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Buch Leseprobe Ich bin dann mal im Märchen, Edith Hüttel, Franziska Klemm, ...
Edith Hüttel, Franziska Klemm, ...

Ich bin dann mal im Märchen



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Die Bettlerin mit der Zedernholzflöte


 


Sie war eine Bettlerin und spielte auf ihrer Flöte.



Er war der König ihres Landes und sah sie, an der Straße sitzend, bei einem Ausritt in die Stadt am Rande des Berges, auf dem sein herrschaftliches Schloss stand.



Etwas an ihrem Lied faszinierte ihn. Die Melodie kam ihm fremd und doch bekannt vor. Deswegen sprach er die Bettlerin an.


„Was spielst du da für ein wunderschönes und dennoch seltsames Lied?“
„Es ist die Melodie des Lebens, aber Ihr werdet sie nicht verstehen, solange ihr ein solches Leben führt und diese Gewänder tragt.“
„Und was kann ich tun, damit ich dieses Lied verstehe?“
„Lebt ein Jahr mit mir in Armut, ganz ohne Privilegien, und dann werdet ihr alles verstehen“, sprach die Bettlerin ganz ohne Scheu und doch voller Ehrfurcht vor dem Herrscher ihres Landes.



„Mutig, mutig“, dachte der König, „dass sie es wagt so mit mir zu reden“. Zuerst wollte er sie zurechtweisen, doch dann zog er mit seiner Leibgarde weiter. Ihre Worte jedoch gingen ihm nicht mehr aus dem Sinn.



„Was ist schon ein Jahr?“, dachte er. „Ich bin jung, habe mein ganzes Leben noch vor mir und was verpasse ich schon im Schloss, mit all den greisen Ministern und knorrigen Dienern.“
Er machte kehrt und ritt zur Bettlerin zurück. „Ich werde über deine Worte nachdenken. Nach Ablauf eines Monats will ich dich hier wieder treffen“.


 


Sie war erfreut, dass er wegen ihres losen Mundwerkes nicht erzürnt war und sie vereinbarten einen genauen Treffpunkt, sobald der Monat vorbei sei.



Der König ritt mit seinen Leibwächtern zurück in sein Schloss. Da es Sommer war, verbrachte die Bettlerin die Nacht unter der Brücke des großen Flusses, denn der Weg zu ihrer Hütte im
Wald war weit.


 


Von diesem Tag an fand der König keine Ruhe mehr. Er dachte Tag und Nacht an die Worte der Bettlerin und immer hörte er die Klänge der Flöte, aber die Melodie kam nicht zu ihm zurück, er konnte sich einfach nicht an sie erinnern. Es war zum Verzweifeln. „Vielleicht ist alles falscher Zauber und es gibt diese ’Melodie des Lebens’ gar nicht“, dachte er. Aber was hatte ihn dann so sehr in ihren Bann gezogen? Warum ließ ihn dieses Flötenspiel nicht los?


 


Eines Nachts, als er schlaflos in seinem Himmelbett lag, fasste er seinen Entschluss, regelte am nächsten Tag mit seinen Ministern alles für das Jahr seiner Abwesenheit und als der Monat endlich vorbei war, zog er sich die Kleider eines Stallknechts an und ging zum vereinbarten Treffpunkt. Die Bettlerin war erstaunt, dass er Wort gehalten und gekommen war und vor allem auch, dass er bleiben wollte.


 


Sogleich verließen sie gemeinsam die Stadt und gingen durch den Wald, welcher immer dichter und undurchdringlicher wurde. Der König wurde schnell müde. Obwohl er noch ein recht junger Mann war, war er es nicht gewohnt eine solche Strecke zu Fuß zu gehen. Er wurde entweder in der Sänfte getragen oder er ritt hoch zu Ross. Es wurde immer dunkler und erst als sie die Hand kaum noch vor den Augen sahen, bogen sie in eine Lichtung ein, in der eine kleine von Wind und Wetter gezeichnete Hütte stand. „Das ist unser Zuhause“, sagte die Bettlerin mit einem stolzen Lächeln im Gesicht.


 


In der Hütte gab es weder Bett noch Tisch. In der Ecke lag getrocknetes Gras und in der Mitte war eine niedergebrannte Feuerstelle, über der ein großer kupferner Kessel hing. Quer durch den Raum waren mehrere Schnüre gespannt, auf denen getrocknete Fische, Apfelringe und ein paar Fleischstücke hingen.


