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Im ewig freien Fall


Liebsroman

von Doreen Fant

belletristik
ISBN13-Nummer:
978394371000-7
Ausstattung:
Taschenbuch, 225 Seiten
Preis:
9.95 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Doreen Fant Verlag
Leseprobe

 

 

DIE LIEBE

Sie zeigt sich

jeden Tag,

jede Stunde,

immer.

Sie umgibt uns,

auch wenn wir sie

nur in uns finden.

Sie ist Ewigkeit

und doch einmalig.

Na toll, dachte Wiga. Da bin ich nach Jahren das erste Mal wieder in London und Tina lässt mich sitzen!

Mit diesen Gedanken betrat Wiga das italienische Restaurant UNO. Sie sah sich suchend nach einem freien Tisch um, da kam auch schon eine freundlich lächelnde Bedienung auf sie zu.

»Haben Sie reserviert?« 

Ihre Stimme klang sehr hell und Wiga antwortete lächelnd: »Nein, leider nicht.«

»Tut mir leid, wir sind absolut ausgebucht.«

»Oh.« Wiga dachte einen Moment nach.

»Vielleicht kann ich trotzdem kurz etwas essen? Ich gehe auch sofort, wenn diejenigen kommen, die reserviert haben.«

Jetzt war es an der Bedienung, einen Moment nachzudenken. 

»Warten Sie, ich sehe mal nach, wann die Tische reserviert sind.« 

Damit verschwand sie kurz hinter dem kleinen Tresen und warf einen Blick auf den Kalender. Wiga nutzte den Augenblick. Sie war völlig ziellos mit dem Taxi herumgefahren und hatte den Fahrer schließlich gebeten, sie vor dem Restaurant rauszulassen. 

»Ich kann Ihnen das Separee dort hinten anbieten. Aber wirklich nur eine halbe Stunde.«

»Vielen Dank.« Wiga schenkte ihr ein ehrlich gemeintes, herzliches Lächeln und folgte ihr. Während die Bedienung sie in den hinteren Teil des Restaurants führte, angelte sie nach einer Karte.

»Bitte entschuldigen Sie, aber Sie müssen sich schnell entscheiden. Sonst bekomme ich nachher Ärger.«

»Kein Problem!« 

Wiga war einfach nur froh, einen Moment zum Verschnaufen zu haben. Sie bestellte eine Pizza nach Art des Hauses und eine Cola. Dankend zog sich die Bedienung zurück und Wiga war mit sich allein. 

Das kleine italienische Restaurant war stilvoll eingerichtet. Mit genügend Abstand, damit die Privatsphäre gewährleistet blieb, standen nicht mehr als zehn Tische im Raum verteilt und an den zwei sich gegenüberliegenden Wänden waren je drei Separees, welche die Personen, die dort saßen, vor den Blicken der anderen Gäste sicher schützten. Um die quadratischen Tische aus Kirschholz standen je vier schwungvoll gestaltete Stühle aus derselben Holzart. Insgesamt war das Restaurant spärlich beleuchtet, ohne düster zu wirken. Über jedem Tisch hing eine eher spartanisch anmutende Lampe, die ihr Licht nur begrenzt auf den darunter platzierten Bereich verbreitete. Insgesamt wirkte der Italiener warm und einladend, aber Wiga nahm alles nur am Rande wahr.

Während sie die Wand anstarrte, dachte sie über ihren kleinen Ausflug nach London nach. Wiga war es gelungen ihre Freundin Tina nach drei langen Jahren mal wieder zu besuchen. Tina hatte sich vor zwei Wochen Hals über Kopf verliebt und war völlig aus dem Häuschen. Den heutigen Abend wollten sie zu dritt verbringen und im Shakespeare Theatre Romeo und Julia ansehen, doch Tina hatte sich mit John heftig gestritten und Wiga hatte angeboten, die letzte Nacht in einem Hotel zu verbringen. Tina war dankbar gewesen und Wiga hoffte, ihre Freundin würde sich schnell wieder mit ihrem John versöhnen.

Sie war sogar ganz froh, das junge Glück nicht länger miterleben zu müssen. Nicht, dass sie ihrer Freundin die neue Liebe nicht gönnte. Aber die Trennung von Jan war erst zwei Monate her und sie fühlte sich überhaupt nicht bereit, sich Gefühlen zu stellen. Im Gegenteil. Je mehr sie in den letzten Tagen die beiden Verliebten beobachtet hatte, desto stärker wurde der Wunsch, sich nun erst einmal selbst wiederzufinden. Nach acht Jahren mit einem Mann konnte sie nicht einfach Hals über Kopf ins Abenteuer springen.

Wiga wusste, der Weg zu sich selbst war schwer genug. Vieles, das all die Jahre nur in ihr geschlummert hatte, war nach der Trennung aufgebrochen und musste nun bearbeitet werden. Sie fühlte sich stark genug, all diese Dinge nun anzugehen. Mit ihren dreißig Jahren war sie noch nicht alt, auch wenn sie sich oft so gefühlt hatte. Wie sehr hatte sie sich Kinder mit Jan gewünscht, doch er hatte immer nur mit »Später, Schatz« geantwortet. Wiga wurde aus ihren Gedanken gerissen, als die Bedienung ihr lächelnd die Cola und das bestellte Essen brachte.

