schien nicht schöner sein zu können. Wir unterhielten uns noch eine Weile, bis es fast Mitternacht war. Dann nahmen wir unsere Tüten und machten uns auf den Heimweg.


Die Reise und die Aufregung hatten uns beide müde gemacht.


Die Einkäufe waren in kurzer Zeit in dem riesigen Kühlschrank verstaut. Vom Balkon holte ich noch unsere Prosecco-Flasche, um sie zu kühlen. Schnell durchliefen wir unsere Badzeremonie und legten uns schlafen.


Die Türen ließen wir offen, denn der laue Wind brachte ein wenig Abkühlung. Bevor ich mich zum Schlafzimmer begab, kontrollierte ich noch einmal die Tür. Beide Schlösser waren ordnungsgemäß verriegelt. Das beruhigte mich erst einmal. Wusste ich doch, dass der Hausmeister noch am Tag des Übergriffs mir ein neues Schloss eingebaut hatte. ER konnte also nicht in die Wohnung kommen.


Ich war schon fast am Einschlafen, da hörte ich meine Tochter: „Mama?“


„Ja, mein Schatz.“


„Wenn du nicht schlafen kannst oder irgendetwas anderes ist, wecke mich. Versprich mir das.“


Ich nickte und flüsterte in die Dunkelheit hinein: „Ja, das mach ich. Versprochen. Und jetzt gute Nacht. Schlaf gut.“


Ein Lächeln spielte um meine Lippen. Ein aufregender Tag war ohne Zwischenfälle zu Ende gegangen und ich war zufrieden. Ich hoffte, dass ich in diesen vier Wänden auch nach alldem gut schlafen konnte.


Ich drehte mich um und schlief recht schnell ein. Doch irgendwann wachte ich auf. Ich wusste nicht, ob mich ein Geräusch geweckt hatte. Leise stand ich auf. Auf Zehenspitzen schlich ich zur Tür, ohne das Licht anzuknipsen, denn ich wollte meine Tochter nicht wecken. Ich spähte durch den Türspion. Nichts. Meine Unruhe war ziemlich angewachsen. Also ging ich in die Küche, öffnete den Kühlschrank und goss mir ein halbes Glas Sekt ein. Barfuß setze ich mich auf den Balkon, legte die Füße auf das Metallgeländer und starrte einfach so vor mich hin. Es begann schon langsam zu dämmern. Mit meinem halben Glas Prosecco sah ich dem Sonnenaufgang entgegen. Meine ursprüngliche Müdigkeit war wie weggeblasen.


Ich sah im Wohnzimmer auf die Uhr. 6 Uhr. Noch war es erträglich. Also beschloss ich, mich wieder einmal in die Laufschuhe zu zwängen und einen Strandlauf zu machen. Gesagt, getan. Auf leisen Sohlen schwang ich mich in meine Laufklamotten und zog meine Laufschuhe an. Zuvor hatte ich Sabrina noch einen Zettel auf den Tisch gelegt, für den Fall, dass sie eher aufwachen würde, als ich zurück war. Behutsam öffnete ich die Tür und schloss sie auch wieder so leise als möglich.


Ich trat aus der Wohnanlage heraus und trotzdem fühlte ich mich sicher. Ich begann gleich mit dem Laufen. An der Straße musste ich die ersten Autos passieren lassen. Dann überquerte ich die Straße. Mein Weg setzte sich fort entlang des Flusses, der ins Meer mündete. Am Meer angekommen, blieb ich erst einmal stehen. Ich legte meine Hände auf die Oberschenkel und atmete tief durch. Dass ich so lange nichts mehr gemacht hatte, machte sich bemerkbar.


Einigermaßen wieder zu Luft gekommen, setzte ich meine Tour fort. Ich lief entlang der noch schlafenden Hotelstrände. Ich war allein und es tat mir gut. Ich fühlte mich frei, atmete die noch kühle Meeresluft ein. Lange hielt ich nicht durch, dann begab ich mich auf den Rückweg.


 


3


 


Z


urück in meiner Wohnung sprang ich, weil ich durchgeschwitzt war, unter die Dusche. Ich fühlte mich einfach nur wohl.


Vorsichtig sah ich ins Kinderzimmer. Meine Tochter schlief noch. Also würde ich allein frühstücken. Während das Wasser für den Kaffee heiß wurde, schnitt ich mir von dem Brot ein Stück ab und schmierte mir etwas Käse darauf.


