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Belletristik
Buch Leseprobe Helga im Kamin , Friedrich Grotjahn
Friedrich Grotjahn

Helga im Kamin


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Helga im Kamin Sie stand im „Herrenzimmer“, dem unteren Wohnzimmer, in dem es immer nach Zigarren roch, obwohl es selten benutzt wurde; in dem weitläufi gen Bauernhaus war Platz für mehrere Generationen. Helga wohnte seit einem Jahr in diesem Haus, lebte hier immer noch wie eine Fremde, ungebeten, ausgehalten, auf Abruf. Durch den Kamin kamen Stimmen aus dem Raum darüber, Männer- und Frauenstimmen. Vor einer Stunde hatte sie den Bruder ihrer Schwiegermutter zusammen mit seiner Frau in ihrem neuen Volkswagen auf den Hof fahren sehen. Der Bruder hatte eine Rechtsanwaltskanzlei in Heide, und er wurde eingeladen, wenn etwas zu besprechen war, was möglicherweise juristisches Wissen und Handeln erforderte. Helga näherte sich dem Kamin in einer Art Slalom, umging die knarrenden Stellen auf den Eichenbohlen. Nun stand sie direkt davor. Das Gespräch von oben kam wie in Wellen, schwoll an, darauf die beschwörende Stimme ihrer Schwiegermutter: „Leise doch! Wer weiß, an welchem Schlüsselloch sie horcht.“ Eine Weile ging es im Flüsterton weiter, wurde dann wieder lauter. . Sie kroch in den Kamin hinein. Der war ausgefegt und kühl jetzt im Sommer. Von hier aus verstand sie auch das oben Gefl üsterte:„Dann machen wir das eben so…“ Ihr war kalt, wie sie da in dem Ofenloch hockte. Sie zog ihr Sommerkleid über die Knie, schlang die Arme darum, horchte. Und was sie hörte, ließ sie erstarren bis in die Haarspitzen. – Es ging um sie, um ihre Tochter, um ihren Mann. Ihr Mann, Jan Jansen, war Kind dieses Hauses. Hier war er geboren, hier war er aufgewachsen, und immer, wenn er daran zurückdachte, fröstelte es ihn. Er konnte sich nicht erinnern, als kleines Kind jemals von seiner Mutter auf den Arm genommenund geknuddelt worden zu sein. Nie hatte der Vater ihn auf seineKnie genommen und mit ihm „Hoppe Reiter“ gespielt. Geredet wurde in diesem Haus nur das Nötigste. – Sprache als Instrument, sich zu verständigen, nicht, um sich zu verstehen. Der Tradition entsprechend würde er, der Älteste, wenn es soweit wäre, den Hof übernehmen. Doch mit Achtzehn, wurde er erst einmal Soldat. Das war 1943. Sein erster Einsatz bestand darin, in Hamburg, nach den furchtbaren Bombennächten Ende Juli, Leichen zu bergen. Er arbeitete präzise und schweigsam, brachte es hinter sich wie das Abladen eines Heuwagens; eine Arbeit, die getan werden musste. Was gab es da zu reden? – Nur, dass er nachts davon träumte. Nach einer Kurzausbildung am Gewehr – eine elende Schleiferei – wurde er nach Frankreich transportiert, das Vaterland verteidigen. Bei der ersten „Feindberührung“ kam er in Kriegsgefangenschaft. Die Gefangenen waren in einer großen Baracke untergebracht, Schlaf-, Wohn- und Essraum zugleich. Sie war bestückt mit „Viererblöcken“: mit Maschendraht bespannte Liegen für je vier Mann. Offen für die ganze Halle. Außerdem gab es ein paar lange Tische mit Bänken zum Sitzen. Alles war dreckig und völlig verwanzt. Jan wurde eingesetzt, in einer Saline zu arbeiten. Die Arbeit war mörderisch. Das Salz und die südfranzösische Sonne brannten sich in seine Haut. Es gab keinen Schutz für die Augen in dieser grellweißen Salzlandschaft. Dazu kam das viel zu knappe und schlechte, manchmal verdorbene, Essen. Das alles setzte ihm derart zu, dass er sich kaum noch Chancen ausrechnete, lebend davon zu kommen. Da gab es in seinem Lager eine offi zielle Anfrage: Gesucht wurden solche, die sich mit Landwirtschaft auskannten. Er überlegte, ob er sich melden sollte, ob das überhaupt noch Zweck habe angesichts seiner Todesnähe. Dann tat er es doch. Er wurde einer Bauernfamilie zugewiesen. Der Bauer, der Vater, hatte