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Belletristik
Buch Leseprobe Im Mittelpunkt der Zeit, Fritz Maywald
Fritz Maywald

Im Mittelpunkt der Zeit



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Was hieß denn das eigentlich: Die Zeit vergeht? Die Zeit hatte doch weder Anfang noch Ende, wie konnte sie also vergehen? Wenn jemand keine Zeit hatte, wo war die Zeit hingekommen? Wenn er sie nicht hatte, wer hatte sie dann?
Hatte man überhaupt Zeit? Das klingt so besitzergreifend. Vermutlich besaß man die Zeit nicht, man konnte sich aber Zeit nehmen. Doch woher? Vielleicht die übriggebliebene Zeit von den Menschen, die keine hatten?

-

Was ist denn eigentlich die Gegenwart? Das ist doch ein künstlicher Begriff! Die Gegenwart trennt die von der Zukunft - Also gab es die Gegenwart eigentlich nicht, denn in dem Moment war sie schon Vergangenheit. Allerdings: Wenn alle Zeiten gleichzeitig stattfanden, dann war jede Vergangenheit auch Gegenwart - genauso wie jede Zukunft. Vergangenheit und Zukunft vereinten sich also im Jetzt. Aber was war das Jetzt? Das, was man gerade erlebte? Konnte man denn nicht auch Vergangenheit und Zukunft gerade jetzt erleben, wenn doch alle Zeit Eins war?

Im Mittelpunkt der Zeit
sind die Grenzen zwischen gestern und morgen überwunden,
alles geschieht im Jetzt.


1 Ein seltsamer Mann
Der Würstelstand hätte in einer anderen Stadt wohl Imbissbude oder Take Away oder wie auch immer geheißen - hier hieß er Würstelstand. Den Würstelstand gab es schon lange an dieser Ecke. Es ist ein ruhiger Tag gewesen, dachte sich der Besitzer, ein fast zu ruhiger Tag. Einerseits war das gut, denn dann konnte er träumen, das war neben Würste braten seine liebste Beschäftigung. Andererseits bedeutete das, dass er wenig Geschäft gemacht hatte, und dafür stand er eigentlich den ganzen Tag und die halbe Nacht in seinem Würstelstand: Um Würste zu braten und zu verkaufen.

Der Würstelstand sah den meisten anderen Würstelständen in Wien ähnlich: Ein schlichter, zweckmäßiger Aluminiumkiosk, mit einem Schiebefenster an der Vorderseite und schmalen Borden rundherum, auf denen man seine Würste und vielleicht auch ein Bier oder ein anderes Getränk abstellen konnte. Die heißen Würste, die es hier gekocht oder gebraten gab, trugen exotische Namen wie Burenwurst, Waldviertler, Krainer. Interessanterweise änderten sie ihren Namen, wenn sie in ein Brot gesteckt wurden, das man auf einem glänzenden Apparat mit heißen Spießen gleichzeitig aushöhlen und erhitzen konnte. Dann hießen sie immer HotDogs, auch wenn sie mit den gleichnamigen amerikanischen rotgefärbten Brüdern gerade gemeinsam hatten, dass sie teilweise aus Fleisch bestanden. Auch Leberkäse gab es, der hatte aber weder etwas mit Leber noch mit Käse zu tun. Wenn wirklich einmal Käse drin war, dann hieß er Käseleberkäse, ein eigenartiger Pleonasmus, skurril, aber irgendwie typisch für diese Stadt.

Michael bestellte sich eine Burenwurst mit süßem Senf, die auf einem Pappteller schnell in Stücke geschnitten und mit drei Zahnstochern und einer Scheibe Brot essfertig war. Er ging zur Rückwand des Standes und stellte sein verspätetes Abendessen auf die dafür vorgesehene Ablage.

Der Besitzer des Würstelstandes beschloss, für heute Schluss zu machen. Der einzige Gast da draußen war sicher bald mit seiner Wurst fertig, und so spät in der Nacht würde wohl niemand mehr kommen. Ein seltsamer Mann, dachte sich der Besitzer des Würstelstandes, der isst seine Wurst so andächtig. Wie wenn die ganze Welt drinnen wäre. Und er sieht sich dauernd um dabei, wie wenn er auf jemand warten würde.



