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Belletristik
Buch Leseprobe Höhenfieber, Kathy Felsing
Kathy Felsing

Höhenfieber


G.E.N. Bloods 03

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Prolog


Dubai, Anwesen des Sheikhs Rashad Antun Sa'ada


 


"Höher! Heb endlich deinen Schleier!" Der Befehl stach Latifa zum zweiten Mal wie ein Dolchstoß ins Herz. Ihr Blick verschwamm, Tränen liefen über ihre Wangen. Sie hatte versucht, ihr Make-up allein so hinzubekommen, wie es die alte Hira all die Jahre geschafft hatte. Die breite, wulstige Narbe von der Schläfe bis in den rechten Mundwinkel zu formen, die hässlichen Male um die Nase und unter dem Augenlid aufzutragen. Doch Hira war tot. Latifas Knie fühlten sich an wie weiche Butter. Ihre Finger zitterten, dennoch stand sie kerzengerade, hielt nur den Kopf gesenkt. Jede andere Haltung wäre beschämend. Eine Brise wehte aus Richtung der Gärten durch die offen stehenden Flügeltüren in den Wohnraum des Sheikhs und ließ den hauchzarten Stoff ihres Gewandes um ihre Knöchel streichen. Die Furcht aus ihrem Herzen vertrieb der Luftzug nicht. Vaters Schritte näherten sich. Mutter und einige der anderen Frauen aus dem Harem hatten ihr beim Schminken helfen wollen, doch keine bekam die Maske mit Vollendung hin. Außerdem musste es eine Verräterin geben. Der Sheikh hätte Latifa niemals in seine privaten Räume holen lassen, um sich durch ihren Anblick erniedrigen zu lassen. Er war froh, sie nie zu Gesicht zu bekommen, denn er umgab sich nur mit atemberaubender Schönheit. "Ja, Vater", murmelte sie und zögerte noch immer, die Hände zu bewegen und den Schleier vollends über den Kopf zu streifen. Als sie die Bewegung in den Augenwinkeln bemerkte, war es zu spät, um zurückzuschnellen. Ein scharfer Schmerz zog durch ihre Kopfhaut. Der Eunuch, der sie herbegleitet hatte, riss das Tuch mitsamt den Haarklammern an sich. Latifa senkte den Kopf noch tiefer. "Sieh mich gefälligst an." Sie schluckte. Zorn wallte auf, eine Regung, die sie unterdrücken musste, nicht empfinden durfte, sonst würde es ihr noch schlechter ergehen. Der Sheikh umfasste ihr Kinn und zwang sie, seinen Blick zu erwidern. Dann stieß er sie von sich. Sie wäre gestürzt, hätte der Eunuch sie nicht aufgefangen. "Wasch ihr das Gesicht." Ein nasser, kalter Lappen klatschte gegen ihre Wange. Währenddessen fühlte sie sich taxiert wie ein Kamel auf dem Großmarkt. Sie spürte die Gier in den Blicken ihres Vaters und ihres Bruders Fadi wie Feuerzungen, die über ihre Haut leckten. "Die Kandidaten werden Schlange stehen." Oh, wie sie ihren Vater verabscheute. Was Mutter und Hira seit Jahren verhindern wollten, würde nun grausame Wirklichkeit. Der Sheikh würde sie gegen ihren Willen verheiraten und versuchen, das bestmögliche Geschäft daraus zu machen. Als wenn er es nötig hätte, seinen Reichtum noch zu vermehren. Wulstige Finger eines alten Kerls würden sie begrapschen, steife, papiertrockene Lippen sie zu Küssen zwingen. Sie hasste dieses Leben. "Wer ist für die billige Täuschung verantwortlich?" Prinz Fadi trat mit verzerrter Miene auf sie zu, packte ihr am Hinterkopf ins Haar und zwang ihren Kopf in den Nacken. Sie starrte ihn an und schwieg. Ihr Bruder war erst vierzehn, aber bereits jetzt kam sie gegen seine Kraft nicht mehr an, obwohl sie fast vier Jahre älter war. Sein Ausdruck strahlte Herrschsucht und Erbarmungslosigkeit aus wie das Gesicht des Sheikhs, nur wirkte es bei dem Prinzen noch lächerlich. Ganz im Gegensatz zu ihrem Vater. Er schwieg, doch sein Blick bohrte sich in ihr Innerstes. "Hat Mutter es veranlasst? Bestimmt war sie es." Fadis Augen blitzten abfällig. "Sie weiß nichts davon", stieß Latifa aus und versuchte, sich aus dem groben Griff zu befreien. "Wer dann?" Der Sheikh hob gebieterisch eine Hand und Fadi ließ von ihr ab. Latifa senkte sofort wieder den Kopf, wie es sich gehörte. "Hira", antwortete sie leise. Ihr konnten sie nichts mehr antun und Vater würde es nicht wagen, anstelle der alten Ziehfrau ihrer Mutter ein Haar zu krümmen. Als erste Ehefrau des Sheikhs genoss zumindest sie Vorrechte, die ihr ein gefahrloses Dasein innerhalb des Harems sicherten und die Familie ihrer Mutter würde es nicht dulden, wenn sie von Repressalien berichtete. Allerdings konnten auch sie mit all ihrem Geld und ihrem Einfluss nicht verhindern, dass der Sheikh Latifa nach altem Brauch verschacherte. Noch dazu, wo sie als Einzige seiner Nachkömmlinge den Titel Prinzessin trug, weil sie das Kind der ersten Ehefrau war. Die Halbgeschwister standen in der Rangfolge weit unter Fadi und ihr. Latifa hasste dieses selbst ernannte Patriarchat. Sie hasste diese Familie, diese erbärmliche Dekadenz. Sie hasste die Gefühle, die sie nicht empfinden wollte. "Ich werde morgen einen Empfang geben." Ohne sie. Ehe sie sich vorführen ließe, würde sie ihrem Dasein ein Ende bereiten. Niemals sollte es dem Sheikh gelingen, sie zu verheiraten. Entgegen allen Regeln ihrer Erziehung straffte sie die Schultern und sah ihm ungeheißen ins Gesicht. "Ich werde nicht heiraten!" Herausfordernd erwiderte sie den Blick des Sheikhs, starrte in seine fast schwarzen Augen unter den dichten Brauen, erfasste die Verärgerung darin, und das gefährlich anmutende Zucken um seine Mundwinkel. Sie sollte froh sein, dass er sie nicht in seinen Harem integrierte, denn das kam vor, auch wenn Derartiges niemals an die Öffentlichkeit gelangte. Manche Mädchen wurden schon mit zehn oder zwölf die Huren ihrer Väter und Brüder, wenn nicht eher. Nur der Brand, den Hira vor vielen Jahren in Latifas Schlafraum gelegt hatte und die darauf vorgespielte Entstellung ihres Gesichts hatte sie bislang vor einem vielleicht ähnlich erbärmlichen Schicksal bewahrt. Sie wollte nicht wissen, was ihr durch Vaters Wut nun an Schlimmerem bevorstand. "Bring sie fort", wies er den Eunuchen an. Seine Stimme klang wie geschliffener Stahl und kalt wie Eis. An der Tür riss sie sich los und der Moment, ehe der Eunuch ihren Oberarm einfing, reichte, um einen weiteren zornigen Blick in Richtung des Sheikhs zu werfen. Niemals würde er sie brechen, niemals würde sie sich seinem Willen beugen. Latifa erhielt einen Stoß in den Rücken und stolperte voran. Sie hörte noch, wie ihr Vater Fadi anwies, nach ihrer Mutter rufen zu lassen. Fünf Jahre später Dienstag, 27. September, Los Angeles Virgin zog mit dem Nassrasierer die letzte Spur Rasierschaum aus seinem Gesicht und schüttelte die Klinge im warmen Wasser des Waschbeckens aus. "Brauchst du noch lange?", knurrte Wade, der mit angelehnter Schulter den Türrahmen zum Bad ausfüllte. Virge trocknete sich das Gesicht, knüllte das feuchte Handtuch zusammen und warf es mit Schwung nach seinem Freund. "Bin schon weg." Er schob sich an Wade vorbei. Die Luft in seinem Wohn- und Schlafraum roch noch nach Farbe und frischem Holz. Sein Zimmer war das Erste, das fertig renoviert worden war; einschließlich des Bades, weshalb es kein Wunder war, dass jeder aus ihrer Gruppe morgens angetrabt kam und bei ihm duschen wollte, statt ihre eigenen, heruntergekommenen Bäder zu benutzen. Er stoppte abrupt, drehte sich um und ging ins Bad zurück. "Hey …" Wade, nackt wie ein junger Gott und gerade auf dem Weg in die Duschkabine, fraß ihn mit seinen Blicken. "Kipp dir kaltes Wasser ins Gesicht, Mann. Ich will dir