Mit dem Kaffee in der einen und dem Brot in der anderen Hand und noch frisch geduscht ging ich auf den Balkon, setzte mich direkt in die nun aufgegangene Sonne und ließ mich braten. Mit dem zweiten Pott Kaffee genehmigte ich mir noch eine Zigarette. Wie ich dieses Flair hier liebte. Konnte ich wieder bei Null anfangen und meinen Plan in die Tat umsetzen?


Es käme auf einen Versuch an. Doch nun musste ich mir erst einmal einen Plan für heute machen. Vor zehn Uhr brauchte ich nicht am Basar zu sein. Ich hatte also noch Zeit. Meine Aufregung steigerte sich, wusste ich doch nicht, was mit meinen Autos in der langen Zeit geschehen war. Die verrücktesten Szenarien schossen mir durch den Kopf. Hatte der Besitzer des Reisebüros sie vielleicht auf die Müllhalde geworfen? Oder hatte sich jemand anderes meine Autos unter den Nagel gerissen? Es gab viele Varianten und ich hatte lange genug hier gelebt, dass ich wusste, womit ich rechnen konnte. Ich stellte mich auf einen harten Kampf ein. Außerdem musste ich mein Handy aufladen. Das würde ich gleich noch im Supermarkt machen.


Nun war es höchste Zeit, sich auf den Weg zu machen. Jeans und ein Top reichten. Dann noch etwas Make-up. Lidschatten und Wimperntusche. Schließlich war jetzt niemand mehr da, der mir das verbieten würde. Nachdem ich mein Handy aufgeladen hatte, ging ich über die Straße und wartete auf den Bus. Hinter mir spürte ich etwas Unangenehmes. Obwohl ich ahnte, wer es war, drehte ich mich um. Da stand dieser ekel erregende Freund von Idris. Er wollte gerade ansetzen und mir wahrscheinlich irgendwelche Frechheiten an den Kopf knallen, da nahte glücklicherweise der Bus. Schnell sprang ich hinein. Er war fast leer. Nur zwei andere Gäste saßen darin. Die mir bekannten Hotelanlagen flogen an mir vorbei. Meine Erinnerungen meldeten sich zurück. Manche hinterließen ein Lächeln, manche ließen mein Gesicht förmlich eingefrieren. Meinen Gedanken hinterherhängend, verpasste ich fast meine Haltestelle. Doch ich konnte noch schnell klingeln und der Fahrer hielt etwas weiter weg. Beim Aussteigen war mir etwas mulmig zumute. Es war sogar gut, dass er nicht unmittelbar vor dem Basar gehalten hatte. Ich stand eine Weile da und überlegte, was ich jetzt tun sollte. Mein erster Weg führte mich in den Frisörsalon meiner Freundin. Sie saß drinnen und hatte, wie konnte es anders sein, den Fernseher an. Als sie mich sah, sprang sie auf und kam heraus.


„Es ist schön, dich zu sehen“, sagte sie fast tonlos.


„Danke. Wie geht es euch?“, fragte ich, wie es eben die Höflichkeit verlangte.


„Wie geht es dir. Die Frage ist doch wohl besser.“


„Danke. Es geht schon wieder“, antwortete ich und versuchte ein freundliches Gesicht zu machen.


„Setz dich.“ Mit einer Handbewegung wies sie auf die Schaukel, die vor ihrem Laden stand.


„Ich mach uns einen Kaffee, denn du trinkst ja keinen Tee.“


„Ja, das ist etwas, was ich mir wohl nie angewöhnen werde“, gab ich zurück.


Sie brachte zwei große Tassen und setzte sich neben mich. Wir saßen eine Weile schweigend neben einander.


„Du weißt schon, dass der Mann vom Uhrenladen deine Autos weiter vermietet hat“, begann sie und unterbrach damit die Stille.


„Er hat sie gut vermietet. Lass dir dein Geld ja auszahlen. Schließlich hat er mit deinem Eigentum Geld verdient, denn sein Laden läuft nicht so“, berichtete sie weiter.