»Dankeschön.« Wieder lächelte Wiga zurück. »Ich beeile mich.« 

Die Bedienung nickte und verschwand wieder.

Wiga nahm einen Schluck Cola und schnitt sich ein Stück Pizza ab. Gezwungene Einsamkeit konnte auch sehr heilsam sein. Man war genötigt, Zeit mit sich allein zu verbringen. Wieder versank Wiga in ihre Gedanken. Sie malte sich aus, wie sie ihr Leben ab morgen gestalten würde. Sie wollte unbedingt mehr Schwung in den Buchladen bringen, in dem sie nun schon seit zwölf Jahren arbeitete. Ihre Chefin wurde langsam zu alt, um sich um alles zu kümmern und Wiga hatte Stück für Stück mehr Verantwortung übernommen. Es jetzt rückblickend zu betrachten, machte sie sehr stolz.

Wiga war so in ihre Gedankenströme und Erinnerungen versunken gewesen, dass sie gar nicht bemerkte, dass die Bedienung plötzlich mit einem jungen Mann am Tisch stand.

»Sie müssen jetzt leider gehen«, sagte die nette Bedienung mit einem entschuldigenden Blick.

Diesmal war es Wiga, die liebevoll lächelte. 

    »Kein Problem, ich bin sofort verschwunden.« Rasch nahm sie noch einen Schluck Cola und griff nach Mantel und Handtasche.

»Bei der Eile muss ja ein ganz besonderer Mann auf Sie warten.«

Wiga sah den jungen Mann verblüfft an. Eine dunkle Stimme, die doch weich klang. Sie sah in blaue, lachende Augen.

»Ich wusste gar nicht, dass Sie auf mich gewartet haben«, gab sie scherzend zurück.

Jetzt blickte er sie überrascht an. Dann breitete sich ein unaufhaltsames Grinsen in seinem Gesicht aus. 

»Na dann bleiben Sie doch einfach.«

Wiga wusste nicht warum, aber der Vorschlag gefiel ihr. Also setzte sie sich wieder. Es folgten einige peinliche Minuten des betretenen Schweigens. Wiga fragte sich, ob sie nicht doch besser gehen sollte, während sie ihn beobachtete, wie er die Speisekarte studierte. Die freundliche Bedienung stand immer noch am Tisch. Auch sie wirkte irgendwie betreten, als hätte sie einen unverzeihlichen Fehler begangen. Wiga fühlte sich sehr unwohl in ihrer Haut. Sie wusste nicht, wer der Mann war, an dessen Tisch sie saß, aber wenn sie nach dem Benehmen der Bedienung urteilte, hatte sie das Gefühl, dass sie ihn kennen müsste. Wiga betrachtete ihn genauer. Seine Haare waren dunkelblond, weder lang noch kurz, irgendetwas dazwischen. Mit leichten Wellen und etwas zerzaust. Seine Augen waren blau, das hatte sie bereits vorhin bemerkt. Für Wiga etwas zu blau, sie konnte nicht lange in sie blicken, ohne Tränen zu spüren. Er hatte einen Dreitagebart, der seine Gesichtszüge nicht vollkommen verdeckte, aber auch nicht alles preisgab. Seine Kleidung war eher praktisch, Jeans und Pulli. Aber es passte zu ihm, es gab ihm einen unkomplizierten Anblick.

Um ihn nicht ständig anzustarren, umklammerte Wiga ihr Glas und blickte in ihren Schoß. Dabei fiel ihr auf, dass sie an diesem Abend ganz ähnlich gekleidet war. Zu ihrem weißen Pulli mit V-Ausschnitt trug sie Jeans. Die schon ein paar Jahre alten und leicht abgenutzten Stiefel, die aber sehr bequem und warm waren, rundeten das Bild ab. Ein kleiner Seitenblick verriet ihr außerdem, dass ihre langen, mittelblonden Haare von Wind und Schnee bestimmt ein wenig zerzaust aussehen mussten, vor allem, weil Wiga ihre Wollmütze getragen hatte, worunter die Frisur meistens litt. 

Dann sind wir uns gar nicht so unähnlich, ging es Wiga durch den Kopf. Sie wurde durch seine Stimme in die Gegenwart zurückgezogen.

»Damit eins klar ist, falls Sie auch nur ein Wort unserer Unterhaltung drucken, verklage ich Sie.«

Wiga blieb vor Schreck der Mund offen stehen. Fragend sah sie ihn an. Seine Mimik blieb hart und unnachgiebig. Er durchbohrte sie mit seinen Augen.

Wiga war verblüfft, aber auch sauer. Für wen hielt dieser Typ sich?

»Warum sollte ich das tun? Glauben Sie, dass es irgendjemanden interessiert, was ich sage? Wenn Sie glauben, dass ich eine von denen bin, warum haben Sie mir dann angeboten zu bleiben? Wer sind Sie überhaupt?«

Wiga war nun richtig wütend. Der eben noch interessante Mann hatte sie einfach beleidigt. Er hielt sie für eine Pressetante, dabei hasste sie nichts mehr als das. Die Vorstellung, sich in einer dieser Klatschzeitschriften wiederzufinden, war für Wiga einfach nur grauenhaft.

