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Belletristik
Buch Leseprobe Himmel der armen Seelen, Hansjürgen Wölfinger
Hansjürgen Wölfinger

Himmel der armen Seelen



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8


Am nächsten Morgen weckten mich wunderbare Geräusche. Lautes Zwitschern das von draußen durch das Fenster hereindrang. Ein Vogel saß direkt vor mir auf dem Fenstersims und trällerte sein „Guten Morgen Lied“.
„Scheiß Vogel“, schrie einer.
„Lass doch den Vogel“, rief ein anderer.
„Haltet euer Maul“, rief Sascha ärgerlich.
Durch das laute Gerede verschwand der Vogel und es war wieder Ruhe. Nur das vereinzelnde rhythmische Schnarchen der Zimmergenossen unterbrach die Stille.
Ich sah durch das offene Fenster und versuchte mich an den gestrigen Tag zu erinnern. Strahlen der Morgensonne versuchten den Tau des Netzes einer kleinen Spinne in der linken oberen Ecke des Fensters aufzusaugen. Ich weiß nicht wie lange ich die Spinne und ihr Netz beobachtete, als ich durch ein lautes Husten erschrak und meine Augen für einen Moment schloss.
 Die Tür wurde geöffnet und eine Stimme forderte uns zum Aufstehen auf. Lautes Gähnen und Fluchen begleitete das Aufstehen aus den Betten. In das Fluchen und Husten schlängelte sich eine zarte Stimme und sang ein Lied.
Es ging ungefähr so:
„Der Klang der Abendglocken,
der Klang der Abendglocken, wie viele Gedanken ruft er hervor ...“
Boron versuchte sich des Liedes zu erinnern und sang etwas unsicher aber in einem angenehmen Bariton.
 „Ich bekomme es nicht mehr hin. Der Junge hatte so eine wunderbare schöne und helle Stimme. Ich hörte ihm immer sehr gerne zu. Er war so ein Zarter mit blonden Haaren. Er war etwas jünger als ich. Ich werde ihn nie vergessen.“ Boron fuhr fort:
 „Wer ist dieser Junge Wasja, er hat so eine klare und wunderschöne Stimme.“
„Das ist unser Knüppelchen. Richtig heißt er Viktor. Viktor Semenov. Wir nennen ihn so, weil er ständig sein Lieblingslied „Dubinuschka“ das Knüppelchen, trällert. Die meisten mögen es nicht, denn es geht ihnen auf die Nerven.“
 „Komm, gehen wir uns waschen“, sagte Wasja und gab mir einen Klaps auf den Rücken. Ich nahm mein Waschzeug und folgte ihm in den Waschraum.
Sascha kam in den Raum und drückte Wasja mit dem Arm zur Seite. Er musste fast seine ganze Kraft aufwenden, denn Wasja war kräftiger und fast so groß wie er.
 „Denke an heute Abend“, sagte er zu mir und ging zur anderen Seite des Waschtroges.
Ich erschrak fürchterlich, an das hatte ich nicht mehr gedacht. Ich hatte es völlig vergessen.
Mir wurde richtig schlecht.
Meine Knie wurden weich und ich drohte jeden Augenblick umzufallen. Wasja nahm mich an meinem Arm und ich stützte mich zusätzlich am Waschtisch.
Mir gegenüber stand Sascha. Ich sah wie er mich angrinste und mit dem linken Auge zwinkerte. In diesem Moment hasste ich ihn und ich wünschte mir, so alt wie er zu sein und Knüppelchen sang sein Lieblingslied:
„Hej, Knüppelchen, hau ruck!
Hej, der grüne Knüppel geht schon von selbst!
Und ziehen! Und ziehen!
Hau ruck! ...“
 „Halts Maul“, schnauzte Sascha ihn an.
Knüppelchen ließ sich nicht beirren und summte sein Lieblingslied leise vor sich hin.
Ich wusch mich mit zitternden Händen und ging zurück in das Zimmer um mich anzuziehen. In meinem Kopf schwirrten meine Gedanken und es brummte wie in einem Bienenstock. Ein Gedanke raste bedenklich in meinem Gehirn umher, ich wünschte, ich wäre tot. NEIN, schrie ich im Inneren, warum denn ich, er soll tot sein.