2 Seit wann das schon so war, wusste niemand
Jeder, der Michael näher kannte, wusste, dass er in Wien geboren und in Wien aufgewachsen war - und dass er lange hier gelebt hatte. Einzelheiten über Michaels Vergangenheit wusste aber kaum jemand. So nah kannte ihn niemand. Genauso wenig wusste jemand, was Michael heute tat, um Geld zu verdienen. Eines war jedoch deutlich: Er war viel unterwegs, und er hatte in Wien keine Wohnung. Immer, wenn er - meist nur für kurze Zeit - hier war, wohnte er in billigen Hotels. Und der Verdacht lag nahe, dass er in den Kaffeehäusern dieser Stadt lebte. Niemand hatte ihn allerdings jemals in einem Kaffeehaus arbeiten gesehen.

Seine Freunde akzeptierten, dass er über seine Vergangenheit nicht reden wollte, viele von Ihnen wussten auch, dass er manchmal von journalistischen Gelegenheitsjobs lebte und fallweise Bücher schrieb, die unter fremden Namen erschienen. Genaueres aber wusste niemand, gerade einmal, dass er aufgrund dieser und anderer Aufträge oft im Ausland war. Oder eigentlich umgekehrt - dass er aufgrund dieser und anderer Aufträge oft nach Österreich zurückkam.

Was auch deutlich war: Michael hatte in Wien keine Wohnung. Seit wann das schon so war, wusste niemand. Und warum das so wahr, auch nicht. Wenn er in Wien war, wohnte er in einem billigen Hotel, außerhalb des Zentrums. Eigentlich wohnte er nicht wirklich dort, sondern es war so eine Art notweniger Stützpunkt zum Schlafen, zur Aufbewahrung seiner wenigen Utensilien, hauptsächlich Bekleidung und einem großen Koffer voller Bücher. Diesen Stützpunkt benützte er nur dann, wenn es unbedingt notwenig war.

Bei Tag traf man ihn normalerweise im Kaffeehaus - das war ja für Wien nicht so untypisch. Sein Leben im Kaffeehaus lief eigentlich verblüffend geordnet ab. Er hatte Kaffeehäuser für geschäftliche Kontakte, eines zum Nachdenken und zum Träumen, eines als Treffpunkt mit Freunden. Und ein ganz besonderes, sozusagen die Basis und Quelle seiner Kreativität. Entdeckte er ein neues Kaffeehaus, vergaß er eines der alten - dem ganz besonderen Kaffeehaus aber blieb er treu.

Da er das Kaffeehaus mehrmals pro Tag wechselte, wusste auch niemand, ob er zwischendurch nicht auch woanders war. Wenn es jemand gewusst hätte, er hätte sich gewundert über die Vielfalt der Orte - die Stille des großen Lesesaals der Nationalbibliothek, einer der stillsten Orte, die man in dieser Stadt finden konnte, die Freiheit am Rande irgendeiner Wiese in irgendeinem Wald nahe der Stadt, im Sommer die glühende Hitze der Donauauen, oder der Reste, die davon noch übrig waren, eine Bank in der Mitte der Stadt.

Womit Michael seinen Lebensunterhalt verdiente, war ebenso rätselhaft, wie seine Vergangenheit. Vermutlich nicht für ihn selbst, aber für alle anderen, die ihn kannten. Er sprach nie darüber, und aus seinen raren Bemerkungen in Gesprächen konnte man auf allerhand schließen. Hätten seine Freunde auch nur geahnt, mit wie viel verschiedenen Tätigkeiten Michael Geld verdiente, sie hätten die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.

Eines war ziemlich klar: Michael verdiente sein Geld zu einem großen Teil im Ausland, deswegen verschwand er auch immer wieder aus Wien. Oder - besser gesagt - deswegen kehrte er immer wieder nach Wien zurück.



