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Belletristik
Buch Leseprobe Heißkalter Marmor, Kim Henry
Kim Henry

Heißkalter Marmor



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Kapitel 1
Vianne Lambert presste ihr Ohr an das trichterförmige Holzrohr, das sie mit dem geschwollenen Leib der Frau auf der Liege verband. Als leises Puckern war der Herzschlag des Kindes zu hören. Konzentriert sah sie auf ihre Armbanduhr, um den Puls zu messen. "Berühren Sie sie nicht!" Verflucht. Die kratzige Stimme mit dem schweren Akzent gehörte Balassanjan. Der Chefarzt der Entbindungsklinik tauchte nur selten im Untersuchungszimmer auf. Sie nannten ihn "Doktor Balassanjan", aber Vianne bezweifelte, dass der Mann wirklich einen Abschluss in Medizin hatte. Jedenfalls nicht in Humanmedizin. Die meiste Zeit hockte er in seinem Büro und telefonierte. Ausgerechnet hier und jetzt konnte sie ihn gar nicht gebrauchen. Sie so anzufahren, als würde sie diesen Hinweis brauchen, störte ihre Konzentration. Herrgott noch mal, jetzt hatte sie den leisen Puls verloren und konnte von vorn anfangen. "Hatte ich nicht vor. Es war immer das Hörrohr zwischen mir und der Haut der Schwangeren, wie Sie gesehen haben dürften." Verärgert richtete sie sich auf. Ihr Blick fiel auf das moderne Ultraschallgerät, das, in einer Plastikhülle an die Wand gerollt, vor sich hin staubte. Es war eine Schande. Sie arbeitete in einem Prunkbau aus weißem Marmor, der das turkmenische Gesundheitssystem Milliarden harter amerikanischer Dollars gekostet haben dürfte. Sie saß in einem perfekt ausgestatteten Untersuchungsraum und musste die Frauen mit einem vorsintflutlichen Hörrohr untersuchen. Denn der Etat des Krankenhauses gab es nicht her, einen Techniker zu bestellen, der die modernen Gerätschaften fachgerecht anschloss. Es war mehr als eine Schande, es war empörend. Gestern hatte sie ihren Projektleiter von Médecins Sans Frontières wieder einmal darum gebeten, endlich zu veranlassen, dass die erleichternden Mittel angewendet werden konnten. Aber Garretts Antwort war immer die gleiche. Ohne offizielle Genehmigung der Regierung betrat nicht einmal eine Fliege das Ashgabat Maternity Hospital in der turkmenischen Hauptstadt. Sie hatten Genehmigungen für eine Hebamme, einen Gynäkologen und zwei Krankenschwestern. Kein Techniker der medizinischen Hilfsorganisation durfte einen Fuß in das Krankenhaus setzen, wenn sie das Projekt am Laufen halten wollten. Die bis über beide Ohren korrupte Regierung des zentralasiatischen Landes würde die Ausländer hochkant aus dem Land werfen. Garrett hatte sich ein einziges Mal an Balassanjan gewandt mit der Bitte um Intervention. Er hatte sich dabei fast um Kopf und Kragen gebracht. Seither wandelte er auf Zehenspitzen durch die heiligen Hallen, stets darauf bedacht, niemandem auf die Füße zu treten. Die Schwangere auf der Liege rollte sich ächzend auf die Seite und lenkte Vianne von ihrem Zorn auf die Umstände in diesem Land ab. Zumindest für den Augenblick. "Ist … Kind … in Ordnung?", fragte sie in kaum vorhandenem Englisch. Der Atem der Frau pfiff bei jedem Wort wie der Dampf einer alten Lokomotive. Ihr Bauch war aufgedunsen. In ihrem Gewebe hatte sich so viel Wasser angesammelt, dass die