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Belletristik
Buch Leseprobe Ich liebe dich lieber nicht, Josie Charles
Josie Charles

Ich liebe dich lieber nicht


Lovestory - Liebesroman

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Kapitel 1


New York City, Spätsommer 2015


Ein Uhr nachts. Ein Uhr, und zwar exakt. Ich blinzle und sehe gleich noch mal auf die Uhr, um sicherzugehen, dass ich mich nicht verlesen habe. Leider habe ich nicht. Die grünen Leuchtziffern zeigen noch immer drei erbarmungslose Nullen und eine nicht weniger erbarmungslose Eins.


Ich halte mir die Hand vor den Mund und gähne verstohlen, damit das Paar auf der Rückbank nichts davon bemerkt. Nicht, dass die zwei nicht ohnehin nur Augen füreinander hätten. Während ich das Taxi in die Fifth Avenue lenke, schaue ich sie mir durch den Rückspiegel genauer an. Sie sieht live fast genauso aus wie in der Zeitung, er ist noch hübscher. Nicht mein Typ, überhaupt nicht, denn ich stehe nicht auf Schönlinge. Aber definitiv hübsch. So, wie seine Freundin ihn ansieht, wie sie ihm mit der Hand durchs Haar fährt und ihn beim Reden kaum aus den Augen lässt, scheint sie das genauso zu sehen. Kein Wunder, die zwei sind ja gerade erst zusammen. In ein paar Monaten, da bin ich mir sicher, werden ihr seine Allüren auf die Nerven gehen und er wird ihre Gewöhnlichkeit hassen, und dann sucht sie sich einen bodenständigeren Kerl, den sie zwar nicht so richtig liebt, der aber ganz nett ist, und er schläft für den Rest seines Lebens mit Frauen, die ihr ähneln, aber nie genug, um mit ihnen zusammen zu bleiben. Irgendwie so wird es laufen. Irgendwie so läuft es immer mit der ganz großen Liebe.


Langsam drossle ich das Tempo, schaue mich um und bin froh, als ich eine freie Parklücke direkt vor dem Hotel entdecke, das die zwei mir als Ziel genannt haben. Es ist das Plaza, eine der edelsten Adressen der Stadt. Das Gebäude ist hell erleuchtet, als wären sämtliche Gäste wach geblieben, um meine Passagiere zu empfangen. Warmes orangefarbenes Licht dringt durch die Fenster in die schwülwarme Nacht. Orte wie dieser waren es, die mich vor mittlerweile drei Jahren dazu gebracht haben, nach New York zu ziehen. Die Stadt ist so besonders, dachte ich damals, dass es mir hier auf jeden Fall gelingen muss, auch etwas Besonderes aus meinem Leben zu machen.


Wenn du es hier schaffst, schaffst du es überall. Diese alte Weisheit mag stimmen – aber du musst es hier eben erst einmal schaffen, das ist das Problem.


Nachdem ich den Motor abgestellt und einen Moment gewartet habe, blicke ich erneut in den Rückspiegel und stelle fest, dass keiner der beiden bemerkt hat, dass ich angehalten habe. Rachel West, die Frau, über die diesen Sommer die ganze Stadt spricht – oder zumindest jeder, der sich fürs Theater interessiert oder einfach gerne die Klatschpresse liest – hat ihren Kopf an Ayden Rogers’ Schulter geschmiegt und seine Lippen hauchen einen Kuss auf ihr brünettes Haar. Ob er den Duft ihres Shampoos mag? Ob sie seine T-Shirts trägt, wenn sie sich mal für ein paar Stunden von ihm lösen muss? Verliebte tun so etwas. Habe ich je ein T-Shirt von Clint getragen? Ich versuche, mich daran zu entsinnen und stelle zufrieden fest, dass ich mich noch nicht einmal mehr an seinen Geruch erinnere. Natürlich nicht. Weil meine Entscheidung damals genau richtig war. Weil es sowieso irgendwann in die Brüche gegangen wäre. So wie jede ganz große Liebe.