 


Die Hütte sah sauber, aber traurig aus, kein Bild an der Wand, keine persönlichen Dinge. Ein einfaches Brett als Regal war an der Wand befestigt, auf dem zwei Holzschüsseln mit zwei
Holzlöffeln standen. Bei diesem Anblick bekam der König erste Bedenken, ob seine Entscheidung richtig war. Den Nachhauseweg würde er jedoch ohne die Bettlerin nicht finden können. Warum kannte er sich auch so wenig aus in seinem Reich. „Das ist das Erste, was ich ändern muss, wenn ich wieder zurück bin. Ich werde dafür sorgen, dass ich jeden Winkel meines Reiches kenne“, dachte er.


 


Die Bettlerin unterbrach seine Gedanken, indem sie ihn bat das frische Heu auf zwei Schlafplätze zu verteilen, während sie sich um das Abendessen kümmern wollte. Nicht gewohnt, dass ihm jemand einen Befehl erteilte, schaute er die Frau grimmig an, besann sich dann aber schnell, dass er ja fortan nicht als König sondern als Bettler leben werde. Er bückte sich nach dem Gras und begann das Nachtlager herzurichten. Der Geruch des getrockneten Grases war ihm fremd. Er hielt eine Handvoll vor seine Nase und sog den wundervollen Duft ein. Natürlich war seine königliche Nase so etwas nicht gewohnt und schon entwich ihm ein herzliches, lautes Hatschi. Es war das erste Mal in seinem Leben, das er laut genießt hatte, denn im Schloss war so etwas sehr unschicklich. Peinlich berührt schaute er aus seinen Augenwinkeln zur Bettlerin hinüber. Doch diese lächelte ihn mit einem „Gesundheit“ entgegen und es schien, als ob es für sie etwas ganz Normales und Natürliches sei, dass jemand laut nieste.


 


Als ihr bescheidenes Mahl zu Ende war, bat der König die Bettlerin ihm noch einmal das Lied des Lebens auf der Flöte vorzuspielen. „Noch ein einziges Mal werde ich das Lied für dich spielen und dann erst wieder am Ende des vereinbarten Jahres“, sagte sie, zog die Flöte aus ihrem weiten Rock und begann ganzleise zu spielen. Dabei wiegte sie den Kopf und den Oberkörper in einem Rhythmus, der gar nicht zu der Melodie zu passen schien. Die Bewegungen waren jedoch so anmutig und gleichmäßig, dass der König kaum noch auf die Melodie hörte, sondern nur noch die Bettlerin ansah, die mit geschlossenen Augen und gekreuzten Beinen auf dem blanken Boden saß. Nach einiger Zeit verstummte das Flötenspiel und sie hielt mit ihren Bewegungen inne. Der König war wie benommen. Müdigkeit überkam ihn und er legte sich auf sein Bett aus Gras. Die Bettlerin saß noch lange an der Feuerstelle und beobachtete den König beim Schlafen. Seinen Traum konnte sie an seinen Gesichtszügen ablesen. Am nächsten Tag sollte ihr gemeinsames neues Leben beginnen. Sie war gespannt auf den Ausgang und auch auf die Ausdauer des Königs. Würde er es durchhalten bis zum Ende? Er schlief friedlich wie ein Kind und hatte noch keine Vorstellung von dem, was auf ihn zukam.


 


Die Sonne ging auf, die Vögel fingen an zu zwitschern und der Morgentau lag auf der Lichtung, als die Bettlerin den König aufweckte. Sie nannte ihn dabei nicht ’Ihre Königliche Hoheit’, sondern sprach ihn mit seinem Vornamen Khosrow an.


 


Sie zogen los, ungewaschen, ungekämmt und ohne Frühstück. Der Weg zur nächsten Stadt war weit. Aber sie mussten zu Geld für Essen und Vorräte kommen, denn der Herbst stand vor der Tür. Khosrow, der König, empfand dies alles als Abenteuerspiel, auf das er sich nun eingelassen hatte und deswegen wollte er auch auf alle Privilegien und hoheitlichen Anreden verzichten. Es ist ja nur auf begrenzte Zeit, dachte er sich.