„Nein, das alles wusste ich nicht. Aber wie erfahre ich, was er eingenommen hat. Der erzählt mir doch nicht die Wahrheit.“


„Rechne ganz einfach, was du verdient hättest in der Zeit. Er hat noch etwas mehr Umsatz gemacht. Etwas lass ihm. Also rechne nur deine alten Einnahmen. Dann bist du richtig. Aber lass dich nicht abspeisen. Er wird natürlich kein Geld rausrücken wollen. Doch das lässt du dir nicht gefallen. Du hast schon zu viel durchmachen müssen.“


Sie redete auf mich ein. Ich kam kaum zu Wort.


„Und jetzt geh erst einmal. Dann kommst du wieder und sagst mir, was er dir gegeben hat.“


„Ja, mache ich“, antwortete ich brav. Sie war zwar zehn Jahre jünger als ich, aber sie kannte die Vorgehensweise hier bestens.


Ich ging in Richtung Basar, auf das Uhrengeschäft zu. Der Inhaber schien mich sofort wahrzunehmen, denn als sein Blick mich traf, zückte er sein Handy und telefonierte. Mit wem, das war mir klar. Schnell beendete er sein Gespräch und begrüßte mich mit der gebotenen Höflichkeit. Ohne Umschweife kamen wir zum Thema. Ich konnte ja sehen, dass die kleinen Gefährte bei ihm standen. Es war ihm sichtlich unangenehm, dass ich mich vorher nicht angemeldet hatte. Das hatte ich allerdings ganz bewusst gemacht, denn mir war klar, dass mich die Leute hier übervorteilen wollten, was nun mit meiner plötzlichen Anwesenheit nicht mehr möglich war.


Er fing an zu jammern, wie viel ihn die Autos in der Unterhaltung gekostet hätten. Er hatte Reparaturen zu bezahlen. Ohne auf sein Jammern zu reagieren, ging ich um die Vehikel herum. Die Reifen waren abgefahren und auch die Lenkung ging nicht mehr richtig. Wo hatte er Geld in die Reparatur investiert? Dieser Mann schien allen Ernstes zu glauben, dass ich auf den Kopf gefallen sei.


„Mal ehrlich“, begann ich. „Wo hast du Geld in die Autos investiert? Sie sind verschlissen und ich muss jetzt sehen, dass ich sie wieder flott bekomme. Also versuch nicht, mir etwas einzureden.“


Sein Blick verfinsterte sich augenblicklich.


„Außerdem hatte ich keine großen Einnahmen“, setzte er fort.


Ich erhob mich und stellte mich unmittelbar vor ihn.


„Sag mal, mein Freund, für wie dumm hälst du mich?“ Ich blickte ihm direkt in die Augen. Er konnte meinem Blick nicht standhalten, wandte seine Augen von mir.


„Ich will dich nicht betrügen. Du sollst haben, was dir zusteht. Aber es waren wirklich wenige Kinder da“, stammelte er.


„Hör zu.“ Ich musste mich sehr beherrschen, um ihm nicht gleich zu sagen, was ich von seinen Ausflüchten hielt.


„Ich habe mir ausgerechnet, was ich in der Zeit verdient hätte. Ich weiß, dass du mehr Umsatz jeden Tag gemacht hast. Du brauchst es gar nicht zu leugnen.“ Ich hob meine Hand, da er schon wieder zum Gegenargument ansetzen wollte. Er verstummte sofort wieder.


„Du hast die Autos vier Wochen lang vermietet. 50 Euro habe ich jeden Tag eingenommen. Ich bekomme von dir 1400 Euro. Und weil ich sehr großzügig bin, verlange ich nur 1200 Euro. Und dieses Geld bekomme ich gleich und sofort und bar auf die Hand.“


„Das kannst du nicht machen“, begann er wieder seine weinerliche Tour.


„Was kann ich nicht machen. Ich verlange von dir nur, was mir zusteht. Nicht mehr und nicht weniger.“ Ich holte tief Luft und straffte meine Schultern.


„Ich hatte Ausgaben. Reparatur, Strom. Wer soll das bezahlen.“


Langsam wurde mir das alles zu bunt. Ich sog noch einmal scharf die Luft ein und kniff die Augen zusammen.


