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Belletristik
Buch Leseprobe Holzpantoffel und blutige Zehen., Maria Marka
Maria Marka

Holzpantoffel und blutige Zehen.


Maria Marka erzählt aus ihrer Kindheit.

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Die Geburt Marias




Heute ist es kalt. Und da fiel mir ein, was mir Mama


erzählte über meine Taufe. Da war es auch so kalt: -15°C.


Am Donnerstag, den 18.12.1924, in den Frühstunden


wurde ich geboren. Wie es damals üblich war, musste


die kleine Heidin am nächsten Tag getauft werden. Ich


wurde zu einem „Büschel" gebüschelt, heute würden wir


Steckkissen sagen, säuberlich verschnürt und von der


Hebamme und meiner Patin, der ältesten Schwester meines


Vaters, zu der 4 km entfernten Stadt Mies getragen, wo die


Taufkirche stand. Es war viel Schnee auf der Straße und


der Wind pfiff auch. Mama, von der Geburt noch ziemlich


mitgenommen, zitterte daheim in der warmen Stube mehr


vor Angst, ich könnte da draußen erfrieren, als die beiden


Frauen, die den „Büschel" mit Inhalt in ihren Armen durch


die Dezemberkälte trugen. Jedenfalls scheint es uns allen


dreien nicht geschadet zu haben, denn wir kamen mit roten


Nasen und einem neuen Namen nach Techlowitz zur Mama


zurück. Solch ein Abenteuer schon am zweiten Lebenstag!


Einen Namen hatte ich nun, einen Kinderwagen nicht. Wie


damals üblich, lag ich „eingebüschelt" bei Mama im Bett,


allenfalls in einem Korb. Überhaupt war die Sache gar nicht


so lustig. Denn als ich kam, war Mama gerade neunzehn


Jahre alt geworden und nicht verheiratet. Wie denn auch?


Mama war Vollwaise und mein Vater war einundzwanzig


Jahre und das älteste von fünf Kindern. Seine jüngste


Schwester war gerade sieben Jahre alt. Die nächste


Generation, also meine, war noch gar nicht vorgesehen. Ich


war lediglich das unbedachte Ergebnis einer seligen Stunde


nach dem Feuerwehrball vom März.


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Mutters Kindheit




Wie war das eigentlich mit Mamas Kindheit? Sie hatte einen


Stiefbruder, einen Bruder und eine Schwester. Man hatte


ihr als „Nachrutscherl" den Namen Katharina gegeben und


alle hatten sie lieb. Aber wie das Leben so spielt: Sie stand


im zweiten Lebensjahr, als ihr Vater sich als Maurer nach


einem heftigen Gewitter auf dem Bau erkältete und an einer


Lungenentzündung starb. Meine Deimling-Großmutter


musste also mit vier Kindern das kleine „Wirtschaftl" allein


versorgen. Feld, Vieh und Kinder waren abhängig von ihrer


Lebenskraft. Freilich, Hans, ihr Erstgeborener, den sie mit


in die Ehe gebracht hatte (den Namen seines Vaters erfuhren


wir nie), konnte ihr schon zur Hand gehen. Er tat es auch.


Josef, der Zweite, lernte Kaufmann im Konsum in Mies.


Und die Schwester Anna konnte ja aufs Katherl aufpassen,


während die anderen die Landwirtschaft versorgten.


Aus diesen Kindertagen erzählte uns Mama ein paar


Episoden.


Zum Beispiel, dass ein Hund im Haus war und dass dieser


am Abend schon immer lauerte, wenn Katherl ins Bett ging.


Mama, müde vom Tag, schob ihr Kleid samt Strümpfe vom


Körper, so dass beides als rundes Nest vor ihrem Bett lag,


stieg in die Federn und schlief ein. Der Hund, er war ein


Spitz und hieß auch Spitz, ringelte sich ins Kleiderbündel


hinein, knurrte noch ein bisschen und schlief dann auch.


Solange Katherl nicht zur Schule ging, wurde sie zu den


Feldarbeiten immer mitgenommen. Sie hatte einen kleinen


Buckelkorb bekommen, so einen, wie die Größeren ihn in


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groß auf dem Rücken trugen, wenn Viehfutter, Rübenblätter


oder Einkauf aus der Stadt nach Hause getragen werden


musste. Eines Tages holten sie Gras von der Wiese.


Katherl hatte auch ihren Buckelkorb dabei. Mutter und


Bruder mähten mit der Sense, Katherl füllte Gras in ihren


Korb. Plötzlich fing sie gottsjämmerlich an zu schreien:


„Seff, Seff, in mein Korb is a Schlonga, tu's raus!" Seff


kam erschreckt angestürmt. Im Körbchen beeilte sich


eine große, schwarz behaarte Schmetterlingsraupe, im


Volksmund wird sie „Bärmouter" = Tagpfauenauge


genannt, so schnell wie möglich das Weite zu suchen.


Zwar waren jetzt alle beruhigt, dass die Schlange nur eine


Raupe war, aber meine Mutter hat ein Leben lang Raupen


verabscheut.