 Erzürnt und mit Wut suchte mein Blick Sascha, der gemütlich lachend auf seinem Bett saß und mit einem der Jungs redete. Als unsere Blicke sich kreuzten, erschrak ich fürchterlich und meine Wut war plötzlich verschwunden. Die nackte Angst trat in den Vordergrund. Ich saß auf meinem Bett und hatte einfach nur Angst. Eigentlich wollte ich weinen, aber diesen Gefallen wollte ich ihm nicht tun.
 Ich ballte meine Fäuste zwischen den Beinen und stärkte damit mein Inneres. Wasja kam auf mich zu, setzte sich zu mir auf das Bett und versuchte mich zu beruhigen. Die Glocke läutete zum Frühstück. Im Speisesaal war das gleiche Prozedere wie am Vortag.
 „Gleich ist noch Appell“, sagte Wasja.
 „Appell, was ist denn das?“, fragte ich unwissend.
 „Zu bestimmten Anlässen oder wenn es besonders befohlen wird, müssen wir und die Lehrer vor dem Gebäude antreten. Der Direktor gibt uns das Neueste bekannt oder lässt diejenigen vortreten, die besonderes Lob verdienen und bestraft die Jungs, die was ausgefressen haben. Das heißt, wer in den Karzer muss.“
 Jetzt wusste ich genau Bescheid und es hieß für mich nie negativ aufzufallen. Abermals läutete die Glocke und wir gingen, wie Wasja sagte, vor das Gebäude.
 Wir mussten uns nach Zimmernummern aufstellen. Sascha, der Zimmerälteste, kommandierte uns herum und stellte uns schubsend der Größe nach auf. Er meldete es einem Lehrer und stellte sich anschließend an den Anfang der Reihe.
 „Ruhe“, brüllte ein Erzieher.
 Lupe erschien im Türrahmen. Er ging mit verschränkten Händen auf dem Rücken und stellte sich vor die Versammelten. Ein Lehrer ging mit schnellem Schritt auf den Direktor zu und meldete, dass alle Lehrer und Jungs angetreten sind. Mit einem Kopfnicken nahm er dies zur Kenntnis. Breitbeinig und immer noch mit hinter dem Rücken verschränkten Armen, baute er sich vor uns auf.
 „Guten Morgen Kinder“, rief er uns zu. Seine laute Stimme hallte gespenstig.
 „Guten Morgen Herr Direktor“, schallte es ihm im Chor entgegen. Danach wieder gespenstige Ruhe. Keiner der Anwesenden wagte sich zu bewegen.
 „Wir haben wieder einen Neuen unter uns. Boronajew, komm vor.“
 Erschrocken vom Aufruf meines Namens stand ich wie versteinert und konnte mich nicht bewegen.
 „Jewgenij Boronajew, wo steckst du?“
 „Hier bin ich Herr Direktor“, rief ich mit leiser Stimme und streckte meine rechte Hand in die Höhe.
 „Komm vor!“
Ich ging wie befohlen nach vorne auf den Direktor zu. Er nahm mich unsanft an meinem Hemdkragen und drehte mich in Blickrichtung der Anwesenden.
 „Er wird einige Zeit bei uns bleiben bis seine Mutter ihn wieder abholt. Bis dahin behandelt ihn gut. Habt ihr verstanden?“, sagte er schmunzelnd.
 „Jawohl Herr Direktor“, brüllten sie wieder und einige grinsten in meine Richtung.
 „Du kannst wieder zurückgehen“, sagte er und gab mir einen Klaps auf den Kopf.
 „Schukow, vortreten“, hörte ich wie er einen weiteren Jungen zu sich rief.
 „Ihr könnt euch ein Beispiel an diesem Jungen nehmen, er hat freiwillig den Hof gekehrt und dazu hat er sich vorbildlich verhalten. Für dies bekommt er eine Belohnung.“
Der Direktor kramte in seiner Jackentasche und holte etwas, was ich nicht genau sehen konnte heraus.
 „Diese Tafel Schokolade ist die Belohnung für das beispielhafte Verhalten“, sagte er und hielt die Tafel in die Höhe. Er gab sie dem Jungen, der zu uns herüber sah und listig grinste.
