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Belletristik
Buch Leseprobe Guru statt Jesus, Berndt Bleckmann
Berndt Bleckmann

Guru statt Jesus


Radha Soami Satsang Beas – Endstation ekstati

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Damals, in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, war es in gutbürgerlichen Familien tabu, über Sexualität zu sprechen. Alles, was mit dem Geschlechtlichen zu tun hatte, war mit diffusen Angstgefühlen gekoppelt. Die Situation, bevor Anna „die Stimme Gottes“ hörte, könnte Folgende gewesen sein: Die Züge waren in dieser Zeit meist sehr voll und ganz besonders dann, wenn Schüler fuhren. Vielleicht suchte sie die Nähe des netten Gymnasiasten. Vielleicht wurde sie an ihn gedrückt. Sie könnte ein Begehren gespürt haben, das sie richtigerweise mit ihrer Sexualität in Verbindung brachte, was wiederum große Schuldgefühle in ihr ausgelöst haben mag. Sie wäre dann in einer schwer erträglichen psychischen Klemme gewesen. Einerseits spürte sie das Verlangen nach dem netten Gymnasiasten, andererseits wuchsen ihre Schuldgefühle mit der Stärke des Verlangens. Da tritt der liebe Gott als Rivale des Gymnasiasten auf den Plan. Der Satz, den sie halluziniert, gibt ihr die Möglichkeit, ihrem Dilemma zu entfliehen.
In diesem Augenblick überträgt sie die Gefühle ihrer erotischen Zuneigung auf Gott. Das bringt ihr ungeheure Erleichterung und entlastet sie von ihren Schuldgefühlen. Ein großes Glücksgefühl stellt sich ein. Sie kann weiterhin starke Zuneigung empfinden, aber nun ist sie erlaubt, mehr noch: Gott zu lieben steht in der Werteskala ihrer religiösen Umgebung an höchster Stelle. Vergegenwärtigen wir uns noch einmal ihre Schilderung: Seine (Gottes) Stimme war fordernd und zugleich sanft und voller Liebe, klar war, dass ich mein Ja-Wort geben musste. Ein Ja-Wort gibt man bekanntlich vor dem Traualtar. Weiter berichtet sie: Noch nie zuvor hatten mich solche Gedanken bewegt … Welche Gedanken sie bewegt hatten, führt sie nicht weiter aus. Indirekt geht aber aus dem Folgenden hervor, dass es sich um den erotischen Gedanken, einem Mann zu gehören, handelte: … doch ich gehorchte (der Stimme) augenblicklich.
Das heißt, ich gab meine Verliebtheit (in den netten Gymnasiasten, Anm. d. Autors) sofort auf, ohne darüber nachzudenken, auf welche Weise Gott mein ungeteiltes Herz einmal einfordern könnte. Wenn es sich um Verliebtheit handelte, dann ging es wohl nicht nur um ihr „Herz“, sondern auch um ihren Körper. Schuldgefühle entstanden nach dem damaligen katholischen Weltverständnis nur, wenn Sexualität mit im Spiel war. Gott tritt also an die Stelle des erotisch begehrten Gymnasiasten.
Jetzt darf sie lieben und das aus ganzem Herzen.
Und genau das tut sie.
Die Verschiebung oder Übertragung von Gefühlen von einer Person, der sie ursprünglich gelten, auf eine andere Person ist in der Psychopathologie und auch im Alltagsleben kein seltenes Phänomen. Am geläufigsten ist der Fall, dass eine Aggression, die eigentlich einer höher gestellten Person gilt, an einem Schwächeren abreagiert wird. Im entgegengesetzten Fall, wo es sich um ein Begehren handelt, werden Eigenschaften und Gefühle, die einem Wunschbild gelten, auf eine andere Person übertragen. Nichts anderes machen frisch Verliebte.
Bei Anna könnte also zweierlei zusammengekommen sein: die gedankliche Verarbeitung eines kleinen „Gewitters“ im Gehirn (petit mal) mit Blitz (Licht) und Donner (Stimme) und ihr schwelender Konflikt wegen ihrer erotischen Zuneigung zu dem Gymnasiasten und den damit verbundenen Schuldgefühlen.
Mit dieser Interpretation der Geschehnisse soll nicht behauptet werden, dass es so war, sondern nur, dass es so gewesen sein könnte. Eine Ferndiagnose über ein Ereignis, das ein Menschenalter zurückliegt und im Gewand einer Autobiografie bekannt gemacht wird, kann nur hypothetischen Charakter haben. Andererseits werden mit dieser Hypothese spätere Ereignisse in Annas Leben plausibel, die andernfalls unverständlich blieben.