„Wenn du glaubst, dass ich mich von dir über den Tisch ziehen lasse, hast du dich gewaltig getäuscht. Du hast weder eine Reparatur ausführen lassen noch hast du für 200 Euro Strom verbraucht. Also hör endlich auf, mich zu verarschen. Ich will jetzt sofort mein Geld sehen. Ansonsten lernst du mich von einer anderen Seite kennen. Ich habe Idris überlebt. Mich schockt nichts mehr.“


Ich hörte selbst, dass ich zunehmend lauter wurde. Das konnte ich auch sehen, denn aus den Nachbargeschäften kamen die Männer und standen um uns herum.


„Ich habe aber nur Dollar“, versuchte er abzulenken.


„Das macht überhaupt nichts. Ich habe mir heute Morgen schon den Wechselkurs angesehen. Ich bekomme dann 1800 Dollar von dir. Das ist für mich kein Problem.“


„Aber so viel habe ich jetzt nicht einstecken“, versuchte er sich weiter aus seiner Lage zu manövrieren.


Mit wurde die ganze Diskussion langsam zu anstrengend. Es war schon ziemlich heiß und ich wollte nach Hause um mit meiner Tochter zu essen. Dennoch musste ich versuchen, mich zu beherrschen, denn ich wollte am Abend wiederkommen und meinem Geschäft nachgehen.


Ich neigte den Kopf zur Seite und grinste breit. Ich war gewillt, zum letzten und entscheidenden Schlag auszuholen.


„Was ist jetzt. Bekomme ich mein Geld oder willst du eine Frau, die mit ihrer Tochter allein lebt, hinters Licht führen. Du bist doch ein Mann und hast Ehre im Leib. Oder sollte ich mich in dir getäuscht haben?“


Der Schlag saß. Er holte tief Luft. Seine Nasenflügel bebten. Ich wusste, dass er vor Wut kochte. Es waren in der Zwischenzeit eine Menge Geschäftsleute gekommen, die sich das Schauspiel nicht entgehen lassen wollten. Viele der Männer grinsten, denn sie hatten nicht erwartet, dass ich so hartnäckig war.


Er versuchte es noch einmal.


„Heute Abend?“


„Nein, jetzt. Stell dir mal vor, du hast heute noch einen Unfall. Dann sehe ich mein Geld nicht mehr. Gib mir schon, was mir zusteht.“


Er ging in sein Geschäft und brummte vor sich hin. Die Runde ging an mich. In seinen Händen hielt er ein Bündel Dollarscheine. Ich sah ihm an, dass er innerlich kochte. Aber ich triumphierte und hielt meine Hand auf. Er zählte mir das Geld in die Hand. 1400 Euro. Was er nicht wusste, er hatte damit sich seinen nächsten  Gnadenstoß schon selbst versetzt. Ich nahm zwei Einhundert-Dollarscheine und reichte sie ihm.


„Das gehört dir. Du hast doch auch Unkosten gehabt.“


Zögernd griff er danach. Kopfschüttelnd gingen die anderen Geschäftsleute wieder in ihre Läden zurück. Ich hatte einen  vollen Sieg errungen. Meine Großzügigkeit hatte den Uhrenhändler blamiert.


„Danke. Und bis heute Abend.“


Erste Runde gut absolviert. Als ich wieder zu meiner Frisöse gehen wollte, versperrte mir der Reiseagenturinhaber den Weg.


„Willkommen zurück. Geht es dir wieder gut? Wann bist du angekommen? Komm arbeiten.“


„Danke, Ahmet. Mir geht es wieder besser. Wir sind gestern Abend angekommen. Jetzt lade ich die Autos auf und gehe dann erst mal nach Hause. Meine Tochter ist mitgekommen.“


„Aber ich brauche dich. Keiner schreibt mehr Prospekte. Du fehlst überall.“


Ich freute über dieses Kompliment.


„Ok. Lass mich jetzt schnell nach Hause gehen. Über Mittag bin ich mit Sabrina am Strand und dann komme ich zum Arbeiten. Ist das in Ordnung?“


„Ja“, murmelte er. Ich wusste und sah, dass es ihm nicht passte. Doch was sollte er tun.


Nun wollte ich aber wirklich gehen. Ich hatte zwar Sabrina einen Zettel mit einer Nachricht hinterlassen, aber ich wusste nicht, ob sie Geld hatte, um mit dem Bus zu fahren. Gerade als ich zur Haltestelle gehen wollte, hielt ein Bus und sie steig aus.