nicht an die Eier." Virgin nahm sich den Zahnputzbecher, spülte ihn aus und füllte ihn mit kaltem Wasser. Im Vorbeigehen klatschte er Wade auf den nackten Hintern. "Aber dein Knackarsch lässt mich arg in Versuchung geraten." Er lachte und wich Wades vorschnellender Faust aus. Natürlich stand er nicht auf Kerle, doch es machte ihm Spaß, Wade zu foppen. Immerhin war er es sonst häufig, der den Spott der anderen ertragen musste, nur weil er nicht mit Frauengeschichten prahlte. Wobei es in der Tat nicht viel zu prahlen gab, aber das war eine andere Geschichte. Vor der ausladenden Palme im Wohnraum ging er in die Knie und goss das Wasser in den Blumentopf. "Nur so weit, dass der Strich an der Wasserstandsanzeige nicht über max. geht, sonst ertränkst du sie", hatte Jamie ihm erklärt, nachdem sie ihm das Grünzeug zur Einweihung des Raumes geschenkt hatte. Es klopfte, und noch ehe Virge sich wieder aufgerichtet hatte, streckte Seth den Kopf zur Tür herein. "Wade ist noch drin." Hier ging es zu wie im Taubenschlag. "Komm rein und stell dich an. Ich hab schon überlegt, an der Tür einen Nummernspender anzubringen." Er grinste, drückte Seth den Becher mit dem restlichen Wasser in die Hand und trat hinaus auf den Innenhof. In dessen Mitte stapelte sich das Gerümpel, das beim Umbauen der fünf Baracken angefallen war. Die flachen Gebäude umgrenzten den Hof in U-Form und schlossen auf einer Seite an das zur Straße hin liegende, größte Gebäude der Anlage an. Auf der anderen Seite befand sich eine Durchfahrt mit einem großen Stahltor. Davor saß der Streunerkater, den sie seit einigen Monaten durchfütterten, und starrte ihn vorwurfsvoll an. "Hey, Tiger. Willst du auswandern? Soll ich dir das Tor öffnen?" Das Tier hätte sich durch den Spalt zwischen Tor und Boden drücken können, aber der Kater verließ das Gelände nie. Offenbar war er sauer, dass sie ihm gestern seinen Lieblingsplatz auf dem Hof geraubt und die verrottete Hollywoodschaukel entsorgt hatten. Sträflich maunzend kam der Kater einige Schritte auf ihn zu, hielt sich aber in sicherer Entfernung. Näher kam er nie - und er ließ sich auch von niemandem anfassen. "Na gut, komm. Erst mal ein saftiges Frühstück, danach kannst du es dir noch immer überlegen. Alles klar, Kumpel?" Virge kassierte einen weiteren hoheitsvoll strafenden Blick. Er öffnete die Tür zur Gemeinschaftsküche, trat ein und lauschte. Es drangen noch keine Geräusche aus der Trainingshalle über den langen Flur. Offenbar war er der erste heute Morgen. Er stellte die Kaffeemaschine an und gab anschließend Mr. Majestic das versprochene Futter. Der dankte es ihm mit einem Fauchen, doch als Virge rückwärts zurück in die Küche trat, näherte sich der Kater der Futterschale, als wäre es plötzlich uninteressant, dass der Feind ihn beobachtete. Grinsend wandte sich Virge ab. Seinem allmorgendlichen Ritual folgend ging er durch den langen Flur, vorbei an den Scheiben, die den Blick in die Trainingshalle freigaben, an mehreren Türen, die zu kleinen, ungenutzten Räumen führte. Er warf einen Blick durch die offen stehende Tür in Max' kleines Büro. Auch ihr Teamleiter glänzte noch durch Abwesenheit. Dafür steckte wenigstens die Tageszeitung wie jeden Morgen pünktlich und zuverlässig in dem Briefschlitz der Eingangstür. Virge zog sie heraus. Ein Briefumschlag flatterte auf den Boden. Er hob das braune Kuvert auf und betrachtete es von beiden Seiten. Kein Absender, kein Empfänger, keine Briefmarken. Und ohnehin würde der Postbote erst in ein paar Stunden kommen. Statt den Brief in Max' Büro auf den Schreibtisch zu legen, nahm er ihn mit zurück in die Küche und warf ihn mit der Zeitung auf den langen Tisch in der Raummitte. Die Kaffeemaschine gab ein letztes Gluckern und Zischen von sich. Der aromatische Geruch war bereits bis in den Flur gezogen, und Virges Gaumen sehnte sich nach dem ersten Schluck des schwarzen, heißen Gebräus. Und süß musste es sein. Er schaufelte fünf Teelöffel Zucker in einen Becher und goss ihn randvoll. Am Tisch ließ er sich auf einen Stuhl fallen und zog die Tageszeitung und den Umschlag heran. Er befühlte den Inhalt des Kuverts, aber ihm fiel nichts Ungewöhnliches auf. Mit dem Zeigefinger fuhr er unter die lose angeklebte Lasche und öffnete sie. Er zog ein zusammengefaltetes Blatt Papier und eine Fotografie heraus. Der Spucke blieb ihm weg. Abgemagert, dreckverkrustet und nackt lag eine alte Frau in einem schmutzigen Raum auf einer stählernen Liege. Ihre Beine und Arme waren gefesselt, ihr Haar hing in dicken Strähnen über den Rand hinab. Blaue Flecke in unterschiedlichen Stadien übersäten ihren dürren Körper. Hastig faltete er den Papierbogen auseinander und las. Sein Herzschlag geriet für einen Atemzug lang aus dem Rhythmus. Virgin sprang auf. Die anderen mussten sofort herkommen, und wenn sie nackt aus der Dusche sprangen. Cindy und Jamie waren die beiden Letzten, die in die Küche traten. "Wo brennt's denn?", meinte Cindy und schob sich auf einen freien Stuhl an Virgins Seite. Max reichte Dix zu seiner Linken den Brief und das Foto. Seine Gesichtszüge verfinsterten sich. "Holy cow!" Er reichte die Unterlagen weiter. Stumm vor Entsetzen schwiegen sie alle, während Zettel und Foto von Hand zu Hand wanderten. Max, ihr Anführer, knetete seine Finger, Dix und Seth starrten auf die Tischplatte. Neil und Wade saßen mit zusammengezogenen Brauen nebeneinander und warteten darauf, dass sie ebenfalls ins Bilde gesetzt wurden. Jamie stiegen Tränen in die Augen und Cindy schluckte mehrmals hörbar. Jay-Eff starrte mit zurückgelehntem Kopf an die Decke. Als sie die Eingangstür ins Schloss fallen hörten, zuckten sie reihum zusammen. Narsimha - kurz Simba genannt - kam nach Hause. Virgin fixierte die Küchentür. Als der breitschultrige Inder den Raum betrat, blieb er überrascht im Türrahmen stehen. Sein Blick schweifte von einem zum anderen. Die Überraschung, die gesamte Truppe am frühen Morgen in der Küche versammelt zu sehen, zeichnete sich in seinem Gesichtsausdruck ab. Noch mehr musste ihn verwundern, dass sie alle stumm wie die Fische blieben. "Hallo", sagte Simba. "Hey", murmelte Virge und auch ein paar andere begrüßten ihn leise. Virgin glaubte, das Grauen, das ihnen allen vorschwebte, aus jedem einzelnen Ton zu hören. "Was ist denn los?" Max antwortete. "Die drei Gefangenen sind verschwunden." "Wie bitte?" Simba setzte sich. "Sie waren gefesselt im Wagen der Black Boys." "Nachdem sie ausgestiegen sind und sich auf den Weg zum Helikopter gemacht haben, sind sie erneut unsichtbar geworden." "Aber Powells Männer kennen doch den Trick mit dem Stereogrammblick." Simbas Blick drückte Unglaube und Unverständnis aus. "Sie sind trotzdem vor ihren Augen verschwunden. Wie es aussieht, beherrschen sie nicht nur Neils, sondern eine weitere Art, sich unsichtbar zu machen." "Fuck!", stieß er hervor und Virgin stimmte ihm im Stillen zu. Gott, wenn Simba das Foto sah, würde er durchdrehen. Die Luft in der Küche war zum Schneiden dick. Virge war froh, dass ihr Teamleiter den armen Kerl behutsam an das Unvermeidliche heranführte. Max stand auf und schritt zwischen der Küchenzeile und seinem Stuhl hin und her. Auch seine Nerven waren offensichtlich gespannt. "Sie haben uns eine Falle gestellt." "Inwiefern?", hakte Simba nach. "Der Überfall war eine Farce. Sie