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Im Bann des Bösen


SGU 4

von Lisa Gibbs

belletristik
ISBN13-Nummer:
9783864435454
Ausstattung:
Broschur - EBook
Preis:
12.90 ebook 6.99 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
Sieben Verlag
Klappentext

Was wäre, wenn sich dein Leben schlagartig verändern würde?
Was wäre, wenn die Rätsel deiner Vergangenheit plötzlich einen Sinn ergeben?
Wenn alles auf dem Kopf steht, wem vertraust du dann?

Seit ihrer Kindheit lebt Rachel Parret bei Lester Grey. Der Doktor ist Vertrauter, Vaterfigur und Mentor der Computerspezialistin. Ohne seine Befehle jemals in Frage gestellt zu haben, arbeitet sie für ihn und kämpft ergeben gegen die Special Gifted Unit, kurz SGU, an seiner Seite. Doch ihr neuer Auftrag lässt sie alles in Frage stellen. Sie sucht und findet den ebenfalls begabten Journalisten Quinn Reign, der nichts von seiner brandgefährlichen Fähigkeit ahnt, die er in sich trägt. Zwischen Rachel und Quinn entflammt eine unstillbare Anziehung, die für Rachel bedeutsamer ist, als alles zuvor. Sie beginnt an ihrem Mentor zu zweifeln, dabei geraten Quinn und sie in tödliche Gefahr. Ist es bereits zu spät? Hat sie den Mann, den sie liebt, im Bann des Bösen verloren?

Leseprobe

Prolog

Zarte kleine Finger flochten sich um ihre, bis die Hände perfekt ineinandergriffen, um sich gegenseitig fest¬zuhalten. Rachel sah zu ihrer Schwester Zoe, deren rotes Haar wirr um ihr Gesicht fiel. Über ihrer Stirn war ein großer verschmierter schwarzer Fleck und in ihren Augen standen Tränen. Sie trug den roten Schlafanzug mit den weißen Punkten, denselben hatte Rachel in Blau. Zoe hatte ihre Schuhe vergessen, doch als Rachel auf ihre Füße sah, bemerkte sie, dass auch sie barfuß war. Tränen fielen aus ihren Augen und zerplatzten auf dem Beton des Gehwegs. Sie wollte zurück in ihr Bett, weg von dem Lärm und den vielen Menschen, die um sie herum rannten. Immer wieder beugte sich ein fremdes Gesicht in ihr Blickfeld und rüttelte an ihren Schultern oder zupfte an ihren Kleidern. Rachel spürte, wie warme Flüssigkeit an ihren Beinen herunterrann und ihre Hose nass wurde. Zoe hatte es bemerkt, aber sie zog sie nicht auf, sondern drückte ihre Hand noch fester. Zoe wich keinen Zentimeter von ihrer Seite, sondern starrte stur nach vorn. Rachel beobachtete die flackernden Schatten auf dem Gesicht ihrer Schwester, dann drehte auch sie sich den Flammen zu. Überall waren Menschen, sie schrien und machten Lärm. Ein großes Feuerwehrauto pumpte Wasser in einen Schlauch, aber die Flammen waren stärker. Das Haus wurde immer dunkler. So schwarz wie die Nacht, dachte Rachel. Irgendwann wird es einfach verschwunden sein, weil es dann nachtfarben ist. Dann sind auch die Flammen weg, dann sind sie satt. Eine tiefe Stimme, die hinter ihr ertönte, brachte sie dazu sich umzudrehen. Ein Mann in einem Rollstuhl unterhielt sich mit einem Polizisten, er sah direkt zu ihr. Ein paar Sekunden später drehte sich der Officer zu ihr und deutete mit dem Finger auf sie. Der Mann nickte und rollte auf sie zu. Rachel fand gut, dass sie nicht so weit nach oben sehen musste, um ihn anzusehen, trotzdem schämte sie sich furchtbar wegen ihrer nassen Hose. „Zoe, Rachel. Ich bin ein Freund eurer Eltern.“ Seine Stimme klang ruhig, viel ruhiger als die der anderen hier. Er hatte dunkelbraune Haare und helle Augen. „Sie wollten, dass ihr mit mir kommt. Ich passe ab jetzt auf euch auf.“ Er drehte seinen Rollstuhl um und fuhr in die Richtung eines schwarzen Autos. Zoe sah zu ihr, mit diesem entschlossenen Blick, den sie oft hatte, wenn sie ihre Spielsachen nicht teilen wollte. Dann nickte sie ihr zu. Rachels Fuß löste sich aus der Pfütze, als sie sich mit Zoe umdrehte und dem Mann folgte. Rachel sah nicht mehr zurück. 1 Es ist an der Zeit, ihn zu holen, seine Kraft zu entfalten. Er ahnt nicht, wie gefährlich er in Wirklichkeit ist. Die Worte hallten in Rachels Gedanken nach, sie gaben ihrem Auftrag einen mysteriösen und bedrohlichen Beigeschmack. Als hätte Doktor Grey einen Geist beschworen, der unheilvoll emporsteigen und alles vernichten würde, sobald sie ihn gefunden hatte. Seit sie für den Doktor arbeitete, hatte sie ihn niemals so über jemanden sprechen hören. Sie wusste nicht, wie sie ihre Gefühle dazu einordnen sollte, manchmal war sie gespannt, dann nervös, sogar ein Funken Eifersucht mischte mit. Bevor sie ihre Gedanken sortieren konnte, musste sie diesem Geschöpf auf den Grund gehen. Der Blick durch den Infrarotfilter der Spektralbrille tauchte das fremde Appartement in ein rot-violettes Raster. Im rechten Display der Brille leuchteten kleine blaue Zahlen, die Parameter darstellten. Ein Laserscanner errechnete die Maße der Wohnung. Alles, was Rachel durch die Brille sah, wurde direkt auf einer kleinen Chip-Karte aufgezeichnet, damit Doktor Grey die Daten abrufen konnte. Das Appartement erstreckte sich über zwei Etagen, beide Lofts waren durch eine freie Treppe miteinander verbunden. Der untere Bereich war wie eine große Galerie angelegt, wenige Möbel, keine Wände, es wirkte sehr kühl. Die Einrichtung war schlicht, modern und wahrscheinlich teuer. Keine Gebrauchsgegenstände lagen offen herum. Alles schien klinisch, unpersönlich. Auf den riesigen Bildern dominierten die Farben Schwarz und Weiß. Schlichte Silhouetten zeichneten sich darauf ab, erinnerten an die Kleckse eines Rorschachtests. All das stand im krassen Gegensatz zu dem, was sie über den Besitzer des Appartements, den ehemaligen Sergeant und Squad Leader Quinn Reign, gelesen hatte. Hineingeboren in die Reign-Familiendynastie, die für ihren Reichtum und Einfluss bekannt war, passte er überhaupt nicht in