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Belletristik
Buch Leseprobe Herzen hopsen nicht, Marcus Wächtler
Marcus Wächtler

Herzen hopsen nicht


die Geschichte eines Beziehungsmelancholikers

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Donnerstag, 31. August – der Tag zuvor


 


»Ach komm, du weißt genau, wie ich das meine«, sagte Finn zu Katie, bevor er in eine Verteidigungshaltung überging. »Was kann ich denn auf einmal dafür? Ich versuche doch nur, ehrlich zu dir zu sein. Hätte ich dich stattdessen anlügen sollen? Willst du etwa, dass ich dir etwas vormache? Ich begreife schlichtweg nicht, was nun schon wieder daran falsch sein soll.« »Was daran falsch ist?«, schmetterte sie die Worte übergangslos zu-rück. »Hast du sie noch alle? Du machst mit mir gerade Schluss, und fragst mich auch noch, was daran verkehrt sein könnte? Ich glaube, ich bin im falschen Film. Wie um alles in der Welt kann man nur so zurückgeblieben sein? Vor allem mir auch noch solche Fragen zu stellen. Ich begreif das nicht. Habe ich mich wirklich derart in dir getäuscht?« »Was verstehst du denn nun schon wieder nicht?«, versuchte Finn, ein wenig Sprengstoff aus dem Thema zu nehmen. So geladen wie Katie in dem Augenblick auf ihn wirkte, empfand er zum Teil gehörigen Respekt vor der Frau. Entsprechend suchte er nach einer Möglichkeit, das Gespräch nicht allzu sehr hochzukochen. Vielleicht würde es funktionieren, wenn er das Thema totredete, dachte er bei sich selbst. Das hatte bereits einmal bei einer Ex geklappt, rief er sich in Erinnerung. Sie redeten damals so lange miteinander, bis sie es von sich aus einsah, warum es richtig war, die Beziehung zu beenden. Eventuell würde das mit Katie ja auch funktionieren – hoffte er zumindest. Schaden konnte es jedenfalls nicht. Im Reden war er eigentlich immer recht gut gewesen. Mehr noch, Finn hielt sich für einen sehr eloquenten Menschen. In den meisten Situationen entsprach es eher seinem Wesen, verschiedenste Sachen auszudiskutieren, totzuquatschen oder in einem Gespräch zu klären. Dementsprechend lief es auch in der Schule und dem Studium ganz ähnlich ab. Klausuren, schriftliche Klassenarbeiten und das zentrale Abitur waren ihm ein Graus gewesen. In der mündlichen Zwischenprüfung, dem mündlichen Abitur und bei Vorträgen hatte er hingegen fortwährend auf voller Linie geglänzt. Aus dem gleichen Grund hatte er ebenso seine leidlichen Probleme damit, wenn es darum ging, einen Liebesbrief zu verfassen. Stattdessen entsprach so eine klärende Unterhaltung wie heute und hier vergleichsweise eher seiner eigentlichen Wohlfühlzone. Das hieß jedoch nicht, dass Finn diese Situation genoss – ganz im Gegenteil. »Na, zwischen uns lief es doch ganz gut«, begann Katie stattdessen. »Die letzten Tage und Wochen fand ich eigentlich recht schön. Wir haben so viel Zeit miteinander verbracht und sind uns näher gekommen. Es ist ja auch nicht so, dass ich das Gefühl hatte, ich wäre dir egal. Eher im Gegenteil. Vielmehr warst du es doch, der stets versucht hat, etwas mehr daraus zu machen«, betonte sie. »Wieso nimmst du es mir auf einmal übel, dass ich probiert habe, mehr Zeit mit dir zu verbringen?«, fragte er Katie gerade heraus. »Was hat das damit zu tun?«, wollte sie im Gegenzug von ihm wissen. »Mir ist es wichtig, mehr über die Frau zu erfahren, mit der ich meine Tage verbringen will. Woher soll ich denn sonst wissen, ob du auch die Richtige bist?«, erwartete Finn, fast schon provokativ, von ihr zu erfahren. »Du hast dich regelmäßig darum gekümmert, dass ich mich wohlfühle. Andauernd bist du mit neuen Ideen und Einfällen gekommen, was wir unternehmen könnten. Du hast doch immer dafür gesorgt, dass es mir während der gemeinsamen Zeit gut geht.