wollten uns mit dem Verschwinden zeigen, dass sie mehr draufhaben als wir." "Ja, aber wozu das Ganze?" Max nahm das Blatt von Wade entgegen und reichte es Simba, während er ihm eine Hand auf die Schulter legte. "Bitte bleib ruhig, Junge." Simba faltete den Bogen auseinander. Er zuckte zusammen, als sein Blick auf das Foto fiel. Die Vermutung, die Virge an die anderen herangetragen hatte, bestätigte sich. Allem Anschein nach war die Frau Simbas Ziehmutter, von der er eines Abends leise und wehwütig gesprochen hatte. Wie zu Stein erstarrt, fixierte Simba das Bild. Seine hart arbeitenden Kiefermuskeln verrieten die Qual, die er litt. Nichts hielt ihn mehr auf dem Stuhl, doch ehe er stand, drückten Max und Seth ihn mit Gewalt zurück auf die Sitzfläche. "Bitte, Narsimha", sagte Max extrem ruhig. Simbas Augen schimmerten feucht und sein Blick irrte gepeinigt von einem Gesicht zum anderen. In diesem Moment erkannte Virgin den wahren Schmerz, der im Inneren seines Kollegen tobte und der einen Mann, wie ihn, einen Kerl wie ein Baum, samt Wurzeln aus dem Boden riss. Die Qual wirkte nicht minder erschreckend als der Anblick der alten Frau auf dem Bild, und plötzlich wandelte sich Simbas Ausdruck zu beinahe der gleichen Unnachgiebigkeit, mit der die Greisin in die Kamera gestarrt hatte. Obwohl Virgin wusste, dass es sich nicht um Narsimhas leibliche Mutter handelte, glichen ihre Augen sich in diesem Moment. "Lies den Text unter dem Foto", bat Max. Simba schob den Zettel auf dem Tisch ein Stück zurück. Noch während er las, verwandelte sich sein Gesichtsausdruck von Schmerz in Wut. Virgin beugte sich vor. Narsimha Mishra Seal Beach, am Ende des Piers Max Diaz Metro Station Garfield/Mendy Montague Dixon Redeemed Christian Church, Hawthorne Boulevard Neil Cepeda Bell Resort, Atlantic Avenue Wade Hallock Moonlight Rollerway, Glendale Seth Bane Golden Gate Storage, Santa Fe Springs Kit Legrand Kindred Community Church, Anaheim Zero Gilligan Fine Arts International, Irvine Cindy McForest Fit Kids Gymnastics Center, Torrance Jamie Dixon Compton Courthouse, West Compton Boulevard Patricia Dannell Miss Kitty's Topless Entertainment, Valley Boulevard Simba blickte auf und musterte erst Jay-Eff, dann Virge. "Wer von euch heißt Kit Legrand?" Warum auch immer, es war Virgin lieber gewesen, dass niemand seinen richtigen Namen kannte, als könnte er damit verbergen, was er eigentlich war. Ihm fiel es nach wie vor schwer, seine Andersartigkeit zu akzeptieren und nahm dafür in Kauf, dass die Jungs ihm einen recht … peinlichen Spitznamen verpasst hatten. Er senkte den Kopf. Simba wandte sich an Jay-Eff. "Ich dachte, du heißt John F. - John Fox?", sprach Simba ihn an, vielleicht, weil er trotz seines innerlichen Durcheinanders Virgins Verlegenheit gespürt hatte und nicht weiter auf ihm oder seinem Namen herumtrampeln wollte. Auch Jay-Eff hatte seinen wahren Namen bislang nicht genannt, und das Team hatte ihn Jay-Eff getauft, weil seine Stimme nach J. F. Kennedy klang. Jay-Eff schnaubte. "Glaubst du, ich hab Spaß dran, Null zu heißen?" Zero und Kit. Manche Vornamen sollten echt verboten werden. "Patricia Dannell - Trisha. Tasha", stieß Simba mit deutlicher Verwunderung darüber aus, dass auch die Frau, die in Jamies nur kurz zurückliegende Stalkergeschichte verstrickt war, auf dem Zettel stand. "Ja", sagte Max. "Letzteres nur, wenn sie ihrem Job nachging." "Ist sie noch bei ihrer Mutter?" Mühsame Beherrschung stand Simba ins Gesicht geschrieben. "Mir ist nichts anderes bekannt", antwortete Max. "Und was soll das Ganze?" "Lies weiter." Auch Virgin beugte sich wieder vor, als Simba das Blatt hob. Seine Hände zitterten. Dienstag, 27. September, 16:00 Uhr! Jeder kommt allein. Fehlt einer, wird die Frau dafür büßen. "Aber …" Simbas Adamsapfel hüpfte auf und ab. "Sie lebt!" Er versuchte erneut, aufzuspringen, doch Max und Seth hielten ihn unnachgiebig fest. "Du weißt nicht, von wann das Foto ist. Vielleicht ist es nur eine leere Drohung und das Bild ist alt", hielt ihm Max die kalte Wahrheit vor Augen. "Und wenn nicht?" Simba stieß Max und Seth zur Seite. "Die wollen uns gleichzeitig an weit verstreuten Orten im Großraum L. A. einkassieren. Jeden einzeln. Aber warum auch die Frauen?" "Sie wissen zu viel." "Trisha doch nicht." Simba fuhr sich über den Nacken. "Bhenchod! Reese! Ich muss sofort zu ihr. Sie weiß Bescheid." Dieses Mal hielten Wade und Dix ihn fest, bevor er auch nur dazu kam, sich zur Tür zu drehen. Max zog sein Handy aus der Tasche. "Ich werde General Powell beauftragen, seine Männer zu ihr zu schicken und sie zu uns zu bringen. Wo ist sie?" "Im Krankenhaus. Aber ich will selbst …" "Nein, verdammt!" Max donnerte die Faust auf die Küchentheke, sodass Virge zusammenzuckte. "Wir werden zusammenbleiben und entscheiden, wie wir vorgehen." Betroffen schwiegen alle und lauschten dem Gespräch. Die Black Boys sollten Reese herbringen. Es war Simba überdeutlich anzusehen, dass er an den Jungs zweifelte. Virgin stimmte Max im Stillen zu. Es gab keinen besseren Weg, die Ärztin sicher zu ihnen zu geleiten. Simba war viel zu aufgebracht, um klar denken, geschweige denn, präzise und sicher handeln zu können. Trotzdem hielt er sich bemerkenswert unter Kontrolle und schien sich zur Ordnung zu rufen. "Woher habt ihr diesen Zettel?", fragte Simba fast ruhig, wäre da nicht ein ungewohnter, beinahe gefährlich klingender Unterton in seiner Stimme. "Virgin hat ihn vor einer halben Stunde gefunden, als er die Zeitung reinholen wollte." Simba starrte erneut auf das Bild, hielt es sich nah vor das Gesicht, als suchte er nach Anhaltspunkten. Doch auf diesem Foto war nichts außer der geschändeten alten Frau, der Wand, der Liege und dem dreckigen Boden. Simba marschierte unruhig von einer Wand zur anderen und stöhnte auf. "Ich glaube, ich kann mir zusammenreimen, was damals passiert ist." Max legte ihm eine Hand auf die Schulter und zwang ihn, stehen zu bleiben. "Und was?" "Das CT-Kommando war auf der Suche nach dir und ist mitten in deinen Kampf mit den Rebellen hineingeplatzt. Erinnerst du dich, als du erzählt hast, dass du plötzlich keinen Gegner mehr finden konntest, nachdem du glaubtest, Nani-jis Leiche auf der Lichtung gefunden zu haben?" "Ja." "Ich vermute, das CT-Kommando hat sie beseitigt und sich Nani-ji geschnappt. Die Leiche, die du gefunden hast, war jemand anderes. Vielleicht einer der Rebellen." "Sie war bis zur Unkenntlichkeit verbrannt." Simba räusperte sich, brachte aber kein weiteres Wort heraus. "Ehe sie dich überwältigen konnten, bin ich aufgekreuzt." "Der Flug nach L. A. wird ihnen nicht entgangen sein", erwiderte Simba. "Und meine Spur hat ebenfalls nach L. A. geführt", warf Seth ein. "Da brauchten sie ihre Suche nur noch auf diese Stadt zu konzentrieren." "Und dafür haben sie Monate benötigt?" "L. A. ist groß. Und mich suchen sie auch erst seit einem halben Jahr." "Warum erst der Überfall auf Santa Rosa Island und dann am El Prado?" Seth überlegte nur einen Augenblick. "Sie haben ihre Taktik geändert, nachdem sie das auf der Insel voll verkackt haben. Wahrscheinlich haben sie auch mitbekommen, dass die Black Boys uns zu Hilfe gekommen sind. Jetzt spielen sie ihren Trumpf aus." Das klang ziemlich logisch. Auch Virge hielt sich seit zehn Monaten hauptsächlich in L. A. auf. Alle Fäden