»Oh, Sie haben Recht. Ich habe mich gar nicht vorgestellt«, antwortete er mit einem amüsierten Lächeln. »Ich heiße Ian Governess.«

In Wigas Kopf arbeitete es. Sie ließ den Namen durch ihren Gedächtnisfilter laufen und blieb schließlich bei einem Kinofilm hängen, für den sie kürzlich einen Trailer gesehen hatte. Sie glaubte, dass er eine Hauptrolle in diesem Film spielte.

Vorsichtig fragte sie: »Der Schauspieler Ian Governess?«

Jetzt war wieder das breite Grinsen in seinem Gesicht. 

»Ja, genau. Ich hatte nicht damit gerechnet, mich vorstellen zu müssen.«

Wiga war ihr Verhalten peinlich. Wie hatte sie ihn nicht erkennen können? Er war doch wirklich bekannt, zumindest hatte der Trailer ihn so dargestellt. Na ja, die letzten Jahre war sie kaum im Kino gewesen, weil Jan keine Zeit und vor allem keine Lust hatte. Und für Klatsch und Tratsch hatte sie auch wenig übrig.

»Sorry, ich habe Sie wirklich nicht erkannt. Aber jetzt ist es besser, wenn ich gehe. Denn wie Sie hasse ich die Presse und ich habe wirklich keine Lust, durch Sie da rein zu geraten. Ich will mein Leben für mich behalten.«

Seine Augen blickten Wiga nun hoch interessiert an.

»Schade. Sie waren vorhin so wunderbar ehrlich und echt. So hat schon lange niemand mehr mit mir gesprochen. Wenn man prominent ist, sind die Leute eigentlich immer nur freundlich. Keiner traut sich mehr, die Wahrheit zu sagen. Nur Freunde von früher, aus der Zeit vor meinem Durchbruch, sind noch ehrlich. Ich würde mich wirklich gerne noch ein wenig mit Ihnen unterhalten.«

Jetzt war Wiga sprachlos. Machte er sich allen Ernstes über sie lustig? Ja, sie hatte sich blamiert. Aber sie hatte ihm wirklich gesagt, was sie dachte. Vielleicht meinte er es ja ernst. Was hatte sie schon zu verlieren. Die Alternative war, sich allein im Hotel zu langweilen. Unsicher sah sie ihn an. Ian ist ein toller Name, fiel ihr plötzlich ein. Dann blieb sie an seinen Augen hängen. Dieses Blau trieb ihr die Tränen in die Augen.

Ian Governess lächelte sie erleichtert an, er deutete ihren Blick als Zustimmung zu bleiben.

»Gut, ich freue mich, dass Sie bleiben. Wie wäre es, wenn Sie mir nun auch Ihren Namen verraten oder soll ich Sie mit Pressetante ansprechen?«

Jetzt musste Wiga einfach lachen. Ein Lachen, das sich nicht aufhalten ließ, es floss aus ihr heraus. 

Dieser Ian Governess ist ganz schön frech! Eigentlich kann ich doch gar nicht mehr flirten, fiel Wiga ein. In all den Jahren mit Jan hatte sie nie mit einem anderen Mann geflirtet. 

Na ja, so etwas verlernt man doch nicht, sagte die kleine Stimme in ihrem Kopf aufmunternd. 

Sie schenkte ihm ein ehrliches Lächeln.

»Wiga. Ich heiße Wiga.«

Ian hob erstaunt die Augenbrauen. »Das ist ein besonderer Name. Wiga.« Er ließ ihren Namen auf der Zunge zergehen, als könnte er ihn schmecken.

»Habe ich noch nie gehört, hört sich aber kämpferisch an«.

»Das täuscht, ich …«, weiter kam Wiga nicht, weil die freundliche Bedienung Ians Essen und Getränke servierte. Sie stellte Wiga ein Glas Latte Macchiato auf den Tisch und Wiga sah sie erstaunt an. »Mister Governess dachte, sie möchten vielleicht noch etwas trinken.« Dabei zwinkerte sie Wiga verschwörerisch zu.

Nachdem die Bedienung gegangen war, begann Ian genüsslich seine Pasta Forno zu verspeisen. Wiga widmete sich ihrem Latte Macchiato und fragte sich, worauf dieser Abend wohl hinauslaufen würde. Eigentlich hatte sie ja Karten für das Shakespeare Theatre, aber irgendwie kam sie in Versuchung, sich die Aufführung ihres Lieblingsstücks ROMEO AND JULIET entgehen zu lassen. 

Warum verabschiede ich mich nicht einfach und gehe allein?, fragte sie sich. Noch während sie die Worte dachte, löste sich ihr Blick vom Milchschaum und traf ein paar strahlend blaue Augen, die sie belustigt beobachteten.

Er ist wirklich unheimlich. Wiga fühlte sich durchschaut und schenkte ihm ein leichtes Lächeln. Spätestens jetzt hatte sie definitiv keine Lust mehr, den Abend allein zu verbringen. Das Stück könnte sie sich jederzeit wieder ansehen. Heute wollte sie lieber in Ian Governess‘ Nähe sein und sich über seine Unverschämtheiten ärgern.