das Bild des vermögenden Erben. Niemand mit so viel Geld ging freiwillig zur Army und machte sich die Hände schmutzig. Warum er vor zwei Jahren aus dem aktiven Dienst ausgetreten war, blieb unklar. Aber seit er nicht mehr diente, war er weiter in hochgefährlichen Gebieten unterwegs, schrieb als freier Journalist Artikel über Kriegsverbrechen und deckte Menschenrechtsver¬letzungen auf. Warum riskierte ein Mann Kopf und Kragen in seinem Job, obwohl er ein perfektes Leben haben konnte? Von Geburt an schien Quinn alles gehabt zu haben. Nach seiner Footballkarriere in Cambridge folgte ein Jurastudium in Harvard. Er war der einzige Sohn von Charles Bryant Reign, einem angesehenen Juristen mit Sitz im Justizausschuss des Senats. Doch statt in dessen Fußstapfen zu treten, brach Quinn sein Studium ab und ging zur Army. Somalia, Afghanistan, Jemen, Sudan, es gab keinen Ort, an dem er nicht gewesen war. Wie ein gehetzter Flüchtiger. Rachel schaltete den Infrarotfilter an dem kleinen Schalter auf dem rechten Steg der Brille ab und blickte aus einem bodenlangen Fenster auf das nächtliche Chicago. Warum entschied sich jemand, dem die ganze Welt offenstand, für ein komplett anderes Leben? Obwohl sie nach Antworten suchte, wer dieser Mann war, über den der Doktor gesprochen hatte, fand sie nur weitere Fragen. Als wäre er ein Phantom mit verschiedenen Gesichtern. Er schien sein perfektes Leben absichtlich zu torpedieren. Überschätzte oder hasste er sich? Sie schaltete den Filter wieder an, um sich in der Dunkelheit der Wohnung zurechtzufinden. Die roten Laserstrahlen bildeten Gitter, sie fuhren die Proportionen ab und berechneten die genauen Maße und die Dichte der Möbelstücke sowie aller anderen Gegenstände. Sie sammelte akribisch alle Informationen, die sie bekommen konnte und speicherte sie ab. Wie immer arbeitete sie sauber und genau. Die Stufen der Treppe, die nach oben führte, waren aus massivem Beton, das hängende Geländer aus Glas mit einer Eisenverstärkung als Führungsschiene. Selbst durch das Material ihrer Handschuhe war die Kälte spürbar. Zumindest war es das, was Rachel von der Umgebung am präsentesten war. Es war eisig und leblos. Oben fand sie sich in einem noch minimalistischeren Wohnraum wieder. Mitten in der Etage war ein großes rechteckiges Bett in den Boden eingelassen, auf das Lichtreflexe fielen. Als sie näher kam, erkannte sie den Mond, der durch das riesige Dachfenster schien. Ungefähr drei Meter entfernt stand eine freistehende runde Badewanne, dahinter erstreckten sich an der Außenwand Schrankwände. Ein langes Waschbecken passte sich in die Wand ein, das Bad war ebenso offen zugänglich wie die futuristische Küche. Hinter einer großen Schranktür fand sie Anzüge. Dunkle Designeranzüge, makellos. Ein Schrank voller weißer Hemden, ein weiterer voller Schuhe, alles hier war perfekt. Für diesen Auftrag hatte Rachel viel recherchiert, aber wenig gefunden. Trotz seiner wohlhabenden Herkunft gab es keine starke Medienpräsenz, wie Interviews, oder Wohltätigkeitsveranstaltungen, in denen er in Erscheinung getreten war. Von seinen journalistischen Reisen in prekäre Gebiete wusste sie nur, weil das Ministerium für innere Sicherheit eine lange Liste über Quinn abgespeichert hatte. Da ranzukommen und die Sicherheitsvorkehrungen der amerikanischen Behörden zu umgehen, war für sie einfacher als alles andere. Seit ihrer Kindheit interessierte sie sich für alles Technische. Programmierungen, geschlossene Systeme erkennen, sie zu verstehen, um sich unbemerkt in ihnen bewegen zu können, war etwas, das sie faszinierte. Angefangen hatte es mit Spielen auf einem alten Atari, mittlerweile gab es kaum noch Barrieren im Netz, die sie aufhalten konnten. Es war wie ein anderes Leben, das ihr leichter schien, als die Realität. Im Netz konnte sie sich frei bewegen. Wenn sie wollte, konnte sie ihren Namen mit einem Mausklick verändern. Für sie war es vergleichbar mit einem Pokerspiel. Niemals hätte sie sich im wahren Leben an einem Tisch mit verschiedenen Spielern gesetzt, aber im Netz ging es nicht darum, wer das beste Pokerface hatte, oder wer anders von sich ablenken konnte, im Internet zählten nur Fakten. Technische Algorithmen waren für sie als Hackerin weitaus leichter zu verstehen als Menschen. Computer Software war programmierbar. In Quinns Leben fand sie kein Schema, das ihr dabei half, seine Handlungsweisen nachzuvollziehen. Sie hatte das Gefühl, zwei vollkommen unterschiedliche Männer zu erkennen. Einerseits war da der prädestinierte Juristensohn aus gutem Hause, zu dem diese durchdesignte Wohnung passte. Andererseits reiste der ehemalige Soldat zu Krisenherden und setzte sich während seines Aufdeckungsjournalismus extremer Gefahr aus. Es passte nicht. Genauso wenig wie Doktor Greys Interesse für diesen Mann. Ihr gefiel der Gedanke nicht, dass sich der Doktor mit einem Zivilisten einlassen wollte. Und es passte ihr noch weniger, dass er von Parametern gesprochen hatte, die sie nicht einschätzen konnte. Wie gefährlich war Quinn Reign? Das blechern verhallende Schlagen einer alten Standuhr zog sie aus ihren Gedanken. Die Uhr schlug elf Mal. Rachel war schon zu lange hier. Irgendetwas hielt sie fest. Etwas, das sie wie ein düsteres Geheimnis gebannt hielt. Es war, als ob Quinn eine Maske geschaffen hatte, eine leblose Hülle, in der ein Teil von ihm existieren konnte. Mehr aber auch nicht, deshalb war hier kein einziger persönlicher Gegenstand, nichts, was ihn hielt. Vielleicht war er innerlich zerrissen. Sie wusste nur zu gut, welche Dämonen in den Gedanken der Menschen hausten, sie war es gewohnt, sich in fremde Leben einzufühlen. Jede einzelne schlimme Episode eines