3 Oder vielleicht doch
Es gab eine Menge Städte in der Welt, in denen Michael zuhause war, wo er eine Art Lebensbasis hatte. New York war so eine Stadt, dort hatte er sogar einmal geheiratet. Aber das war lange her, länger als ein Leben. Überhaupt zog es ihn - unabhängig von irgendwelchen Aufträgen - immer wieder nach Amerika, wie wenn ein Teil von ihm dort seine Wurzeln hätte. Einzutauchen in den Irrsinn der Großstadt New York, sich zurückzuziehen in die unendliche Landschaft zwischen Ostküste und Westküste, das liebte er.

New York fesselte ihn besonders - die unwahrscheinliche Mischung von Menschen aus allen Weltteilen, die mehr oder weniger schlechtes Englisch sprachen, so dass auch Michael problemlos als Amerikaner durchging. Er war viele Male in dieser Stadt gewesen, hatte große Teile davon - gegen jeden Ratschlag von besorgten Fremdenführern - zu Fuß erkundet. So war er von den nördlichen Teilen des Central Parks bis hinunter in den Süden von China Town und Little Italy vorgestoßen. Er war unzählige Male mit der Staten Island Ferry von der südlichsten Spitze Manhattans nach Staten Island und sofort wieder zurück gefahren, nur um die Skyline zu genießen.

Oder - Anachronismus in einer Stadt, deren Bewohner sich entweder mit Autos, mit Taxis oder mit der Metro fortbewegten, auf jeden Fall schnell, selbst wenn sie einmal zu Fuß gehen mussten, rannten sie - er ging über die Brooklyn Bridge, die tatsächlich einen eigenen Weg für Fußgänger und Radfahrer hatte, aus Holz und hoch über der Fahrbahn. Hier gingen alle Menschen eher gemütlich und langsam, denn wer rasch nach Brooklyn wollte, der fuhr sowieso mit der Metro.

Manchmal dachte er sich: Ich muss viele Wurzeln haben. Eine reicht sicher bis hierher nach New York, eine andere nach Italien, denn dort fühle ich mich auch irgendwie zuhause. Obwohl meine Eltern doch nie über die Grenzen Österreichs hinausgekommen waren, und die Großeltern aus irgendwelchen Kernländern der Monarchie stammten, aus Böhmen oder Mähren. Viel Platz für irgendwelche vergessenen Ahnen, die nach Amerika ausgewandert waren oder nach einem Zweig der Familie, der in Italien gelebt hatte, gab es da nicht. Oder vielleicht doch?



4 Mit einigen Stufen
Es gab da ein besonderes Cafe, wo man ihn am sichersten gefunden hätte. Tatsächlich war es schon vorgekommen, dass Michael die Adresse dieses Cafes als seine Postadresse angegeben hatte. Auf jeden Fall wusste Walter - das war der Besitzer dieses besonderen Kaffeehauses - immer, ob Michael in Wien war oder nicht. Wann er aber das nächste Mal kommen würde - das wusste nicht einmal Walter.

Michael war schon lange nicht in diesem Cafe gewesen. Wichtige Geschäfte, die eigentlich doch nicht so wichtig waren, hatten ihn davon abgehalten. Vielleicht war es auch Trägheit, die ihn davon abhielt, sein Hotel zu verlassen, ein Stück mit der U-Bahn zu fahren, ein Stück die Straße hinauf zu gehen. Vielleicht war es auch gar nicht so lange her, wie es ihm vorkam. War er nicht erst gestern durch den eigenartigen Torbogen gegangen, auf dem „Öffentlicher Durchgang" stand? War er nicht erst vor einigen Tagen durch diesen öffentlichen Durchgang gegangen, der offen, also öffentlich war, den viele kannten, viele sahen, und durch den kaum jemand ging?