Ian Governess lächelte zurück, spülte die Reste seines letzten Bissens herunter und fragte: 

»Also Wiga, woher kommen Sie? Ihr Akzent ist eindeutig nicht britisch.« Die letzten Worte untermalte er mit einem amüsierten Lächeln.

Es macht ihm Spaß, mich aus der Fassung zu bringen, erkannte Wiga lächelnd. Na warte, so leicht kriegst du mich nicht. 

Auch wenn sie schon lange nicht mehr geflirtet hatte, machte es ihr großen Spaß, den Dingen einfach ihren Lauf zu lassen. Was hatte sie schon zu verlieren? Sie würde ihn vermutlich nie wiedersehen, also konnte sie diesen Abend doch genießen und einfach sie selbst sein. 

»Also, Mister Governess, da Sie anscheinend einen so schneidend scharfen Verstand haben, werde ich Ihnen das Geheimnis meiner Herkunft verraten.«

Bei diesen geschwollenen Worten musste sie einfach grinsen und er spiegelte dieses Lächeln. 

»Ich komme aus Deutschland.« 

»Oh, so ausführlich wollte ich Ihre Lebensgeschichte gar nicht wissen, Miss …« Mit einem fragenden Blick stockte er.

Oh nein, mein Freund, dachte Wiga. 

»Da Sie um meine geheime Liebe für die Presse wissen, halte ich es für besser, wenn Sie meinen Nachnamen nicht erfahren, Mister Governess. Nur für den Fall, dass sie es sich doch noch anders überlegen.« 

Ian Governess schien tatsächlich überrascht. Für einen Moment fehlten ihm die Worte. Dann wurde sein Ton fordernd: »In Ordnung, aber dann bin ich ab jetzt auch nur noch Ian für dich.« 

»Sie haben wirklich keinen Respekt vor älteren Menschen.« Wiga versuchte ernst und ein wenig entrüstet zu tun, so wie die älteren Damen in ihrem Lieblingscafé, wenn irgendetwas nicht ihren Vorstellungen entsprach. 

Jetzt war es an Ian, lauthals loszulachen, sodass Wiga nichts anderes übrig blieb, als sich anzuschließen. 

»Also gut, ich gebe zu, dass ich respektlos bin und dafür hörst du auf, mich mit Mister Governess anzusprechen, in Ordnung?« 

»Okay, damit kann ich leben.« 

Wiga tat so, als ob dieser Kompromiss gerade so an der Grenze des Möglichen war. 

»Und was machst du dann so ganz allein in London?« Ian war wieder ernst. 

Wiga erzählte ihm von ihrem Besuch bei ihrer Freundin Tina, dem Streit zwischen den frisch Verliebten und ihrem Entschluss, diesen Abend lieber in Ruhe allein zu verbringen. 

»Tja, daraus wird leider nichts. Wenn du schon die Frechheit hast, dich einfach an einen reservierten Tisch zu setzen, musst du auch den restlichen Abend mit mir verbringen.« Ian war bester Laune und konnte das Lachen kaum unterdrücken. »Was hättest du allein mit dem Abend angefangen?« 

»Ehrlich gesagt habe ich Karten für ROMEO AND JULIET im Shakespeare Theatre«, gab Wiga leise zu.

Oh, du bist ja so einfallsreich, sagte die kleine Stimme in ihrem Kopf. Mit einem Schauspieler in einen Klassiker gehen. Den kennt er doch erstens in- und auswendig und zweitens will er sicher nicht schon wieder mit seinem Beruf konfrontiert werden. Das wäre ja, wie wenn dich ein Mann zu einem Date in eine Bibliothek einlädt. – Mir würde es trotzdem gefallen, wenn es eine besonders alte und bekannte Bibliothek wäre, gab Wiga trotzig zurück.

Ian dachte einen Moment nach. Dann sah er sie herausfordernd an. »Du willst allen Ernstes mit einem Schauspieler in ein Stück von Shakespeare gehen?«

Wiga nickte belustigt. Ihr Blick war die reinste Herausforderung. 

Jetzt erst recht!

»Ich halte eigentlich gar nichts von solchem romantischen Zeug, aber wenn es dazu beiträgt, deine Liebe für London zu gewinnen, bin ich bereit, dieses Opfer auf mich zu nehmen.« 

Mit leidender Miene rief er nach der Bedienung und verlangte die Rechnung. 

»Für mich bitte extra«, verlangte Wiga mit entschlossener Stimme. 

Ian war verblüfft. »Willst du mich beleidigen?«

Er klang ernsthaft sauer. Wiga begriff nicht, was daran falsch sein sollte, wenn sie ihren Teil selbst bezahlte. Nur weil er bekannt und bestimmt auch reich war, musste er doch nicht automatisch die Rechnung bezahlen, oder? Wenn sie damit gegen die Regeln des guten Benehmens verstieß, dann mit großer Freude und voller Absicht.

Ians Blick war abschätzend und auch ein wenig wütend, aber Wiga hielt entschlossen dagegen. Sie hatte vielleicht verlernt zu flirten, aber sie hatte ihre Grundsätze ganz sicher nicht verloren und sie würde diese auch nicht für einen Mann wie ihn brechen. Niemals.

Als die Bedienung an den Tisch zurückkehrte, kam Wiga Ian zuvor.