 „So ein Arschkriecher“, sagte ein Junge neben mir und Wasja fügte „genau“ hinzu.
 „Kladjew.“
 „Hier Herr Direktor.“
 „Komm vor, aber schnell!“
Der aufgerufene Junge rannte nach vorne und stellte sich vor den Direktor.
 „Du hast einem Jungen grundlos die Nase blutig geschlagen. Ist das richtig?“, fragte er den Jungen.
 „Herr Direktor …“ weiter kam er nicht.
 „Zwei Tage Karzer.“
Ein Lehrer ging auf den Jungen zu, nahm ihm am Arm und führte ihn quer über den Hof, in ein anderes Gebäude. Der Junge sagte komischerweise keinen einzigen Ton.
Zum Schluss ermahnte uns der Direktor die Regeln strikt einzuhalten.
 „Jetzt wird gesungen“, flüsterte Wasja.
Kaum hatte er es ausgesprochen, stimmte der Direktor die „Internationale“ an. Wir sangen, nein, wir grölten, was unsere Stimmen hergaben.
Anschließend ließ er uns mit einem „Hurra“ wegtreten.
Danach ging es in die Schulklasse. Diese befand sich in einem anderen Gebäude des Heimes. Fast alle aus unserem Zimmer waren anwesend, nur Sascha fehlte.
„Wieso ist Sascha nicht hier?“, fragte ich Wasja.
„Der ist nicht mehr in der Schule, er ist sechzehn und geht in eine Lehre als Schreiner. Eigentlich sollte er schon im letzten Jahr in eine Pflegefamilie aber der Vater der Familie starb und so musste er hier bleiben. Ich glaube, das hat ihn so bösartig und unberechenbar gemacht, denn vorher war er ein relativ netter Kerl. Ich kam gut mit ihm aus. Seitdem er so ist, gehen wir uns aus dem Weg.“
 „Warum hast du dich von ihm im Waschraum so rumschubsen lassen, du bist doch bestimmt viel viel stärker als er.“
 „Ach Shenya, ich versuche jedem Krach aus dem Weg zu gehen. Sascha versucht seine derzeit abhanden gekommene geistige Stärke in körperliche Stärke umzuwandeln.
Geistige Stärke bedeutet jedoch nicht nur Muskeln sondern auch Liebe, Verzeihen, Toleranz und viele andere Eigenschaften. Von dieser Stärke habe ich mehr als er und das weiß er.
 „Woher weißt du solche Worte Wasja.“
 „Dazu benötigst du nicht viel. Nur Bücher. Bücher sind der Geist und die Intelligenz der Menschheit. Aus diesen kannst du alles erfahren. Siehe Sascha, oder auch einige andere, sie leben und haben keine Ahnung was Leben ist oder auch nur bedeutet. Sie denken nur vom Frühstück bis zum Abendessen. In der Zwischenzeit haben sie nur Scheiße im Kopf und versuchen die Zeit tot zu schlagen, egal mit welchen Mitteln. Es ist ihnen egal ob sie einen Menschen oder ein Tier quälen, Hauptsache die Zeit geht herum und sie haben sich irgendwie profiliert. Bücher, Bücher sind für sie nur zusammengeleimtes Papier, mehr nicht.“
 „Wieso bist du denn hier“, unterbrach ich ihn.
 „Meine Eltern waren Ärzte in einem Krankenhaus in Tomsk. Eines Tages wurden sie abgeholt und in ein Gefängnis gesteckt. Ich sah sie nie wieder. Den Grund habe ich bis heute nicht erfahren. Ich weiß nur, dass zu uns sehr oft fremde Leute kamen die mit meinen Eltern diskutierten. Ich hörte Namen wie Trotzki oder auch den Namen Stalins. Heute weiß ich, dass sie mit der Politik Stalins nicht einverstanden waren.“
 „Das tut mir aber leid“, sagte ich bedauernd.
 „Behalte das für dich. Du darfst niemandem etwas davon erzählen, niemals. Versprichst du mir das?“
 „Ich schwöre es“, sagte ich und hob meine rechte Hand zum Schwur. Wasja nahm meine Hand ruckartig nach unten.
 „Spinnst du“, flüsterte er.
 „Entschuldigung“, sagte ich beschämt.