« Emotionsgeladen sah Katie ihn an. »Und was war daran falsch?«, bohrte Finn nach, um das Thema vom eigentlichen Schlussmachgrund wegzuführen. »Na, du hast mir immer wieder zu verstehen gegeben, dass da eben mehr war.« »Wie habe ich denn das geschafft?« Jetzt war Finn neugierig. »Zum Beispiel vor drei Wochen.« »Vor drei Wochen? Was soll da gewesen sein?« So sehr er darüber auch nachdachte, er wusste nicht, worauf Katie anspielte. »Der Ausflug zum Spitzhaus. Du weißt doch ganz genau, worauf ich hinaus will«, entgegnete sie. »Du, ehrlich, ich habe keine Ahnung, was du mir damit sagen möch-test.« Finn wusste tatsächlich immer noch nicht, was Katie von ihm wollte. »Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass wir damit unsere Bezie-hung auf eine andere Ebene gehoben haben.« Er konnte sie nur mit großen Augen anblicken, mehr war er nicht in der Lage zu entgegnen. Entsprechend führte sie ihre Behauptung weiter aus. »Pärchen gehen nicht einfach mal so zum Spitzhaus hinauf. Das ist ein ganz besonderer Ort. Es gibt kaum einen romantischeren Aussichts-punkt in Dresden und Umgebung. Du hast doch den Rundumblick selbst gesehen. Oberhalb von Radebeul gelegen, ist es mit Abstand der beste Punkt, um sich einen Sonnenaufgang über dem Elbtal anzuschauen.« »Ja klar, das weiß ich. Deswegen bin ich mit dir auch da hinaufgestie-gen. Du sagst mir damit wenig Neues. Ich verstehe aber nach wie vor noch nicht, worauf du genau hinaus willst. Was hat der Aussichtspunkt mit unserer Beziehung zu tun?« »Genau das!« Katie versuchte, ruhig zu bleiben. »Kein Mann steigt einfach so mit einer Frau auf einen derart romantischen Ort hinauf, ohne etwas damit zu bezwecken. Normalerweise steckt da immer irgendetwas Bedeutsames dahinter. Für mich war es jedenfalls das Zeichen, dass da mehr zwischen uns ist. Mir ist klar, dass Männer nicht gut über ihre Ge-fühle reden können. Entsprechend dachte ich, du würdest es mir auf diese Art sagen wollen.« »Aber das war doch nur ein ganz normaler Ausflug«, versuchte Finn, die Situation zu relativeren. »Für dich vielleicht!« »Was hätte es denn sonst sein sollen?«, fragte er deswegen nach. »Für mich war es eben mehr«, stellte Katie fest. »Du hast mir etwas zu verstehen gegeben. Wenn schon nicht mit Worten, hatte ich gedacht, dass du sagen willst – los, jetzt versuchen wir es richtig miteinander.« Für Finn war das Ganze nur schwer nachzuvollziehen. Eigentlich war es für ihn wirklich nur ein beliebiger Ausflug gewesen. Egal was die Menschen auch von ihm dachten: Er wusste, wie Frauen ticken und funktionieren. Entsprechend war er sich der Wirkung eines Sonnenaufgangs an einem derart romantischen Aussichtspunktes durchaus bewusst. Dass Katie allerdings so viele Erwartungen und Hoffnungen in diesen Ausflug gesteckt hat, war ihm nicht klar gewesen. Prinzipiell stellte dieser Tag für ihn eher die letzte Chance dar, zum Ende hin vielleicht doch noch tiefere Gefühle für Katie zu entwickeln. Finn hatte darauf gehofft, dass bei einem innigen Kuss sein Herz letztlich doch noch beginnen würde, endlich vor Liebe loszuhopsen. Bei solchen Aktionen lernte er am ehesten etwas über die jeweilige Partnerin. Für ihn war es wichtig, schon am Anfang herauszufinden, ob man zusammenpasste oder eben nicht. Entsprechend versuchte er oft, sich in den ersten Tagen und Wochen darüber bewusst zu werden, ob sie die Richtige für ihn wäre oder eben nicht – so auch bei Katie. Ihre Stimme riss ihn erneut aus den Gedanken. »Wie aus heiterem Himmel kommst du aber her und eröffnest mir, dass du vorhast, die Sache zu beenden. Ich kapiere das nun einmal nicht so ohne weiteres. Was war denn an uns so schlecht, dass du alles ohne Umschweife in den Müll werfen willst? Bin ich dir nicht gut genug? Hast du eine andere, oder was soll die ganze Sache hier?