Ärmste kaum aus den Augen sehen konnte. Die Füße waren zu dicken Klumpen geschwollen, und die zahllosen billigen Ringe, die sie an ihren Fingern trug, schnitten so tief ins geschwollene Fleisch, dass es schon beim Hinsehen schmerzte. Gern hätte Vianne ihr die verschwitzten Strähnen aus dem Gesicht gestrichen, aber Balassanjan stand noch immer im Raum. Gewiss verstieß bereits eine kurze aufmunternde Geste gegen das Körperkontaktverbot, unter dem sie arbeiten mussten. Mit aller Macht drängte sie den Anflug von Hilflosigkeit zur Seite und zwang ein Lächeln auf ihre Lippen. "Ihrem Kind geht es gut. Die Herztöne sind kräftig und regelmäßig. Aber wir müssen Ihnen ein Mittel geben, das die Wehen einleitet. Ihr Blutdruck …" "Entlassen Sie die Frau. Sie kann ihr Kind zu Hause entbinden." Balassanjan bellte die Anweisung wie einen Befehl, bevor er auf dem Absatz kehrtmachte, um das Untersuchungszimmer zu verlassen. Einen Wimpernschlag lang war Vianne so fassungslos, dass ihr der Mund offen stehen blieb. Reiß dich zusammen, Vianne. "Einen Moment, bitte." Schon dabei, Balassanjan hinterherzustürmen, nickte sie der Schwangeren entschuldigend zu. Sie erwischte ihn gerade noch am Ärmel seines Arztkittels, bevor er in sein Büro verschwand. Jetzt war er fällig. Vielleicht lag es daran, dass sie letzte Nacht mies geschlafen hatte. Vielleicht lag es auch an dem Anruf von Patrice heute Morgen, der nichts Besseres zu tun hatte, als mit ihr über Banalitäten wie die Aufteilung ihrer Kochbüchersammlung zu streiten. Das Maß war voll. Sie würde nicht mit ansehen, wie eine Frau, die offensichtlich an einer Präeklampsie litt, zurück in ihr Dorf geschickt wurde, wo sie und ihr Baby höchstwahrscheinlich in den nächsten Tagen an der Schwangerschaftsvergiftung starben. Und das nur, weil das Krankenhaus eine staatlich angeordnete Quote an komplikationslosen Geburten zu erfüllen hatte. "Das können Sie nicht machen!", herrschte sie Balassanjan an. "Sagt wer?" Drohend ragte der Arzt vor ihr auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Bitte schön. Dieses Spiel konnten zwei spielen. Er war vielleicht der Chefarzt in dieser Klinik, aber Vianne wusste, dass er von Gynäkologie keinen Schimmer hatte. Was hatte Garrett gesagt? Balassanjan war vor vier Jahren noch Leiter der medizinischen Einrichtung in einem Straflager gewesen, ehe der neue Präsident ihn nach Ashgabat geholt und ihm diesen Posten zugeschustert hatte. Politik also. Die Qualifikation eines Menschen war in diesem Land zweitrangig, es zählten nur die Beziehungen. Balassanjan war nicht mehr als ein besser gestellter Administrator, und auch das nur, weil er dem Präsidenten mal die Wange geküsst hatte. Vianne straffte ihre Schultern und richtete sich zu voller Größe auf. Zugegeben, einhundertdreiundsechzig Zentimeter waren nicht gerade beeindruckend viel, was sie in die Waagschale warf. Aber viel größer war der turkmenische Arzt auch nicht, nur breiter. Mehr als einmal hatte man ihr gesagt, dass ihre Blicke töten konnten, wenn sie es darauf anlegte. Gerade in diesem Moment war ihr danach, einen ganzen Köcher voll toxischer Blicke auf Balassanjan abzufeuern. "Ich sage es. Und Sie wissen es. Der Frau muss Blut abgenommen werden, um die Leber- und