liefen hier zusammen und hatten die Gegner zu ihnen geführt. Er biss die Zähne zusammen. Sie saßen ganz schön in der Tinte. Simba ließ die Schultern nach vorn fallen. "Nani-ji", stöhnte er heiser. "Wir können unmöglich auf die Forderung eingehen", sagte Max eindringlich. "Ja, verdammt!" "Stillgestanden, ihr Fettsäcke!" Virgin schnellte zur Tür herum und mit einem Ruck zollte er dem pensionierten SEALs-Trainer Respekt und salutierte. Auch die Frauen hatten sich erhoben. Max begrüßte den General. "Da steckt ihr einigermaßen tief im Dreck", sagte Powell. "Wie lauten die Details?" Max und Seth berichteten ihm, was vorgefallen war und eine hitzige Diskussion entstand, darüber, was sie nun unternehmen könnten. Virgin fiel mitten im Gespräch auf, dass Simba still auf einem Stuhl saß und immer noch das Foto betrachtete. Er setzte sich zu ihm, und als hätte Simba auf ihn gewartet, stieß er ihn an, ohne vom Bild aufzublicken. "Holst du mir eine Lupe aus Max' Büro?" Virge nickte und erhob sich wieder. Alle waren ins Gespräch mit General Powell vertieft, so sprintete er bis in Max' kleines Heiligtum. Er fand das Vergrößerungsglas in der dritten Schreibtischschublade neben einer Packung Kekse und eilte zurück zur Küche. Das Hin und Her drang bis weit in den Flur. "Hier." "Danke", murmelte Simba, hatte sich aber schon abwesend erhoben und hielt das Foto unter die Dunstabzugshaube. Er knipste das kleine Licht an und untersuchte das Bild mit der Lupe. Virgin trat neben ihn. Ganz langsam suchte Simba den Fußboden ab, auf dem eine Menge Müll herumlag. Immer wieder hob er das Glas zur Seite, schob es wieder davor, und plötzlich huschte ein triumphierender Ausdruck über sein Gesicht. "Ich vermute, Nani-ji wird in Indien festgehalten", platzte Simba laut heraus und unterbrach die hitzige Diskussion. Er reichte Virgin Foto und Lupe. "Fünf Paise, unten links auf dem Boden. Ich weiß nicht, was ihr beschlossen habt, aber ich für meinen Teil werde mich umgehend auf den Weg zum Flughafen machen." Virgin registrierte überrascht, dass Max nickte. "Wir werden uns mit General Powell und seinen Männern in ihre Unterkunft in der Goldgräberstadt zurückziehen. Dort sind alle zunächst in Sicherheit. Auch Dr. Little werden wir bitten, uns zu begleiten." "Ich …", sagte Simba, doch Max unterbrach ihn. "Wir haben gerade in Betracht gezogen, an einem der geforderten Orte aufzutauchen und zu versuchen, die Kerle, die dort warten, zu überwältigen, um ihnen Nani-jis Aufenthaltsort aus den Rippen zu prügeln. Aber wir waren uneinig, ob uns das etwas bringt. Wenn wir die Verantwortlichen reizen, lassen sie Nani-ji vielleicht umgehend töten. Wenn sie nicht wissen, was wir vorhaben und wir einfach verschwinden, reagieren sie vielleicht irritiert." Simba schwankte und Virgin stellte sich neben ihn. Simba war viel breiter als er, aber kaum zwei Fingerbreit größer. Beruhigend legte Virge ihm eine Hand auf die Schulter. Er hatte das Gefühl, dass Simba ihn überhaupt nicht wahrnahm. "Sie könnten Nani-ji foltern oder umbringen", stieß er hervor. "Daran ändert sich nichts, egal, was wir tun, oder? Außer, wir stellen uns. Und selbst dann ist Nani-jis Schicksal ungewiss." "Nein! Verdammt, ich meine ja. Du hast recht." "Du wirst nicht allein aufbrechen. Virgin, Neil und Dix begleiten dich. General Powell leitet bereits ein Täuschungsmanöver in die Wege, das sowohl euch als auch uns Übrigen eventuelle Verfolger von der Pelle halten soll. Ihr werdet nicht von L. A. fliegen, sondern von San Diego." Virgin nickte Max zu. Alles passierte unter argem Zeitdruck. Es blieb nur zu hoffen, dass sie die alte Frau da irgendwie lebend herausholen konnten. "Wenn alles gut geht, werdet ihr in etwa dreißig Stunden in Mumbai eintreffen. Wir brechen sofort auf. Dix, Virgin, Neil und du fahrt mit General Powells Männern. Sie werden gleich eintreffen. Packt eure Klamotten." Max trat Simba und ihm in den Weg, als sie gleichzeitig aus der Küche eilen wollten. "Hals und Beinbruch, Jungs. Ihr wisst, wie wir in Kontakt bleiben." "Danke." Simbas Stimme klang gequält. "Es ist ungewiss, ob sich Nani-ji in Indien aufhält. Ob sie überhaupt noch lebt." Simba nickte. "Ich drücke dir die Daumen, Junge. Euch!" "Max?" "Ja." "Pass bitte auf Reese auf." Max schüttelte Simbas Hand. "Verlass dich drauf!" Virge fing den ernsten Blick des Teamleiters auf, der ihm stumm vermittelte, seinerseits auf Simba achtzugeben. Virgin deutete ein Nicken an. Eine Bewegung ließ ihn in den Flur blicken. "Nein!", sagte Max zu Simba, der im Begriff war, zu telefonieren, "Du darfst sie auf keinen Fall anrufen. Niemand benutzt ab jetzt noch sein Mobiltelefon." Simbas Gesichtszüge entgleisten für einen Atemzug lang, dann fing er sich. "Informier mich irgendwie, sobald Reese in Sicherheit ist. Ich halte das sonst nicht aus", sagte er tonlos. "Wir halten euch über Powells Männer auf dem Laufenden." Simba setzte sich in Bewegung. Virge folgte ihm still im Laufschritt. Es gab nichts weiter zu sagen. Sie hatten eine Aufgabe zu erfüllen. "Drei sind, die da herrschen auf Erden: die Weisheit, der Schein und die Gewalt" (Johann Wolfgang von Goethe) Vier Tage zuvor Freitag, 23. September, Los Angeles Ohne mit den Wimpern zu zucken, nahm er das Telefongespräch an. Er ahnte, wer sein Gesprächspartner sein würde, auch wenn keine Rufnummer übertragen wurde. "Haben Sie es endlich geschafft, die Prinzessin zu finden?" Das Wort Prinzessin klang wie ausgespuckt. Er hörte den Mann, von dem er nur die Stimme kannte, durch das Telefon rasselnd Atem holen und an einer Zigarette ziehen. "Ich bin mir fast sicher." Ein höhnisches Lachen dröhnte an sein Ohr, gefolgt von einem bellenden Hustenanfall, sodass er eine Handbreit Abstand zwischen Handy und Kopf brachte. "Ihnen ist klar, dass fast bedeutet, dass Sie fast tot sind?" "Die Frist ist noch nicht abgelaufen." "Was ist schon noch eine Woche?" Verdruss ließ seine Muskeln verkrampfen. Sieben Tage bedeuteten in anderen Fällen quasi eine halbe Ewigkeit, doch mit der Gewissheit, anschließend tot zu sein, schrumpfte die Dauer zu einem Wimpernschlag. "Mehr als genug", erwiderte er mit bemüht ruhiger Stimme. "In Anbetracht dessen, wie lange Sie bereits auf der Suche sind und noch kein Ergebnis geliefert haben, rinnen die verbleibenden Tage wie Sand durch Ihre Finger." "Mir fehlt nur der letzte Beweis." "Sie kennen die Anweisung, falls die Prinzessin keine Jungfrau mehr ist." Das war sein größtes Problem. Wie zur Hölle sollte er das testen? Täte er dies, wäre sie danach keine mehr. Dass er nicht mal die Zielperson verbindlich bestimmen konnte, verschwieg er lieber. Er hätte diesen verfluchten Auftrag niemals annehmen dürfen. Vielleicht sollte er mit beiden Frauen schlafen, dann hätte sein Tod wenigstens einen süßen Beigeschmack. Er gab sich gleichmütig. "Die Prinzessin und ihre Freundin werden pünktlich nach Dubai fliegen. So oder so erfülle ich damit meinen Auftrag." "Nur nicht zu hundert Prozent. Der Sheikh duldet keine halben Sachen." Natürlich nicht. Scheich Rashad ibn Schalal ibn Antun Sa'ada würde sich mit Sicherheit nicht persönlich die Finger dreckig machen. Es war schwierig gewesen, Erkundigungen über den Mann einzuziehen, aber das, was er herausgefunden hatte, bestätigte den Eindruck eines unverschämt reichen, ichbezogenen Tyrannen, der