Natürlich hatte sie mit deutschem Geld bezahlt und der Busfahrer hatte ihr den doppelten Betrag abgeknöpft. Daran war nun nichts mehr zu ändern. Ich war erstaunt, denn sie hatte auch meine Badesachen dabei. Ich musste sie drücken. Sie war eben einfach Klasse.


 


 


4


 


A


us den Augenwinkeln sah ich jemanden in der ersten Etage stehen. Ich sah nach oben. Es war Silke. Ihr trauriger Blick war auf mich geheftet.


„Hallo, du“, rief ich nach oben.


„Hallo, du. Komm rauf ich setze schon mal Wasser auf. Bring aus dem Market Kaffee mit“, rief sie mir zu. Ich zog Sabrina hinter mir her in den kleinen Market. Der Junge, der hinter dem Tresen stand, blickte mich verwundert an.


„Ja, ich lebe“, wollte ich eigentlich sagen, doch das verkniff ich mir. Ich kaufte für uns drei Kaffee und fuhr mit meiner Tochter mit der Rolltreppe in die erste Etage. Das Wasser war schon heiß und wir schütteten das Pulver in die Pötte und dann das Wasser darauf. Jede von uns griff sich seinen Topf und Silke führte uns zu einem schattigen Plätzchen.


„Mom.“ Sabrina stupste mich an.


„Wo kann ich mir was zu futtern holen.“


„Warte“, mischte sich Silke ein. „Die Ayse macht jetzt hier immer Sandwich für drei Lira. Entweder mit Salami oder mit Käse.“


„Ich will eins mit Salami.“


Wir sagten ihr schnell, wie sie das in Türkisch zu sagen hatte, und weg war sie. Die Gelegenheit nutzte Silke und nahm mich ganz fest in ihre Arme. Dann drückte sie mich weg und sah mir fest in die Augen. Ich wusste, was sie sagen wollte. Deshalb ergriff ich gleich selbst die Gelegenheit.


„Sag nichts. Ich weiß, du hast mich gewarnt. Doch ich habe deinen Rat in den Wind geschlagen.“


„Es ist noch viel schlimmer. Ich habe alles, was ich durchlebt habe, noch einmal erlebt, als ich das von dir gehört habe. Aber ich bin glücklich, dass es dir gut geht, dass ich dich hier und jetzt vor mir sehe. Es hätte anders enden können. Das weißt du.“


Ich nickte und wischte mir eine kleine Träne ab. Sie hatte mich schon im Januar gewarnt, als ich Hunger litt.


„Aber jetzt erzähl mal. Was ist da eigentlich passiert. Idris kam hier her und hat ein Theater aufgeführt. Du seist in der Nacht abgehauen. Er weiß nicht, wo du abgeblieben bist und muss jetzt die Polizei informieren. Ein vollkommenes Schmierentheater. Sein Freund hat uns dann aber bestätigt, dass er dich gewaltig geschlagen hat. Doch das ahnten wir alle schon.“


Ich musste ihr alles erzählen, was vorgefallen war. Ich erklärte ihr auch, warum ich sämtliche Kontakte abgebrochen hatte. Sie verstand es.


Während wir erzählten, spürten wir, wie plötzlich zwei Köpfe um die Ecke sahen. Es waren meine iranischen Freunde.


„Wir haben uns also nicht verhört. Du bist wieder da. Lass dich anschauen“, begrüßten sie mich. „Emi, du siehst besser aus, als das letzte Mal.“ Wir mussten alle recht bitter lachen.


Auch ihnen musste ich erzählen, wie alles weiterging. Sie erzählten mir, dass Idris entweder in Alanya oder in Istanbul sei. Ich war froh. Hauptsache, er war nicht hier. Dennoch schien er über meinen Aufenthalt hier informiert zu sein. Ich hatte mich nicht getäuscht, als ich annahm, dass der Uhrenmann ihn  über meine Ankunft informiert hatte. Mein Handy klingelte und ich sah seine Nummer. Ich drückte ihn weg. Er schien nicht so schnell aufgeben zu wollen. Nach dem dritten Anruf schien er aufzugeben. Nahm ich an. Weit gefehlt, denn er schickte mir eine SMS, die ich dann auch las.


„Geh ran! Oder soll ich erst wieder böse werden“, las ich und ein Schauer überzog mich.


Meine Freunde sahen mich an. Sie wussten, dass ich eine unerfreuliche Nachricht gelesen hatte. Stumm zeigte ich Silke die SMS. Sie begann sofort zu schimpfen.