»Ich möchte bitte zuerst bezahlen.« An Ian gerichtet sprach sie weiter: »Du hast bestimmt nichts dagegen, einer Lady den Vortritt zu lassen, oder?« 

Mit einem unschuldigen Lächeln wandte sie den Blick von ihm ab, steckte zwei Geldscheine in die Rechnung und gab sie der verdutzten Bedienung zurück.

Während Ian seinen Teil beglich, kramte Wiga in ihrer Tasche, um ihn nicht ansehen zu müssen.

Das war’s. Jetzt muss ich den Abend doch allein verbringen. 

Doch Wiga sollte sich täuschen. Kaum hatte Ian bezahlt, stand er auf und hielt ihr ihren schwarzen Wintermantel, damit sie problemlos hineinschlüpfen konnte.

»Wir sollten uns beeilen, die Vorstellung beginnt schon in zehn Minuten.« Ian ließ sich nichts anmerken. Er war ausgesprochen höflich, aber Wiga spürte, dass er noch immer ein wenig wütend war.

Sie erreichten das Theater gerade noch rechtzeitig, um ihre Mäntel an der Garderobe abzugeben und in letzter Minute auf ihre Plätze zu sinken. Während der Taxifahrt hatte Ian ihr alle Sehenswürdigkeiten aufgezählt, an denen sie vorbeifuhren, die Wiga jedoch in der Dunkelheit kaum wahrnehmen konnte. Und doch hatte sie es genossen, einfach seiner Stimme zu lauschen und zu beobachten, wie er versuchte, seine Wut damit zu bekämpfen, dass er den Fremdenführer spielte.

Wiga nahm vom Theater selbst nicht viel wahr. Ganz kurz streifte das Bild der schräg nach oben laufenden Zuschauerränge, der Säulen im Raum und der roten Samtsitze ihr Bewusstsein, ohne eine wirkliche Reaktion in ihr hervorzurufen. Wiga war vom ersten Moment an vom Stück gebannt, sodass sie vergaß, wer neben ihr saß. Als sie kurz zu Ian sah, bemerkte sie, dass er sie voller Neugier beobachtete. 

»Kennst du das Stück?«, flüsterte er leise. Dabei beugte er sich so weit zu Wiga herüber, dass sie seinen Atem an ihrem Ohr spüren konnte.

»Ich liebe es«, antwortete Wiga flüsternd.

Das Stück oder seine Nähe?, flüsterte die kleine Stimme in ihrem Kopf. Wiga erschrak. Doch bevor sie weiterdenken konnte, begann Ian, noch immer mit seinen Lippen nah an ihrem Ohr, Romeos Text mitzusprechen.

She speaks:

O, speak again, bright angel! for thou art

As glorious to this night, being o‘er my head

As is a winged messenger of heaven

Unto the white-upturned wondering eyes

Of mortals that fall back to gaze on him

When he bestrides the lazy-pacing clouds

And sails upon the bosom of the air.

Wiga war so fasziniert, dass sie für einen Moment die Augen schloss, um sich ganz seiner Stimme zu widmen. Er berührte sie nicht und doch ganz tief.

Oh ja, eine Stimme kann sehr faszinierend sein, dachte sie. Besonders, wenn sie diese Worte flüstert.

Wiga wagte nicht, sich zu bewegen. Ian flüsterte weiter den Text in ihr Ohr, sodass nur sie ihn hören konnte. So nah und tief hatte sie das Stück noch nie erlebt. Sie sah die Akteure vor sich auf der Bühne, aber ihre Stimmen verblichen. 

JULIET

O, swear not by the moon, the inconstant moon,

That monthly changes in her circled orb,

Lest that thy love prove likewise variable.

ROMEO

What shall I swear by? 

 

    JULIET

Do not swear at all;

Or, if thou wilt, swear by thy gracious self,

Which is the god of my idolatry,

And I‘ll believe thee.

ROMEO

If my heart‘s dear love--

JULIET

Well, do not swear: although I joy in thee,

I have no joy of this contract to-night:

It is too rash, too unadvised, too sudden;

Too like the lightning, which doth cease to be

Ere one can say ‚It lightens.‘

An diesen Worten blieb Wiga hängen. Sie drückten das aus, was sich heute Abend ereignet hatte. Sie wurde sich bewusst, dass sie Ians Nähe viel zu sehr genoss und mahnte sich selbst, nicht zu weit zu gehen. Sie verbrachten einen netten Abend miteinander, mehr nicht. 

Und doch konnte sie die Worte nicht aus ihren Gedanken vertreiben.

Obwohl ich mich über dich freue,

freue ich mich nicht über den Bund dieser Nacht.

Er ist zu rasch, zu unklug, zu plötzlich;

ist allzu sehr wie der Blitz, der nicht mehr ist,

noch bevor man sagen kann: „Es blitzt!“

Nein, es war doch nichts geschehen. Beruhige dich, mahnte die Stimme in ihrem Kopf. 

Auf der Bühne nahm die Tragödie ihren Lauf, doch Wiga nahm nur die Stimme in ihrem Ohr wahr. Mehr und mehr versank sie in einen Zustand der Trance, leicht und losgelöst, getragen von Ians Stimme.

Er ist wirklich ein guter Schauspieler, ging es ihr durch den Kopf. Mittlerweile nahm sie nicht mal mehr die Worte wahr, die Ian sprach. Nur den Klang seiner Stimme und die Akteure auf der Bühne.