«, hakte sie scharf nach. »Ich will wissen, was du dir dabei gedacht hast!« Finn sah ein, dass seine Taktik diesmal wenig bringen würde. »Na ja, was soll ich sagen«, begann er weiter auszuholen. »Nein, eine andere gibt es selbstverständlich nicht. Es ist trotzdem alles nicht ganz so einfach, wie du es dir vielleicht denkst. Wir sind nun schon seit vier Monaten zusammen. Eigentlich ist es sogar recht nett, aber es fehlt halt irgendwas Bestimmtes. Ich kann auch nicht richtig erklären, was es ist. Da ist so etwas Unbestimmtes, eine Art Leere, ein Stück oder ein Teil, was nicht wirklich stimmt oder passt.« »Ich habe keine Ahnung, was du damit meinst«, zeigte sich Katie fas-sungslos. »Wieso fällt dir das ausgerechnet heute ein? Hättest du mit dei-nen Bedenken nicht ein wenig eher kommen können? Ich meine, ich habe angefangen, unsere gemeinsame Zukunft zu planen. Ich dachte, dass es etwas mehr wird zwischen uns. Verstehst du? Ich hab begonnen, dich zu lieben!« Ihre Worte gingen in ein Schluchzen über. Das war genau das Thema, auf das Finn hinauswollte. Dabei ignorierte er die Situation, dass sich Tränen in den Augen der frischen Ex-Freundin bildeten. In seinem jetzigen Zustand war ihm dies leidlich egal. Frauen heulten im Prinzip immer, wenn es darum ging, eine Beziehung zu retten. In der Regel weinten auch Männer, wenn ein Partner oder eine Part-nerin mit ihnen Schluss machte. Allerdings taten sie das allein und für sich selbst. Finn glaubte mittlerweile, dass es nur eine Strategie des weiblichen Geschlechts darstellte, um letztlich doch noch zu gewinnen. Es gab bestimmt genug Männer, die sich durch Tränen erweichen ließen. Eventuell waren es aber auch nur ihre verletzten Gefühle, die sich einen Weg nach draußen suchten. In jedem Fall war es nach dem Schlussmachen nicht mehr seine Angelegenheit. »Und genau das meine ich. Das ist ja gerade das Problem. Ich glaube, dass ich dich eben nicht liebe«, setzte er an Katies Worte an. »Was willst du mir damit sagen?«, reagierte sie mit schon schrillerer Stimme augenblicklich auf seine Worte. »Hast du mir etwa in den letzten vier Monaten irgendwas vorgespielt? Was waren die ganzen Momente, Abende und Nächte sonst für dich?« »Nein, natürlich nicht«, versuchte Finn zugleich, die vorherige Aussage zu relativieren. »Ich mag dich wirklich. Ich mag dich sogar sehr. Nur leider ist da eben nicht mehr als das. Ich weiß nicht genau, wie ich es sonst ausdrücken soll. Es fehlt letztlich irgendetwas. Es ist einfach auch nicht mehr so wie früher.« »Was meinst du nun schon wieder mit früher?« »Naja, damals eben«, druckste er herum. »Jetzt komm mir bitte nicht so! Du schuldest mir wenigstens eine vernünftige Antwort!« »Kennst du das nicht?«, fragte er deswegen zurück. »Was soll ich kennen? Wieso druckst du hier so herum? Verdammt noch mal – entweder du gibst mir eine richtige Erklärung oder du bist der größte Vollidiot aller Zeiten!«, schmetterte sie ihm entgegen. Gleichzeitig verschränkte Katie ihre Arme vor der Brust, um eine ge-wisse Entschlossenheit zu demonstrieren. Sie beabsichtigte offensichtlich, dieses Thema hier und jetzt komplett durchzukauen. Finn verfluchte sich dafür, dass er mit dem Problem angefangen hatte. Eigentlich empfand er es als zu privat, als dass er vorhatte, es mit Katie zu erörtern. Obwohl sie seit vier Monaten ein Paar waren, hatte er sich ihr gegenüber nie wirklich geöffnet. Umso verfahrener war die Situation, dass er es heute an diesem letzten Tag doch noch tun müsste. Egal ob er wollte oder nicht – er war nun gezwungen, die Angelegenheit aufs Genauste darzulegen. »Ich weiß nicht genau, wie ich es erklären soll«, begann er deswegen weiter auszuholen. »Früher war die Liebe irgendwie anders. Bei meiner allerersten Freundin damals – dieses Gefühl. Verstehst du, was ich mei-ne?