Den wichtigsten Vorfall ihres jungen Lebens erzählt sie ihren Eltern nicht, obwohl sie von einem innigen Verhältnis zu ihnen spricht. Schämt sie sich ihrer erotischen Beziehung zu Gott? Sie schreibt, ihre Eltern hätten sie nicht verstanden, wenn sie davon berichtet hätte. Es ist aber untypisch für eine 13-jährige, abzuwägen, was die Eltern verstehen und was nicht, wenn es sich um weltbewegende Dinge handelt. Und eben weltbewegend war ja das Erlebnis für die 13-jährige. Sie will wohl eher sagen, dass sie befürchtete, die Eltern würden ihr nicht glauben. Sie hat also nun ein unsagbares Geheimnis, das sie mit anderen nicht teilen kann.
Ein Halluzinationserlebnis, mit einer Aura von absoluter Echtheit und Wahrheit, kann einen Menschen für immer verändern.
Es wird zum allgegenwärtigen, alles beherrschenden Mittelpunkt des Denkens und Fühlens. Das bekannteste Beispiel aus religiöser Literatur ist jener Saulus, der in Damaskus zum Paulus wurde.5 Erleuchtungserlebnisse waren im Altertum gang und gäbe. Archaische Kulte entwickelten Techniken, um Erleuchtungserlebnisse zu generieren, sei es durch ekstatische Tänze und Gesänge, sei es durch Rauschmittel oder Meditation.
Im Gespräch mit dem Buchautor Ulrich Schnabel erzählt der Münchner Neurobiologe Wolf Singer über die Eremitenmönche auf dem Berg Athos: „Ich habe mal eine Zeit bei den Eremitenmönchen auf dem Berg Athos zugebracht. In der Fastenzeit vor Ostern haben sich die Mönche alle zwei Stunden aufwecken lassen und gemeinsam gesungen, was mit starker Hyperventilation (Brustatmung, Anm. d. Autors) einherging. Schließlich berichteten sie, dass sie in solchen Phasen ihre Gesichte haben, dass sie plötzlich ein großes Licht sehen, Stimmen hören und in Kontakt kommen mit der Welt der Gottheiten. Aus neurobiologischer Sicht ist das nicht sehr erstaunlich. Solche Halluzinationen sind das typische Ergebnis von Schlafentzug und Hyperventilation. Auch das Jesus-Syndrom kann dann auftreten.
So nennen wir ein bestimmtes epileptisches Krankheitsbild.
Dabei treten im sehr weit innen liegenden temporalen Bereich des Gehirns Epilepsien auf. Das führt nicht zu großen Anfällen, sie sind von außen kaum zu sehen, aber man bemerkt sie, wenn man die Hirnströme misst. Die Patienten berichten dabei häufig von einem wunderbaren Gefühl, das sich in ihnen ausbreite: Plötzlich stimme alles mit allem überein.
Sie seien eins mit der Welt. Sie beschreiben dieses Gefühl so, wie Religionsstifter die Erleuchtung beschreiben. Der Hirnforscher aber weiß: Da krampft ein Stück Gehirn, das normalerweise als eine Art innerer Zensor fungiert. Es überprüft, ob Hirnzustände kohärent sind oder ob es Widersprüche gibt.
Und wenn sich dieses Areal selbstständig macht, entsteht eben genau dieses versöhnliche Gefühl.“6 Der Biologe und Hirnforscher Gerhard Roth meint zu diesem Thema: „Es ist also nicht unerklärlich, dass eine Beschädigung des rechten Temporallappens und der Amygdala oder zumindest ihrer kortikalen Eingänge aufgrund einer Verletzung, eines Schlaganfalls oder eines epileptischen Anfalls zu tief greifenden Persönlichkeitsänderungen führt, wie sie ein jüdischer Christenverfolger namens Saulus vor Damaskus erlebte, der dann zum Apostel Paulus wurde. Ähnliches könnte den Erweckungserlebnissen und Offenbarungserfahrungen von Propheten oder Religionsstiftern zugrunde liegen.
Insgesamt aber sind religiöse oder mystische Erfahrungen außerordentlich heterogen. Man kann sie in drei Gruppen einteilen. Bei der ersten geht es um Detailszenen mit einer Erscheinung Gottes (relativ selten), der Jungfrau Maria, von Engeln und Heiligen und mehr oder weniger konkreten Botschaften.