In der fünften Szene des dritten Aufzugs wurde sie wieder wacher. Romeo war aus Verona verbannt worden und verabschiedete sich gerade von Julia.

Ganz deutlich und voller Gefühl sprach Ian den Dialog mit.

ROMEO

Farewell!

I will omit no opportunity

That may convey my greetings, love, to thee.

JULIET

O think‘st thou we shall ever meet again?

ROMEO

I doubt it not; and all these woes shall serve

For sweet discourses in our time to come.

Es hört sich sehr schön an, wie er das sagt, dachte Wiga. Würde sie ihn je wiedersehen? Würde Ian Governess, der Filmstar, jemanden wie sie wiedersehen wollen? Würde auch er wie Romeo kein Mittel unversucht lassen, um sie wiederzutreffen? Das wäre zu viel verlangt.

Schließlich starben Romeo und Julia. Ganz langsam kam Wiga wieder zu sich. Hatte Ian wirklich das ganze Stück mitgesprochen? Er hatte doch gesagt, er halte nichts von so romantischem Zeug, wieso kannte er dann den gesamten Text?

Die letzten Worte des Prinzen sprach Ian mit trauriger Stimme.

PRINCE

A glooming peace this morning with it brings;

The sun, for sorrow, will not show his head:

Go hence, to have more talk of these sad things;

Some shall be pardon‘d, and some punished:

For never was a story of more woe

Than this of Juliet and her Romeo. 

 

Obwohl Wiga das Stück in- und auswendig kannte, liefen ihr Tränen über die Wangen. Sie überlegte, ob es daran lag, dass Ian den ganzen Text mitgesprochen hatte. Oder vielleicht auch daran, dass Shakespeare erkannt hatte, dass viele alltägliche Tragödien genau auf solchen Missverständnissen basieren, die offensichtlich so leicht aus der Welt zu schaffen wären. Wie viele Trennungen beruhten im Grunde genommen nur darauf, dass die Beteiligten nicht sahen und verstanden, was geschah und statt mit jemandem darüber zu sprechen und um Hilfe zu bitten, trafen sie ihre Entscheidungen und wurden unglücklich. 

War es mit ihr und Jan nicht genauso abgelaufen? Sie hatten die Karten nicht offen auf den Tisch gelegt. Keiner hatte den anderen wirklich ernst genommen und immer darauf gebaut, dass sich die eigenen Wünsche erfüllen würden. Diese Erkenntnis befreite Wiga von ihrem Trennungsschmerz.

Ian war fasziniert, wie sehr Wiga das Stück mitgenommen hatte, wie tief ihre Gefühle gingen. Wortlos sah er sie an, während um sie herum der Applaus tobte. Doch Wiga nahm weder Ians Blick noch die jubelnden Zuschauer wahr. Still und weinend sah sie den Schauspielern zu, die sich freudestrahlend wieder und wieder verbeugten.

»Ich hole unsere Mäntel.« Mit diesen Worten holte Ian sie in die Gegenwart zurück. Wiga antwortete nur mit einem leichten Nicken und folgte Ian zum Ausgang.

Wach auf!, rief die kleine Stimme in ihrem Kopf. Du bist wieder in der Realität angekommen!

Vor dem Theater sog Wiga die kalte Winterluft ein, die in ihren Lungen brannte und den Nebel endgültig auflöste.

»Alles okay mit dir?« Auf Ians Stirn erkannte Wiga Sorgenfalten.

»Ja, es geht mir gut.« Sie konnte ihm nicht in die Augen sehen, da die Reste der Tränen in der kalten Nachtluft brannten.

»Du hast geweint.« 

Es war keine wirkliche Frage, Ian schien die Worte vor sich hin zu sprechen. 

   »Ja, mir ist heute Abend etwas klar geworden.« Die Sorgenfalten auf Ians Stirn wichen jedoch nicht, sodass Wiga zu erklären versuchte: »Es hat nichts mit dir zu tun.« Wiga wollte jetzt nicht ihre gescheiterte Beziehung vor ihm ausbreiten, aber Ian schien mit ihrer Erklärung nicht zufrieden zu sein.

»Glaub mir, ich habe nicht wegen dir geweint. Mir ist nur etwas bewusst geworden. Und das mit solcher Klarheit. Es waren mehr Tränen der Erleichterung und auch des Bedauerns, verstehst du? Ich kann dir jetzt nicht mehr darüber sagen, okay?«

Ian wirkte erleichtert. Aber er schien auch ihre innere Zerrissenheit zu spüren. Er glaubt mir nicht, dachte Wiga hilflos.

»Hat dir die Aufführung gefallen?« Ian sah sie fragend an. In seinen Augen erkannte Wiga auch die Frage, ob es falsch war, ihr den Text vorzusprechen, ob er ihr damit den Abend verdorben hatte.

»Es war die schönste Aufführung, die ich je erlebt habe.« Wiga schenkte ihm ein von Herzen kommendes Lächeln. »Besonders die kleinste aller Rollen, die des Souffleurs, hat mich begeistert.«

Ians fragender Blick wurde von einem Lächeln abgelöst, das echte Freude über das Lob ausdrückte.