»Wir sind da«, sage ich, und als niemand reagiert, füge ich etwas lauter hinzu: »Macht 22,70.«


Ayden Rogers, der Star des nahen Broadway, schreckt auf und durch den Rückspiegel trifft mich ein fast schon ertappter Blick aus seinen hellen Augen. »Was macht das?«, fragt er, wobei er sein Portemonnaie herausholt.


Ich ringe mir ein Lächeln ab. »22,70 Dollar.« Mann, ich muss die zwei ja echt aus einer ganz tiefen Trance geholt haben.


Auch Rachel West rührt sich nun, sie setzt sich langsam auf und für einen Moment begegnen sich unsere Blicke. Dann drückt Rogers mir 30 Dollar in die Hand und sagt, dass ich den Rest behalten kann.


»Danke. Und einen schönen Abend noch.« Ich bin mir fast sicher, dass sie den auch ohne meine guten Wünsche haben werden.


Rogers steigt aus und hält seiner Freundin die Hand hin, aber anstatt sie zu ergreifen, macht sie ihm ein Zeichen, dass er reingehen soll.


»Ruf uns schon mal einen Aufzug, ich komme gleich.« Rachel West, nach seinem rührenden Liebesgeständnis mitten auf der Bühne mit ihm zusammengekommen, beugt sich zu mir nach vorn und lächelt mich durch den Innenspiegel an.


»Danke für die Fahrt«, sagt sie. »Und sorry noch mal für die Umstände.«


»Kein Problem«, erwidere ich und frage mich insgeheim immer noch, was die beiden mitten in der Nacht auf einem abgelegenen Parkplatz in der Bronx gesucht haben. Ich habe fast eine halbe Stunde gebraucht, bis ich sie gefunden habe. Sie haben irgendetwas von einem Boot und einer Insel erzählt. Ich glaube, ganz nüchtern sind sie nicht. »Und viel Glück noch mit Ihrem … Romeo.«


Ihr Lächeln wird breiter, es ist fast ein Grinsen, und macht sie mir auf Anhieb sympathisch. Dann sagt sie etwas, das mich erstaunt: »Sie halten nichts von der Liebe, was?«


»Na ja …«


Sag einfach nein, Lissa. Sie mag vielleicht frisch vergeben und total glücklich sein, aber das heißt nicht, dass du ihr nicht trotzdem deinen ganzen Frust ins Gesicht schleudern kannst!


»Geht so«, sage ich und hebe die Schultern.


Rachel West lacht leise und senkt für einen Moment den Blick. »Ja, das Gefühl kenne ich. Und ich denke mittlerweile, dass es vielleicht ganz gut ist, nicht daran zu glauben.«


Verwirrt sehe ich sie an, dann schaue ich an ihr vorbei zum Eingang des Hotels. Ayden Rogers ist in der Tür erschienen, lehnt lässig im Rahmen und wartet auf seine Liebste.


»Man kann nämlich nur von der Liebe überrascht werden«, fährt sie fort, »wenn man nicht damit rechnet. Wenn man am Anfang absolut keine Erwartungen hat, kommt am Ende das Beste heraus.«


Sie zwinkert mir zu, und als sie schließlich aussteigt und auf Rogers zuläuft, spuken mir ihre Worte im Kopf herum.


Man kann nur von der Liebe überrascht werden, wenn man nicht mit ihr rechnet …


Ich sehe den beiden hinterher, wie sie Arm in Arm aus meinem Blickfeld verschwinden. Für einen kurzen, schmerzhaften Moment denke ich an Clint. Dann starte ich den Motor und lenke das Taxi aus der Parklücke. Es ist kurz nach eins, mitten in der Nacht, und ich brauche dringend eine Pause.