bei einem Arbeitsunfall das linke Bein verloren, war nicht mehr in der Lage, auf dem Feld zu arbeiten. Wie Jan am Hoftor, vom LKW abgeladen, sich kaum auf den Beinen halten konnte, kam ihm eine Frau entgegen, im Schlepptau einen halbwüchsigen Jungen und ein kleineres Mädchen, und er sah genau, wie sie erschrak, als sie ihn sah. Die Frau ging auf ihn zu, Tränen standen ihr in den Augen, sie umarmte ihn und redete auf ihn ein; gute Worte, die er nicht verstand aber begriff: „Mon Dieu! Mein armer Junge! Was haben sie nur mit dir gemacht? Du siehst aus wie der Tod auf Urlaub.“ Sie trat einen Schritt zurück, und nun bekam ihre Stimme einen entschiedenen Kommando-Ton: „So, zuerst wird gebadet, dann gegessen, und dann ab ins Bett!“Beim Essen schlief er ein. Sie brachte ihn ins Bett, unterstützt von ihren Kindern. Er schlief sechzehn Stunden. Und als er aufwachte, fand er sichin einem Bett wieder, einem richtigen Bett mit sauberem Bettzeug, in einer Kammer nur für ihn. In den nächsten Tagen erfuhr Jan Jansen, wie es ist, in eine neue Familie hineingeboren zu werden. Zum ersten Mal in seinem Leben bekam er zu spüren, was das ist: Mutterliebe. Und wie schön es sein kann, mit Geschwistern herumzualbern, einfach so. An seinen Namen Jan mussten sie sich erst gewöhnen. Er klang so ähnlich wie der seines neuen Bruders, des sechzehnjährigen Jean. Seine Schwester hieß Francoise, die war zwölf. Der Vater hieß André und die Mutter: Maman. Nachdem er sich erholt und eingelebt hatte, ging Jan an die Arbeit. Auf dem Hof hatte seit dem Unfall des Bauern nur noch das Nötigste getan werden können, um ihn in Gang zu halten. Jans Aufgabe war es, aufzuräumen, ihn wieder aufzubauen. An einem der ersten Tage fuhr André mit ihm die Felder ab, damit er einen Eindruck von ihrer Größe und ihrem Zustand bekäme. Und von da an saßen sie jeden Abend zusammen. Zuerst erteilte André ihm genaue Anweisungen für den nächsten Tag, die Jan nur zum Teil verstand, doch er wusste ohnehin, was zu tun war. Und je länger je mehr wurde aus den Anweisungen des Bauern ein gemeinsames Planen. André genoss es, einen so kompetenten Mitarbeiter zu haben, der seine landwirtschaftlichen Kenntnisse aus Norddeutschland in den südfranzösischen Betrieb einbrachte. Am Tage dann kümmerte Jan sich um alles, was draußen zu tun war. Jean unterstützte ihn. André und Maman versorgten die vier Kühe und sorgten sich um die Aufzucht der Schweine. Jan erfuhr, dass das ganze Leben mit Sprache zu tun hatte, mit französischer Sprache. Besprochen wurde alles, nichts wurdebeschwiegen, wie er es von zu Haus kannte. Sogar für Gefühle gab es Wörter. Und er ließ sich darauf ein: Er lernte schnell französisch, und überhaupt lernte er, zu sprechen, sich mitzuteilen, über sich und seine Gefühle Auskunft zu geben. Der Krieg ging zu Ende, war zu Ende. Der Sommer 1945 ging vorbei. Jan war immer noch da. Er hätte bleiben können bei seiner französischen Familie. Andererseits – er wusste gar nicht wieso – er wollte wieder zurück nach Deutschland. Er besprach das mit André, Maman und seinen Geschwistern. Alles Für und Wider wurde erörtert. Schließlich einigten sie sich darauf, dasser den Winter über noch da blieb: „Im Norden Deutschlands istes jetzt viel zu kalt“, sagte André, „da ist richtig Winter.“ Im April 1946 machte er sich auf den „Heimweg“. „Du kannst jederzeit zu uns zurückkommen“, sagte Maman. „und wenn nicht für immer, so doch immer wieder. Das musst du versprechen. Schließlich gehörst du zur Familie.