»Ich hatte dich ja gefragt, ob es dein Ernst wäre, mit einem Schauspieler in eines von Shakespeares Stücken zu gehen.«

»Und ich habe dein Opfer gern angenommen. Ich würde es immer wieder tun.«

Wiga zog sich ihre Mütze tiefer über die Ohren, da der Wind einen stechenden Schmerz in den Gehörgängen auslöste.

»Eine tolle Mütze! Wo hast du die gekauft?« Ian hatte Wigas Tränen vollkommen vergessen und betrachtete voller Interesse ihre Mütze.

»Tja, so eine Mütze kannst du nicht kaufen.« Wiga strahlte ihn spitzbübisch an. Ian begriff nichts. Wiga genoss den Moment des Triumphs. Einmal mehr war es ihr gelungen, ihn ins Grübeln zu bringen und nach Worten suchen zu lassen. Schließlich erlöste sie ihn.

»Ich habe sie selbst gestrickt.«

»Wirklich?« 

    »Ja klar.«

»Sie ist wirklich toll.«

»Meinst du das ernst?«

»Ja, ganz ehrlich.«

Wiga konnte es nicht so recht glauben, dass ihm ihre schwarze Wollmütze so gut gefiel. Und doch machte es sie auch stolz.

»Darf ich sie mal probieren?« Ian grinste.

»Ja, wenn du willst«, gab Wiga etwas zögerlich zurück.

Sie setzte die Mütze ab und gab sie Ian, der sie sofort aufsetzte.

»Sie steht dir«, meinte Wiga.

»Davon überzeuge ich mich lieber selbst. Wer weiß, was in deinem hübschen Kopf wirklich vorgeht!«, spottete Ian. Er drehte sich einfach um und verschwand wieder im Theater.

Wiga stand ganz allein auf dem Platz vor dem Theater und beobachtete andere Zuschauer, die soeben ein Taxi bestiegen. Sie unterhielten sich und lachten, sodass auch Wiga schmunzelte.

Das war wirklich ein verrückter Abend, dachte sie. Ich treffe einen echten Star, streite mit ihm, flirte mit ihm und jetzt ist er auch noch mit meiner Mütze verschwunden, wo mir doch so kalt ist.

Doch schon stand Ian wieder neben ihr und strahlte.

»Ich glaube, an mir sieht sie noch viel toller aus.«

»Oh nein, die bekommst du nicht. Das ist meine Lieblingsmütze.« 

Wiga überlegte einen Moment. 

»Wenn du willst, stricke ich dir aber eine.« 

Ian war überrascht. 

»Wirklich?«

»Ja, wirklich«, gab Wiga lachend zurück. »Aber dafür brauche ich eine Adresse, damit ich sie dir schicken kann.«

»Wäre es nicht einfacher, du lässt mir diese hier und strickst dir eine neue?«

»Nein, ich hänge an meiner Mütze. Aber wie gesagt, ich stricke dir gern eine.«

Ian überlegte, dann drehte er sich einfach wieder um und lief ein weiteres Mal zurück ins Theater. Er kehrte sogleich mit einem Zettel in der Hand zurück.

    »Hier, da kannst du die Mütze hinschicken.« Ein breites Grinsen brachte seine Augen zum Strahlen.

Wiga las den Zettel. »Jake Miller?«, fragte sie ungläubig.

Ian sah sie entschuldigend, aber auch spottend an.

»Na ja, wir haben einen wirklich wundervollen Abend miteinander verbracht. Aber du verrätst mir deinen Nachnamen nicht und auch sonst nichts über dich. Also gebe ich dir die Adresse meines besten Freundes. Nur für den Fall, dass du doch für die Presse arbeitest.«

Dieses Mal wurde Wiga nicht wütend, sondern lachte. »In Ordnung. Ich schicke die Mütze dorthin.«

Während Wiga den kleinen Zettel sicher in ihrer Handtasche verstaute, schwiegen sie. Wiga konnte jedoch spüren, dass Ian sie einmal mehr genauestens betrachtete.

»Soll ich dir ein Taxi rufen? In welchem Hotel übernachtest du?«

»Oh, es ist ein ganz kleines Drei-Sterne-Hotel am Hide Park, nichts Besonderes.«

Ian überging ihre Anspielung. »Also zum Hide Park.« 

Und schon war er verschwunden, um eines der Taxis zu ergattern, von denen nur noch wenige bereit standen. Einen Moment später winkte er Wiga zu sich und hielt ihr die Tür offen, damit sie zuerst einsteigen konnte.

Es scheint ein kleiner Gentleman in ihm zu stecken, dachte Wiga schmunzelnd. Wer hätte das gedacht!

Ian ging um das Taxi herum und nahm neben Wiga Platz. Er schien dem Taxifahrer bereits das Ziel genannt zu haben, denn dieser fuhr ohne Worte los.

Lachend sah Ian Wiga an.

»Du bist wirklich die rätselhafteste Frau, die ich je getroffen habe.«

Wiga erwiderte seinen Blick ebenso lachend.

»Na ja, ich treffe auch nicht jede Woche einen Mann, der so frech und zuvorkommend ist und gleichzeitig auch so verrückt und herrlich anders.«

Ians Grinsen breitete sich weiter aus. 