glaubte, ihm gehöre die Welt - Lebewesen, vor allem Frauen, eingeschlossen. "Bis zum vereinbarten Zeitpunkt werde ich schon herausfinden, ob seine Tochter noch Jungfrau ist." Er knirschte mit den Zähnen. "Beten Sie zu Ihrem Gott." Es knackte in der Leitung. Verdammt, war er ein verlauster Straßenköter? Nicht einmal wert, eine höfliche Unterhaltung zu führen und ohne Grußwort abserviert zu werden? Er war kein abgebrühter Auftragskiller, sondern Privatdetektiv. Er hatte es von Anfang an gewusst. Er hätte die Finger davonlassen sollen. Zumindest von dem zweiten Auftrag, doch was tat man nicht alles für das beschissene Geld? Für verdammt viel Geld aus Kreisen, die er sich in den kühnsten Träumen nicht auszumalen vermochte. Langsam ließ er das Telefon sinken. Er hätte auf das mulmige Gefühl hören sollen, als der erste Auftraggeber in Gestalt eines geschniegelten Anwalts vor sechs Monaten sein Büro betrat. Jetzt wünschte er, die Begegnung hätte niemals stattgefunden und der darauffolgende Kontakt mit dem zweiten Auftraggeber erst recht nicht. "Es geht um eine heikle und vertrauliche Angelegenheit", eröffnete der Yuppie damals das Gespräch und in diesem Moment hatte er sich noch lächelnd in seinem Chefsessel zurückgelehnt und den Besucher gelassen betrachtet. Wann ging es in seinem Job einmal nicht um heikle Angelegenheiten? Dann hörte er von Minute zu Minute gespannter zu und empfand ein Prickeln, das einem nicht alle Tage widerfuhr, weil ein Auftrag derart geheimnisvoll und aufregend klang. "Meine Mandantin ist eine von vier Ehefrauen eines dubaianischen Sheikhs. Sie stammt aus einer sehr wohlhabenden Familie, die weitaus westlicher eingestellt ist als ihr Ehemann. Sie hat eine Tochter, der sie das Schicksal ersparen wollte, in einem Harem zu landen." Er hatte einige Fragen gestellt, zum Beispiel, warum die Frau ihren Mann nicht einfach mit der Tochter verlasse, doch der Anwalt hatte abgewunken. "Das steht nicht zur Debatte und ist auch nicht ganz so einfach, wie Sie sich das vielleicht vorstellen. Fakt ist, dass meine Mandantin Unterstützung von ihrer Familie hat und ihre Tochter bereits vor fünf Jahren im Alter von achtzehn aus dem Land geschafft wurde. Die Prinzessin ist knapp vierundzwanzig und lebt wahrscheinlich in L. A." "Und ich soll sie finden?" "Genau." "Warum weiß ihre Mutter nicht, wo sie ist?" "Aus Sicherheitsgründen. Allein ihr Bruder war informiert, doch der ist kürzlich bei einem Unfall ums Leben gekommen." "Welche Anhaltspunkte habe ich?" "Latifa hat eine Begleitung. Eine gleichaltrige junge Frau, die der Prinzessin im Babyalter als Leibeigene zur Verfügung gestellt und mit ihr, als ihre Beschützerin, aus Dubai hinausgeschleust wurde. Wahrscheinlich leben die beiden zusammen." "Halten sie Verbindung zu Verwandten?" "Nur der Bruder meiner Mandantin hat sie regelmäßig kontaktiert, allerdings nie persönlich, um keine Spuren zu legen." "Sondern?" "Er hat mit ihr telefoniert. Jedes Mal mit einer Prepaidtelefonkarte, die er gleich darauf vernichtet hat." "Wovon bestreiten die Frauen ihren Lebensunterhalt?" "Latifas Onkel hat ihr jährlich eine Apanage zukommen lassen. Mal ist das Geld durch einen Boten in bar geflossen, mal getarnt als Gewinn einer ausländischen Lotterie. In jedem Fall auf nicht nachvollziehbaren Wegen." "Um welchen Betrag handelt es sich?" "Das ist nicht bekannt." "Und woher wissen Sie, dass sich die Damen in Los Angeles aufhalten?" "Der Bruder meiner Mandantin ist zu Beginn dieses Jahres nach L. A. gereist. Vermutlich hat er den Besuch genutzt, um Latifa das Geld zukommen zu lassen. Es ist der einzige Anhaltspunkt, den wir haben. Der Sheikh ist sonst nie nach Amerika geflogen." "Anfang nächsten Jahres wird die Prinzessin also leer ausgehen." "Das ist eine der Ängste, warum meine Mandantin den Auftrag erteilt, aber die Familie ist in ebenso großer Sorge und will einen anderen Onkel mit Latifas Schutz beauftragen. Ihre Mutter möchte sie außerdem gern sehen." "Ich brauche irgendeinen Anhaltspunkt, etwas, wo ich ansetzen kann." Der Anwalt hatte ein Foto über den Schreibtisch geschoben, das Porträt einer jungen Frau. "Das ist die letzte Aufnahme von ihr. Die Familie geht jedoch davon aus, dass sie ihr Aussehen erheblich verändert hat." Ein zweites Bild hatte den Besitzer gewechselt. "Das Gleiche gilt für Fatma Masaad." Er hatte sich in seinem Sessel gewunden und sich im Stillen die Finger nach diesem Auftrag geleckt, doch er war kein Mensch, der andere über den Tisch zog. Damals nicht. Ohne greifbare Hinweise schien es ihm unmöglich, die Frauen in der Metropole L. A. zu finden. "Es tut mir leid, ich kann den Auftrag nicht annehmen, weil ich keine Möglichkeit sehe, wo ich ansetzen könnte." "Ändert vielleicht das Honorar etwas an Ihrer Meinung? Eine Million Dollar, hunderttausend als Anzahlung. Ziehen Sie hinzu, wen oder was immer Sie benötigen. Es steht ein monatliches Budget in Höhe der Anzahlung für laufende Kosten bereit." Sein Blut hatte so laut in den Ohren gerauscht, dass er die Stimme des Anwalts beinahe nicht mehr verstand. Und dann saß er allein in seinem Büro und konnte noch immer nicht fassen, was er gerade erlebt hatte. Seine Sekretärin hatte irgendwann einen Anrufer gemeldet und er erwiderte, dass er nicht gestört werden wolle. Gab ihr gleichzeitig den Auftrag, sämtliche laufenden Ermittlungen an befreundete Detekteien abzugeben und ihm den Rest des Jahres Freiraum zu verschaffen, dabei war es erst März. Da klingelte das Telefon erneut. Seine Sekretärin teilte mit, dass es sich um denselben Anrufer handele, und versuchte auf seine Anweisung hin vergeblich, ihn noch einmal abzuwimmeln. Mit bleierner Stimme stellte sie das Gespräch durch. "Sie sollten sich später um Ihre Sekretärin kümmern und ihr ausrichten, dass meine Morddrohung nicht ernst gemeint war." Das bellende Lachen des Anrufers hatte ihm einen noch größeren Schauder über die Haut gejagt als die Worte. "Zumindest dann nicht, wenn Sie meinen Auftrag annehmen, so wie Sie sich vorhin auf das Geschäft mit dem Anwalt eingelassen haben. Und wagen Sie es nicht, einfach aufzulegen." Das hatte er in der Tat vorgehabt, aber dass der Kerl von dem Gespräch in seinem Büro wusste, wo der Stuhl, auf dem sein Auftraggeber gesessen hatte, noch nicht kalt sein konnte, hatte ihn innehalten lassen. Er hatte bis heute nicht herausgefunden, woher die Informationen des Anrufers stammten. Der Anwalt musste eine Wanze am Körper getragen haben, ohne es zu ahnen. Das erschien im Nachhinein das einzig Logische. "Mein Auftraggeber zahlt Ihnen ein Honorar von zehn Millionen Dollar. Nennen Sie uns eine Bankverbindung und Sie erhalten zwanzig Prozent Anzahlung. Kassieren Sie doppelt. Und fühlen Sie sich geehrt, vom Sheikh beauftragt zu werden, er könnte ganz andere Kaliber einsetzen." Sein Hals war binnen eines Atemzuges ausgetrocknet. Er schaffte es nicht, eine Erwiderung hervorzubringen. "Sparen Sie sich Ihre Worte. Wir erwarten, dass Sie den Auftrag innerhalb eines halben Jahres erledigen. Die Frist endet am 30. September. Sobald sie Latifa und Fatma finden, sorgen Sie dafür, dass die Prinzessin dem Wunsch Ihrer Mutter folgt und nach Dubai fliegt. Das dürfte mit den Unterlagen, die der Anwalt Ihnen ausgehändigt hat, kein Problem sein. Sie werden uns aktuelle Fotos übermitteln und uns die