Dieser Durchgang war etwas ganz besonderes, das war ihm schon klar gewesen, als er ihn vor einigen Jahren - oder waren das Monate gewesen? - das erste Mal betrat. Leicht bergab führend, mit einigen Stufen, damit die Neigung des gepflasterten Zwischenraums zwischen den Häusern nicht zu steil wurde. Hohe gemauerte Bögen verbanden die Häuser, die vermutlich irgendwann um die Wende vom neunzehnten ins zwanzigste Jahrhundert gebaut worden waren. Diese Bögen hätten leicht die Reste eines römischen Amphitheaters sein können, wenn dieser Durchgang irgendwo in Italien gewesen wäre, oder wenigstens in Südfrankreich - und wenn er nicht schurgerade verlaufen wäre.

Diese monumentalen Bögen, die das Ende eines Hauses mit dem Anfang eines anderen verbanden, gleichzeitig links und rechts den Eingang freigebend, diese monumentalen Bögen waren verantwortlich für das Licht in diesem Durchgang, oder besser gesagt, für das Wechselspiel von Licht und Schatten. Sie faszinierten ihn immer wieder, wenn er zu dem Cafe ging, das genau im zweiten Bogen seinen Eingang hatte. Der Besitzer, Walter, war ein alter Freund von Michael, obwohl er ihn eigentlich noch gar nicht solange kannte. Zumindest nicht länger als das Cafe.

Das Cafe war anders, als die meisten Cafes in Wien. Ein kleiner Raum, in dem gerade einmal vier runde Tische Platz hatten, jeder in einer anderen Farbe, und - um dieses Ensemble würdig zu ergänzen - umgeben von Sesseln, von denen keiner gleich war, keiner gleich in der Farbe, aber auch nicht gleich in der Bauart. Da gab es runde Lehnen und eckige, runde Sitzflächen und eckige. Ein Bücherregal stand in dem Raum, einfach, braun, voll mit den unterschiedlichsten Büchern.

„Du schreibst doch nur, um dir einen Psychiater zu ersparen!",

sagte Walter einmal zu Michael, und weiter:

„Ich lese schon lange nicht mehr".

Vor dem Bücherregal stand ein Sessel, auf dem Zeitungen lagen, denen man ihre Aktualität eigentlich nicht ansah, so zerknittert waren sie. An den Wänden hingen Bilder, die regelmäßig ausgewechselt wurden, denn das Cafe war auch eine Galerie. Gleich hinter dem Eingang aber gab es eine Bar, die sich ein größeres Cafe davor verdient hätte: Die Wände verspiegelt, die Regale voll mit alkoholischen Getränken.

Ein Blickfang dieser Bar war eine große italienische Kaffeemaschine, so eine mit verchromten Hebeln und Knöpfen dran. Hier produzierte Walter mit Bedacht und Achtung, also andächtig, Kaffee. Er bevorzugte es, wenn seine Gäste dem Kaffee einen deutschen Namen gaben, also etwa Milchkaffee verlangten, statt Cafe Latte.

Zum Kaffee servierte er ein großes Glas Wasser, und dazu erzählte er jedem neuen Gast, dass dieses Wasser aus einem ganz anderen Teil Österreichs nach Wien kam, von einem Ort, der Wildalpen hieß. Bekundete der neue, unerfahrene und daher unvorsichtige Gast Interesse, dann bekam er die Geschichte der ersten und zweiten Wiener Hochquellenleitung zu hören, mit allen Einzelheiten, samt einer Abhandlung über die hervorragende Wasserqualität.



5 Die Essenz aller Bäcker der Stadt
Michael hatte es also geschafft, er saß wieder einmal in Walters Cafe - allein, an demselben Tisch wie immer - versuchte Zeitung zu lesen und gleichzeitig Walter zuzuhören, oder zumindest so zu tun, als hörte er zu, oder so zu tun, als würde er tatsächlich Zeitung lesen. Wobei letztere Taktik keinesfalls aufging, denn dann redete Walter eben mit einer imaginären Person im Raum und war sicher, dass Michael jedes Wort hören konnte.