Brooklyn Heights ist um diese Zeit ein verlassener und friedlicher Ort. Das weiß ich, weil ich fast jede Nacht hierher komme. Ich parke den Wagen direkt an der Promenade, hole mein Sandwich aus dem Handschuhfach und laufe die wenigen Meter bis zur Brüstung. Dort sehe ich mir das Spektakel auf der anderen Flussseite an. Die meisten Motive, die man von New-York-Postern kennt, sind in Brooklyn Heights aufgenommen worden, denn von hier aus hat man die beste Sicht auf die Skyline Manhattans. Man sieht die Freiheitsstatue, die Brooklyn Bridge und die Millionen Lichter, die in dieser Stadt niemals auszugehen scheinen. Es entspannt mich, hierher zu kommen und einfach auf die andere Seite zu starren, bis ich geblendet bin von ihrem Glanz. Licht hat mich schon immer fasziniert, Helligkeit und Schatten, Farbe, Kontrast, verschwimmende Konturen und klare Details. Ganz am Anfang, kurz nach meinem Umzug, kam ich oft mit meiner Staffelei hierher, ebenfalls nachts. Ich baute meine Farbtöpfe und Pinsel auf einer der Bänke auf und verbrachte Stunden damit, die einmalige Aussicht auf Leinwand zu bannen. Nur war ich eben nicht die Einzige und erst recht nicht die Erste, die auf diese Idee gekommen ist, und die Leute mögen sowieso lieber Fotos als Gemälde. Es ist nicht mehr angesagt, die Welt durch fremder Leute Augen zu sehen – jeder will die direkte Sicht. Aber im Fotografieren bin ich nicht gut, und darum fahre ich Taxi.


»Na ja«, beschwere ich mich bei mir selbst. »Du könntest ja auch studieren.«


Ich stelle mir mich an der Uni vor und muss innerlich grinsen. Ich würde vermutlich noch nicht einmal das Büro finden, in dem ich mich einschreiben müsste. Und von dort nicht zu den Hörsälen, und von da dann nicht zurück zum Auto. Ich würde verhungern und verdursten und wäre irgendwann ein Geist, bis in alle Ewigkeit nach dem Parkplatz suchend, auf dem ich meinen alten Chevy abgestellt habe. Lissa Compton, das Uni-Phantom. Nein danke, das mit dem Studieren lasse ich. Es ist schon ein Wunder, dass ich mich in den Straßen der Stadt zurecht finde. Bevor ich meine Stelle beim Taxidienst angenommen habe, habe ich tagelang Karten gepaukt, und wenn ich mich heute verfahre, dann tue ich jedes Mal, als sei meine Route die beste Abkürzung überhaupt. Die meisten Fahrgäste sind sowieso Touristen, und wenn es Einheimische sind, dann sind sie zu sehr mit ihren Handys beschäftigt, um auf den Weg zu achten.


Unwillkürlich muss ich an meine beiden Passagiere von gerade eben denken. Verdammt noch mal, sie haben so glücklich gewirkt. Ich hoffe, ich habe ihnen mit meiner finsteren Zukunftsprognose nicht das Karma versaut.


»Wenn ihr euch trennt«, murmle ich, »geht das auf meine Kappe.«


Dann werfe ich einen Blick auf mein Handy und stelle mit Erschrecken fest, dass ich schon fast eine halbe Stunde an den Heights verplempert habe. In der Zentrale fragt man sich bestimmt schon, ob ich hinter dem Steuer eingeschlafen bin. Ich packe die Reste meines Sandwiches ein, werfe einen letzten Blick auf Manhattans Glitzerkulisse, dann drehe ich mich um – und stelle fest, dass ich gar nicht so allein bin, wie ich dachte.


Auf einer der Bänke, die sich dem Wasser zugewandt an der Promenade aufreihen, liegt ein Mann. Wie habe ich den übersehen können, als ich angekommen bin? Vermutlich, weil mein Blick mal wieder an den Wolkenkratzern auf der anderen Seite klebte.


Oh Mist, ich hoffe wirklich, dass er schläft und mein kleines Selbstgespräch nicht mitbekommen hat. Sonst denkt er vermutlich, dass ich eine dieser Irren bin, die man aus Filmen kennt. Dass ich gleich auf ein klappriges Fahrrad steige und in den Central Park fahre, wo ich mich nachts einer Taubenkolonie unter einer Brücke anschließe.