Flugverbindung und die neuen Namen der Frauen mitteilen." Noch immer hatte er es nicht fertiggebracht, etwas zu sagen, doch das war auch nicht nötig gewesen, der Kerl fühlte sich bestens als Alleinunterhalter. "Ein winziges Detail gibt es zu beachten: Mein Auftraggeber besteht darauf, dass die Prinzessin noch Jungfrau ist. Sollte sich das nicht bestätigen, dann beseitigen Sie die Frau. Erfüllen Sie den Auftrag nicht zu hundert Prozent, werden Sie sich am ersten Oktober die Radieschen von unten betrachten." Elf Millionen Dollar. Elf Millionen Dollar. Das war das Einzige, was noch Raum in seinem Schädel fand. Er fühlte sich wie Dagobert Duck, der einen Blick in seinen Schatzbunker wirft. "Ich nehme an, Sie sind mit unserem Angebot einverstanden. Verbinden Sie mich zurück zu Ihrer Sekretärin und geben Sie ihr die Anweisung, Ihre Kontodaten durchzugeben." Wie von allein war seine Hand zum Telefon geglitten und hatte das Gespräch zurückgestellt. Dann vergingen zwei Tage, in denen er stündlich sein Konto per Onlinebanking prüfte, bis es den atemberaubenden Betrag von 2.103.413,12 Dollar aufgewiesen hatte. Die Anzahlungen beider Auftraggeber waren erfolgt. Er hatte seine Sekretärin entlassen, ihr einen halben Jahreslohn gezahlt, das Büro geschlossen und sich auf die Suche begeben. Ein Ruck durchfuhr seinen Körper und er beugte sich nach vorn. Herumzusitzen und die Vergangenheit Revue passieren zu lassen, brachte ihn nicht weiter. Er betrachtete die auf dem Tisch ausgebreiteten Fotografien. "Wer bist du, Prinzessin?", murmelte er und zog eine Aufnahme näher heran. Keine der Frauen wies eine Ähnlichkeit mit den Bildern auf, die der Anwalt ihm gegeben hatte, dennoch war er sicher, Prinzessin Latifa Maron Memduha Antun Sa'ada und Fatma Masaad vor sich zu sehen. Sie bewohnten eine Studentenbude, gingen allerdings nicht miteinander um wie eine Prinzessin und ihre Untergebene, sondern unterschieden sich nicht von amerikanischen Studentinnen und nannten sich Vanita Blankenship und Quinn Kirby. Er betrachtete Vanita, seine Favoritin. Ihr hüftlanges, goldblondes Haar mochte gefärbt sein, doch es tat der Wirkung eines Engels keinen Abbruch. Ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen, eine zierliche Nase, braune Augen wie karamellisierter Zucker. Quinn hingegen wirkte mit ihrem herzförmigen Gesicht frecher. Ihr blauschwarzer Schopf unterstrich diesen Eindruck mit einer fransigen Kurzhaarfrisur. Das Schönste an ihr waren die riesigen, unschuldig dreinblickenden Augen, die kohlrabenschwarzen Iriden von unglaublich dichten, langen Wimpern beschattet. Zur Hölle! Er würde diesen verdammten Jackpot knacken! Fast fünf Monate lang waren seine Ermittlungen ins Leere gelaufen, trotz der Unterstützung eines engen Freundes beim LAPD und einer Armee von Schnüfflern, die er aus dem ganzen Land angeheuert hatte. Sie hatten Dutzende Computer zum Qualmen gebracht, meilenlange Namenslisten von der Einwanderungsbehörde, des Departments of Motor Vehicles, sämtlichen Bibliotheken im County und diversen anderen Quellen ausgewertet und Frauen des entsprechenden Alters aussortiert, die von einer weiteren Armee beschattet worden waren, bis die Liste immer kürzer wurde. Vor knapp fünf Wochen hätte er am liebsten Bingo geschrien, als er aus den letzten dreiundsechzig infrage kommenden Adressen bei der Beschattung von Vanita Blankenship und Quinn Kirby angelangt war. Sein zunächst wichtigstes Augenmerk galt der Überprüfung ihrer Bankkonten - wie in allen Fällen zuvor - und hier landete er erstmals einen Treffer. Er öffnete seine Schreibtischschublade und zog die beiden alten Fotos hervor, legte sie neben die neuen Aufnahmen. Das Alter passte, die Augenfarbe stimmte nur bei Quinn, aber Vanita konnte durchaus farbige Kontaktlinsen tragen. Ansonsten gab es weder eine Übereinstimmung der Haarfarben oder Frisuren noch der Formen von Kinn, Nase oder Wangenknochen. Das hieß, er befand sich entweder gewaltig auf dem Holzweg oder ein Chirurg hatte hervorragende Arbeit geleistet. Nicht einmal anhand Quinn Kirbys markanter Augenform schaffte er es, eines der neuen Fotos zuzuordnen. Die beiden Frauen studierten an der UCLA, gingen keinen Jobs nach wie viele der anderen observierten Kandidatinnen. Sein einziger Hinweis bestand in der Tatsache, dass das Konto von Quinn Kirby monatlich mit einer Überweisung von Vanita Blankenship gefüttert wurde und auf deren Konto zu Beginn des Jahres eine Bareinzahlung in Höhe von 90.000 Dollar erfolgt war. Ein minimaler Betrag für die Tochter einer Milliardärsfamilie - allerdings auch eine hervorragende Tarnung. Der Hacker, der die Auskunft lieferte, hatte an den bisherigen Anfragen dreimal so viel verdient. Die Prinzessin musste sich als armes Mäuschen fühlen, dabei hatte sie wahrscheinlich nicht die geringste Ahnung, was Armsein tatsächlich bedeutete. Er hätte nicht gleich den Anwalt informieren sollen. Dadurch hatte er sich selbst in den Finger geschnitten und sich wertvoller Zeit beraubt, denn nun hielt er bereits die Flugtickets für Dienstag in der Hand, einen Brief für die Frauen und einen Ohrring, der die Echtheit des Schriftstücks bestätigen sollte. Er hätte sich auch noch Zeit gelassen, wenn er nicht darauf gebaut hätte, von dem Anwalt nach der Übermittlung der aktuellen Fotos einen Hinweis zu erhalten, wer von den beiden zur Hölle die Prinzessin war. Vergebens. Er griff erneut in die Schublade, zog ein Kuvert heraus und trommelte mit den Fingerspitzen auf das Papier. Spätestens am Montag würde er Mister Keuchhusten unterrichten müssen und Dienstag lief seine Frist ein für alle Mal ab. Ihm blieben vier Tage, um herauszufinden, wer von beiden Latifa und ob sie noch Jungfrau war. Und wenn nicht? Er trank einen Schluck Bourbon und lehnte sich zurück. Eigentlich könnte das die Lösung seines Problems sein. Schon nach Sekunden kamen ihm Zweifel. Wenn er behauptete, die Prinzessin sei keine Jungfrau und sie ins Jenseits beförderte, was sollte ihn davor retten, nicht trotzdem von den Schergen des Scheichs gleich hinterhergeschickt zu werden? Wahrscheinlich ließe man ihn allenfalls dann in Frieden ziehen, wenn er die Jungfräulichkeit handfest beweisen konnte und die Frauen in Dubai ankamen. Noch wahrscheinlicher würde der Scheich ihn als Mitwisser in jedem Fall loswerden wollen. So oder so - er hatte sich gehörig in die Scheiße geritten. Wem zur Hölle floss das verdammte blaue Blut durch die Adern? Verflucht, er konnte gleich seine Grabplatte bestellen. Er war tot! Er war tot, wenn ihm nicht bald eine Idee kam. Eine Stunde später parkte er seinen Wagen auf dem Parkplatz des Campus und schlenderte auf dem Unigelände herum auf der Suche nach irgendeiner Kommilitonin von Vanita oder Quinn, der seine Menschenkenntnis die Eigenschaft zusprach, auf sein Angebot einzugehen. Sein beinahe fotografisches Gedächtnis verhalf ihm wenige Minuten später zu einem Erfolg. Er lief einer jungen Frau hinterher und holte sie kurz vor dem Eingang des Hauptgebäudes ein. "Verzeihen Sie, Lady." Sie blieb stehen und drehte sich ihm zu. "Ich suche Professor Dorsey. Können Sie mir sagen, wo ich ihn um diese Zeit finde?" Dorsey gehörte zu den Dozenten von Vanita, Quinn und dieser Kommilitonin und würde gleich eine Vorlesung halten. Die junge Frau musste auf dem Weg in den Hörsaal sein. Er