Lebens wartete unter der Oberfläche auf ein Ventil. Das nutzte Rachel für ihre Gabe, es war ähnlich wie sich in Computersysteme zu hacken. Nichts anderes war das menschliche Gehirn, ein perfekt funktionierendes Netzwerk. Und sie hatte den Code, den Schlüssel, um in dieses System einzudringen und einen Virus einzuschleusen. Sie pflanzte fremde Erinnerungen, Ideen oder Überzeugungen in menschliche Gehirne. Doch damit ihr erschaffener Gedanke in dem festen Gefüge funktionierte, musste sie ihn anpassen. Und das funktionierte am besten, wenn sie genau wusste, wie der Mensch tickte. Eigentlich hatte sie ihr ganzes Leben damit verbracht andere Leben zu studieren, still und wachsam, bis der Moment kam, an dem sie genügend Informationen gesammelt hatte, um das System zu modifizieren. Dann reichte eine Berührung aus, um in die Gedanken des anderen einzudringen und ihren Virus zu pflanzen, damit der Wirt die gewünschte Funktion ausführte oder sein Leben danach ausrichtete. Ihrer Erfahrung nach reichte dieser Einblick in Quinn Reigns Leben nicht aus, um auch nur ansatzweise seine Gedankenwelt zu verstehen. Das hier war Fassade, die Frage war, wer war er wirklich? Mit einer kurzen tippenden Geste aktivierte Rachel die Projektion des Parallelokulars, das Doktor Grey entwickelt hatte. Über dem Brillenrahmen entstand das Kraftfeld, das sich über die Gläser legte. Wenn das Kraftfeld aktiviert war, konnte sie das Okular wie einen Rechner nutzen. Gesteuert durch die Bewegung ihrer Pupille war sie in der Lage, die Bilder auf ihrer Festplatte durchblättern, die sich leuchtend vor ihren Augen von der Realität abhoben. Sie war auf der Suche nach einem Foto, das sie in einer Zeitung gefunden hatte. Die Chicago Tribune hatte einen Artikel veröffentlicht, an dem eines der seltenen Fotos des Reign Erben angehängt war. Die Schlagzeile lautete: Samantha Moore angelt sich begehrten Junggesellen! Das Bild zeigte Quinn gemeinsam mit einem jungen Model beim Verlassen eines Clubs. Beide trugen dicke Wintermäntel, der Schnee glitzerte und der Atem der Personen sah aus wie weißer Rauch. Die Frau lachte, während sie hinter ihrem Rücken zu Quinns Hand griff. Dessen Gesicht war zur Hälfte von ihrem Arm verdeckt, dennoch konnte man seine düstere Miene erkennen, und dass er eine Augenbraue nach oben gezogen hatte. Sein ganzer Körper schien in Angriffshaltung zu sein, während seine Lippen fest aufeinander lagen. Da war eine Menge Zorn, obwohl man sein Gesicht nur erahnen konnte, war dieser Eindruck mehr als präsent. Bildmaterial von Quinn war selten. Er war scheu und hielt sich im Hintergrund. Deshalb war so ein Auftritt ein gefundenes Fressen für die Presse. Quinns hellbraune Haare waren über einen Seitenscheitel nach hinten gestrichen. Er trug einen makellos sitzenden dunkelblauen Mantel mit einem weißen Hemd darunter. Er war sehr groß, seine Schulterpartie und der Rücken waren breit und durchtrainiert. Das Foto wirkte, als hätte sich Quinn in eine makellose Hülle gesteckt, zu der ein blondes Model gehörte. Eine perfekte Szene mit schönen Requisiten. Er sah gut aus, keine Frage, aber all das passte nicht zu dem Leben, das sie sich bruchstückhaft zusammengesammelt hatte. Als ihr Blick noch einmal über das Foto glitt, fiel ihr ein Detail an seinem Arm ins Auge. Unter dem Saum seines Hemdsärmels blitzte ein dunkler Schatten auf. Sie vergrößerte den Bildausschnitt, in dem sie mit zwei Fingern ein Fenster vor sich auf dem Kraftfeld auseinanderzog, aber der Umriss wurde unschärfer. Es konnte keine Armbanduhr sein, sonst hätte sich die Form stärker abgehoben. Es sah aus wie ein Fleck oder Farbe. Wieder schlug die Standuhr. Sie vergeudete Zeit und das mochte der Doktor nicht. Entschlossen deaktivierte sie das Okular und stand auf. Sie war hierher geschickt worden, um sich einen Überblick zu verschaffen und das hatte sie getan. Zu diesem Auftrag gehörte keine genaue Personenanalyse, das hielt sie nur auf. Sie ging die Treppen hinunter, zurück zur Feuertreppe. Hier war nichts, was konkrete Schlüsse auf Quinn zuließ. Weder wer er war noch was genau seine Fähigkeit war, oder wie viel er darüber wusste. … er ahnt nicht, wie gefährlich er in Wirklichkeit ist. Die Schläge der Uhr verhallten hinter Rachel und ließen das leise Echo in ihren Gedanken zäh verstummen. Nach dem letzten Schlag blieb Rachel stehen. Der Gegenstand, der nicht in diese perfekt durchgestylte Wohnung passte, war diese Standuhr. Da es das einzige alte Stück war, musste Quinn etwas damit verbinden. Rachel spürte, wie sich ein leichtes Lächeln auf ihre Lippen legte. Die schwarz lackierte massive Standuhr war ungefähr zwei Meter hoch, die Form war klassisch, nur vorne und an den Seiten war sie verglast. Mit einem kleinen silbernen Schlüssel konnte man die vordere Tür öffnen. Dahinter schwang das verchromte Pendel unter dem Ziffernblatt. Auf dem weißem Emaille hoben sich die römischen Ziffern ab, darunter hingen drei zylinderförmige Gewichte. Rachel beobachtete den Mechanismus der Uhr, jede Veränderung von außen würde die Genauigkeit beeinflussen. Sie verglich die Uhrzeit der Standuhr mit der auf ihrem Smartphone, sie waren gleich. Falls sie recht hatte, müsste es einen Körper in dieser Uhr geben, der die Zeit nicht beeinflusste. Nach zwei Minuten glaubte sie den Gegenstand gefunden zu haben, alles in dem Uhrkasten war in Bewegung, wenn auch nur minimal, bis auf ein Gewicht. Während die anderen beiden Gewichte auf die Zeit reagierten, verharrte das eine auf der linken Seite bewegungslos. Rachel nahm den Griff ihrer Taschenlampe so in den Mund, dass sie das Licht auf ihre Hände richten konnte. Vorsichtig nahm sie das linke Gewicht aus dem Kasten, die Uhr lief ungehindert weiter. Auf dem Chrom des Zylinders waren keine Fingerabdrücke, sie drehte an der Aufhängung. Mit einem leisen Knacken löste sich der Widerstand, sie konnte ein Gewinde herausdrehen. Als sie das Gewicht umdrehte, fiel eine feingliedrige goldene Kette mit einem kleinen Anhänger in ihre Handfläche. „Rachel?