 „Ist schon gut.“
 „Guten Morgen Kinder“, hörte ich eine freundliche weibliche Stimme zur Begrüßung.
 „Eine Lehrerin?“, fragte ich Wasja.
 „Ja, klar, wieso nicht, es gibt noch einige hier im Heim. Du wirst sie noch kennen lernen.“
 „Wie ich sehe, haben wir einen Neuen unter uns“, sagte sie, kam auf mich zu und gab mir ihre Hand.
 „Mein Name ist Larisa Korkaschwili, und wie heißt du?“
 „Ich heiße Jewgenij Boronajew“, sagte ich zu ihr.
 „Wie alt bist du?“
 „Ich bin elf Jahre“, sagte ich und blickte in ihr noch recht junges lächelndes Gesicht.
 „Na dann setz dich mal wieder“, forderte sie mich auf und ging zurück zu ihrem Tisch, der vor der Tafel stand die an der Wand hing.
 „Hast du deine Schulbücher und Schulhefte schon bekommen?“, fragte sie mich und ich verneinte dies.
 „Gut, ich werde sie dir besorgen und später geben. Bis dahin schaust du bei Wasja mit.“ Erst jetzt bemerkte ich, dass ich neben Wasja auf der Schulbank saß. Ich hörte ihr so gespannt zu, dass ich alles um mich herum vergaß.


 


9


Dad.“
 „Dad“, rief leise eine Stimme.
Ich drehte mich in die Richtung der Stimme und sah direkt in zwei hellbraune Augen, die mich freundlich ansahen.
 In diesem Augenblick erschrak ich fürchterlich, stieß dabei einen undefinierbaren Laut aus und machte einen kleinen Ruck nach hinten in den Sessel. Die freundlichen Augen gehörten einer riesigen schwarzen Deutschen Dogge, die mich lüstern, sabbernd und mit wedelndem Schwanz ansah.
 „Prince, geh zurück“, befahl Boron dem Hund.
 „Entschuldige Dad, sie sind mir durchgegangen.“
 „Ist schon in Ordnung Sina“, antwortete Boron.
Sie? Wer waren denn sie, dachte ich und sah einen senkrechten Schwanz an mir vorbeiziehen. Ich blickte dem Schwanz entlang nach unten und sah wem er gehörte. Eine graugetigerte Katze ging direkt auf Boron zu und sprang auf seinen Schoß. Er nahm sie hoch auf seinen Arm und sie schmierte ihre Backe an die seine.
 „Na Kater, du alter Schmiermaxe“, sagte Boron freundlich und drückte ihn an sich. Er und seine Familie schienen Tierfreunde zu sein. Wieder etwas, was ich ihm nie zugetraut hätte.
 „Dad, ich habe Kaffee, Sandwichs und Donuts, soll ich etwas hereinbringen?“, fragte Sina.
 „Ja gerne. Sie trinken doch auch Kaffee oder?“, fragte mich Boron.
 „Mr. Neumann, Sie trinken doch auch Kaffee ja?“, fragte er mich nochmals. Ich war sehr erstaunt über seine sehr gute Aussprache meines Namens Neumann denn die meisten sagten doch Newman.
 „Wie bitte? Ja gerne“, sagte ich verschämt, denn die erste Frage hatte ich nicht gehört da ich so vertieft in das Betrachten seiner Tochter war. Zum Glück hatte sie es nicht bemerkt, so hoffte ich zumindest.
Sina brachte uns Kaffee und Donuts.
 Die Dogge, stand immer noch sabbernd vor mir, sah mich unentwegt an ohne auch nur einen Laut von sich zu geben oder sich zu rühren.
 „Leg dich hin Prince“, sagte Boron im sanften Ton.
Mit einem fast menschlichen Seufzer legte sich der riesige Hund auf seinen befohlenen Platz. Die Katze hingegen blieb auf Borons Schoß liegen und schnurrte zufrieden.
 Sina, die Tochter des Hauses schenkte uns Kaffee ein, setzte sich in den zweiten noch freien Sessel und wir aßen die Sandwiches und tranken fast wortlos den sehr heißen Kaffe.
 „Hat Ihnen mein Dad Interessantes über sich erzählt?“, fragte mich Sina. Ich schluckte das Stück Sandwich, das ich genüsslich kaute, hastig hinunter und bejahte.