ging neben ihr her und betrat das Gebäude. "Der Prof hält eine Vorlesung. Er wird sich garantiert vorher nicht stören lassen, aber Sie können ja vor der Tür warten oder mit reingehen und ihn gleich danach abpassen." Er wartete, bis er das Ende des Ganges und die geöffnete Tür zu einem Vorlesungssaal erkannte, und blieb stehen. "Warten Sie, bitte." Jetzt kam es drauf an. Er zog ein zusammengeklapptes Bündel Dollarnoten aus der Hosentasche und hielt es ihr halb verdeckt hin, sodass sie die Banderole mit der Zahl 1.000 noch sehen konnte. Bevor sie Luft holen und der Empörung, die sich auf ihrem Gesicht abzuzeichnen begann, Ausdruck geben konnte, sprach er schnell weiter. "Ich brauche eine Auskunft. Es ist wirklich nicht schwierig." Er erkannte Ablehnung und gleichzeitig Neugierde. "Ich will wissen, zu welchen Frauenärzten Vanita Blankenship und Quinn Kirby gehen." "Verschwinden Sie, Sie Perverser", stieß die Blonde aus und eilte weiter. Er lief neben ihr her. "Tausend Dollar! Cash! Sie brauchen die beiden doch nur zu fragen, wen sie Ihnen empfehlen würden. Garantiert nennen die Ihnen ihren eigenen Arzt." "Hauen Sie ab oder ich schreie das ganze Gebäude zusammen", zischte sie. "Fünftausend", sagte er und blieb vorsichtshalber etwas hinter ihr zurück. Sie eilte weiter, ohne den Schritt zu verlangsamen. Er trabte hinterher und holte sie ein. "Zehntausend." Jäh blieb sie stehen. "Das ist nicht Ihr Ernst, oder?" "Doch", er griff in die Tasche, "fünftausend jetzt, den Rest, nachdem ich die Information habe. Ich gehe mit in die Vorlesung und warte anschließend irgendwo in der Nähe, bis Sie mit den beiden gesprochen haben." "Und wenn sie es mir nicht sagen?" "Dann gehören Ihnen die Fünftausend und ich gehe." Sie schwankte nicht mehr, sie tat nur noch so, als würde sie zögern. Dann kam ein geflüstertes "Okay" über ihre Lippen. Seite an Seite betraten sie den Lesungssaal. Zurück in seinem Wagen griff er zum Telefon und wählte einen der angeheuerten Privatdetektive an. Höflichkeitsfloskeln sparte er sich. Er erläuterte seinen Auftrag und fragte gleich darauf: "Schaffen Sie es, mir die Unterlagen noch heute zu besorgen?" "Ich lege los, sobald die Praxis schließt." "Das dürfte am Freitagnachmittag nicht allzu spät sein." "Gewiss. Ich melde mich." Er fuhr in seine Wohnung. Obwohl das Geld längst ausgereicht hätte, eine luxuriösere Bleibe zu beziehen, wohnte er noch immer in seinem Zweizimmerapartment. Die Suche nach der Prinzessin hatte sein Leben bestimmt. Ab nächster Woche würde er nie mehr arbeiten müssen. Er würde reisen und die Welt entdecken. Der Pragmatiker in ihm forderte, die Gedanken zurückzuschieben, bis der Auftrag vollends abgeschlossen und das Geld auf seinem Konto eingegangen sei, doch er gönnte sich auf das Glücksgefühl hin noch einen Whiskey. Lächelnd sank er auf das Sofa im Wohnzimmer und lehnte sich zurück. Elf Millionen Dollar. Er hatte von der Anzahlung noch keinen Cent ausgegeben, sondern allein von den Zinsen seine laufenden Kosten bestritten und sogar noch Geld übrig behalten. Zum ersten Mal begann er zu träumen, rechnete sich den Gewinn aus, den er mit dem Gesamtbetrag erzielen würde. Irgendwann zwischen Luftschlössern und Schlummern hörte er, wie das Faxgerät, das er aus dem Büro mit nach Hause genommen hatte, zu surren begann. Er sprang auf, ging zum Schreibtisch und fing das erste Blatt auf. Sein Herz pochte bis in die Schläfen. Medical Report, las er die fett gedruckte Überschrift. Er überflog die Angaben, bis er die Information erfasste, die ihn zu einem Luftsprung bis an die Zimmerdecke verleiten wollte. Hymen: intakt. Mit bebenden Fingern griff er nach dem zweiten Bericht, suchte die gleiche Auskunft und so hoch die Gefühle ihn gerade gen Himmel geschleudert hatten, so hart prallte er auf den Boden der Tatsachen zurück. Die Spalte neben Hymen war leer. Er stolperte zur Couch zurück und goss das Whiskeyglas randvoll. Er war tot! Quinn speicherte rasch ihre Word-Datei und drehte die Musikanlage leiser, als das Telefon klingelte. Sie nahm ab. "Ha…hallo", hörte sie eine Männerstimme. "Entschu…schuldige bi…bitte. I…ich h…habe deine Te…Telefon…nu…nummer von der Um…Um…Umfrageliste." Zu ihrem Lehramtsstudium zählte auch Psychologie, aber viel mehr als an den erlernten Verhaltensweisen lag es an ihrer Achtung vor jedem Menschen, die sie geduldig zuhören ließ. Kein Grinsen schob sich in ihr Gesicht, nicht einmal ein Zucken. Es gehörte sich nicht, Stotterer oder andere Menschen mit Einschränkungen aufgrund ihrer Behinderung zu belächeln, anzugaffen oder auszugrenzen, obwohl dieses Stottern im Grunde niedlich klang und sie allein aus diesem Grund den Sprecher in natura gern angelächelt hätte. "Was kann ich für dich tun?" An der Uni hatten bestimmte Arbeitsgruppen Listen erstellt, unter anderem von Kommilitonen, die bereit waren, demoskopische Untersuchungen verschiedenster Art und Erhebungen zu bestimmten Studienzwecken zu unterstützen. Sie bekam öfter Anrufe dieser Art. Aufmerksam hörte sie dem Stotterer zu und versuchte, die Unregelmäßigkeiten seiner Aussprache zu ignorieren. "Es ist eine sehr persönliche Umfrage mit zwei, drei intimen Fragen. Wärst du dennoch bereit, mir Auskunft zu geben? Natürlich bleibt die Auswertung anonym." Er hatte eine Weile gebraucht, diese Sätze zusammenzubekommen, aber ihre Geduld vertrug einiges. Allerdings hatte sie keine Lust, eine Diskussion darüber mit ihm zu beginnen, dass die Umfrage letztlich nicht wirklich als anonym bezeichnet werden konnte, auch wenn die Liste keine Namen enthielt, sondern nur die Angabe von Geschlecht und Alter. Dennoch besaß keiner der Studenten eine zusätzliche Nummer für diesen Zweck, und wenn sich der Angerufene mit Namen meldete, war es vorbei mit der Anonymität. So viel dazu, aber die meisten meldeten sich sowieso nur mit "Hallo". "Nun, wenn es nicht zu persönlich wird … schieß mal los", ermunterte sie ihn. "Es geht um eine Umfrage zum Thema Hygieneverhalten." "Okay." "Wie oft duschst oder badest du?" Jetzt musste sie doch lächeln. "Täglich. Manchmal auch mehrfach. Morgens und nach dem Sport." "Duschen oder baden?" "Duschen. Ich habe keine Badewanne." "Wäschst du jedes Mal dein Haar? Manche Menschen benutzen Duschhauben." "Ich nicht. Ich wasche es immer." "Wie sieht es mit der Zahnpflege aus? Wie oft putzt du deine Zähne?" "Morgens, abends und nach jedem Essen." "Auch wenn du unterwegs bist?" "Ich hab eine Reisezahnbürste dabei." "Benutzt du immer die gleichen Pflegeprodukte?" "Nein, ich wechsele hin und wieder." "Kannst du mir die Marken nennen?" Puh, das konnte sie eigentlich nicht. Sie kaufte, was ihr ins Auge sprang. Nur bei wenigen Artikeln griff sie stets auf die gleiche Marke zurück. "Dazu müsste ich ins Bad gehen. Beim Shampoo benutze ich immer das Gleiche." Sie nannte es ihm. Sein Stottern verschlimmerte sich bei der nächsten Frage. "Benutzt du ein bestimmtes Produkt zur Intimpflege?" "Nein." "Duschst du gleich nach dem Sex?" Sie lachte. Diese Frage konnte sie unmöglich beantworten. Der Gedanke, Sex zu haben, brachte zum einen die Vorstellung mit sich, danach in die starken Arme ihres Partners gekuschelt einzuschlafen, zum anderen, bei einer gemeinsamen Dusche zärtlich den Schweiß von der Haut des anderen zu streicheln. "Entschuldige", stotterte ihr Gesprächspartner. "Diese