»Na und?«, flüstere ich. »Und wenn schon.«


Dennoch wäre es ganz gut zu wissen, ob dieser Kerl schläft. Denn wenn nicht, ist er vielleicht irgendein Perverser, der sich hier auf die Lauer gelegt hat und mir gleich zu meinem Auto folgt, mir etwas Schweres über den Schädel zieht und mich dann in mein nagelneues Zuhause verschleppt – die Tiefkühltruhe in seinem Keller.


»Lissa, du hast echt eine blühende Fantasie!«, schimpfe ich und mache vorsichtig ein paar Schritte von der Brüstung weg.


Der Kerl auf der Bank rührt sich nicht und ich wage es, ihn etwas genauer in Augenschein zu nehmen. Eines seiner schlanken Beine ruht auf der Sitzfläche, das andere hängt herunter auf den Boden, als wolle er bereit sein, jeden Moment aufzustehen. Seine Arme sind vor der Brust verschränkt und stecken in einer grauen abgewetzten Jacke, dir schon mal bessere Zeiten gesehen hat. Darunter trägt er ein olivgrünes Shirt. Sein Look wirkt ziemlich abgerissen, einzig seine Schuhe sehen ordentlich und teuer aus. Ich muss an die rührenden Geschichten von völlig Fremden denken, die Obdachlosen auf der Straße Schuhe schenken, und bin mir auf einmal sicher, dass auch dieser arme Kerl hier kein Zuhause hat. Vermutlich nutzt er die warme Nacht, um nicht in einer überfüllten Obdachlosenunterkunft schlafen zu müssen. Ich kann ihn erstens gut verstehen und sollte zweitens aufhören, ihn anzuglotzen, also setze ich dazu an, die Bank endgültig hinter mir zu lassen, als mein Blick im Vorbeigehen auf sein Gesicht fällt.


Es sieht anders aus, als ich gedacht hätte. So anders, dass es sich anfühlt, als würden meine Füße plötzlich am Asphalt festkleben, denn ich bin nicht in der Lage, weiterzugehen.


»Lissa, komm klar und beweg dich«, flüstere ich, aber mein Körper gehorcht nicht. Tief in meinem Inneren springt etwas auf diesen Anblick an, das schon lange auf nichts mehr reagiert hat. Der Grund ist simpel: Ich bin wirklich niemand, der mit Superlativen nur so um sich schmeißt, aber das Gesicht des Obdachlosen auf der Bank ist schlicht und einfach perfekt.


Mein Hals wird trocken, während meine Augen sein verwuscheltes Haar abscannen, dann seine dunklen Brauen und die geschlossenen Augen mit den ebenmäßigen Wimpern. Ich starre die sinnlichen Lippen des Fremden an, dann seinen leichten Dreitagebart. Da, wo ich herkomme, würde man das nie über einen Mann sagen – aber dieser Kerl ist einfach nur schön. Hätte ihm im richtigen Zeitpunkt ein Modelscout seine Karte in die Hand gedrückt, wäre er von diesem Schicksal hier verschont geblieben, so viel steht fest.


Ich sollte …


»Nein«, murmle ich, »vergiss es.«


Ich versuche, das Gefühl, das sich langsam aber sicher in meinem Inneren aufbaut, zu ignorieren, versuche den Schock zu überwinden und endlich weiterzugehen, aber etwas in mir weigert sich. Immer noch. Ich sollte es vielleicht wirklich einfach tun.


Fest presse ich die Lippen aufeinander, während mein Blick immer noch an dem Mann klebt, der die Verkaufszahlen der New Yorker Obdachlosenzeitung mit einem einzigen Coverfoto explodieren lassen könnte.


Tu es, Lissa! Du wirst es sonst bereuen.