Als Mama zur Schule gehen musste (sie ging gern und


erfolgreich), konnte sie die anderen nicht mehr zur


Feldarbeit begleiten. Wenn die Schule nachmittags aus


war, war sie allein. Sie spielte mit Freundinnen oder sie


war im Stall oder in der Scheune. Irgendetwas fand sich


immer. Sie durfte niemanden ins Haus lassen und sollte


Hoftor- samt Haustürschlüssel versteckt halten. Da wurde


es manchmal sehr spät und oft schon dunkel, bis die


Großen heimkamen. In der finsteren Wohnstube war es


ihr „andrisch" (unheimlich); die Petroleumlampe durfte


sie nicht anrühren, wegen der Brandgefahr. So setzte sie


sich müde und hungrig auf einen der Streifsteine, die


das Tor links und rechts vor den Wagenrädern schützen


sollten, zog den Rock über die nackten Knie und wartete


in die Dämmerung hinein. Kamen die Großen endlich


heim, holte sie sich ein „Tipfel" (Tasse) aus der Stube und


ging hinter der Mutter her in den Stall. Die Kühe mussten


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gemolken werden. Die erste Milch bekam sie ins Tipfel,


trank sie kuhwarm wie sie aus dem Euter kam, gänzlich


aus und verschwand in ihr Bett. Das war das Abendessen.


Keiner fragte: „Bist du satt oder hast du dich gewaschen?"


Sie waren alle viel zu müde, um sich über „Nichtigkeiten"


den Kopf zu zerbrechen.


Ein anderes Ereignis aus Kathis Kindertagen: Als die


Großen aufs Feld gingen, bekam sie einmal den Auftrag,


ständig in den Stall zu schauen, denn eine der Kühe sollte


kalben. Sollte es bei der Kuh wirklich losgehen, sollte


Kathi über die Straße zur Tante laufen, damit die der Kuh


helfe. Die fing wirklich das Kalben an und Kathi lief.


Aber die Tante war auch grad nicht daheim. Was tun? Die


Beine vom Kalb schauten schon in die Welt. Da nahm


Kathi kurz entschlossen den Kälberstrick vom Haken,


band ihn, wie sie es schon einmal den Großen abgeschaut


hatte, um die blutverschmierten Kälberfüße und zog. Und


siehe da, das Kälbchen rutschte heraus. Ob nun mit oder


ohne Kathis Hilfe, wer weiß das schon? Die Kuh sah


sich um und brummte. Also zog Kathi das Kälbchen zum


Kopf der liegenden Kuh, damit die es ablecken konnte.


Kälbchen, Kuh und Kathi waren zufrieden als die Großen


abends vom Feld kamen.


Als Mama uns die Geschichte erzählte, dachte ich bei


mir: Der Tag eines Häuslerkindes konnte schon sehr


erlebnisreich sein. Ohne Spielzeug, ohne Fernseher! Nur


Mut und Köpfchen musste man haben. Köpfchen hatte


Kathi schon. Oft mehr als allen lieb war. Ihre Mutter


nannte das den „Motzenschädel". Der Motz, das war


Kathis verstorbener Vater. Ein Beispiel: Kathl, schon


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etwas größer, saß auf dem breiten Stubenfensterbrett und


übte sich im Stricken. Die Sonne schien. Sie machte die


Fensterflügel auf und ließ die Beine in den Hof baumeln.


Ein Idyll, das leider durch den Wind beeinträchtigt wurde.


Bei jedem Windstoß trieb es den rechten Fensterflügel zu


und an die Hand der fadenführenden Stricknadel. Das war


hinderlich und zunehmend ärgerlich. Kathl reagierte auf


die ihr eigene Weise: „Blöder Wind, dir werde ich zeigen,


wer von uns beiden der Stärkere ist!" Sie ballte die Faust,


hielt sie in die Flugbahn der Scheibe und passte den Wind


ab. Die Faust hielt stand, aber der Wind war stärker.


Klirr, das zerbrochene Glas fiel in den Hof. Dieses: „Das


werden wir ja sehen, wer gewinnt" hat sie ein Leben lang


nicht abgelegt. Oft zu ihrem Nachteil. Aber vielleicht war


dies der Grundstock zu ihrem Durchhaltevermögen in all


der schweren Zeit, die ihr noch aufgegeben war.


1914 kam der 1. Weltkrieg. Ihr Stiefbruder Hans musste


einrücken. Etwas später auch Josef. Meine Großmutter,


ich war noch ungeboren, musste sich allein über Wasser


halten und das Lebensnotwendige für sich und die


Mädchen herschaffen. Was es heißt ohne männliche


Hilfe eine Landwirtschaft zu bewältigen, wird nur der


ermessen können, der es selbst versucht hat. Nach vier


Jahren, kurz vor Kriegsende, war Großmutters Kraft


am Ende, auch die von Anna, Kathis großer Schwester.


Anna starb zuerst. Man rief die Brüder zur Beerdigung


aus dem Krieg zurück. Aber sie kamen nicht rechtzeitig.


Die Mutter konnte auch nicht mit zum Friedhof. Sie lag


todkrank und starb am Tag danach. Als Hans zu Hause


eintraf und nach der Mutter fragte, wies man stumm auf


die Kammertür. Dort drin lag die Mutter aufgebahrt.


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