 „Oh ja, es ist sehr interessant, was er als Jugendlicher in diesem Heim erleben musste“, fügte ich hinzu.
 „Dad, kann ich hier bleiben. Ich bin sicher, dass du mir nicht alles erzählt hast. Stört es dich?“
 „Nein, im Gegenteil, bleib nur hier“, sagte Boron und strich der Katze mit seiner großen Hand sanft über ihren Kopf. Sie genoss es mit einem deutlich hörbaren lautem Schnurren. Ich sah zu Sina und fragte sie ziemlich einfallslos:
 „Sie heißen Sina?“
 „Ja, das ist die Kurzform von Sinaida“, erklärte sie mir freundlich.
Wieso fragte ich sie eigentlich, sie hatte sich doch beim ersten Treffen vorgestellt. Sie muss denken, ich bin ein Idiot. Egal, vielleicht hatte sie es vergessen.
 „Soll ich fortfahren, oder reicht es Ihnen für heute?“, unterbrach Boron meine Überlegungen und rettete mich aus dieser unangenehmen Situation.
 „Nein, es würde mich freuen, wenn Sie mir noch mehr erzählen würden.“
 „Sinatschka, würdest du mir bitte vorher noch ein Glas Wasser bringen? Für Sie auch Mr. Neumann?“
 „Nein danke, mir nicht“, antwortete ich ihm.
 „Frank, ich darf doch Frank sagen ja?“
 „Ja gerne“, antwortete ich erstaunt und war darüber sehr erfreut.
 „Gut, dann müssen Sie mich auch Eugen nennen.“
In der Zwischenzeit kam Sina mit dem Wasser und machte es sich auf dem Sofa bequem.
 Wo waren wir stehen geblieben? Achja. In der Klasse erzählte uns die Lehrerin von Stalins Geburtshaus in Gori, das ist in Georgien. Wie er gelebt und gelernt hatte. Eigentlich hieß er ja „Iossif Wissarionowitsch Dschugaschwili“ genannt Stalin der Stählerne. Sie pries mit feuchten Augen die Heldentaten und schwärmte vom gütigsten Vater der Sowjetunion. Er war in ganz einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Sein Vater hätte sich kaum um seine Familie gekümmerte, war trunksüchtig und schlug seine Frau und die Kinder.
 Aber, dass er in seiner Regierungszeit vermeintliche und tatsächliche politische Gegner sowie Millionen von Sowjetbürgern und ganze Volksgruppen in Gulag-Arbeitslager deportieren und zu großen Teilen ermorden ließ, das erzählte sie nicht. Möglicherweise wusste sie es auch nicht.
 Zum Schluss mussten wir alle aufstehen und die Internationale singen. Meine Mitschüler und ich hoben unsere rechte, zur Faust gebildete Hand und sangen lautstark – fast grölend:
 „Wacht auf Verdammte dieser Erde,
 die stets man noch zum Hungern zwingt!
 Das Recht wie Glut im Kraterherde
 nun mit Macht zum Durchbruch dringt.“
Oder so ähnlich. Ich weiß es nicht mehr. Ist auch schon zu lange her.
 Bei Mutter, Nadeshda und in meiner ehemaligen Schule wurde kaum oder nie über Stalin, Lenin oder gar über Politik gesprochen, geschweige denn die Internationale gesungen. Ich hatte überhaupt keine Ahnung was in diesem Land politisch vor sich ging. Als Kind interessierte mich Politik überhaupt nicht.
 Wasja saß ruhig auf der Bank, sprach während des Unterrichtes kein einziges Wort und beteiligte sich an keiner Diskussion. Gesungen hatte er auch nicht. Die Lehrerin forderte ihn auf mitzusingen, aber er sagte nur, er habe Halsschmerzen und sie glaubte ihm natürlich. Wie ich schon sagte, sie war eine sehr nette Frau. Eigentlich hatte sie in diesem Heim nichts zu suchen. Sie sah in jedem Menschen nur das Gute. Die Schüler liebten sie sehr, auch Wasja. Oft brachte sie Obst mit und verteilte es an uns. Ihre männlichen Kollegen taten dies nie.