“ Jan fuhr also zurück nach Deutschland. Von der Grenze aus schickte er seinen Eltern ein Telegramm mit Ankunftstag und Ankunftszeit. Helga Drolshagen saß auf der Bank vor dem Tagelöhnerhaus und schälte Kartoffeln. Ihre Hamburger Wohnung war in der zweiten großen Bombennacht im Juli 1943 in Schutt und Asche gelegt, sie war mit ihrer Mutter evakuiert und hier eingewiesen worden. Man habe sie nicht gebeten, hierher zu kommen, könne dagegen aber nichts machen, hatte die Bäuerin sie begrüßt. Und „damit das klar ist“, auf dem übrigen Hof hätten sie nichts zu suchen. Nun war der Krieg längst zu Ende, und sie wohnten immer noch hier. Die kleine Tür im Hoftor wurde geöffnet. Ein junger Mann betrat den Hof, in der Hand ein Bündel, sah sich unschlüssig um. „He, wer bist du denn, dass du so einfach auf den Hof kommst. Der ist ‚betreten verboten’.“ Der Mann kam auf sie zu, stand vor ihr: „Je suis… Ich bin Jan, Jan Jansen. Wenn mich nicht alles täuscht, bin ich hier zu Hause. Und wer bist du?“ „Ich bin Helga, Helga Drolshagen und wohne hier mit meiner Mutter seit August 1943. Wir sind in Hamburg ausgebombt. Im Übrigen hast du dir für deine Rückkehr einen schlechten Tag ausgesucht. Deine Eltern sind mit dem Einspänner nach Husum zum Pferdemarkt. – ‚Bloß weil der Junge zurückkommt, können wir doch nicht auf den Pferdemarkt verzichten’, habe ich deine Mutter reden hören, als sie los fuhren.“ Da wusste Jan Jansen: Er war wieder zu Hause. „Vor Abend sind die nicht wieder zurück“, sagte Helga. „Du kannst solange hier bleiben und mit uns essen. Zuerst mache ich dir mal einen Kaffee, was man hier so Kaffee nennt.“ – „Sprichst du französisch?“ fragte Jan. „Ein bisschen“, antwortete sie. „Was man so in drei Jahren in der Schule mitbekommenhat.“ – „Wunderbar! Ich brauche wen, mit dem ich französisch reden kann.“ „Da bist du ja“, sagte Jans Mutter, als sie und ihr Mann am Abend zurückkamen. Dass er so lange bei den „Hamburgern“ gewesen war, nahm sie ihm übel. „Hättest zu Andresens gehen können. Die Wiebke ist nun auch schon neunzehn. Ist eine gute Partie, könnte dir gefallen.“ Sein Bündel mit all seinem Hab und Gut, mit allem, was er aus den Jahren der Gefangenschaft heimgebracht hatte, dieses Bündel verbrannte sie, ohne ihn gefragt zu haben, im Küchenherd.Die meisten Heimkehrer brächten Ungeziefer mit nach Hause. Helga und Jan trafen sich, sooft es ging. Und wenn sie allein waren, sprachen sie französisch miteinander. Jan war ein guter Lehrmeister und Helga eine gelehrige Schülerin. So entstand in diesem Dorf in Dithmarschen eine kleine südfranzösische Sprachkolonie. Und bald gab es dort niemanden, der nicht wusste, dass die beiden „miteinander gingen“. Das blieb auch Jans Eltern nicht verborgen. Als Helga schwanger war, ging Jan zu seinem Vater und teilte ihm mit, Helga und er würden heiraten. Die beiden Männer standen sich gegenüber im Jagdzimmer des Vaters, mit seinem Eichentisch, dem Gewehrschrank, den Jagdtrophäen an den Wänden und der Urkunde vom schleswig-holsteinischen Jägerverband. In diesem Raum fühlte der Vater sich am wohlsten, und hierher bestellte er seinen jeweiligen Gesprächspartner, wenn es um wichtige Dinge ging. „Heiraten!“ höhnte er, „wohl auf Französisch, was? – Daraus wird nichts. Die Helga mag ja ein nettes Mädchen sein. Aber zur Bäuerin taugt diese Deern aus der Stadt nicht, wenigstens nichtzu einer deutschen.“ Doch nun stellte sich heraus, dass Jan Jansen einen mindestens ebenso harten Bauernschädel hatte, wie sein Vater und alle seine Vorfahren. Er setzte sich durch. Der Pastor, bei dem sie sich zur kirchlichen Trauung anmeldeten, machte die von einer Versöhnung mit den Eltern abhängig. Also heirateten sie nur standesamtlich, und zur Feier im Saalvon Hartmanns Weghaus kamen die Eltern selbstverständlichnicht. Dass Helga anschließend zu Jan ins Haupthaus zog, konnten sie nicht verhindern. Die Geburt ihrer Enkeltochter „Francoise“nahmen sie zur Kenntnis, nur mussten sie sich über den Namen aufregen: Ein Kind mit einem französischen Namen auf ihrem deutschen Hof. Das konnten sie nun wirklich nicht gutheißen....


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