Als er - vor vielen Jahren oder doch erst vor einigen Monaten - das erste Mal in Walters Kaffee frühstückte, erlebte er eine Überraschung: Walter verschwand hinter einer unauffälligen Tür in der Ecke und kam mit einem Tablett voller Marmeladegläser zurück, eine bekannte Marke, und vermutlich alle Sorten, die es von dieser Marke gab. Da waren Erdbeere, Marille, Johannisbeere, Himbeere, Holunder, Heidelbeere, Hagebutte, aber auch so ungewöhnliche Früchte wie bittere Orange, Birne, Zitrone und Ingwer. Gleich am ersten Tag hatte Michael den Verdacht, dass es nur eine einzige Kollektion dieser Marmeladegläser gab, dass also dann, wenn auch ein anderer Gast an einem anderen Tisch frühstücken wollte, Entscheidungen getroffen werden mussten, wer welche Marmelade bekam.

Das war aber nicht die einzige Kuriosität dieses Frühstücks. Walter brachte ihm noch einen Teller mit zwei Stück Butter und einem Messer darauf, und einen leeren Brotkorb. Als Michael ihn fragend ansah, sagt er: „Der Bäcker ist gegenüber". Michael ging also - notgedrungen - mit dem Brotkorb auf die gegenüberliegende Seite des Durchgangs.

Dort gab es einen Bäcker, sondern sozusagen die Essenz aller Bäcker dieser Stadt, komprimiert in einem Raum: Gegenüber dem Eingang ein Verkaufspult, hinter dem manchmal die Frau des Bäckers stand, das aber meist leer war, mit Ausnahme eines Tabletts mit drei Topfengolatschen und zwei Nussschnecken. An der Wand zum Durchgang befanden sich drei Getreidemühlen aus Holz. Kam man zur rechten Zeit, dann konnte man zusehen, wie der Bäckermeister das Korn aus großen Säcken einfüllte. Dabei trug er eine Haube, die seinem Kollegen bei Wilhelm Busch problemlos gepasst hätte.

An der hinteren Wand gab es neben einigen geheimnisvollen Gerätschaften einen Backofen, aus dem meistens der Duft von frischem Brot oder auch nur Dampf kam. In der Mitte des Raumes aber stand das Kernstück der Einrichtung: Ein großer Tisch, gut zwei Meter mal zwei Meter, mit einer rohen Holzplatte. Darauf kühlten die frisch aus dem Ofen geholten Semmeln, Mohnstriezeln und ähnliches Gebäck aus. Wobei es von den Semmeln mehrere Varianten gab: ganz gewöhnliche, dann welche mit Sesam drauf und welche mit Kürbiskörnern.

Kam Kundschaft vom Cafe visavis, dann wies der Meister nur wortlos auf den Tisch - man nahm sich, was man wollte, legte es in den mitgebrachten Brotkorb und bezahlte. Michael hatte schon lange den Verdacht, dass es das Gebäck nur selten schaffte, den Tisch woanders hin zu verlassen, als in die Einkaufstasche oder den Brotkorb der Kunden. Einmal am Tag, meist gegen Mittag, musste es aber wohl doch mehr Brötchen wie Kunden geben, denn dann sattelte der Bäcker sein Fahrrad, das eine Holzkiste mit Rädern als Anhänger hatte, die mit Broten und Semmeln und Mohnstriezeln gefüllt wurde, und fuhr Liefern - wohin, das wusste niemand.

6 Gleich-Zeit-ig
„Stell dir vor, es wäre wirklich möglich, die Grenzen der Zeit zu überschreiten!"

sagte Walter eines Tages ganz unvermittelt zu Michael, und weiter:

„Ganz nach Belieben von einer Zeitebene zu anderen zu wechseln, einfach so."

Das war wohl das Verrückteste, was Michael bisher von ihm gehört hatte.

„Du hast wohl zuviel Fantasy-Filme gesehen!"

sagte Michael, und Walter zog sich schmollend zurück.

Beim Michaels nächstem Besuch im Cafe ging es schon wieder los:

„Ich habe da unlängst ein altes Buch in die Hand bekommen, da bezieht sich jemand auf einen gewissen Bruno Jordan, einen deutschen Mönch des 18. Jahrhunderts, der ein Buch über die Gleichzeitigkeit der Zeit geschrieben haben soll. Wie das Buch heißt, steht dort allerdings nicht".