 Nach der Pause kam ein Lehrer. Er hieß Tomas Kolechnitschenko und unterrichtete uns in Erdkunde. Er war einer der Strengen. Wir hatten bei ihm nichts zu lachen.
 Am Ende meines ersten Schultages war mein Kopf voll mit so vielen Informationen, dass mir der Schädel ganz schön brummte. Wir begaben uns auf unser Zimmer, um unsere Schulsachen abzulegen und warteten auf das Signal zum Mittagessen. Nach dem Läuten gingen Wasja und ich schweigend in den Speisesaal. Das gleiche Prozedere wie am Vortag. Die Lehrer sorgten für Ordnung und wir reihten uns in die Schlange der Wartenden an der Essensausgabe. An diesem Tag gab es Suppe deren Inhalt ich kaum definieren konnte mit einem Stück Brot.
 „An das Essen im Heim kann ich mich kaum noch erinnern. Es war schlecht und viel zu wenig für einen noch wachsenden Jungen. Es wird Sie auch kaum interessieren“, sagte Boron und fuhr ohne eine Antwort von mir zu erwarten in seinen Ausführungen fort.
 Nach dem Mittagessen gingen wir wieder auf unser Zimmer um uns etwas auszuruhen.
 Wasja hatte während des Essens kein einziges Wort gesprochen. Auch im Zimmer ging er wortlos zu seinem Bett und legte sich hin. Er verschränkte seine Arme hinter seinem Kopf und starrte zur Decke.
 Die anderen Jungs saßen wie sonst an den Tischen oder vertrieben sich anders die Zeit. Ich ließ Wasja in Ruhe, legte mich ebenfalls auf mein Bett und dachte mit Grausen an das Kommende. Ich war überzeugt, dass Sascha die Sache mit den Zigaretten nicht vergessen würde. Müde von diesen Gedanken fielen mir die Augen zu, um sie im gleichen Moment wieder schlagartig zu öffnen. Die Türklinke wurde mit einem Schlag nach unten gedrückt und die Tür aufgestoßen. Ein Lehrer, den ich bisher noch nicht gesehen hatte, stand mit einem Stock in der Hand im Türrahmen.
 „Ach du große Scheiße, Kus“, fluchte leise mein Nachbar und sprang aus dem Bett. Die anderen Jungs standen ebenfalls wie versteinert im Zimmer.
 „Wer von euch Hurensöhne hat ein Messer mitgehen lassen?“, fragte er wütend und schlug mit seinem Stock gegen sein rechtes Bein. Wir alle schauten uns erstaunt an.
 „Wer?“, fragte er nochmals, betrat das Zimmer und ging auf einen der Jungs zu, schaute ihm in einem sehr geringen Abstand in das Gesicht und fragte ihn:
 „Du? Hast du das Messer?“
 „Nein Herr Kusnezow, bestimmt nicht“, antwortete er verängstigt.
 „Wir haben kein Messer mitgehen lassen“, sagte Wasja und ging auf Kus zu, um ihn zu beschwichtigen.
So schnell konnte ich nicht schauen, wie Kusnezow mit dem Stock auf Wasjas linkes Bein schlug. Durch den Schlag knickte Wasja ein und fiel zu Boden. Er krümmte sich vor Schmerzen und hielt sein lädiertes Bein. Da Wasja, wie wir fast alle, kurze Hosen trug, schmerzte es besonders.
 „Wenn ich das Messer bei euch dennoch finde, wandert ihr alle in den Karzer“, schrie er und verließ wütend das Zimmer.
 Ich lief zu Wasja und half ihm beim Aufstehen. Einige Jungs halfen mir ihn auf sein Bett zu legen. Obwohl er höllische Schmerzen haben musste, war kein Jammern von ihm zu hören.
Ich nahm eines meiner sauberen Taschentücher, rannte in den Waschraum um es nass zu machen. Ich legte ihm das feuchte und kühle Taschentuch auf seinen lädierten Oberschenkel und fragte ihn, warum er das gemacht habe.
 „Wenn ich nicht zu ihm gegangen wäre, hätte er seine Wut an den anderen ausgelassen. Du kennst dieses Schwein nicht“, sagte Wasja mit verzerrtem Gesicht.
 „Da hatte er Recht, ich sollte ihn noch kennen lernen“, bemerkte Boron.


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