Frage war mir unangenehm." "Hast du noch weitere?" "Nur, ob du einen Unterschied benennen kannst zwischen Billigartikeln und Markenprodukten zur Körperhygiene." "Nein, kann ich nicht." "Lebst du in einer WG oder so?" Bestimmt gehörte diese Frage nicht mehr zu seiner Umfrage. Jetzt war er nur noch neugierig. Aber sie auch. "So ähnlich. Wieso?" "Na ja, ich brauche noch ein paar Interviewpartner. Könntest du mal nachfragen, ob jemand bereit ist, mich zu unterstützen?" Da musste sie ihn enttäuschen. Vanita war erstens nicht da und zweitens hätte sie diese Fragen niemals beantwortet, dazu lastete die Erziehung noch immer viel zu schwer auf ihr. "Sorry, dabei kann ich dir leider nicht helfen. Es ist niemand da." "Na dann … v-v-viiielen Dank für deine Hilfe." "Keine Ursache. Bye bye." Er war tot! Quinn widmete sich erneut ihrer schriftlichen Arbeit. Für dieses Wochenende hatte sie ein volles Programm und sie wollte alles erledigt wissen, was es vor Montag zu tun galt. Selten schob sie Aufgaben vor sich her, nicht einmal unangenehme. Davon gab es zwar nicht häufig welche, aber je schneller sie diese im Falle eines Falles hinter sich brachte, desto besser. Außerdem wartete Professor Dorsey auf ihre Arbeit. Sie war gerade fertig, als sie hörte, wie ein Schlüssel in die Wohnungstür gesteckt wurde. Einen Moment später klang Vanitas glockenhelle Stimme durch den Flur. "Ich hab sie bekommen." Quinn ging ihr entgegen. "Klasse. Ich freue mich." Sie hatte sowieso fest damit gerechnet, dass ihre Freundin die Karten für die Samstagabendvorstellung von Abduction ergattern würde, immerhin würde der größte Anstrum heute bei der Filmpremiere sein. Vanita mit ihrer übergroßen Besorgnis hatte sich nicht auf Quinns Überzeugung verlassen wollen, die Karten locker auch morgen an der Abendkasse zu erhalten. Quinn wäre es egal gewesen. Wenn nicht, wären sie eben in eine andere Vorstellung gegangen. Actionthriller waren ohnehin nicht ihr Ding, sie hätte lieber Dolphin Tale gesehen, doch Vanita war an der Reihe, den Film zu bestimmen. "Ich habe Sally und Tom getroffen. Sie haben ebenfalls Karten gekauft und lassen fragen, ob wir Lust haben, nach dem Film mit ins Circus zu gehen." Die Circus Disco Arena galt als angesagter Club, immer gut besucht und bot ein attraktives Rahmenprogramm. Freitags traten die Machoman Dancers auf, eine heiße Truppe von Latin Go-go-Boys. "Da waren wir schon eine Weile nicht mehr. Also klar, warum nicht?" "Super!" Van hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. Vanitas Spontanität wunderte sie und Quinn verkniff sich ein Grinsen. Sie gingen nicht jedes Wochenende auf die Piste, eigentlich nur einmal im Monat, und während Vanita das am liebsten für ein halbes Jahr im Voraus geplant hätte, war es Quinn lieber, aus dem Bauch heraus zu entscheiden, wozu sie Lust hatte. Sie hatten sich auf ein Mittelding geeinigt. Dennoch ging die Arbeit vor. Quinn ging zurück an ihren Computer. "Viel Spaß mit deinen Enten", rief Vanita ihr hinterher. Im Circus schäumte die Stimmung, als sie am späten Abend eintrafen. Einige Bekannte winkten ihnen aus der tanzenden Menge zu und an den Mundbewegungen las Quinn fröhliche "Hallos" ab. Sie lächelte, winkte zurück und bahnte sich hinter Vanita einen Weg an die Bar. "Einen Tequila Sunrise", rief sie dem Barkeeper über die Theke hinweg zu und wartete, bis er ihr den Longdrink zuschob. Sie zog den Strohhalm halb aus dem Glas und nippte erst einmal nur an dem oben schwimmenden Orangensaft. "Die Show geht gleich los, wir sind gerade zur rechten Zeit gekommen." Quinn folgte der Richtung von Vanitas ausgestrecktem Zeigefinger und be-trachtete die acht Jungs, die breit lächelnd nacheinander auf die Bühne tänzelten. Ihre Zähne leuchteten im flackernden Laserlicht. Spotlights hoben die gebräunte Haut ihrer muskelbepackten Oberkörper hervor. "Was hältst du von dem mit dem kurzen Haar? Der dritte von rechts." Quinn betrachtete das Model, einer Skulptur aus Meisterhand gleich. Er war ihr zu schön. Zu ebenmäßig, zu perfekt. Nicht nur die Gesichtszüge wirkten wie gemeißelt, auch jede seiner Muskelfasern, die sich unter der glänzenden Haut abzeichneten, wirkte künstlich. Das würde sie Vanita aber nicht sagen. Immerhin war sie - was ihre Handlungen betraf, und nicht die Gespräche unter ihnen beiden - eines der schüchternsten Mädchen, das sie kannte. Was ihre Freundin allerdings nicht daran hinderte, Quinn gegenüber in den höchsten Tönen von Männern zu schwärmen. In deren Gegenwart versank sie dann jedoch im Boden, als täte sich jedes Mal von allein ein abgrundtiefes Loch unter ihren Füßen auf, das sie verschluckte und für jeden potenziellen Kandidaten, den kennenzulernen es sich vielleicht lohnte, unsichtbar machte. "Ganz nett", erwidete sie vage und fing sich einen Knuff in die Seite ein. "Sei ehrlich. Adonis wäre gegen ihn ein runzliger Hutzelzwerg." Quinn lachte. "Was hast du davon, die Männer anzuhimmeln, wenn du ohnehin jedem Näherkommen aus dem Weg gehst?" "Es war eben noch nicht mein Märchenprinz dabei." "Noch märchenhafter als dieses Wunderwerk der Natur?" "Biest! Du willst mich auf den Arm nehmen. Außerdem …", Vanita zupfte ihr am Ärmel, "musst gerade du die Klappe aufreißen. Ich habe gehört, manche munkeln bereits, wir beide wären …" "Lesbisch!", vollendete Quinn den Satz für Vanita, der dieses Wort niemals über die Lippen gekommen wäre. "Komm!" Vanita zog sie mit zur Tanzfläche. Obwohl ihre Freundin die Schüchternere von ihnen war, fühlte sie sich wohl in der Schar der Tanzenden. Vans Augen glänzten und sie ließ sich vom Sog der Musik, den hüpfenden Lichtern und der sprudelnden Begeisterung der Menge einfangen. Quinn brauchte etwas länger, um sich von dem Zauber gefangen nehmen zu lassen. Sie bewegte sich verhaltener und bekam dafür jedenfalls mehr von der Eins-A-Vorstellung der Machoman Dancers mit. Der Discjockey heizte die Stimmung weiter an. "Wollt ihr mehr?" "Ja", überschallte die geschlossene Antwort das Dröhnen der Bässe. "Die Jungs brauchen eine kurze Pause. Wollt ihr in der Zeit einen Joke?" "Ja!" Die Spots richteten sich auf den Diskjockey. Er wies nach links. "Jungfrauen dort hinüber, die anderen nach rechts." Aus den Lautsprechern brauste ein Trommelwirbel. Lachend und gackernd gingen einige Frauen nach links, andere nach rechts. Quinn ließ sich einfach treiben. "Und wer von euch ist Lehrerin oder studiert Lehramt? Zu mir, bitte!" Zwei Frauen traten vor das Schaltpult des DJs. "Kommt die 14-jährige Tochter aus der Schule und sagt: Mami, wir sind heute untersucht worden. Nur eine ist noch Jungfrau." Die Menge gröhlte, als der DJ Gelächter unter den Trommelwirbel mischte. "Sagt die Mutter: Und das bist du, mein Kind." "Hey, hey, hey", stimmten einige Typen einen Sprechchor an und klatschten im Takt. Der DJ hob eine Hand. "Sagt die Tochter: Nein, Mami. Das war unsere Lehrerin." Jetzt war Quinn froh, auf die rechte Seite geraten zu sein, denn die plötzlich aufflammenden Lichter ließen die hochrot angelaufenen Gesichter der Frauen vor dem Pult erkennen, die sich des Gelächters der versammelten Menge sicher sein durften. Quinn lachte ebenfalls und suchte nach ihrer Freundin, sah sie an der Bar stehen und bahnte sich einen Weg dorthin zurück. Er war tot!


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