Nierenwerte zu überprüfen, damit wir einen Anhaltspunkt bekommen, ob eine natürliche Geburt überhaupt noch möglich ist. Aber egal, ob natürlich oder per sectio, wenn die Geburt nicht bald eingeleitet wird, wird erst das Kind sterben und nach ihm auf qualvollste Weise die Mutter." "Seit wann sind Sie der Arzt auf dieser Station? Als ich das letzte Mal in Ihre Papiere gesehen habe, waren Sie noch Hebamme." Balassanjans Stimme troff vor Hohn, trotz oder gerade weil sein Englisch von einem schleifenden, schwer verständlichen Akzent durchsetzt war, außerdem angereichert mit einer gehörigen Portion Aggressivität. "Ich bin ausgebildete Geburtshelferin. Es ist mein Job, eine Risikoschwangerschaft zu erkennen, wenn ich eine sehe." Sie weigerte sich, sich von ihm einschüchtern zu lassen. "Dann gehen Sie und sehen, ob Sie eine andere Schwangere finden, der sie auf den Bauch schauen können. Diese Patientin ist für Sie tabu." Aus dem Augenwinkel sah sie, wie sich die Tür des Untersuchungszimmers öffnete und ihre Patientin mit tiefem Hohlkreuz und gebeugten Schultern hinter einer der einheimischen Krankenschwestern den Raum verließ. Die Schwester reichte der jungen Frau ihre Handtasche und deutete zu den Aufzügen. Oh verdammt, sie war zu langsam gewesen. Offenbar war Balassanjan zu der gleichen Erkenntnis gekommen, denn er hob zufrieden die Brauen und wandte sich endgültig von ihr ab. Nicht mit mir, Freundchen. Das letzte Wort war noch lange nicht gesprochen. Einen kurzen Moment lang zuckten ihre Augen zu der kleinen Überwachungskamera in der Ecke des Flurs. Ach, vergiss es. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Sie war nicht zu Médecins Sans Frontières gegangen, um sich von idiotischen Parteivorgaben daran hindern zu lassen, den Menschen vor Ort zu helfen. Sich einen Ruck gebend, stürzte sie in Richtung Aufzüge. "Warten Sie! Bitte, warten Sie!" Die junge Frau hatte das Ende des mit glänzendem Granit gepflasterten Vorplatzes des Krankenhauses schon erreicht, als Vianne durch das gläserne Eingangsportal eilte. Sie nahm die Beine in die Hand und rannte. Sofort brach ihr der Schweiß aus. Weder Ultraschall noch CTG in der Schwangerenambulanz funktionierten, die Klimaanlage jedoch sehr wohl. Die Hitze, die im Gegensatz dazu hier draußen herrschte, fuhr ihr wie ein Schock in die Glieder. Binnen weniger Sekunden hatte sie das Gefühl, die Gummisohlen ihrer Turnschuhe würden mit dem Untergrund verschmelzen. Erst an der übernächsten Straßenecke holte sie die Schwangere ein, die wegen ihres Zustands zwar nicht sehr agil war, aber mit den Bedingungen in diesem Land viel besser zurechtkam. Keuchend kam Vianne neben ihr zum Stehen. "Bin ich froh, dass ich Sie noch eingeholt habe." Sie fasste die andere am Ärmel ihrer bunt bedruckten Bluse und zwang sie, sich zu ihr umzudrehen. "Bitte, Sie müssen mir zuhören." Schock stand der jungen Frau ins Gesicht geschrieben. Fast sah es so aus, als könnte sie Viannes Gesicht nicht richtig einordnen. Dann verdunkelten sich die Augen in dem von einem Kopftuch umrahmten Gesicht. "Mein Baby?" Schützend legte sie die flache Hand auf den Bauch, und Vianne meinte, ihre Finger ein wenig zittern zu sehen. Gott sei Dank, sie hatte ihre Aufmerksamkeit. Ihre eigene