« Ziemlich ratlos blickte ihn Katie weiterhin an. Anscheinend wusste sie nicht, worauf er eigentlich hinauswollte. Dabei war es doch so simpel, stöhnte Finn innerlich auf. Ihm fiel es nur schwer, seine Gedanken in Worte zu fassen. Er versuchte es tapfer weiter. »Na, ich meine das Gefühl, was ich damals empfunden habe. Dieses besondere … Du kannst mir doch nicht erzählen, dass du nicht weißt, wovon ich eigentlich spreche. Jeder von uns hat das doch schon einmal verspürt. Ich kann nicht glauben, dass du so tust, als würdest du nicht wissen, was ich meine«, machte er ihr Vorwürfe. »Dann sag doch endlich, was dir auf der Zunge liegt«, gab sie ihm die Chance, sich doch noch irgendwie aus dem Dilemma zu befreien. »Es ist einfach so, dass mein Herz bei dir nicht hopst!«, platzte es aus Finn heraus. Perplex blickte Katie ihn für ein paar Sekunden lang an. Nachdem sie sich gefangen hatte, gruben sich mehrere tiefe Furchen in ihre Stirn. »Hopsen? Was zum Teufel meinst du mit Hopsen?« Katie stand daraufhin kurz davor zu platzen. Was sollte sie mit dieser Aussage auch anfangen? »Na, das Gefühl eben. Bei meiner ersten Freundin war es jedes Mal so, als wenn mein Herz aus der Brust springen würde, sobald wir uns sahen. Bei dir ist es eben nicht so«, sprach er es endlich aus. »Verstehst du mich jetzt? Es wäre mir wichtig, dass du mir folgen kannst.« Mittlerweile bettelte Finn sie förmlich an. »Es geht hier schließlich um ganz private Dinge, die ich sonst nicht ohne weiteres preisgebe.« Mit hoffnungsvollem Blick wartete er auf eine Reaktion von Katie. Sehr zu seinem Verdruss blieb diese leider aus. Bis zu dem Moment hatte er immer noch gehofft, sich irgendwie aus dem Dilemma befreien zu kön-nen. Sich in dieser Weise gegenüber Katie zu öffnen, entsprach seiner Meinung nach nicht dem Grad einer Beziehung nach vier Monaten. Der-artige Dinge war er maximal nach zwei oder drei Jahren bereit, einer Part-nerin anzuvertrauen. »Ich suche jenes Gefühl von damals. Es sollte so sein wie früher. Es hat sich zu jener Zeit komplett anders angefühlt. Es war irgendwie größer, bunter und intensiver. Es war einfach so viel mehr als das, was wir beide im Moment haben. Ich kann dir nicht genau beschreiben, worauf ich hinaus möchte. Was ich allerdings weiß, ist, dass ich mehr will als das hier.« Er war lange genug ruhig geblieben, stellte Finn für sich fest. Wenn sie es darauf anlegte, konnte er genauso gut die Konfrontation suchen. Eigentlich hatte er vorgehabt, sich friedlich und einvernehmlich von Katie zu trennen. So wie die Situation sich jedoch in dem Moment entwickelte, würde es zu einem ordentlichen Streit führen, wurde ihm immer bewusster. Er fragte sich, warum Frauen im Allgemeinen nicht in der Lage waren zu akzeptieren, dass Männer plötzlich den Schlussstrich zogen. Immerzu versuchten sie, mit Gerede doch noch irgendetwas zu reparieren oder zu kitten, wo nichts mehr zu retten war. Dabei war der Drops gelutscht. Finn hatte schlichtweg keinen Bock mehr auf all das hier. Es brachte ihm nichts, darauf zu warten, dass sich ein Gefühl einstellte, was sowieso nie kam. Lieber zog er in dem Moment die Reißleine, als dass er sich weitere Monate durch eine lauwarme Beziehung quälte. Für ihn war so ein präziser, schneller und einfacher Schnitt stets die bessere Lösung als der quälende und beliebige Alltag. Anscheinend hatte er aber zu lange geschwiegen, denn Katie sah ihn immer finsterer an. Deswegen ergriff Finn erneut das Wort. Obwohl er aus seiner Warte heraus