“ Die sonore Stimme ließ Rachel kurz zusammenzucken. „Was hält dich auf?“ Sofort baute sich Doktor Greys Gesicht vor ihren Augen auf. Das Okular zeigte ihn in seinem Labor, er arbeitete noch. „Hier ist nichts, was etwas mit Reigns Leben zu tun hat. Außer …“ Rachel wusste nicht, was diese Kette zu bedeuten hatte. Es wäre einfacher gewesen, wenn es ein Datenträger oder eine Waffe gewesen wäre. Vorsichtig drehte sie die Kette zwischen den Fingern und beeilte sich mit ihrer Antwort. „Es ist eine goldene Kette mit einem Anhänger. Sie war in einer Uhr versteckt.“ „Nimm sie an dich und fahr zum Hotel zurück. Ich sehe sie mir später an, mach dir keine Gedanken darüber. Euer Flug geht in drei Stunden, Sean hat die genauen Daten. Ich verlasse mich auf dich, Rachel.“ „Natürlich.“ Ein kurzes Räuspern folgte, danach ein leises Klicken. Der Doktor hatte die Übertragung beendet. Rachel spürte, wie der angehaltene Atem langsam aus ihrer Kehle schlich und die Anspannung leichte Schweißperlen auf ihre Stirn gesandt hatte. Sie musste sich beeilen, sie war schon viel zu lange hier. Sie schob die Brille nach oben und beobachtete, wie die feine Kette über ihre Hand glitt. Der kleine Anhänger war aus einem Guss gefertigt, wie eine zarte Kontur. Es war ein kleiner Vogel. Sie zog einen Handschuh aus und fuhr mit einer Fingerkuppe leicht über den kleinen Anhänger. Es fühlte sich zerbrechlich an, doch wenn sie ihre Fingerbeere einen Augenblick lang auf die Form presste, konnte sie kurz die Prägung des Vogels auf ihrer Fingerkuppe nachspüren. Was machte sie hier eigentlich? Schnell wischte sie sich die Schweißperlen mit dem Handrücken von der Stirn, packte die Kette in die Jackentasche und ging zur Feuertreppe zurück. Der Doktor hatte sie genau instruiert und sie hielt sich exakt an seine Anweisungen, so wie sie es immer tat. * Gleißend hell versenkten die Sonnenstrahlen das, was Quinn von der Umgebung noch erkennen konnte, in einem Meer aus Weiß. Irgendwas ran durch seine Wimpern und brannte in seinen Augen. Er musste die Lider eng zusammenpressen, um überhaupt etwas erkennen zu können, sonst spiegelte die Wasseroberfläche unter ihm nur den wolkenlosen grellen Himmel. Ob die Flüssigkeit, die von seinem Gesicht tropfte, Wasser, Schweiß oder Blut war, konnte er nicht mehr erkennen. Er hing kopfüber an einem Gerüst festgebunden über einem Becken voll schlammigem, abgestandenem Wasser und hoffte, dass es der Wache dieses Mal entgangen war, dass er wieder zu Bewusstsein gekommen war. Sein ganzer Körper fühlte sich an, wie eine einzige klaffende Wunde. Er erinnerte sich, dass sie ihn mit Stöcken geschlagen hatten. Wie oft sie zugeschlagen hatten, wusste er nicht. Er konnte weder sagen, wie lange er an dem Gerüst hing noch welches Datum heute war. Aber es mussten ungefähr vier Wochen sein, seit sie ihn in das Gefängnis nach Pailin gebracht hatten. Acht Wochen vorher war er nach Kambodscha geflogen, um mit der Recherche über Zwangsprostitution zu beginnen. Eines Nachts hatte die kambodschanische Polizei seine Unterkunft gestürmt, sein Gepäck durchwühlt und einen kleinen Beutel mit weißem Pulver aus seiner Tasche gezogen. Quinn verstand die Sprache nicht und die Polizisten, die ihn verhört hatten, konnten kein Englisch, trotzdem standen sie vor ihm und schrien ihn an. Das einzige Wort, das er verstand war: Heroin. Sein Gepäck, seine Kamera und seine Papiere wurden beschlagnahmt. Er bekam weder einen Übersetzer noch einen Anwalt. Er hatte sogar versucht, sich mit Geld freizukaufen. Keine Chance. Dass die amerikanischen Behörden eingreifen würden, war unwahrscheinlich, da niemand wusste, wo er war. Bislang hatte er keine Zeile geschrieben und kein Treatment einer Zeitung angeboten. Er war einem Hinweis gefolgt, den er per Mail von einer jungen Frau bekommen hatte. Von seiner Reise nach Kambodscha hatte er nur seinem Freund und Verleger Harry erzählt, und der kannte Quinn gut genug, um sich nicht zu wundern, wenn er über Wochen nichts von sich hören ließ. Irgendjemand hatte ihn ans Messer geliefert und er hatte keine Ahnung, wer und vor allem, aus welchem Grund. Aber ihm war klar, dass er diesmal nicht mehr aus der Nummer rauskommen würde. Ein stechender Schmerz durchzog seinen Rücken und ließ seine Gedanken zu verzerrten Fragmenten erstarren. Dann wurde das Seil, an dem seine Fußfessel befestigt war, gelöst und sein Körper fiel wie ein Sack Zement in das Bassin. Der Sauerstoff in seinen Lungen hielt nicht lange, reflexartig schluckte er das widerliche Wasser. Modriger Geschmack rann seine Kehle hinunter, kleine schwammige Brocken ließen ihn würgen. Dann wurde ihm schwarz vor Augen und die Muskeln seines Körpers zuckten unkontrolliert, als wäre er nicht mehr als eine Aufziehpuppe. Nach einem Ruck an seinen Fußfesseln, wurde das Seil wieder nach oben gezerrt. Als er auftauchte, würgte er das Wasser aus seinen Lungen und hustete sich die Seele aus dem Leib. In seinen Wunden brannte es, als wäre Säure in der abgestandenen Brühe gewesen. Quinn versuchte nicht mehr den Schmerz zu ignorieren, dafür war der zu heftig, aber er hielt seine Augen krampfhaft auf. Die Spiegelung des Wassers zeigte, dass zwei Männer hinter ihm standen. Mittlerweile freundete er sich mit dem Gedanken an, dass die Folter ein Ende nahm und sie das Seil das nächste Mal zu spät nach oben ziehen würden. Eine