Unsicherheit zurückdrängend, bemühte sie sich um ein freundliches Lächeln. "Dem Baby geht es gut, aber Sie sind krank. Bitte, wollen Sie mir Ihren Namen sagen? Ich bin Vianne." Sie streckte ihre Hand zum Gruß aus und hoffte, mit dieser einfachen Geste eine Verbindung zu schaffen. Vertrauen, das hatte sie mit den Jahren gelernt, war die wichtigste Zutat, wenn sie neuem Leben dabei helfen wollte, auf diese Welt zu gelangen. "Nurana. Was wollen …?" Vianne atmete einmal tief durch. Jetzt war es wichtig, die richtigen Worte zu finden. Worte, die klarmachten, wie ernst die Situation war, auf der anderen Seite Nurana aber nicht so sehr verschreckten, dass sie ihr das gerade erst gewonnene Vertrauen sofort wieder entziehen würde. "Sie sind krank. Die Hitze, das Wasser in Ihrem Körper. Die Schwangerschaft verlangt Ihrem Organismus zu viel ab, und wenn das Baby nicht bald auf die Welt kommt, wird das gefährlich für Sie und das Kind. Wo wohnen Sie, Nurana? Ich kann Sie in ein paar Stunden besuchen kommen und Ihnen helfen, die Geburt einzuleiten." Misstrauen verengte die Augen von Nurana. "Baby kommt, wann kommt. Wehfrau in Distrikt helfen." Ja, ganz sicher. Und wenn diese Wehfrau dann das tote Kind in den Händen hielt, war es bestimmt der Fehler der westlichen Hilfskräfte, die Nurana mit ihren bösen Blicken vergiftet hatten. Doch mit Sarkasmus käme sie hier nicht weiter. "Ganz sicher wird die Hebamme in Ihrem Dorf Ihnen helfen. Ihr Dorf, wo ist das? Vielleicht kann ich kommen und etwas lernen? Ich bin noch jung. Bestimmt kann mir die Wehfrau in Ihrem Dorf noch einiges beibringen, und ich kann ihr zeigen, wie wir im Westen arbeiten. Wir könnten voneinander lernen. Wie klingt das?" Das Misstrauen auf der Miene der anderen wurde zu zarter Freude. Im selben Moment bog ein knatternder Lada Niva um die Straßenecke, die die Auffahrt mit der Hauptstraße verband. Sofort verschloss sich Nuranas Miene wieder. "Muss gehen." "Wohin?" Vianne war noch nicht bereit, aufzugeben. Diese Frau und ihr Kind waren zu einer persönlichen Angelegenheit geworden. Der Wagen blieb neben ihnen stehen. Am Steuer saß ein Mann Ende zwanzig mit asiatischen Gesichtszügen, halb offenem, grob gemustertem Hemd und dunkler Sonnenbrille. Er nickte Nurana kurz zu. Es war, als würde die junge Frau unter diesem Blick schrumpfen. Vianne verbarg ihre Hände hinter dem Rücken, um nur ja nicht zu vergessen, dass sie Nurana nicht berühren durfte. "Nicht Dorf. Elfter Mikrodistrikt." Mit hängenden Schultern hievte sich Nurana auf den Beifahrersitz des Nivas. Weder von der jungen Frau noch von ihrem Begleiter erntete Vianne ein weiteres Wort oder auch nur einen Blick. Zu gleichen Teilen erleichtert und unsicher blickte sie dem davonscheppernden Wagen nach. War das ein Teilsieg? Immerhin hatte sie eine grobe Richtung bekommen und den Namen eines Stadtteils. Doch wie sollte es ihr gelingen, rechtzeitig dorthin zu kommen, um das Schlimmste zu vermeiden? Sie wusste nicht einmal, wo das war. Die Behörden hatten den Helfern von MSF keine Materialien gegeben, um sich in der Stadt zurechtzufinden, weil sie nach deren Meinung dort nichts zu suchen hatten. Ob ihr Garrett helfen würde, der britische Gynäkologe, der das Team leitete? Beinahe hätte sie