schon alles erzählt hatte, versuchte er abermals, den Sätzen mehr Inhalt zu verleihen. Ihm war es klar, dass das ganze Thema recht schwammig daherkam. Letztlich ging es jedoch um Gefühle und den Umstand, diese in Worte zu fassen. Entsprechend war es prob-lematisch, den Sachverhalt der Gesprächspartnerin auch tatsächlich näherzubringen. »Mehr kann ich dir bedauerlicherweise nicht sagen. Ich will dieses Hundertausend-Volt-Gefühl, die Schmetterlinge im Bauch und den Him-mel auf Erden. Ich will schlichtweg, dass mein Herz aus der Brust hopst. So leid es mir eben tut – bei dir ist es einfach nur nett.« Dieser letzte Zu-satz sollte jedoch nicht ohne Folgen bleiben. »Aha, nett also!« Katies Stimme wurde daraufhin plötzlich eisig, kalt und hart. »Merkst du es eigentlich noch? Nett ist der kleine Bruder von Scheiße! So etwas haust du mir nach vier Monaten an den Kopf? Hätte dir das nicht bereits schon viel eher einfallen können? Ich meine, hallo! Wir sind sogar schon zusammen nach Hamburg gefahren. Wir sind romantisch an der Alster entlang flaniert. Wir haben uns gemeinsam Sonnenuntergänge angesehen. Du bist obendrein mit mir in ein Musical gegangen.« Katie holte kurz Luft. »War dir denn nicht schon ab der zweiten Woche klar, dass du und dein verkrüppeltes Herz nicht irgendwohin hopsen? Ich versteh generell nicht, worauf du eigentlich hinauswillst. Für mich ergeben deine ganzen Erklärungen wenig Sinn. Was soll unsere Beziehung mit irgendwelchen ehemaligen Verflossenen zu tun haben? Das Einzige, was ich mitbekommen habe, ist, dass du ein verdammter Idiot bist!«, schrie sie ihn nunmehr lauthals an. Augenblicklich zuckte Finn zusammen. Im Prinzip hatte sie mit ihrer Einschätzung ins Schwarze getroffen. Schon nach der ersten Nacht ist ihm bewusst gewesen, dass sie nicht die Richtige war. Er hatte nur gehofft und gebetet, dass sich das noch ändern würde. Letztlich war Katie eine echt tolle Frau. Der Körperbau nicht zu verachten, im Bett praktisch eine Granate und im Köpfchen auch nicht zurückgeblieben. Nur leider hatte das letzte Quäntchen gefehlt. Eben, dass beim ihm nichts hops gemacht hatte. Genau dies war aber das Wichtigste für ihn. Was nützte es, wenn er die Frau nur als nett, hübsch und sympathisch empfand. Ohne die tiefen Gefühle war die Beziehung von vornherein dazu bestimmt, an irgendeinem Punkt zu scheitern. Entsprechend hielt er seine Entscheidung, die Geschichte vorzeitig zu beenden, für die einzig Richtige. »Du blöder Wichser!« Katie wurde zunehmend ungehaltener. »Ich habe dich nah an mich herangelassen. Und wofür das alles? Damit du mir hinterher sagst, es wäre ja alles ganz nett gewesen? Nur eben, dass dein verkrüppeltes Herz nicht richtig mitspielen will. Du bist so ein richtiger Idiot, weißt du das?« Dies war der Moment, als Finn beschloss, das Gespräch samt Bezie-hung zu beenden. Er hatte alles gesagt, was es zu sagen gab. Mehr würde nur ihre und seine Zeit verschwenden. Er hätte das alles ja auch per WhatsApp erledigen können. Etliche seiner Freunde bevorzugten momentan diese Art der Konversation. Er wusste von mindestens zwei Fällen, die ihre Freundinnen mit einer lapidaren Nachricht abgeschossen hatten. Aber nein, Finn sah sich als einen Mann der alten Schule, der solche Sachen von Angesicht zu Angesicht klärte. Als Dank dafür durfte er sich nun von Katie aufs Äußerste beschimpfen lassen. Zum Glück hatte er nicht mit dem ›Wir-können-ja-noch-Freunde-bleiben‹-Thema angefangen. Wer weiß, wie Katie erst darauf reagiert hätte. Vielleicht sollte er es doch darauf ankommen lassen, witzelte Finn im Stillen. Nun war sowieso alles zu spät. Ihre Reaktion auf das ›Freunde-bleiben‹-Thema würde ihn even-tuell im Gegenzug noch den Tag versüßen. »Hörst du mir überhaupt noch zu?