»Okay«, seufze ich. »Okay, also gut.«


Und als hätte meine Einwilligung den Bann gebrochen, kann ich mich endlich wieder von der Stelle bewegen. So leise es geht, laufe ich zum Auto, öffne den Kofferraum und fange an, wie irre in meiner Handtasche zu kramen. Ich weiß genau, dass irgendwo darin noch ein kleiner A5-Skizzenblock herumfliegt, und kurz nachdem ich ihn finde, entdecke ich auch mein Etui mit den Kohlestiften, die eine meiner ersten Anschaffungen in New York waren. Ich klemme mir beides unter den Arm, schließe so leise wie noch nie die Kofferraumklappe und tappe dann auf Zehenspitzen zurück zum Ufer.


Wenn mich jemand sieht, da bin ich mir sicher, wird er mich für echt seltsam halten. Die Taubenfrau aus dem Central Park. Doch in diesem Augenblick könnte mir nichts egaler sein, denn zum ersten Mal seit Monaten fühle ich mich absolut und zu hundert Prozent inspiriert.


Ich setze mich auf die Brüstung gegenüber der Bank, auf der der fremde Typ immer noch friedlich schläft und dabei aussieht, als würde er Werbung fürs obdachlos sein machen. Erst jetzt fällt mir der silberne Flachmann auf, den er in der Hand hält. Ich blättere den Block auf, streiche versonnen mit der Hand über das leere erste Blatt und überlege mir, wie viel von ihm ich mit drauf nehmen soll. Unter seinen Kleidern hat er zweifellos eine gute Figur, aber das Faszinierendste an ihm ist nach wie vor das Gesicht, darum werde ich mich darauf konzentrieren. Ich skizziere grob die Umrisse der Bank, und dann setze ich ganz instinktiv den ersten Strich, indem ich die Kontur seiner Stirn, seiner Schläfe, seiner Wange und seines Kinns zu Papier bringe. Er liegt auf dem Rücken und hat den Kopf leicht in meine Richtung gedreht, was eine Halbprofilansicht ergibt – ziemlich ideal für meine Zwecke. Die meisten Menschen sehen im Halbprofil am besten aus. Deshalb sollte man den Kopf immer leicht zur Seite drehen, wenn man jemanden beeindrucken will. Machen aber die wenigsten, und wenn es alle tun würden, wäre das vermutlich auch irgendwie schräg.


Als ich fertig bin mit dem Umriss seines Gesichts, mache ich mit den Brauen weiter. Sie sind dunkel, schön geschwungen, sehen dabei aber nicht gezupft aus, was mir sehr gefällt. Seine Augen sind ganz unbewegt, seine Lider zucken nicht, er scheint nicht zu träumen. Ich kenne mich mit Schlafphasen nicht aus, aber ich hoffe, das bedeutet nicht, dass er bald aufwachen wird, denn das wäre nicht nur höchstpeinlich, sondern ich würde auch mit meinem Bild nicht fertig werden.


»Schneller, Lissa.« Ich schaffe einen weichen Übergang zwischen Brauen und Nase, arbeite mich weiter vor, stelle den oberen und auch den mittleren Teil des Gesichtes fertig. Dann kommt das Schwierigste: der Mund. Die meisten mittelmäßigen Portraitzeichner scheitern an den Lippen ihrer Modelle, denn hier muss alles exakt stimmen. Die Form, die Größe, der Ausdruck. Ich setze den Stift an, aber dann zögere ich. Ich bin echt aus der Übung und das letzte Portrait, das ich gezeichnet habe, hat noch nicht mal einen Menschen gezeigt, sondern den Papagei meiner Nachbarin drüben in Queens. Es war ein Geburtstagsgeschenk. Schnäbel sind einfach zu Papier zu bringen. Lippen nicht.


Kurzentschlossen verlasse ich meinen Platz auf der Brüstung und pirsche mich langsam näher an den Schlafenden heran. Das Licht der Laternen, die die Promenade säumen, ist schummrig und ich muss ganz nah herangehen, wenn ich alles erkennen will. Ich zögere. Er könnte immer noch jeden Moment wach werden. Was sage ich dann? Er wird das, was ich mache, definitiv unheimlich finden, und dann bin auf einmal ich die Person mit der Tiefkühltruhe im Keller.