    »Du hast mich eben herausgefordert. Erst sitzt du an meinem Tisch. Das hat noch niemand gewagt. Dann bist du einfach ehrlich und nimmst keine Rücksicht auf einen armen Promi und alles nur, weil du mich gar nicht erkannt hast. Weißt du, seit einigen Jahren hat keine Frau mich einfach nur als Ian gesehen und mich auch so behandelt. Es hat wirklich Spaß gemacht.«

»Ja, es war tatsächlich ein Abend voller Überraschungen«, gab Wiga lächelnd zu.

Das Taxi hielt am Hide Park und Ian sprang sofort aus der Tür. Wieder hielt er Wiga die Tür auf.

So, das war’s, dachte Wiga wehmütig. Eigentlich war sie traurig, dass dieser wundervolle Abend hier enden würde, aber andererseits war sie innerlich so aufgewühlt, dass sie sich auf die einsame Stille freute.

»Schade, dass du morgen abreist«, meinte Ian, »dabei hast du noch gar nicht alles von London gesehen.«

»Du vergisst, dass ich nicht das erste Mal hier bin. Außerdem habe ich mehr gesehen, als ich mir vorgenommen hatte.«

Sie standen dort auf der Straße, im Hintergrund erhoben sich die Schatten des nächtlichen Parks beinahe unheimlich, doch die nicht weit voneinander platzierten Laternen spendeten dem nächtlichen London genügend Helligkeit. Der Schnee reflektierte das elektrische Licht und ließ alles leuchten. Wiga hatte jedoch keinen Blick für ihre Umgebung. Ian hatte ihr gesamtes Bewusstsein für sich eingenommen.

Im Schein der Straßenlaterne konnte Wiga Ians Augen strahlen sehen.

Wunderschöne Augen, dachte Wiga. Er sah sie fragend an.

Nein, ich sollte ihn jetzt nicht umarmen. Auch wenn es für mich der passende Abschluss wäre. Das geht zu weit.

»Was soll ich denn morgen ohne dich machen?«, fragte Ian mit hilflosem Blick.

»Ganz einfach. Das, was du immer tust«, lachte Wiga.

»Ja, aber da fehlt jemand, der mich herausfordert. Der mich wieder der alte Ian sein lässt. Ich weiß wirklich nicht, wie ich das machen soll.«

»Folge einfach deinem Herzen, dann kannst du gar nichts falsch machen. Sei einfach du selbst. Entweder der Rest der Welt kommt damit klar oder eben nicht. Das ist zumindest mein Motto.«

»Ja, bei dir hört sich das einfach an. Aber leider kann ich immer seltener ich selbst sein. Überall lauern Kameras, über jeden Schritt wird berichtet. Und ich will nicht, dass jeder alles über mich weiß.«

»Ja, das stelle ich mir ziemlich grausam vor. Ich kann am Sonntagmorgen den Müll im Nachthemd rausbringen, das stört nicht mal die Nachbarn. Du musst dich wahrscheinlich erst mal entsprechend stylen. Ehrlich gesagt, bewundere ich dich, dass du das schaffst. Ich könnte es nicht. Aber dafür bist du ja Schauspieler geworden.«

»Es ist ziemlich anstrengend, immer eine Rolle spielen zu müssen.«

»Heute Abend zumindest hast du in deiner Rolle brilliert.«

»Falsch! Heute Abend musste ich nicht spielen.« Ian war ernst geworden. Wiga spürte ein leicht beklemmendes Gefühl. 

Nein, ich gehe keinen Schritt weiter. Ich sollte jetzt wirklich gehen.

Ian schien ihre Reaktion bemerkt zu haben. Er blickte zum Taxi und meinte: »Ich sollte jetzt gehen. Vielen Dank für diesen kleinen Ausflug in ein normales Leben.

»Immer wieder gerne«, antwortete Wiga.

Ein letztes Mal sahen sie sich in die Augen, dann drehte Ian sich plötzlich um und stieg eilig ins Taxi, das sogleich davonfuhr. 

 

 

Klappentext

 

Ist es möglich, das Herz mit dem Verstand zu besiegen?

Vor diese Frage sieht sich Wiga gestellt, nachdem sie plötzlich merkt, dass sie sich in einen Mann verliebt hat, der für sie in jeder Hinsicht unerreichbar scheint. Sie entscheidet sich, dieses Experiment zu wagen und versucht mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, die Augen zu vergessen, die sie in den Wahnsinn treiben.

Ganz nebenbei gerät ihr Leben auch in anderen Bereichen aus den Fugen.

 

Kurz nach der Trennung von ihrem langjährigen Freund entspannt Wiga ein paar Tage in London bei ihrer Freundin. Den letzten Abend muss sie allein verbringen und trifft dabei auf Ian, mit dem sie spannende Stunden erlebt.

Zurück in München verbringt sie viel Zeit bei der Arbeit im Buchladen, um der Einsamkeit ihrer Wohnung zu entgehen. Eigentlich wollte sie endlich zu sich selbst finden, doch die Erinnerung an Ian lässt sie einfach nicht los, egal was sie tut. Die Gefühle erscheinen ihr sinnlos, da er in jeder Beziehung unerreichbar scheint.

Doch dann kommt ein Brief aus London ...

 

Rezension