Walter bestand darauf, Michael mit diesem Thema zu nerven.

Michael versuchte die Tageszeitung zu lesen, aber die wahnwitzigen Ideen von Walter verfolgten ihn, die Zeit verfolgte ihn. Tages-Zeit-ung - jetzt werde ich wahrscheinlich auch bald so verschroben, wie Walter es schon ist, dachte er. Obwohl - reizvoll war der Gedanke schon: Wenn jede beliebige Zeit parallel zueinander ablief, dann sollte es doch einfach sein, von einer Zeit in die andere zu wechseln. Nachdem er den ganzen Tag mit diesen Gedanken im Kopf herumgelaufen war, träumte er in der Nacht von einer glänzenden Zeitmaschine, so wie der von H.G. Wells, bei der man nur auf einer Skala das Jahr einstellen musste, und schon war man dort.

„Unsinn", dachte er sich am nächsten Tag - aber die Gedanken ließen ihn nicht los. Eine Recherche im Internet ergab nichts. Nichts außer H.G. Wells, Einstein und ein paar Stories von Wurmlöchern. Das klang alles sehr spektakulär, aber es kam nicht einmal in die Nähe dessen, was Walter behauptete - und offensichtlich auch schon andere vor ihm: Das jede Zeit parallel und gleich-Zeit-ig ablief.



7 Könnte man sie lachen hören
Das Jahr 1999 war sicher ein gutes Jahr, über das Thema Zeit nachzudenken. In der allgemeinen Hysterie rund um den Jahrtausendwechsel wurde vielen der Begriff Zeit erst bewusst. Warum die ganze Welt hysterisch wie vor tausend Jahren im finsteren Mittelalter auf diesen von Menschen irgendwann einmal willkürlich definiertem Zeitpunkt reagierte, war kurios. Aber man konnte gute Geschäfte damit machen.

Interessanterweise teilte Walter die Katastrophen-Szenarien über die Jahrtausendwende nicht. Sonst war er doch hinter jeder Katastrophe her, ein Sammler von Schiffsunglücken, auslaufenden Öllagern, Klimaerwärmung, neuer Eiszeit, Ozonloch - alles war ein Fressen für ihn. Aber die Jahrtausendwende ließ ihn kalt. Einmal sagte er zu Michael:

„Weißt du, ich glaube nicht, dass sich zu Silvester 2000 irgendetwas anderes bewegt, als die Menschen. Und die Menschen sind zwar bemüht, die Erde zu zerstören, aber sie sind nicht Herrscher über die Zeit. Was ist eine Zeitspanne von 2000 Jahren? Ein willkürlich festgelegter Wimpernschlag, nichts sonst. Frag die Chinesen, sie werden drüber lachen. Frag die Nachkommen Zarathustras, sie werden mit den Schultern zucken. Nur wir selbsternannten angeblichen Herren über Industrie, Geld und Umweltverschmutzung zittern vor einem völlig irrealen Zeitpunkt. Es fällt ihnen nicht einmal auf, dass das Neujahr 2000 rund um den Erdball zu ganz unterschiedlichen Zeiten stattfindet. Warum sollte sich die Zeit die Mühe machen, irgendeinen Zusammenbruch zu inszenieren? Wenn es zu Silvester nicht so laut wäre, könnte man sie lachen hören!"

Das war die längste Rede, die Michael von ihm je gehört hatte. Und noch dazu eine Rede gegen eine vorausgesagte Katastrophe.

Aber noch waren es ja einige Monate bis zu diesem Ereignis, das schon jetzt unzählige Programmierer und Unternehmensberater reich gemacht hatte, weil sie einerseits vor Jahren darauf vergessen hatten, dass die Welt, die Computer und die Software über das Datum 1.1.2000 hinaus bestehen würden - und andererseits jedem Unternehmen plastisch ausmalten, welche Katastrophen an diesem 1.1.2000 um Punkt Mitternacht über es hereinbrechen würden.