Reflexion blitzte in der Wasseroberfläche auf. Instinktiv zuckte er zusammen, als er den Kopf herumriss, um seinen Verdacht zu widerlegen. Aber er hatte sich nicht geirrt. Panik stob unaufhaltsam durch seine Adern, wie das tödliche Gift einer Viper. Sie hatten ein Messer. Nach Luft röchelnd begann er, an seinen Fesseln zu zerren, jede Bewegung ließ neuen Schmerz aufbrechen. Kein großes Messer, ein kleines, wie ein Skalpell. Immer heftiger riss er an seinen Fesseln, während einer der Männer die Umrisse der Bilder, die auf Quinns Rücken tätowiert waren, mit den Fingern nachfuhr. Jede einzelne Tätowierung auf seiner Haut hatte eine Geschichte. Auf seinem Rücken waren alle Länder verewigt, in denen er bislang gewesen war. Fluchend krümmte er sich in den Fesseln, bis ein dritter Mann dazu kam. Zwei Männer hielten ihn fest, während der dritte die Klinge ansetzte. Der erste Schnitt zog das erste afrikanische Schriftzeichen nach, das den Anfang seiner Reise beschrieb. Die zähe Klinge durchbohrte die ersten Hautschichten und ritzte das Muster in Quinns Fleisch. Er schrie und versuchte sich aus dem Griff zu winden, aber wenn er einen der Männer mit dem Ellenbogen erwischte, bohrte sich das Messer nur tiefer. Er versuchte den Schmerz auszuhalten und sich an einen Song zu erinnern, den er früher oft vor sich her gesummt hatte. Es wurde nicht mehr als ein wirrer Singsang. Der Mann mit dem Messer nahm sich viel Zeit. Als das lähmende Summen in Quinns Kehle versiegte, war sein Rücken eine einzige klaffende Wunde. * Die schwüle Hitze der Nacht legte sich auf alles, selbst auf die Waffen, die Rachel unter ihrer Kleidung versteckt hielt. Alles klebte an ihrem Körper. Seit fast vierundzwanzig Stunden waren sie ununterbrochen unterwegs. Im Flugzeug hatte sie kaum geschlafen, dazu war sie zu aufgewühlt. Sie dachte darüber nach, wie alle Puzzleteile zusammenpassten. Wer war dieser Mann, über den es kaum öffentliche Informationen gab, obwohl jeder den Namen Reign kannte? Jedes mal wenn sie eingenickt war, hatte sich sein Foto wie ein Geist in ihr Unterbewusstsein geschlichen. Also blieb sie die meiste Zeit einfach in diesem müden Wachzustand gefangen. Gemeinsam mit Sean und Alex, dem Piloten, war sie mit einem von Grey organisierten Jet von Chicago über Vancouver und Seoul nach Kambodscha geflogen. Während Alex auf dem Flughafen in Siem Reap auf sie wartete, war sie mit Sean per gemietetem Transporter ins Landesinnere gefahren. Sie waren dem Sender, den Quinn Reign unter der Haut trug, fast vier Stunden lang bis hierher gefolgt. Jetzt stand Rachel vor dem Tor des Gefängnisses in Pailin und wartete auf Seans Signal. Sean Bellier, der aufgrund seiner Gabe Puppenspieler genannt wurde, arbeitete ebenfalls für den Doktor. Er hatte die Fähigkeit, Menschen wie Marionetten zu steuern. Momentan pirschte er sich an einen der Wächter vor dem Gefängnis an, um dessen Position einzunehmen. Was Quinn hier machte, war Rachel ein absolutes Rätsel. In diesem Fall kam sie nicht über digitale Daten an Informationen ran. Sie mochte keine Überraschungen, und dass sie in eine bewachte Einrichtung einbrechen mussten, um Quinn rauszuholen, war definitiv nicht ihr Plan gewesen. Rachel saß auf dem Fahrersitz, des in die Jahre gekommenen Leihtransporters und beobachtete aus dem Schutz des angrenzenden Regenwaldes heraus die Lichter an der Gefängnismauer. Die Geräusche der nachtaktiven Tiere machten sie nervös, diese Laute war sie nicht gewöhnt, das lenkte ab und verzögerte ihre Reaktion in einer Gefahrensituation. Doch den dumpfen Schlag, der aus dem Knopf in ihrem Ohr tönte, konnte sie genau zuordnen. „Komme.“ Sean hatte den Wächter niedergeschlagen und machte sich auf den Rückweg. Wenige Sekunden später sah sie, dass sich die ersten Palmenblätter vor dem Transporter bewegten. Sean öffnete die Beifahrertür und nickte ihr zu, der Wächter hing wie ein Sack Kartoffeln über seiner rechten Schulter. Rachel stieg aus und öffnete die Tür zur Ladefläche, damit er den Wächter ablegen konnte. „Ich brauche ein paar Minuten.“ Sean würde seine Gabe nutzen und den Körper des Wächters übernehmen. Er spielte darauf an, dass er während dieses Einsatzes absolute Ruhe brauchte. Sie hatte oft mit dem Puppenspieler zusammengearbeitet und wusste, wie schlecht es ihm körperlich nach jedem Einsatz seiner Fähigkeit ging. Obwohl seine Gabe Hypnose ähnelte, war es viel mehr. Es war keine Suggestion, sondern eine komplette Übernahme, Geist und Körper flossen in seinen Machtbereich und das kostete extrem Kraft. Sie nickte ihm stumm zu und ließ ihn mit dem Wachmann hinten in dem Transporter allein. Sie hielt Wache, bis der fremde Körper allein aus dem Wagen gesprungen kam. „Ich spreche kein Khmer, wenn was schief läuft, breche ich ab.“ Es war eigenartig den dünnen schmächtigen Mann mit Seans französischem Akzent sprechen zu hören, aber als er sich auf den Weg machte, wäre ihr nichts weiter aufgefallen. Solange Sean den anderen Körper lenkte, war mit seinem eigenen nichts anzufangen, er war in einer Art Trance, in der sich nur seine Augen gespenstisch hin und her bewegten. Sie schloss die Tür hinten ab und beobachtete durch ein Nachtsichtgerät, wie der von Sean kontrollierte Wächter durch das Tor ging. Obwohl er von Abbruch gesprochen hatte, war dem Puppenspieler genauso klar wie ihr, dass nichts schiefgehen durfte. Der Doktor hatte eine klare Anweisung gegeben, sie durften nicht versagen. Wie die Konsequenzen für Sean wären, wusste sie nicht, aber ihr war der Gedanke, dass sie Grey enttäuschen könnte, verhasst. „Hier ist kaum jemand, außer …“ Sean flüsterte. Rachel nahm das Nachtsichtgerät runter und konzentrierte sich voll auf die Akustik, sehen konnte sie ihn hinter den Mauern sowieso nicht mehr. „Merde!