Etwa einen Meter von der Bank entfernt bleibe ich stehen. Ich sollte jetzt abhauen. Zum einen habe ich meine Pausenzeit so was von überzogen, zum anderen ist das hier echt doof. Ich meine, man schläft normalerweise nicht an einem öffentlichen Ort unter freiem Himmel, aber wenn jemand aus irgendeinem Grund dazu gezwungen ist, dann sollte man ihn in Ruhe lassen. Dieser Mensch hat es schon schwer genug.


Ich hebe den Block und sehe mir das halbfertige Bild an. Fahre versonnen mit den Fingern über die tiefschwarzen Kohlestriche, schaffe dadurch Licht und Schatten. Tiefe, die das Portrait plastisch wirken lässt.


Mundloser Mann, Lissa Compton, 2015.


»Vergiss es. Du bist keine Surrealistin. Sieh einfach zu, dass du fertig wirst«, flüsterte ich. Dann ermahne ich mich, endlich mit den Selbstgesprächen aufzuhören, denn schließlich will ich den Typen ja nicht wachquatschen.


Ich gebe mir einen Ruck und trete näher, noch näher an den Schlafenden heran. Dann gehe ich in die Hocke und kann auf einmal hören, wie er atmet. Es klingt leise und schwer, als habe er einen anstrengenden Tag hinter sich. Ich strecke die Hand aus, um ihm eine Strähne seines dunklen Haars aus der Stirn zu wischen, dann halte ich mitten in der Bewegung inne. Wenn ich ihn berühre, wird er sofort wach werden, und dann ist der Moment vorbei und der mundlose Mann für immer mundlos.


Ich lege mir den Block auf den Schoß, wische mir die Hand an der Hose ab und setze dann wieder den Stift an. Wie immer beginne ich mit der Oberlippe, zeichne ihren sanften Schwung nach. Die Tatsache, dass er mit geschlossenem Mund schläft, lässt ihn im Ganzen ziemlich verschlossen wirken. Ernst, vielleicht sogar traurig. Ich frage mich, wie er aussieht, wenn er lächelt. Ob seine Zähne genauso makellos sind wie der Rest von ihm? Vermutlich nicht, irgendwo muss ja der Haken sein.


Mit sanftem Strich füge ich die Unterlippe hinzu, dann den Dreitagebart, dann den Halsansatz und schließlich den ganzen Hals bis hinunter zum Kragen. Mein Modell Schrägstrich Opfer schläft friedlich weiter, rührt sich keinen Millimeter, und ich bin mir ziemlich sicher, dass in dem Flachmann in seiner Hand nicht mehr viel drin ist. Mein Blick fällt auf seine langen, schlanken Finger und ich bin versucht, mein Motiv doch noch ein wenig auszuweiten, aber damit würde ich mein Glück wohl überstrapazieren. Einen Moment lang betrachte ich den Ring an seinem Ringfinger, ein silbernes Schmuckstück mit einem kleinen dunklen Stein. Ob er mal verheiratet war? Was wohl für eine Geschichte dahinter steckt, dass er die Kontrolle über sein Leben verloren hat?


Ich schiebe den Gedanken fort, denn ich werde es nie erfahren. Zu guter Letzt füge ich meinem Bild das wuschelige dunkle Haar hinzu, dann stehe ich auf und entferne mich ein bisschen zu hektisch von der Bank. Ich klappe den Block zu und mache mir klar, dass ich aus dem Schneider bin. Wenn er jetzt wach wird, wird er mich einfach für eine Frau mit Malsachen halten, die zufällig vorbeigekommen ist. Aber er wird nicht wach und ich kann unbemerkt ein weiteres Mal an seiner Bank vorbei in Richtung Auto huschen. Erleichterung ergreift von mir Besitz und ich drücke den Block fest an meine Brust. Zum ersten Mal seit Mrs. Kennedys Papagei vor acht, neun Monaten habe ich etwas zu Papier gebracht, und das ganz ohne wie eine nächtlich umherstreifende Psychopathin dazustehen. Dieses Bild werde ich hüten wie einen Schatz, und der arme Kerl auf der Bank wird glücklicherweise niemals etwas davon erfahren.


 


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