8 Zeitzerhacker
Günther war einer von Michaels Freunden, einer von denen, die es schon lange gab. In irgendeiner Zeit hatten sie offensichtlich in irgendeinem Job in irgendeinem Unternehmen zusammengearbeitet, so verschieden sie waren. Denn Günther war ein trockener Realist. Als Michael einmal das Thema Zeit erwähnte, lachte Günther:

„Zeit kann man doch exakt messen, auf Zehntel, Hunderstel und Tausendstel einer Sekunde, was soll denn da für ein Geheimnis dahinter sein?"

Günther war Realist, und deswegen selten im Cafe im Durchgang. Für ihn zählte angreifbare, begreifbare, messbare, zählbare Materie.

Michael dacht nach - war Zeit wirklich messbar? Ok, es gab Uhren, aber maßen die Uhren wirklich? Wenn ich die Länge eines Tisches mit einem Maßband abmesse, dann messe ich tatsächlich, von einem Ende zum anderen. Aber messe ich die Zeit, weil ich auf die Uhr schaue? Spiegle ich mir nicht nur die Zeit vor, als menschliches, künstliches Konstrukt, als Unterteilung eines Tages, einer Stunde, einer Minute? Eine Uhr ist eigentlich eine Maschine, welche die Zeit in willkürliche Teile zerhackt, damit wir weniger davon haben. Wobei mechanische Uhren immerhin noch zerhacken, also der Zeit eine Chance geben, sie zu beeinflussen - elektronische Uhren hacken nicht, sondern zählen. Vielleicht war das der Grund, warum heute immer mehr Menschen immer weniger Zeit haben?

Nun gab es Gelegenheiten, bei denen solch ein Zeitzerhacker recht nützlich war. Am Bahnhof etwa, wenn es galt, den nächsten Zug zu erreichen. Aber gab nicht eigentlich der Zug der Uhr die Zeit vor? Der Zug fuhr dann, wenn er es für richtig befand, und die Uhr zeigte dabei brav und folgsam die richtige Abfahrtszeit an. Der Zug würde wohl auch ohne Uhr fahren!

Für Erinnerungen brauchte Michael keine Uhr und keinen Kalender, die kamen und gingen. Interessanterweise oft, wenn er in Walters Cafe saß und durch die Seiten der Tageszeitung in eine unbekannte Ferne blickte.

9 Gegenüber
Allzu viele Erinnerungen an seine Kindheit hatte Michael nicht - oder er ließ sie nicht zu, so wie er ja niemals über seine Vergangenheit sprach. Da waren vage Bilder von gepflasterten Höfen, der Klang von Schritten in einem Treppenhaus, das Geräusch, welches alte Fenster machten, wenn sie der Wind zuschlug. An eines konnte er sich aber genau erinnern, und diese Erinnerung kam immer wieder.

Gegenüber dem Haus, in dem die Eltern von Michael wohnten, gegenüber dem Haus und gegenüber dem Fenster von Michaels Zimmer war die Rückwand des Nebenhauses zu sehen, quer über einen schmalen Lichthof hinweg, der diese beiden Häuser trennte.

Zwei Dinge waren daran bemerkenswert:

Erstens, dass die Rückwand des Hauses, in dem Michael wohnte, ein Fenster hatte, das in diesen Lichthof ging. Waren aber Lichthöfe nicht genau dafür da, dass in die Fenster der Rückwände der Häuser etwas Licht fiel? Aber die Wand des anderen Hauses hatte kein Fenster.

Zweitens war die Beschaffenheit dieser gegenüberliegenden Wand bemerkenswert, denn ihre Oberfläche war nicht etwa einheitlicher grauer Putz, sondern eine zerklüftete Oberfläche aus Bergen und Tälern, sanften Hügeln und tiefen Schluchten, in allen nur erdenklichen Grautönen - blaustichigem Grau, braunstichigem Grau, grünstichigem Grau, ganz selten auch ganz neutralem, also wirklich grauem Grau, Grautöne die von hell bis dunkel, von fast Weiß bis fast Schwarz reichten.