“ Seine Stimme klang misstrauisch und erschüttert zugleich. Sie hörte, dass seine Schritte langsamer wurden. Das, was er sah, musste heftig sein. „Vor jedem Tor steht ein Wächter, aber hier vor einem alten Tank stehen vier Mann.“ „Ein Tank?“ Die Situation wurde gefährlich. „Wenn er da drin ist, lebt er nicht mehr.“ Ihr Puls schnellte in die Höhe. Quinn Reign war noch am Leben, sonst würde der implantierte Chip in seinem Körper kein Signal mehr senden. Aber über den gesundheitlichen Zustand des Zielobjektes sagte diese Tatsache nichts aus. Mit einem Verletzten unbemerkt aus dem Gefängnis und aus dem Dschungel zu kommen, war unmöglich. „Es sieht aus wie eine alte Wasserzisterne, die früher mal in der Erde gesteckt hat. Sie ist aus Metall, nur oben ist ein rundes Loch mit einem Gitter … Fuck …“ Fremde Stimmen mischten sich in den Ton. Die Wächter mussten etwas bemerkt haben, es klang, wie aufkeimender Tumult. Rachel riss die hintere Wagentür auf und sah, dass Sean wach war. Er hatte Schweiß auf der Stirn und zitterte. Etwas hatte ihn dazu getrieben abzubrechen. „Ist er dort?“ Die Worte polterten aus ihrer Kehle, etwas trieb sie an. Ihr Herz raste, ihre Kehle war staubtrocken. Sie kannte Quinn Reign nicht, und wenn es nach ihr gegangen wäre, hätten sie diese Reise niemals unternommen, aber etwas in ihrem Inneren machte sie zu einer Gejagten. Sie konnte ihn nicht zurücklassen. „Ich nehme es an.“ „Ich hole ihn raus.“ Sean stieß ein paar französische Flüche aus, doch sie hatte sich schon umgedreht und packte ihren Bogen und eine Schusswaffe ein. Wenn es einen günstigen Moment für einen Zugriff gab, dann diesen. Der Körper des Wächters, den Sean übernommen hatte, musste nach dessen Abbruch in sich zusammengesackt sein. Die anderen würden sich um ihn kümmern und den Tank für ein paar Minuten aus den Augen lassen. Rachel pirschte sich an der Mauer entlang, Sean folgte ihr leise fluchend. Wahrscheinlich dachte er, dass sie Greys Befehl blind folgte, aber für sie war es mehr. Wie es die Motte zum Licht zog, konnte sie dem inneren Drang nicht widerstehen, zu dem Tank zu gelangen. Obwohl jeder Gefahrensensor in ihr ansprang, sie ignorierte die Alarmsignale. Es war genauso, wie sie gedacht hatte. Selbst der Wachmann am Tor war abgelenkt, sodass sie unbemerkt auf das Areal des Gefängnisses kamen. Rachel nahm zuerst den leichten Tumult auf dem Platz in der Mitte des Hofes wahr, dann registrierte sie den länglichen Tank hinter der kleinen Gruppe Wächter. Ihr Herz hämmerte in ihrem Brustkorb. Der Metallkorpus stand ohne Sonnenschutz vor einer kleinen Bambushütte. Wahrscheinlich war die Hütte für die Wächter da. Per Handzeichen deutete sie Sean an, dass sie zu der Hütte gelangen mussten. Ihr war klar, dass sie es nicht schaffen konnten einen Mann ungehindert aus dem Tank zu zerren und über den Hof zu schleifen, aber sie hatte nicht vor umzukehren. Zur Not würde sie es auf eine Auseinandersetzung ankommen lassen, genau das schien Sean in ihrem Gesicht abzulesen, als er ihr mit grimmiger Miene folgte. Mit Sicherheit war der Puppenspieler noch stark benommen, aber seine Schritte wirkten fest, selbst in diesem Zustand war er ein überragend guter Nah¬kämpfer. Und unabhängig von der Kampfausbildung, die sie beide absolviert hatten, waren ihre Sinne gesteigert, sie waren schneller und stärker. Sie mussten es schaffen. Sie schlichen zu der Hütte und bewegten sich in deren Schutz bis zum Tank vor. Rachel stockte der Atem, als sie das runde, ungefähr ein Meter große Gitter sah, das den einzigen Zugang zum Tank darstellte. Sie wusste, dass er da drin war. Es war keine Vermutung, es war mehr als ein Bauchgefühl, sie war sich sicher, hundertprozentig. Als könne sie seine Anwesenheit dort erspüren. Es roch nach Blut, nach Tod. Für einen Augenblick schnitt der Gedanke wie ein scharfes Skalpell in ihren Kopf; was war, wenn Quinn nicht mehr zu retten war? Normalerweise blieb sie während der Einsätze unbeteiligt, sie hatte einen Auftrag zu erfüllen, nicht mehr und nicht weniger. Hier war es anders. Jedes Detail, jeder Eindruck stob tausendfach stärker in ihrem Bewusstsein auf. Als wäre ein neuer Instinkt geweckt worden. Ein Trieb, der sie gefangen nahm und sie unaufhaltsam zu Quinn zog. Sean griff ihren Arm, um sie auf etwas aufmerksam zu machen. Am anderen Ende des Platzes stand eine Art Gerüst, unter dem Wasser war. Wenn sie es schaffte, mit einem Geschoss die Fessel darüber durchzutrennen, gab es genügend Ablenkung, damit die Wachmänner in diese Richtung gelockt würden. Vielleicht gewannen sie dadurch Zeit, um Quinn aus dem Tank zu holen. Sie zog ihre Armbrust aus dem Rückenholster und spannte einen Bolzen ein. Leise zischend schnitt das Geschoss durch die Luft. Mit einem lauten metallischen Rasseln fiel die Fessel, an der Ketten befestigt waren, ins Wasser. Sofort verstummte die kleine Gruppe der Wächter, dann liefen sie laut rufend in Richtung der Lärmquelle. Nur der bewusstlose Wachmann, dessen Körper Sean genutzt hatte, blieb auf dem Boden liegend zurück. Rachel spürte, wie Haarsträhnen um ihr Gesicht strichen, als sie sich blitzschnell umdrehte und zu dem Tank rannte. Sie schob die alten Riegel des Gitters zur Seite und streckte ihren Arm rein. Ihr Puls hallte in ihren Ohren und Adrenalin durchströmte jede Vene. Zuerst nahm sie nur die unglaubliche Hitze im Inneren des Tanks wahr, sonst nichts. Sie versuchte ihren Arm noch tiefer in das Loch zu stecken, dann griffen plötzlich Finger nach ihrer Hand. Für einen Augenblick war sie erschrocken, weil sich die fremden Finger an ihr festkrallten. Dann drückte sie die Hand und spürte den feuchten Film an ihrer Haut, der das Halten schwierig machte. Sie versuchte die Hand fester zu packen, doch der Gegendruck wurde kraftlos. Je mehr sie den Halt verlor, desto nervöser wurde sie. Hektisch versuchte sie in das Loch zu linsen. Ein stechender Geruch schlug ihr entgegen. Sie musste würgen, doch sie ließ die Hand nicht los. Seans irritierter Blick traf ihren, kurz darauf streckte auch er einen Arm in die Öffnung. Als er ihr zunickte, zogen sie zeitgleich. Der Körper war schwer und überdeckt mit einer schmierigen Schicht aus Schmutz und Blut, aber mit jedem Zentimeter, den sie ihn weiter aus dem Tank bekamen, wuchs das eigenartige Gefühl in Rachel. Es war wie ein Sturm, der ihre Sinne durcheinanderwirbelte und ein fragiles Chaos zurückließ, das ihr fremd und vertraut zugleich vorkam. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Der Körper, den sie Stück für Stück aus dem Tank zogen und der über und über mit Dreck bedeckt war, gehörte Quinn. Er war es, kein Zweifel. Fast leblos hing er aus dem Loch heraus, die Beine steckten noch in dem Tank. Ihre Finger glitten unter sein Kinn, um seinen Kopf anzuheben. Sie konnte nicht erkennen, ob die rote Farbe seiner Haut durch die Sonne oder durch getrocknetes Blut kam, die untere Hälfte seines Gesichts war mit einem dichten Bart bedeckt. Auf eine merkwürdige Weise kam ihr dieser kurze Kontakt unglaublich intim vor, als wäre da eine Nähe, die sie nicht greifen konnte. Plötzlich, als hätte die Berührung ihrer Finger seine letzte Energie freigesetzt, schlug er die Augen auf. Einen Atemhauch lang schien die Zeit stillzustehen. Ihr Herz pochte so stark, dass sie den Eindruck hatte, die Sphäre um sie herum bewegte sich in ihrem Takt in Wellen von ihren Körpern weg. Als wären sie eine Insel in einem Meer, in dem Zeit und Raum nicht so funktionierten wie in der Realität. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er so abrupt zu Bewusstsein kommen würde, aber vor allem war sie nicht auf die Wirkung vorbereitet, die seine Augen auf sie hatten. Silbergrau blitzten sie aus der Dunkelheit hervor, glasklar und wach. Quinn sah sie an, während sie vor ihm kniete und ihn stützte. Vollkommen reglos, gefesselt von einem hell schimmernden Augenblick. Dann klappten seine Augen zu und sein Oberkörper sackte nach vorne in sich zusammen. Der Moment war so schnell vorüber, wie er gekommen war und die Realität brach über sie herein. Sean schnappte Quinn unter den Armen und zog seinen Körper komplett raus, dann legte er ihn ab. Mit einem dumpfen Geräusch klatschte der nackte Körper auf die Erde. Ein zähes leises Stöhnen löste sich aus Quinns Kehle. Sie riss etwas von der Plane der Hütte ab und warf sie über ihn. Um ihn ganz darin einzuwickeln, mussten sie ihn auf den Bauch drehen. Er stöhnte leise auf, während sie sich fragte, was sich so nass auf ihrer Handfläche anfühlte. Neben ihr stieß Sean erneut leise Flüche aus. Zuerst dachte sie, dass er sich wegen des Gewichts beschwerte, doch dann sah sie, was er meinte. Quinns Rücken war über und über mit Schnitten übersät. Kein Zentimeter Haut schien unverletzt zu sein. Er musste Unmengen Blut verloren und heftige Schmerzen haben. Zitternd legte sie die Plane über die Wunden, bevor ihre Finger noch einmal kurz seine Hand unter der Plane suchten. Vielleicht nur, um seinen Gegendruck zu spüren. Ihr Daumen glitt vorsichtig über seinen Zeigefinger. Trotz des rauen getrockneten Blutes auf seiner Haut, spürte sie eine leichte Bewegung seiner Hand. Sie atmete kurz durch, dann löste sie sich und griff nach ihrer Armbrust. Die Dunkelheit hatte ihnen wertvollen Schutz geboten, jetzt hörte sie Schritte nahen. Sie nickte Sean zu, der Quinns eingehüllten Körper schulterte, doch das Areal so unbemerkt zu verlassen war illusorisch. Während sich Sean auf den Weg machte und am Rand der Mauer zum Tor zurücklief, positionierte sie sich mitten auf dem Platz. In einer Hand ihre Armbrust, in der anderen ihre Walther. Die Wachmänner schlugen sofort Alarm, als sie entdeckt wurde. Sie rannten auf sie zu, doch als sie nah genug waren und die Waffen erkannten, wurden sie langsamer. Sie hatte nicht vor, ein Massaker zu veranstalten, sie wollte nur für Ablenkung sorgen, damit Sean genügend Zeit bekam. Zwei der Wachmänner zogen Waffen. Das Geschoss aus ihrer Armbrust und die Kugel aus ihrer Walther lösten sich, bevor die Wachmänner zielen konnten. Beide Männer gingen zu Boden. Das tosende Gebrüll der Affen, die das Schauspiel aus den umliegenden Baumwipfeln beobachteten, durchbrach die kurze Stille nach den Schüssen. Dann griffen die restlichen Männer an. Sie wirbelte durch die Nacht und streckte noch drei Männer im Nahkampf mit dem Bogen der Armbrust nieder, bevor sie Sean folgte. Als sie bei dem Transporter ankam, legte Sean Quinns Körper hinten auf die Ladefläche. „Einer von uns sollte bei ihm bleiben.