gelacht. Garrett, der auf Zehenspitzen wandelte. Sie war auf sich gestellt. Sie würde heute Abend in Ruhe darüber nachdenken, was am besten zu tun sei. Jetzt galt es zunächst einmal, sich dem Zorn von Balassanjan zu stellen. Mit Sicherheit war ihre Eigeninitiative nicht unbemerkt geblieben. Sie blickte sich um. Die Gehwege waren leer. In der Mittagshitze hingen die Flaggen vor dem fünfstöckigen Marmorbau am Ende der Straße schlaff herunter. Kein Mensch war zu sehen, bis auf zwei Männer, die einen Block die Straße hinunter beieinanderstanden und redeten. Sie kniff die Augen zusammen. Einen der beiden meinte sie zu erkennen. War das nicht einer der jungen Pfleger, die hin und wieder in der Klinik halfen, um die Patientinnen auf Bahren durch die Gänge zu fahren? Vielleicht täuschte sie sich auch. Schwarze Haare, bronzefarbenes Gesicht und er trug auch keine Klinikuniform, also wahrscheinlich nicht. Männer, die so aussahen, gab es in dieser Stadt tausende. Der andere hatte die Statur eines Bären und einen kahl rasierten Schädel. Den kannte sie auf keinen Fall. So einen Mann vergaß man nicht, wenn man ihm schon einmal begegnet war. Sie wandte sich um, um wieder zurückzugehen, da raste wie aus dem Nichts ein Auto um die Ecke. Erschrocken sprang sie einen Schritt zurück. Um ein Haar hätte die schwarze Limousine sie über den Haufen gefahren. Sie unterdrückte einen Fluch, als sie ins Straucheln geriet. Dann ging alles ganz schnell. Das Beifahrerfenster des Wagens wurde heruntergelassen, die Mündung einer Schusswaffe herausgeschoben. Entsetzt schnappte sie nach Luft. Die Waffe richtete sich jedoch nicht auf sie, sondern auf die beiden Männer. Schüsse fielen. Einer. Zwei. Drei. Adrenalin schoss ihr in die Adern. Einer der Männer, der Bär, brach zusammen, der andere schaffte es irgendwie, sich hinter eines der in der Mittagssonne dösenden Häuser zu retten. Viannes Herz pumpte so schnell, dass ihr schwarz vor Augen wurde. Immer noch dröhnte das Krachen der Schüsse in ihren Ohren. Hektisch sah sie sich um. Am Ende der Straße, vor dem Klotz aus Marmor mit den schlaffen Flaggen, bog das Auto mit dem Schützen darin auf die Hauptstraße. Dann verschwand es. Vianne war immer noch schwindlig. Was …? Ziellos irrte ihr Blick umher. Die Gedanken in ihrem Kopf liefen Amok, so schnell, dass sie keinen einzigen fassen konnte. Da war nur dieser dunkle Haufen Mensch am Fuße des Brunnens. Gekrümmt lag er auf der Seite. Als sie sich ihm näherte, sah sie, wie sich eine rote Lache unter seiner Schulter auf dem hellen Granit ausbreitete. Sofort gewann die Medizinerin in ihr die Oberhand über die verängstigte Frau. Da lag ein Mensch, der Hilfe brauchte. Versuchen zu verstehen, was sie gerade bezeugt hatte, konnte sie später. Dann, wenn sie den Heulkrampf hinter sich gebracht hatte, der gewiss auf den Schock folgen würde. Ganz gleich, an wie vielen Orten sie schon gewesen war, an gefährlichen Orten, an unterentwickelten Orten, noch nie hatte sie mit ansehen müssen, wie ein Mann einfach so auf offener Straße niedergeschossen wurde. Sie war Hebamme, verdammt noch mal. O Himmel, und da hatte sie vorhin schon gedacht, dass der Tag seinen Tiefpunkt erreicht hatte.


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