„Kann er dich nicht in Ruhe lassen? Woher weiß er eigentlich, dass du da bist. Ach, ist klar. Einer von den Männern hat ihn informiert. Was sind das für Idioten.“


Sie konnte sich kaum noch beherrschen. Auch Pedram und Parisa waren wütend, dass seine Attacke schon wieder losging oder, besser gesagt, weiterging. Mein Gesicht hatte sich verkrampft.


Silke legte mir ihre Hand auf den Arm. „Hab keine Angst. Die Jandarma sucht ihn. Er kann nicht hier her. Die kommen jeden Tag.“


Diese Worte sollten mich beruhigen, doch so richtig vermochten sie es nicht. Meine innere Stimme redete mir zu, dass ich mich zusammenreißen müsste. Schließlich konnte ich mir denken, dass ihm meine Rückkehr nicht verborgen bleiben würde.


Es war fast unerträglich heiß, und wir beschlossen, uns erst einmal im Meer abzukühlen. Sabrina griff unsere Tasche und wir liefen zum Strand. Auch hier traf ich auf viele bekannte Gesichter. Alle begrüßten uns höflich. Irgendwie waren sie auch etwas zurückhaltend. Verstehen konnte ich das alles nicht so recht. Sie hatten doch nichts mit dem zu tun, was mir passiert war. Warum sollten sie sich schuldig fühlen. Ihr Verhalten jedoch sprach ganz diese Sprache. Nach einer ausgiebigen Runde im Meer wollten wir etwas schlafen. Leider kam ich nicht dazu, weil mein Handy ständig klingelte. Ich war so genervt, dass ich es endlich ausschaltete. Ich wollte meine Ruhe haben. Er hatte doch alles zerstört, was es nur zu zerstören gab. Ein Zurück gab es nicht mehr. Ich wusste, sollte ich zu ihm zurückgehen, würde ich das mit meinem Leben bezahlen. Aber der Gedanke ließ mich einfach nicht los. Gerade so als wollte mein inneres Ich mich auf die Probe stellen, musste ich wieder an die schönen Stunden und Tage mit ihm denken. Ohne es zu wollen, musste ich schmunzeln. Wie oft hatte er mich mittags an den Strand geschickt zum Schwimmen und Erholen. Und kaum war ich aus seinen Augen rief er mich an. Seine Eifersucht war unerträglich. Sein Kontrollwahn machte mir das Leben zur Hölle. Dann kam die Erinnerung an den Abend am Strand, als wir dort gemeinsam gegessen hatten, meine geliebte weiße Bohnensuppe. Es war so einfach und doch so romantisch. Mein Verstand rief mich in die Realität zurück. Dieser Mann hatte mich halb totgeschlagen. Wie konnte ich da überhaupt noch einen netten Gedanken an ihn verschwenden. In meinem Inneren war wieder einmal das Chaos ausgebrochen, wie schon so oft in den letzten Wochen. Irgendwie hatte ich noch immer nicht registriert, was mir eigentlich wiederfahren war. Ich bin ganz knapp dem Tod entgangen, und das nicht zum ersten Mal. Ich musste doch nun endlich mal gelernt haben. Ich lag mit geschlossenen Augen da. Niemand sollte mir ansehen, wo ich mit meinen Gedanken war.


Die Hitze zwang uns wieder ins kühle Nass. Bis zu den Absperrseilen schwammen wir. Es tat gut, sich auszupowern. So konnte ich alle Gedanken an ihn verdrängen. Wir legten uns zum Trocknen in den warmen Sand. Ich sah zur Uhr und stellte fest, dass es an der Zeit war, sich nach Hause zu begeben um sich für den Abend umzuziehen. So lief es nun mal. Tagsüber ging hier jeder sehr leger, aber am Abend musste man sich umziehen, denn dann kamen die Gäste auch gestylt aus den Hotels. Als wir vom Strand kamen und am Reisebüro vorbeiliefen, rief mir Ahmet zu, dass, wenn ich heute Abend arbeiten würde, ich auch das Auto nehmen konnte. Das kam mir gerade recht. So brauchten wir nicht den stickigen Bus zu nutzen. Ich lief schnell zu ihm, holte mir den Schlüssel und bedankte mich.