“ Sean hatte recht, die Fahrt könnte Quinn umbringen, sein Zustand musste kritisch sein. Sie nickte ihm zu und sprang hinten in den Transporter. Sean warf ihr eine Maglite zu und schloss die Türen ab. Jetzt spürte sie, dass der Kampf und der Sprint zum Wagen anstrengend gewesen waren und das Adrenalin noch in ihren Adern steckte. Rumpelnd fuhr der Transporter los, ein leises Stöhnen brach aus der zusammengerollten Plane neben ihr. Hektisch warf sie die Taschenlampe an, um überhaupt etwas erkennen zu können. Der Wagen wurde sicher auch dafür verwendet schwere Dinge zu transportieren, also mussten irgendwo Befestigungsgurte sein. Sie fand ein paar Gurte, die sie um Quinns Körper legte und in kleinen Karabinern im Wageninneren festzurrte. Dann nahm sie die Taschenlampe zwischen ihre Zähne und versuchte seinen Kopf freizulegen. * Jede Bewegung setzte eine Flutwelle Schmerzen in seinem Körper in Bewegung. Trotzdem versuchte Quinn sich zu konzentrieren. Etwas war passiert, etwas hatte sich verändert. Die Luft war trockener, es war dunkel, nur ein heller Fleck prägte sich durch seine geschlossenen Augenlider, aber es war nicht die Sonne. Jemand war mit ihm hier, er spürte die Anwesenheit einer Person. Er war nicht sicher, ob er fantasierte, aber es fühlte sich so an, als würden weiche Fingerkuppen über sein Gesicht streichen. Er war zu müde, um die Augen aufzuschlagen und nachzusehen. Außerdem wollte er dieses Gefühl nicht vertreiben, es war das Einzige, was ihn am Leben hielt. Er wollte es ganz tief in sich verstecken, dort, wo die reale Wahrnehmung nicht zählte und seine Seele Heilung finden konnte. Immer wieder kippte sein Bewusstsein in ein schwarzes Loch. Es fühlte sich an, als würde jeder Riss in seinem Rücken erneut aufbrechen, obwohl die Wunden noch nicht verheilt waren. Ein dumpfes Stöhnen drang aus seiner Kehle. Wieder glitten die Fingerkuppen federleicht über sein Gesicht, er konnte sich nicht erinnern, ob sich etwas jemals so gut angefühlt hatte. Ein zartes Flüstern drang durch den dichten Nebel in seinen Verstand. Er musste sich genau auf die Stimme konzentrieren, um die Worte zu verstehen. „Wir sind bald da, durchhalten, okay?“ Eine Frauenstimme. Quinn wollte antworten und fragen, ob das wirklich passierte, doch bevor er einen Ton herausbekam, legten sich die Finger zart auf seine Lippen. Sie berührte ihn nur kurz, dann ließ sie den Hauch der Berührung zurück und legte einen Flaschenhals an seine Lippen. Das Wasser schwappte aus der Flasche, bevor er trinken konnte. Er musste husten. Doch sie hielt seinen Kopf, dass er es noch einmal versuchen konnte. Das Wasser rann seine ausgedörrte Kehle herunter und gab seinem Körper ein wenig Leben zurück. Wieder dämmerte er weg. Als er das nächste Mal wach wurde, fand er sich in einem hellen Zimmer wieder. Auf dem Bauch liegend, stemmte er sich auf seine Ellbogen und riss den Kopf von links nach rechts, aber niemand außer ihm war da. Die ruckartigen Bewegungen zogen stechende Schmerzen in seinem Rücken nach sich. Die Wucht, mit der sie seinen Körper fluteten, ließ ihn wieder nach unten sacken. Das Gefühl der zarten Finger auf seinem Gesicht verblasste, als wäre es nur eine Wahnvorstellung gewesen. Trotzdem war er sicher, dass die Frau bei ihm gewesen war. Er hatte ihre Präsenz gespürt, ihre Berührung wie ein Versprechen, dass er am Leben bleiben würde. Stoisch versuchte er das zermürbende Ziehen in seinem Fleisch auszuhalten und sich auf die Sinne zu fokussieren, die er nutzen konnte. Es roch nach Desinfektionsmitteln, er konnte seine Beine und Arme bewegen, er war noch am Leben. Der Raum sah steril weiß aus und er schien auf einem Krankenbett zu liegen. Er musste in einem Krankenhaus sein. Er versuchte sich zu erinnern, was passiert war, aber das Einzige, das ihm in den Sinn kam, waren die Bilder der Wasseroberfläche, in der sich sein schmerzverzerrtes Gesicht wie eine fremde Fratze gespiegelt hatte, während sie in sein Fleisch geschnitten hatten. Der Geruch seines getrockneten Blutes stieg in seine Nase und ließ ihn würgen. Metallisch, dumpf, der Geruch von Tod. Er musste hier raus. Bevor er sich aufrappeln konnte, hörte er Schritte, dann wurde die Tür geöffnet. Vorsichtshalber stellte er sich schlafend. Ein Mann sprach Französisch, zumindest klangen die Fetzen, die er hörte, danach. Durch leicht geöffnete Augenlider konnte er zwei Personen in weißer Kleidung erkennen, eine dritte folgte. Er sah nur die Beine, zwei weiße Kittel und eine schwarze Hose, darunter lugten schwere Stiefel hervor. Das waren Militärstiefel. Warum hatten sie ihn hergebracht? Warum hatten sie es nicht zu Ende gebracht? Er musste sich zusammenreißen, um nicht aufzuspringen. Konzentriere dich auf die Fakten. Er sprach Französisch, also versuchte er dem Gespräch zu folgen. Das Laken saugte den Schweiß, der auf seine Stirn trat, auf. Sie flüsterten leicht, der eine Mann in dem Kittel, es musste ein Arzt sein, hatte einen starken Akzent, er klang gehetzt. Er betonte immer wieder, dass er den Patienten nicht gehen lassen würde, weil er nicht transportfähig sei. Der Patient war er. Dann antwortete der andere Mann, der die Armeestiefel trug und dem Arzt gegenüber stand, in perfektem Französisch und normaler Lautstärke. Gelassen und ruhig, vollkommen unbeeindruckt von dem, was der Arzt gesagt hatte. Er antwortete in wenigen gezielten Worten, dass das Schweigegeld auch für jetzt galt. Der Mann mit den Armeestiefeln ging auf das Bett zu, löste mit einem Tritt die Bremsen des Bettes und schob Quinn aus dem Raum. Nach ein paar Metern sprach er auf Englisch weiter. „Wir sind im Royal Angkor Krankenhaus in Siem Reap. In zehn Minuten sind wir mit dem Transporter von hier aus am Flughafen. Wir fliegen zurück. Bei den Verletzungen wird das kein Kinderspiel.“ Der Mann wusste, dass Quinn wach war und sprach mit ihm, während er das Krankenhausbett in einen Fahrstuhl schob. Neben Quinns Gesicht klatschte eine große Hand ein paar Ampullen auf die Matratze. „Schmerzmittel, du wirst sie brauchen!“ Zäh krochen Quinns Finger über die Matratze zu den Ampullen, dann griff er sie und hielt sie fest, als wären sie die einzige Möglichkeit zu überleben. Seine Haut war rot und trocken, seine Hände sahen fremd aus, als würden sich Finger eines anderen Menschen durch seine Gedanken steuern lassen. Jede Bewegung kostete Kraft und schmerzte. Mittlerweile war es ihm scheißegal, wer der Mann mit den Militärstiefeln war. Er kam hier weg, nur das zählte.