Auch kommt es zu Einblicken in das Paradies bzw.
das Jenseits, die Hölle oder die Zukunft und zu entsprechend angenehmen oder furchterregenden Ereignissen (man denke an Dantes ‚Göttliche Komödie‘). Bei der zweiten Gruppe handelt es sich um Veränderungen der körperlichen Befindlichkeit, Loslösung vom eigenen Körper, um ein Eins-Werden mit dem Universum, was man in der Psychiatrie ozeanische Entgrenzung nennt. Die dritte Gruppe umfasst Zustände großen Glücks und Wohlbefindens, meist zusammen mit starken Licht- oder Musikempfindungen. Natürlich können Zustände aus allen drei Bereichen in Kombination auftreten.“7 Neuronale Instanzen sortieren die Flut der Sinneseindrücke in solche, die von außen kommen, und in solche, die von innen stammen. Bei einer Halluzination ist die Rückkoppelung, was zur Außenwelt und was zur Innenwelt gehört, gestört.
Vorstellungen, die eine Konstruktion der eigenen Fantasie sind, werden nach außen projiziert und als real existierender Bestandteil der Außenwelt erlebt. Das Selbstgedachte tritt als ein Fremdes gegenüber. Wenn das Selbstgedachte eine Gottesvorstellung ist, dann hat das für einen gläubigen Menschen einen überwältigenden Aufforderungscharakter, was noch dadurch verstärkt wird, dass die halluzinierte Botschaft gleichzeitig außen und innen ist, womit sie erschreckend fremd und zugleich unendlich intim ist. So ließe sich auch Annas eigenartig- widersprüchliche Formulierung verstehen: „Ich fühlte, dass es mir freistand, meine Zustimmung zu geben, aber ebenso war mir klar, dass ich mein Ja-Wort geben musste.
Die Forderung war unausweichlich und ließ mir dennoch alle Entscheidungsfreiheit.“ Sie versucht, mit ihrer Formulierung zwei verschiedene, sich widersprechende Signale in Einklang zu bringen. Ihre späteren Schilderungen weiterer Anfälle lassen vermuten, dass bei ihr nicht nur hormonale Stoffwechselvorgänge als Auslöser im Spiel waren. Jedenfalls aber hat sich Anna, als Folge dieses Erlebnisses im zarten Jugendalter, Gott versprochen. Und später, als die Frau in ihr erwacht, wird Jesus ihr Geliebter.
„In den Jahren, die unserem Umzug nach München folgten8, nahm mein spirituelles Leben eine neue Wendung – es konzentrierte sich auf die Verehrung von Jesus Christus. Mehr und mehr wurde er zum Mittelpunkt meines Lebens. Meine Suche und meine Gebete richteten sich in der Hauptsache an ihn und nicht mehr wie früher an Gott als solchen. … Ich wandte mich innerlich immer mehr Jesus Christus zu und entwickelte eine ganz persönliche Beziehung zu ihm. Es war mir ein großes Bedürfnis, täglich zur Messe zu gehen und mein Herz durch den Empfang der Kommunion mit Jesus zu verei- nigen. Ich liebte es, auch während des Tages in eine Kirche einzutreten, um bei ihm zu verweilen, der, meinem Glauben entsprechend, dort in Gestalt der Hostie gegenwärtig war.“9 In einem Alter, in dem Mädchen Liebesromane lesen, liest sie die Autobiografie der heiligen Theresia von Lisieux. Diese Nonne, vom strengen Orden der Unbeschuhten Karmelitinnen, war eine von ekstatischen Heimsuchungen, Angstzuständen und Depressionen gequälte junge Frau, die im Alter von 24 Jahren an Tuberkulose starb. Das Buch nahm Anna so gefangen, dass sie es so oft las, bis sie es auswendig konnte. Nun will sie auch in ein Kloster eintreten. Die Eltern finden aber, dass sie noch zu jung sei. Während ihre Altersgenossinnen Orte aufsuchten, wo sie jungen Burschen begegneten, saß sie in Kirchen und blickte auf eine Abbildung des Gekreuzigten.
Kirchen waren ihre Orte, wo sie ihren Geliebten suchte. So verbrachte sie Tage, Wochen und Jahre. Der Wunsch, sich mit ihrem Geliebten zu vereinigen, wurde so stark, dass sie im Alter von 18 Jahren vor einem Priester ein Keuschheitsgelübde ablegte.


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