Es war völlig belanglos, wo diese beiden Häuser standen, auf welchem Kontinent, in welchem Land auf diesem Kontinent, in welcher Stadt in diesem Land, in welcher Straße dieser Stadt.

Genauso belanglos war es auch, ob in diesem Haus mit dem Fenster an der Rückwand tatsächlich Michaels Eltern wohnten oder nur Michael, ob in diesem Haus überhaupt jemand wohnte.

Gegenüber einem Haus, das in irgendeiner Straße irgendeiner Stadt in irgendeinem Land auf irgendeinem Kontinent stand, gegenüber diesem Haus und gegenüber dem Fenster in der Rückwand von diesem Hause war die Rückwand des Nebenhauses zu sehen, quer über einen schmalen Lichthof hinweg, der diese beiden Häuser trennte.

Michael dacht oft nach, warum diese Erinnerung für ihn wichtig sein sollte, besonders dann, wenn er kurz vor dem Aufwachen von dieser Wand geträumt hatte. In diesem Fall verfolgte ihn die Erinnerung den ganzen Tag. Das Gefühl, diese Wand zu sehen, war nicht unangenehm. Es blieb nur immer eine tiefe Sehnsucht übrig, eine Sehnsucht nach irgendetwas hinter dieser Wand, das er nie erlebt hatte - oder das aus seiner Erinnerung gelöscht war.



10 Von einer Zeit in die andere
„Wirklich, Michael",

sagte Walter, als Michael wieder einmal in seinem Cafe frühstückte,

„Wirklich, das stimmt sicher, die Zeit läuft gleich-zeitig ab, Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Aber ich gehe da noch einen Schritt weiter: Ich bin davon überzeugt, dass auch alle Orte im Universum an der selben Stelle sind. Es müsste also sehr einfach sein, sowohl von einer Zeit in die andere zu wechseln, als auch an jeden beliebigen Platz des Universums. Die Frage ist nur: wie?"

Da war es wieder, das Thema. Ja, natürlich, Michael kannte „Die Zeitmaschine" von H.G. Wells, er kannte auch diverse Verfilmungen davon. Da wechselten die Leute die Zeit - vorzugsweise in die Zukunft - und benutzten dazu eine Maschine aus blitzendem Messing, mit vielen Hebeln und Rädern, und einem Zählwerk, das die Zeit anzeigte, in der die Maschine gerade war. Sie kamen auch auf dieselbe Weise wieder zurück.

Michael war aber überzeugt, dass es Wells und den anderen Autoren ähnlicher Bücher nicht um die Maschine an sich ging - die war im Film nett anzusehen, aber eigentlich Nebensache. Wichtig war ihnen, dass der Held der Roman in der Zukunft Gutes für die Menschheit tun konnte. Es schien ihm auch als Widerspruch, dass man für Zeitreisen eine blitzende mechanische Apparatur benötigte.

Und Michael kannte auch Filme, in denen Menschen durch eine glitzernde Fläche sprangen, und in einer anderen Zeit und an einem anderen Ort ankamen. Auch das funktionierte in beiden Richtungen. Allerdings: Wenn alle Zeiten und alle Orte an derselben Stelle existierten, warum brauchte man dann so ein Tor?

Michael bemerkte gar nicht, dass er schon ziemliches Interesse am Thema Zeit hatte, sosehr ihn die Narrheit Walters anfänglich irritiert hatte. Es müsste doch schön sein, dachte er sich, wenn man einfach so durch die Zeit und durch den Raum reisen konnte.

Wenn Michael über so ein verrücktes Thema nachdachte, lehnte er sich in seinem Sessel zurück und schien abwesend zu sein - eine Tatsache, die auch Walter verblüffenderweise akzeptierte. Michael dachte vielleicht über seine eigene Kindheit nach, über Menschen, die viel mit ihm gemeinsam hatten, die er aber nie kennen gelernt hatte, über Orte, die er gerne kennen gelernt hätte. In seiner Familie war nie über die Vergangenheit gesprochen worden, warum, das hatte Michael nie herausbekommen.

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