 


In der Stadt angekommen, bat die Bettlerin den König sich etwas abseits von ihr aufzuhalten und alles zu beobachten. Sie setzte sich auf den Boden, die Beine über Kreuz und stellte eine alte Blechdose an ihre rechte Seite. Nun holte sie die Flöte aus ihrem weiten Rock und begann zu spielen. Es war ein fröhliches Lied. Die Leute, die vorbeikamen, waren erfreut, hielten kurz inne, warfen ein paar Münzen in die Dose und gingen weiter. Dann kam ein kleines Mädchen an der Hand ihrer Mutter. Sie hatte schwarze Haare und große blaue Augen. Aber ihre Augen hatten keinen Glanz, eine tiefe Traurigkeit lag in ihnen. Die Mutter blieb mit der Kleinen vor der Bettlerin stehen und sprach in einer fremden Sprache mit ihr. Die Bettlerin spielte die schönsten Töne, aber das Kind vermochte nicht einmal zu lächeln. Nun hörte die Bettlerin auf und schaute das Mädchen an. Soviel Traurigkeit in Kinderaugen, was ist wohl mit ihr geschehen? Sie wollte die Mutter fragen, aber diese zog das Kind schnell weiter, um nicht mit unangenehmen Fragen belästigt zu werden. Kaum, dass sie ein paar Schritte gegangen waren, begann die Bettlerin ein neues Lied zu spielen. Es war das Lied vom verlorenen und
wieder gefundenen Schatz. Da drehte sich das Mädchen noch einmal um und schaute die Bettlerin mit einem scheuen Lächeln an. Die Bettlerin nickte ihr zu und bewegte die Flöte immer und immer wieder in Form einer Lemniskate. Damit zauberte sie aus einem scheuen ein freundliches, offenes Lächeln in das Gesicht des Kindes.


 


Der König beobachtete die Szene und war erstaunt, mit welchen Kleinigkeiten man ein Kind verzaubern konnte. Es war wie Magie. Da saß er nun, als König im Gewand des Stallknechts,
hatte Hunger und keiner erkannte ihn. Die Männer und Jungen machten keinen Diener vor ihm, die Frauen und Mädchen keinen Knicks. Wie gerne hätte er auf sich aufmerksam gemacht, gesagt, dass er der König ist, aber er wusste nicht so recht wie er das glaubhaft anstellen könnte. Seltsam, dass sie ihn nicht erkannten, er sah doch aus wie immer, nur die Kleidung war anders. Der Hunger verleidete ihm den Spaß an seinem Abenteuerspiel.


 


Als die Bettlerin wieder ein neues Lied zu spielen begann, wurde ihm plötzlich so richtig bewusst, dass er kein einziges Instrument zu spielen vermochte. Bei Hofe hatte er dafür seine Untertanen. Sie sorgten stets mit ihren verschiedenen Begabungen dafür, dass es ihm wohl erging. Es kostete ihn nur ein Fingerschnippen und schon sorgte sein treuer Leibdiener Heinrich dafür, dass all seine Wünsche in Erfüllung gingen. Von Kindesbeinen an führte
er ein solches Leben. Schon sein Vater, der große König von Luvarien, sorgte dafür, dass es ihm an nichts mangelte und das normale bürgerliche Leben war ihm so fremd wie die Sprache


der Moubaks.


 


„Was mache ich nur hier? Wieso sitze ich hier eigentlich hungrig am Straßenrand? Ich denke, es war doch ein Fehler mich auf dieses Spiel einzulassen. Wozu hat mich diese Frau da nur überredet?“ Zum ersten Mal in seinem Leben hörte er seinen Magen knurren. „Ich bin der König und ein König muss nicht Hunger leiden. Sie muss mir sofort den Weg nach Hause zeigen.“


 


Aber die Bettlerin war raffinierter als er dachte. An seinem düsteren Blick und den festen Schritten, mit denen er so plötzlich auf sie zukam, konnte sie sofort erkennen, worum es ihm
ging. Schnell zog sie ihre Flöte wieder aus dem bunten Rock und begann mit leisen Tönen zu spielen.


 


Bis auf wenige Schritte kam Khosrow an sie heran. Schon waren seine Augen wieder voller Glanz und seine Schritte wurden leicht, fast als ob er schweben würde, denn da war sie wieder, diese Melodie, die ihn nicht mehr los ließ. Die Bettlerin sah ihn mit traurigen Augen an. Sie wusste, dass er ein schwacher Mensch war, aber nach einem Tag schon aufgeben wollen? Das hätte sie nicht von ihm erwartet. Und, obwohl sie die Melodie nicht wieder spielen wollte, bevor das Jahr um ist, tat sie es doch.


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