«, drang Katie mit aller Macht wie-der in den Vordergrund seiner Wahrnehmung. »Was? Ja, na klar, wieso denn nicht?«, reagierte Finn souverän. »Damit wäre nun alles geklärt. Ich glaube, ich habe dir damit ausreichend dargelegt, damit du meine Entscheidung verstehen, begreifen und akzeptieren kannst.« »Du bist so ein Riesenarschloch!«, warf sie ihm daraufhin an den Kopf. »Ja, das habe ich schon des Öfteren gehört«, entgegnete Finn selbstgefällig auf die Entgleisung. Zugleich begann sich ihr Gesicht zunehmend zu verfinstern. Finn spürte, dass er zu weit gegangen ist. Eventuell war es doch nicht der rich-tige Weg, Katie derart zu reizen. Eigentlich würde er sehr wohl noch mit ihr befreundet bleiben wollen. Im Bett war sie außerdem eine Klasse für sich. Sich die Möglichkeit weiterer Schäferstündchen zu verbauen, sah Finn ganz und gar nicht ähnlich. Entsprechend galt es für ihn, Katie nicht allzu sehr zu verärgern. »Okay, hör mir bitte zu«, fing er deswegen mit seidiger Stimme an. »Es ist meine Schuld. Mea culpa! Du kannst sehr gern alles auf mich schieben. Es würde aber nichts bringen, wenn wir die Sache weiter in die Länge ziehen. Ich glaube, so ist es am besten für uns beide. Ich mache dir doch nichts vor. Es hat sich schlichtweg nicht so entwickelt, wie ich es mir gewünscht hätte. Du bist eine tolle Frau, aber leider funktioniert das mit uns beiden nicht wirklich. Du kannst jetzt sehr gern böse auf mich sein und mich hassen. Das ist dein gutes Recht. Ich werde dich jedoch immer mögen. Du bist ein bezauberndes Wesen. Deswegen hast du etwas Besseres als mich verdient.« Leicht verlegen versuchte Finn, einen besonders verletzlichen Ein-druck zu erzeugen. Natürlich hätte Katie nun jeglichen Grund, ihn zu hassen. Wahrscheinlich würde sie das sogar auch tun. Finn wusste allerdings ebenso, dass sie sich in ein paar Wochen wieder verstehen würden. Wie erwartet war kein Anflug von Verständnis, Vergeben oder Ver-gessen in Katies Augen zu sehen. Eiskalten und klaren Kristallen gleich leuchteten ihre Pupillen in dem eigentlich recht hübschen Gesicht. Wäh-rend Finn noch auf eine Erwiderung wartete, nahm er eine ungewohnte Regung an Katie wahr. Er glaubte, eher Abscheu, Verachtung und Ekel darin zu erkennen, denn irgendein positives Gefühl. Zeitgleich verengten sich ihre Augen, der Mund wurde zunehmend spitzer und ein gemeiner Ausdruck bildete sich in den Grübchen auf ihren Wangen. Finn konnte gar nicht so schnell ausweichen, schon knallte ihre flache Hand ohne Vorwarnung und mit voller Wucht in sein Gesicht. Halbwegs würdevoll ließ er sich nicht anmerken, dass der Schlag durchaus schmerzhaft intensiv ausgeführt worden war. Diese Reaktion hatte er so ganz und gar nicht kommen sehen. Ei-gentlich war er davon ausgegangen, dass sie sich verständigt hatten. Finn begriff nicht, warum Frauen immer so überreagierten. Benahm man sich als Mann wie der letzte Neandertaler, war es falsch. Versuchte man hingegen, die Sache zu klären, erhielt man im Gegenzug eine gepfefferte Backpfeife verpasst. In jeglicher Hinsicht war es egal, wie er reagierte. Er war am Ende auf jeden Fall immer das Arschloch. Zumindest hatte Finn aber die Beziehung erfolgreich beendet. Am morgigen Tag würde er neuerlich im Downtown hinter den Reglern ste-hen. Das bedeutete, dass er endlich wieder ohne schlechtes Gewissen neue Frauen kennenlernen konnte. Irgendwann würde er die Richtige finden, da war Finn sich sicher. Ir-gendwann würde die Eine vor ihm stehen, nach der er schon so lange suchte. Irgendwann würde sein Herz zu guter Letzt noch einmal zu hop-sen anfangen, wenn er die einzig Wahre fand.


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