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> Belletristik > Ich erinnere mich an -
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Belletristik
Buch Leseprobe Ich erinnere mich an -, Horst Knappe
Horst Knappe

Ich erinnere mich an -


überhaupt nichts mehr - außer an Dostojewski

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Mein Vater antwortete erst, nachdem sein Mund leer war: „Nichts mehr schiefgehen ... das klingt gut. Als gebe es da eine Regel, eine Garantie. Wenn die Voraussetzungen so und so erfüllt sind, kann nichts mehr schiefgehen, muss ab diesem Zeitpunkt alles reibungslos klappen. Das meintest du doch, oder? Nun – hier liegt wohl einer der größten Irrtümer verborgen, der sich durch die gesamte Geschichte der Menschheit zieht. Schon die römischen Feldherrn, später Napoleon, Hitler und wie sie alle hießen, sind darauf reingefallen. Auf den Irrglauben, ihre anfänglichen Erfolge würden beweisen, dass sie alles richtig machten und nichts schiefgehen könne, wenn sie es immer so weiter trieben. Das waren Feldherrn, Krieger und Kämpfer – aber das gleiche gilt natürlich auch für Geschäftsleute, Politiker und Künstler unserer Zeit. Sieh sie dir nur an, die ganzen Versager und Selbstmörder, an deren ruhmlosen Untergang man sich länger erinnert als an ihre einstigen Erfolge. Sie verrennen sich aus fehlender Einsicht, dass eben nicht alles immer klappt, nur weil es bis dato geklappt hat. Das betrifft übrigens nicht nur Prominente, deren Schicksale in den Medien breitgetreten werden, sondern jeden, auch Normalbürger, für deren Erfolge und Misserfolge sich kein Mensch interessiert. Besonders, wenn alle Zeichen auf Gelingen stehen, wenn alle Glücksparameter erfüllt zu sein scheinen, meldet sich gern ein Teufelchen – vielleicht auch göttliche Gerechtigkeit – und beweist dir mit einem Fingerschnippen, dass es sehr wohl schiefgehen kann, indem es tatsächlich schiefgeht!“


   Da ich nicht wusste worauf er hinauswollte oder warum er diese dunkle Wolke gerade jetzt heraufbeschwor, wollte ich das nicht weiter verfolgen. Ich nickte nur und beschäftigte mich weiter meiner Pizza.


   Doch sein Eifer schien geweckt, die Theorie mit einem weiteren Beispiel zu untermauern: „Als ich von Roulette und meinen Erfahrungen im Casino sprach, hattest du mich gefragt, ob ich erneut mit Dostojewski anfangen wolle. Erinnerst du dich?“


   „Ja, natürlich. Sein Roman Der Spieler.“


   „Genau! Der Spieler hat Glück, setzt auf die richtigen Zahlen und gewinnt eine große Summe, die er Polina zur Tilgung ihrer Schulden überlässt. Neben tragischen Verwicklungen, Enttäuschungen und Hochzeiten um der Titel und des Geldes willen geht es letztlich darum, dass er der Spielsucht verfällt und exakt jenem Irrtum aufsitzt, von dem ich eben sprach: Einmal Erfolg, immer Erfolg! Aleksej, der tragische Held, wird zwar vom Glück zuweilen wieder hochgespült, abschließend vom Schicksal jedoch fallengelassen.“


   „Ein großer Roman.“


   „Na ja, nicht schlecht. Aber für meine Begriffe einer von Dostojewskis schwächeren.“ Mein Vater kannte sich aus. „Er hatte Schulden und wurde von seinem Verleger erpresst, binnen kürzester Zeit einen erfolgreichen Roman zu liefern. Tagsüber diktierte er seiner Stenografin Anna, die er später heiratete, Romanfragmente, die er sich nachts ausgedacht hatte – und in knapp einem Monat war das Manuskript fertig. Heute würde man sagen, er hat das Werk runtergehauen.


   Aber es gibt ein noch besseres Beispiel für das Gesetz, dass in der Erwartung sicheren Triumphs oft schon der Untergang lauert: Puschkin, Pique Dame.“


   Ich hatte die Erzählung nicht gelesen. Mein Vater aß den Rest seiner Pizza und trank dunkles Bier. „Ich leihe dir meinen Band mit Puschkins Novellen. Erinnere mich im Heim daran.“


   Es tat gut zu sehen, dass wir in der Literatur zwar keinen deckungsgleichen Hintergrund, doch gleiche Wertvorstellungen besaßen. Während meiner Schulzeit war ich einmal zu Hause bei einem Vertretungslehrer gewesen, der vorübergehend für einen kranken Kollegen eingesprungen und eigentlich Universitätsprofessor gewesen war. Die Wände seines Arbeitszimmers – dass es so etwas gab, hatte mich stark beeindruckt – waren lückenlos mit Büchern gespickt, und er hatte sie alle gelesen! Doch was mich noch stärker beeindruckte und für immer in meinem Kopf blieb, war seine Mahnung: „Hüte dich vor Menschen, die nicht lesen!“


 


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