Nun musste ich mich aber erst wieder an den türkischen Verkehr gewöhnen. Das ging jedoch sehr schnell. Schneller, als ich gedacht hatte. Da wir heute schon ausgiebig geschwommen waren, unterließ ich es noch im Pool in der Anlage zu schwimmen. Es gab schließlich noch genügend Tage, wo ich das tun konnte. Zu Hause angekommen, musste ich feststellen, dass es meiner Tochter gar nicht gut ging. Die Hitze machte ihr zu schaffen. Vielleicht  hatte sie auch zu wenig getrunken. Nachdem sie geduscht hatte, legte sie sich auf ihr Bett und ich stellte ihr noch eine Flasche Wasser daneben. Ich beschloss schnell eine Hühnersuppe aus dem Restaurant zu holen. Auch für mich bestellte ich eine Suppe. Hunger hatte ich kaum. Ein Kellner packte mir alles zusammen und ich verließ das „Hayat“. Was ich nicht bemerkt hatte, war, dass mir der furchtbare Freund von Idris, den ich bereits am Morgen gesehen hatte, gefolgt war. Auf der Straße lief er hinter mir her. Ich zwang mich, ganz ruhig zu gehen, obwohl ich mir sicher war, dass er mir nicht ohne Grund folgte.


„Hey, Emi, bleib stehen“, rief es hinter mir.


Ich tat, als hatte ich diesen Ruf nicht gehört. In mir bäumte sich alles auf, wusste ich doch, dass er sehr gefährlich werden konnte. Der Alkohol, den er schon früh zu sich nahm, ließ ihn alle Hemmungen ablegen, wenn er denn jemals welche gehabt haben sollte.


„Verdammt, du sollst stehen bleiben. Wirst du wohl hören. Bleib endlich stehen. Idris braucht seine Sachen. Gib sie ihm raus. Wir werden dir sonst die Jandarma auf den Hals hetzen. Du elende Fotze sollst endlich warten.“


Er schrie und tobte schon hinter mir. Die Panik übermannte mich. Ruckartig blieb ich stehen, versuchte meine Angst vor diesem Scheusal zu unterdrücken. Obwohl Menschen auf der Straße waren, würde mir wohl kaum jemand helfen, das wusste ich.


Ich drehte mich zu ihm um.


„Idris kann seine Sachen sehr gern haben. Ich brauche sie nicht. Ab morgen kann er sie sich bei meinem Anwalt abholen.“


Ich war über mich selbst erschrocken. Wie kam ich bloß darauf, so etwas zu sagen. Ich hatte noch nicht einmal Kontakt mit der Kanzlei aufgenommen. Ich musste übergeschnappt sein. Auch das Monster war stehen geblieben. Mit dieser abrupten Reaktion  von mir hatte er anscheinend nicht gerechnet.


„Und jetzt lass mich in Ruhe. Sprich mich nie wieder an. Ich will weder mit dir noch mit deinem Freund Idris noch etwas zu tun haben. Hast du mich verstanden.“


Bei meinen letzten Worten ging ich sogar ein wenig auf ihn zu und er wich zurück. Er wusste schließlich, dass ich bereit war, mich zur Wehr zu setzen, wenn es nötig war. Auch er hatte mich schon angegriffen und Idris sah zu. Als er ausholte und mir eine Ohrfeige verpassen wollte, nahm ich meinen Gemüsebeutel, den ich gerade vom Markt geholt hatte und schleuderte ihn diesem furchtbaren Mann um die Ohren. Verdattert von meiner Art mich zu wehren, blieb er wie angewurzelt stehen, unfähig sich zu rühren. Erst als ich einen sicheren Abstand zwischen ihn und mich gebracht hatte, rief er mir Schimpfwörter nach. Mein Gemüse hatte ich bei dieser Aktion leider eingebüßt. Doch das war es mir wert. Und einen  Abend auf Salat zu verzichten, war ein geringer Preis, den ich dafür zahlte. Auch in diesem Moment nutze ich wieder seine Starre aus und ging einfach nach Hause. Als ich dort jedoch angekommen war, musste ich mich erst einmal setzen, denn der Schreck steckte mir noch in den Gliedern. Kurze Zeit später wollte ich mir einen starken Kaffee machen, was meine Aufregung nur noch verstärkt hätte. Meine Tochter wollte wissen, was passiert war. Ich erzählte ihr, auf wen ich getroffen war. Auch sie hatte große Angst vor diesem Trunkenbold. Nach meiner Erzählung musste sie aber herzhaft lachen, denn auch sie wusste nicht, dass er schon meinen Gemüsebeutel hatte um seine Ohren fliegen sehen. Statt des Kaffees nahm ich mir ein halbes Glas Prosecco und goss den Rest mit Wasser auf. Schließlich musste ich heute noch Geld verdienen. Da kam es schlecht an, wenn ich die Kinder mit einer Alkoholfahne entgegennahm. Noch während des Essens lachte meine Tochter immer wieder, wenn sie sich vorstellte, wie das Gemüse um die Ohren des Betrunkenen flog. Das schien ihr zu helfen. Es war nichts mehr zu spüren von ihrer Schwäche und ihrem Unwohlsein. Ausgelassen fuhren wir zurück. Gemeinsam drapierten wir die kleinen Gefährte so, dass sie ihre Kunden anzogen.


„Ich kann mir nicht vorstellen, dass du damit Geld verdienst“, sagte sie.


„Deine Mama hat damit in kurzer Zeit mehr Geld verdient, als jeder von uns hier den ganzen Tag“, rief Silke von oben. Ich musste lachen. Erinnerte ich mich doch an die vielen verdatterten Gesichter, als ich mit den kleinen Autos ankam. Keiner hatte gedacht, dass ich damit auch nur einen Kunden anlocken konnte. Zunehmend wurden die angrenzenden Geschäftsleute jedoch sauer, da ich innerhalb von nur ein paar Stunden mehr Geld verdiente, als sie, die den ganzen Tag in ihren Geschäften herumlungerten. Und wessen Idee war es wieder gewesen? Idris.


Sabrina war überrascht, wie viele Kinder kamen und fahren wollten. Als dann auch noch Tränen flossen, weil ein kleiner Junge unbedingt mit dem gelben Mini fahren wollte, der aber schon besetzt war, war sie völlig überrumpelt.


„Sag mal, geht das jeden Abend so?“, fragte sie mich. Wir waren gerade dabei, die Autos in das Reisebüro zu fahren.


„Ja, na klar. Es macht einfach Spaß. Manchmal ist es aber auch Stress. Gerade, wenn es Kinder sind, die meinen, sie müssen damit richtige Crashs machen“, erklärte ich ihr. So langsam schlossen alle Geschäfte und wir setzten uns noch mit Parisa und Pedram zusammen. Ich konnte es nicht glauben, aber sie luden uns zu einer Partie Backgammon ein. Sabrina ging schon nach oben, während ich mit Ahmet sprach und ihn bat, dass ich das Auto auch heute Abend mitnehmen durfte, weil ich gleich am nächsten Morgen die Autos in die Werkstatt bringen wollte. Widerwillig gab er mir den Schlüssel wieder. Ich versprach, reichlich zu tanken, wusste ich doch, wie es lief.


Kurz nach Mitternacht verließen wir den Basar. Zu Hause zählte ich noch mein Geld und trug alles in das Kassenbuch ein. Bevor wir schlafen gingen, genehmigten wir uns noch ein Glas Sekt verdünnt mit Wasser. Es war immer noch recht warm. Doch genau das war es, was ich so liebte. Diese warmen Sommernächte, wo man am liebsten auf dem Balkon schlafen würde. Bevor ich ins Schlafzimmer ging, schaute ich noch einmal auf mein Handy. Vier verpasste Anrufe. Die Nummer zeigte mir, dass ich die Anrufe nicht wirklich verpasst hatte. Zwei SMS wurden mir ebenfalls angezeigt.


„Gib mir meine Sachen heraus. Sag, wann ich kommen kann“, war auf der ersten zu lesen.


„Warum sprichst du nicht mit mir. Geh doch bitte ans Telefon, Schatzi.“


Das musste ich jetzt falsch gelesen haben „Schatzi“. Dieser Mann musste ein gespaltenes Ich haben. Anders ließ sich sein Verhalten nicht erklären. Ich wusste, dass er mich total verunsichern und mürbe machen wollte. Ich legte etwas unsanft das Handy auf den Wohnzimmertisch. Heute wollte ich mir darüber keine Gedanken mehr machen. Viel mehr wollte ich schlafen und mich erholen.


 


 


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